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Verfasst: Sonntag 13. Juni 2010, 11:32
von Darna von Hohenfels
27.Eluviar 253 - Teil 1
Um Tod oder Leben
Ich will nicht mehr. Sie haben mir gestern was eingeflößt, nicht wahr? Es vernebelt mir die Sinne und betäubt mir das Gefühl, zu leben. Ich sehe alles wie von einem grauen Schleier umgeben und der Käfig aus Blut ist mir ständig, jeden quälenden Herzschlag lang so präsent wie die schwarzen Augen des Toten, die mich anstarren.
[img]http://img263.imageshack.us/img263/2615/augenkrathorfluch.jpg[/img]
Mein Körper fühlt sich an, als wär er nur lästig, als wär das Atmen unwichtig, ich spüre alles Leid, ich spüre, daß ich schrecklich durstig bin und doch auch wieder nicht. Vielleicht ist es Wirkung der Droge, vielleicht kommen sie meinem eigenen Wunsch auch unwissend entgegen: ich will nicht mehr.
Sie versuchen mir Blut zu trinken zu geben, sagen, wenn nötig, mit einem Trichter. Aber sie wollen lieber, daß ich es freiwillig trinke. Niemals. Lasst mich verdursten, Dreckspack, das werde ich noch eher über mich bringen, als daß ich Menschenblut saufe wie ihr. Sie scheinen mich irgendwie... an ihresgleichen "gewöhnen" zu wollen, ständig lungern sie in meiner Nähe herum und wollen mir weismachen, mich freundlich zu streicheln, als wär ich ein wildes Tier, das für die Kinder gezähmt werden soll. Oh wie ich sie hasse! Einzig darin bin ich ihnen inzwischen womöglich gleich, und es schert mich nur wenig, außer ein Gefühl der Bitterkeit zurückzulassen. Wenn dieser letharische Mistkerl, der sich immernoch Mühe gibt, so auszusehen wie Adrian, mich nochmal anfasst, schaff ich es doch noch, ihm die Finger abzubeißen, ich schwörs dir, Blauhaut!
Erneut versuche ich, sie dazu anzustacheln, mich einfach nur endlich zu töten, es ist mir völlig egal, ob ich in einer ihrer Arenen blutig ende oder sie mich bloß in einen ihrer Flüsse aus Lava werfen, es ist mir völlig egal, ich will hier nur noch... raus.
Aber sie lassen nicht locker und mir dämmert mit lähmendem Entsetzen, daß sie so viel Zeit haben und ich bin am Ende... ich darf ihnen keine Zeit mehr lassen. Um mich quälen zu können, muß ich leben, und quälen tun sie mich: mein ganzes Gesicht wischen sie mit einem blutgetränkten Tuch ab, Götter, was haben sie davon?! Es ist so widerwärtig. Und sie versuchen wirklich mit allen Tricks, mir Blut auch einzuflössen, wieder dieser "Adrian"lethar, ich... ich... "ich bring ihn um" umschreibt nicht mehr ausreichend, was ich mit ihm vor hätte, wenn ich könnte. Auch die Phantasie, mir Grausamkeiten auszudenken, scheint mir langsam auszugehen.
Ihnen aber nicht:
"Wir gaben gestern eine erste Forderung bezüglich Lady Leahs", fangen sie an, sich beiläufig zu unterhalten, und als wäre das nicht schlimm genug, folgt: "Ein Kartenspiel, welches einem Rabendiener gehörte... der Erhabene hat es in sicherer Verwahrung."
HAT?! Verdammt, die klingen aber nicht, als wäre Leah deswegen frei! Sie haben... beides?! Erst Adrian...
"Nein, sie nicht auch noch..." Götter. Hab ich es gesagt? Ich weiß es nicht. Ich will ihnen keine Schwäche zeigen und doch überfällt eisige Trauer mich. Wie durch Watte höre ich noch weitere Worte, die mich glauben lassen, Marbur war nur von Anfang an der Bote des Letharenpacks und Raindri ihr Herold, der irgendwas "vor den Toren herumposaunte". ICH WILL NICHT MEHR! Ich spüre, wie mir Tränen über die Wangen laufen. Herrin, erlös mich. Ich will nicht mehr.
Meine Erinnerung kramt verzweifelt, kramt nach den Versen, die mir stets Kraft gaben, kramt in den Gedichten, die ich liebe, doch es scheint alles so fahl, so verlogen, so kraftlos, sinnentleert, unpassend. Es gibt kein Gedicht, das die Sehnsucht nach dem Tod, die ich empfinde, so ausdrücken könnte, oder ich hätte es sicher nie gelesen und behalten, weil es mir zu furchtbar erschienen wäre. Aber ich brauche Verse. Kann man um den Tod beten?
Endlich meine ich, mich wenigstens an etwas zu entsinnen, aus zwei Gedichten zusammengefasst löse ich mir die Zeilen, die ich brauche, streiche daraus das Tröstliche, die Hoffnung...
Ich zitiere es, wie ich alle Gedichte zitiere, die meine Gebete sind. Ich bete, auf daß mir das Sterben leichter fallen möge.
"Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit."
Ist das nicht absurd? Sie wollen, daß ich lebe, also versuchen die Letharen mit heuchlerischer Stimme, mir Hoffnung zuzuflüstern, sie mir, trügerische Hoffnung, das ist so absurd... ich würde bitter lachen, würde es nicht die Ruhe zerstören, die nach meinem Herz greifen will, es schleicht sich leise heran wie Gift, aber ich will es willkommen heißen. Komm nur, komm... erlös mich.
"Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andere an: Tod ist in allem.
Fallen einst die müden Lider zu,
lischen aus - so hat die Seele Ruh...
Streift tastend ab die Wanderschuh,
legt sich auch in die finstre Truh."
Ich werde euch entkommen, Letharenbrut. Ich entwische euch, und wenn es der letzte Ausweg ist, und ein Weg in unbekanntes Nichts:
"Noch zwei Fünklein seht ihr glimmend stehn
wie zwei Sterne, innerlich zu sehn,
bis sie schwanken... und dann auch vergehn
wie eines Falters Flügelwehn."
(# entnommen und leicht abgewandelt aus "Herbst" von Rainer Maria Rilke und "Abendlied" von Gottfried Keller)
Ich will mich fortwehn lassen, wie des Falters Flügelschlag, dumpf und flüchtig, unbedeutend, lasst mich ziehen... ich höre liebevolles Wispern, irgendwo sehr weit weg, ich höre die Stimme, die mich für sich gewonnen hatte, sie heißt mich mit den Worten willkommen, die mir einst eine der größten Sorgen nahm. Ich komme bald, Adrian. Warte auf mich.
"Ich warte immer auf dich..." - endlich Trost. Endlich ein innerliches Lächeln und so etwas wie trauriger Triumph: "Sie haben dich getötet und bringen uns doch zusammen."
"...aber nicht dort, wo du mich vermutest."
Was? Ich trieb auf ihn zu und nun renn ich ins Leere. Aus der bequemen tödlichen Ruhe heraus stolpern die Gedanken durcheinander und gehen alle Möglichkeiten durch. Egal, wo du bist, und wäre es in Alatars Schlund, ich... nein, überall hin will ich dir nicht folgen, aber... ich will zu dir. Wenn du woanders bist, wo bin ich? Ratlos im Nichts wird mir klar, daß ich wieder versagt habe, wenn das das Ergebnis meines Sterbens ist: von dir getrennt zu bleiben.
Ich bin hier, und hier ist... einfach nichts? Ich bin tot, und hier ist nichts?! Hektisch angel ich nach allen Empfindungen, die ich noch haben könnte, nach den Sinnen, die ich eben verleugnete, das kann doch nicht einfach alles jetzt sein! In der Panik begreif ich, daß ich noch immer auf dem Boden liege. Boden! Begreife, daß da immer noch Stimmen sind, und Ohren, mit denen ich sie hören kann. Ich spüre die Fesseln und bin... da, von wo ich weg wollte.
Elend - wie groß kann es werden?
Wie kann man so enttäuscht und so erleichtert zugleich sein, daß die weltliche Qual kein Ende hat?
Verfasst: Dienstag 15. Juni 2010, 12:40
von Savea Falkenlohe
27.Eluviar 253 - Teil 2
Sie verliert an Kraft, an Willensstärke, Lebensmut und Glauben… so scheint es.
Die Stimme hölzern, verbittert. „Was muss ich tun, damit ihr mich irgendwo draußen sterben lasst?“
Nichts da Milady, hier wird nicht gestorben, nicht heute, nicht jetzt, durchhalten Milady.
„Herrin, vergib mir, ich habe versagt…“
Das ist schlimmer als ihre Wutausbrüche, ihre Hetztiraden, ihre verbalen Anfeindungen, das ist aufgeben, das ist Niederlage eingestehen, wo es keinen gerechten Kampf gab, das ist _nicht_ Milady.
Irgendwo in meinem Hinterkopf formen sich Verse, habe ich sie gehört oder irgendwo gelesen?
Ich weiß es nicht und es ist auch egal, leise höre ich mich sie aufsagen.
„Ich sah mit betrachtendem Gemüte
vor Zeiten den Klosterbaum, welcher blühte,
in kühler Nacht beim Mondenschein;
ich glaubt', es könne nichts von größerer Weiße sein.
Es schien, ob wäre ein Schnee gefallen.
Ein jeder, auch der kleinste Ast
trug gleichsam eine rechte Last
von zierlich - weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
indem daselbst des Mondes sanftes Licht
selbst durch die zarten Blätter bricht,
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht‘ ich, kann auf Erden
etwas Weißeres gefunden werden.“
Wir sehen, wie Milady ins Leere starrt und die Lippen lautlos bewegt. Kennt sie die Verse?
Spricht sie sie mit? Weiter sprechen, ich muss weiter sprechen.
„Indem ich nun bald hin, bald her
im Schatten dieses Baumes gehe,
sah ich von ungefähr
durch alle Blumen in die Höhe
und ward noch einen weißeren Schein,
der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,
fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
bei diesem weißen Glanz…“
Ein Wispern Miladys „Ihre Sterne…“ Ja, Milady, ja! Ihre Sterne! Weiter, nur weiter.
„… es fiel mir ins Gesicht
von einem hellen Stern ein weißes Licht,
das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich an Temora im Irdischen ergötze,
dacht ich, hat sie dennoch weit größere Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.“
Meine Stimme klingt aus und Shaya wirft mir einen Blick zu, auffordernd und flehend zugleich, weiter zu reden, aber ich kann nicht.
