Seite 2 von 3
Verfasst: Sonntag 13. Oktober 2013, 11:37
von Fjalon Thorn
Eigentlich kann ich doch reiten...
Mit atemberaubender Geschwindigkeit trieb Fjalon seinen Grauen an. Es hatte eine erschreckend lange Zeit gedauert, dieses störrische und eigensinnige Pferd kontrollieren zu können, doch wurden Reiter und Reittier mit jedem Tage, der verstrich mehr und mehr zu einer tödlichen und präzisen Einheit. Die Erfahrungen als Kavallerist in Diensten der Truppen des Herzogtums waren sicherlich eine gute Übung, hielt sich Fjalon doch für einen ganz passablen Reiter und berittenen Kämpfer.
Wenn da nicht die Ideen des Sirs gewesen wären. Bisher saß der Sattel vortrefflich, doch jetzt, nachdem Sir Thelor die Steigbügel so dermaßen verstellt hatte, hatte Fjalon zwar deutlich mehr Bewegungsfreiheit im Sattel, saß jedoch irgendwie lockerer, ja fast unsicher, im Sattel. Dies sollte zwar der Bewegungsfreiheit dienen und das Pferd dazu anleiten, einzig mit seinen Beinen – idealerweise mit seinen Füßen und Knöcheln – zu steuern. Präziser als es ein ganz gewöhnlicher Reitstil jemals bewerkstelligen könnte. Dumm nur, dass jahrelang eingeschliffene Reitgewohnheiten schwer loszuwerden sind...
Sicher. Ich bin beweglicher, aber ich falle ja fast aus dem Sattel!
Und dann sollte er auch noch stehend, in Plattenhosen, reiten! Mit jeder neuen Lehreinheit schien Fjalon zu begreifen, dass er vielleicht für einen gewöhnlichen Soldaten ganz passabel kämpfte, sich ganz ordentlich zu bewegen wusste und nicht mehr aus jedem Übungskampf mit riesigen Blutergüssen hervorging. Auch seinen Reitstil fand er ganz brauchbar.
Das geht doch schon Prima... . Das Pferd bockte für einen Augenblick, ein Gurt der Plattenbeine schnitt in eine der grauen, von dünnem Fell überzogenen Flanken. Fjalons Gedanken rasten ebenso dahin wie die grasgrünen Ebenen von Sichelhoch, das Schnauben des Rosses trieb Reiter und Ross zu noch größerem Tempo an.
Doch irgendwie fand der Sir immer wieder etwas, das Fjalon zum Umdenken bringen sollte. Kleinigkeiten im Stile eines.. „Das ist eine Stichwaffe! Wehe, du schlägst damit nochmal zu wie mit einem gewöhnlichen Knüppel!“ .. Lapaillien wie.. „Und so kannst du dich und deinen Schild im Sattel drehen, wenn ein Speerwurf dich von hinten treffen könnte?“ .. bis hin zu größeren Fauxpas‘ betreffend seiner doch lückenhaften Kenntnis der Geschichte Gerimors..
Die Trainingseinheiten mit dem Gewichtsstab, die stundenlangen Märsche und Läufe quer durch die Grafschaften sowie nicht zuletzt Balancieren über Abgründe hatten seinen Körper gestählt und ihm eine ganz neue Wahrnehmung seines Körpers verliehen...
Stunden- ... ja, fast tagelanges Sitzen und Studieren in der Bibliothek, Brüten über Adels- und Standeskunde, Glaubensgrundsätze, die Geschichte seiner Heimat und nicht zuletzt auch die fragwürdigen, verblendeten Ideologien der Feinde im Westen hatten Fjalon einen breiten Hintern (der furchtbar vom Herumsitzen schmerzte – und das trotz der weichen Kissen im Hort des Wissens!) und krummen Rücken beschert. Und doch... auch einen geschärften Verstand, eine weitere Sicht.
Selbst wenn Fjalon wieder einmal den Boden der Arena in bewusstloser, geschlagener Demut umarmen durfte, lernte er dazu.
Lernen durch Schmerz. Motivation durch Enttäuschung!
Er war dankbar dafür, für seine Hybris als erfahrener Seemann und Krieger, Leibwächter und Soldat mit dem steinigen, schmerzhaften und anstrengenden Pfad eines Knappen bezahlen zu dürfen. Ein anderer Preis wäre die Isolation gewesen, denn niemand liebte überhebliche, selbstherrliche Egomanen. Lange hatte er sich für einen der Besten gehalten. Doch war er lediglich ein guter Krieger unter anderen vortrefflichen Streitern.
Um zu einem Ritter dieses wunderbaren Reiches Alumenas zu werden, eines der edlen Banner halten und verteidigen zu dürfen und zum erlesenen Kreise der treuesten Streiter König Adors zu werden, musste er tatsächlich besser sein – Nicht der Überheblichkeit erliegen, die ihm so lange innewohnte (Und welcher Ausbilder sieht sich nicht gern um Haupteslänge erhöht über seinen Schützlingen? Ein allzu häufiger Fehler...) und voller Demut verstehen, dass dieser Pfad ein ewiges und bedingungsloses Streben nach Perfektion sein würde. Auch und vor Allem nach dem Ende der Lehrzeit.
Denn Hochmut kommt vor dem Fall, Fjalon.
Das war übrigens das letzte, was er dachte, bevor ihn sein Ross abwarf und er das Bewusstsein verlor.
Verfasst: Sonntag 13. Oktober 2013, 20:25
von Helisande von Alsted
Es sollte nur ein gemütlicher Ausritt werden. Milan hatte schon viel zu lange keinen richtigen Auslauf mehr gehabt und sie selbst im Grunde auch nicht. Die Herbstluft war schon recht frisch geworden, die ersten Blätter wechselten die Farbe und sanken leise zu Boden. Das Rascheln dieser Laubhaufen am Boden war schlicht zu verlockend für das Pferd, welches nur zu gerne im gestreckten Gallopp hindurch preschte. Ihr Kopf wurde klar, die Zügel hatte sie bereits fallen lassen und genoss die wilde Jagd.
Milan.. Brr. Das Pferd da kennen wir doch!
Kaum kondensierte der Gedanke in ihrem Kopf parierte sie auch schon ihr Tier durch, welches von einem friedlich grasenden grauen Pferd mit leisem Köttern begrüßt wurde. Direkt zog die Rothaarige den Kopf ein wenig ein und schaute sich vorsichtig um. Er lauerte bestimmt hinter dem nächsten Busch und würde gleich lautstark Befehle brüllen. Der blonde Schleifer lag bestimmt irgendwo auf der Lauer und...
Temora hilf.
Er lag wirklich, aber leider nicht auf der Lauer und zu ihrem größten Bedauern hörte sie auch nicht die sonore Stimme Befehle erteilen. Der blonde Knappe lag schlicht ohne sich zu rühren auf dem Boden. Hastig sprang sie von ihrem eigenen Pferd und kniete sich neben den offenbar bewusstlosen Mann. Über ihrer Nasenwurzel erschien eine kleine, steile Falte. Nach einem prüfenden Blick in die Gegend und dann auf den Liegenden dämmerte ihr, dass sie hiermit wohl allein fertig werden musste.
„Knappe? Herr Thorn? Thorn!“
Vorsichtiges Schütteln und Ansprechen blieb ohne Resonanz. Die Optionen wurden in ihrem Nutzen nun gegeneinander abgewogen. Die Möglichkeit ihm eine zu scheuern, damit wieder Blut in den Kopf gelangte verwarf sie gleich. Auch ihn stärker zu bewegen als den Kopf auf Wunden zu überprüfen und ihn insgesamt vorteilhafter zu betten fiel aus. Der Kerl war zu schwer, aber die Rüstungsteile nahm sie ihm dennoch erstmal ab.
