Seite 2 von 2
Verfasst: Montag 5. Juli 2010, 12:06
von Selene Ainaan
Kapitel XV:
"Zum Kloster"
Ein Rückschreiben erfolgte relativ rasch. Eine Antwort, wie sie besser nicht hätte lauten können. Ich soll mich dort vorstellig machen. Das ließ ich mir nicht zweial sagen.
Ich war schon einige Male am Kloster der Lichteinigkeit virbeigezogen. Die sich zuspitzenden Ereignisse des Krieges machten wohl deutlich, dass heilende Hände bitternötig waren. Wo es Krieg gab, da gab es selten keine Toten, aber Verletzte gab es immer.
Lang war der Weg, lang und beschwerlich. Drei Tagesmärsche mussten es gewiss sein, doch schließlich erreichte ich diese hohen, ja fast schon einengenden mauern des Klosters. An den Zimmen standen Wächter. Dunkle Männer, mit Tüchern auf ihren Köpfen. kleine bärtige Männer, offensichtlich Zwerge. In den Wäldern bildete ich mir dann und wann einen huschenden Schatten ein.
Man begrüßte mich vorzüglich im Namen des Reiches. Als ich Name und Anliegen nannte, wurde ich jedoch eingelassen und zu einer älteren Frau gebracht.
Svea Elisabeta von Greifenhein - so stellte sie sich vor. Ein Name, den ich mir unmöglich merken konnte. Sie meinte, eine andere Heilerin vom Sumpf machte sich bereits vorstellig. Allerdings erbgab sich hier wohl nichts. Sie schien zumindest kein Misstrauen gegen mich zu hegen. Einen gewissen Ruf dürften wir also durchaus haben. Und nachdem wir kurz und tatsächlich ungezwungen iteinander sprachen, wurde mir ein Zimmer zugeteilt.
Ich sollte auf Hochwürden Taridan Erken warten, der in der Heilkunde offenbar g besser bewandert war. Ihm wurde ich also zugeteilt. Ich blieb diese Nacht über also erstmal im Kloster.
Ich empfinde diese Mauern als einengend. Kein Blick nach vorn oder zurück, kein Horizont, nur eine kalte Graue Mauer, die alles versperrt. Wirklich sicher fühlte ich mich in meiner ersten Nacht im Kloster nicht. Der kalte Stein löste in mir jedenfalls einen unruhigen Schlaf aus.
Verfasst: Dienstag 6. Juli 2010, 13:00
von Selene Ainaan
Kapitel XVI:
"Freunde und Feinde"
"Es ist manchmal schwer, Freund und Feind auseinanderzuhalten. Manche geben vor, dein Freund zu sein, und wollen nur etwas ganz Bestimtes, sei es zu deinem oder zum Schaden Anderer. Hüte dich vor denen, die dich mit süßen Versprechungen locken. Wahre Freunde sind diejenigen, die ehrlich zu dir sind."
Bajard war wirklich der Umschlagplatz von allem. Ich stellte es fest, als ich die Tage öfter vorbeisah. Inzwischen hatten Talira und ich uns wirklich gut zusammengefunden und streiften öfter die Abende durch das Dorf. Nachdem wir bereits die Heilkunst weiter erlernten und einfache Wunden behandeln, ihrren Heilungsprozess beschleunigen konnten, war es an der Zeit, mehr zu erlernen. Im Kloster war der Priester Erken noch immer nicht aufgetaucht, und in diesen kalten Gemäuern zu warten, bis der letzte Tag der Welt anbricht, war nicht meine Vorstellung von einem Leben als Heilerin.
In Bajard jedenfalls lernte ich interessante Leute kennen. Einige der Wehrmänner standen am Dorfeingang und waren immer freundlich zu mir. Manche wirkten so ausgehungert, dass sie gierig nach meinem Apfel schauten, den ich gerade verspeiste. Manche wiederrum schienen mir so, als wollten sie sich gar nicht ins Weltgeschehen einmischen, wie neulich beim Angriff auf die Rabendiener.
Eines Abends also saßen wir in Bajard, und da kam uns ein kleiner Junge entgegen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Er hieß Constantin. Er schien Hunger zu haben und hatte niemanden mehr. Seine Eltern waren beide tot und der arme Kleine musste im Wald schlafen. Mir tat in meinem Leben noch nie ein Mensch so leid wie an diesem Abend. "Du bist also ein Waisenkind?" fragte ich.
"Ich dachte das heißt 'allein'", meinte der Kleine nur tapfer. Ohje. Mir war klar, dass er nicht länger im Wald bleiben konnte. Doch als er davonlief und in der Menge verschwand, da konnte ich nur hoffen, den Kleinen nochmals wiederzusehen.
Dann war da eine maskierte Frau, die auftauchte. Sie behauptete, es wäre für sie besser, ihr Gesicht zu verbergen, da einige Rahaler sicherlich hinter ihr her wären. Sie stellte sich als Liliana van Drachenfels vor, eine Heilerin wie sie behauptete. Ich schlug direkt Talira für eine Ausbildung bei ihr vor, woraufhin die dann auch zustimmte. Wenn sie in Adoran wäre und ich im Kloster, dann könnten wir beide auf unsere Art und Weise helfen, so dachte ich. Ein vernünftiger Gedanke, wie ich fand.
Da kamen plötzlich vom Norden her drei schwarze gestalten. Nachtschwarze roben, Kapuzen und Masken waren es, und sie waren mir von Anfang an unheimlich. Begleitet wurden sie von riesigen Hunden it rötlichem Fell, gierigen gelben Augen, nach Schwefel stinkend. Mein Magen krampfte sich zusammen, als sie an uns vorübergehen und tuschelten.
"Freundlich wie eh und je, dieses Kaff." "Vielleicht sollten wir einen von ihnen für unsere Versuche mitnehmen."
Das klang gar nicht gut, fand ich. Und als sie vorübergingen wurden Talira und mir klar, dass wir wohl etwas unternehmen mussten, erneut. Bajard war gewiss ein neutraler Ort, doch auch die Bewohner hier hatten ehr verdient, als dem Recht des Stärkeren untergeordnet zu werden.
Talira und ich sahen uns an, und wir verstanden uns beide in dieser Hinsicht.
Und Liliana? Die war spurlos verschwunden.
