Verfasst: Montag 29. Juli 2013, 21:03
- Gerechtigkeit hat lahme Füße.
Deutsches Sprichwort
Ich lernte die Art der Verhandlung kennen, die er führte. Verglichen mit der einzigen, die ich davor miterlebt hatte, gefiel mir diese Vorgehensweise besser, als die des Richters aus meinem Heimatdorf. Es gab keine unnötigen Verzögerungen, kein langes hin und her. Die Anklage wurde verlesen, danach folgte die Aufforderung an alle Anwesenden weitere Punkte vorzubringen.
Mein Augenmerk galt weniger Orikson, sondern irrte immer wieder mal zur benachbarten Tribüne hinüber. Die eine unbedachte Aussage, die in den vergangenen Tagen irgendwann gefallen war, rumorte in meiner Magengegend. Natürlich war mir klar, dass ich im Grunde verpflichtet war es zu melden, hatte mich aber dennoch zurückgehalten auf drängendes Bitten hin – und, ich gebe es zu, weil ich sehen wollte, wie das Verhalten bei der Verhandlung sein würde.
- Kleine Diebe hängt man, große lässt man laufen.
Deutsches Sprichwort
Es liegt in meiner Natur.
Wie abartig veranlagt musste jemand sein, so etwas von sich zu behaupten? Ich war sicherlich kein Kind von Traurigkeit, sicherlich auch nicht sanftmütig oder gar verzärtelt. Aber das, was mir zu Ohren gekommen war, überstieg jedwede Grenze. Weder hatte es etwas Nutzbringendes an sich für den Herrn, noch waren das Dinge, die einem Freude bereiten sollten, oder ähnliche Gefühlsregungen hervorrufen. So genau wollte ich da nicht einmal drüber nachdenken.
Die Stimmung bei den Zuschauern machte deutlich, was sie sich für die Vergehen wünschten. Ich musste mir eingestehen, dass es mir genauso ging. Als seine Heiligkeit dann Anfragte, ob jemand für den Delinquenten um Gnade bitten wollte, irrte mein Blick zur benachbarten Tribüne hinüber. Ich rechnete damit. Allein wie sie sich hier benahm, die ganze Zeit schon – jedes Mal, wenn ich hinüber sah – ließ klar werden, dass sie sich erheben würde; und sie tat es. Nicht überraschend, aber es ärgerte mich. Meine Selbstbeherrschung schmolz dahin, wie eine Schneeflocke im Hochsommer.
In dem Durcheinander, dass entstand ging meine Anschuldigung, die ich frei aussprach allerdings wohl unter. Es war einfach nicht mehr möglich zu schweigen. Ich wollte ums Verrecken keinen Verrat ans Reich decken.
Ich merkte, wie Alin mich versuchte zurück auf die Bank zu bekommen. Nur entfernt bekam ich mit, dass mein Ausruf in der Unruhe offenbar unterging, ihr Gnadengesuch vermutlich genauso, denn der Alka schien nicht darauf zu reagieren. Grollend nahm ich wieder Platz.
- Verzögerte Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit.
William Ewart Gladstone
Ich glaube, es gab kaum jemanden, der dort saß und darüber nicht erbost, zornig oder empört war. Aber er war der Alka. Wer widersetzte sich schon seinem Urteil vor den Augen der Würdenträger und Bürger, sowie der Garde. Er hätte einen qualvollen langsamen Tod verdient. Schon jetzt, aber seine Heiligkeit sah das anders. Er wollte diesem Bastard noch eine Gelegenheit geben zu versagen. Nun, es lag in seiner Natur, sagte der Delinquent. Die Wahrscheinlichkeit war groß. Und wer würde ihn decken? Die, die ging, bevor das Urteil vollstreckt wurde. Der Zorn in mir wuchs. Er wuchs ordentlich.
Er wuchs noch mehr, als ein jeder Anwesende einen Schlag ausführen sollte. Zu strafen war eine Strafe. Warum bürdete er es der Bevölkerung auf? Glaubte er wirklich, es würde sie besänftigen in ihrer Ansicht, dass Orikson verrecken sollte? Nun, wenn er das hoffte, merkte er bald schon, dass er sich dahingehend irrte.
Aus einem Schlag wurden vier durch meine Hand. Von den Anfeuerungsrufen hielt ich nichts, bemühte mich sie auszublenden. Strafen war eine Strafe. Ich war folglich nicht nur zornig auf diesen Kerl vor mir, der auf mein Bitten hin umgedreht wurde, damit er mir ins Gesicht und die Peitsche kommen sehen konnte. Auch das verräterische Weib ärgerte mich, und nicht zuletzt, dass ich hier stand und die Strafe für andere ausführen musste. Für den Alka, für Alin, für Tarina, für Yezna, für mich. Gnade hatte dieser Mann in meinen Augen nicht verdient, also gewährte ich sie ihm auch nicht. Der Trotz mit dem er den harten Schlägen begegnete, nagte sehr an meiner Selbstbeherrschung. Es war nicht nur eine Strafe, sondern auch eine außerordentliche Prüfung für mich, mich nicht zu vergessen. Nach den vollzogenen vier Hieben setzte ich mich wieder hin und verfolgte das Geschehen mit steinerner Miene. Der Zorn hatte nicht nachgelassen. Genugtuung empfand ich ebenso wenig.
Fräulein Belnar hatte Schneid, das musste ich ihr lassen. Sie war es, die ihm das Ohr abschnitt und ihm darüber hinaus noch einen anderen Denkzettel verpasste, der schon allein beim Hinsehen schmerzte. Für einen Moment war ich sicher, sie würde den Dolch nicht so verwenden, wie angedacht. Die Klinge war nicht sonderlich scharf, ich musste zugeben sie eine Weile vernachlässigt zu haben. Vermutlich hingen daran sogar noch Reste von den Pilzen, die ich zuletzt damit geschnitten hatte, als Je’yuxalae bat einige davon zu suchen und zu sammeln für die Alchemie.
Auch der gellende Schrei brachte keinerlei Genugtuung. Das alles brachte es nicht. Viel zu deutlich stand mir vor Augen, dass dieser Kerl nach verbüßter Strafe frei kam und fortfahren konnte, wie bisher. Und er würde es tun, davon war ich überzeugt. Natürlich stand dann die Hinrichtung im Raum, aber was sollte ihn das hindern? Wenn ich bedachte, wie lange es gedauert hatte, seiner habhaft zu werden, standen die Chancen auf seinen Tod doch sehr gering.
Als er endlich fortgeschafft wurde, war es fast schon eine Erlösung. Der Zorn blieb dennoch. Und das nicht nur bei mir. Auch wenn die Beweggründe dafür sicherlich unterschiedlichster Natur waren.
- Durch Gerechtigkeit muss das Land bestehen,
durch Unrecht wird es ganz vergehen.
Deutsches Sprichwort