All das war mit ordentlich Gerüttel am Kronritterknappen verbunden, doch der wollte offenbar immer noch nicht wieder ins Bewusstsein zurück kehren.
„Soldat! Meldung!“
Vermutlich musste sie noch an ihrem Komandotonfall arbeiten, den auch hierauf zeigte sich nicht sonderlich viel Reaktion. Es galt also die Samthandschuhe auszuziehen. Der gestandene Regimentler wirkte ja auch wahrlich nicht so als wäre er aus Pergament gefaltet. Den Kopf des Verunglückten auf ihren Mantel gebettet, trottete sie selbst zu ihrem Pferd und kramte eine gut verschlossene Flasche hervor. Ein ungemein wirkungsvolles Tonikum wenn das Pferd mal eine Lahmheit in Folge eines vertretenen Hufes aufwies. Das Wundermittel hatte auch noch den schönen Nebeneffekt sehr stark zu riechen. Im Grunde stank es erbärmlich, irgendein starker Alkohol vermischt mit etwas, was in etwa so roch wie das was aus dem südlichen Ende eines nach Norden ziehenden Orken kam.
„Tief einatmen... so ist das gut!“
Kurz entschlossen hielt sie ihm nun die geöffnete Flasche unter die Nase und bemühte sich selbst so wenig wie möglich Luft zu holen.
Verfasst: Sonntag 20. Oktober 2013, 15:02
von Fjalon Thorn
Hier ging es um Leben und Tod – Der Spielraum für Fehler, wenn es denn überhaupt einen solchen gab, war winzig und sein Widersacher ihm durchaus ebenbürtig.
Der Gesang aufeinandertreffender, schlanker Klingen hallte auf einer Waldlichtung nahe einem kleinen, noch in nasser Dunkelheit gelegenem See wider. Der frühmorgendliche, lebensbejahende Gesang der Vögel, welche den bereits begonnenen Sonnenaufgang begrüßten, mischte sich wie ein ironischer Kontrast unter die Klänge einer metallenen Oper von Blut und Tod.
Auf’s dritte Blut. Leben oder Sterben.
Fjalon musste den Handschuh einfach aufheben. Ihn nicht aufzuheben hätte den Verlust seines Gesichts, seines Ansehens, seiner Ehrbarkeit zur Folge gehabt. Ein Unding als jemand von Stand. Sicherlich hatte er bereits viel seines Ansehens dadurch eingebüßt, dass er seinen Opponenten des Verrats bezichtigt hatte und jener, um der Gerichtsbarkeit zuvorzukommen, ihn auf ein Duell auf’s dritte Blut gefordert hatte. Fjalon hatte den Herren vor sich, welcher sich als unerwartet flink mit dem Degen erwies, in eine prekäre Situation gebracht. Die Beleidigung stand im Raume und… falls man Fjalon Glauben schenkte, ebenso auch des Beschuldigten Leben. Für seinen Gegner gab es nur diesen Weg, seine Unschuld im Vorfeld einer möglichen Verhandlung zu beweisen und seine Ehre im gleichen Zuge wiederherzustellen – Ein wirklich riskantes Spiel. Fjalon hatte den Handschuh an seinen Waffengurt gebunden. Seine Ehrbarkeit stand auf dem Spiel und er glaubte fest daran, dass Temora seinen Schwertarm zum Siege führen würde, erwies sich sein Verdacht als richtig.
Wieder eine knappe Parade, nur der Handschutz des Degens verhinderte einen verhängnisvollen Schnitt in seinen ohnehin angegriffenen Handrücken. Er stieß weiter vor – Allein seine Kraft und Erfahrung konnte ihn nun aus jener unvorteilhaften Verteidigungsposition herausführen.
Sein Sekundant, Waffenbruder und Freund Renold, hatte – im Wissen, dass Fjalon mit den meisten Waffenarten sehr vertraut war – Den Degen als Waffe ausgehandelt und dass beide Duellanten in einer Lederrüstung aus einfachstem Material erscheinen sollten. Wenn – Dann entschied nicht das Material, sondern Erfahrung, Ausdauer und … das Gericht der Götter.
Wieder stieß er vor. Langsam, aber sicher schwanden die Kräfte seines Gegners. Noch immer war jener in der Lage, die meisten Hiebe des altgedienten Soldaten des Reiches, zu parieren. Doch man merkte dem Anderen an, dass er eine solch lange Kampfbelastung zu tolerieren nicht gewohnt war.
Was für ein Jammer, dass es nicht an seinen Fähigkeiten liegen würde…
Die Sonne stand schon ein kleines Stück über den Baumwipfeln des nahen Waldes und begann sich glitzernd in den sanften Kräuselungen des Sees zu spiegeln. Der immer lauter und fröhlicher gewordene Gesang der Vögel erstarb plötzlich, als die Klinge des Degens sich beharrlich und unnachgiebig einen blutigen Pfad durch den Hals des Gegners bahnte. Schaumige Blasen von Blut stiegen aus dem Mund des Geschlagenen auf. Der Treffer war nicht direkt tödlich, doch zu schwerwiegend, um ihn weiterkämpfen zu lassen.
Fjalon blickte sich um, als der Gegner verblutend zu Boden sank. Die Gesichter der wenigen Zeugen – allesamt Menschen von hohem Stand im Herzogtum – waren fahl und farblos vor Anspannung. Keiner regte sich. Die Welt wurde grau. Wie in einem finsteren Traum gefangen, verstand er, dass es keine Wahl geben konnte. Niemand würde sich zu diesem Zeitpunkt einmischen.
Auf’s dritte Blut. Leben oder Sterben.
Als die Spitze des Degens dem Herzschlag des Unterlegenen ein Ende setzte, versank Fjalons Wahrnehmung in tiefer Schwärze.
Schweißgebadet wachte er auf und dachte an die letzte Lehrstunde bei Sir Thelor. Nur ein Becher Wein vermochte die Finsternis des Alptraumes zu mildern und ihn zurück in die kerzenflackernde Wirklichkeit seines Zimmers zurückzuholen.
Verfasst: Montag 18. November 2013, 18:35
von Fjalon Thorn
"Hast du auch schon davon gehört?", Der junge Hafenarbeiter wälzte ein Fass über den Steg und fragte währenddessen seinen Kameraden über die neuesten Gerüchte aus."Dieser Blonde vom Regiment mit den Dornen auf dem Schulterpanzer, den kennst'e doch, oder? Hab' gehört, der sitzt jetzt immer am Steg beim königlichen Anleger und klampft furchtbar schräg auf so 'ner Laute herum." Sein älterer Kamerad lachte lauthals auf und antwortete mit einem heiteren Grinsen voller Grübchen und Lachfalten, "Na klar, es heißt, sogar die Ratten meiden den Ort, wenn er wieder plärrt! Muss wohl irgendeine dieser Knappensachen sein. Ist nur sonderbar, find' ich - sonst denkt man ja, dass die's Kämpfen lernen sollen und nich' so'n Schnickschnack." Die beiden packten gemeinsam an einer Kiste an, die auf das große Handelsschiff, jenes aus der großen Handelsflotte der festländischen Alumener, verladen werden musste. Der jüngere der beiden schaute seinem vom Alter schon etwas gezeichneten Kameraden dabei kurz in die Augen. Bevor die beiden mit einem großen "Hau-Ruck!" das hölzerne Schwergewicht anhoben, seufzte er mit bedeutungsschwangerem Tonfall und voller inbrünstiger Dramatik, "Gut, dass ich kein Knappe bin."