Verfasst: Mittwoch 7. Juli 2010, 12:03
von Selene Ainaan
Kapitel XVII:
"Das Experiment"
Ich erinnerte mich daran, dass ich in einem Korb für einen kleinen Versuch noch zwei Gefäße mitführte. Als ich nämlich vor zwei Tagen im Labor versehentlich ein Reagenzglas in die Luft jagte (welch Glück, dass ich das Wasser in der Nähe hatte), und der Tisch Feuer fing (der hässliche Brandfleck ist heute noch zu sehen, bei Eluive), da kam ich darauf, dass das leicht brennbare schwarze Pulver vielleicht sogar zu was nütze wäre.
Als die Schwarzen auf die Taverne zugingen und die Passanten erschrocken stehenblieben, wurde Talira und mir klar, dass wir gegen sie nicht ankommen konnten. Das wollten wir auch gar nicht, aber, was wenn wir sie aus Bajard herauslocken konnten.
Eine Frau, die uns im Namen Temoras begrüßte wurde von uns angesprochen, und so konnten wir zumindest Schwefelasche erhalten. Salpeter hatte ich zum Glück einstecken. Holz- und Eisenspäne erzeugten zusammen ein sehr brennbares Material. Kombiniert mit der Asche von Schwefel jedoch brannte das Zeug wirklich höllisch. Wenn auch nur kurz. Wenn mein Versuch klappen sollte, so würde es wirklich eine hohe Flamme geben.
Mir fehlte allerdings immer noch reiner Schwefel dafür, um den Effekt komplett zu machen. Ein Cersuch könne ja nicht schaden, und so fasste ich all meinen Mut zusammen und spazierte zur Taverne, wo die Schwarzen brütend am großen Tisch im Gastgarten hockten und sicher irgendeinen gemeinen Plan ausheckten. Ich fragte höflich, ob sie vielleicht Schwefel und noch etwas Salpeter dabei hätten. Eine der Schwarzen, eine Frau, sie sah mich mit kalten Augen an, dass mir der Schauer über den Rücken lief. Mir gefiel das gar nicht. Und mit einem Mal begann auch noch die Erde zu wackeln, dass ich fast das Gleichgewicht verlor.
Talira und mir war klar, dass wir es nun doch auf eigene Faust tun mussten. Es half alles nichts. Wenn sie das Dorf verlassen würden, wäre zumindest wieder Ruhe hier in Bajard. Wer weiß, auf welche Ideen sie noch kommen würden.
Vor Bajard nun also packte ich das primitive schwarze Pulver aus und gab es in ein Gefäß. Eine wilde Frau aus den Wäldern gab mir zwei Brandpfeile, die ihren Zweck sicher erfüllen würden. ich brach die Spitzen ab, die Schäfte, mit Wachs versiegelt, blieben neben mir im Gras liegen. Die Frau, die mir die Schwefelasche gab, stellte sich dazu, um bei dem Experiment zuzusehen. Ich vermischte die Zutaten in einem Stößel miteinander, kippte sie in eine Holzschale und trat zurück.
Talira und ich hatten inzwischen schon geübt, mit dem Lied ein kleines Feuer zu machen. Und so erschuf sie auf ihrem Finger eine kleine Kerzenflamme, die sie dann in das Gefäß schleuderte. Rundherum versammelten sich bereits ein paar Schaulustige... und..
ZAWUSCHHHHHHHH
Eine hohe Stichflamme schoss gen Himmel, leise Zischend bildete sich die Säule und schoss hoch, orangerot an deren Spitze, hellblau am vermeintlichen Docht schoss die Flamme gute fünf Momente gen Himmel, ehe sie sich verlor und nur noch eine brennende Holzschale zurückließ. Diese Flamme konnte man gewiss einige Meter weit sehen. Es hatte geklappt.
Es war erfolgreich. Die Schwarzen kamen aus Bajard und gafften kurz auf die brennende Schale. Allerdings hatten wir nicht daran gedacht, dass wir die Menge rundherum aufscheuchten, die verständlicherweise davon ausgingen, dass ihr Dorf in Flammen stand.
Eine Frau wurde ziemlich laut zu uns und meinte, Kinder sollten nicht mit Feuer spielen. Talira versuchte sie noch zu beruhigen, es war doch nur ein kontrolliertes Feuer. Allerdings ließ sie sich nicht davon abbringen. Ich glaube, die Leute aus Bajard waren ziemlich böse auf uns. Immerhin. Als wir abogen, nun doch etwas sauer über die Unhöflichkeit der Leute, die Schwarzen waren aus Bajard abgezogen. Neugier ist halt wirklich der größte Verbündete,, oder der schlimmste Feind. In diesem Fall allerdings, da bin ich mir sicher, haben wir ein gutes Werk getan.
Verfasst: Donnerstag 8. Juli 2010, 15:40
von Selene Ainaan
Kapitel XVIII:
"Ein Licht im Wald"
"Manche Menschen machen morgens die Augen auf und sehen die Welt nur in einem stumpfen grau. Die Sonne kann scheinen und für sie ist es einfach ein Fernbleiben von Wolken. Andere Menschen öffnen die Augen und sehen im Morgennebel eine andere Schönheit. Die verschwimmenden Bäume in der Ferne verlieren sich in geheimnisvollen Ränken und Geschichten. Und manchmal sind sie sogar wahr.
Es war ein lauer Frühlingsabend, als ich mich auf dem Weg zurück zum Sumpf machte. Kealyn hatte an diesem Abend ihre Kräfte nun auch dank Vefa entdeckt und uns war allen klar, dass wir auf unsere Art und Weise sehr besonders waren. Für mich fühlte es sich richtig an, und ich glaube, jede von uns war dankbar dafür, wie ihr Leben sich verändert hat. Manche Menschen bemerken gar nicht dass sie sich verändern, und dann, wenn es soweit ist, dann spüren sie ein Kribbeln im Bauch. Meine Mutter und ich nannten dieses Gefühl, das Weit-weg-Gefühl, das hatte ich nämlich immer dann, wenn wir ganz weit weg fuhren, oder an einem Ort, an dem ich noch nie zuvor war.
Ich streifte also durch die Wälder zurück zum Sumpf, nachdem ich endlich eine Kröte gefunden hatte, die als vermeintliches Monster herhalten sollte - eines Tages, wenn wir soweit wären. Ein Monster, das auf der geheimnisvollen Hexeninsel lebt und laut gurgelt - ein Monster, geheinisvoll im Sumpf lebend.. Am Ende sollte es aber nur eine zu groß geratene Kröte sein.
Die Blätter flüsterten im Abendwind, und ich summte vor mich her, im Takt des Waldes. Ich weiß nicht mehr was ich summte, oder warum, doch mir war einfach danach, da bemerkte ich plötzlich zwischen den Blättern im Wald ein helles grünlich schimerndes Licht.
