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Verfasst: Montag 21. November 2011, 18:04
von Lucien de Mareaux
Was ich lernen kann…
Anstrengend.
Langsam bekam ich wirklich Schwierigkeiten sie bei etwas besserer Laune zu halten. Zuhause bleiben zu müssen war schwer, das wusste ich selbst nur zu gut. Mir fiel dann immer die Decke auf den Kopf, fühlte mich über alle Maßen gelangweilt und wusste nichts mehr mit mir anzufangen. In etwa so fühlte sie sich auch im Augenblick. Da half auch alles gute Zureden allmählich nicht mehr viel. Bisweilen blieb der Eindruck zurück, dass Besuch das beste Mittel war, mich hatte sie schließlich jeden Tag um sich, und Besuch brachte oftmals Neuigkeiten und einen anderen Wind mit in die Stube.
Sie brauchte Beschäftigung, dringend. Als ich irgendwann mitten in der Nacht wieder aufwachte, ging mir das Gespräch vom Vorabend noch einmal durch den Kopf. Vielleicht war es gar keine schlechte Idee, die ich irgendwann geäußert hatte. Natürlich hieß das nicht, dass es mich von dem abbrachte, was ich bereits kannte, konnte und gelernt hatte. Aber es schadete niemals etwas dazu zu lernen, es schadete auch nicht, sich eine vielleicht neue Passion zu suchen. Noch weniger schadete es diese als vordergründige Beschäftigung zu pflegen. An und für sich war es eine hervorragende Idee und verschaffte ihr darüber hinaus auch noch Beschäftigung satt und reichlich, denn ich war mir sicher, ich würde mich am Anfang bestimmt ziemlich dämlich anstellen, wie das bei Anfängern oft der Fall war.
Ich wälzte ihre Befürchtung herum, dass wir bestimmt ständig streiten täten, wenn ich es lernte. Vielleicht. Vielleicht, wenn ich nicht so begriff, wie sie es von mir erwartete, vielleicht, wenn ich irgendwann soweit war, und eigene Einschätzungen abgab, mit denen sie nicht konform ging (oder ich mit ihren nicht). Prinzipiell aber sah ich die Chancen auf Streitereien diesbezüglich eher als geringfügig an. Bis es soweit war, dass ich eigene Einschätzungen überhaupt wagen würde abzugeben, verging garantiert noch eine ganze Menge Zeit.
Dazu kam, dass diese Überlegung auch noch in einem anderen Punkt etwas für sich hatte: Da ich auf absehbarer Zeit keine Schüler haben würde, um weitere Diskussionen mit ihr darob zu vermeiden, war ich ebenso beschäftigt. Das nannte man wohl zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Mir würde auch keine großartige Zeit bleiben, mir darüber Gedanken zu machen, ob ich es noch mal in Angriff nehmen sollte jemanden auszubilden. Das wiederum minderte die Gefahr zu weiteren Diskussionen mit ihr und damit einer weiteren Belastung für uns. Die wollte ich ohnehin vermeiden, nicht mal meinetwegen, sondern vorwiegend ihretwegen.
Im Grunde war es so ziemlich die letzte Idee, die ich aus meinem Oberstübchen zusammengekramt bekam. Was ich mir einfallen lassen sollte, wenn sie diesen Vorschlag ablehnte, war mir schleierhaft. Dann blieb für uns beide wohl nur noch eins: Zähne zusammenbeißen und durch, bis die Zeiten und das eigene Wohlbefinden sich von allein besserte. Anderthalb Wochen. Treppengeländer! Mir fiel ein, dass ich noch eines anbringen wollte, sicher war sicher. Also wollte ich gleich am nächsten Tag wenigstens ein wenig Holz besorgen, passend zurechtgehobelt, ebenso ein dickes Tau, das als Halt dienen sollte. Ersparte mir unnötige Arbeit und erfüllte genauso seinen Zweck.
Fatal, dass meine Gedanken noch weiter wanderten, zu der Zeit nach dem Gespräch. Ich wälzte mich auf den Bauch, zog das Kissen über den Kopf und brummte nörgelig vor mich hin und versuchte krampfhaft wieder in den Schlaf zu finden. Der kam auch – es brauchte nur einige Zeit, aber wer denn glaubte, dass der Traum Erlösung war, der irrte gewaltig, dreimal verfluchte Gedankenwelt.
Anderthalb Wochen…
Verfasst: Dienstag 27. Dezember 2011, 19:21
von Lucien de Mareaux
Wie das Leben manchmal so spielt
Nicht nur ich trug den Mantel des Misstrauens mit mir rum wie ein gutes Kleidungsstück. Soviel stand fest. Jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, stellte ich einmal mehr fest, wie vorsichtig ich sein und bleiben musste.
Über die Türschwelle getreten war das aber erstmal vergessen, bis zum nächsten Mal. Hier traf ich andere Probleme an, worüber ich mir den Kopf zerbrach. Beispielsweise das Selbstbewusstsein meiner emotional etwas überforderten Frau. Die Schwangerschaft machte es ihr wirklich nicht leicht – mir damit genauso wenig, und bisweilen fragte ich mich, wen ich mehr bemitleidete. Sie oder mich selbst. Egoistisch, nicht wahr?
Ich wollte den Mann sehen, der solche Gedanken nicht irgendwann bekam, wenn die Schwangerschaft anfängt nicht nur die werdende Mutter in den Wahnsinn zu treiben, sondern auch den bemühten Gatten. Wirklich! Ich versuchte mein Bestes! Leider mit mäßigem bis überhaupt keinen Erfolg, wie ich fand. Es gab Tage, da dachte ich sogar, ich machte alles nur noch schlimmer für sie, und war der Verzweiflung näher als der Zuversicht, dass sich alles wieder beruhigen würde, wenn das Kind nur erst da war.
Indes hielt sie sich für einen übellaunigen Hausdrachen, der neidisch auf die Tätigkeiten anderer blickte (in dem Fall auf meine tatsächlich) und den Faden verlor mit sich selbst und den eigenen Fähigkeiten etwas Sinnvolles anzufangen. Es war nicht so, das sie nichts hätte tun können. Sie wollte auch etwas tun. Darin lag das Problem auch nicht. Ich glaubte ja, der Grund für ihre extrem gewordene Häuslichkeit und damit einhergehend wachsende Unzufriedenheit lag darin begründet, dass sie sehr vorsichtig war, es für ihre Pflicht hielt – aus irgendwelchen mir nicht bekannten Gründen – und sie fürchtete, dem Funken könnte etwas zustoßen, wenn sie sich nur zu sehr vor die Türe wagte.
Ganz famos war es dann, wenn ich sie gerade soweit bekommen hatte raus zu gehen und etwas zu unternehmen, kam eine ihrer Schwestern daher und mahnte sie zur Vorsicht. Ich hätte schreien mögen das letzte Mal. Gut, ja, sie war bereits irgendwo im sechsten Mond, gut, ja, sie musste aufpassen. Aber um der Götter Willen doch nicht im Haus verschimmeln deshalb! Denen dankte ich, dass ich sie am nächsten Tag doch andernorts wieder antraf und atmete innerlich auf, auch wenn mir speiübel wurde, als ich hörte, wer sie wie angestarrt hatte.
Das Problem: Sie suchte sich für ihre Ausgänge einen Ort aus, an dem ich nicht zwingend einschreiten konnte, ohne aufzufallen. Die Aufmerksamkeit, die so etwas nach sich zog, war nicht ohne Risiko. Andererseits barg es auch einen gewissen Reiz und Nervenkitzel – mittlerweile etwas, was ich anfing arg zu vermissen.
Vielleicht war das auch mitunter der Grund, warum ich mit der Lethra den Zank anfing. Im Regelfall hielt ich mich da lieber bedeckt und heraus. Übel am Ganzen war, dass der Wehrler mir derart auf die Eier gegangen war. Nämlich damit, dass er mich anfuhr ich sollte die Klappe halten, nur weil ich ihn darauf hinwies, dass die Blauhaut nichts in Bajard verloren hätte. Am liebsten hätte ich dem Idioten einen Bolzen in den Balg gejagt für seine impertinente Dummheit und nicht etwa der Lethra und ihrem Reitvieh, das sie dabei hatte.
Problem daran war, dass ich das gewiss nicht ungescholten tun konnte als Bürger Bajards. Erbärmliche Situation. Also beschränkte ich mich darauf meine Wut zunächst an der Phiole auszulassen, die die Lethra zückte. Wusste Alatar, was sie darin hatte, aber etwas Gutes war es bestimmt nicht.
Tja, ihre Aufmerksamkeit hatte ich damit gewiss auf mich gezogen und es brauchte nicht lange, da zog sie sich erst zurück – Tayron frohlockte schon, sie hätte aufgeben, viel zu früh, wie sich herausstellte. Sie zog in einiger Entfernung ihre Waffe und trieb diese verfluchte Echse direkt auf mich zu. Die Handarmbrust noch in der Linken, stieß ich Tayron zur rechten Seite fort auf den verdammten Rahaler zu, der gerade aufgetaucht und im Begriff war sich einzumischen. Der hatte mir noch gefehlt. Überhaupt, das Ganze hatte mir echt gefehlt! Dieser dreimal verfluchte hirnverbrannte Wehrler! Ich ließ mich nach links fallen, wobei die Echse mich noch erwischte, aber wenigstens das Schwert der Lethra mich um Haaresbreite verfehlte.
Wenigstens jetzt tat der Wehrler etwas, was taugte – er griff ein und lenkte die Blauhaut von mir ab. Nicht so die Echse, die meine Handarmbrust offenbar schmackhaft fand und anfing darauf herumzukauen. Da ich nicht losgelassen hatte, aber schon ein neuer Bolzen eingelegt und gespannt war, löste der sich bei der unfreundlichen Behandlung und bohrte sich in den Vorderlauf des Tieres – woraufhin es folgerichtig durchging. Dumm nur, dass es mich dabei mit seinen Krallen erwischte. Wann Charlie dazugekommen war, hatte ich nicht mal mitbekommen. Fakt war, Tayron sammelte sie ein, warnte den Wehrler und ich mühte mich an auf den Beinen zu bleiben. Dass dieser Hornochse uns half fortzukommen (Charlie war runkeldicht und bis an den Rand mit Alkohol abgefüllt, ich verletzt, Tayron ein nervöses Wrack), darauf durften wir dann doch nicht hoffen. Der verpisste sich ins Wehrgebäude und ließ uns einfach draußen zurück, während hinter uns die Echse tobte und der Rahaler versuchte diese gepackt zu halten und zu beruhigen. Die verdammte Lethra hatte es auch nicht abgeworfen, aber es war nun mal nicht jeder Tag ein Glückstag.
Statt sich mit dem Ärger aufzuhalten über diesen unfähigen Troll, sahen wir zu, dass wir davon kamen, so zügig es halt gerade ging. Nein, keine Glanzleistung. Beim besten Willen nicht. Dass Tayron mich zurechtwies, wunderte mich nicht. Dass meine Frau noch schlimmer dabei war, obschon sie mich nicht wirklich anschnauzte dabei, nicht überraschend für mich. Natürlich nicht! Ich ärgerte mich am meisten über mich selbst – mit Abstand! Davon war ich überzeugt.
Einerlei, die Wunde war versorgt und würde heilen, den Göttern bedankt, behinderte sie mich nicht allzu sehr, so dass ich mich auch andernorts hinwagen konnte, solange ich mich nur nicht wieder in Handgreiflichkeiten hineinwarf wie ein kleiner dummer Junge, der nichts gelernt hatte.
Also kämpfte ich weiter mit den Launen einer Schwangerschaft, um mal zum Thema zurückzukehren. Die Zeit, in der wir uns wirklich grün waren, einig, so wie am vergangenen Abend, waren mir sehr lieb und teuer geworden. Zwar raubte mir Larel den letzten Nerv, sorgte für Unbehagen in meinem eigenen Heim, aber meine Frau räumte dieses mit der Leichtigkeit einer flüchtigen Berührung aus. Ich genoss die Zeit, als der Besuch da war, auch wenn ich als Anschauungsobjekt für Verwundete herhalten musste und wir alle den etwas nervigen Beschäftigungsideen Larels ausgesetzt waren. Zwischendrin gönnte ich mir immer wieder das Vergnügen den Druiden mit einem gespielt eifersüchtigen Blick zu bedenken für das Geschenk in Form eines Kleides an meine Frau.