Viele Stunden später, als die Sonne schon die Gestade hinter dem Horizont beschien, saß der blonde Schleifer wieder auf dem Rande des Stegs und quälte die unschuldige Laute seines Lehrmeisters Sir Thelor. Eine klägliche Kakophonie, die ihres abscheulichen Gleichen suchte, vertrieb die Fische aus dem Hafenbecken und verscheuchte das - im Vergleich jedenfalls - nachtigallengleiche Gekreische der Möwen.
"Do, re, miiiiii..." - Eine letzte, sehr tapfere, Katze floh fauchend aus der Nähe des Knappen und überließ ihn der Findung seines tief - sehr tief - verborgenen Talents.
Da muss wohl jemand noch kräftig üben.
Verfasst: Sonntag 8. Dezember 2013, 11:49
von Fjalon Thorn
„Von einer heimlichen Verehrerin Korporal..Viel Spaß damit.“
Merrik wirkte, als habe er sich redlich bemüht, eine ernsthafte Miene zu bewahren, als er dem Korporal dieses kleine Paket überreichte, welches auf sonderbare Art und Weise in Seerosenblätter gehüllt schien. Im Verstreichen eines einzigen Augenblickes hatte sich der Liedkundige bereits verabschiedet und ließ den Blondschopf unter dem blauen Barett reichlich ahnungslos herumstehen. Dabei ließ der Gardist sich eine wahre Seltenheit entgehen: Das Gesicht des Schleifers – verzerrt zu einer Miene des Unverständnisses, der Verwirrung und peinlichen Berührtheit. Ziemlich verdutzt entblätterte er das in Seerosenblätter eingewickelte Paket und staunte über den Inhalt dessen nicht schlecht.
Die Harfe aus Zypressenholz entlockte ihm ein Schmunzeln und seine Gedanken kreisten um die jüngsten Streitigkeiten mit einem Kater und einer Seemöwe am äußersten Pier des Hafens von Adoran. Den Streit um die schauerlichste Melodie hatte er jedenfalls gewonnen. Und das mit einer Laute, welche deutlich weniger Saiten hatte als jene Harfe aus dem eben geöffneten Paket. Das verhieß noch mehr Lärmpotenzial als sowieso schon. Außerdem hatte er die Leute bereits tuscheln gehört… Es hieß, seit der Thorn singe, stürben zehnmal mehr Fische im Hafenbecken, die Milch versauere schneller auf den umliegenden Höfen und man munkelte sogar von abscheulichen Strafen für Rüstrechtverstöße, bei denen des blonden Schleifers musikalische Künste als Foltermethode eingesetzt werden sollten.
All dies war natürlich nicht wahr. Größtenteils - so hoffte Fjalon jedenfalls.
Was sollte er also mit dieser hübsch anzusehenden Harfe anfangen? „Weiterüben“, das wäre was Sir von Schwertfluren von sich geben mochte. Und er hätte vermutlich Recht damit. Es würde der Tag kommen… ganz sicher.
Die Nachricht hinter dem zweiten Bestandteil des Pakets hingegen war alles andere als einfach zu verstehen. Warum, bei den Göttern des lichten Pantheons, hatte man ihm in elfischer Manier, aber in der allgemeinen Verkehrssprache formuliert, denn bitte „Hühnersuppe“ auf die Brustseite eines Hemds gestickt?
Es stand fest. Nein, es war klar wie... wie Hühnersuppe!
Im Herzogtum Lichtenthal musste sich eine ansteckende Variante des Wahnsinns ausgebreitet haben. Erst gab es Gesetzesverstöße in rauen Mengen und vor allem die Neubürger erwiesen sich als besonders talentiert im Nichtbeachten exekutiver Autorität, dann kam man auf die Idee irgendeiner dahergelaufenen Geisterlady für Tage bis nach Varuna zu folgen und jetzt… jetzt das hier!
Hühnersuppe? Die ticken ja nicht richtig!
War es Renold, der seinem Waffenbruder einen Streich spielen wollte?
Oder… War es wieder einer der Chaoten aus den Mannschaftsdiensträngen, der meinte sich für irgendetwas revanchieren zu müssen?
War es etwa ein gequälter Hafenarbeiter, der tiefe Gefühle für den armseligen, übenden Minnesänger entwickelte?Etwa eine Abart des … Stockhol… Nein, Wie hieß es doch gleich… Donnerholm-Syndroms, bei dem man sich mit seinem Peiniger auf sonderbare Art solidarisiert? (Fjalon schauderte entsetzt bei diesem Gedanken!)
Heimliche Verehrerin… Das klang für den Soldaten und Knappen, dessen einzige Vertraute die Pflicht am Reich und dessen einzige Liebe der Dienst an der Krone waren, noch weiter weg als nur „unwahrscheinlich“.
Verfasst: Montag 23. Dezember 2013, 19:21
von Fjalon Thorn
Alles oder Nichts. Herumeiern ist etwas für Rekruten!
Irgendwie konnte sich der blonde Knappe es nicht so recht vorstellen, eine nicht enden wollende Verkettung von Werbungsszenen, von aneinandergereihten Bekundungen der Sympathie und ebenso blumigen wie endlosen Beschreibungen der Anmut und Schönheit seines Opfers zu durchleben. Ihm stand der Sinn nach etwas Effizienterem. Etwas… Direkterem und keiner wochenlangen Herumdokterei.
Sicherlich wäre es sinnvoll gewesen, einen Boten mitsamt einer Kleinigkeit, einer unverbindlichen – ja vielleicht sogar zunächst anonymen – Aufmerksamkeit zu ihr zu schicken. Wahrhaft ehrenvoll wäre es gewesen, ihr daraufhin über einen adretten Mittelsmann mitzuteilen, dass man ihr schönes, anmutiges Antlitz zu sehen und ein wenig zu konversieren wünscht. In jedem Fall hätte es nicht geschadet, ein paar kleine Verse bei diesem und jenem Treffen einzustreuen. Streng nach dem Motto des alten, elfischen Alchemisten Par’a’celsus: Die Dosis macht das Gift.
Diese minnetechnische Guerillataktik sagte dem stets geradeheraus handelnden und sprechenden Knappen aber nicht im Geringsten zu. Darum entschied er sich, das exakte Gegenteil des klassischen Weges zu gehen.
Die letzten Wochenläufe des stetigen Übens hatten zumindest seiner Stimme ein wenig zu gesanglicher Pracht verholfen, wenngleich seine Künste an der Laute nur mit viel Wohlwollen als „passabel“ bezeichnet werden konnten. Eine goldene Kehle wie die Leiterin des Truppenchors hatte er bei Weitem nicht entwickelt, aber immerhin konnte man nun zwischen den Stimmlagen „Exerzierplatzgeschrei“ und „Sterbende Katze“ noch jenen Bereich erkennen, der fast schon als „Singstimme“ durchgehen konnte.
So bewaffnet, schloss er sich für eine ganze Nacht im Korporalsbüro ein. Umringt von so romantischen Buchrückenbeschriftungen wie „Kreativ Exerzieren – Die Obstkorbformation“ und „Jede Delle meines Gegners macht mich glücklich – Meine Keule und ich.“ sowie im Angesicht des allseits bekannten Ertüchtigungslehrwerks „Liegestütz für Fortgeschrittene – Mein kleiner Finger ist so dick wie mein Oberschenkel“ begann er… seine Minne an jene erwählte Dame zu formulieren.