„Savea…“, so leise, als hätte Milady Angst eine Seifenblase zu zerstören „… sagt ihnen, es tut mir leid…“ Nein, Milady, es gibt nichts, was Euch leid tun müsste, lasst doch dem weißen Sternenstrahl ein bisschen Raum, lasst ihn nicht aus Eurer Seele drängen.
„Es ist zu eng, zu dicht. Ich kam gegen diese Woge nicht an. Sie halten mich hier fest…“, ihre Stimme wird hektischer, als wäre sie von dem Wunsch beseelt, uns unbedingt noch etwas mitzuteilen „… unter einer Bluteiche… alles voller Blut… unten in Leth Axorn…“
Himmel! Durchhalten Milady, ihre Eminenz wird Euch holen, sie wird den Käfig sprengen und wir bleiben an Eurer Seite!
„Nein, nein, sie darf nicht her…“, ihre Stimme voller Furcht „… sie haben ein Netz gesponnen, neun Stränge, ganze neun…“ Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Wir werden sie zerreißen Milady, alle neun!
Shaya kramt hektisch nach Papier und Kohle und notiert zitternder Hand was Milady sagt, alles könnte wichtig sein für ihre Eminenz, kein Wort darf verloren gehen!
„Es ist soviel Blut und ich kann ihn nicht… nicht retten, er ist verloren… geht nicht weg. Sie darf nicht her.“ Shaya schreibt und ich habe keinen Schimmer wovon Milady da spricht, alles was ich weiß ist, sie darf nicht aufhören, sie _muss_ weitersprechen und ich ermuntere sie, die eigene Hilflosigkeit niederkämpfend.
Nein Milady, er ist nicht verloren. Vertraut Milady, sie kann Euch holen und wir gehen nicht weg!
„Sie kann nicht her, sie kommt hier nicht durch, es ist mitten in Leth Axorn und ich kann sie nicht mehr rufen, zu viel Hass… Savea… lauft…“, ihr verzweifeltes Flehen.
Wie aus einem Munde versichern wir ihr, sie an ihrer Stelle zu rufen, für sie und nicht wegzugehen, an ihrer Seite zu bleiben, denn da gehören wir hin.
Milady will ihnen keine Zeit mehr geben, sie gegen uns zu verwenden, sie glaubt, sie haben seine Hoheit getötet und es klingt wie ein Schwur, als sie etwas lauter beteuert, dass sie dafür bezahlen werden und wenn sie ihnen noch als rächende Seele im Tode nachjagen muss!
Während Shaya mit der einen Hand weiter schreibt und mit der anderen sanfter Geste Milady ein paar Strähnen aus dem Gesicht streicht, strecke ich meine Hand aus und lege sie auf den Milady bedeckenden Umhang, dort wo ich ihre Hand erahne und drücke sie leicht. Oh nein Milady, Ihr werdet ihnen nicht die Genugtuung geben und sterben. Ihr verdammt nochmal nicht!
Unter dem Stoff dreht sich ihre Hand und greift die meine. Ein kurzer Moment der Rührung will sich in mir breitmachen, aber da folgt schon der Schmerz. Sie verdreht mir die Hand und quetscht meine Finger zusammen. „Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt die Finger von mir lassen? Gedacht, ich schlafe?“ Verdammt Milady, Ihr brecht mir die Finger! „Oho, Plan erkannt.“ Sie vollführt noch eine weitere Drehung meiner Hand und es braucht tatsächlich mein eigenes Zerren, Shayas helfende Hand und den Umhangstoff, bis Miladys Griff sich löst und ich meine Hand wieder mein Eigen nennen darf.
Es ist also vorbei, der dunkle Geist hat sie wieder fest im Griff.
Wir betrachten die von Shaya hektisch gekritzelten Notizen. Leth Axorn, das ist doch Blaukram und nicht gefiederter? Das passt doch alles nicht zusammen. Wo bleibt ihre Eminenz?
„Oh, Euer Erzlethyr darf sich ruhig verspäten, ich werde ihm verzeihen.“, erklingt es zynisch kühl, Milady möchte wieder mitreden. Das wird ihn freuen zu hören Milady!
Fräulein Ira kommt hinzu, einfühlsam wie gewohnt „Sie spielt noch immer die paranoide blöde Hexenjägerin?“ Ich erwäge kurz, sie mit den Füßen nach oben in den Klosterbrunnen zu hängen, aber Shaya gelingt es die Situation zu entschärfen und Fräulein Ira lässt sich sogar zu einer echten Gefühlsäußerung hinreißen, während Milady nun munter auch nicht mit ihren verdrehten Kommentaren spart.
Als sie sich auf die Seite drehen möchte, bin ich entsprechend vorsichtig behilflich, als von Milady ein deutliches Magenknurren zu vernehmen ist.
Sie lehnt allerdings alle gut gemeinten Angebote ab, bis Fräulein Ira ihr eine Handvoll Kirschen entgegen hält. Milady starrt diese mit weiten Augen an, dann Fräulein Ira mit unübersehbarem entsetztem Ekel. „Himmel, möge die Herrin Euch dafür strafen.“
„Was sollte die Herrin gegen Kirschen haben? Oder gegen Obst? Oder gegen Zottelratte?“
„Wenn Ihr so hirnverbrannt seid, im Verzehren von blutigen Augäpfeln nichts Schlimmes zu finden, kann ich Euch auch nicht mehr helfen.“, spuckt sie Fräulein Ira angewidert entgegen.
Shaya und mir steht nun selbst der Ekel ins Gesicht geschrieben, bei der vagen Vorstellung, wie die Kirschen für Milady ausgesehen haben müssen.
Fräulein Iras Forschungsdrang ist offenbar geweckt und sie unternimmt einen weiteren Versuch, hält Milady ein nach Knoblauch riechendes, gebratenes Eichhörnchen vors Gesicht und hat damit Erfolg:
Milady kotzt Galle.
Fräulein Ira nimmt dies zum Anlass die Flucht anzutreten oder wie sie sagt: „Ich geh und such mir Suppe.“, und Shaya und ich sind uns einig, dass bei einem nächsten solchen Versuch Fräulein Iras wir uns vermutlich darum prügeln müssten, wer sie von uns in den Brunnen hängen darf.
Verfasst: Sonntag 4. Juli 2010, 18:24
von Darna von Hohenfels
27.Eluviar 253 - Teil 3
Hatte ich vorhin noch Angst vor Alatars Schlund?
Ich bin verloren! Götter, ich bin verloren! Ich hab mir eben noch den Tod gewünscht?! Ich würde in irres Gelächter ausbrechen, wäre der Drang zu weinen nicht so groß und die Starre der Angst nicht völlig lähmend. Sie tragen mich weg, woanders hin, glaube ich, weg von diesem furchtbaren Baum... es spielt keine Rolle. Es ist auch völlig egal, sie haben gerade bewiesen, zu was sie fähig sind.
Der Panther ist hier.
Der leibhaftige Panther. Der Brudermörder. Alatar selbst.
Ich wage es nicht einmal mehr, ein "Hilfe!" auch nur zu denken. Der Göttermörder ist in Leth Axorn und er... stand... er war direkt vor mir. Er hat mich angesehen. Mich gar angesprochen, als sei es blanker Hohn: "Erkennst du mich? Begreifst du, was ich bin?" Sie werden mich dem Panther opfern, vollständig, meinen Körper wie meine Seele, sie sind in der Lage, den Leibhaftigen zu rufen. Ich hatte vorher schon diesen Priester, der ankam, für gefährlich gehalten, aber er ging einfach bloß weg, in den Tempel, und dann kam... ER selbst.
Ich weiß nicht, warum ich nicht tot bin. Eigentlich wage ich gerade nicht einmal zu ermessen, ob ich tot bin oder ob ich noch lebe, was dies hier für ein Zustand ist, ob mein Herz, dessen Schlagen ich gerade jedes Mal einzeln und schmerzhaft spüre, obwohl es rast, gleich einfach aufhört oder....
was haben sie nur mit mir vor. Wenn ich nicht einmal jetzt tot bin, weiß ich nicht, was sie vor haben, und ich vermag mir den Schrecken nicht auszumalen, der kommen soll, wage mich nicht zu fragen, was denn noch kommen soll.
Diesmal weiß ich, daß es nicht das Ende sein wird, als ich in die Schwärze falle und fühle, wie mir die Kraft zu denken entgleitet. Diesmal habe ich sowohl Angst davor, dabei doch zu sterben, wie auch Angst davor, zurückzukehren. Ich falle zurück in den Käfig aus Blut, sehe noch, wie er vor meinem inneren Auge aufblitzt und habe keine Persepktive mehr, was kommen sollte, keinerlei Halt, jede Hoffnung ist nur schmerzende Illusion. Temora... So sehr ich sie liebe, so sehr ich sie verehre, so sehr sie Göttin ist... hier unten kann sie mir nicht mehr helfen, wenn ihr Bruder selbst hier ist. Ich kann ihr nicht mal einen Vorwurf daraus machen. Ich bin nur ein Mensch. Und verloren.
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Wisst ihr, manchmal ist das Leben wie ein Sumpf, in dem man ertrinkt, und Hilfe zu bekommen, gestaltet sich zumeist daraus, daß die eigene Hand nach etwas greift, und daß einem von außen eine Hand gereicht wird, die ebenso zugreift. Dies kann man in allen Varianten durchspielen, es ist ein Bild, das ich recht gerne benutze. Auch mit dem Glauben verhält es sich so: da ist die Hand des Gläubigen, die sich der Gottheit entgegen streckt, und sie sucht gleichsam den Menschen zu erreichen.
Ich verstehe noch nicht wirklich, was geschehen ist.
Ich musste begreifen, daß, so sehr ich auch fuchteln und um Hilfe schreien würde, ich der Herrin keinen Vorwurf daraus machen kann, daß ich sie hier nicht erreichen werde. Sie selber kann hier nicht hin. Spätestens, als ER selber hier war, war alles Ausstrecken der Hand sinnlos. So völlig sinnlos, ja ich habe es gelassen und den Sumpf zum Sieger erklärt.
Und nun?
Liegt es daran, daß sie mich vom Tempel fort gebracht haben? Ich liege in irgend einem kahlen Raum, kann schlecht sagen, wie viel Zeit vergeht und verging. Es schien vorhin, als dringe an meine Ohren ein Wispern, daß ich mich frage, ob es meine eigene Erinnerung war, die sich selbstständig gemacht hätte, oder ob es ein Signal von außen war, der Versuch, ein wenig Trost und Hoffnung zu geben...
