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Verfasst: Samstag 20. September 2014, 01:57
von Aurea
Die ersten Gedanken die durch ihren Geist flackerten nachdem sich die Asche des Schattens in alle Winde verstreut hatte, waren die des Dankes und der Erleichterung. Sie spürte noch immer die lichten Schwingen der Herrin um sich gehüllt, schützend und stärkend. Sie ließen die Umgebung ein wenig unwirklich erscheinen, die Worte der Umstehenden etwas ferner. Die Herrin war bei ihr, der Schatten im Lichte vergangen. Es war vorbei. Die Menschen waren wieder sicher, dessen war sie sich gewiss. Die Herrin schützte die Ihren, so wie sie selbst es im Namen der Herrin und mit all ihrer Kraft tat.
  • Es ist vorbei. Temora, Dir sei all mein Dank.
Die letzten Tage waren fordernd gewesen. Die andauernde Anspannung, das Gefühl aus den Schatten heraus beobachtet zu werden, nie sicher zu sein ob es normale Schatten ware oder dieser dunkle Schemen der immer offensiver wurde. Mehrfach hatte sie gesehen wie der Schatten versucht hatte anzugreifen. Mehrfach war er vor dem Licht der Herrin zurückgewichen. Es war nur eine Frage der Zeit bis er ein neues Opfer fordern würde. Konnte sie immer da sein und rechtzeitig eingreifen? Der Gedanke daran ließ sie kaum schlafen. Sie horchte auf jedes Geräusch in der Nacht. Kam jemand um Hilfe für einen Verletzten zu suchen? Schrie wieder ein Opfer mit umschattetem Geiste in den Straßen der Stadt?
Erst an diesem Tag war es wieder soweit. Ein Hilfeschrei. Ein panischer Ruf einer jungen Frau während des Unterrichts am Kloster. Keine Zeit zu fragen. Keine Zeit zu zögern. Sie mussten sofort aufbrechen. Wer wusste schon wieviel Zeit noch blieb. Die Wunden bluteten so erbarmungslos und würden den Tod fordern, wenn sie nicht rechtzeitig eingriff.
Die Korporälin, eine Kameradin. Ohne auf die Massen an Menschen zu achten trat sie an sie heran und half so gut sie es vermochte. So wie sie es schon zweimal zuvor getan hatte. Der Trubel drumherum machte es ihr schwerer. So viele Fragen. So viele verängstigte Gesichter. Sie konnte nicht jeden beruhigen. Sie musste Taten sprechen lassen. Und sie half. Der Schatten wurde gebannt, die Blutung gestoppt. Doch die Bedrohung blieb. Schatten tanzten umher und machten die Tiere unruhig, die Menschen panisch. Angst kribbelte im Nacken und die Kälte drückte wie eine eisige Hand das Herz zusammen.
Gemeinsam mit den anderen, der Akoluthin, dem Lehrling der Bauhütte und all den Gläubigen stand sie da und rief das Licht, rief die Herrin um ihren Schutz an. Sie spürte das Licht aus sich heraus sickern. Sie spürte es in jedem der Umstehenden und immer allumfassender wurde die Kuppel aus reinem Licht welches die Menschen einhüllte, schützte und beruhigte. Sie waren nahe. Die Herrin selbst, aber auch die andren lichten Gottheiten. Sie standen gemeinsam. Der Pakt des Lichts war ungebrochen und lebte in ihnen weiter.
  • Herrin, Du bist mein Schutz. Deine Schwingen hüllen mich ein. Auf Dich vertraue ich.
Nun kniete sie auf dem feuchten Gras unter dem Baum, die Hände vor sich haltend um das leuchtende Kleinod darin geborgen zu halten. Eine Gabe der Herrin, ein Geschenk des Baumes und ein Äußeres Zeichen des Lichtes, welches sie nun umso heller in sich spürte. Da war kein Zweifel mehr. Sie war dem Dunkel entgegen getreten und hatte es vernichtet. Sie hatte die gequälten Laute gehört, das Knurren des Panthers, das hilflose Aufschreien eines vergehenden Gegners. Eine alatarische Macht hatte sie gefordert und war gescheitert. Die Herrin hatte ihren Arm geführt, ihr Sicherheit und Kraft gegeben. Und sie war bei ihr geblieben. Sie hatte sie berührt. Ihre Gedanken tobten noch immer und nur langsam fand sie in die Medtiation hinein, in die stummen Dankgebete und an den Ort, an dem sie Ruhe finden würde und das Chaos in ihrem Geist ordnen konnte.
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Verfasst: Samstag 27. September 2014, 00:08
von Aurea
Die Stunden zerrannen wie Sand zwischen ihren Fingern während sie still auf der Empore der Kirche saß und auf den steinernen Sarg hinabblickte. Alles wirkte friedlich. Das Licht, dass durch die blauen Mosaikfenster gefiltert die Kirche erhellte, die gedämpften Schritte und Stimmen der Kirchbesucher und ebenso der Sarg selbst. Aus Stein gemeißelt das Antlitz des stolzen Ritters, regungslos und tot wie er selbst.