Ich hielt inne, denn aus Erzählungen wusste ich, dass man Irrlichtern nicht trauen durfte. Sie kamen öfter im Sumpf vor und man dürfte ihnen keinesfalls trauen. Ich ging ihm nicht nach, doch ich beobachtete das Licht und beendete mein Summen.
Ich verharrte eine kurze Weile, da brach es durch die Blätter und kam auf mich zu. Es war nicht größer als mein Daumennagel, doch es strahlte ein warmes grünliches Licht aus, und es schwirrte zweimal um mich herum. Merkwürdigerweise hatte ich vor dem Wesen keine Angst, was es wohl auch spürte. "Was bist du denn für ein kleiner Kerl?" fragte ich es.
Wie zur Antwort kam es auf mich zu und setzte sich auf meine Nasenspitze. Es kitzelte mich - ein kribbelndes Kitzeln, wie man es kurz vor dem Niesen hatte. Es löste etwas in mir aus und ich musste daraufhin einmal heftig niesen.
Dieses Niesen hatte es aber offenbar erschreckt. Es schwirrte davon und tauchte zwischen die Bäume ein.
Mit einem Mal war es wieder dunkel - und das Licht war weg. keine Spur davon, so sehr ich mich auch umsah. Es ließ mich zurück - ausgesprochen verwirrt. Ich wusste nur, dass ich Vefa darüber ausfragen musste. Wenn jemand eine Antwort darüber wusste, dann war es Vefa.
Verfasst: Freitag 9. Juli 2010, 15:20
von Selene Ainaan
Kapitel XIX:
"Der Bund der Schwestern"
Ich mochte Vefa schon am ersten Abend unserer Begegnung. Sie hatte etwas sehr vertrautes an sich. An jenem Abend also, wo wir uns zum zweiten Mal einfanden, da saßen sie und Kealyn im Hexenkreis. Vefa zeigte unserer jungen Schwester gerade das, was ich schon erkannt hatte. Das Sausen, wie ich es bisweilen nannte zu vernehmen und teilweise zu steuern.
Vefa lud uns ein, uns dazuzusetzen und dabei zuzusehen, wie Kealyn ihre Fähigkeiten entdeckte. Ich freute mich für sie, für jede meiner Schwestern. Es fühlte sich gut an. Doch Vefa zeigte uns an diesem Abend noch mehr.
Sie hielt uns dazu an, uns im Kreis zu setzen und die Hand der nächsten Schwester zu ergreifen. Wir sollten uns konzentrieren auf das Sausen, und wir würden eine Verbindung entdecken.
Etwas durchfloss mich dabei. Es war ein verstärktes Kribbeln, es war eine Art von Verbundenheit, die ich nie mehr vergessen werde. Plötzlich glaubte ich, durch die Augen Kealyns und Taliras blicken zu können, fühlte was sie fühlten, und ich wusste, dass es ihnen genauso ging. Und dann war da noch die unglaubliche Kraft Vefas, eine Verbindung zu so einer weisen Frau, die uns damit zeigte, was aus uns einst werden konnte. Mächtige starke Frauen, mit Eluive und ihrer Schöpfung enger verbunden, als ich es mir auch nur vorstellen konnte. Und gemeinsam konzentrierten wir uns nun auf die Erde vor uns. Wir konzentrierten uns auf das schlummernde Leben darin. Ich fühlte, wie Neues da entstand, wo zuvor nur Rauschen von Gras und Wind zu vernehmen war.
Als wir die Augen nach einigen Minuten öffnete waren wir umgeben von einem Meer gelber Lilien. Wir hatten zusammen Blumen erblühen lassen, in solch ungeahnter Schönheit und Jugenmd, so wie wir es wohl aus Sicht Vefas waren. Wir hatten Leben erschaffen!
Leben zu schaffen, es zu schützen, das ist es, was ich einst tun will, das Leben als solches zu schützen und nicht, es zu nehmen.
Nach der Unterrichtsstunde fragte ich Vefa nach dem Licht, das ich im Wald erblickt hatte. Was war es, das mich verfolgte? Vefa lächelte nur und winkte uns mit sich. "Dafür muss Zeit sein", sagte sie schlicht.
Beim Teich auf der Sumpfinsel, im umgebenden Wald, stellte Vefa sich hin, breitete die Arme aus und summte leise vor sich her. Sie erklärte uns, sie summe im Takt des Liedes, welches den Wald umgab. Plötzlich tauchte erneut so ein Licht auf und tanzte um Vefa herum, seltsam vertraut schien es ihr. "Sie werden durch das Lied gerufen, das wir aussenden", erklärte sie uns. "Sie sind eigentlich sehr scheu, doch sie sind unsere heimlichen Begleiter und Beschützer."
Ehe Vefa schlafen ging, winkte sie das Licht, den Waldgeist, wie sie ihn nannte, wieder davon. Es war reiner Zufall von mir, ihn zu rufen, und während ich nun auch die halbe Nacht im Wald stand und übte. Der Waldgeist kam nicht wieder. Ich sah ihn plötzlich mit anderen Augen, als das Schönste, das ich je gesehen habe. Tanzende Lichter im Wald, die auf uns aufpassen. Erstaunt schloss ich an diesem Abend die Augen und träumte sogar davon. Vielleicht, eines Tages, würde ich diesen Geist erneut rufen können. Vefa meinte, er führt uns auf verborgenen Pfaden an weit entfernte Orte.
Verfasst: Samstag 10. Juli 2010, 14:53
von Selene Ainaan
Kapitel XX:
"Ein Bolzen in der Nacht"
"Es gibt viele Gründe, warum Menschen schreckliche Dinge tun, aber ich glaube, sie tun sie aus demselben Grund, warum Kinder sich beim Spielen auf der Straße Schubsen. Sie tun es, damit sie diejenigen sind, die schubsen, und nicht um geschubst zu werden. Sie wollen das Ungeheuer sein, um nicht im Dunkeln angefallen zu werden. Ich glaube, sie tun diese schrecklichen Dinge einfach nur deshalb, weil sie Angst haben."
Talira und ich verbrachten unsere Abende in Bajard. Jetzt, wo wir in der Praxis nun doch etwas mehr gelernt hatten, war es für uns ein wichtiges Bedürfnis, auch selber zu helfen. Heiler, die es aus ganzen Herzen tun, sind so. Sie wollen Leben retten, Menschen helfen. Mutter hat uns dafür ausgesucht, jetzt war es an der Zeit, unsere Augen und Ohren auch offen zu halten.