Nein, ich war nicht eifersüchtig. Nicht in diesem Fall – und ich wusste sicher, Majalin ahnte nicht nur, warum dem so war. Larel indes nahm meine Eifersucht sehr ernst, wie es schien und versteckte sich getrost vor mir, so gut es denn halt ging.
Als Yasme und Larel letztlich den Rückweg angetreten hatten, war nur noch Medren als Gast im Haus. Erleichtert über die Ruhe, schwieg ich mich aus, während meine Frau und er sich unterhielten – über Hanna. Götter, wie gut ich ihn verstand, auch wenn einige Beschreibungen und Erklärungen arg pathetisch daher kamen. Der Kern der Aussage war mir so verständlich, wie nichts anderes.
Und mir entging nicht ihr Blick in meine Richtung bei dem einen Satz, diesem einen an sich unscheinbar wirkenden Satz.
„Ich möchte sie einfach wieder lächeln sehen.“
Was ich indes nicht glaubte, war die Aussage, dass ihm nichts anderes wichtig war, behielt diese Erkenntnis aber für mich. Ohnehin mischte ich mich nicht sonderlich in das Gespräch ein zunächst. Erst als Majalin sich erbot mal bei Hanna nachzufühlen. Das bereitete mir wirklich ein flaues Gefühl in der Magengegend.
Auch wenn sie sich als gewählte Zwillinge sahen, der Erde wegen, mich beschlich der Gedanke, dass das vielleicht zuviel des Einmischens war. Meine Frau sah das völlig anders, und so schwieg ich nach einem kurzen Einwand dazu und überließ es Medren sich dagegen auszusprechen, wenn er wollte – aber er wollte nicht. Götter, was waren wir Kerle doch gelegentlich duldsame Lämmer, wenn die Frauen das Szepter in die Hand nahmen.
Das Angebot zum Reden vorbeizukommen meinerseits, das ich bewusst so offen stehen ließ, dass es sich auf uns beide, meine Frau und mich, bezog, übersetzte sie hernach mit:
„Wenn du mal ein Männergespräch brauchst…“
Manchmal… so ganz manchmal wünschte ich mir, sie würde mich nicht so unendlich leicht durchschauen. Aber andererseits liebte sich sie mitunter ja auch genau dafür, immerhin machte das einiges einfacher für mich, und das wenige, was es komplizierter werden ließ, war überschaubar und tröstlich gering.
Diese gleichen Gedankengänge geschahen auch nicht zum ersten Mal an diesem Abend.
Erst als ich mich nach oben ins Bett verzogen hatte, die beiden unten noch ein bisschen sprachen, ging mir auf, dass es vielleicht gar nicht so schlimm war, wenn sie sich da mehr einmischte, als ich es für gehörig empfand. Es war immerhin wieder eine Aufgabe, der sie sich widmen konnte – ich Egoist! Es war eines der Dinge, die ich ihr nicht sagte, eines der Kleinigkeiten, die ich für mich behielt.
Ich sollte ehrlich sein und dazu sagen, dass mich der Verdacht beschlich, dass sie das ganz genau wusste, aber selbst genauso dies als Kleinigkeit verbuchte und dazu schwieg. So war das wohl in der Ehe. Manche Dinge wurden nicht ausgesprochen, trotzdem verstanden, oder sie wurden übergangen des lieben Friedens Willen, weil es nicht lohnte dem zu viel Bedeutung beizumessen. Wie vermutlich jeder, musste ich feststellen, dass es gute und schlechte Tage gab. Gewiss trug ich meine Päckchen mit dazu, sowohl zu den guten, wie auch zu den schlechten. Bisweilen wünschte ich mir, ich könnte es ihr deutlicher machen, sowohl das gute, als auch das schlechte, klar machen, dass es nicht nur an ihr lag, nicht nur an mir, dass wir beide was tun mussten. Bisweilen wünschte ich mir, ich könnte ihr begreiflich machen, dass sie weder hässlich war, noch die Schwangerschaft sie hässlich machte. Und so manches Mal betete ich schon fast darum, dass sie im übertragenen Sinne die Augen öffnete und feststellte, dass sie noch so vieles tun konnte, vieles, was sie wollte, jetzt schon und auch später, wenn der Funken da war.
Wofür ich indes tatsächlich heimlich im Stillen betete, war die Erkenntnis darüber, wie ich ihr all das, woran ich (gefühlt) ständig scheiterte, nahe bringen konnte, und zwar so, dass es zu dem führte, dass ich mir für sie wünschte. Ja, ich verstand Medren und seinen Wunsch Hanna beizustehen – mehr als es ein normaler, gewöhnlicher Freund oder Bruder für gewöhnlich täte. Ich kannte das selbst nur zu gut von mir.
Gewiss mochte meine Frau der Meinung sein, dass die Situation eine gänzlich andere war zwischen uns und der zwischen Hanna und Medren. Das war es ganz bestimmt. Trotzdem fand ich sein Verhalten nicht überraschend, auch nicht ungewöhnlich. Das machten die verdammten Gefühle aus einem Kerl, wenn es um eine Frau ging. Wenn ich mich so verhielt, erwartete es jeder von mir. Von ihm hingegen das klare Gegenteil: Überlass es ihren Schwestern, überlass anderen, das steht dir nicht zu.
War das so? Stand es ihm nicht zu. Ich fand schon. Wenn er sich derart in der Pflicht fühlte, sollte er ihr verdammt noch mal halt nachgehen. Was ging es mich denn an? Was ging es irgendwen was an, außer Hanna? Drum mein Rat, mit ihr offen zu reden, die Karten auf den Tisch zu legen, Klarheit zu schaffen für sie und für sich. Ich musste gestehen, ich war gespannt, was dabei letztlich heraus kam.
Als ich die leisen Schritte auf der Treppe hörte, drehte ich mich auf die rechte Seite, leise ächzend, und sah zum Vorhang. Das Kohlebecken erhellte den Raum gerade genug, um die Silhouette zu erkennen und einen schwachen rötlichen Schimmer auf ihrem Haar.
Unweigerlich schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. „Ich bin noch wach.“
Verfasst: Dienstag 17. Januar 2012, 17:38
von Lucien de Mareaux
Feuer und Flamme
Vielleicht wäre alles anders verlaufen, wäre noch jemand dabei gewesen.
So aber konnte ich mich gehen lassen, sie wusste ohnehin, wie es um mich bestellt war. Vielleicht aber hätte ich mich beherrschen können, wäre noch jemand da gewesen, nicht sie allein, sondern vielleicht eine ihrer Schwestern.
Hölle und Verdammnis, hätte ich mich nicht so gelähmt gefühlt, ich wäre laufen gegangen. Ich schwör’s!
Das alles widersetzte sich so vehement meinem Verstand. Brennender Schnee.
Nicht mal im Wasser war irgendwer sicher vor so etwas? Vermutlich nicht. Am schlimmsten aber: Ich hatte keinerlei Kontrolle darüber, keine Möglichkeit irgendwas ab- oder einzuschätzen, außer die Tatsache, dass es vernichtend war. Wenn es mich irgendwann treffen sollte, traf es mich, unvorbereitet, plötzlich, ohne jede Chance dem ausweichen zu können.
Bislang war mir dieser Umstand nie so bewusst gewesen, wie in diesem Augenblick. Gedämmert hatte es mir schon, damals zuhause, aber bewusst gemacht hatte ich es mir nicht. Vielleicht wollte mein Verstand sich dem auch einfach widersetzen, es nicht wahr haben, verdrängen. Jetzt allerdings gab es kein Verdrängen mehr. Die Hitze schien unmittelbar aus der Hölle selbst zu kommen – welcher auch immer, in jedem Fall war es dort unangenehm heiß.
Dann das Gefühl, die Erde gebe nach unter einem.
Mein Verstand sagte mir, dass der Baum, den ich im Rücken hatte, gewiss kein Schutz bot vor dem, was hinter mir geschah. Trotzdem fühlte ich mich nicht in der Lage zu laufen und weiteren Abstand zu nehmen. Dann war da das Hochgefühl von ihrer Seite. Ich konnte es spüren, aber nicht annehmen oder wirklich wahrhaben – wie auch immer ich das umschreiben sollte.
Eigentlich wusste ich, dass mir nichts passieren würde – nicht bei ihr und durch sie. Und trotzdem…
Als es vorbei war, wir wieder zuhause waren, war ich mir erstmal sicher, dass es besser gewesen wäre, wenn irgendwer sonst noch mit dabei gewesen wäre. Ihr Hochgefühl war fort, meine Angst kein Stück. Ich wusste ganz genau, dass es sie verletzte – vielleicht verstand sie es als mangelndes Vertrauen, wundern würde es mich jedenfalls nicht. Ich konnte es ihr gewiss nicht verdenken, aber je länger wir sprachen, desto weniger fühlte ich mich verstanden.
Als dann Worte fielen, die fast schon wie eine Drohung klangen, obschon ich mich dazu durchgerungen hatte, ihre Hilfe anzunehmen, die sie kurz davor gerade angeboten hatte, schwieg ich schließlich und fragte mich im Stillen, was wieder falsch gelaufen war. Es gab Momente, da hätte es mich wütend gemacht. Just in diesem Augenblick fühlte ich mich einfach nur müde und ausgelaugt. Ich hatte längst vergessen, dass Furcht so einnehmend sein konnte, so betäubend und so anstrengend.
Am liebsten hätte ich mich einfach nur eingerollt auf dem Bett, die Decke über mich gezogen und den Abend rundum verdrängt. Dummerweise war das nicht möglich. Ich ahnte, wenn ich das täte, würde sie es falsch verstehen. Hinzu kam, dass es vom Weglaufen nicht besser wurde.
Einmal mehr wurde mir meine eigene Unzulänglichkeit bewusst. Wer oder was war ich schon? Ich hinkte ihr um Längen hinterher. Es war so… frustrierend!
Verdrängung war ein Dämon. Auch das hätte mir von Anfang an klar sein müssen, dass es irgendwann soweit kam. Es war auch nicht so, dass ich nicht stolz auf sie wäre, dass sie stetig dazu lernte, dass sie daran wuchs, dass sie konnte, was sie konnte. Das war ich. Ich wusste es sogar zu schätzen.
Das Angebot. Ich nahm es an. Was blieb auch anderes? Davonlaufen war nicht mein Ding, einschätzen können und wollen schon weit eher, allem Unbehagen zum Trotz. Also bekam ich meine Erfahrung präsentiert, just am vergangenen Abend. Flammen, die keine Hitze spüren ließen, die nicht verbrannten, die nur aussahen als wären sie welche.
Bemüht darum, ihr zu zeigen, dass ich ihr durchaus vertraute, hielt ich ihre Hände fest, die meiste Zeit verkrampft und verschwitzt in der Handinnenfläche, sprach kaum noch ein Wort und brachte alle Selbstbeherrschung auf, die ich hatte, um nicht doch noch einen Rückzieher zu machen.
Der Verstand war der Dämon. Er sagte mir, es müsste schmerzen, es müsste heiß sein, es müsste verbrennen. All das hätte es tun sollen, all das tat es nicht. Bis der Verstand es soweit begriffen hatte, war der Punkt schon erreicht, dass sie abbrach und befand, es wäre an dieser Stelle genug erreicht.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich irgendetwas gebessert hatte zu diesem Zeitpunkt.
Mitten in der Nacht lag ich wach, rührte mich aber nicht, hielt sie weiter im Arm und dachte nach. Was war so anders an dem was vor zwei Nächten passiert war, zu dem, was ich vor Wulfgard erlebt hatte, oder bei dem Vulkangeist, oder… bei der Sache um Yasme?
All das war ebenso eine Urgewalt gewesen, jedes für sich, jedes unterschiedlicher Stärke und Macht, aber Angst hatte ich da keine empfunden – oder zumindest nicht bewusst. An die Schmerzen erinnerte ich mich, die zurückgeblieben waren, daran aufgewühlt gewesen zu sein, an alles mögliche, Details, an einen Blick über die Grenze dieser Welt hinaus in eine, die ich um nichts in der Welt schon betreten wollte. Warum also hatte ich dort keine Angst gehabt?