Noch kein Jahr war es her, dass er zum Kloster gekommen war und mit einer Mischung aus Verlegenheit und Wagemut die Aufgabe seines Ritters erfüllt hatte. Das war keiner der vielen Momente gewesen, die ihm so leicht gefallen waren wie der Umgang mit dem Schwert, das Aneignen von Wissen oder das Einhalten des ritterlichen Kodex und doch hatte er sich tapfer geschlagen und sein Bestes gegeben um sich selbst und vor allem der Aufgabe gerecht zu werden. Er hatte ihr ein Lied geschrieben und vorgetragen, mit Gesang und Laute die hohe Minne geübt wie ihm aufgetragen worden war. Sicherlich war ihr bewusst gewesen dass es sich dabei lediglich um eine Aufgabe gehandelt hatte, doch die Wangen waren ihr dennoch heiß geworden. Seine Einladung zum Tanz, so brav vorgetragen, hatte sie dann natürlich angenommen… schade dass es nun nie dazu kommen würde.
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Sie presste die Lippen aufeinander und sah hinab auf ihre Notizen. Eine Beerdigung sollte sie abhalten, Sir Fjalon dabei gerecht werden und all seinen Freunden, Bekannten und Kameraden etwas Hoffnung und Raum für aufrechte Trauer geben. Sie hatte schon einige Beerdigungen im kleinen Rahmen abgehalten. All jene, die keine solch große Trauerfeier erwarten konnten, hatte sie in aller Stille und in Anwesenheit der Herrin selbst bestattet und ihnen ein würdiges Ende gegeben.
Manchmal kamen in ihr Fragen auf, Fragen danach wo die Grenze war. Wer war es wert eine solch große Feier zu bekommen, und wer blieb allein und vergessen in der Obhut der Geweihten zurück ohne eine Träne die um ihn geweint wurde? Stille Gardisten, die am Wachturm in Maidenschild Dienst getan hatten und von Rahaler Eindringlingen gnadenlos abgeschlachtet worden waren, oder Baldur Heyn um den zunächst so großes Aufhebens gemacht wurde und der schließlich nach Wochen ohne einen Ton doch zu einem solch stillen Begräbnis kam. Opfer unter den Klosterbewohnern, als bei der letzten Schlacht einige Diener Alatars den Weg in die heiligen Mauern gefunden hatten. Zuletzt war es der Kultist gewesen, welcher dem Regiment den Eingang zu den ominösen Stollen eines Dämonenkultes gezeigt hatte. All jene hatten ihre letzte Ruhe gefunden und waren still gegangen.
Dieser Abschied aber würde nicht still sein. Etliche hielten jetzt schon bei dem steinernen Sarg Totenwache und noch mehr würden Morgenabend zur Beerdigung kommen. Ein Ritter des Reiches, ein Kamerad, ein Freund und deswegen soviel mehr wert als alle andern? Ja, vielleicht. Aber vielleicht ging es vielmehr darum den Hinterbliebenen gerecht zu werden, der Etikette gerecht zu werden, den Sitten Tribut zu zollen. Womöglich.