"Von guten Mächten treu und still umgeben..." - es sind so schöne, sanfte Zeilen, doch tut es mir leid, ich kann sie nichts bewirken lassen, sie haben... keinen Sinn, treffen nicht mehr für mich zu. Die guten Mächte sind hier so fern wie nur irgendwas, sie sind irgendwo da draußen, weit weg, doch die Hoffnung, daß sie mich erreichen, macht keinen Sinn.
Und doch ist genau das geschehen, ich verstehe es nicht.
Der Käfig aus Blut wurde beschädigt, irgendwie hat ihre Eminenz es geschafft, zu mir vorzudringen, auch wenn sie entfernt blieb und ich nur... "zusehen" ist nicht das richtige Wort... es war, als säße ich in einem Zimmer eingeschlossen und sie kämpfte dort draußen, trotzdem wusste ich, was sie tat: sie zerstörte einen Teil der Blutströme.
Es war ein Kampf, in dem das Blut sich wehrte, Svea zu ertränken versuchte, doch von silbernem Funkenspiel umgeben, beschwor sie die Kraft des Lichtes, sandte Stürme aus Eis und Blitzschlag gegen die unheiligen Quellen und zerriß am Himmel einen Teil des Käfigs.
Es schien wie ein absurder Traum, denn selbst über die Erde gebot die Hohepriesterin und nutzte das Erdenfeuer, um einen der Stränge in blanker Lava verbrennen zu lassen. Es war, als wäre es mein eigenes Blut oder risse jedes Mal an mir, als sich etwas veränderte - es schmerzte, wie wenn man einen Verband entfernt, an dem noch das eigene Blut als Schorf zwischen Wunde und Stoff klebt.
Svea versank in Blut und kam doch mit einer enormen Entladung an Kraft wieder ins Freie - silberne Adler stoben in den Himmel und zerrissen mit ihren Flügeln einen der dickeren Stränge aus Blut. Die Eminenz sandte mir heilendes Licht zu, während mir abgelenkt bewusst wurde, daß dieser Tote mit den schwarzen Augen noch immer da war und scheinbar schon seit einer ganzen Weile auf mich einschlug. Genauso wehrte ich mich jedoch, und als ich mir dessen bewusst wurde, zog er sich zurück, hob die Arme... als ich ich nach oben blickte, ergoß sich Blut über mich, als solle ich unter einem Wasserfall ertränkt werden.
Ich weiß nicht, was ich schrie. Ich weiß nicht, wie Svea mich noch erreichte:
"Halte durch, wir finden dich, wir befreien dich. Adrian lebt, es geht ihm gut, er ist geheilt."
Der Sturzbach aus Blut ebbte ab, die neun... nein, noch fünf Stränge sortierten sich neu, ich konnte sehen, wie sie sich verschoben, um mich wieder gleichmäßig aus allen Richtungen zu umschließen. Fünf.
Aber... wo? Es muß ein Traum sein, ein sehr seltsamer Traum. Vielleicht gar nicht so wichtig, oder gar irreal? Als ich die Augen öffne, fühl ich mich als hätte ich in der Nacht mit jedem Tiefländer einzeln ein Wettsaufen gemacht und noch ein paar Zwerge eingeladen.
Da sind Savea und Shaya - und starren mir ins Gesicht, als hätt ich dort grüne Pusteln.
Aber ich kann etwas trinken, den Göttern sei dank. Wo bin ich überhaupt? Ich kenne diese Zimmer, ich muß im Kloster sein, da ist auch Svea, aber wieso trägt sie ein schwarzes Gewand? Das ist auch nicht mein Zimmer, sondern irgend ein anderes von denen mit Doppelbett. Svea sagt mir erneut, daß Adrian lebt, und die Erleichterung tut fast schon weh, aber irgend etwas stimmt hier doch nicht.
Es ist wie ein Bild, das im Ganzen richtig aussieht, aber an dem Fehler sind. Meine Hände sind gefesselt, meine Füße auch, und Svea versucht mir zu erklären, daß ich krank und es zu meinem Besten sei. Das hatten wir doch irgendwie schon mal.
Ich fühl mich zu erschlagen und auch im Kopf zu träge, um eingehender darüber nachzudenken. Vielleicht haben sie mich aus Leth Axorn befreien können und ich bin noch beeinflusst, wie es Adrian war. Vielleicht waren wir sogar zusammen dort und es wurde mir irgendwie nicht klar? Nein. Nein, das passt doch alles nicht... die ganze Welt scheint zu einem absurden Mischmasch aus dem Kloster und den Gewölben des Letharenunterschlupfes zu werden, als wechselt irgend etwas mit mir nur von hier nach dort und zurück.
Egal. Für ein paar Momente ist mir alles egal, denn es gibt etwas zu essen, was das Loch in meinem Magen füllt, und ich kann mich waschen, die Kleidung wechseln, währenddessen ohne Fesseln ein paar Minuten alleine im Raum sein...
Ist es trügerischer Schein, dies alles dankbar einfach hinzunehmen? Wieder kommen mir die Details in den Sinn, die einfach vorne und hinten nicht passen. Hier kam eine Fremde einfach ohne Klopfen ins Zimmer, die mir dennoch irgendwie bekannt vorkam. Es soll das Zimmer ihrer Eminenz sein, was zum Kuckuck mache ich hier? Und wieso haben sie über ihren Frisiertisch abdeckend ein Tuch gehängt?? Ich lass mir ein wenig Zeit, zöger hinaus, daß sie zurück kommen und suche im Frisiertisch irgendwas, das mir nützlich sein kann. Mehr und mehr wird mir klar, daß ich mir eine Möglichkeit offen halten sollte, zu fliehen. Da hilft mir keine Haarbürste und keine Nagelfeile, aber eine kleine Schere ist hier... muß reichen.
Ich steck sie in meinen linken Handschuh und zieh den Blusenärmel darüber. Es fällt schwer, Savea und Shaya zu täuschen, aber ich versuche mich so normal zu geben wie möglich, keinen Widerstand zu leisten...
Innerlich ächze ich auf, als sie danach fragen, ob ich nicht Stiefel und Handschuhe ablegen wolle, um bequemer auf dem Bett zu liegen, doch recht forsch kann ich mich darauf berufen, wenigstens anständig gekleidet zu bleiben, wenn mich hier schon Fremde wie ein Insekt betrachten kommen.
Sind es wirklich Shaya und Savea? Es gibt kaum Widerworte. Das Fesseln scheint allerdings ihnen so wenig wie mir zu gefallen. Oder ist die Fremde bloß der getarnte Lethar, und Savea und Shaya sind hier selber mit gefangen und tun nur, was ihnen gesagt wurde?
Nein, nein, es passt alles nicht.
"Was... habe ich getan, daß mein Schwertgurt leer ist?"
"Euch und andere in Gefahr gebracht", antwortet Shaya zögerlich und leise.
Der Tote.
Sie versichern mir beide, ich hätte niemanden widerrechtlich umgebracht, aber irgendwas muß zutiefst verkehrt sein: Ich spüre die Herrin nicht, habe keinen Kontakt, weder ein Empfinden dafür, meine Rüstung rufen zu können, noch ist das Schwert ein Teil von mir, da sind... keine Löcher, aber es fühlt sich alles an wie hinter einer Wand aus Glas und ich komme nicht ran.
Langsam begreife ich auch, warum: Ich habe sie losgelassen. Als ich den Panther sah, hatte ich die Hoffnung aufgegeben, und damit auch sie. Es muß ihre Strafe sein, gerechte Strafe, daß sie dafür ihre Hand nun nicht entzieht, aber ich sie trotzdem nicht erreichen kann. Es war meine Schuld, ich habe losgelassen.
Ja, das muß es sein.
Ich muß es wieder gut machen.
Verfasst: Sonntag 15. August 2010, 19:37
von Shaya Nyrloth
27.Eluviar 253 - Teil 3
Männer!
Ich komme nicht umhin mir einzugestehen, dass es genau zwei Dinge zu geben scheint bei denen man sich immer auf sie verlassen kann.
Zum Einen wissen sie sich ausgezeichnet wie Kinder zu benehmen, denn dem Gezänk nach, dass sich seine Hoheit und Sir Rafael abseits liefern würde es dort demnächst blutige Nasen geben. Mit ein wenig Glück sitzen ihre Treffer so gut, dass es hier vielleicht endlich ein wenig Ruhe gibt. Aber das Glück ist uns seit einiger Zeit wohl leider ein weniger treuer Begleiter, da brauche ich wohl keine großen Hoffnungen zu hegen.
Zum Zweiten verstehen sie sich ausgezeichnet darin es zu übertreiben. Die Reaktion der Lady auf den Gestaltwandel seiner Hochgeboren von Goldenfall in einen Pantherpriester und das was sie stattdessen darin sieht, weiß er mit einem einfachen „Vermutlich eine Personifizierung Alatars“ zu erklären. Achso! Na dann! Dann kann ich gar nicht verstehen, warum Milady hier leichenblass mit bebender Unterlippe, zitterndem Körper und voller Entsetzen verzweifelt um Hilfe flehend WÄSSRIG-ROTE TRÄNEN VERGIESST! Ruhig bleiben und durchatmen. Savea bringt es auf den Punkt: „Verdammt, sie ist doch kein Versuchskaninchen!“
„Savea, wenn Ihr des Rätsels Lösung wisst, dann sagt es mir. Ansonsten bitte ich vielmals um Verzeihung, wenn ich nicht jedes der fünfzig Probleme die hier zur Zeit pro Tag entstehen, mit Bravour lösen kann. Ich bin auch nur ein fehlbarer Mann.“ Ja, Ziel eindeutig meilenweit und mit Bravour verfehlt. Da kann ich innerlich nur meine Zustimmung geben. Männer!
In einem stimmen wir allerdings überein. Wir werden Milady in einen Raum schaffen, bei dem die Gefahr gemindert werden kann, dass sie sich aufregt. Obwohl aufregen wohl nicht das Wort wäre, dass ich gewählt hätte. Savea macht sich auf die Suche nach einer geeigneten Räumlichkeit, bar von Ankhs, Statuen und anderem, das nur weitere Probleme verursachen würde. Seine Hochgeboren geht sich um die Streithähne kümmern. Endlich mal eine gute Idee. Ich bemühe mich in der Zwischenzeit recht erfolglos das bei mir verbliebene Häufchen Elend zu beruhigen.Und wir alle hoffen inständig Ihre Eminenz kann sich bald um das Übel kümmern.
