Verfasst: Dienstag 12. August 2008, 12:41
Kapitel III: Die Erschöpfung
Noch immer konnte sie das Salz auf ihrer Haut mit der Zungenspitze schmecken, noch immer verbarg sie ihre glänzenden Augen weitgehend vor der Öffentlichkeit. Sie saß noch lange Zeit regungslos vor dem großen Stein im Wald, und starrte in die Richtung in welche er verschwunden war. War es die Hoffnung er würde umkehren, oder war es lediglich die traurige Gewissheit, dass er sie schlichtweg allein mit ihren schmerzlichen Gedanken ließ, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen? Je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr schlich sich ein ungutes Gefühl in die sonst so unbekümmerten Gedankengänge der jungen Rothaarigen. Selbst das leise Rascheln der Blätter, der laue Abendwind, noch der abendliche Gesang der Vögel konnte sie auf andere Gedanken bringen: Das erste Mal in ihrem Leben fühlte sie sich von ihren sonst so steuerbaren Gedankengängen verraten, überlistet und schrecklich verletzt. So saß sie alleine an diesem Stein, die Harte und Kälte dessen in ihrem Rücken und nicht einmal mehr die sonst so positiv ausgestrahlte Ruhe wollte sich wieder in ihr einfinden. Wurde sie gemieden, von Menschen und den eigenen Gefühlen .. wegen der eigenen Gefühle? Die Grashalme beugten sich vor ihr, einige wurden unbarmherzig von dem aufbrausenden Nachtwind in die Höhe gehoben und in die Ferne getragen. Weg von ihrem gewohnten Ort, in eine unbekannte Zukunft ohne Wurzeln und wahren Nährboden. Milya hob den Blick in die Höhe, den Grashalmen gedankenverloren nachsehend, bis sich ihre Spur in den Baumwipfeln für immer verlor. Das Augenmerk, aus den so unendlich weiten grünen Augen, galt anschließend den leicht schwenkenden Baumkronen. Mächtig thronten sie über allem, über Mensch, Tier und niedrigen Gewächsen der Natur. Kein Wind und kein Unwetter schien sie aus dem Gleichgewicht bringen zu können, seelenruhig und wohlgesonnen ließen sie die Äste Tag um Tag, Nacht um Nacht von einer zur anderen Seite schwenkend. Sich lediglich das ein oder andere Mal von ihrem Blätterkleid verabschiedend, um sich in neue Farbe zu kleiden. Das neu gewonnene Leben ein weiteres Mal in vollen Zügen genießend.
In langsamen, ungewohnt stockenden Bewegungen drückte sich die junge Frau in die Höhe. Die Härte des Steins hinter sich zurück lassend, während sie ungerichtete Schritte nach vorne nahm. Ungewiss ob sie den Wald nun hinter sich, oder sich nur noch mehr von ihm einnehmen lassen wollte. Die schweren Locken peitschten in wellenartigen Bewegungen ihren Rücken entlang, umspielten übermütig ihre müden Gesichtszüge und verdeckten hilfsbereit hier und da die nur mehr matt schimmernden Augen, welche neuerdings untermalt von dunkle, unübersehbaren Ringen waren. Wie sollte es auch anders sein? Tag ein, Tag aus gequält von diesen schrecklichen Alpträumen. Kaum mehr den Unterschied zwischen Realität und Traum erkennend.. es erschien ihr so vieles falsch, falsch und ungerecht. Letztendlich fühlte sie sich alleine und verlassen. Verlassen von den Menschen, die ihr sonst stets Mut gemacht hatten, wurde sie wirklich einmal von ihrem Selbstbewusstsein und der dazugehörigen Entschlossenheit verlassen. „Mit einem schmalen Dolch kam der Tod in der finsteren Nacht. Zerstörung bringend, um den eigenen Seelenschmerz zu lindern.“, murmelte sie erschreckend ernst vor sich her. Die Augen waren stur auf den Boden gerichtet, keiner würde den trauernden Glanz welchen jene bargen je sehen. Langsam, sehr langsam, glitt die kleine Hand zu der kleinen, aus Leder genähten Scheide an ihrer Seite. Plötzliche Dunkelheit umspielte sie, ein eisiger Hauch umschloss die Gliedmaßen, während sie Finger für Finger quälend langsam um den silbernen Dolch legte. Er schien noch unbenutzt, keinerlei Spuren von Fell, Blut oder Haut war zu erkennen, und doch lag er angenehm leicht in ihrer rechten Hand. Mehr als ein Blitzen, hervor gerufen von dem Schein des Mondes, war nicht zu erkennen. Er schmiegte sich sehnsüchtig lechzend in die Handfläche der jungen Frau, während er sich mit seiner schmalen Form angenehm überraschend anpasste und zur beinahe vollständigen Unkenntlichkeit verschwamm.