Die Worte fanden nur schwer den Weg auf das Papier. Sie spürte selbst den eisigen Griff der Trauer um ihr Herz und immerwieder spürte sie auch den heißen Druck hinter den Augen, wenn die Tränen aufsteigen wollten. Sie schluckte. Dies war nicht die Zeit und nicht der Ort. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen und die Haltung zu wahren. Ja, sie trauerte, aber sie würde daran nicht zerbrechen. Gerade in Angesicht eines Ritters, ob nun tot oder lebendig, fühlte sie sich dem Kodex der Ritterlichkeit noch mehr verbunden.
Ja, oft schien er ihr fremd und unglaublich schwer einzuhalten. Gerade als Mensch, der sich nicht vornehmlich dem Kampf und den ritterlichen Gepflogenheiten verschrieben hatte. Sie war Geweihte, eine Dienerin der Herrin und damit ihrer Gläubigen. Ihre Waffe war das Wort, ihre Stärke waren die Hoffnung und das Licht, die Tugenden der Herrin. Mitgefühl, Opferbereitschaft, Geistigkeit, Demut, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Ehre. Die Tugenden des Kodex der reinen Seele. Doch der Kodex der Ritterlichkeit war gerade in solchen Situationen um so vieles präsenter als sonst und um so vieles schwerer umzusetzen. Trockene Tränen, das Schicksal dass einem bestimmt ist anzunehmen und nicht zu verzagen, stark zu sein für die Schwächeren, Haltung zu wahren und andren aufzuhelfen ohne selbst dabei zu zerbrechen.
Für einige Momente sah sie stumm hinab in den Kirchenraum. Sie hatte aus Sorge zwei Briefe geschrieben um eben diesen Punkt bei jemandem herauszustreichen und ihren Vorgesetzten, Ausbildern von dieser Sorge zu berichten. Zu ihrem Wohle und zum Wohl der Truppe und damit des Reiches. War sie zu weit gegangen? Hatte sie die falschen Formulierungen gewählt? Den falschen Weg gewählt um zu tun was in ihren Augen wichtig und richtig war?
Den harschen und deutlichen Worten seiner Majestät nach hatte sie das und trotzdem lehnte sich eine innere Stimme in ihr gegen die Anschuldigungen auf. Sie hatte es im Stillen getan, sie hatte es aus Sorge um einen guten Menschen getan und aus ihrer Überzeugung heraus. Zum falschen Moment? Sie konnte es nicht sagen. Was wog schwerer in dieser Zeit? Bei dieser Person? In dieser Stellung? Mitgefühl oder der Kodex? Zwei Waagschalen und beide wogen schwer. Sie hatte Hilfe angeboten, Mitgefühl gespürt aber doch gleichzeitig die Gewissheit gehabt dass sie ihren Rat geben musste als Geweihte der Herrin und Kirchenoberhaupt auf Gerimor. Es war die Aufgabe der Kirche zu beraten. Nie, nie würde sie etwas fordern. Das konnte sie nicht und das wollte sie auch nicht. Aber sie war hier um die Gebote Temoras hoch zu halten und sie dort anzubringen, wo es nötig schien. War das falsch? Das rechte Maß überschritten gewesen? Zwiespalt. Und doch…

Stunde um Stunde verging dort und nur langsam gingen die Vorbereitungen für die Beerdigung auf ihrem Notizbuch voran, viel öfter verirrten sich ihre Gedanken an andre Orte, zu andren Personen. Und immerwieder zu dem toten Ritter dort unten vor dem Altar.