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Ihre Eminenz ist ebenso überrascht, dass Ihr Zimmer belegt ist als sie eintritt, wie wir überrascht sind, dass wir ausgerechnet ihre Räumlichkeit erwischt haben, um Milady etwas Ruhe zu gönnen. Viel Zeit für Entschuldigungen bleibt nicht, es geht wieder zu wie im Taubenstall. Savea bringt ihre Eminenz erst einmal auf den aktuellen Stand, während ich mich mit seiner Hochgeboren von Goldenfall zurückziehe, der über diese verfluchten Tarotkarten des elenden Rabendieners sprechen will. Abnicken, abnicken, abnicken, schließlich ist mir das alles schon bekannt.
„Kann ich die Karten bitte haben, Shaya,“ Es ist soweit, einmal tief durchatmen. „es geht hier auch um Leah.“
Wissen wir, verdammt nochmal. Uns macht das genauso wenig Spass, wir wissen selbst was auf dem Spiel steht. Aber diese verfluchten Karten dürfen nicht zurück gegeben werden, es muss einfach einen anderen Weg geben! „Wir haben sie nicht, Hochgeboren. Da müsst Ihr Ihre Eminenz fragen, wir tragen so etwas nicht einfach mit uns herum. Davon ab, bezweifle ich, dass sie einem solchen Tausch zustimmen würde.“
„Bitte Ihre Eminenz um die Herausgabe der Karten.“ Machs doch selber! „Sag Ihr, dass das Ergebnis ist, dass sie eine Adlerritterin verliert, und die Raben neue Karten machen werden.“ Wissen wir. Wissen wir. Wissen wir. Wissen wir. Wissen wir, verflucht noch eins. Als wenn uns das gefallen würde. „Und Du weisst, dass ich nicht immer etwas darauf gebe, was die Hohenfelsens so denken.“ Und weiter? „Und ich lasse meine Freunde nicht im Stich.“ Grrr. Das tun wir genauso wenig! Nur nicht aufregen. Bis drei zählen und weiter geht’s. „Dann Hochgeboren tut es mir leid, aber Ihr werdet Ihre Eminenz selbst fragen müssen, denn auch wenn ich den Namen nicht trage gehöre ich noch immer zum gleiche Hause.“ Geschafft. Thema abgehakt. Und seine Hoheit scheint in der Zwischenzeit seine Spirenzchen mit Sir Rafael auch beendet zu haben. Das lässt ja fast hoffen für den weiteren Verlauf.
Ich gehe ihrer Eminenz berichten, dass der nächste Interesse an den Karten bekundet hat. Sie wünscht sich jetzt schon sich vierteilen zu können. Wäre die Situation nicht so verfahren und vertrackt dann könnte ich vermutlich mitfühlend schmunzeln. Schließlich kennen wir uns mit Mehrteilungen bestens aus. Aber im Augenblick gilt unsere größte Sorge, neben all den anderen die im Hintergrund warten, nun einmal der Paladina, die bewusstlos auf dem Bett liegt und uns langsam aber sicher mehr und mehr davondriftet. Da wäre Schmunzeln fehl am Platze. Es folgt ein kurzes Abklären der Situation, Anreißen des weiteren Vorgehens und das in die Tat umsetzen. Es besteht Hoffnung, dass alles so geregelt werden kann, ohne dass sich Ihre Eminenz vierteilen muss. Gut, denn sie ist inzwischen unsere letzte Hoffnung und da brauchen wir sie unbedingt im Ganzen.
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Wie lange warten wir jetzt schon? Das Gefühl, dass uns die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt wird stärker mit jedem Augenblick, der verstreicht. Seine Hoheit wacht mit uns, verharrt und wartet … wenn auch schlafend. Zumindest scheint er sich doch keine blutige Nase geholt zu haben, da war die Auseinandersetzung der beiden Streithähne wohl mal wieder größer in Wort, als in Tat. Herr Marquez erkundigt sich nach dem Zustand Miladys. Ich würde zu gerne antworten, dass es Ihr gut geht, aber davon ist sie weit entfernt. Und wenn ich mir ihre Augen ansehe, dann steht fest, dass sie sich immer mehr verliert.
Endlich, ihre Eminenz ist zurück. Erleichterung. Hoffnung. Jetzt wird alles gut. Oder vielleicht auch doch erst später. Sie muss erst noch eine dringende Sache erledigen und eilt schon wieder davon. Innerlich seufze ich, wenn ich schon nicht laut schreien kann. Wenigstens wird Herr Marquez zwei Rahaler mehr für uns in die Mangel nehmen, bei dem Ausfall gegen Rahal, der mit einigen Menekanern wohl geplant ist. Ein paar niedergestreckte Raben wären mir im Moment zwar lieber, aber man darf wohl nicht wählerisch werden.
Also weiter warten.
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„Ich bin verloren...“
Ja, ich fühle mich auch verloren. Was? Nein, wer hat das … Milady? Untersteht Euch! Ich glaube ich dreh' durch. Nein, ich drehe nicht durch. Also kein Grund zur Sorge. Ich werde nur ein wenig hysterisch. Aber wenigstens bin ich damit nicht allein. Savea schließt sich an. Ich beschwöre, Savea schreit erstickt ein paar Verse runter und schüttelt Milady ein wenig durch. Ja, gut so, bring sie zur Vernunft. Das kann sie vergessen sich jetzt hier so einfach zu verdrücken und aufzugeben. Dreck, das hilft überhaupt nichts.
Das Kloster, eigentlich ein Ort der Ruhe. Ist mir egal. Ich stürme raus und brülle nach Ihrer Eminenz. Für Ruhe ist später Zeit, jetzt ist Panik und Verzweiflung erst einmal dran. Temora sei Dank kommt sie sofort und ich überbringe Herrn Ecthaliat auf Bitten ihrer Eminenz noch die Nachricht, dass er das Kloster nicht verlassen soll und sie ihn später aufsuchen würde. Die üble Laune die mir von ihm entgegen weht weckt in mir die Lust einmal feste draufzuschlagen. Aber für sowas habe ich im Moment einfach keine Nerven mehr übrig. Der letzte hat sich vor wenigen Minuten feixend ein paar freie Tage genommen.
Alles fühlt sich an, als wäre man in dichten Nebel gefangen. Nichts scheint wirklich greifbar und die Aussicht ist miserabel.
Hochwürden kommt um ihre Eminenz zu unterstützen. Und mir bleibt nur Miladys Hand ein wenig beruhigend und hoffend zu quetschen oder sie mit festen Druck an der Schulter auf dem Bett zu halten. Hochwürden verabschiedet sich irgendwann in die Bewusstlosigkeit. Beneidenswert. Keine Ahnung was Savea da die ganze Zeit macht, ich registriere nur immer mal ihre zuckende Hand. Und was auch immer ihre Eminenz da tut, es scheint jedenfalls Wirkung zu zeigen. Und eine ächzende, sich aufbäumende und schreiende Paladina ist besser, als nichts. Ich schreie mal ein wenig mit. Und nun? Ist es geschafft? Ihre Eminenz sackt fast in sich zusammen. Und? Und? Und? Das ernüchternde Urteil folgt auf dem Fuße. „Nein, nicht geheilt … hierfür wird viel mehr Kraft benötigt, als ich und seine Hochwürden haben.“ Dreck!
„Shaya … ihre Augen … guck nach ihren Augen!“ Ich. Ja. Sofort. Und so beuge ich mich vor und starre. Wäre wirklich schön, wenn es nicht so dunkel hier wäre. Oh, Augen verengen scheint zu helfen, plötzlich sehe ich ganz klar. „Sieht besser aus … ist nicht mehr so ...“ Fachmännisches Urteil, wirklich.
„Habe ich was im Gesicht..?“ Nein, Milady, habt Ihr nicht. Und jetzt hört gefälligst auf die Augen so zusammen zu kneifen, ich muss was nachsehen. Saveas „Ha!“ lässt mich aufsehen. „Sie hat nicht den Wunsch geäußert mich zu zerstückeln.“ Savea hat recht, das lässt wirklich hoffen. „Und noch keine Beleidigungen“, stelle ich selbst fest. Wenn das kein Grund zur Freude ist. Oder auch nicht. Ihre Eminenz merkt an, dass dieser klare Zustand vermutlich höchstens zwei Stunden anhalten wird. Bei dieser Eröffnung sacke ich wieder in mich zusammen und ich erlaube mir ein frustriertes Ächzen. Von dem restlichen Gespräch bekomme ich nichts mit. Ich sehe nur wie sich die Lippen bewegen, hören tu ich nichts. Und selbst wenn ich etwas hören könnte, würde ich es ohnehin nicht verstehen. Ich bin einfach zu fertig.
Als alle gegangen sind, besorgen wir frische Kleidung und etwas zu Essen, damit Milady sich frisch machen und stärken kann, bevor... Nein, daran will ich jetzt noch nicht denken, wir sollten die Zeit nutzen und dankbar sein, auch wenn es nur zwei Stunden sind. Wir geben Ihr die Zeit sich allein und in Ruhe frisch zu machen und umzuziehen. Wir warten draußen, erlauben uns ein wenig durchzuatmen, wenigstens für den Moment. Zurück im Zimmer müssen wir sie wieder fesseln, auch wenn es nicht leicht fällt. Innerlich spüre ich nur einen dicken unangenehmen leidlichen Klumpen bei der ganzen Prozedur. Miladys Begeisterung hält sich ebenso in Grenzen, sie wird schon wieder bissig und grantig. Savea und ich sind uns einig, dass zwei Stunden viel zu wenig sind.
Wir nutzen die uns geschenkte Zeit, beantworten ihre Fragen und hören ihr zu, als sie erzählt, was sie gefühlt und erlebt hat, woran sie sich erinnert. Und ich würde mich am liebsten übergeben, als mir … uns … einiges klarer wird. Wir versuchen sie zu beruhigen, zu erklären. Und auch wenn wir gerade keine Ahnung haben von wem sie da spricht, eines steht für uns fest, denn wir wissen es: sie hat ganz sicher keinen Unschuldigen getötet indem sie ihm einen Dolch in die Brust gerammt hat. Und wer auch immer es ist, von dem sie behauptet, dass er sie unentwegt und anklagend anstarren würde … der soll sie verdammt noch mal gefälligst in Ruhe lassen und dahin zurück verschwinden, woher er gekommen ist. Der soll jemanden anderen anstarren gehen. Dreckskerl. Dem werd ich was … später … erst einmal, ob ich will oder nicht fordern die letzten Tage schlussendlich nun doch ihren Tribut. Und nachdem Savea bereits eingeschlafen ist fallen auch mir irgendwann die Augen zu. Alles wird gut.