Die Antwort war so simpel, wie irritierend für mich: Weil ich keine Zeit hatte in den Momenten nachzudenken, sondern allein zum Handeln gezwungen war. Ich stand nicht nur da, und sah zu, wie diese Urgewalt losbrach, sondern verteidigte, kämpfte, schützte oder… funktionierte einfach ohne darüber nachzudenken, was da vor sich ging. Jedes Mal nicht allein für mich, sondern für irgendwen anderes. Mal für sie, mal für eine Schwester, mal für eine Freundin…
Freundin. Vielleicht hätte sie mir eine werden können. Letztlich aber hatte sich so viel geändert, soviel getan, dass die Dinge wohl anders lagen.
Mit der neugewonnenen Erkenntnis drehte ich mich ihr zu und schloss die Augen wieder, in dem Versuch Schlaf zu finden.
Die Welt zerriss vor meinen Augen, als hätte irgend ein kleines Kind ein Stück Pergament in die kleinen grobmotorischen Hände genommen und daran gezerrt und gezogen, bis es entzwei ging.
Ich spürte das Beben von der Fußsohle hinauf in die Haarwurzeln ziehen. Hitze stieg auf und ließ mich zurückweichen, rückwärts kriechend. Stehen war unmöglich. Glut stieg aus dem Erdreich auf. Geschmolzenes Gestein trat über den Rand der Erdkruste und wälzte sich langsam aber stetig auf mich zu. Nicht mehr lange, und es würde mich erreichen…
… als ich die Augen aufschlug, schwer atmend, als hätte ich wissen die Götter was für eine Strecke zurückgelegt. Genauso schweißgebadet war ich auch. Es wurde gerade hell draußen. Mit Mühe löste ich die verkrampften Finger von dem Laken unter mir und setzte mich auf. Ich hatte das Gefühl kaum geschlafen zu haben, fühlte mich gerädert und völlig unausgeruht.
Gewöhn dich dran, wird bald dauerhaft so sein.
Ja, würde es. Wenngleich auch aus anderen Gründen.
Hölle und Verdammnis auf alle Ängste der Welt, auch wenn sie noch so nützlich für einen wie mich sein konnten. Gerade verhielt es sich viel zu gegenteilig für meinen Geschmack.
Verfasst: Mittwoch 18. Januar 2012, 17:47
von Lucien de Mareaux
Eine Geschichte für den Funken
Oder: Was man nicht alles tut, um sich möglichst nicht zu blamieren.
Eigentlich war ich so angenehm erschöpft und blinzelte träge, lauschte auf den regelmäßigen Atem neben mir und rührte mich erstmal nicht.
Du redest gar nicht mit ihm.
Selten, meist nur ein Satz, das stimmte. Aber was sollte ich auch? Er war ja noch nicht mal da! Abgesehen davon war das doch bestimmt mehr als peinlich, und an sich wollte ich mich nicht der Lächerlichkeit Preis geben, indem ich ihren Bauch zuschwatzte. Schon gar nicht, wenn es irgendjemand mitbekam – das galt auch für sie!
Jetzt wähnte ich sie schlafend und schaute kurz nachdenklich zu ihr rüber, versuchte in dem schwachen Licht auszumachen, ob sie wirklich im Land der Träume weilte, rutschte dann im Bett tiefer und damit unter die Decke, leise vor mich hinmurmelnd: „Das ist doch albern.“ Ich stieß einen leisen Seufzer aus und ruckelte mich auf dem Rücken liegend in die rechte Position und fühlte mich wie ein Rotzbengel, der heimlich unter der Decke ein Versteck suchte, um ein verbotenes Buch zu lesen. Ich nuschelte einen leisen Fluch vor mich hin und verstummte schlagartig und blinzelte. Also, wenn das stimmte, was sie sagte, dass der Funken alles hörte, dann sicher auch das. Ich verzog die Miene missgestimmt – Nie mehr Fluchen! So ein… Dreck.
Ich brauchte noch gut ein viertel Wassermaß, bevor ich dann anfing leise vor mich hinzumurmeln, und noch ein weiteres halbes länger, bis das Gefühl verschwand, dass ich mich gerade ungemein zum Trottel machte.
„Es gibt da einen Brauch. Das Funkenfeuer. So heißt es…“
Ich räusperte mich und dachte einen Moment lang nach, seufzte leise und setzte dann schließlich fort:
„Es heißt, in früheren Zeiten wurde es entzündet, um den Winter auszutreiben, für eine gute Ernte im Sommer und Herbst, für eine gesunde Aussaat im Frühjahr und um die dunklen Geister und Gedanken zu vertreiben. Die Menschen zünden es gern am letzten Tag der Sonne im nächsten Mond an. Diesmal wird es in der Nacht sein, zum Jahrestag hin – der von deiner Mutter und mir, also unserem Zusammensein.
Wenn wir Glück haben, fliegen viele kleine Funken gen Himmel auf und viele Sterne stehen dort oben. Dann wird es auch viele Kirschen geben, heißt es. Besser Kirschen, als Nüsse, nicht?“
Ich verstummte einige Momente und dachte nach. Ob das Kind wohl auch eine Aversion gegen Nüsse entwickelt hatte, wie sie? Wenn es schon angeblich die Stimmen hörte, oder schon jetzt Zuwendung verstand, dann hatte es bestimmt schon Vorlieben, was irgendwelche Essenssachen oder Getränke anging. Ich räusperte mich kurz und erzählte dann ganz leise weiter, noch immer im festen Glauben, dass sie schlief, ohne aber wirklich darauf zu achten, ob es sich wirklich so verhielt.
„Nächstes Jahr entzünden wir gemeinsam ein Feuer und schauen zu wie hoch die Funken fliegen und wie viele Sterne am Himmel stehen, damit wir wissen, ob es eine gute Ernte gibt und wir genug zu Essen auf den Tisch bekommen werden. Dieses Mal müssen wir noch für dich mitschauen.
Es heißt auch, dass einer der Funken, die da gen Himmel stiegen, so weit hinauf flog, dass er die ganze Welt sehen konnte. Angeblich grüßte er sogar die Götter auf seinem Weg. Der Wind trieb ihn höher und höher, ließ ihn tanzen, aufglimmen, wieder dunkler werden und wieder heller. Wenn ein Funken jauchzen könnte, hätte er es bestimmt getan. So weit war der Blick von dort oben, so friedlich und so fern alle Gräuel, die die Welt zu bieten hatte. Nur wo er gelandet ist, darüber ist nichts bekannt.“
Wieder verfiel ich ins Schweigen und verlor mich in meinen eigenen Gedanken für eine Weile.
„Weißt du, obwohl deine Mutter das Feuer in mir sieht und erkennt… ich glaube, ich habe es sogar selber erkannt, als sie es mir gezeigt hat damals… fürchte ich mich davor. Trotzdem bist du unser Funken und aus einem Funken entsteht so manches Mal ein hell loderndes Feuer, nicht wahr? Irgendwann wirst du diese Widersprüchlichkeiten des Lebens selbst kennen lernen und vermutlich genauso wenig verstehen wie ich. Ich hoffe, dass ich es bis dahin werde, irgendwer muss es dir ja dann erklären…“
Die letzten Worte waren mehr genuschelt, als noch verständlich ausformuliert, denn ganz allmählich schlug die Erschöpfung dann doch zu und ließ mich wegdämmern, dort, unter der Decke, verräterischerweise.
Verfasst: Montag 30. April 2012, 16:36
von Lucien de Mareaux
Die kleinen Dinge des Lebens
Es hatte sich einiges geändert, soviel stand fest.
Die Aufgaben wurden – selbstgewählt – verlagert, waren im Grunde kleiner, aber nicht weniger verantwortungsvoll, nur für mich persönlich zu erreichen gab es dabei nichts, sondern eher für den Nachwuchs, der uns wenigstens den Segen gönnte, ein ruhiges und zufriedenes Kind zu sein, das nur dann lautstark Protest einlegte, wenn Hunger, Müdigkeit oder die Windel quälte.
Tatsächlich war der Tag angefüllt mit dem solcherlei Dingen, Vorbereitungen für später, aufräumen, Berge von Wäsche, und so weiter und so fort. Raus kam ich tatsächlich nur noch selten, aber das kümmerte mich nicht. Bauchweh bereitete mir eher das bevorstehende Gespräch, sofern es jemals stattfinden sollte. Mein Talent ihn zu verpassen, war mittlerweile so grandios, wie meine Fähigkeiten, Talente, und angelerntes immer mehr einrosteten.
War das die Weiterentwicklung meinerseits? Oder eher Rückentwicklung?
Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit sich umzuorientieren. Wohin, wussten die Götter allein. Ich hatte keinen wirklichen Plan, was meinen weiteren Weg anbelangte, was bedeutete, dass sich dieser Zustand nach wie vor nicht veränderte, obschon ich bisweilen hier und da dachte, es täte sich etwas auf. Dann aber schlief es wieder ein, und dieses Mal lag es gewiss nicht an andere, sondern an mir selbst.
Tatsächlich entwickelte ich mich immer mehr zu einem Kerl, der mehr für das Häusliche sorgte, was in einigen Kulturen garantiert mehr als schräg beäugt werden würde – wenn nicht gar sogar in unserer hier. Ja, es mochte ungewöhnlich sein, aber bislang missfiel es mir nicht. Das was mir mehr aufstieß, war das Benehmen so einiger Gören und ihr Betragen im Allgemeinen. Nichts, womit ich mich wirklich aufhalten wollte oder es gar tat. Nur dann und wann kam es mal wieder an die Oberfläche, sorgte für ein kurzes Schnauben und war schon wieder vergessen.
Weit mehr wurmte mich da jemand anders. Da war zum einen die Eifersucht, die ich jüngst verspürte – ja vielleicht unbegründet, aber irgendwas ließ wirklich sämtliche Alarmglocken schrillen, und das nicht nur des einen Gefühls wegen. Da war noch mehr. Viel mehr.
Irgendwas stimmte nicht mit diesem Sack. Nicht nur, dass er maßlos viel auf sich gab und von sich hielt, da war weit mehr als das.
Eigentlich ließ mich dieses brennende Jucken zwischen den Schulterblättern, dass ich jedes Mal empfand, wenn ich nur drüber nachdachte, sonst dazu übergehen, dem nachzugehen, Steine in den Weg zu legen wo es möglich war, und ähnliches mehr. Als ich aber darüber nachdachte, verließ mich direkt die Motivation. Ob das nun gut oder schlecht war, mussten früher oder später vermutlich eher andere beurteilen und nicht ich. Vielleicht aber sorgte es auch für eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die eigene Familie.
Mit einem Seufzen kümmerte ich mich um das größte unmittelbare Übel: Eine vollgeschissene Windel, die selbst einen Oger in die Flucht geschlagen hätte dem Gestank nach. „Oh, Jeremiah! Werde erwachsen! Oder zumindest stubenrein! Los!“
Am liebsten würde ich ihr verbieten wieder dorthin zu gehen, aber das ging nicht. Abgesehen davon konnte ich mir schon vorstellen, wohin diese Diskussion führen würde. Ein weiterer Streit, Unfriede im Haus, Unverständnis auf beiden Seiten, fieses Austeilen beiderseits, bis irgendwas – oder irgendwer – in Flammen stand.
Nachdem der Kleine wieder sauber und anständig angezogen war, kam mir die Frage in den Sinn, ob wir eigentlich glücklich und zufrieden waren. In dem Moment fing der Knirps an mit den Armen und Beinen zu rudern und munter vor sich hinzubrabbeln und zu quietschen. Das vertrieb wirklich alle trüben und weniger guten Gedanken. Ich hob den Jungen hoch und nahm ihn mit nach unten, inklusive seines Kaudietrichs, und wir machten es uns vor dem Kamin gemütlich, gesellten uns damit zur Frau Mama.
Verfasst: Freitag 4. Mai 2012, 19:22
von Lucien de Mareaux
Schritt für Schritt
Ein Bastard blieben Bastarde. Ich war mir sicher, der war einer der ganz besonderen Sorte. Was hätte ich ihm gern den Hals umgedreht, und was war er vorsichtig geworden, als er mitbekam, dass wir verheiratet waren.
Zwei oder drei Tage zuvor war er keineswegs so klug gewesen – und ich traute dem Braten kein Stück. Genau wie ich es vorausgeahnt hatte, wollte er zur weiteren Untersuchung vorbeikommen. Das hätte er wohl gern gehabt, dieser Troll. Wirklich, ich beglückwünschte den Kerl inständig zur ausgerutschten Faust. Wenn es nach mir ginge, hätte er ihn völlig zu Brei schlagen dürfen, bestenfalls hätte er sich den Moment gewählt, in dem keine Heilerin da gewesen wäre.