Verfasst: Dienstag 2. Dezember 2014, 01:35
von Aurea
Der Schnee knirschte etwas unter ihren Stiefeln als sie an diesem Abend aus dem Kloster trat und den Umhang enger um sich schloss. Die weißen Flocken waren über den Tag hinweg vom Himmel herabgetaumelt und hatten die Welt unter ihren Schleier gelegt, der nun so friedlich alles bedeckte. Hier und da hatte sich die feine Schicht aus weißer Pracht bereits zu kleinen Verwehungen aufgetürmt und die Spuren verschiedener Tiere zogen sich hindurch. Sie sah die kleinen, nadeldünnen Spuren der Vögel, die Abdrücke von Hasenpfoten und die eines Hundes. Eines großen Hundes. Ihr Blick strich vom oberen Absatz der Klosterstufen hinaus über das winterliche Schwingenstein und die Weite der Maidenschilder Ebene. Im Licht des Mondes und der Sterne hoben sich die kahlen Bäume deutlich vom hellen Weiß des Schnees ab und ließen sie wie stumme Wächter erscheinen.
Sie atmete tief die kalte Luft ein. Sie hatte schon seit Tagen damit gerechnet dass bald der erste Schnee fallen würde, frostig war es schon länger und die hatte sich jeden Abend auf ihren Platz am Kamin gefreut. Doch nun schien der Winter endgültig Einzug gehalten zu haben und mit ihm kamen auch neue Aufgaben.

Immer häufiger kam es in den letzten Wochen vor, dass Bittsteller ans Kloster kamen und um Arbeit, Obdach oder etwas zu Essen baten. Sie sandte die meisten zum Glaubenshaus, welches in diesen dunklen Monden stets gefüllter war als in den Sommermonden und welches im Grunde genau dafür gedacht war. Die örtlichen Schneider hatten in ihrer Weitsicht bereits für einige einfache aber warme Kleider für die Ärmeren gesorgt und einiges an Vorräten war aus dem Kloster in die Küche des Glaubenshauses gewandert. Dennoch hatte sie das Gefühl dass mit jedem Tag ein neues Bündel auf ihren Schultern abgeladen wurde.
Sechs Schüler hatte sie inzwischen - wobei zwei schon länger nicht mehr am Kloster gesehen worden waren. Aber selbst mit den Vieren hatte sie alle Hände voll zu tun. Aufnahmegespräche, Unterricht, Aufgabenverteilung und das Schreiben der Akten. Sicher würden sie ihr irgendwann einiges an Arbeit abnehmen können, doch für den Moment fühlte sie sich einfach nur überfordert von der Last der Verantwortung.
Dazu kam die Arbeit im Kloster, im Rat, im Regiment und all das was dazwischen noch zu tun war. Sie fand inzwischen nicht mehr für alles die Zeit und quälte sich dann doch mit dem schlechten Gewissen.
Am heutigen Abend erst hatte sie einen jungen Mann am Kloster aufgenommen - wie schon einige Tage zuvor Herrn Kirsinen. Beides Männer die in dem Kloster dienen wollten, beide aus ganz eigenen Gründen, beide hatten es auf ihre Weise verdient - und doch konnte sie ihnen nur bedingt helfen, denn die Klosterwache war tot. Genau genommen war Herr Katuri seit Ewigkeiten nicht mehr am Kloster zu sehen und ohne ihn kamen auch die anderen nicht. Natürlich nicht. Sie dienten ja eher ihm als dem Kloster. Sie war sich nicht einmal sicher ob sie über seine Abwesenheit nicht vielleicht eher froh sein sollte. Aber so oder so, es musste etwas geschehen. Sie würde das alsbald in Angriff nehmen und die Klosterwache umkrempeln. Noch mehr zu tun.