Verfasst: Montag 16. August 2010, 15:18
von Darna von Hohenfels
28. Eluviar 253 - Fluchtversuch Nummer Vier oder so
Alles wird gut. Ich mach es alles wieder gut! Ganz bestimmt.
Was immer auch los ist, daß ihr so völlig erschöpft wirkend neben meinem Bett halb sitzt, halb liegt und schlaft, ich werde es alles wieder irgendwie in Ordnung bringen. Ich muß hier nur raus. Ich muß raus aus dem Kloster, und ihr dürft nicht aufwachen.
Mit innerlichem Befremden schiebe ich die Vorstellung beiseite, Savea und Shaya Kissen auf die Gesichter zu drücken, damit sie ganz bestimmt nicht aufwachen... Göttin, habe ich wirklich einen Menschen umgebracht? Ich fühle mich mir selber so fremd. Aber es war sehr gut, daß ich die kleine Schere im Handschuh versteckte, es ist nur elendige Fummelei, sie mit den Zähnen heraus zu ziehen und fast wäre ich wegen der Bandagen, die mich fesseln, gar nicht heran gekommen. Aber da liegt sie nun auf der Decke und ich zerre den rechten Handschuh von der Hand, um sie besser greifen zu können. Was auch nichts bringt. Ich müsste mir unmöglich die Hände verrenken oder die Finger an der Schere brechen oder dieses kleine Ding kaputt biegen, um den Stoff an den Händen zu zerschneiden. Ich habe sicher nicht stundenlang Zeit. Und ich darf nicht fluchen, auch wenn mir gerade sehr danach ist. Noch liegen sie friedlich und schlafen...
Wenn ich die Handfesseln nicht lösen kann, dann eben die an den Füßen. Das geht wesentlich einfacher. Der Knoten ist zwar fest, aber mit zwei Bahnen abgeschnitten lässt sich der Verband dort einfach abwickeln. Mehr als vorsichtig rutsche ich nach unten weg vom Bett und kann endlich aufstehen, mich nach einem geeigneteren Werkzeug umsehen.
Der Dolch. Da liegen meine Sachen beim Tisch, und darunter das, was ich jetzt brauche. Kein gewöhnlicher Dolch, sondern eine Elfenklinge, diamanten und rasiermesserscharf. Ob du meine Nöte verstehen und mich unterstützen würdest, Shalaryl, statt mich hier festhalten zu wollen wie die anderen? Es bringt doch nichts, ich muß etwas tun!
Ich klemme den Dolch zwischen den Streben der Stuhllehne fest und habe endlich das, was ich brauche, um die Handfesseln los zu werden, auch wenn ich mich leicht schneide. Blut... irgendwas war damit. Abgelenkt huscht mein Blick durch den Raum und wieder zu meinen beiden dienstbaren Geistern da beim Bett. Sie kriegen sicher Ärger, wenn ich weg bin.
Hastig kritzel ich eine Notiz, daß sie nicht schuld sind und daß es mir leid tut. Sie sollen keinen Ärger meinetwegen bekommen, aber es wird Zeit, zu gehen.
Leise schleich ich mich aus dem Zimmer. Nordflügel. Dort tappst Bruder Vikarth müde um die Ecke und ich gehe in die entgegengesetzte Richtung. Ich muß hinter die Häuser, dann begegne ich niemandem. Die Sonne ist noch nicht mal aufgegangen, aber zu fast jeder Stunde ist hier irgend jemand wach. Der Baum... schaudernd und fast in Tränen ausbrechend wende ich mich ab und haste leise weiter, mich bei jedem Fenster duckend. Sein Licht ist so kalt und abweisend wirkend, nahezu grausig - es muß an mir liegen. Götter, was habe ich bloß getan? Ich bin kein Paladin mehr, ich ging jeder Gnade verlustig und stehe schlechter da, als wäre es nochmal mein erster Tag auf Gerimor.
Ich muß es wieder gut machen.
Ich muß hinaus, zu den Menschen und mich neu beweisen. Ich muß herausfinden, was geschehen ist und den Mord, den ich beging, sühnen! Hier wollen sie mir nicht die Wahrheit sagen. Hier denken sie, wenn sie mich hier festhalten, wird alles schon wieder gut - oder sie harren auf den Zeitpunkt meiner Strafe, vielleicht halten sie mich deshalb gefangen?
Rasch, ich höre Schritte! Zum Glück regen sich die paar Tiere hier nicht auf, weil sie mich kennen, die Hühner gackern nur leise verschlafen. Hier müssten doch Leitern stehen, um... SCHEISSE! Was machen Menekaner da oben?! Ich erstarre zur Salzsäule und sehe ungläubig, daß da oben menekanische Wachen stehen. Das ist schön, aber... seit wann das? Und warum jetzt? Mistdreck!
Zum Glück sind sie mehr darauf konzentriert, was draußen passiert, als darauf, was sich hinter ihnen regen würde. Bloß nicht umdrehen, hier ist gar nichts! Nur eine Gefallene, die sich im Kloster herumschleicht wie eine Verbrecherin auf der Flucht. Götter, mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich weiß, daß ich nicht durch das Tor brauche. Viel zu viele Wachen. Ich muß eine einzelne überlisten. An der Südostecke müsste, wenn nicht alles geändert wurde, eine unserer eigenen Wachen stehen. Und da ist der Friedhof, das heißt, dort sind Abstufungen der Mauer, die man von außen zwar schlecht hoch, aber von innen recht gut runter klettern können müsste. Ich muß nur die Wache beseitigen. Tut mir zwar leid, aber... Ranschleichen, runterreißen, rascher Genickbru... Nein, nein, nein, nicht...! beseitigen.
Das muß anders gehen. Das muß doch anders gehen!
An der letzten Hausecke halte ich inne, als ich im Schein spärlichen Lichtes tatsächlich die Wache im vertrauten Blau der Klosterwächter sehe. Kodiak. Mal wieder. Diese Ausgeburt an Gutmütigkeit hat doch sicher wieder diese scheiß Wachzeit für jemand anderen übernommen.
Irgend jemand steht aber gerade am Bassin und wäscht sich. Ich wage es nicht mal, um die Ecke zu sehen, ein falscher Blick jetzt, und es fliegt alles auf. Warten... warte... die Schritte entfernen sich. Gut. Durchatmen, so normal wie möglich geben, noch etwas warten, dann - muß ich nochmal warten. Da sind Stimmen zu hören, und eine davon kenne ich. Nein, zwei: Da sind Adrian und Rafael.
Adrian muß im Zimmer gewesen sein. Sie beginnen zu begreifen, daß ich entwischt bin, aber noch nicht weit sein kann. Er schickt Rafael zum Tor. "Lasst mich doch gehen...", wisper ich unhörbar zu mir selbst und beginne, zu verzweifeln. Ich muß hier raus! Zum Glück entfernen sie sich, und ich muß meine letzte Chance nutzen, Kodiak abzulenken und wegzuschicken.
Ohne verdächtiges Schleichen, aber auch nicht zu laut - himmel, ist es schwer, bewusst "normal" zu gehen! "Die Streitbare mit Euch, Kodiak", grüße ich gedämpft, was sicher angesichts der Stunde sowieso angemessen scheint... und das Beben meiner Stimme leicht überspielt. "Ich kann endlich eingeschränkt wieder Dienst tun und würde Euch gern für die restlichen wenigen Stunden ablösen, erlaubt Ihr mir, mich wenigstens wieder etwas nützlich machen zu dürfen?"
Eine Argumentationsbasis, die man mir sicher jederzeit abkaufen würde - und ja, er glaubt es!
"Ja, ihre Eminenz konnte mir helfen", lächel ich gezwungen auf die höfliche Nachfrage. Das ist ja nicht mal gelogen. Es reicht nur nicht, was sie tat, ich muß nun selber tätig werden.
Ein Stein fällt mir vom Herzen, als Kodiak zustimmt, mir den Gefallen tut und seinen Posten verlässt. Jetzt nur nicht zu hastig. Ich gehe ganz normal mit einem leisen Dank die Leiter hoch und stelle mich oben hin, als hielte ich nun Wache. Los, geh weg...
"Einen wohlen Morgen, wo wollt Ihr hin? Ich denke doch, Euer Posten ist dort?" - Adrian. Ich gebe Kodiak nicht allzu viel Zeit, die Lage zu erklären und renne los. "Trottel, sofort zurück und haltet sie auf! Sie will nicht Wache halten, sie flieht!"
Als Adrian zur Mauer sieht, kann er noch den Rest von mir erblicken, wie ich mir die Zeit zum Klettern nicht nehme, sondern abgestützt runter auf die niedrigere Friedhofsmauer springe und bete, nicht daneben zu landen. Adrian brüllt warnend ein: "Rafael! Friedhof!" Schnell weiter. Uff, das ging gerade gut, jetzt ganz runter. Scheiße! Ich beiß die Zähne zusammen, als ausgerechnet auf dem letzten Meter der Fuß umknickt und ich in Panik getrieben laufend humpel. Ich muß zum Waldrand! Wieso habe ich meine Tränke nicht mitgenommen, ich Vollidiot?! Jetzt unsichtbar, wäre ich frei.
Ich höre einen dumpfen Aufprall, hinter mir muß Adrian noch hastiger runter gekommen sein als ich, hoffentlich hat er sich nichts gebrochen. Nein, hat er nicht... urgs... das ist mein Umhang, lass los! Ächzend werde ich nach hinten gerissen, während Rafael in Rüstung laufend angeschnauft kommt. Nein, ich werde nicht warten, vergiss es! Hastig schaffe ich es noch, die Umhangfibel zu lösen und Adrian hält nur noch den Stoff in den Händen, viel Zeit verschafft mir das aber nicht. Schon fühle ich wieder einen Griff an meiner Schulter, der herab gleitet, dann krallt sich seine Hand plötzlich um meinen Schwertgurt und reißt eben daran.
"Nein!"