Erst als die in dünne Sandalen gehüllten Füße die Lichtung des Waldstückes erreichten, hob die Rothaarigen den Blick und ließ in bedacht langsam über die Siedlung wandern. Hier und da stieg grauer Rauch aus den Schornsteinen, die meisten Fensterläden waren bereits geschlossen und ließen die Tätigkeiten dahinter nur erahnen: Eheleute redeten, stritten sich, versöhnen und liebten sich hemmungslos. Kinder schliefen währenddessen seelenruhig oder geplagt von den schlimmsten Träumen in ihren weichen Betten. Fantasievolle Welten wurden erschaffen, Tore zu den sehnlichsten Wünschen wurden geöffnet und manch' einer schwelgte gewiss für wenige Stunden des Schlafs in seinem eigenen Königreich. Tiere grasten seelenruhig vor sich hin, schliefen im Stehen oder gingen ähnlichen Beschäftigungen nach wie es auch die erwachsenen Menschen in ihren Häusern taten. Wohlgesetze Schritte führten sie an das erste Haus der Siedlung heran, es lag in vollkommener Dunkelheit und auch nach angestrengtem Lauschen konnte man keinerlei Geräusch aus dessen Inneren wahrnehmen. Wärme drang aus einem Spalt der Haustüre, welchen sie auch gleich auf leisen Sohlen anstrebte. Die Haustüre stand offen und ließ sie einen Blick auf die Einrichtung des ersten Raumes tätigen: Ungewohnt vertraut war dieser Raum. Ein Gang, geziert von Vorhängen und einer kleinen Kommode, nebst dem Kleiderständer für geladene Gäste. Das leise Atmen von zwei schlafenden Personen drang an ihr Ohr, und kam aus einer ihr ebenso bekannten Richtung. Der Schlafraum wurde von einem weiteren Vorhang getrennt, und doch hielt die Bahn des dicken Stoffes die Geräusche nicht zurück. Waren es tatsächlich Laute die schlafende Menschen von sich gaben? Ein leises, kehliges Lachen aus dem Kämmerchen ließ sie näher treten. Neugierde wurde geweckt, während der Dolch mehr und mehr sein Eigenleben in ihrer Hand entwickelte. Er dürstete nach Rache, ein weiteres Mal und ließ die kleine Hand unkontrolliert immer wieder ein Stück nach vorne rücken. Ehe die Spitze des Dolchs es war, welche den schweren Stoff etwas zur Seite schob, so dass die Besitzerin des Stückes einen Blick hineinwerfen konnte. Als erstes offenbarte sich ihr lediglich ein Geflecht aus verschiedenen Haarstrukturen und Farben. Blondes, längere Haar vereinte sich mit wirren hellbraunen Strähnen. Ein weiteres leises Lachen, unterbrochen von dem Keuchen eines Mannes, ließ sie die Musterung fortsetzen. Die hellhäutigen Körper drehten sich auf die Matratze und das zuvor noch bedeckende Haar, gab nun Sicht auf die grausame Realität: Sie liebten sich, gehemmt und doch voller Sehnsucht. Einzelne Schweißperlen liefen Therben über die Stirn, während Ellinore genussvoll die Augen geschlossen hatte. Milyas Augen verengten sich und sie ließ die Liebenden gewähren, das Liebesspiel ungeniert aus ihrer eigenen, geschaffenen Dunkelheit heraus beobachtend. Es eröffnete sich ihr eine neue Welt, neue Gedanken und Gefühle. Mehrmals versuchte sie sich in den Körper Ellinores hineinzuversetzen und jedes Mal scheiterte sie an dieser Art des Gefühls. Wie mag es wohl sein auf diese Art geliebt zu werden? Wieso umgaben sich beide aus einem Konstrukt aus Lügen, indem sie behaupteten sie würden kein Bett miteinander teilen? Ein letztes, aus beiden Mündern entweichendes Keuchen, ließ das Augenmerk bewusst zurück auf die verschwitzten, eng bei einander liegenden Körper fallen und auch der Dolch in ihrer Hand schien sich seiner Aufgabe bereits bewusst zu sein. So wartet sie nicht lange und trat gemächlichen Schrittes auf das Bett der beiden zu. „Therben, Frau Green. Welch' Überraschung. Ich störe doch nicht etwa?