Sie seufzte leise und schlug die Kapuze hoch als der eisige Wind ihre Haare ergriff und tanzen ließ. Dann stockte sie. Eine Bewegung, Weiß auf Weiß auf der weiten Schneefläche. Zuerst sah sie es nicht richtig im Zwielicht der Nacht, doch dann zeichnete sich im fahlen Schein des Mondes die Gestalt eines mächtigen weißen Wolfes ab. Er stand beinahe reglos im Schnee und hob die Schnauze witternd in die Luft. Stille Erhabenheit ausstrahlend ließ er den Blick über die Landschaft streifen. Kein Rudel weit und breit, kein Wild, kein Leben außer dem Wolf und ihr selbst auf den Stufen des Klosters. Für einen Moment hatte sie das Gefühl dass der Wolf sie direkt ansehen würde, tiefer in sie hineinblicken würde als jeder Mensch es zuvor getan hatte und dann verschwand er. Einige schnelle Sätze und seine Gestalt verlor sich zwischen den dunklen Bäumen des nahen Waldes.
Ihr Herz schlug schneller und ihr eben noch unwillkürlich angehaltener Atem entwich in einer frostigen Wolke in die eisige Nachtluft.

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Erst vor wenigen Tagen hatte sie dem Thyren Thorlav die Geschichte der beiden Wölfe gezeigt, welche sie vor bald einem Jahr niedergeschrieben hatte. Diese war für sie selbst natürlich immer etwas besonderes gewesen, aber sie hatte sie selten auf sich im Speziellen bezogen, sondern eher auf die Menschen im Allgemeinen. Aber nach dem Gespräch hatte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht gelegt, dass selbst jetzt nicht ganz wich als sie nur daran dachte. Dass die Geschichte den Thyren so bewegt hatte war das eine, dass er damit allerdings seine traditionelle Rüstung fertigstellen konnte etwas ganz anderes. Es erfüllte sie mit Freude und auch ein wenig Stolz.
Und dann war da noch dieser Gedanke: Der weiße Wolf. Der gute Wolf in uns, der gegen den schwarzen Wolf steht und mit ihm im ewigen Kampf liegt. Die Tatsache dass jemand mit seinem 'weißen Wolf' dem Wolf eines andren helfen konnten und damit einhergehend ihre neue Berufsbezeichnung: Weiße Wölfin.
Dafür dass die Thyren so wenig Verständnis oder eher Verehrung für die Götter übrig hatten, schien es ihr doch ein gewisser Erfolg gewesen zu sein von ihm diese Bezeichnung für ihre Rolle in der Gesellschaft bekommen zu haben. Auf den Abend in Wulfgard freute sie sich jetzt schon. Und der Wolf eben war ihr beinahe wie ein gutes Zeichen vorgekommen.

Dennoch, ihre Schritte waren nicht nicht gerade leicht als sie an diesem Abend den Heimweg antrat. Sie hatte dem neuen Klosterwächter auf Probe noch einige Dinge in die Kiste gelegt, die Akten des Klosters auf Vordermann gebracht, die Tiere versorgt und die Wege des Klosters vom Schnee befreit. Sie war müde und fror. Die nächsten Tage würden nicht einfacher werden.
Als sie durch das Torhaus Adorans trat, sah sie den weißen Wolf nicht mehr, der auf dem Gebirgspass stand und ihr hinterher zu sehen schien.