Keinen Boten mit verschlüsselter Nachricht, keine geheimnisvollen Symbole. Schon gar keine Blumenpracht oder gar Geschmeide.. Einzig den Knappen höchstselbst, seine Stimme und eine Laute würde die junge Diakonin erblicken. Und seinen Gesang erhören. Und das Beste daran? Sie hatte keinen blassen Schimmer, was sie erwartete!
Ganz ruhig, Fjalon. Es ist nur eine Knappenaufgabe – Und danach ist es vorbei. Nur, wenn sie „ja“ sagt – und das ist völlig abwegig! - musst du auf dem Ball tanzen. Aber um diesen Kelch kommst du sowieso herum, du singender Quälgeist.
Und wenn sie doch Ja sagt?
Jetzt verstand Fjalon. Das war eine Lektion in Lampenfieber!
Verfasst: Samstag 28. Dezember 2013, 12:15
von Fjalon Thorn
Der Sir zieht das Tempo an… Die Schlagzahl wächst.
25. Alatner 256
Der Tjost, die Königin der ritterlichen Disziplinen. Endlich war es soweit – Thelor ließ es zum ersten Male zu, dass Fjalon sich in jenem Waffengang, welcher die ehrenvollste Art und Weise war, mit der sich zwei Ritter messen konnten, üben durfte. Fast hätte er den Stabhochsprung (Eher ein Euphemismus für minimal elegantes Stürzen) vom Pferd erfunden, da begann er zu begreifen, wie er diese elendig lange Lanze zu halten hatte. Eigentlich war es ja recht einfach, die Lanze wenigstens waagerecht zu halten, doch war dies eben kein optimal austariertes Kriegsgerät. Es war, nüchtern betrachtet, nicht einmal eine wirkliche Waffe. Die Spitze war so konzipiert, dass sie beim Aufprall splittern musste, um tödliche Verletzungen weitgehend zu vermeiden, sie war nicht annähernd so gut balanciert wie eine Waffe, die zum Töten gedacht wäre und ihr Gewicht war unpragmatisch hoch gewählt.
Diese arme Laterne am Rande der Tjostbahn.. – Der Sir hatte ihr Todesurteil ausgesprochen, als er seinem Knappen befahl, so lange an der Laterne zu üben, bis sie ersetzt werden müsste. Er würde jene Laterne wohl kaum bei seinen ersten armseligen Versuchen wirklich treffen, doch dieser blonde Sturkopf besaß eben eine ganze Menge Sitzfleisch. Und so ritt er..die Bahn auf… die Bahn ab… die Bahn auf…
Und wenn das hier bis zur Sommersonnenwende dauert!
Er erinnert sich an seine ersten Reitstunden und schalt sich einen Narren, wirklich gedacht zu haben, er sei bereits ein Kavallerist ohne Furcht und Tadel.
26. Alatner 256
Tags darauf, kaum dass Fjalon den Schmerz in seinem rechten Arm, welcher ihn unangenehm an den ersten Tag des Tjostens erinnerte, vergessen konnte, durfte er das nächste Mammutwerk in Angriff nehmen. Der Sir hatte ihn allzu häufig höchstselbst in den Dreck geschickt (Mal mit dem Schwert, mal mit dem Degen. Und wenn er ganz besonders gute Laune hatte auch einfach mit bloßen Händen.), doch diese Prüfung, die abschließende Überprüfung seiner Fähigkeiten im Nahkampf, stellte alles bisher Dagewesene völlig in den Schatten. Keine schlichte Jagd auf abscheuliche Kreaturen, kein Zweikampf mit Sir Thelor, schon gar keine Mutprobe wie zu Beginn der Ausbildung (Und Thelor hatte da eine wirklich blühende Phantasie… „Nackt gegen einen Dämon, Fjalon – wär das was?“).
Nein, in diesem Falle galt es das klassischste aller ritterlichen Szenarien durchzuexerzieren:
1.) Errettung der holden Jungfrau Helisande aus den Fängen des elenden Schwarzmagiers Derrik Maske!
2. ) Durch Horden stinkender Orks!
3. ) Und...Das Ganze mit verbundenen Augen!
Entweder will er mich endgültig loswerden, oder…
Verfasst: Sonntag 19. Januar 2014, 13:51
von Fjalon Thorn
Das Gelbe vom Ei!, das ist es! Obwohl.. wenn man genau hinsieht, ist es dafür einfach zu dunkel.
Sieht es nicht eher aus wie Herbstlaub? Ist doch auch nicht schlecht. Hätte etwas Malerisches, fast schon poetisches!
Oder so orange wie die gleichnamige Frucht? Immerhin hatte Tarya einen grünen Bürzel daran befestigt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Was für ein Früchtchen!
Vielleicht hatte aber auch die Feldheilerin Recht und es ist ein farbliches Abbild von Blut und Eiter.
Es könnte sich aber auch um Ohrenschmalz handeln. Nein, wie furchtbar!
Das Plus an Pflichten und Verantwortlichkeiten nahm er nach der Beförderung zum Feldwebel gern in Kauf, denn der Dienst an der Truppe und am Reich war ihm mehr als nur sein Tagwerk - Es war seine tiefste Berufung. Auch der Aufgabe, jenen frischgebackenen neuen Korporälen ein Ratgeber zu sein, blickte Fjalon mit Zuversicht und Freude entgegen. Eben jene Genossen Korporäle Senheit und Eichengrund deren Aufstiege in Rang und Pflichten keine Frage von Fleiß und Mut mehr gewesen waren, sondern einfach eine Frage der Zeit.
Auch das einzige Mannschaftsbindeglied zwischen dem Offizierskorps und der Truppe zu sein bedeutete für den blondbärtigen Veteranen mit der wallenden Mähne keine Pein. Und erst recht nicht, noch mehr Verwaltungsaufgaben zu übernehmen als sowieso schon, denn schon lange hatte der einst so naive Krieger auf seinem teils steinigen Weg vom Seemann zum Unteroffizier und Knappen erkannt, dass die wahre Macht in Wort, Tinte und Feder lag - Schwert und Schild lediglich Verlängerungen eben jener Machtinstrumente waren.
All diese Unbillen, Aufgaben und Pflichten übernahm Fjalon weiterhin gern, auch als Feldwebel des Regiments..
Aber dieses neue Barett - Das sah nun wirklich scheußlich aus!
Hoffen wir, dass das mein einziges Problem bleibt!
Verfasst: Montag 3. Februar 2014, 22:00
von Fjalon Thorn
Es erschien sonderbar. Selten hatte der blondbärtige Feldwebel und Knappe diese Klarheit in seinen Gedanken verspürt. In ihrem liebenswerten, kameradschaftlichen Bestreben, ihm eine Hilfe zu sein, hatte er im Gespräch mit der Feldheilerin etwas erkannt. Eine simple Wahrheit, die ihn aus seinem Trott, dem immergleichen, unsteten Herumgeistern herausholen konnte. "Kaluren im Hintern", das Gefühl an zuvielen Baustellen zu arbeiten, getrieben und ohne Rast.
Sie war schon lange in die ihr eigene Umtriebigkeit entschwunden, da döste Fjalon am Ort des verhallenden Gesprächs, ausgestreckt auf einer gepolsterten Bank, vor Erschöpfung ein.
Das Leben lebt von Entscheidungen.
Vor Fünf Jahren - Einhundert Seemeilen vor Gerimors Nordküste.
"Sie drehen ab, Kapitän! Der Sieg ist unser.", der erste Offizier klang alles andere als überzeugt von seinen eigenen Worten. An der Stirn des Veteranen lief frisches Blut hinab, seine Stimme klang kraftlos, blutleer und abgekämpft. Diese Schlacht war zwar gewonnen, doch der Preis war unerwartet hoch. Höher als die kleine, aber wehrhafte, Mannschaft der GOLDESEL hatte verkraften können.