“, hauchte sie den beiden unheilsverkündend entgegen. Mit einem spitzen Schrei bedeckte Ellinore mit Hilfe der Decke ihre Blöße, während Therben einem Schutzschild gleich einen Arm um sie legte. Milya machte keinen Hehl aus dem Dolch in ihrer Hand, wäre er doch kaum mehr zu verstecken gewesen. Die vorherige Tarnung des Dolchs wurde wie von selbst gelöst, das Glitzern verstärkte und immer wieder schnellte die Hand furchteinflössend nach vorne. „Milya? Was machst du hier? Beruhige dich doch erstmal, mh?“, erklangen seine bemüht ruhigen Worte aus seiner Kehle. Und so schien es auch der letzte verständliche Laut zu sein, welcher jene verließ. Ruckartig führte der Dolch ihre Hand nach vorne und schnitt in einer Seitwärtsbewegung beider Kehlen durch. Die roten Haare hingen in die verrückt-verzerrten Gesichtszüge, während die blutigen Spritzer sich ihren Platz in dem Gesicht suchten. Ein Gurgeln war zu hören, ehe Frau Green bereits kraftlos zur Seite sank. Therbens Augen ruhten noch einen ganzen Moment erschrocken auf Milya, doch mehr als ein unverständliches Gurgeln drang auch aus seiner Kehle nicht mehr. In einer langgezogenen Bewegung rutschte Milya auf das Bett, sich Therbens leblosen Körper nähernd. Hierbei wiederholte sie die so bekannte Berührung seines Brustkorbes: Die Fingerkuppen malten kleine Kreise, umspielten die Brustwarzen und Brusthaare, während das Blut ungestört der Berührungen herunterlief und die Haare unschön verkleben ließ. Ein sehnsüchtiger Blick huschte sittsam über seinen Körper, während die freie Hand die Bettdecke über sein Becken zog und schlussendlich nochmals seinen Bauch berührte. Dann kippte der erschlaffte männliche Leib zur Seite, sich über Frau Greens Körper legend und noch ehe man den Blick von dieser grotesken Szenerie lösen konnte, war die Gestalt vor dem Bett der Liebenden verschwunden..
.. sie keuchte, schnappte nach Luft. Auf den Knien krümmte sie den ganzen Leib, während sie sich wieder und wieder in das Meer übergab. Gischt wurde von dem schäumenden Meer in ihr Gesicht getrieben, brachte jedoch keinerlei Erfrischung mit sich. „Was.. , wieso?“, sie stammelte in die Dunkelheit, beide Hände krallten sich Halt suchend in das Gras neben ihrem zitternden Leib. Die Rothaarige kniete mit schmerzverzerrtem Gesicht vor einer Klippe, in der Ferne konnte man die Lichter Neuhavens erkennen während hier und da einige Möwen ihr Geschrei kundtaten. Es waren kaum mehr zwei Kilometer die sie sich von dem Stein im Wald entfernt hatte, als ihre Erinnerung nachließ und sie nur mehr von Dunkelheit umgeben wurde. Schemenhaft trug der grausame Alptraum seine verschiedenen Facetten an sie heran und ließ sie wieder und wieder würgen. „Wie kann ich nur?“, herzzerreißende, brennende Tränen liefen in Strömen ein weiteres Mal über ihre Wangen. „Oh bitte. Warum tut man mir das an?“, kraftlos sackte sie vor den Klippen zusammen und fiel in einen erschöpften, ausnahmsweise ruhigen Schlaf.