Andererseits gab es auch gute Nachrichten, Fortschritte in die richtige Richtung, für mich richtige Richtung. Obschon ich ihn regelrecht überfallen hatte mit meinem Vorschlag, Wunsch, wie auch immer man es nennen wollte, begegnete er mir entspannt, aufgeweckt und gesellig. Trotz alldem ließ er aber auch keinen Zweifel daran, wo sein Platz im Weltengefüge war und wo der meine. Ich beneidete ihn kein Stück um den seinen. Für mich gab es genug Verantwortung und Pflicht, was die eigene Familie betraf, die ich gern trug, aber für mehr? Nein.
Etwas amüsiert lauschte ich der Erzählung, wie ihm der Platz zugewiesen wurde, den er innehatte, und stellte einmal mehr fest, dass die Götter garantiert einen eigenen sehr verschrobenen Humor besitzen mussten, der den Menschen nicht immer auf den ersten Blick einleuchtete. Sein weiteres Vorhaben konnte ich nur z u gut verstehen. Das war allenfalls der einzige Grund, der eine kleine Spur Neid hervorbrachte, denn solcherlei Möglichkeit war mir gewiss nicht gegeben, sollte irgendwann der Tag kommen, an dem ich selbiges tun wollen würde. So hatte eben alles seine Vor- und Nachteile. Für mich gab es da auch noch andere Wege, ganz bestimmt, aber ob ich diese dann beschreiten würde…
Indes blieb zu hoffen, dass es dazu niemals kam – und alles dafür zu tun, dass es nicht geschah. Allerdings… wer konnte schon sagen, was unser Funken tat, wenn er erst einmal alt genug war, seine eigenen Wege zu beschreiten? Die Götter vielleicht. Der Stern, die Streitbare…
Der Ausgang des Gesprächs erfüllte mich jedenfalls mit Zuversicht, und dieses Mal entschied ich nicht sofort, wie so oft zuvor schon. Dieses Mal besprach ich mich erst mit ihr, bevor ich meine Entscheidung mitteilen wollte.
Sie freute sich für mich. Trotzdem fragte ich mich nach wie vor, ob die Freude von langer Dauer sein würde und nicht alsbald schon wieder ein Streit darüber entbrannte. Natürlich hoffte ich, dass dem nicht so sein würde, aber auch da galt: Wer konnte es denn heute schon sagen? Und so wie ich mich kannte, lieferte ich garantiert den Grund dafür früher oder später.
Trotzdem, ich war mehr als froh drum, wie es dieses Mal gelaufen war.
Also nahm ich ein Pergament, verfasste kurz eine Zeile und am frühen Morgen machte ich mich auf den Weg, dieses kleine Stück bei der Wache vor den Gemäuern abzugeben, mit der Bitte es an den Adressaten zu übermitteln.
Ich nehme an. – L. M.
Nicht mehr und nicht weniger sollte man auf dem Pergament finden. Er würde damit schon etwas anzufangen wissen, davon war ich fest überzeugt. In der Zwischenzeit wollte ich mir ebenfalls etwas überlegen, wie ich in Kontakt treten konnte, ohne Aufmerksamkeit von irgendwem zu erregen. Mir gefiel der Gedanke nicht sonderlich die Möglichkeiten zu nutzen, die mir genannt worden waren. Mochte die Schnüffelnase seine Arbeit tun, ich zog es vor, der meinigen nachzukommen, ohne unter ständigem Verfolgswahn zu leiden. Der stellte sich jetzt schon ein, musste ich feststellen. Alle Nase lang sah ich mich um, fühlte mich beobachtet und hasste dieses Gefühl abgrundtief.
Mochte es irgendwann nützlich sein für mich, gefallen musste es mir trotzdem nicht. Wohl der einzige Punkt, an dem ich nicht offen gewesen war. Katz und Maus. Wollte doch mal sehen, wer die Maus war und wer die Katz. Da war die erste Herausforderung und ich nahm sie an, vermutlich ziemlich kopflos, aber es war auch eine gute Übung. Eine, die mich wieder ins Spiel bringen durfte und konnte.
Ich konnte es nicht leiden, nicht zu wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Wirklich nicht. Aber zu ändern war es at hoc auch nicht. Vielleicht mit der Zeit. Ganz vielleicht. Wenn es doch schon über eine lange Zeitspanne so lief, wie er sagte, war die Wahrscheinlichkeit gering dahinter zu kommen. Aber, wie sagte mein Vater stets: Versuch macht klug.
Alles weitere blieb abzuwarten.
Verfasst: Freitag 18. Mai 2012, 15:53
von Lucien de Mareaux
Es war kurz vor Morgengrauen, als ich mir nach einer längeren Weile den Weg hinauf auf das Dach unseres eigenen Hauses suchte. Kalt war es darüber hinaus. Es war schwer zu glauben, dass der Frühling Einkehr gehalten hatte. Die ersten Momente fröstelte ich da oben, als ich auf den Schindeln Platz nahm und zur Bibliothek hinüber sah. Mein erster Gedanke galt der Kälte, und die Frage, die kommen musste, folgte auf dem Fuße: Wie zur Hölle hatte ich das früher ertragen, als es noch viel kälter war und ich noch eine kleine Ratte unter vielen, die auf der Straße lebten, war?
Mit einem Seufzen zog ich das Hemd enger um mich, als könnte das etwas Abhilfe schaffen und wartete darauf, dass die Sonne es schaffte über das Gebirge zu klettern.
Einmal mehr stellte ich mir die Frage, wie es nun weiter ging. Just Arbeit gefunden, war es durchaus möglich, dass ich diese alsbald wieder verlieren könnte. Dazu kam der Zwischenfall an der Kutsche, der mir einiges zunichte machen konnte. War wohl an der Zeit jemanden mal aufzusuchen und ein paar Dinge aufzuklären, wie es schien. Nicht, dass es mir gefiel, aber nötig war es wohl. Dafür galt es auch eine gewisse Vorbereitung zu treffen, die eigentlich schon längst hätte gemacht sein sollen. Ich wurde eindeutig zu unvorsichtig. Auch das sollte ich dringend ändern. Vorerst blieb an einem der ganzen Punkte jedoch nur Abwarten.
Dann abermals der Vorfall an der Kutsche. Etwas daran, was mir zu denken gab.
Vertrau mir einmal…
Klar, ramm mir den Dolch in den Rücken. Wie wär’s?
Ich seufzte. Ja, ich hatte es trotzdem getan, hoffte, dass der Zwerg es nicht mitbekam. Wäre nicht so glücklich. Fakt war jedoch, dass dieser verdammte Troll Wort hielt und er sich damit einen gewissen Respekt verdiente, der sich ganz automatisch bei mir einstellte, wenn so etwas geschah. Wie ich das nicht leiden konnte!
Entsprechend friedlich, fast schon kumpelhaft, fiel das nächste Aufeinandertreffen aus. Vielleicht hätte er unter anderen Voraussetzungen etwas Ähnliches werden können, irgendwann. Einerlei.
Flau wurde mir im Magen, wenn ich ans Dorf dachte. Ich hatte ihm den Rücken gekehrt, endgültig. Wie wollte man Leuten helfen, die kein Interesse daran hatten? Wie wollte man aus einem Dorf etwas machen, das selbst nichts aus sich machen wollte? Was sollte aus einem Dorf werden, auf dem die Götter nicht mal mehr einen Blick zu werfen schienen?
Ich wünschte Beldan viel Glück, von ganzem Herzen, aber ich war dafür wohl kaum der Richtige. Für das Dorf hoffte ich, dass es wieder aus seiner Misere herausfand. Es war mir lange genug eine Heimat gewesen, auch wenn ich mittlerweile kaum noch etwas von dem wieder fand, was mich dort gehalten hatte die ganze Zeit über.
Keine Ahnung, ob Seventus Recht hatte, wenn er sagte, dass ich nur hätte rufen müssen, damit die Leute folgen. Vielleicht. Wobei ich bei einigen doch sehr daran zweifelte. Allen voran Gören wie Aniviel, die statt der Versammlung, die alle Bürger betraf, beizuwohnen, sagte, sie wäre nur zum Arbeiten hier. Soviel impertinentes Desinteresse hatte ich noch nie erlebt, soviel Dreistigkeit und Frechheit auch nicht. Ich schätze, wäre Lairja nicht dabei gewesen, es wäre der Moment gewesen, in dem ich mich völlig vergessen hätte.
Da saßen wir dann kurz drauf, die Scherenbruecks und ich, mit der Feststellung, dass wir alle einige Fehler gemacht hatten. Bürger, die wir zuließen, die hier einfach nicht hingehörten, ob nun durch Abwesenheit oder Zustimmung, und so weiter, und so fort. Es tat im Herzen weh, aber ich musste feststellen, dass ich weder die Motivation in mir fand, irgendeinen Versuch der Änderung zu wagen, noch überhaupt eine Idee, wie es funktionieren könnte. Beldan hatte einen Vorschlag vorgebracht, der in sich Rund schien. Warum sollte ich ihm diese nehmen und als meine verkaufen? Abgesehen davon war es in seinen Händen eindeutig besser aufgehoben. Und… wenn ich ehrlich war, ich hatte das Amt nur angenommen, um den Leuten vorübergehend zu ermöglichen Bürger zu werden, nicht mehr und nicht weniger. Wirkliche Überzeugung hatte mich damals nicht getrieben. Ich hatte mich nicht mal wirklich gemeldet gehabt und ein Scherz meinerseits wurde gleich für bare Münze genommen. Nun, sei es wie es sei… das Bonbon war nun auch gelutscht.
Was mir viel mehr Kopfzerbrechen bereitete war das Fräulein. Keine Ahnung, was ich von dem Früchtchen halten sollte. Wie sie ihre Prioritäten setzte, wirkte sehr skurril auf mich, irritierend. Dazu dieses… Missverständnis, das für mich eigentlich keines war, sondern schlicht eine klar unterschiedliche Sicht der Dinge.
Allein darüber nachzudenken, brachte die Nackenhaare dazu sich aufzurichten. Bisweilen war ich doch versucht mir zu wünschen ein Hund zu sein, um zu zeigen, was ich von so manchem hielt. Aber – Schwamm drüber. Alles auf Anfang. Was blieb auch anderes?
Es würde sich wohl zeigen, wie gut sie lernte, wie sie klar kam. Eines allerdings sollte ich wohl noch mit meiner Frau besprechen. Ich wollte etwas vorschlagen, allein für die Umsetzung fehlte mir die Idee, ohne zuviel zu verraten. Mein Einfallsreichtum war wirklich schon mal größer gewesen, verdammte Naht. Aber es käme mir in vielerlei Hinsicht entgegen bei dem, was sonst noch zu tun war.
Mit einem Seufzen rutschte ich so leise als möglich vom Dach hinunter, landete mit den Füßen auf dem Tisch und sprang von dort auf den Balkon. Mittlerweile war es etwas wärmer geworden, aber noch weit vom Angenehmen entfernt. Ich fröstelte gehörig und beeilte mich hinein zu kommen, die Türe leise hinter mich schließend, um niemanden unnötig aufzuschrecken.
Klarheit war etwas, was im Augenblick an allen Ecken und Enden fehlte. So einiges war seltsam verlaufen. Da hieß es wohl die Augen offen halten. Und eines stand für mich fest. Der Weißschopf sollte sich zunehmend von dort distanzieren. Dringend.
Und noch etwas: Die Bücher, die das Leben schrieb, waren voller Brechmittel! Wahrlich und wahrlich! Wer etwas Besseres wollte, musste verdammtes Glück haben - mein Glück, dass ich wenigstens bei einem sehr beständig das Beste hatte (zumindest verhielt es sich für mich persönlich so): Meine Familie.
Verfasst: Donnerstag 14. Juni 2012, 18:57
von Lucien de Mareaux
Es war nicht so, dass ich sagen könnte, dass die Ereignisse sich überschlugen.
Eigentlich war es sogar viel zu still für meinen Geschmack, viel zu friedlich, fast schon langweilig. Trotzdem kam dann und wann eine Nachricht an. Die letzten zwei brachte meine Frau mit nach hause und sie waren alles andere als gut.
Talana und Tayron.
Der mangelnden Ereignisse zum Trotz hatte ich genug zu tun, um mich nicht damit zu befassen oder darüber nachdenken zu müssen. Der Nachwuchs bot reichlich Ablenkung, gelegentlich auch so einiges andere.