"Sammeln, Verluste sichten und schick Heinjer aus seiner Koje. Der alte Feldscher soll retten, was noch zu retten ist. Fjalon, du kommst mit mir - Wir müssen reden."
Der blonde Leibwächter des Kapitäns folgte schweigend. Er war unverletzt, wenngleich seine Seele - wie die Seele jedes Mannes - unabwendbaren Schaden im Eifer der Schlacht genommen hatte. Schlachten zur See hatten die Eigenart selbst im Falle eines knappen Sieges als Niederlage zu enden. War die Mannschaft zu stark dezimiert oder gar essenzielle, bedeutsame, Mannschaftsglieder getötet oder schlimmer - der Pflege bedürftig geworden, konnte die Niederlage den langsamen Tod zur See bedeuten. Wer nicht schnell genug den nächsten Hafen fand, starb elendiger als jedermann, der aufgeschlitzt von einem Entermesser, durchbohrt von einem Speer oder verletzt von einer Schrotladung der Piraten verbluten durfte.
"Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind mindestens die Hälfte unserer zweiundvierzig Mann verletzt oder liegen im Sterben.", sie hatten die Kapitänskajüte erreicht und der Kapitän wirkte im dämmrigen Licht, das die schmutzigen Bullaugen in den nach Schimmel und Salzwasser riechenden Raum hereinließen, als sei er binnen eines halben Stundenlaufes um eine Dekade gealtert, "Heinjer wird sich bemühen, die zu retten, die zu retten sind."
"Was habe ich damit zu tun, Käpt'n? Ich bin kein Feldscher.", Fjalon hatte ja keine Ahnung. Wahrlich nicht. Dies war nicht die erste Schlacht, die der Blondschopf erlebte. Aber es war die erste, in der die Seite, auf der er stritt, nicht glorreich gewann, sondern den Kopf nur in allerletzter Sekunde aus der Schlinge ziehen konnte.
Das Piratenpack hatte sich, den günstigen Wind ausnutzend, im Schutz der allerletzten dunklen Stunden des noch jungen Morgens heckwärts von Steuerbord nahezu lautlos genähert und ehe der Ausguck sie melden konnte. Was auch immer der kleinen Schaluppe der Piraten diese Lautlosigkeit und Geschwindigkeit verliehen hatte, es genügte, die zahlenmäßig überlegende Mannschaft der GOLDESEL mit diesem gut vorbereiteten Entermanöver vollends zu überraschen. Die erste Handvoll Opfer endete als Nadelkissen für schlanke Rapiere und Entermesser. Unvorbereitet, voller Verwirrung und ohne Führung.
Binnen weniger Augenblicke hatten der erste Offizier und Fjalon zwar eine Verteidigungslinie organisiert, doch war es schon jetzt zu spät für viele ihrer Kameraden. Sie fochten, ihre toten und verwundeten Kameraden zu ihren Füßen, wie besessen, den nahenden Tod vor Augen, und drängten die Piraten, die mit so heftiger Gegenwehr nicht gerechnet hatten, unter schweren Verlusten zurück an die Planke, welche Schaluppe und Handelsschiff verband. Ein paar der Piraten mussten sich auf dem kleinen Schiff versteckt gehalten haben, denn als der Letzte des Stoßtrupps mitsamt der Enterplanke im kalten Meerwasser verschwand und ein nasses Grab fand wurden auf dem Schiff der Angreifer rasch Segel gesetzt und der Angriff durch Setzen von Vollzeug rasch beendet.
Dennoch: Einundzwanzig.
"Wie ich sagte. Die Jungs, die Heinjer retten kann, wird er retten. Doch die, die zu schwer verletzt sind..", Wieder drückte sich der Kapitän einfach nicht klar genug aus, "Er.. Heinjer wird sie markieren, mit Tüchern um ihre Fußgelenke. Das macht er immer so. Grün heißt - kommt durch. Gelb heißt - wir entscheiden später. Und..", der alte Mann wirkte unsicher und sah dem Blondschopf in die bernsteinfarbenen Augen.
"Die Roten aber.. sind totgeweiht. Sie werden uns zuviel Mühe kosten und die Versorgung.. beansprucht unnötige Zeit und Kraft. Sie würden wertvolle Vorräte verbrauchen und doch nicht durchkommen. Es wäre eine Verschwendung, sie am Leben zu erhalten. Wir müssen überleben, damit ihr Tod nicht umsonst war. Außerdem verdienen sie den Gnadenstoß. Du bist meine Leibwache und ich übertrage diese Pflicht nun auf dich."
Fjalons Kinnlade fiel herab. Mit offenem Mund stand er da und konnte ganz offenbar nicht fassen, nicht verstehen, was von ihm verlangt wurde. Seine Kameraden, seine Freunde töten? Solange das Leben in ihnen pulsierte, konnten sie doch nicht totgeweiht sein! Und warum er? Er war 'Leibwache', kein Schlächter der Unschuldigen. War es nicht seine Aufgabe, Leben zu schützen und nicht das absolute Gegenteil?
Während man Fjalons Denkprozesse in seiner Miene unübersehbar verfolgten konnte, verdunkelten sich die Züge des alten Kapitäns. Jedwedes Mitgefühl, ob gespielt oder nicht, wich aus den faltigen Zügen. Härte und Unnachgiebigkeit nahmen einen Ehrenplatz in des Kapitäns Gesicht ein und mit herrischer, eindringlicher Stimme sprach er weiter, "Dein Herr wünscht, dass du Gnade walten lässt. Ausführen."
Fjalon wollte ihn einen Feigling schimpfen. Er wollte diese widerliche Kreatur von einem Seefahrer erdolchen, erwürgen, ihm mit eigenen Händen den Hals brechen und ihm seinen eigenen Befehl zu fressen geben...
Schweißgebadet erwachte Fjalon aus seinem Traum. Allzu oft hatte er diesen furchtbaren Morgen neu erlebt, alptraumhaft verzerrt und voller sterbender Grimassen.
Er hatte damals bald begriffen, dass die Entscheidung des Kapitäns richtig war. Es hatte ihn einige Zeit gekostet, doch als die dezimierte Mannschaft, fast verrückt und halbtot vor Durst, erschöpft vom Rudern bei ewiger Flaute, wieder Land anlief, erkannte Fjalon die grausame und doch glasklare Wahrheit:
Das Leben lebt von Entscheidungen. Wähle deine Prioritäten weise.
Seine Prioritäten richtig zu setzen konnte Leben oder Leiden bedeuten. Oder ein Leben in Leid.
Etwas musste sich ändern und etwas würde sich ändern.
Bald.
Verfasst: Samstag 22. Februar 2014, 13:19
von Fjalon Thorn
Sorgsam befühlte er die frisch verkrustete Wunde an seiner Stirn. Hätte es seine Schläfe getroffen, wäre der Knappe schlicht bewusstlos vom Pferd gestürzt, hätte den frischen Schnee vollgeblutet und aus der Übungsrunde mit seinem kronritterlichen Lehrmeister eine ernste Sache gemacht.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass der handbreite Riss nicht wieder aufgeplatzt war, betrachtete er den Verband, den ihm die einsame, wenngleich für eine ganze Menschentraube begeistert wirkende, Zuschauerin gegeben hatte.
Was für eine selbstlose Geste. Elenor... Eichlein, hübsches und edelmütiges Ding. Ihr Name, ähnlich.. - vertraut. Fast wie.. Ja, auch sie hätte geholfen, sie hätte einen Verband gereicht und gejubelt. Weniger kindlich, doch genauso ehrlich und voller Güte.