Eines Abends also saßen wir auf der Bank und unterhiielten uns. Der grässliche Gestank und das Johlen war eindeutig, dafür musste man keine Bücher lesen. Ein alter Mann, offensichtlich betrunken, kam uns entgegengetorkelt. Wir konnten in dem Moment ja eigentlich nur zuschauen. Kritisch wurde es erst, als ein Vermummter in Robe daherkam. Er trug auf seinem Umhang ein eigenartiges Zeichen; ein Stern und eine Feder. Der Betrunkene schubste ihn - und das Chaos war perfekt, als sie sich anfingen gegenseitig zu Schubsen. Fäuste flogen - und schließlich ging der Betrunkene Bewusstlos zu Boden. Auf unser Geheiß hin jedoch wollte der Vermummte gar nicht erst ablassen. Wir konnten nur eines tun. Während Talira dazwischenging und auf den mann einredete untersuchte ich den stinkenden "Kadaver" des Betrunkenen, der nun bäuchlings auf der Bank lag. Mit höchster Mühe konnte ich ihn auf die Seite drehen. Da öffnete er den Mund und ein dünner roter Blutschwall kam heraus. Mir war nun klar, dass es ernst war.
Talira konnte gegen den Vermummten nichts ausrichten, eindeutig. Der nämlich packte ihn an den Füßen und schleifte ihn aus Bajard hinaus. Wir gingen nach. Wenn es etwas gibt, das ich mir hoch und heilig geschworen habe, dann die Tatsache, dass mir kein Patient jemals wegsterben wird. Bei der Kutschekreuzung kam ein anderer Vermummter entgegen.
Talira bat ihn, uns zu helfen. Er verwies auf das Kloster, in der Nähe gelegen. Ich machte ihm klar, dass ich dort meine Ausbildung ebenfalls begonnen hatte, doch so wenig hilfsbereit er auch war, zumindest stimmte er zu, dort Hilfe zu holen. Der Vermummte indes versuchte ihm Lügen aufzutischen, dass wir ihn vergiftet hätten. Vermutlich war er, da er ja eine Maske trug, so wenig vertrauensselig, dass er uns mehr Glauben schenkte.
Kaum aber war er weg, da packte er den Betrunkenen erneut und schleifte ihn zur Kutsche. Wir konnten nichts tun als ihm in die Kutsche zu folgen. Zorn erfasste mich, ich holte aus, und zum ersten Mal in meinem Leben schlug ich einen Mitmenschen ins Gesicht. So dürfte es auch niemanden verwundern, dass es ja keine Wirkung hatte. Aber manchmal muss man es einfach versuchen.
Stunden vergingen, da ich mich um den verletzten so gut wie möglich kümmerte. Immer wieder verzog er das Gesicht und hustete schwer auf. Er wollte nicht aufwachen, und so konnte ich ihm auch kein Wasser einflößen. Talira hat mir geholfen, so gut sie konnte, doch nichts schien zu helfen. Der Vermummte saß einfach nur schweigend da.
Als wir endlich an der Kutschstation unweit von Rahal ankamen und wir ausstiegen wurde er auf die Bank gelegt. Der Vermummte indes war verschwunden. In der Nähe gab es sicher einen Heiler, der uns helfen konnte. Es war eine stille Vereinbarung, die Talira und ich trafen. Wir nickten uns zu.... und da...
...stand der Betrunkene auf und zog einen Dolch. "Wurde auch langsam zeit", brummte der Alte. "Noch länger bei diesen Weibern und ich hätt die Weißhaarige eigenhändig erwürgt." Der Vermummte stand plötzlich hinter mir und hatte ebenfalls einen Dolch gezückt. Links von mir stand ein Dritter, ebenfalls vermummt, und richtete eine Armbrust auf uns - er löste den Hebel und so dicht sauste ein Bolzen an meinem Ohr vorbei, dass ich den Luftzuf spürte. Ich erstarrte.
Ein Hinterhalt!
Talira stand zum Glück abseits. Sie rief mir noch zu: "Selene, LAUF!" - und schon rannte sie auf die nahegelegene Straße zu!
Ich sprang auf und machte Kehrt, in der Hoffnung fliehen zu können. blieb ich an Ort und Stelle, wer weiß, was diese Kerle mit mir anstellen würden. Und noch während ich lief fühlte ich einen Bolzen, der meinen rechten Oberarm streifte. Er schnitt in meine Kleidung, in meine Haut ein und kam vor mir im Gras zum Stehen.
Mit einem Mal wusste ich, ich laufe um mein Leben und wurde noch etwas schneller. Ich sah nicht nach hinten, ich rannte einfach weiter.... weiter... weiter....
Ein stechender Schmerz drang in mein linkes Bein, als ein Bolzen meine Kniekehle traf, sich in mein Fleisch und meinen Knochen bohrte - und dann fiel ich auch schon hin. Ich glaube, ich habe einen Augenblick meine Besinnung verloren, denn ich erinnere mich nicht mehr an die nächsten Augenblicke, die ich getroffen ins Gras fiel...
Verfasst: Sonntag 11. Juli 2010, 15:03
von Selene Ainaan
Kapitel XXI:
"Hilfe aus dem Dunkeln"
Ich nehme an, Talira hat Hilfe geholt, denn als ich endlich wieder bei Sinnen war, geschahen mehrere eigenartige Dinge.
Ich öffnete die augen ud versuchte mich aufzusetzen. Mein eigener Schmerzensschrei erinnerte mich daran, dass ein Fremdkörper in meinem linken Bein feststeckte und ich es so nicht bewegen konnte. Der Bolzen.
Ich versuchte mich hochzustützen, doch ein schwerer Stiefel drückte mir die Schulter auf den Boden. Mein rechter Arm brannte wie feuer und ich fühlte, wie etwas Warmes den Ellbogen herablief. Da, wo mich ein anderer Bolzen gestreift hatte. Mir war klar, dass ich in der Falle saß und ich keine Möglichkeit mehr hatte, mich dagegen noch irgendwie zur Wehr zu setzen.
"Selene!" - ich hörte Taliras Stimme zu mir vordringen. Sie war also zurückgekehrt. Vielleicht wendete sich ja nun das Blatt. Ich spürte, wie der Stiefel von meiner schulter abließ. Ich drehte den Kopf nach rechts und seh Talira heranlaufen. Hinter ihr, im Dunkel der Nacht sah ich nur eine Kontor. Die Räuber schienen, wenn auch nicht sonderlich beunruhigt, in alle Windesrichtungen davonzuhetzen.