Wieder eine „Neue“, wie es schien. Meine Frau machte sich Sorgen, dass sie zu schnell allen möglichen Leuten vertraute. Schon wieder. Von der kürzlich Gefundenen sah und hörte man nichts mehr. Wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht war das meine Schuld, ich war ziemlich schroff unterwegs gewesen. Schuldgefühle hatte ich deshalb trotzdem keine nach näherer Betrachtung. Ich konnte dieses ständige Fortlaufen aus unangenehmen Diskussionen oder gar kleineren Streitigkeiten auf den Tod nicht ausstehen. Ja, dazu ließ sicherlich jeder einmal verleiten, aber nicht immer und jedes Mal.
Ja, was hielt ich von ihr? Nicht viel, wenn ich ehrlich sein wollte. Rein äußerlich dürfte sie in etwa in meinem Alter sein. Innerlich war sie vielleicht gerade mal an die 15 Sommer heran gekommen.
Ich bin missbraucht worden. – Oder war es misshandelt gewesen? Eines von beidem. Von irgendeinem Kerl. Schön und gut. Was mir überhaupt nicht einleuchten wollte, wieso ich das Gefühl nicht loswurde, dass sie sich trotzdem gleich an den erstbesten heran warf und sobald irgendwas mit einem „dritten Bein“ am Balg daher kam, sofort ihre Aufmerksamkeit dort lag und alles auf zwei Beinen und genauso Frau wie sie, völlig in den Hintergrund geriet.
Am bodenlosesten an Frechheit war für mich die Einladung zum Wein, während meine Frau auf der Treppe saß oben. Oh, ich wusste, dass sie dort war. Wusste es schon vorher, bevor ich sehr bewusst hinsah, damit unser Frischling es auch bemerkte. Die Einladung galt nur mir, nicht Maja. Das war gerade mal ein paar Stunden – vielleicht ein paar Tage – nach ihrer Einweihung und Aufnahme gewesen? Nicht sehr lange danach. Und eigentlich hätte sie sich da eher mit ihren Schwestern beschäftigen sollen, sich dort um ein Kennenlernen bemühen müssen und nicht bei mir oder irgend einem anderen Kerl. Und noch viel weniger bei mir ganz allein!
Mir war fast die Naht geplatzt, soviel stand fest. Gut, die Situation wurde recht zügig von mir geklärt durch eine klare Weigerung und klare Ansage, wo sie wohl besser zusehen sollte, Fuß zu fassen.
Lieblingsschwester. Dafür wollte ich sie am liebsten ersäufen. Ärgerlich, wenn man nicht durfte. Nicht nur, dass sie mich damit zum Weib machte, was mir ganz und gar nicht gefiel, eine Schwester war ich noch viel weniger, nicht mal ein halber Bruder, würde es nie sein und auch nie etwas daran ändern. Diese ganze Liedfuscherei erfüllte mich noch immer mit leisem Unbehagen, auch wenn ich es mittlerweile unter Kontrolle hatte, nicht mehr gleich Reißaus zu nehmen. Und… mit einem stillen Neid. Das Bewusstsein, es nie wirklich verstehen zu können, niemals so wahrnehmen zu können, wie sie, das war manches Mal sehr frustrierend. Ich erinnerte mich noch immer gut an den Moment, wo sie mir ein wenig mehr davon gezeigt hatte und ich versuchte, völlig unbeholfen, viel zu neugierig und unbedacht, über sie zuzufassen und.. das war dann der Moment, wo das Ganze auch schon endete. Ich hatte sie damit verletzt, ungewollt, oder ihr in jedem Fall geschadet irgendwie. Zwar hielt es nicht lange an, aber besser machte es das auch nicht.
So, nun… da hatten wir also nun eine „Neue“, die von ihrem Glück noch nichts ahnte. Ich tippte darauf, dass sie es vielleicht nicht direkt annahm, auch wenn ich dafür meine Hand nicht ins Feuer legen würde.
An und für sich schien sie ganz in Ordnung zu sein, auch wenn sie sich offenbar gern Schuhe anzog, die ihr gar nicht gehörten. Aber das war nur der erste Eindruck, weitere blieben eh noch abzuwarten. Diese ablehnende Haltung gegenüber gewissen Behauptungen, die auf diverse Frühlingsgefühle anspielten, amüsierte mich eher. Es ging einfach nicht, sie dahingehend ernst zu nehmen. Die Körpersprache erzählte etwas anderes, das gesamte Verhalten ohnehin. Es war einer dieser Momente, in die ich selber auch schon mal hineingeraten war: Das war dieses: Alle wussten es, nur sie selbst nicht.
Nicht, dass es mich mit Begeisterung erfüllte. Irgendwas daran stank mir, allerdings hätte ich nicht zu sagen gewusst, was genau. Letztlich aber war das ohnehin nicht meine Entscheidung – nein, die Erinnerung hätte ich nicht gebraucht, bekam sie von meiner Frau aber trotzdem. Ja, natürlich hatte sie Recht damit. Nein, es musste mir trotzdem nicht gefallen. Ich wettete, es brauchte keine zwei Wochen, und dieser Kauz wusste zuviel. Das war es bestimmt, was mich die ganze Zeit wurmte. Vielleicht aber auch seine Art und Weise das Maul nicht aufzumachen, wenn er sich gestört fühlte, dann mit halbgarem Interesse ankam und aus nur zu offensichtlichen Gründen eine Einladung ablehnte. Der hätte sich auch einfach „’tschuldigung… ficken?“ auf die Stirn malen können.
Bei allen Mächten, wäre ich ein Weib, dem hätte ich in die Glocken getreten allein für seine Plumpheit! Ehrlich, verdient war immerhin verdient.
Das Mädel war eindeutig an so einem Kerl vergeudet, aber – ich erinnerte mich noch mal an die Worte meiner Frau – es ging mich nichts an, es war nicht meine Angelegenheit und Entscheidung.
Übers Knie legen und Vernunft einprügeln…
Träge erhob ich mich von der Bettkante, als die ersten Sonnenstrahlen sich hervortrauten. Zwar erreichten sie unser Haus erst gegen Mittagszeit, aber das Licht, dass durch die Fenster hereinfiel, verriet mir genug.
Sowohl der Kleine, als auch Frau Mutter, schliefen noch und ich wollte beide nicht vor ihrer Zeit wecken. Also schlich ich mich barfüßig, die frischen Klamotten unterm Arm geklemmt nach unten ins Bad. Die Sachen sauber beiseite gelegt, stieg ich ins kühle Nass und ließ mich vom Wasser beplätschern, dass aus der Wand hervordrang. Ein Hoch auf den Baumeister und diesem grandiosen Einfall.
Meine Gedanken irrten wieder zum Anfang zurück, zu dem, womit ich mich eigentlich nicht befassen wollte. Was sollte es auch bringen? Hin war hin, den Tod überlisten konnte schließlich niemand. Aber dass dieser Idiot sich hatte erwischen lassen vor jeder Zeit, dafür hätte ihn am liebsten zurückgeholt, um ihn selbst gleich wieder umzubringen. Nein, ich wollte nach wie vor nicht wissen, wie sie beide gestorben waren. Nur zu gut wusste ich, dass ich mich davon zu irgendwelchen Blödsinn verleiten ließ, um meiner einfältigen Rachelust zu folgen. Wenn ich eins nicht wollte, dann in mein altes Leben abzurutschen. Schon allein deshalb nicht, weil ich an mehr denken musste, als nur noch an mich.
Eines jedoch stand fest: Der Freund, den ich hier gefunden geglaubt hatte, war nicht mehr. Wussten die Götter, warum es so sein sollte. Irgendeinen Plan hatten sie vermutlich dahinter, der mir nicht passen musste. Vielleicht war es einfach an der Zeit einzusehen, dass ich für solcherlei ohnehin nicht unbedingt geschaffen war.
Nach dem Bad kleidete ich mich an, ging hinauf in die Küche und bereitete ein Frühstück vor, bei dem mir der Magen schon auf Grundeis ging. Trotzdem sollte der erst beruhigt werden, wenn beide oben wach waren. Irgendwie schien mir das gerade wichtig zu sein, das gemeinsame Frühstück.
Sollte doch alle anderen der Dämon holen oder so…
Verfasst: Freitag 9. November 2012, 22:32
von Lucien de Mareaux
Einer Laute leise Klänge entlocken war, wenn man sie zu spielen verstand, nicht schwer. Ich hatte das Instrument schon lange nicht mehr in den Händen gehabt. Die ersten Lieder, die ich darauf zupfte, waren sehr einfache und ich merkte schon da die Saiten schmerzhaft an den Fingern.
Mittlerweile griff ich jeden Tag danach. Zumeist, wenn Jeremiah auf den Fellen herumrobbte und muntere Geräusche von sich gab, oder kurz vorm Einschlafen war und mich dann aus großen oliven Augen gebannt anschaute, bis die Lider niedersanken und er einschlummerte.
Dem Jungen schien Musik förmlich in sich aufzusaugen, in jedem Fall zu lieben. Aber so war es meist bei Kindern. Beruhigendes Summen, ein leise gesungenes Lied, wenn sie wach waren auch gern laut.
Mir fiel auf, wie viel mehr der kleine Kerl schon mitbekam, als noch in den ersten Wochen, und auch wenn ich ihn täglich sah, wie sehr er gewachsen war.
Obschon Jeremiah bereits tief in seine Träume versunken war, hörte ich nicht auf zu spielen. Die Laute gab mir einige Momente Frieden. Etwas, was ich zunehmend verlor. Wieso? Weil ich ein Idiot war und bin und immer einer sein werde.
Mit dem klaren Bewusstsein, es niemandem je völlig recht zu machen, hatte ich mich mit vollem Elan, Enthusiasmus und absoluter blödsinniger Vernarrtheit dieser Erkenntnis entgegen geworfen, und war mit aller nötigen Naivität davon ausgegangen, dass ich der Welt das Gegenteil beweisen könnte.
Das Resultat: Dem einen Herrn den Rücken gekehrt, der andere ist kurz nach Einstieg verreckt und mittlerweile hütete ich das Haus wie eine alte Vettel, die sich eifersüchtig um die Kleinsten kümmerte. Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte:
Lucien, du wirst irgendwann Vater, du bleibst mit deinem Arsch zuhause und hütest dein Balg, während dein Eheweib ihren alltäglichen Aufgaben nachgeht…
Ich hätte ihn für verrückt erklärt, ja, ausgelacht.
Umso bitterer, dass derjenige Recht behalten hätte. Nein, ich war schon längst nicht mehr, der ich einmal gewesen bin. Seit etwa einem guten Jahr nicht mehr. Mindestens. Es fing ja schon an vor Jeremiahs Geburt – und ich sollte auch sagen, dass den Jungen keine Schuld trifft.
Ich gab auch Majalin keine Schuld daran. Letztlich waren es meine Entscheidungen, die mich hierher gebracht hatten, und ich bekam den Hintern nicht mehr hoch, etwas Neues daraus zu machen.
Immerhin waren die Streitereien weniger geworden. Das schon. Aber zufriedener machte es uns beide nicht wirklich. Ich merkte durchaus, dass Maja unter meiner Unzufriedenheit litt. Zu müde von all dem, war ich nicht bereit irgendetwas daran zu ändern.
Ich wurde gewiss auch launischer mittlerweile. Es fehlte mir der Antrieb, ich brütete vor mich in – wobei ich dazu sagen sollte, dass ich dabei zu keinem Ergebnis kam, das mich zufrieden stellte oder ich gar nur vor mich hinstarrte, ohne irgendwelche klaren Gedanken zu fassen.
Und warum das alles?
Im Grunde nur einzig und allein au dem Antrieb heraus, endlich einmal alles richtig zu machen, Anerkennung zu finden und positive Aufmerksamkeit. Ganz bestimmt hatte ich sie sogar zwischenzeitlich erhalten, im Kleinen wie auch im Größeren, aber es war nicht genug gewesen, also machte ich weiter, wie ich meinte, dass es weitergehen könnte. Und nun saß ich im selbst aufgestapelten Scheißhaufen und bewegte mich nicht mehr hinaus.
Das Dämlichste dran war: Ich war mir dessen in vollem Umfang bewusst.
- Und ich tat nichts, um es zu ändern.