Eigentlich hätte Thelor ihn an diesem Abend nicht ausbilden müssen. Dennoch erklärte sich der Kronritter bereit, den wissbegierigen Blondschopf von Knappen ein weiteres Mal zu unterweisen. Vielleicht vermochte Thelor auf diese Weise den Schmerz zu verdrängen, die ihm die jüngsten Ereignisse zufügen mussten. Ein solcher Verlust lässt auch das Herz eines wahrhaften Helden, wie es Thelor einer ist, nicht kalt, nicht unberührt. Vielleicht musste sein Lehrmeister sich auch einfach nur abreagieren und seine überschüssige Energie irgendwo abladen. Dazu taugten seine Knappen vortrefflich, das war weithin bekannt. Oder.. oder er machte einfach dort weiter, wo er wusste, dass es in seiner Hand lag, ob die Dinge gut liefen oder nicht. Denn ihren Tod konnte wohl niemand verhindern.
Elanora war auch Fjalons Schutzbefohlene. Der Feind, der sie dahinraffte, war aber keiner von jenen, die der Leibwächter a.D. hätte im Zaum halten können. Sein Geist verstand genau, dass er nichts hätte tun können - allenfals selbst beim Versuch der Hilfe zu sterben. Aber sein Herz trauerte - des Verlusts wegen, doch auch, weil er trotz allem Versagen fühlte. Alles Anrufen der Götter war zwecklos, Elanora war von uns gegangen und hatte eine Lücke hinterlassen, die sich so schnell nicht füllen würde.
Nur widerstrebend ließ er den blutdurchtränkten Verband im Abfall des Lazaretts verschwinden, wanderte herüber zu einem der Behandlungstische und betrachtete sein Gesicht im sich kräuselnden Wasser einer Waschschale. Er war gealtert - innerlich, aber auch sichtbar. Doch war er auch gereift, an seinen bewältigten Aufgaben gewachsen und all dem ebenbürtig, was ihm noch bevorstehen mochte?
Elanoras Tod bewies, dass es im Leben keine hundertprozentige Sicherheit geben konnte und auch, dass es trotz aller Rückschläge immer und immer weitergehen musste. Für die, die leben.
Und jene, die gut im Herzen sind - und leben - gibt es weiterhin. Das stand außer Zweifel.
Fjalon musste sich zurückholen in die gegenwärtige, reale, Welt. Erneut wanderte die Hand hinauf, fuhr seitlich an der Wunde entlang. Er versuchte sich an sich selbst zu erinnern, sich seiner Gegenwart selbst gewahr zu werden und das Gefühl von Trauer zu verdrängen. Die frische Wunde erfüllte diesen Zweck auf unvergleichlich gute Weise.
Auf eine gewisse, sonderbare, Art fühlte Fjalon darob soetwas wie Stolz. Dies war nicht einfach eine Verwundung in einem Übungskampf oder ein Schnitt aus einem Gefecht. Das hier war eine Verletzung, die die Wenigsten vorweisen konnten.
Eine Narbe vom Tjost, wer hat schon soetwas, wenn nicht jene von ritterlichem Stand?
Insgeheim hoffte der Blondschopf, dass dieses Mal der Ritterausbildung nicht ganz verheilen würde, eine kleine Narbe zurückbliebe, die ihn an seine Knappenzeit erinnern mochte. Als Reminiszenz an eine Zeit, aus der er gerne erzählen würde, falls er selbst einst Knappen ausbilden durfte.
Ich darf ihnen nur nicht erzählen, dass ich Tropf schlicht den Helm vergessen hatte...
Verfasst: Sonntag 13. April 2014, 12:27
von Fjalon Thorn
Initiationsriten hatten schon immer die Eigenart, den Initianden in einen tiefen inneren Zwiespalt zu drängen.
Bin ich würdig? Werde ich meinem neuen Stand Ehre erweisen? Wie wird es weitergehen? Wer bin ich nun, oder bin ich doch noch derselbe? Werde ich mir treu bleiben?
Im Falle des Ritterschlages war der Beginn dieses Ritus' nahezu prädestiniert dazu, einen werdenden Ritter in tiefe Zweifel zu stürzen. Denn es galt in diesem Moment, alle Zweifel zu beseitigen, in stiller Zwiesprache mit Temora, der ritterlichen unter den göttlichen, oder vielmehr dem Glauben und die Treue zu eben jener.
Ein stiller Dialog, schweigend, aber längst nicht stumm!
Fjalon war zumeist von fast allem, was er tat, überzeugt. Außerdem glaubte er, dass das Wertesystem, welches ihm sein Lehrmeister vermittelt hatte, ein unverrückbar starkes Fundament für seine Zeit nach der Knappenschaft sein musste.
Etikette und wie man im Hexenkessel der Noblen überlebte..
Die Geschichte Gerimors und wer sie machte..
Disziplin, Mut und Kampfkraft..
Von Göttern und Gefallenen..
Von Tugenden und ihre Schatten..
Vom rechten Maß..
Von Glaube und Unglaube..
Von den Grundfesten der Ritterlichkeit.
Ihm waren all jene Eigenschaften, die ein Ritter zu vereinen hatte, nähergebracht worden. Ein durchaus veritables, einjähriges, curriculum war vollendet und er fühlte sich bereit, diesen nächsten, großen Schritt zu tun. Genau wie er es einst in diesem verstaubten, goldrandverzierten Band gelesen hatte, war der ritterliche Gemmenschneider nicht zimperlich, aber mit großem Elan und noch größerer Präzision vorgegangen, um aus dem Dreckklumpen, der Fjalon einst war, den kleinen, harten Stein zu finden und den darin verschlossenen Diamanten herauszulösen. Einzig, um daraus einen echten Edelstein zu formen, falls das Material denn gut genug sei. Er musste unweigerlich an Helisande, diesen Drachen mit dem guten Herz, denken, denn ihr hatte er jenen Text in seiner Gänze zukommen lassen und hoffte, das erhebende Gefühl beim Lesen auch in ihrem Herz geweckt zu haben.
Und doch zweifelte er in manchen Augenblicken. Es war ein so großer Schritt in eine neue Form des Daseins, dass es ihn schlicht überwältigte. Da war kein Lehrmeister mehr, dessen Fußstapfen er folgen konnte. Und da gab es auch keinen Lehrplan mehr, anhand dessen er einen Fixpunkt in seinem Streben ausmachen konnte - ein Ziel. Da gab es keinen großen Namen und keinen zweiten Schild, hinter dem er einfach so Schutz suchen konnte. Und selbst die Truppe, das Regiment, seine langjährige Heimat, würde er verlassen. Lediglich als ritterlicher Ratgeber konnte er der Truppe noch zur Seite stehen. Sie waren lange Zeit alles gewesen, was er hatte.
Familie und Freunde in einem. Kameraden.
Es tat weh - Aber kein Weg führte daran vorbei. Ein Mann braucht eine Aufgabe, das war schon zu Beginn seiner Zeit auf Gerimor klar. Zwei schwere Aufgaben gleichzeitig hingegen waren dazu verurteilt mit halbem Herzen erledigt zu werden. Ein Anspruch auf Perfektion wäre somit unerfüllbar.
Mit dem folgenden Tag würde die letzte, wenngleich längste und schwerste Prüfung seines Lebens auf ihn warten.
Temora Hilf!
Genau das tat sie auch. Aber nicht persönlich, sondern in Form ihrer Gnaden Aurea.