Ich werde nach hinten umgerissen, und einen Lidschlag später bleibt mir die Luft weg, als Rafael mitsamt Rüstung auf mir liegt. Das war's. Verfluchte Scheiße, nein.
Adrian, lasst mich los! Ihr versteht nicht...!
"Ich muß es wieder gut machen!"
"Nein!"
Warum nur lassen sie mich nicht gehen...
Verfasst: Donnerstag 7. Oktober 2010, 14:56
von Darna von Hohenfels
28. Eluviar 253 - Fluchtversuche Nummer...
Ich begreife immer weniger, was los ist und pendel einfach nur noch zwischen mehreren schrecklichen, skurrilen Träumen, nichts ist wahr oder glaubhaft.
"Ihr habt mich gewürgt, geschlagen, mit einem Messer bedroht, wolltet mir die Kehle aufschlitzen und habt uns angedroht, uns mit was weiß ich für Waffen was weiß ich was anzutun." Nein Ira, das kann nicht stimmen. Oder - Götter! - etwa doch?
Es tut gut, für eine Weile zu glauben, ich würde an Adrians Schulter lehnen und das Gefühl zu haben, einfach in seinem Arm gehalten wegzudämmern. Ich dachte, er wäre tot, aber er ist es nicht. Oder... ist er doch?
Eines bleibt nur stetig präsent, kommt immer wieder, gerade wenn ich denke, ein klein wenig Ruhe zu finden: er starrt mich weiter an. Wie wenn Wolken aufreißen und einem erneut bewusst wird, dass die Sonne schon die ganze Zeit dahinter war... pechschwarze Augen lauern hinter allen Illusionen und sind das einzig konstante, umgeben von einem Meer aus Blut.
Wo bin ich? Und was bin ich? Was habe ich getan? Was geschieht mit mir?
Eines ist so weit sicher, die Schlinge zieht sich immer weiter zu. Noch einen Versuch später, den blauhäutigen Häschern zu entkommen, ist das Ergebnis, daß mir die ohnehin schon gebundenen Hände und Füße so gefesselt wurden, daß ich die Beine nach hinten gewinkelt halten muß und mir noch mehr wie eine Raupe vorkomme. Der wie vielte Fluchtversuch war das jetzt? Ich werde es alleine einfach nicht schaffen. Und endlich weiß ich, was sie wollen, zwei der Blauhäute haben offen darüber geredet:
"Mir kam ein anderer Gedanke, ich werde ihn mit dem Erzlethyren besprechen..."
"Welcher Gedanke, Hoher?"
"Ob es möglich wäre, dass er sich in so einem Traum wie eben in ihren Geist einbindet, um zu sehen, was sie sieht."
"Das wäre in etwa das, was die Dienerin Filixja gesehen hat?"
"Mir geht es eher hoffend darum, etwas über den Ort zu erfahren, den sie sieht - falls überhaupt erreichbar."
"Verstehe. Ich fürchte nur, sein Anblick..."
Götter! Sie reden über die Schwertkrypta! Sie wollen sie durch meine Gedanken sehen, in meine Träume eindringen! Und bei allem, was sie bereits von Adrian wussten, haben sie das auch irgendwie schon mal geschafft. Nein, nein, niemals! Hilfe! Helf mir doch irgend jemand, Herrin! Ich werde es ihnen nicht verraten!
Sie wollen mir wenig später auch noch die Augen verbinden und blanke Panik steigt bei der Vorstellung hoch, daß ich dann nicht mal sehen werde, wann und ob sich etwas nähert, ob sie mir wieder etwas einflößen wollen oder einer der Blauhautmagier den Raum betritt... ich muß weg hier. Sie dürfen mich nicht länger in ihren Händen behalten, hier geht es überhaupt nicht mehr um mich und ob ich dann in irgendwelcher Verdammnis im Tod gefangen wäre, sie dürfen mich nicht mehr in ihrer Gewalt behalten!
Der Weg, wie das zu bewerkstelligen ist, ist erschreckend leicht zu sehen, als mir klar wird, daß das hier jetzt die letzten Augenblicke sein werden, in denen ich noch etwas sehen kann: Da neben dem Lager, auf dem ich mich befinde, steht ein kantiges Möbelding, eine Art Tisch, um Folterwerkzeug darauf ablegen zu können. Die vorstehende harte Kante lacht mich an und im letzten Moment, in dem mir die Augenbinde angelegt wird, halte ich still, um ja nicht die Orientierung zu verlieren. Nicht bewegen... und sie dürfen nicht merken, was ich vorhabe. Ich werde gut zielen müssen, der Abstand muß passen... es wird dunkel. Nicht bewegen.
Wie von einem Tier, das man gefesselt hat und das eigentlich gefährlich ist, springen sie nach getaner Arbeit zurück. Es hört sich an, als wenn sie gehen.
Gehen? Sie gehen wirklich?
Es ist keiner in meiner Nähe. Glaub ich. Nicht in unmittelbarer... aber es ist ein Trick, das weiß ich. Sie haben mich tagelang bewacht, zu mehreren, sie werden jetzt nicht einfach alle gehen. Aber das ist egal, sie geben mir die Sekunden Freiraum, die ich brauche.
Kopf heben, zielen... noch ein Stück vor, ich muß mit dem Knie bis an die Bettkante - dann weiß ich, wo die Ablage ist, wo die Kante ist... und wo mein Kehlkopf einmal mit Wucht hin muß.
Ja, ich habe Angst, mein Atem rast, aber... da, die Tür geht auf...
TU ES!
Verfasst: Freitag 8. Oktober 2010, 23:11
von Darna von Hohenfels
28. Eluviar 253 - lichte Momente
Verflucht noch eins, wo bin ich?! Ist mein Körper noch in Gefangenschaft, aber mein Geist irgendwo... in Sicherheit? Es ist völlig widersinnig, ich spüre, daß ich gefesselt bin, es ist dunkel, meine Augen sind von Tuch bedeckt, und ich spüre den immernoch brennenden Schmerz am Hals... ich habe versucht, mir das Leben zu nehmen, aber nicht genau genug getroffen. Jetzt... ist alles zunichte, sie haben mir jede Gliedmaße einzeln an einen Pfahl gebunden, ich kann mich gerade mal noch halbwegs auf die Seite drehen, um mich nicht völlig wund zu liegen. Als könne mir das nicht egal sein... aber der Instinkt gebietet es. Ich mag meinen eigenen Körper nicht mehr. Er gaukelt mir vor, ich würde vertraute Stimmen hören. Haben die Letharen mir Drogen gegeben, versuchen sie wieder, in meine Gedanken vorzudringen, ihre eigenen Stimmen wie die meiner Freunde und Geliebten klingen zu lassen?
"Wir müssten sie recht gut kennen, wenn wir Euch so gut ihre Stimmen angeblich vorgaukeln könnten, nicht?"
Es ist furchtbar, die Stimme klingt wie Shaya. Aber ich weiß, daß sie nicht hier sein kann.
"Nein, braucht ihr nicht... so viel weiß ich inzwischen." Ihr werdet mich nicht hereinlegen, Letharenpack! Ich weiß, daß ihr es geschafft habt, Adrian auch vorzugaukeln, Anara stünde vor ihm. "Ihr braucht nur meine Phantasie anzustoßen, zu hören, was sie hören möchte."
"Oh. Verstehe." - es klingt ernüchtert, ha! Enttäuscht, daß ich eure Methoden kenne, Dreckskerl?
"Gäbe es etwas, dass Euch davon überzeugen könnte, es wäre nicht nur Schein?"
Durchatmen. Ruhig bleiben. Nein, es gibt nichts. Ich versuche, die Gedanken niederzukämpfen, die mir gerade die alte Vertrautheit in Erinnerung rufen wollen, sich mit Dingen wie menekanischem Hühnchen dagegen absichern zu können, einem Doppelgänger auf den Leim zu gehen. Ich erinnere mich an die Woge der Erleichterung und loyaler Zuneigung, die mich auf der Torbrücke vor Varuna durchströmte, als ich wusste, daß es wirklich Adrian ist, der vor mir steht. Aber hier...? Man kann doch seinen eigenen Gedanken nicht mehr vertrauen, wenn die Blauhäute einen erst in ihrer Gewalt haben. Man kann auf nichts vertrauen. Götter, wie grausam ist das.
"Gar nichts?" - ein leises Seufzen. Hölle, es klingt so... harmlos. So um Fürsorge bemüht, daß es eigentlich nicht die Stimme eines Letharen sein kann. Nein, nein!
"Ich fall auf euch nicht mehr rein."
"Seid Ihr denn je auf mich reingefallen?"
Was für seelische Qualen. Sie lassen mich körperlich ächzen. Ich muß diesen Letharen davon abbringen, weiter bohren zu wollen.
"Ja", kommt also meine schlichte Antwort.
"Wann und wie?" Jahaa, das möchtest du gern wissen... Scheißkerl.
"Als Ihr mir erklärtet, Ihr könnet nicht lesen." So, damit komm jetzt mal zurecht, Blauhaut. Shaya hat mich belogen, und sicher freut es dich. Gleich werde ich irgendwas geheucheltes hören, das ihr Ansehen hinten rum nur tiefer in den Schmutz zieht. Weil du nicht begreifst, was es bedeutet, wenn einem etwas ehrlich leid tut. Ihr verratet euch, Letharenpack, weil Ihr das Gute tatsächlich nicht versteht und nicht mal wirklich so tun könnt, als ob!
...
Grundgütige. Ich wage es nicht, laut zu atmen. Da ist eine Brücke, und sie sieht etwa so stabil aus wie eine Seifenblase. Darf ich... trauen?
Verfasst: Mittwoch 13. Oktober 2010, 23:01
von Shaya Nyrloth
Auf der Suche nach lichten Momenten
1. Akt: Die alte Leier
„Ihr wollt mich genauso enden lassen...“
„Enden wie was, Milady?“
„Er.“
„Nein, Milady.“
„Schlimmer?“
„Nein, Milady … wir wollen Euch gar nichts.“
„'Ihr' nicht ...verstehe. Na dann warten wir mal auf die hohen Herrschaften.“
„Wir werden auch nicht zulassen, dass die Euch etwas tun, Milady.“
Seit Tagen das gleiche Spiel und inzwischen klingt Milady genauso abgekämpft wie wir uns fühlen. Sie hat Angst. Wir auch. Kommt ja nicht oft vor, dass wir uns einig wären. Hilft uns nur im Moment auch nicht weiter. In ihrem jetzigen Zustand ist uns jedenfalls bewusst, dass wir kaum darauf hoffen können einen dieser Augenblicke zu erwischen, in denen sie halbwegs klar ist. Einer dieser Augenblicke in denen wir ihr zeigen können, dass wir noch da sind und sie nicht aufgeben, auch wenn sie den Kampf aufzugeben droht. Aber das kann sie vergessen!