Vom Streuner zum häuslichen Gatten und Vater. Vom Schausteller zu.. ja, ich sagte es ja bereits.
Nein, es füllte mich nicht aus. Nein, ich war nicht zufrieden.
Amüsant, dass andere glaubten, es sähe in meinem Leben so rosig aus, und dass ich es noch immer schaffte es mit selbstbewusstem und vorlautem Auftreten den Schein zu wahren. Doch ganz allmählich fiel auch das mir schwer.
Tatsächlich wollte ich auch an diesem Abend daheim beim Jungen bleiben, anstatt mit zum Fest zu gehen. Früher einmal… nun ja, vor einem Jahr vielleicht mal, da liebte ich Feste, und ließ mir keine Gelegenheit zu feiern entgehen. Mittlerweile waren sie mir zuviel geworden, weil ich Schwierigkeiten hatte die Ausgelassenheit und Fröhlichkeit zu teilen. Es war mir zuwider geworden.
Und mit allem und vollem Bewusstsein und aller Konsequenz war ich zu jemandem geworden, den ich innerlich zutiefst verabscheute. Ebenso war mir sehr klar, dass nur ich selber etwas dran ändern konnte, aber ich war mir nicht mal sicher, wo ich damit beginnen sollte.
Die Laute war vielleicht schon ein kleiner Beginn. Noch immer lockte ich leise Klänge aus ihr hervor und genoss den Frieden, den sie dadurch schenkte, den Blick mittlerweile in die Ferne gerichtet. Die Melodie war eine, die sich selbst trug. Sie brauchte keinen Gesang zur Unterstützung. Danach wäre es mir auch gar nicht gewesen.
Ich sollte der glücklichte Mann der Welt sein. Ich sollte zufrieden sein. Immerhin hatte ich doch alles, was ich je haben wollte. Aber ich fühlte mich fast so elend, wie zu dem Zeitpunkt, als man mich damals ins Loch warf. Nur der Aufprall, der war noch nicht da gewesen. Aber vermutlich war auch das nur noch eine Frage der Zeit.
Verfasst: Freitag 16. November 2012, 12:54
von Lucien de Mareaux
Ich stand bestimmt schon seit ein oder zwei Stunden neben dem Kinderbett am Fenster und sah hinaus in die Dunkelheit, die in dieser Nacht nicht so recht kommen wollte. Die Bibliothek brannte immer noch, also hielten wir die Fenster geschlossen. Ich wollte solange kein Auge zu tun. Irgendwann hörte man ein lautes Krachen und ein wahrer Springbrunnen an Funken stob auf und wurde vom Wind davon getragen.
Fasziniert und zugleich einmal mehr erschrocken über die Gewalt des Feuers, sah ich dem Funkenregen zu, wie er nach und nach wirkungslos erlosch. Zum Glück stand der Wind günstig und trug nichts davon in die Richtung der nahe stehenden Wohnhäuser.
Dass das Kloster erhöhte Aufmerksamkeit zeigte bei Vorbeigehenden, das war mir auf dem Heimweg von Bajard aufgefallen. Dort brannte es ebenfalls. Ich fragte mich ernstlich, ob das wirklich die Gleichen gewesen waren, die die Bibliothek heimgesucht hatten.
Mein Bauchgefühl sagte mir nach all den Aufzählungen von Beldan etwas anderes. Auch wenn ich es nicht für ungewöhnlich hielt, würde sich Rahal mit fremden Federn schmücken.
Es gab einige von diesen Leuten in Bajard, die ich wirklich nicht ertrug. Graulist war einer davon. Nichts desto trotz war ich mir nicht sicher, ob es nicht eine ordentliche Tracht Prügel auch getan hätte. Das Dorf war vom Funkenflug noch weit mehr gefährdet, als wir hier in der Nähe der Bibliothek.
Ich fragte mich zudem, wie viel von all dem Nym geahnt hatte. Als er zu Besuch war, wirkte er eigentlich gelöst, zumindest bis zu dem Moment, an dem er feststellte, dass ich keine Gemeinsamkeiten finden konnte, die mich zu einer Freundschaft trieb, wenn die einzige Verbindung zwischen dem Mann und mir Neyla sein sollte.
Noch viel weniger wollte ich einem Fremden in irgendeiner Form meine Vergangenheit vor die Füße werfen oder gar darüber reden. Ich sprach selbst mit Majalin selten darüber, und wenn nicht sonderlich tiefgehend.
Und noch einmal fragte ich mich, worin er glaubte Gemeinsamkeiten zu sehen. Darin, dass sie mit ihm ins Bett gegangen war, sofern das überhaupt so geschah? Was konnte man sich darauf einbilden? Doch wohl nicht viel. Abgesehen davon war das niemals eine Gemeinsamkeit, die man mit wem anders hatte, außer mit dem, mit dem man teilte. Also was wusste er schon?
Gleichzeitig warf es die Frage auf: Was wusste der Kerl sonst noch von mir?
Natürlich machte mich sein Auftritt misstrauisch, aber das schien er nicht zu verstehen. Darin immerhin hatten wir tatsächlich eine Gemeinsamkeit: Ich verstand ihn ebenso wenig. Ich fragte mich wieder und wieder, ob er gehofft hatte über Neyla gewisse Bande zu knüpfen. Er sprach davon, dass man sich doch gegenseitig helfen müsste. Wobei?
Und wieso ging er davon aus, dass eine Frau, die ich vor - für mich - unendlich langer Zeit hinter mich gelassen hatte, eine solche Verbindung hervorrufen könnte. Er musste wissen, dass wir uns nicht im Guten getrennt hatten, sonst hätte er die Worte nicht gewählt, wie er es hatte. Trotzdem war ich nicht bereit gewesen darauf einzugehen. Nur einen Moment war ich versucht ihn nach draußen in den Garten zu schleifen und ihn vor Etiennes Grab zu stellen und ihn zu fragen, ob er noch immer glaubte, wir hätten den gleichen Weg hinter uns.
Ein Gutes hatte es allerdings: Er rührte Dinge an, die ich schon lange vergraben hielt. Ich stellte darüber hinaus fest, dass die Wut auf Neyla verraucht war und im Grunde nur Gleichgültigkeit ihr Gegenüber an diese Stelle getreten war. Was auch immer sie trieb, es scherte mich nicht mehr. Die Wunden waren vernarbt, geheilt, soweit wie sie es konnten. Gewiss stand ich noch immer so manches Mal am Grab des verlorenen Kindes. Sie war kein einziges Mal hergekommen, soweit ich das wusste, aber ich machte ihr daraus keinen Vorwurf. Letztlich hatte sie es dahingehend weitaus schlimmer getroffen, als mich, soweit ich das beurteilen konnte. Und ich war darauf vorbereitet gewesen, sie nicht.
Was also glaubte dieser Kerl davon schon zu wissen, was unser Weg gewesen ist und seiner mit ihr? Wo sollte da auch nur ein Quäntchen Gemeinsamkeit sein? Da war nichts. Nicht einmal die Gefühle, weil sie nie gleich waren. Nie.
Meine Gefühle zu Majalin waren auch gänzlich anders als ich sie für Neyla hatte. Sie waren etwas ganz eigenes und viel zu kostbar, um sie mit den Gefühlen für eine andere zu vergleichen. Es ärgerte mich, dass es jemand auch nur versuchte, das gleichzusetzen.
Trotzdem fand ich ihn nicht unsympathisch, diesen Nym, dafür aber höchst sonderbar.
Einerlei, denn ich hatte es eh versiebt mit meiner unheilbaren Direktheit. Die anfängliche Offenheit war dahin gerafft durch die eine Bemerkung, woher die Annahme rührte, dass wir eine Gemeinsamkeit hätten.
Schade, im Grunde. Denn letztlich musste ich mir eingestehen, neugierig geworden zu sein. Allerdings gehörte ich nun mal auch nicht zu den Menschen, die anderen hinterher liefen, von denen ich nicht sicher war, dass sie es wirklich wert waren und nicht - so wie in diese Fall - bei allem sofort den Schwanz einkniffen.
Ja, zugegebenermaßen war ich tatsächlich enttäuscht von einem viel versprechenden Beginn, der nach nicht einmal einer Stunde schon sein Ende fand.
Und noch immer sah ich aufs Feuer der Bibliothek, löste mich dann aber zögerlich von dem Anblick und sah zu dem Kinderbett hinüber. Der Junge schlief selig und ruhig. Mein Augenmerk wanderte weiter zu dem Bett daneben und der Frau, die darin lag. Ob sie schlief, wusste ich nicht, aber ich versuchte es auch gar nicht erst herauszufinden. Ich lächelte flüchtig, mit dem Anblick an sich völlig zufrieden und sah dann wieder zum Fenster hinaus.
Verfasst: Donnerstag 27. Dezember 2012, 18:37
von Lucien de Mareaux
Es war noch dunkel, als ich mich aus dem Bett stahl und mich auf leisen Sohlen, die Kleider noch in der Hand, nach unten schlich. Dort erst zog ich mich an. Die einfache Hose aus grobem Leinen, ein weites Baumwollhemd und ziemlich alte ausgelatschte Stiefel aus weichem Leder.
In der Tat hatte ich vor meine Ankündigung vom Vorabend wahr zu machen und meine Übungen wieder aufzunehmen und aufzufrischen. Da ich um diese Zeit davon ausgehen konnte, nicht gestört zu werden, schlüpfte ich wenig später auch schon zur Türe hinaus in die Kälte und begann mit einem ausgiebigen Dauerlauf, der mir alsbald klar machte, wie sehr die Kondition mittlerweile schon gelitten hatte.
Nach einer guten Stunde lief ich an den Ruinen der Bibliothek vorbei gen Eigenheim, nur um dort angekommen über das niedrige Gestein zu springen, das den kleinen Gartenbereich umzäunte. Schnaufend blieb ich dort eine Weile lang vorn über gebeugt stehen, die Hände auf den Knien abgestützt. Meine Lunge brannte, das Hemd klebte an meinem Leib und von der Kälte spürte ich schon eine geraume Weile nichts mehr. Ich musste mich regelrecht zwingen einige Schritte zu gehen und die Arme dabei anzuheben, um zu Atem zu kommen.
Nach ein paar Dehnübungen nahm ich schließlich den - ganz dreist – ausgeborgten Stab von Majalin zur Hand und begann mit meinen eigentlichen Übungen, die ich so lange fortsetzen wollte, bis ich von oben das unverwechselbare „Papapapapapa“ von unserem Sohn zu hören bekam.
Eine ganze Weile ging ich den Übungen völlig gedankenverloren nach, als hätte ich sie niemals unterbrochen, die Bäume waren der Feind und mussten gelegentlich herhalten, um einige Hiebe zu kassieren, die ich möglichst leicht ausführte, damit der Schlag von Holz auf Holz zum einen nicht die gesamte Nachbarschaft nebst der eigenen Familie weckte, als auch weil ich Majalins Stab nicht ruinieren wollte.
Das Einzige, was mir in Erinnerung rief, dass ich viel zu lange pausiert hatte, waren die Seitenstiche, die ich immer wieder mal spürte, und die schneller aufkommende Erschöpfung. Beides versuchte ich stur zu ignorieren, so gut ich konnte, und machte weiter, mit dem vollen Bewusstsein mir den Muskelkater des Jahrhunderts einzuhandeln und der Tatsache, dass es die Hölle sein würde damit am nächsten Tag laufen zu gehen und die Übungen zu beginnen.
Ich fragte mich inzwischen, noch während ich der selbst auferlegten Tätigkeit nachging, ob das Zwischenspiel am gestrigen Abend noch ein Nachspiel haben würde für mich. Ich ging schwer davon aus. Zumindest diese räudige Katze, die keine war, würde bestimmt dafür sorgen. Wie ich das hasste. Was glaubte sie denn? Wenn ich nicht auffallen wollte, dann sollte ich das auch richtig anstellen. Aber was verstand eine Magierin schon davon. Die hatten mehr Erfahrung darin mit Flöhen im Pelz herumzulaufen und in den Gedanken anderer herum zu pfuschen, ganz und gar ungefragt.
Ich hasste das. Ich hasste das abgrundtief. Es gab nur eine, bei der ich es bereitwillig hinnahm, der Rest sollte sich zu Kryndlagor scheren oder sonst wohin!