Verfasst: Freitag 12. Juni 2015, 04:21
von Aurea
  • Nur ein Funke, sagen sie...
    Ein Funke in tiefer Nacht, von mächtiger Hand durch die Zeit geführt. Mal glimmt er heller, mal schwächer. Das Leuchten eines Traumes, hoffnungslos wird mancher sagen, und doch von einer Kraft berührt, flieht er den engen Mauern, Gassen, Dächern.
Der Nachtwind verfing sich in ihren Haaren und wehte ihr die weichen Strähnen ins blasse Gesicht. Der Mond hatte sich schon lange über den Horizont erhoben und sich zu den Sternen gesellt, die funkelnd den tiefschwarzen Himmel mit Leben füllten.
Weiche Ledersohlen trugen sie über die taufeuchten Wiesen, fort von den Lichtern und Geräuschen der Stadt. Das Rauschen des Meeres begleitete sie ebenso wie das fahle Licht des Mondes, welches sich wie ein feinsilbernes Tuch über alles und jeden hier gelegt hatte.
Buschwindröschen bildeten einen Teppich aus weißen Blüten und schienen das Licht regelrecht einzufangen als die Priesterin an den kleinen Schrein trat und sich am Rand des Wasserbeckens niederließ. In den Händen hielt sie eine der kleinen Blüten, zart und unscheinbar neben so manch anderer Blume, die im üppigen Garten Eluives zu finden war.
Behutsam strich sie mit den Fingerspitzen über die feinseidene Struktur der Blütenblätter, bevor sie in andächtiger Geste die Blume, einem kleinen Boot gleich, auf das Wasser des Schreines setzte und mit einem sachten Pusten in dessen Mitte trieb.
Sie schloss die Augen...
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  • Nur ein Funke, sagen sie...
    Im endlosen Dunkel, unscheinbar und doch da. Fast verloschen, still und zart. Ein Leuchten nur, doch irgendwie ein kleines Zeichen in der Welt, auf seinem vorbestimmten Weg. Ein Segen jenem der es hütend in den Händen hielt.
Aus dem Dunkel des Geistes schälte sich zunächst unklar, dann zunehmend an Schärfe gewinnend, eine flirrende Kugel aus Licht. Zunächst schien es als wäre sie massiv, doch je größer und deutlicher sie wurde, desto mehr erkannte man sie als zarte Blase mit wertvollem Inhalt. Ein schimmerndes Schild aus reiner, lichter Kraft, welches ein ganzes Reich im seinen Inneren geborgen hielt - unerforscht und unbekannt.
Bang schlug ihr das Herz bis zum Hals, als sie ihr Bewusstsein nach dem Schild ausstreckte und die geistige Hand zunächst noch zögernd hindurchschob. Sie brauchte eigentlich keine Angst zu haben, dieser Ort war ein Teil ihrer Selbst - und doch, sie fürchtete sich.
Es waren schon viele Monde vergangen, seit ihre Eminenz ihr den Weg gezeigt hatte in den wohlverborgenen Teil ihres Geistes einzudringen und bis heute war sie vor dem Schritt zurückgeschreckt diese Seiten im Buch ihres Lebens wieder aufzuschlagen. Zu viele Fragen türmten sich da auf und so viele Ungewissheiten warteten darauf Klarheit zu gewinnen.
Was wenn...

  • Nur ein Funke, sagen sie...
    Ein Schimmern fern in der Distanz, das Klingen einer Melodie auf unbekanntem Instrument, dass Zweifel in die festgefügte Wahrheit schreibt. Manch Funke ist genug ein Feuer zu entzünden, zu ändern was so ewig schien.
Wie ein kleines Kind, dass aus Furcht vor der Dunkelheit heimlich das eigene Bett verlassen hat und nun mit ängstlich schlagendem Herzen die Türe zur Schlafkammer der Eltern öffnet, tat sie die ersten Schritte in der fremden und doch vertrauten Umgebung ihrer Erinnerung. Öffnete die Türe zu dem schon bekannten Bild, welches sie mit ihrer Eminenz betrachtet hatte - ihre Mutter. Ein zartes Gesicht mit weichen Konturen, umrahmt vom braunen Haar und mit so wunderbar warmen, braunen Augen. Alara. Sie saß auf der Fensterbank in der Kemenate und stickte ein Muster aus zarten Lavendelblüten auf zarten Stoff. Ihre Hände waren feingliedrig und so geschickt bei der Arbeit, dass sich die stille Beobachterin für einige Zeit nicht von dem Anblick losreißen konnte. Mit jedem Moment wurde das Bild ein wenig klarer und gewann an Leben. Sie sah wie sich ein Lächeln auf dem Gesicht ihrer Mutter abzeichnete und wie die Wärme des Kamins eine zarte Röte auf ihre Wangen malte. Sie roch den Lavendel, den ihre Mutter stets zwischen die Wäsche zu legen pflegte und auch den schweren Geruch des Kaminrauches. Sie fühlte die rauen Holzdielen unter ihren Füßen und sie sah... sich selbst. Das kleine Mädchen, dass nun hüpfend in die Stube kam, war sie selbst. In einem hellblauen Kleid mit langem, glattem Haar und mit vor Begeisterung geröteten Wangen. 'Mama, Theon schläft doch, können wir dann nicht zusammen zu Seraphina? Bitte. Ich möchte sie noch einmal sehen.' sie hörte die helle Kinderstimme betteln und sah die milde Nachsicht in der Miene ihrer Mutter als diese nickte und das strahlende Mädchen an die Hand nahm.
Sie zog sich zurück und das Bild verblasste, doch dafür zeichneten sich neue Erinnerungsbilder vor ihrem inneren Auge ab, die langsam ihren angestammten Platz wieder einnahmen. Szenen ihrer Kindheit, kostbare Momente mit ihrer Mutter, übermütiges Spiel mit dem kleinen Bruder, die Trauerzeit als die Nachricht vom Tod ihres Vaters sie erreicht hatte und schließlich die Zeit am Hofe des Fürsten. Nach und nach fügte sich zusammen, was bis dahin verschollen schien. Zu viel. Zu schnell...