Ein Teil des üblichen Ritus', der im Ritterschlag am folgenden Tage münden sollte, war die spirituelle Einkehr im Gebet zu Temora. Die Fjalon stets so wohlgesonnene Diakonin fühlte sich offenbar nicht nur verpflichtet dazu, sondern schien Freude daran zu haben, Fjalon diesen Teil des Weges begleiten zu können.
Hätte man den Knappen gefragt, wo er dieses Gebet vorzunehmen gedenke, so wäre ihm genau dieser Ort eingefallen: Der Baum des Lichts im Kloster zu Schwingenstein. Nur wenige Orte boten eine so enge Verbindung zur Lichtbringerin und eine solche meditative Ruhe.
Mitternacht
Umringt von kühler Dunkelheit, nur von den wenigen Lichtquellen des Klosterinnenhofs durchbrochen. Umgeben von den steinernen, sicheren, Mauern des Klosters. Berührt vom lieblichen Geräusch plätschernden Wassers und dem zarten Streicheln nächtlich kühlen Windes, knieten sie beide in den Farben der Priesterschaft Temoras vor der Borke des Baumes. Ihm fehlten die Worte - Ein Zustand, den es bei diesem sonst so redseligen Blondschopf fast nie zuvor gegeben hatte - und so bat er Aurea darum, die Anrufung vorzunehmen.
Mit jedem Wort, das den Mund der Diakonin verließ, begann Fjalon sich mehr und mehr zu konzentrieren. Ganz unbewusst trat aber das Gegenteil des erwünschten Gebetseffekts ein und fast jede Muskelfaser seines Körpers und jede Gehirnwindung verkrampfte sich.
Dies war doch der Moment! Der Moment, in dem er zur Ruhe kommen und spirituelle Einkehr zu erlangen hatte. Was war bloß los mit ihm?
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo Stärke ist, ist eine Schwäche nicht fern. Fjalon, das ist die letzte Chance, sich aus der Affäre zu ziehen!
Als die Diakonin geendet hatte, war Fjalon zu einer Salzsäule in Gebetshaltung erstarrt. Von außen betrachtet, mochte man annehmen, dass er in tiefe Meditation versunken war. Doch Aurea kannte den werdenden Ritter bereits schon zu lang, um diesem Schein getäuscht zu werden. Eine sanfte Berührung seiner verkrampften Arme, gefolgt vom leisen Gefühl einer Wärme, die nicht von dieser Welt war - einzig göttlichen Ursprungs - durchzog ihn mit fürsorglicher Vorsicht.
Nach und nach entspannten sich seine Glieder, sein Fühlen, sein Denken. Seine Zweifel erstarben und der sanfte Abendwind verwehte ihren Staub in die Dunkelheit der Nacht.
Drei Stunden vor Sonnenaufgang
Er blinzelte, nur für einen kurzen Moment, und war sich nicht darüber im Klaren, was in den letzten Stunden wirklich geschehen war. Für seinen Geist waren es Augenblicke gewesen, doch seine gebeugten Knie teilten ihm unmissverständlich mit, dass er bereits seit einigen Stunden vor der Borke des Baumes geruht haben musste. Aurea war längst verschwunden und auch ihr Fortgehen war dem Knappen in seiner tiefen Meditation schlicht nicht aufgefallen.
Irgendetwas war in jenen Stunden mit ihm passiert, denn er spürte Klarheit und Zufriedenheit - Doch war er noch immer aufgewühlt, ein Kind mochte sagen 'aufgeregt'. Wenigstens waren die Zweifel erstorben. Jetzt galt es zur Ruhe zu kommen.
Sonnenaufgang
Waren die Zweifel schon vor Stunden ins Nichts entschwunden, so hatten die letzten Stunden des Nachsinnens, des sprituellen Dialogs, ihn endlich zu einem Gefühl tiefer Zufriedenheit geführt. Er war mit sich selbst im Reinen; wusste, dass es immer wieder Zweifel auf seinem Lebensweg geben würde und sie ein Teil jedes Lebens sein mussten, begleiteten sie Fjalon nun schon seit drei Jahrzehnten. Er wusste, dass er seine Sicherheit, seine Stärke und seine innere Zufriedenheit stets aus seinem Glauben schöpfen konnte.
Temora, Quell meiner Kraft. Ich erbitte deinen Beistand für alle Prüfungen die noch vor mir liegen mögen. So will ich tun, was in meiner bescheidenen Macht steht, in deinem Sinne zu handeln, zu wirken und deine Tugenden zu verbreiten. Ich gelobe dir, Lichtbringerin, meinen zukünftigen Knappen eine ebensolche spirituelle Anleitung zuteil werden zu lassen, wie sie mir zuteil wurde.
Und erst jetzt fiel ihm auf, dass die Sonne wieder schien. Nahm die frische, blütenduftdurchzogene Morgenbrise wahr und lächelte ob des stets plätschernden Wassers.
Plätscherndes Wasser? Bei allem, was heilig war - Wo hatten die Priester bloß ihre Latrinen?
Verfasst: Montag 14. April 2014, 10:57
von Fjalon Thorn
Sonnenaufgang. Schon wieder.
Fjalon hatte Geduld - Mehr als man ihm vielleicht auf den ersten Blick zutrauen mochte. Der Schmerz in seinen Kniegelenken war längst einer angenehmen Taubheit gewichen. So kniete der Knappe weiterhin vor der Borke des alten Baumes. Seine Gedanken schweiften an jeden erdenklichen Ort und tiefe Ruhe umfing den Mann mit den leuchtend bernsteinfarbenen Augen und dem langen blonden Haar. Hunger verspürte er keinen und auch der Durst war längst gewichen. Das Brot, das ihm die freundlichen Priester anbaten, wies er freundlich aber bestimmt zurück, nahm lediglich einen Becher Quellwasser zu sich. Es sei seine Aufgabe, diesen Ritus allein zu bewältigen. Niemand hatte ihm gesagt, dass die Nacht im Gebet vor dem eigentlichen Ritterschlag nicht unbedingt nur eine Nacht sein musste.
Vielleicht war der Begriff der 'Nacht' ein Symbol, eine weitere Aufgabe - Die finale Selektion.
Eine letzte Prüfung. Entweder verhungern oder durchhalten.
Verfasst: Dienstag 22. April 2014, 12:01
von Fjalon Thorn
Die Ehre gebietet es, die Pflicht verlangt es und die Tradition lebt davon.
Der werdende Ritter hatte lange ausgeharrt. Erst nach einigen Tagen des hungernden Meditierens, war ihm bewusst geworden, dass sich sein Aufenthalt im Kloster zu Schwingenstein noch weiter in die Länge ziehen würde. Die tagelange Meditation und das innige Gebet zur ritterlichen Göttin, der Lichtbringerin und göttlichen Schirmherrin von Alumenas, hatte endlich den Samen einer tiefen Gewissheit in seine Seele gepflanzt. Der Keimling war noch jung, hellgrün reckten sich die ersten Blätter der neu erstandenen ritterlichen Seele Fjalons. Er wusste, dass aus jenem einst, weit mehr werden würde.
Es hatte dieser Zeit, dieser unnatürlich langen Wartezeit, inmitten des Klosters bedurft, um das von seinem kronritterlichen Lehrmeister vermittelte Wissen tief genug in seine Seele sinken zu lassen und zum Nährboden für eine neue, gewachsene, Persönlichkeit zu werden.
Der Trotz, so lange auszuharren, bis er verdurste oder verhungere, war längst gewichen. Diesen Platz hatte ein Geist eingenommen, der mit sich selbst im Reinen war. Ein Geist, der nunmehr ohne Zweifel lebte, ohne Zauder und nur mit jener Furcht, die zum Überleben nötig war.
Gefüllt mit Temoravertrauen und Vaterlandsliebe bis ins Grab.