Im letzten Moment hielt ich inne, bevor der Stab mit voller Wucht auf den Nussbaum prallte und ließ ihn schwer atmend sinken. Keine gute Idee mit Wut im Bauch weiter zu machen. Was mussten sich die vermeintlich Großen auch ständig im Fischerdorf balgen! Sollten sie sich doch die Köpfe an den Grenzen ihrer Reiche einschlagen, wie es sich gehörte.
Überzeugt davon, dass der Herzog sich im Grabe umdrehte, wenn er meine Gedanken hören könnte, stellte ich den Stab beiseite und sprang erneut über die niedrige Mauer hinweg und machte mich daran am Berg hinauf zu klettern. Ich wollte wenigstens ein Stück weit hinauf, um auch darin die Übung nicht zu verlieren. Vielleicht danach noch auf das Dach des eigenen Hauses, vielleicht das auch erst morgen. Ich merkte jetzt schon die schmerzenden und brennenden Muskeln. Allzu viel sollte ich mir also nicht mehr zumuten. Nach einer guten weiteren viertel Stunde machte ich schließlich auch wieder kehrt und suchte mir den Weg hinunter in dem Gesteinsmassiv. Gerade als ich zur Türe ging, völlig erschöpft aber zufrieden, hörte ich auch schon von oben ein fideles Quietschen und Gebrabbel vom Nachwuchs. Ganz bestimmt war auch Majalin schon wach geworden davon.
Zeit also ein schnelles Bad zu nehmen, und das Frühstück vorzubereiten.
Verfasst: Montag 14. Januar 2013, 18:38
von Lucien de Mareaux
Wie sehr hatte ich dieses trotz allem verdammte Gefühl vermisst?
Es war ein Gefühl zwischen Aufregung und Nervosität, mit einer Prise Gewissheit, dass ein falscher Schritt fatale Folgen haben konnte. Das bescheidenste an der Situation war für mich, dass ich meiner Frau davon noch immer nichts erzählt hatte. Wann auch? Irgendwie ergab sich nicht die Gelegenheit es mal in einem ruhigen Moment mit ihr zu besprechen. Es war immer jemand da, platzte rein, oder… die Stimmung war schon so verhagelt, dass ich mich nicht mal wagte noch ein Sahnehäubchen obenauf zu setzen.
Gelegentlich fragte ich mich, ob ich nicht Ausreden suchte, um darüber einfach den Mund halten zu können – ganz so wie ich es irgendwann mal vor einer unendlich langen Zeit gelernt hatte. Natürlich verneinte ich das grundsätzlich vor mir, so eine Frage.
Trotzdem…
Man könnte sagen, es war ein Ringen mit dem schlechten Gewissen nichts erzählt zu haben bislang, und dem Hochgefühl wenigstens vorübergehend ein kleines Geheimnis zu bewahren. Das Problem daran war allerdings die Konsequenz beim Scheitern, die das kleine Geheimnis zu einem verdammt großen machten.
Und auch das machte wohl ein Teil dieses Gefühls aus, dass ich schon ewig nicht mehr verspürt hatte.
So hatte ich mich in den Keller verzogen, wühlte meine Schränke und Kisten durch nach Brauchbarem. Was mich ein wenig wurmte, war die Tatsache, dass ich keinerlei dunkle Lederrüstung hatte, die ich für diesen Fall gebrauchen konnte. Daran hätte ich auch denken können.
Meine eigene, übliche, wollte ich nicht anziehen. Ich würde nicht allein sein. Und so abgetragen wie die mittlerweile war, setzte ich mich dem Risiko aus, das nächste Mal darin erkannt zu werden. Die Ersatzrüstung fiel genauso auf, wenn uns die Falschen über den Weg liefen. Vertrackt. Ganz auf Rüstwerk verzichten? Die Dritte anziehen, der es an der passenden Lederfärbung mangelte?
Abwägend stand ich vor der Auswahl meiner Mittel.
„Das ist doch Ogerpisse“, murmelte ich vor mich hin und kramte in den Tiefen meiner Klamotten herum. Tausend Sachen, aber nichts Passendes für diese Unternehmung. Und woher sollte ich schon auf die Schnelle genug von den verdammten Materialien bekommen, um mir eine weitere Ausrüstung zusammen zu ramschen?
Zum Mäusemelken.
Ich trat mit aller Kraft gegen die Truhe und bereute es im nächsten Moment tausendfach, als der Schmerz mir durch den Fuß hinauf ins Bein schoss.
Fluchend hinkte ich rüber zu den Schränken, kramte Seil und Widerhaken heraus, schmiss alles hinter mich auf die Felle. Es wanderten Fackeln dazu, Pfeile, der Bogen, Stofffetzen, Ölflaschen. Ich hielt inne und sah hinüber, nachdenklich. Was fehlte? Fackeln. Auch diese flogen auf den Haufen.
In Anbetracht dessen, dass Zeit Mangelware sein würde, war leichtes Gepäck eindeutig die beste Wahl.
Als ich alles beisammen hatte, machte ich mich daran es sorgsam in einen Rucksack zu verstauen, bestenfalls so, dass alles schnell griffbereit war. Den Widerhaken befestigte ich vorab schon am Seil, das sauber aufgerollt verstaut wurde, die Fackeln steckten daneben. Die Stofffetzen verpackte ich zusammen mit den Ölfläschchen in einer Seitentasche. Pfeile, Bogen und Bogensehne kamen zusammen in den Köcher – vorerst.
Risikoreich, wenn ich nicht die passende Begleitung bekam, Pfeil und Bogen zu benutzen. Aber das Ziel sollte ja groß genug sein, dass selbst ein blindes Huhn mal ein Korn fand.
Ich beschloss am Tag zuvor meine Lehrerin aufzusuchen für die Distanzschüsse. Schaden konnte es ganz bestimmt nicht.
Während ich mit all diesen Vorbereitungen beschäftigt war, dachte ich über den vergangenen Tag nach. Es war mir unbegreiflich, warum es Majalin so tief traf, was diesen Troll von Pfaffen betraf.
Sie hatte es doch im Grunde weit eher erkannt, als ich es wahrhaben wollte. Trotzdem war sie zutiefst verletzt, enttäuscht und vor allem wütend. Am meisten auf sich selber. Was das anging, fühlte ich mich weit besser, wenn sie es mehr auf mich war, denn auf sich. Dagegen konnte ich so wenig tun. Es sorgte sogar für maßgeblich schlechte Laune, so dass ich einige Male am späten Abend überreagierte.
Das Ganze wirkte auf mich wie „Aus einer Sumpfschnepfe einen Drachen machen.“ Damit dachte ich nicht mal an meine Frau, sondern an diesen Kleingeist von Templer. Es musste schon schwerwiegend sein, so eine Bitte vor den Kopf geschmissen zu bekommen, geschweige denn eine Entschuldigung einzufordern, in der Tat. Gekränkter Stolz war nun mal eine grausame Sache. Das konnte ich aus eigener Erfahrung nur unterschreiben. Zum an den Kopf fassen war daran allein die Tatsache, dass er sich selbst mit voller Absicht in diese Situation gebracht hatte, und nun andere dafür bezahlen ließ auf eine Art und Weise, die mir überhaupt nicht schmeckte.
Nicht zu ändern. Falls er damit erreichen wollte, mich zu seinen Unterrichtseinheiten zu bewegen, noch dazu mitzuarbeiten bei diesem… Unsinn, so hatte er das Ziel meilenweit verfehlt und eher für das Gegenteil gesorgt. Wenn ich eines nicht ausstehen konnte, dann dass man meine Frau an der Nase herumführte und sie darüber hinaus noch verletzte. Zweifellos wäre ich auch nicht begeistert gewesen, hätte es mich betroffen, aber das stinkt mir bei weitem nicht so sehr.
Meine Konsequenzen diesbezüglich standen fest. Was Majalin daraus machen würde, wusste ich nicht. Ich, für meinen Teil, hatte diesem Möchtegern nichts mehr zu sagen, außer ich war in irgendeiner Weise dazu gezwungen.
Was ich darüber hinaus feststellte: Es ärgerte mich, ein wenig zumindest, aber es langte bei weitem nicht aus, um vollen Zorn zu entwickeln oder mich gar in Hass oder Rachegedanken zu ergehen. Soviel dazu, Vicarius. Er musste eindeutig noch üben. Viel üben.
Als endlich alles verschnürt und gepackt war, stellte ich die Sachen bereit und wollte doch mal sehen, ob ich nicht auf die Schnelle noch einige Dinge besorgen konnte, die mir in Sachen Ausrüstung weiterhalfen.
Verfasst: Montag 21. Januar 2013, 19:51
von Lucien de Mareaux
Ich saß eine ganze Weile im Badewasser und schrubbte mir die Haut krebsrot mit der Wurzelbürste. Selbst dann hätte ich noch weiter machen wollen. Bei allen Göttern und was die Welt sonst noch zu bieten hatte, ich war eindeutig weich geworden. Viel zu weich.
Irgendwann flog die Bürste quer durchs Becken und landete mit einem Platschen im Wasser und trieb zu guter Letzt an der Oberfläche herum, wie ein kleines Schiffchen ohne Steuermann. Solange ich Beschäftigung hatte, jemand um mich war, der sich mit mir unterhielt, war noch alles gut gewesen. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit zum Grübeln. Aber jetzt, Majalin war gerade oben, weil es geläutet hatte, kamen die Bilder, ein Revue-Passieren, das mir nicht sonderlich gefiel. Aber ich konnte es genauso wenig verhindern. So war es früher auch jedes Mal gewesen. Damals hatte ich mich darauf konzentriert, wo ich Fehler gemacht hatte, um sie nicht zu widerholen. Damit versuchte ich mich auch jetzt abzulenken von den Tatsachen, die mehr als bitter schmeckten.
Wie lange war das letzte Mal jetzt her? Drei oder vier Jahre.
Ich tauchte unter ins Wasser und wusch die Seife ab. Das Wasser war nach dem Wiederauftauchen trüb, grau umwölkt. Immerhin war ich den Geruch los, den Dreck, wenngleich auch die Bilder blieben. So war es immer. Bilder ließen sich nicht einfach fortwaschen. Manche wurden blasser mit der Zeit, manche vergingen sogar ganz, solche nie wirklich.
Hinzu kamen Fragen, die eine logische Konsequenz des Ganzen waren? Wie viel ahnte wer? Was sagen, wenn ich darauf angesprochen wurde? Wie würde die erste Nacht verlaufen?
Ich kletterte aus dem Becken heraus und trocknete mich ab. Länger hier zu bleiben, es gar zu genießen, kam mir nicht in den Sinn. Besser ich hatte jemanden um mich, der mich von den Bildern und Gedanken ablenkte.
Nur eines war neu: Die Erleichterung, als ich zur Türe hereingekommen war. Ihr ging es gut, den anderen ging es gut, mir ging es gut. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Aber eben nur fast. Ich spürte Übelkeit in mir aufsteigen und schluckte sie mühsam herunter.
Natürlich hatte das, was geschehen war seinen Sinn, auch wenn sicher war, dass so einige diesen nicht verstehen würden. Dazu musste man wohl in der Lage sein weiter zu denken, als bis zum eigenen Wohl. Es war gewiss im großen Spiel nur ein kleiner Erfolg, einer zu einem nicht geringen Preis, aber es war einer, und der war mehr als überfällig gewesen.
Ebenso sicher verlangte mir einiges an der ganzen Sache einigen Respekt ab. Auch die Tatsache mich geirrt zu haben, musste ich mir wohl oder übel eingestehen. Es war eine hervorragende Zusammenarbeit gewesen. Weitaus besser, als ich angenommen hatte. Vielmehr hatte ich damit gerechnet in einen Hinterhalt zu geraten, als ich erfuhr, wer mir zur Seite gestellt worden war.
In einem war ich mir sicher: Sie hatten sich garantiert allesamt in den Arsch gebissen und das in mehrerlei Hinsicht.
Seine Spione. Irgendwie stahl sich ein kleines gemeines Grinsen auf meine Züge und wollte nicht mehr fort, während ich die Hose hineinschlüpfte und sie zuknöpfte, den Gürtel durchzog und ebenfalls verschloss. Scheiß Spione hatte er. Und eine davon kannte ich viel besser, als er auch nur ahnte. Armer Wicht.
Nach einem tiefen Durchatmen machte ich mich auf den Weg nach oben. Ablenken, später darüber nachdenken. Erst einmal sacken lassen.