  • Nur ein Funke, sagen sie...
    Irgendwann doch verglüht, verbraucht, verraucht und fast vergessen. Ein Leuchten ferner Sage, ein toter Schwur den niemand hielt, ein scharfes Schwert dass niemand führt, ein Wunsch der keine Erfüllung fand zu Asche verglimmt.
Bild um Bild prasselte auf sie ein und raubte ihr beinahe den Atem. Sie hatte sich zu sehr mittragen lassen und die Führung aus der Hand verloren. In einem wirren Taumel stolperte sie durch die Erinnerungen ihres Lebens und war kaum in der Lage sie einzuordnen oder zu verstehen. Keine Reihenfolge, kein Sinn mehr, nur Verwirrung. Sie musste sich davon lösen und den Weg zurückgehen. Die Fürstentochter, die Hochzeit, der Garten voller Hortensien, das gleichmäßige Rattern der Kutsche, der bestickte Himmel über dem eigenen Bett, die gemurmelten Gebete des Priesters, die Klänge einer Harfe, ein Schrei, stechend grüne Augen, Schwärze...
Sie schlug hastig atmend die Augen auf und fand sich am Rande des Schreins wieder. Ihre Hände hatten sich in den Stoff ihres Rocken verkrallt und waren eiskalt geworden in der Nachtluft. Sie rang nach Atem und zitterte. 'Herrin... ' murmelte sie leise und sah noch mitgenommen von dem plötzlichen Ansturm der Bilder in das Becken des kleinen Schreins. Das silbrige Licht des Mondes spiegelte sich auf dem klaren Wasser und zeigte ihr eigenes blasses Gesicht, große blassblaue Augen die ihrem Spiegelbild scheu entgegen blickten und dann für einen kurzen Moment überlagert wurden von dem strahlenden Gesicht des kleinen Mädchens aus ihrer Erinnerung.
Sie lächelte...

Verfasst: Mittwoch 4. Mai 2016, 22:31
von Aurea
Seit Tagen, Wochen und Monden schon ging ihr die Frage immerwieder durch den Kopf - wenn sie des Morgens auf bloßen Sohlen die Stufen hinunterkam um ihr Morgengebet zu sprechen, wenn sie den kommenden Unterricht vorbereitete oder in stillen Momenten nachsann. Was machte ihren eigenen Glauben aus? Wie könnte sie ihn symbolisieren? Entfernt von den ganz allgemeinen, ikonographischen Symbolen des Glaubens. Was macht er für sie persönlich aus, wie konnte sie diese Momente, diese Gefühle, auf ein einzelnes Zeichen herunterbrechen? Was birgt den Kern in sich?
Viele Dinge waren ihr durch den Kopf gegangen, manche waren schnell wieder verflogen und andere blieben. Nach und nach aber bildete sich eine kleine Sammlung einzelner und doch zusammenhängender Punkte, ferne Lichtpunkte die gemeinsam ein Bild ergaben. Das Bild ihres Glaubens. Womöglich zeichneten sie kein komplettes Bild, ließen manches im Dunkeln, aber sie waren da und waren nach einer Weile auch nicht mehr wegzudenken. Sie waren zugleich Werden und Sein. Sie waren Weg und Ziel. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft... und vor allem: Sie selbst.