Talira ging neben mir in die Knie und fragte mich, wie es mir geht. Was für eine dumme Frage. Solche Schmerzen hatte ich noch nie erlebt. Tränen füllten meine Augen und ich wünschte mir nur, dass der Bolzen aus mir wieder draußen war. Beruhigend legte Talira mir die Hand auf die Schulter und nahm die Verbindung zu mir auf. Ich fühlte ein warmes Kribbeln, welches ausging und mir zumindest einmal die Blutung am Oberarm stillte und mir die Schmerzen nahm. Der Dunkle war nähergekommen.
"Ihr seid also der magie mächtig?" fragte er Talira unwirsch. na toll! Jetzt hatte sie sich, und am Ende gar mich noch verraten. Talira fragte unwirsch: "Wer will das wissen?"
"Mein Name ist Cetos", sagte der Vermummte. "Und so wie ich das sehe stammt ihr zwei aus dem Sumpf, nicht wahr?"
Talira konnte wohl nicht länger lügen. Vom Regen in die Traufe, so kam mir das gerade vor. Ein stechendes Ziehen an meinem Bein, als Talira versuchte, mir den Bolzen aus dem Bein zu ziehen und dabei auch noch die Spitze abbrach gab mir den Rest. Ich schrie erneut vor Schmerz auf und musste mich korrigieren. DAS war der schlimmste Schmerz, den ich je gespürt habe. Später lernte ich im Heilunterricht, dass dies das Dümmste ist, das man tun konnte. Einen Pfeil aus einem Körper ziehen, ohne darüber nachzudenken. Wunderbar!
Cetos winkte eine Frau zu sich, die wohl kaum älter war als ich. Er meinte dann noch, dass er Nuria gut kenne und uns nichts antun würde, doch sobald er die Verantwortung, mich zu einem Heiler zu bringen, auf die junge Frau abgewälzt hatte, war er dann auch schon verschwunden. Im Moment war ich nur zornig: Zornig über diese Räuber, die Frage, wie man nur so etwas tun konnte, dann Zorn über Talira, die unser Geheimnis verriet und mir dann auch noch den Bolzen aus dem Bein zog, sodass die Blutung so vor Ort nicht gestillt werden konnte. Sie hatte es sicher gut gemeint, doch das war ir in dem Moment verständlicherweise egal.
Auf beide Mädchen gestützt, auf einem Bein hüpfend erreichten wir endlich die Tore Rahals. Die junge Frau stellte sich als Rialuna Cyrin vor. Sie behauptete, eine Templerin im namen Alatars werden zu wollen und plapperte uns schon einige Satzungen heraus. Sie wirkte offengesagt wie eine Marionette für mich, als wären ihre Worte nicht ihre Eigenen.
Man brachte mich in ein Zelt. Der hiesige Heiler sah sich sofort meine Verletzung an, doch meinte er, er müsste mich betäuben und die Bolzenspitze aus mir herausholen. Talira hätte noch Glück gehabt. Hätte sie es tatsächlich geschafft, das Ding gänzlich herauszuziehen, das in meinem Knochen festzustecken schien, hätte ich übel viel Blut verloren.
Ich seufzte: Es war ja so klar. Eine Woche lang dürfte ich dann das Bein nicht belasten und müsste es heilen lassen. Talira verabschiedete sich schließlich und versprach mir, eine Krücke mitzubringen.
Rialuna blieb noch kurz. Auf meine Frage hin, warum sie mir geholfen hatte, sprach sie die Lüge Taliras an, Alatar zu dienen. Ich weiß nicht, wie sie das fertigbrachte. Ich konnte auf keinem Fall soviel oder so gut lügen wie sie. Dann zeigte sie mir Narben am Arm. Sie meinte, jeder habe Hilfe verdient, der dem Einen diente. Aus diesem Grunde half sie mir. Dann ging auch sie und ließ mich zurück.
der Heiler gab mir ein Mittel, mit dem ich in einem tiefen Schlaf fallenn sollte und nicht mitbekam, das jetzt geschah. War ich froh!
Das letzte, das mir durch den Kopf ging, das war Rialuna und ihre Gerede von Wegen "Ich diene und empfange" - sie war wie eine Marionette, aber keinesfalls schienen das ihre Worte zu sein, so, als hätte man ihr diese Worte eingeprügelt. Sie tat mir leid.
Doch dann döste ich auch schon ein, und der Heiler konnte an sein Werk gehen. Wie er mir die Spitze des Bolzens entfernte, meine Wunden säuberte und verband, bekam ich nicht mehr mit. Ich fiel in einen traumlosen Schlaf
Verfasst: Dienstag 13. Juli 2010, 16:37
von Selene Ainaan
Kapitel XXII:
"Ein harter Weg"
Als ich am nochsten Tag erwachte, war mir Anfangs nicht klar, wo ich hier eigentlich war. Ich starrtze auf die Zeltplane, gepeinigt vom prasselnden Regen gab sie ein sehr angenehmes Geräusch ab. Es war aber dennoch verwirrend.
Erst als mir der Heiler Wasser brachte kam die Erinnerung an jene schreckliche Nacht zurück. Ich setzte mich auf, trank meinen Becher leer und blickte auf mein verwundetes Bein. Der fremde Heiler meinte, dass er den Bolzensplitter entfernt, die Wunde gesäubert und verbunden hatte - alles eigentlich ohne Probleme. Erleichtert sank ich zurück.
Im Laufe des Vormittags kam Talira mit der versprochenen krücke und geleitete mich zur Kutsche. Ich war froh darüber, dass sie mich abgeholt hatte.. Doch eine Woche lang dürfte ich das Bein nicht belasten, vier Wochen nicht ernsthaft laufen. Der Schmerz war zu groß, obwohl die Wunde so klein war, dass sie nicht vernäht werden musste. Es war ein sauberer Schuss der nicht abstreifte. Dennoch war meine Kniekehle arg beleidigt, und das Bein sollte geschont werden.
Ich will hier nicht weiter darauf eingehen, wie schwer es war, mit nur einem Bein zur Sumpfinsel zu humpeln, mich durch den Schlamm zu kämpfen und völlig verdreckt heimzukommen, doch die folgenden Tage waren hart für mich. Ich hatte soviele Besorgungen zu erledigen, jedoch keine Zeit dafür. Mir blieb nicht viel mehr übrig als die Zeit abzusitzen und das Getränkemischen zu üben. Allerdings war mir mein letzter Unfall eine Lehre, bei dem einige Gläser einfach explodierten.