2. Akt: Folter und Fesselspiele
Fürs Erste müssen wir Ihr etwas mehr Spielraum mit den Fesseln lassen. Abgesehen davon, dass der Anblick für uns schon unerträglich ist, will ich mir gar nicht vorstellen wie Milady sich dabei fühlen muss. Sie liegt da wie auf einem Opferaltar. Zeit Abhilfe zu schaffen, ohne Ihr die Möglichkeit zu geben den nächsten Fluchtversuch zu starten, oder sich selbst oder uns den Schädel einzuschlagen. Mit zerschlagenem Schädel lässt sich schließlich schlecht helfen. Also machen Savea und ich uns ans Werk und an den Seilen zu schaffen.
„Geht es?“
„Ja... was meinst du wie viel Spielraum wir ihr geben können, ohne dass sie sich selbst erwürgt oder die Augen auskratzt?“
„Hätten wir das nicht vorher überlegen können? Ich fürchte fast ... also ich will ja die Idee nicht grundsätzlich zerstören, aber egal wie viel Spielraum ...ähem, wenn sie sich aufsetzen kann, kommt sie an die Fußfesseln ran.“
Naja. Passiert. Niemand ist perfekt, auch wenn sich etwas Ernüchterung breit macht.
Letztendlich finden wir doch eine Lösung, haben wir bisher ja auch immer gefunden. Ist zwar grundsätzlich nicht immer auf Zustimmung gestoßen, aber Milady kann man es ja im Moment ohnehin nicht recht machen. Passt also. Durchatmen. Ich vergesse natürlich nicht mich für diese notwendigen Umstände auch angemessen zu entschuldigen, immerhin tut uns das alles genauso weh oder leid, wie … nun zumindest machen wir das Ganze so gern, wie sie sich vermutlich fesseln lässt. Aber wir haben keine Wahl und sie erst recht nicht. Da müssen wir alle durch.
3. Akt: Das Geheimnis der Decke
Sie zittert so sehr, dass Savea eine Decke holt.
Man darf zumindest festhalten, dass wir in guter Absicht handeln wollten. Aber was auch immer Milady veranlasst Panik zu bekommen, als Savea sie zudeckt, es reicht um Savea panisch werden zu lassen und die Decke wieder von ihr zu nehmen. Was auch immer diese Decke bei ihr auslöst, wir werden es wohl nie erfahren. Wieder eine Entschuldigung, diesmal von Savea. Wir sinken neben dem Bett zu Boden, kraftlos, ideenlos. Ich hasse Decken... äh Raben. Verfluchtes Pack.
4. Akt: Der lichte Moment
1. Szene: Eine neue Taktik
„Ihr macht das wirklich gut...“
Wie, wo, was, wer?! Oh... es... sie!... spricht, während Savea an der Tür weiteren Besorgten die Lage schildert. Was nun? Was nun? Was nun? Ääähem... neue Taktik.
„Was, Milady?“
„Mir vorzugaukeln ich höre vertraute Stimmen.“
„Was, wenn ich sagen würde es wäre kein Gaukeln?“
Sie knirscht mit den Zähnen, ich auch. Nicht aufgeben, weiter...
„Wen glaubt Ihr denn alles zu hören, Milady?“
Keine Antwort. Auch gut, oder nicht gut. Weiter...
„Wir müssten sie recht gut kennen, wenn wir Euch so gut Ihre Stimmen angeblich vorgaukeln könnten?“
Ich wage ein wenig zu hoffen, dass das so wirklich funktionieren könnte. Zumindest hat sie mich bisher weder verflucht, noch mir die grausamsten Tode gewünscht.
2. Szene: Erste Prüfung
„Gibt es irgendetwas, dass Euch überzeugen könnte es wäre nicht nur Schein? … Gar nichts?“
„Ich fall' auf euch nicht mehr rein.“
„Seid Ihr denn je auf mich reingefallen?“
Na los, fragt mich, prüft mich. Ich bin zwar noch nie geprüft worden, aber irgendwann ist ja immer das erste Mal. Eine weniger heikle Situation wäre mir für sowas zwar lieber, aber ich muss wohl nehmen was ich kriegen kann. Die Möglichkeiten sind ja langsam ausgeschöpft.
„Ja...“
WAS?! Wann soll das denn bitte gewesen sein?!
„Als Ihr mir erklärtet, Ihr könntet nicht lesen.“
Mmmpf. Dreck! Wo sie recht hat...sie vergisst aber auch gar nichts. Steht wahrscheinlich irgendwann auf meinem Grabstein: „Sie behauptete nicht lesen zu können!“ Das war ja keine böse Absicht, tut mir leid.
„Ja, das mit dem Lesen, das... habe ich aber erklärt... es war nicht so, dass es als beabsichtigte Täuschung ...hmpf … gedacht war.“
Savea gesellt sich leise dazu, während ich mir ein Seufzen erlaube.
3. Szene: Zweite Prüfung
„Und einmal … wär' ich fast auf Euch reingefallen, als Ihr...“
Wie bitte? Nochmal? Soviel Platz ist auf meinem Grabstein gar nicht!
„...als wir auf der Terrasse oben im alten Anwesen saßen und Ihr mir sagtet, wenn ich von jemandem etwas Bestimmtes wissen will, dann müsse ich... etwas Spezielles mit ihm machen...“
Uff...also das...
- Werte Leserschaft, das einstimmige Gremium muss an dieser Stelle leider bekannt geben, dass die Passagen, die an dieser Stelle zu Tage traten, die Zensur nicht überstanden haben. Man … es... kam überein, dass es persönliche und äh peinliche Dinge gibt, die nicht öffentlich bekannt gemacht werden sollten. Das Gremium bitte um Verständnis. Nur soviel sei dazu zu sagen:
Allgemeine Erleichterung und tiefes Durchatmen. Zweite Prüfung bestanden.
4. Szene: Bahnbrechende Dialoge
„Shaya?“
„Ja, Milady.“
„Shaya?“
„Ja, Milady … ich bins.“
5. Szene: Ein Lächeln
Wir können tatsächlich mir ihr reden. Man kann es sogar als längeres Gespräch bezeichnen. Uns gefallen zwar ihre Worte nicht, sie machen uns Angst und lassen uns nur mehr deutlich werden, dass uns die Zeit davon läuft, aber sie lächelt. Bei Temora das ist unheimlich. Sie lächelt tatsächlich. Wir bekommen Panik, kein gutes Zeichen. Es gibt keinen Grund zu lächeln. Sie will aufgeben, verflucht, auch wenn sie sagt sie tut es nicht. Sie sieht keinen Ausweg mehr, hält das für das Ende. Wir brauchen ihre Eminenz, dringend! Unter Tränen sind Savea und ich uns einig, auch wenn sie schon nicht mehr zu sprechen in der Lage ist: „Wir holen Euch da raus und wenn es das Letzte ist … was wir..“
Letzter Akt: Ein Priester auf Abwegen
Ich habe gar kein Klopfen gehört. Die Tür öffnet sich knarzend und seine Hochwürden betritt schmatzend das Zimmer. Wir fahren beide herum, Savea knurrt. Recht hat sie, wie kann er... was bildet er... das kann doch nicht wahr sein. Unsere Nerven liegen blank. Er droht alles so mühsam Aufgebaute zu zerstören, benimmt sich wie ein flegelhafter, schwachköpfiger … grrrr. Savea fackelt nicht lange und tut das Einzige was man in dieser Situation tun kann. Sie wirft ihn raus … eher ein Schieben, denn ein Werfen, obwohl ich sicher bin Temora hätte auch ein Werfen heute verziehen … er hat es verdient. Und ich halte helfend die Tür auf. Das wars, das Knallen der Tür verrät es, ich sinke zurück auf die Knie neben Miladys Bett, während Savea schonmal versucht unsere Nerven einzusammeln, ohne Erfolg.
„Alles gut Milady, keine Gefahr mehr. Milady? Milady? Keine Gefahr mehr … er … sie … es … sind weg.“
Keine Reaktion, keine Antwort. Es klopft, wir brüllen zurück. Die sollen sich alle sonstwo hinscheren, verdammt.
„Milady? Es ist gut, keine Gefahr mehr ...sie sind alle weg.“
„Ja … alle weg.“
„Ihr nicht!“
Wir haben sie verloren. Dreck! Ich lass meinem Ärger beherzt Luft, indem ich mit der Faust auf die Kommode einschlage. Dreck! Dreck! Dreck! Ich hasse Decken … ich hasse Raben … ich hasse Flüche und bei Temora ich hasse im Moment seine Hochwürden!
Verfasst: Freitag 15. Oktober 2010, 01:40
von Darna von Hohenfels
Letzte Worte
Was würde man wohl alles sagen, wenn einem irgendwie klar ist, es könnte die letzte Gelegenheit sein... Dinge, die einem sonst peinlich wären. Dinge, die man sich nicht trauen würde, auszusprechen. Das Leben hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Abschied nehmen zu können. Wie sehr hat Adrian gelitten, als ihm Eileen entrissen wurde, immer wieder hatte er davon geträumt, wie eine Flutwelle sie fortreißt... bis es irgendwann neue Worte waren:
"Das Wasser nahm sie immer noch mit, doch ich hatte vorher endlich die Gelegenheit, mich von ihr zu verabschieden." Ja. Abschied. Adieu, Vivianne. Noch heute denke ich an die Barke und deine innerliche Größe, ihr gelassen entgegen zu sehen. Alyssa und du, ihr habt mir bewiesen, wie wertvoll es ist, friedlich sterben zu können. Es gibt mir die Kraft, meinem eigenen Ende entgegenzusehen.