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Lavendel, der zarte Geruch der sie als Kind eingehüllt hatte, wenn sie in den Armen ihrer Mutter lag und welcher als feine Stickerei auf dem Himmel ihrer Wiege eingearbeitet war. Beinahe nichts anderes löste bei ihr so ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit aus und symbolisierte so gleichsam diese schützenden Aspekte der Herrin, wie auch den Beginn ihres Glaubensweges. Sie hatte den Glauben an die Herrin von ihrer Mutter gelernt, hatte in den ersten Jahren ihres Lebens auf diese tiefverwurzelte Weise den Glauben im Herzen erfahren - fern von Texten und theoretischen Gedanke, ein Saatkorn tief in ihrem Innersten.

Die Schneekugel mit dem verwinkelten Haus darin, welche sich so lange als schützender Hort in ihrem Inneren befunden hatte. Außerhalb ihrer Reichweite und doch stets da. Das Zeichen dafür, dass die Herrin sie berührt hatte und sie beschützte. Sie hatte ihr die Tür geöffnet und ihr die Möglichkeit gegeben den eigenen Weg zu gehen, hatte sie vor den Schatten geschützt solange sie dieses Schutzes bedurfte und ihre Schwingen um sie gelegt, als sie selbst noch nicht stark genug war um den Weg aus eigener Kraft zu gehen. Die Kugel war ihr Zeichen für das unerschöpfliche Vertrauen in ihre Herrin und den eigenen Weg - die Gewissheit nicht alleine zu sein.

Das Buschwindröschen, welches Amyra ihr bei ihrem zweiten großen Schritt mit auf den Weg gegeben hatte. Es war die Zeit, als sie langsam begann sich zu öffnen, als der Glaube und die eigene Kraft stark genug wurden um auch anderen damit zu helfen. Sie war aus ihrem Schneckenhaus herausgekommen und hatte begonnen als Geweihte zu wirken. Sie war nicht mehr nur Schülerin, sie war auch Begleiterin. Sie nahm andere an die Hand um ein Stück des Weges mit ihnen zu gehen, hörte ihre Sorgen und Nöte, gab Rat und Hilfe. Sie fühlte mit ihnen und ihr eigener Weg verwob sich hier und da mit dem der anderen. Und so war das Buschwindröschen zum Symbol ihres Weges geworden, zum Zeichen der Reifung ihres Glaubens und der Öffnung nach Außen.

Zuletzt der kleine Lichtfunke. Er war am schwersten zu fassen und gleichzeitig doch so präsent. Nur ein einzelner Lichtfunke kann eine große Dunkelheit zurücktreiben. Er braucht nicht viel Kraft dazu, er muss einfach da sein und präsent, er muss leuchten. Vorbild und Ruhepol. Ein Gegengewicht zum Dunkel und gleichsam auch eine Waffe. Sie hatte erlebt wie das Licht die Schattengestalten vertreiben konnte, hatte das Licht in sich gespürt - diesen Funken der langsam wuchs und mit welchem sie immer vertrauter wurde. Der kleine Funke Göttlichkeit, der sich allem entgegen stellen konnte und welcher auch das Licht in anderen entfachen konnte. Licht trägt sich weiter und je mehr Funken entflammen, desto größer wird das Licht und desto ferner rückt die Dunkelheit. Der Funke als Zeichen der Lehre, des Kampfes wider der Finsternis und auch des Bewusstseins für den kleinen Splitter göttlicher Kraft in jeder Seele.

Vier Dinge; Vier entscheidende Momente auf ihrem Weg; Vier Symbole für ihren Glauben. Ihren eigenen Glauben. Womöglich würden mit der Zeit noch mehr dazu kommen - doch für den Moment war sie zufrieden und die Aufgabe erfüllt... beinahe.