Alles in Allem hatte ich sehr viel Zeit, nachzudenken, und zu überlegen, wie ich mich bei den Vogelfreien für diese Tat rächen könnte. Vergolten musste es werden, doch wie, das stand noch völlig offen.
Verfasst: Mittwoch 14. Juli 2010, 15:02
von Selene Ainaan
Kapitel XXIII:
"Die Lady und der Baum"
So vergingen die Tage, in denen ich nicht viel tun konnte. Gelegentlich wagte ich mich hinaus und pflückte ein paar Kräuter, denn einfach rumsitzen konnte und wollte ich nicht. Aber mir tat das Bein höllisch weh und es gab soviel zu tun.
Im Kloster hatte ich mich schon länger nicht mehr blicken lassen, und am vierten Tag nach dem Angriff machte ich mich auf dem Weg, um mich für mein Fernbleiben zu entschuldigen. Es ging nicht anders, ich musste den Weg humpeln.
Brauchte ich für den Weg nach Bajard normal keine zwei Stunden, kam es mir ohne Pausen vor wie ein ganzer Tagesmarsch. Am Morgen machte ich mich auf dem Weg und erst mit Einbruch der Nacht erblickte ich in der Ferne endlich die Mauern des Klosters. Ich konnte ein Bett jetzt gut vertragen, also beschloss ich, diesesmal ein zweites Mal im Kloster zu übernachten.
Am Tor standen erneut die Wachen, der Jüngste unter ihnen (er nannte sich lbert), sah mich, wie er es immer tat, sehr skeptisch an. Eine ältere Frau mit vernarbten Zügen stand mit einem silberhaarigen Herren vor den Toren und unterhielten sich. Als sie aufmerksam wurden betrachteten sie mich einige Momente lang.
"Gehört Ihr zur Familie Llasthobar? Ihr habt genauso schneeweiße Haare", merkte die Frau an. Ich verneinte, war mir der Name doch heute zum ersten Mal geläufig geworden. Wir unterhielten uns über meine Verletzung, wie sie zustande kam. Scheinbar war diese Räuberbande, die hierzulande "die Vogelfreien" genannt wurde, ziemlich bekannt und berüchtigt.
Es stellte sich rasch heraus, dass die beiden vor dem Torr nicht nur verheiratet waren, sie gehörten einem Adelsgeschlecht an. Adrian und Darna von Hohenfels nannten sie sich, ein Name, den ich mir nicht merken konnte, also einigten wir uns darauf, dass ich die Dame mit "Lady" ansprechen durfte. Sie war, obgleich sehr misstrauisch, sehr freundlich. Sie stand, so behauptete sie, hoch im Gunsten Temoras - und bot mir gar an, mein Bein zu besehen, vielleicht könnte sie es besser heilen.
Als wir das Kloster betraten, ich mich vorgestellt hatte und ihr erzählte, wo ich in die Lehre ging, merkte sie an, dass einige ältere Heilerinnen, die längst fortgegangen waren, zu ihren persönlichen Freunden gehörten. Scheinbar wusste sie ganz genau, wer oder was wir waren. dass unser Wirken eng mit dem Eluives verbunden war. Sie führte mich zu einer Stelle wo der schönste Baum stand, den ich je gesehen habe.
Er war groß - alt war er und die Blätter schienen von innen heraus zu leuchten. Sie raschelten, obwohl kein Wind ging und mir war, als hörte ich sie sogar flüstern. Konzentrierte ich mich auf das Sausen, war es so, als würde nichts die geraden Wellen stören, die es verströmte. Ich kann es nur als "absolut friedlich" bezeichnen.
Ich setzte mich hin und die Lady Darna bet mich, ihr meine Verletzung zu zeigen. Ich lagerte mein Bein hoch, sie ging in die Hocke und begann ein reimendes wohlklingendes Gebet zu sprechen. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Dann fühlte ich, wie etwas wärmend pulsierendes über mein Bein strich. Es war so, als ob von innen heraus die Wunde verschlossen würde, das Loch in meinem Knochen zuwachsen, der Schmerz davongeweht würde. Es war ein wirklich schönes Gefühl.
So friedlich war die Stimmung, dass es für mich keinen Unterschied machte, ob Tag oder nacht. Hier war immer, alle Zeit und keine Zeit. Ich fühlte mich wirklich zufrieden.
Schließlich erhob Lady Darna sich wieder und wollte mich zu meinem Zimmer geleiten. Wir unterhielten uns über den Kodex des Heilens, die Frage, ob es wirklich einen Unterschied machen würde, keine Ausnahme bei den Leben zu machen, die ich retten würde...
Darauf gehe ich später noch weiter ein, doch sie merkte in jedem Fall an: "Ihr seid mehr als einfache Heiler. Ihr seid instande, furchtbares zu tun und wollt soviel Schönes bewirken. Behaltet Euch das im Herzen."
Das nahm ich mir fest vor. Auch wenn sie steif wirkte, ich mochte die Frau, sie war ausgesprochen nett und zuvorkommend. Ihr hatte ich zu verdanken, dass ich zumindest wieder normal gehen konnte, aber mit dem Laufen sollte ich mich noch zurückhalten. Der Schmerz war weg, die Wunde aber war noch nicht ganz verheilt.
Diese Nacht schlief ich zum ersten mal seit Tagen wieder friedlich ein. Ich wusste jedoch, dass ich es dieser Lady irgendwann vergelten wollte, jetzt, wo sie soviel für mich getan hatte.
Verfasst: Dienstag 20. Juli 2010, 11:30
von Selene Ainaan
Kapitel XXIV:
"Der Junge und die Heilerin"
Ich war also wieder genesen - schneller als erwartet, und ich war von Herzen froh, dass ich wieder etwas kennengelernt habe. Vefa hielt uns immer an, in das Lied zu lauschen, die Klänge zu unterscheiden. Jedesmal aber, wenn ich es tat, war mir beinahe so, als würde das Meer mit einer riesigen donnernden Welle auf mich einrollen und die Wellen über mir zusammenbrechen. Ich hielt es nicht lange aus, etwas zu tun, Klänge zu formen, sie zu verändern, alles das, was da ist zu nehmen und in entsprechende Bahnen zu lenken. Doch dieser Baum des Lichts war wie ein ruhiges Meer. Die Wellen waren gerade, sehr sanft, beinahe so, wie sie sein sollten, und wenn die Blätter zu mir flüsterten, hörte ich hin, in der Hoffnung, etwas zu verstehen. Doch das tat ich nicht.