Wann immer sie mich holen kommen, ich werde bereit sein.
Verfasst: Mittwoch 30. April 2014, 22:19
von Gast
Wahrscheinlich haben ihn die Soldaten des Regiments noch nie so erlebt. Allein schon sein Äußeres war eine echte Sehenswürdigkeit geworden. Die Robe im sanften Blau der Klostergemeinschaft hatte am Saum bereits Moos angesetzt, hier und dort war der Kokon eines verpuppten Insekts zu sehen, welches sich im dichten Stoff eingenistet hatte. Je weiter man an seiner Robe emporblickte, sah man Staub, der in feinen Rinnsalen von leichten Regenschauern abgewaschen worden war und lediglich in kleinen, aber sichtbaren, Rückständen seine Schultern zierte. Sein langes, blondes, Haar war verfilzt und allerlei Lebewesen tummelten sich im Gewirr der hellen Strähnen.
Aus dem Knappen war ein sakrales Feuchtbiotop mit der geistigen Kapazität einer ungeschälten Kartoffel geworden.
Nach fünfzehn Tagen der Meditation und des Gebets, einzig ernährt durch Quellwasser und ungeplant in seinem Mund gelandeten Fliegen, hatte Fjalon genug. Irgendetwas war schief gelaufen, das war klar. So bedankte er sich bei den Bewohnern des Klosters, erbat die Öffnung der Tore und begann seinen Weg in die Hauptstadt.
Zumeist geht doch ein gestandener Ritter auf Aventüre. Und nicht ein Knappe - und schon gar nicht, um herauszufinden, warum er gar nicht erst zum Ritter wurde!
Von diesem kurzen, aus einem wachen Moment geborenen, Gedanken abgesehen, hatte Fjalon leider ernstliche Probleme, seine längst wirr gewordenen Gedanken sortiert zu halten. Einzig Temora wusste, wie sonderlich der werdende Ritter wohl auf seine Kameraden wirken musste, als er in Adoran angelangt war. In aller Regel zeichnete sich Fjalon nämlich nicht unbedingt dadurch aus, kichernd herumzulaufen, wild drauflos zu plappern und Menschen mit frisch gereimten Phrasen zu begrüßen.
"Worte...!
Süße Worte!
Mein Gehör... Vernahm so lang, so lang...
keinen solch wundervollen Klang!"
In den Mauern der Kommandantur wurde der deutlich abgemagerte Knappe mit dem neu entwickelten Hang zur debilen Sentimentalität zunächst durchgefüttert und vor ein prasselndes Kaminfeuer gesetzt. Eine Liebesbekundung an einen Laib Brot, ein Streitgespräch mit einer Tasse Kräutertee und ausufernde Streicheleinheiten an einen Apfel später (der in der Zwischenzeit auf den Namen 'Papfel' getauft wurde!), wurde Fjalon erst der Anwesenheit seines kronritterlichen Lehrmeisters gewahr.
Um genau zu sein, war es die sich rasch seiner Wange nähernde Handinnenseite der Rechten von Sir von Schwertfluren, die er wahrnahm - In einem hehren Versuch, einen Neustart seiner geistigen Funktionen einzuleiten. Dies führte allerdings zunächst nur zu einem eruptiven Potpourri sich sortierender Erinnerungen und Einschätzungen.
"Sir, Sir! Fünfzehn Tage! Stellt euch das einmal vor! Und immer dieses plätschernde Wasser. Wie halten die Mönche das nur aus? Ein normaler Mann muss doch dauernd..."
"Ich bin jetzt gerimorianischer Meister im Dauerbeten, Sir - Ganz bestimmt."
"Wie - Das sollte nur EINE Nacht dauern?"
"Was soll das heißen, ich stinke?"
"Sir, aber das Wasser ist doch gar nicht vorgeheiz..."
"KALT!"
Das. Und erst das.. half.
Verfasst: Montag 5. Mai 2014, 13:40
von Aurea
Die letzten Wochen hatte sie mehr Zeit außerhalb des Klosters verbracht, als darin. Und doch… als sie an diesem Abend vorsichtig die Stufen zum Klostervorplatz erklomm, erschien ihr der Ort noch eine Spur stiller als sonst. Das ewige Rauschen und Plätschern des Wassers und der Wind in den Blättern der Bäume waren geblieben, aber etwas fehlte.
Erst als sie die Türe der Krypta behutsam hinter sich geschlossen hatte und ihren Blick zum Baum des Lichts erhob, dessen sanft goldenes Licht sich über den ganzen Innenhof ergoss, realisierte sie was und vor allem wer dort fehlte.
Über zwei Wochen hatte der frühere Knappe und jetzige Ritter an diesem Ort verbracht und ausgesprochen dickköpfig seine Wacht im Angesicht der Herrin vollzogen. Aus einer Nacht waren zwei, drei und schließlich so viele mehr geworden. Zunächst hatte er jegliche Speise und vor allem auch das Trinken verweigert, welches ihm von stillen aber aufmerksamen Klosterbewohnern hingestellt worden war, doch mit der Zeit hatte der Leib doch sein Recht eingefordert und er nahm – der Herrin sei Dank – das klare Wasser aus den Händen der jungen Geweihten entgegen.
Mehrfach am Tag war sie in dieser Zeit am Innenhof vorbei gekommen, hatte während ihrer eignen Gebete nehmen ihm gekniet, nur um danach wieder ihren tagtäglichen Arbeiten nachzugehen. Sie wusste nicht aus welchen Gründen sich der Ritterschlag verschoben hatte, aber sie war sicher dass eine solch lange Wacht nicht geplant gewesen war. Die vorsichtigen Versuche den Knappen aus seiner Meditation zu holen und darauf aufmerksam zu machen, waren ohne Erfolg geblieben und so hatte sie sich darauf verlegt seine Wacht zu bewachen.
Er war kaum wiederzuerkennen als er nach 15 Tagen doch die Wacht beendete und so schmal und auf ihr so vertraute Weise entrückt nach Adoran kam. Einige Tage hatte sie nicht nach ihm gesehen und war beinahe erschrocken, als sie ihn auf einmal vor sich sah. Ein paar Tage hatte er noch, dann würde er sich abermals zur Wacht ins Kloster begeben müssen, diesesmal hoffentlich wirklich nur diese eine Nacht vor dem Ritterschlag. Sie gönnte ihm diese Tage in ‚Freiheit‘ und würde ihn erwarten.
Allerdings… kam es anders als erwartet. Am Abend vor dem Tag des Ritterschlags wartete sie lange, beinahe zu lange. Fast kamen ihr Zweifel. War es schon wieder verschoben worden? Sie stand am oberen Ende der Treppe und sah hinab auf die Siedlung, die im blassen Mondlicht lag, als eine hochgewachsene und kräftige Gestalt sich den Weg bahnte. Und sie brauchte nicht viel Phantasie um den eigenartigen Gang schnell von dem eines Seemannes auf Landgang zu unterscheiden. Der Knappe war betrunken. Sie wusste erst nicht ob sie entrüstet oder amüsiert sein sollte, und so entschied sie sich die Situation einfach zu nehmen wie sie war und dem Knappen noch einem andren Nachteil von einer kalten Bergquelle direkt am Kloster näher zu bringen.
Nachdem sie ihm so - weniger mit Worten als mit Taten - den Kopf gewaschen hatte, kniete sie abermals mit ihm gemeinsam am Baum des Lichts um die letzte Nacht vor dem Ritterschlag zu verbringen. In der Ruhe und besinnlichen Atmosphäre des Klosters und im Angesicht der Herrin.
Was länge wärt, wird endlich gut.