Einen friedliches Tod indes werde ich nicht finden, soviel ist sicher. Ich liege mit verbundenen Augen an allen Vieren ausgestreckt gefesselt und spüre einmal, wie sie ein weißes Laken über mir ausbreiten wie ein Leichentuch. Ich weiß, daß Runen darauf gemalt sind, noch unvollendet, sie nehmen Maß, sie werden es für die Beschwörung brauchen, wenn ich geopfert werden soll... Ja, ich weiß, daß meine Augen verbunden sind und ich weiß nicht, woher ich das Wissen um das Aussehen des Lakens habe - ich weiß es einfach. Vielleicht ist es schon eine Art des losgelösten Geistes von einem Leib, der bereits tot ist. Mir ist schon seit längerem kalt, als wär ich tot, da ist ein Leichentuch nur passend. Es fühlt sich alles so schräg an und scheint doch völlig klar.
Ist es Traum oder Wirklichkeit, daß ich mit ihr spreche? Traum. Ja, in jedem Fall Traum. Ich habe Gelegenheit, mich zu verabschieden. Warum bei ihr? Vielleicht, weil sie sich so rührend Sorgen macht, die Ärmste. Sie ist wohl die empfindsamste von allen, womöglich hat sie eben einfach gerade... den besten Kontakt... egal, ich darf es nicht verstreichen lassen. Hab keine Angst, Shaya. Ja, ich erinner mich, wie wir für dich gesorgt haben, als du unter diesen schrecklichen Träumen gelitten hast; das, was ich tun konnte, hab ich gerne getan. Ja, ich weiß, welches Schlafmittel du meinst: das von Ryana, ja das haben wir bei dir verwendet. Es schenkt auch dem Geist Ruhe, nicht nur dem Körper. Es ist gut, daß du das erwähnst.
"Ihr... vielleicht solltet ihr es lieber aufheben, wenn... für Adrian. Lasst ihn nicht gehen, ja? Er hat alles verloren..."
Ich habe Angst, was mit Adrian geschieht, wenn es für mich zuende wäre.
"Seiner Hoheit geht es gut, Milady."
"Das ist gut..." - ja, das ist gut. Aber das spielt gerade weniger eine Rolle, ich hoffe sie begreift das. Es wird ihm sicher nicht mehr gut gehen, wenn er begreifen muß, daß es für mich zuende ist. Ihr müsst ihn dann aufhalten, eine Dummheit zu begehen, hört ihr?
"Und Euch haben wir auch bald wieder, Ihr dürft nicht aufgeben."
Ja sicher... es entlockt mir nur noch ein mildes Lächeln. Sie wollen mich aus Leth Axorn holen, welch Wahnsinn. Meine treuen Geister. Ich muß es ihnen ausreden: "Begebt euch nicht in Gefahr deswegen."
"Wer sonst, wenn nicht wir."
Ja, das habe ich auch mal gedacht. Als Adrian da gefangen war, hätte ich Arm und Hals gegeben, um ihn da raus zu holen, aber es war nicht möglich. Ich muß sie davon abbringen:
"Es gibt... Grenzen. Und dies hier..." Durchatmen. Schlucken. "Nehmt es mir nicht böse, aber das ist eine Feindstufe, die liegt... zu hoch."
Sie müssen wissen, wo das Mittel ist. Shaya sagt mir immer wieder, ich dürfe nicht aufgeben. Ach Liebes... "Ich tu es nicht, Shaya", sage ich ihr tröstlich zusichernd und weiß nicht einmal sicher, ob das gelogen ist, "Aber ich kann den Zeitpunkt nicht bestimmen. Vergebt mir."
Ich habe keine Kontrolle mehr und beginne zu begreifen, daß Demut die letzte Tugend ist, die mir bleibt. Demut, das Ende zu akzeptieren. Letzte Worte also:
"Shaya... ich weiß, es ist... privat, aber...", bargs, Himmel, es ist so schmalzig, ich hätte Shaya das nie antun mögen, so etwas überbringen zu müssen, aber es ist die Wahrheit und so wichtig, verdammt. Ich will nicht den gleichen Fehler machen wie bei Andrey. Ich hatte nie Gelegenheit, mich zu verabschieden.
"Sagt seiner Hoheit bitte, daß ich ihn wirklich liebe, ja? Und ich hatte nie treuere Geister als euch."
Ja, letzte Worte. Ich höre das Knarzen der Tür. Sie kommen wieder. Irgend jemand schmatzt da wie ein Schwein. Sie essen blutiges Fleisch, Augäpfel und noch viel widerlichere Sachen.
"Geht", hauche ich Shaya überflüssigerweise noch warnend zu - sie ist nicht mehr da. Es war nur ein flüchtiger Eindruck von Vertrautheit.
Und sie versuchen immernoch, mich zu täuschen, mir die Sinne zu verdrehen... Nein, Savea würde nicht kündigen. Schlechter Versuch.
"Es ist, wie Adrian sagte: Ihr seht... und begreift nichts."
"Ist dem so? Lehrt mich begreifen, Milady."
"Nein. Ihr bohrt dabei nur nach Schwächen, einem die Worte zu verdrehen... es geht nicht um begreifen, es geht um ungläubiges Zuhören und Auslachen... Sucht euch einen anderen Idioten."
"An Trotzigkeit seid Ihr kaum zu übertreffen, Milady."
Na wenigstens was. Ich halte inne. Stolz darauf, stur zu sein...? Sie haben mich gebrochen. Ich dachte, das wäre nicht zu schaffen, daß ich je mein Vertrauen in die Macht Temoras verlöre. Ich hätte nie gedacht, daß ich einmal loslassen würde. Aber ich habe losgelassen. Es gibt keinen Grund, das zu relativieren. Demut.
"Es gibt immer Grenzen... Es gibt immer ein 'mehr' und immer ein 'eventuell'..." Ich höre, wie die Blauhäute noch irgendwas reden aber ich höre nicht mehr hin. Die einzige, mit der ich jetzt sprechen will, ist meine Göttin, und ihr habe ich ebenso noch etwas zu sagen, bevor ich sterbe, egal ob sie mich hören kann oder nicht, und es ist mir egal, ob die Letharen dabei geifern würden, wenn sie hören, wie ich ein Geständnis meiner Schwäche ablege - sie begreifen nichts.
"Ich war zu sicher, Herrin, es tut mir leid. Wo war meine Unsicherheit und mein Respekt von früher hin... Ich dachte, nichts kann meinen Glauben in dich erschüttern. Doch ich war zu sicher. Ich dachte, es gibt... Dinge in mir, die können sich nicht ändern. Dinge, auf die ich mich ewig verlassen kann, Dinge die ich einfach nicht tue."
Rodirian de Mena. Der Verräter, der sich als Leibwächter bei Rafael und Felicitas einschlich, um die kleine Rehya direkt nach ihrer Geburt in seine Gewalt zu bringen. Das Messer an der Kehle eines neugeborenen Kindes, ich wusste noch, daß ich mit ihm irgendwas verhandelt hatte, bevor im losbrechenden Tumult ich mit dem Kopf gegen eine Stufe schlug und später nicht mehr sicher wusste, was geschehen war. Er hatte mir Wortbruch vorgeworfen und ich wusste nicht, ob es stimmt. Bis ich begriff, daß es egal ist, ob ich mich daran erinnern kann oder nicht, denn ich hätte mein Wort sicher nicht gebrochen. Es gab Dinge - so die Überzeugung, die ich damals gewann - die Menschen einfach nicht tun, weil es Fundament ihres Charakters ist, Teil ihres Wesens. Aber alles ist möglich... ich hätte auch nicht gedacht, daß ich je so wüste Beschimpfungen gegen irgendwen ausstoßen könnte, wie ich es die letzten Tage tat. Ich hielt es schon fast für unmöglich, daß ich je hassen könne, doch oh wie hell hat die Flamme gelodert... Der Mensch ist zu allem fähig. Ich bin zu allem fähig.
Ich hatte das mal gewusst. Damals, als ich nach Rahal gehen sollte, hatte ich Angst vor dem Alka und auch seinen Dienern, und zu was sie in der Lage wären, würde ich ihnen in die Finger geraten. Ich erinner mich an das Gespräch mit Bruder Ithamar und an seinen seelischen Beistand, nachdem ich das Duell gegen Luzcilla verlor, ich gestand ihm meine Unsicherheit und Angst:
"Ich weiß nicht, was kommt."
Eine Aussage, die ihn nicken und zuversichtlicher scheinen ließ als vorher: "Ihr werdet bestehen."
Diese zarte Hoffnung: "Ich möchte bestehen."
"Dann werdet Ihr bestehen..."
Ich erinner mich an den Stern, den er mit seiner Daumenkuppe auf meine Stirn zeichnete und an seine Worte: "Siebenfach ist unser Weg ... durch sieben Tugenden leitest Du uns an und gewährst uns deine Gnade. Siebenfach ist dein Schild... und siebenfach wird sie dich hüten. Vergesst es nicht, Frau von Elbenau. Wie dunkel es auch sein mag, es werden Euch stets sieben Wege offen stehen. Die Wege der Tugenden. Keine Macht kann sie Euch verwehren."
Ich könnte weinen, wäre ich noch in der Lage dazu. Keine Macht konnte sie mir verwehren, doch verführt haben sie mich, und ich habe losgelassen, eine nach der anderen. Ein siebenfacher Weg, die Pfade der Tugenden, und ich blicke auf einem dünnen Seil der Demut noch stehend in die Schwärze des Nichts, es ist kaum mehr etwas übrig.
"Demut... Ich kann nur hoffen, Herrin", hör ich mich wispern, "Hoffen, daß du mir fehlbarem Wesen vergibst. Ich werde der Dinge harren, die da kommen... Vielleicht...
vielleicht retten sie mich sogar, wie sie sagten. Ich will... es nicht verlangen und nicht verzweifeln."
Es ist kurios, ja - es gibt eine Hoffnung, die keine Hoffnung ist, weil man sich nicht mehr traut, zu hoffen und doch immernoch das Ende offen lässt und damit Raum bietet, damit sich etwas ändern kann.
"Man kann Wunder nicht erzwingen. Aber man soll ihnen Raum lassen, damit sie geschehen können."
Ich will nichts erwarten. Plötzlich fällt es endlich wieder leicht und macht Sinn, zu beten.
"Temora, schicke was du willst...
ein Liebes oder Leides; ich bin vergnügt, daß beides
aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten - doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden."
Ja. So ist es. Es lässt das Ganze hier ein wenig erträglicher werden und schenkt mir Ruhe, macht die Schmerzen vergessen und für einen Moment habe ich das Gefühl, sie hätte es mir verziehen, daß ich zum Ausweg des Selbstmordes hätte greifen wollen. Für einen Moment fühl ich Trost.
Bitte... bitte verzeih mir... mir fehlbarem Wesen.