Die Tage zogen ins Land und aus einem warmen Frühsommer wurde allmählich ein druckend heißer Hochsommer. Die Schafskälte zog ab und machte einem sonnig warmen Wetter Platz, Tage kamen, da spielten die Kinder auf der Wiese und waren einfach froh, Kinder zu sein. Manchmal wünschte ich mir noch selbst, mit ihnen herumzutollen und die Welt einfach zu sehen, aber ich wurde älter, und mein Kindsein verging. Langsam musste ich ans Erwachsenwerden denken, ob ich nun wollte, oder nicht.
Eines Abends in Bajard traf ich Constantin wieder. Es war ein gemütlicher Abend, und als mir Constantin erzählte, dass er sich fast nur von Süßigkeiten ernährte und im Wald schlief, da konnte ich nicht mehr anders. Ich wollte diesem Jungen helfen, ich wollte ihn froh machen, ein Zuhause geben, denn er war viel zu jung fürs Alleinsein, viel zu jung, um über etwas schlimmeres nachzudenken, als übers Ballspielen. Mein Vater meinte, im Ballspielen ist alles enthalten, das man wissen muss. Wie man siegt, wie man verliert, wie man miteinander spielt und sich unter die Arme greift. Und um nichts Anderes soll man sich Sorgen machen.
Vermutlich war es Mutter selbst, die eingriff, als ich Talira mit Liliana am Dorfrand Bajards erblickte. Mir kam eine wirklich fantastische Idee.
Ich ging also zu den beiden hin. Freundliche Grußworte meiner Schwester und ihrer Mentorin, dann kam ich auch sofort zum Punkt. Ich bat Liliana darum, Constantin ein paar Tage bei sich aufzunehmen, damit er ein trockenes Dach über dem Kopf hat und ein warmes Bett zum Schlafen. Er würde es bei ihr vorerst besser haben, als bei uns.
Talira und ich, wir hatten Pläne gemacht, zuvor in der Sumpfinsel. Wir wollten den Menschen helfen, gesund zu werden, Heilerinnen sein, so wie es gedacht war.
Lili stimmte zu, ihn ein paar Tage aufzunehmen, ihm den Strand zu zeigen und auf ihn aufzupassen. Ich dankte ihr dafür. Wenn mir etwas wichtig war, dann die Tatsache, dass es dem kleinen Constantin gut ging. Und wenn wir so weit wären, dann würden wir unseren Laden öffnen, wo der Kleine auch wohnen könnte, und dort würde aus ihm ein anständiger junger Mann werden.
Verfasst: Dienstag 20. Juli 2010, 19:16
von Selene Ainaan
Kapitel XXV:
"Nur ein paar Worte"
"Man begegnet in seiner Kindheit vielen Menschen. An den einen hältst du dich, weil sie dich beschützen, und dir das Gefühl geben, geborgen zu sein. Man sieht ein gleichaltriges Kind und weiß, dass man einen besten Freund gefunden hat. Zu manchen Menschen fühlt man sich hingezogen, weil sie anders sind und man neugierig ist. Und es gibt Menschen, vor denen man instinktiv Angst hat.
Und dann, irgendwann, wenn die Jahre dahingezogen sind, begegnet man einem Menschen, und es reicht ein Wort, ein Satz und ein Gefühl, und man weiß, man ist kein Kind mehr."
Eigentlich waren die Tage langweilig und sehr ereignislos. Ich hatte zwar viele Gedanken, die mir im Kopf rumgeisterten, und ich suchte vor allem eine Lösung für den kleinen Constantin. Ich konnte nicht einfach zusehen, wie ich ja bereits beschrieb, und diese Gedanken stellte ich über alles Andere.
Die Bank vor dem Wehrgebäude war mein Stammplatz geworden. Neben einem fabelhaften Blick zum Meer konnte ich dem Wolkenzug folgen, die Menschen beobachten, die vorbeizogen, um Waren abzuladen, oder in die Taverne zu gehen, und am Feierabend gepflegt zu trunken, sich zu besaufen, oder was auch immer sie für reifen Erwachsenenkram hielten. So also auch an diesem Abend.
Mit einem Mal war mir, als ich gerade auf den Boden starrte und versuchte, die Trockenheit des Bodens abzuschätzen, als trat ein Paar Beine vor mein Gesichtsfeld. Ich blickte hoch und sah einen großen mann, der zuvor schon wegen seines Bartwuchses geflucht hatte. Er trug einen Mantel, eine abgetragene Hose und ein braunes Hemd. Eigentlich sehr unspektakulär, doch er war nicht so alt, wie er vermutlich aussah. Unter dem Bart erblickte ich kein Fältchen, keine Anzeichen von Grau in seinem Haar, kein Anzeichen von Abgenutztheit. Und als er mich ansprach, da war er auch gleich sehr direkt.
"Verzeiht meine Dreistheit, junge Dame", sagte er, "Ich uss es loswerden, aber so eine schöne Frau wie Euch habe ich hier in Bajard noch nicht gesehen."
Mir fiel die Kinnlade förmlich herunter. Machte er Witze? Aber nein, ich hab schon Vieles erlebt, aber bislang machte man sich entweder lustig über mein Aussehen oder blieb verhalten. Ich weiß ja, wie außergewöhnlich eine Erscheinung ist.
"Das... das ist doch nichts.. ich bin nur anders", erwiederte ich völlig verdutzt und wahrheitsgetreu.
"Ich bin sicher, ob Eurer Blässe würden Euch hier viele Frauen beneiden." - Und damit war es um mich geschehen. Es waren nur diese paar Sätze, die mich völlig in Verwirrung stürzten. Ich habe noch nie so nette Worte vernommen, noch nie so süße Wahrheiten oder Lügen, und mir war klar, ich fiel nicht einfach, ich schwebte in den Abgrund - und es fühlte sich schön an.
Offenherzig nun erklärte ich ihm etwas über meine Krankheit. Die einen Heiler meinten, ich wäre ohne Farbe geboren, ohne dem, das meinem Haar und einen Augen Farbe gibt, dass man das vor allem von Hasen kennt, andere munkelten, ich wäre schlichtweg die Tochter einer Hexe, andere sagten, ich wäre so, eil ich in einer Vollmondnacht geboren wurde, was auch tatsächlich der Wahrheit entsprach. Mutter meinte immer, sie hat während ihrer Schwangerschaft keine Karotten gegessen, und deshalb wäre ich so. Als Kind usste ich viele Möhren essen, und Eluive weiß, ich hasse nicht viel, aber Karotten hasse ich wie nichts anderes.
Er setzte sich zu mir und stellte sich vor. Joris Delany heißt er, er ist ganzheitlicher Heiler, er kümmert sich nicht nur um körperliche Gebrechen, sondern will auch dafür sorgen, dass es der Seele gut geht.