Verfasst: Mittwoch 3. April 2013, 19:27
von Lucien de Mareaux
Ich hatte nach wie vor meine Schwierigkeiten, wir hatten unsere Schwierigkeiten. Aber je weniger über dieses.. Thema gesprochen wurde, umso ruhiger fühlte ich mich dahingehend. Umso mehr konnte ich mich darauf einlassen die Frau an meiner Seite neu kennen zu lernen. So zerbrechlich und unsicher der Grund war, auf dem wir beiden uns bewegten, bewegten wir uns doch vorsichtig wieder aufeinander zu.
Sie wusste sehr gut, wie vorsichtig das alles anzufassen war. Bislang hatte ich nicht einmal ein Gefühl dafür gehabt, wie deutlich ihr das sein musste. Das bemerkte ich erst, als ich von Fionas Mätzchen die Nase gestrichen voll hatte. Ohnehin leicht reizbar, nicht gerade mit Selbstbeherrschung gesegnet und völlig am Ende meiner Geduld mit irgendwem – außer unserem Sohn – war es mir an dem Abend genug, als sie sich einmal mehr an Majalin klebte wie eine kleine lästige Schmeißfliege.
Der Besuch von Lu hatte gut getan. Er stellte schon die richtigen Fragen, aber mir wollten die Antworten nicht über die Lippen kommen. Nicht, wenn ich Gefahr lief, dass Majalin die Worte hörte, vielleicht falsch verstand oder ich sie damit zweifellos erneut verletzte. Das brauchten wir beide nicht.
Aber kaum war der Waldelf fort, kippte meine Laune buchstäblich ins Gegenteil, so rasant, dass ich dem nicht mal folgen konnte. Ich sah das kleine Miststück an, sah, wie sie da an meiner Frau hing, als wollte sie sie gleich bespringen, und die Wut kochte restlos in mir hoch. Ich wäre ins Bett gegangen, um einer Eskalation aus dem Weg zu gehen, kündigte selbiges auch an – gut, etwas bissig, dass ich keine Lust hatte mir das anzusehen und deshalb vorzöge ins Bett zu gehen, aber nun. Es war ein Versuch – der fehlschlug, weil ich kaum einen Moment später dieses alberne mädchenhafte Gekicher von Fiona hörte, - und mein Geduldsfaden riss.
Die Schritte bis zu ihr waren schnell getan, der Griff ins Haar ebenso. Majalin schob ich dennoch fast behutsam beiseite (nicht, dass ich noch sagen könnte, wie mir das gelang). Fiona warf ich an den Haaren aus dem Haus, die Klamotten von ihr, die noch im Haus waren flogen aus dem Fenster hinterher. Majalin mischte sich nicht ein.
Auch als ich dann erneut auf Fiona traf, am vorgestrigen Abend, mischte sie sich nicht ein. Sie stand nur da und hörte zu und wich gelegentlich etwas aus, wenn das kleine Gör versuchte sich hinter ihrem Rockzipfel zu verstecken. Ich war nicht zimperlich, machte ihr deutlich, auf was sie sich gefasst machen konnte, wenn sie nicht aufhörte ihre kleinen dreckigen Griffel von meiner Frau zu lassen. Entweder sie verlöre sie, oder würde ganz ihr Leben aushauchen, je nachdem, wonach mir in dem Augenblick eben mehr war. Bei aller Angst, die sie hatte, genauso trotzig wurde dieses Miststück auch. Wie ein rotziges, verzogenes Drecksgör. Nur mit größter Mühe gelang es mir, sie nicht auf der Stelle zu verprügeln. Viel fehlte da nicht. Allerdings hatte ich nicht vor mich derart gehen zu lassen – noch nicht. Die Worte sollten wirken. Vielleicht kamen sie ja in dem leergefegten Oberstübchen dieses Früchtchens an und schafften es sich einzunisten.
Ich verließ die beiden und ging hinein, zu Bett, obschon ich ehrlich sein sollte. Eine geraume Weile blieb ich in der nähe des Fensters stehen und hörte zu. Es sorgte allerdings eher dafür, dass sich mir ein kalter Klumpen in den Magen fraß. Natürlich war es nicht neu, dass ich immer hinter den Schwestern zurückstehen würde. Aber einen Moment lang hatte ich auf etwas anderes gehofft, als das. Und ja, natürlich machte sie sehr deutlich, was sie davon halten würde, wenn sie sich vor die jüngere Schwester stellen musste, um sie vor mir zu schützen. – Ich hätte ihr einfach direkt den Hals umdrehen sollen, als ich sie vor Bajard antraf, nach dem Abend im Sturmwipfel. Niemand von den Schwestern hätte es erfahren müssen.
Stattdessen musste ich einmal mehr erkennen, dass ich selbst hinter dieser verfluchten Schlampe zurück zu treten hatte. Das allein nährte den Hass ungemein, nicht nur dem Früchtchen gegenüber – nein – sondern diesem ganzen Mist gegenüber, der mit dem Lied, dieser verdammten Schwesternschaft und all dem dazugehörigen Dreck zu tun hatte. Ich hasste es, aus tiefstem Herzen. Gleichzeitig war mir nur zu bewusst, dass es genau das war, was Majalin zu schaffen machte. Irritierenderweise war sie drauf und dran gewesen den Schwestern den Rücken zu kehren, während sie nun aber genau gegenteilig handelte.
Ich hatte keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Vielleicht war diese Haltung zurückkehrt, weil ich sagte, sie sollte sich nicht einfallen lassen, wegen meiner Abneigung dem weiter nachzugehen, was einen guten Teil von ihr ausmachte.
Trotzdem tat es weh, so was zu hören. Im Stillen schalt ich mich einen Narren. Was blieb ich auch am Fenster stehen! Müde und frustriert löste ich mich von meinem Fleckchen und machte mich fort nach oben ins Schlafzimmer. Was ich gehört hatte, behielt ich für mich und übte mich einmal mehr darin es tief in mir einzuschließen, so gut ich konnte. Unbewusst fing ich an meine Gefühle soweit unter Kontrolle zu halten, wie es mir möglich war. Sicherlich, bei den regelrechten Ausbrüchen von Wut oder dergleichen war das nicht drin. Aber bei dem gerade schon. Ich lenkte meine Gedanken einfach auf den Nachwuchs, der friedlich in der Wiege schlummerte, und weigerte mich stur über das Mitbekommene nachzudenken. Solang ich das nicht tat, waren auch die Empfindungen dazu nicht präsent.
Und schon bald darauf hatte ich es zunächst einmal gründlich verdrängt…
Am nächsten Abend, als sie von den kleinen Unsinnigkeiten unseres Jungen erzählte, die er den Tag über ausgelebt hatte, vergaß ich die Worte vom Vorabend schließlich ganz und ließ mich von dieser kleinen, an sich alltäglichen und unscheinbaren Geschichte völlig mitreißen. Nur ein paar Worte, gesprochen in die nachfolgende Stille hinein, und ich konnte spüren, wie sehr sie darauf gewartet hatte. Wie groß die Erleichterung war. Allen Widrigkeiten zum Trotz, ich wollte es nicht missen.
Verfasst: Dienstag 16. April 2013, 17:01
von Lucien de Mareaux
Müde. Ich war einfach unendlich müde. So sicher mir das Haus des Schwiegerdrachens auch erschienen war – es war es bestimmt nicht. Das Beben war zwischenzeitlich so stark, dass ich dachte, die Bäume, die Hütte und alles drum herum, müsste auf uns niedergehen.
Tatsächlich fürchtete ich ernstlich, dass diese Tage unsere letzten waren, auch die letzten unseres Sprösslings. Es war eindeutig die Zeit, in der ich einmal mehr anfing zu beten. Und da ich unschlüssig war, an wen ich die Gebete richten sollte, wandte ich mich einmal mehr an den Stern. Er ist und war mir stets der Nächste.
Wir verbrachten die Zeiten des Bebens draußen, zumindest solange, bis wir uns sicher waren, dass das Haus sich nicht in seine Bestandteile auflösen würde.
Dann kam die Stille. Dann kamen diese übermäßig, fast berauschenden Gefühle. Dann kam das Lied – und ich dachte, ich müsste wahnsinnig werden. Das war es, was alle anderen Empfindungen, die uns regelrecht überfluteten, bei mir wegspülten und einer regelrechten Panik Platz machten, der ich nicht so recht Herr wurde. Das war der Augenblick, in dem ich den Jungen Majalin in die Arme drückte und ohne ein Wort das Weite suchte. Ich lief, irgendwohin. Wohin wusste ich nicht, und ohnehin hatte ich nicht das Gefühl, dass es da ein Entkommen gab. Zumindest solange nicht, bis dieser Eindruck das Lied wahrzunehmen endlich nachließ, bis die Stille nachließ, bis die Tiere wieder zu hören waren. Erst da hielt ich inne, mit brennenden Lungen, schmerzenden Beinen und rasendem Herzschlag.
Ich ließ mich auf den weichen Erdboden fallen und rang nach Atem, zu keinem klaren Gedanken fähig. Das Zittern vermochte ich nicht zu unterdrücken. Wie ich es hasste…
Unmöglich in Worte zu fassen, wie sehr.
Auch Stunden später noch, als ich mich bereits wieder auf dem Rückweg befand, zitterte ich noch. Als wenn ich fröre. Ganz gewiss hatte ich sogar das Gefühl, dass mir kalt war, obschon die allmählich frühlingshafteren Temperaturen eigentlich dazu gemacht waren, dass das Gegenteil der Fall sein sollte.
Nur wage fielen mir die sprießenden Blumen auf. Noch immer benommen, wich ich diesen regelrechten bunten Teppichen aus, als könnte ich mich daran vergiften. An der Grenze der Lichtung von dem Häuschen des Schwiegerdrachens hielt ich inne. Mit nichts wollte ich diesen Ort gerade nochmal betreten. Es war der Ort, an dem es begonnen hatte. Ich brauchte keine Wiederholung, und hielt gerade diese Lichtung, dieses Haus, für den Mittelpunkt dessen, von wo es ausgegangen war. Es schien mir nur allzu logisch, auch wenn ich ahnte, dass Majalin mir sicherlich etwas anderes erzählen würde. Aber wollte ich das hören?
„Wir gehen heim! Falls davon noch was steht! Jedenfalls bleibe ich hier keinen Herzschlag länger!“ rief ich zum Haus rüber. Ich wusste, dass sie dort drinnen war. Konnte es spüren. Wie ich das Lied hasste…
Mehr, immer mehr, merkte ich, dass ich von all dem eine Pause brauchte. Von allem. Durchatmen, mich mit anderem beschäftigen. Arbeiten, irgendwas, das mich von all dem ablenkte, meine Grübeleien in seine Schranken wies. Durchatmen. Andere Pflichten wahrnehmen. Allein. Götter, ich brauchte einfach Zeit für mich allein. Unbedingt. Natürlich war das nicht so einfach. Ich konnte meiner Familie ja nicht einfach so den Rücken zukehren. Auf dem Rückweg, heimwärts, teilte ich es ihr mit, so vorsichtig, wie es mir möglich war – also auf meine übliche unverblümt direkte Art, die sie vermutlich verletzte. Ich sicherte zu, regelmäßig heimzukommen, um nach ihr und Jeremiah zu sehen.
Nein, eine Trennung wollte ich sicher nicht. Aber ich musste mir über vieles einfach klar werden, in Ruhe, allein. Abstand. Ich brauchte diesen Abstand, zwingend, dringend. Vielleicht würde sie mir das nicht verzeihen, aber das Risiko war ich bereit einzugehen. Ich konnte nicht anders, ich wollte nicht anders. Wenn eines aus dieser ganzen unendlich beschissenen Situation herausgewachsen war, dann meine derzeitige Kompromisslosigkeit. Dass diese Haltung sowohl mir, als auch ihr, uns beiden, im Wege stand, war mir klar, aber dennoch gelang es mir nicht dagegen anzukämpfen. Nicht jetzt. Nicht im Augenblick.
Sobald ich sicher war, dass beide gut untergebracht waren, dass daheim alles in Ordnung war, dass sie hier bleiben konnten, dass keine Beben mehr folgten, packte ich einige Sachen zusammen und verabschiedete mich.
Ich suchte mir den Weg gen Adoran und verzog mich dort in der Herberge. Hier würde es genug zu tun geben, genug, das mich ablenkte. Außerdem hatte ich noch etwas vor, dass ich ebenfalls hier erledigen konnte und wollte.