Ein sehr edles Ziel, und tatsächlich ein mann, zu dem ich aufblicken konnte. Leider nur dauerte das Gespräch nicht lange, denn, so wie er meinte, hatte er noch Einiges zu tun. Also verabschiedete er sich und ließ mich zurück.
Ich ertappte mich dabei, wie ich ihm nachblickte, wie ich sehr sehr viel an ihn dachte, und ich konnte mir nicht erklären, warum es so war. Doch irgendwann, als die Menschen an mir vorbeizogen, um ihre Waren abzuladen, um sich zu betrinken, oder sonst irgendeinen Erwachsenenkram machten, den sie für reif hielten, ich ihnen nachblickte und nur eine unsichtbare Zuschauerin war, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Es war der Augenblick, in dem ein Dasein endete und ein neues begann.
Ich war kein Kind mehr.
Verfasst: Mittwoch 21. Juli 2010, 13:04
von Selene Ainaan
Kapitel XXVI:
"Noch mehr Entscheidungen"
"Es gibt viele Gründe, warum man sich für einen bestimmten Weg entscheidet. Man entscheidet aus dem Bauch heraus, sehr schnell, ohne darüber nachzudenken und überlegt erst später, ob es auch die richtige Wahl war, die man getroffen hat. Man entscheidet sich, weil man nicht anders kann, und dann schlägt man vielleicht einen Weg ein, den man nie gehen wollte. Manche Entscheidungen fühlen sich richtig an, und du weißt, dass du es nicht bereuen wirst, diese Wahl getroffen zu haben.
Eigentlich ist es doch ganz einfach: Alles, was man ohne Angst entscheidet, das entscheidet man auch richtig."
Es war mal wieder soweit: Unterricht mit Vefa, und dieses Mal war es noch aufregender, so viel hatten Talira und ich ihr zu erzählen. Joris, der mir nicht aus dem Kopf ging und die Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Dieses Gefühl konnte ich nicht beschreiben, doch es fühlte sich schön an, einfach schön, Worte zu hören, die einen aufbauen, ohne wirklich eine Erklärung schuldig sein zu müssen.
Die alte Vefa wartete schon auf Talira und mich, scheinbar aus dem Wissen heraus, dass wir so viel zu erzählen hatten.
Talira und ich erzählten von unserer unschönen Begegnung mit den Vogelfreien, meiner Rettung, dem Wissen heraus, dass wir eine Bürgerschaft in Bajard anstrebten, doch vor allem dem kleinen Constantin.
Dass wir die Sache mit den Vogelfreien in irgendeiner Weise ahnden mussten stand von vornherein fest. Wir mussten uns etwas einfallen lassen. Dem stimmte Vefa zu.
Worin sie uns nicht zustimmte jedoch, war die Tatsache, dass wir uns um einen kleinen Jungen kümmern wollten. Wir seien, so meinte Vefa, doch selber noch Kinder, und zum ersten mal in meinem Leben, seit dem gestrigen erlebnis mit Joris, antwortete ich nicht aus Trotz sondern wusste, dass ich eben kein Kind mehr war. Doch Verantwortung zu übernehmen, mir eine Bürde aufzulasten, das war vielleicht nidht das Richtige. Und trotzdem wusste ich, dass Constantin es bei uns am Besten haben würde. Wir wollten ein kleines Heilerhaus öffnen, Kranken helfen, für sie dasein. Constantin würde durch uns lernen, was es heißt, zu helfen, und vielleicht würde er dadurch später gar ein wirklich guter junger Mann werden.
Aber Vefa zweifelte, sie zweifelte nicht ohne Grund, wir hatten andere Verpflichtungen. Und so blieb uns keine andere Wahl als uns um ein Zuhause für ihn umzusehen. Vielleicht hatten wir ja bei Lili tatsächlich Glück, da war er ja bislang untergekommen.
Wir beschlossen, vorerst unsere Rachepläne gegen die Vogelfreien auf Eis zu legen und konzentrierten uns auf Constantin. Ein Talisman, der ihn beschützen sollte, sollte es werden. Vefa meinte, wir sollten lernen, wie man einen Ritualplatz herrichtet, ihn reinigt und vorbereitet, dann verlangte sie von uns, dass wir ein paar Gegenstände beschafften. Die Kordeln und Lederbänder waren da noch einfach, schwieriger war es, ein Kleeblatt zu finden, diese Aufgaben bekam Talira übertragen. Ich würde eine Drahtrolle besorgen, gefertigt aus Hexenstahl, einen reinen kristall und unverbrauchte ungetragene einfache Kleider für uns. Dann noch etwas Persönliches von uns.
Constantin, das habe ich so entschieden, war wichtiger, als die Rache an denjenigen, die mir weh getan hatten, und diese Entscheidung fühlte sich auch richtig an. Das machten wir Vefa an jenem Abend nochmals deutlich. Es war die richtige Entscheidung, zu helfen, nicht Rache zu üben. Mutter will es gewiss auch so.
Verfasst: Freitag 23. Juli 2010, 18:03
von Selene Ainaan
Kapitel XXVII:
"Ein Ritual"
Die bücher, die Selene in den Regalen fand, waren sehr aufschlussreich, aber alles, was darin zu lesen stand, war viel zu kompliziert und detailreich. Ihre Kenntnisse, das Lied zu beherrschen waren zu gering, um diese Rituale durchzuführen. Es war tatsächlich nur ein einfaches Ritual, und Vefa hatte ja gesagt, dass sie sich selbst etwas ausdenken sollten. Grübelnd verharrte Selene in den letzten Tagen des Morgens im Gras und strich konzentriert mit ihren Fingern über das frische Grün.
Sie konnte im Sausen, wie sie es nannte, einzelne Nuancen herausfiltern, die es ihr erleichterten, Gras von Blumen zu unterscheiden. Das Einzige, was sie daran wirklich zu stören schien jedoch waren die toten Äste und das heruntergefallene Blattwerk. Um den Platz zu reinigen mussten die störenden Elemente jedoch fort, und sie sollten wohl auch einen Teil der störenden Känge mitnehmen. Also überlegte sie. Einen Kreis zeichnen um das Gebiet sozusagen abzustecken, zu markieren und dann das störende Blattwerk hinfortzuwehen.
Reinigen konnten es Talira und Selene gemeinsam. Dem sollte das Wasser folgen, das schädliche Klänge wegspülen sollte. Wenn Selene das hinbekommen würde, wäre die eigentliche Hürde geschafft.