Noch immer konnte sie das Salz auf ihrer Haut mit der Zungenspitze schmecken, noch immer verbarg sie ihre glänzenden Augen weitgehend vor der Öffentlichkeit. Sie saß noch lange Zeit regungslos vor dem großen Stein im Wald, und starrte in die Richtung in welche er verschwunden war. War es die Hoffnung er würde umkehren, oder war es lediglich die traurige Gewissheit, dass er sie schlichtweg allein mit ihren schmerzlichen Gedanken ließ, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen? Je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr schlich sich ein ungutes Gefühl in die sonst so unbekümmerten Gedankengänge der jungen Rothaarigen. Selbst das leise Rascheln der Blätter, der laue Abendwind, noch der abendliche Gesang der Vögel konnte sie auf andere Gedanken bringen: Das erste Mal in ihrem Leben fühlte sie sich von ihren sonst so steuerbaren Gedankengängen verraten, überlistet und schrecklich verletzt. So saß sie alleine an diesem Stein, die Harte und Kälte dessen in ihrem Rücken und nicht einmal mehr die sonst so positiv ausgestrahlte Ruhe wollte sich wieder in ihr einfinden. Wurde sie gemieden, von Menschen und den eigenen Gefühlen .. wegen der eigenen Gefühle? Die Grashalme beugten sich vor ihr, einige wurden unbarmherzig von dem aufbrausenden Nachtwind in die Höhe gehoben und in die Ferne getragen. Weg von ihrem gewohnten Ort, in eine unbekannte Zukunft ohne Wurzeln und wahren Nährboden. Milya hob den Blick in die Höhe, den Grashalmen gedankenverloren nachsehend, bis sich ihre Spur in den Baumwipfeln für immer verlor. Das Augenmerk, aus den so unendlich weiten grünen Augen, galt anschließend den leicht schwenkenden Baumkronen. Mächtig thronten sie über allem, über Mensch, Tier und niedrigen Gewächsen der Natur. Kein Wind und kein Unwetter schien sie aus dem Gleichgewicht bringen zu können, seelenruhig und wohlgesonnen ließen sie die Äste Tag um Tag, Nacht um Nacht von einer zur anderen Seite schwenkend. Sich lediglich das ein oder andere Mal von ihrem Blätterkleid verabschiedend, um sich in neue Farbe zu kleiden. Das neu gewonnene Leben ein weiteres Mal in vollen Zügen genießend.
In langsamen, ungewohnt stockenden Bewegungen drückte sich die junge Frau in die Höhe. Die Härte des Steins hinter sich zurück lassend, während sie ungerichtete Schritte nach vorne nahm. Ungewiss ob sie den Wald nun hinter sich, oder sich nur noch mehr von ihm einnehmen lassen wollte. Die schweren Locken peitschten in wellenartigen Bewegungen ihren Rücken entlang, umspielten übermütig ihre müden Gesichtszüge und verdeckten hilfsbereit hier und da die nur mehr matt schimmernden Augen, welche neuerdings untermalt von dunkle, unübersehbaren Ringen waren. Wie sollte es auch anders sein? Tag ein, Tag aus gequält von diesen schrecklichen Alpträumen. Kaum mehr den Unterschied zwischen Realität und Traum erkennend.. es erschien ihr so vieles falsch, falsch und ungerecht. Letztendlich fühlte sie sich alleine und verlassen. Verlassen von den Menschen, die ihr sonst stets Mut gemacht hatten, wurde sie wirklich einmal von ihrem Selbstbewusstsein und der dazugehörigen Entschlossenheit verlassen. „Mit einem schmalen Dolch kam der Tod in der finsteren Nacht. Zerstörung bringend, um den eigenen Seelenschmerz zu lindern.“, murmelte sie erschreckend ernst vor sich her. Die Augen waren stur auf den Boden gerichtet, keiner würde den trauernden Glanz welchen jene bargen je sehen. Langsam, sehr langsam, glitt die kleine Hand zu der kleinen, aus Leder genähten Scheide an ihrer Seite. Plötzliche Dunkelheit umspielte sie, ein eisiger Hauch umschloss die Gliedmaßen, während sie Finger für Finger quälend langsam um den silbernen Dolch legte. Er schien noch unbenutzt, keinerlei Spuren von Fell, Blut oder Haut war zu erkennen, und doch lag er angenehm leicht in ihrer rechten Hand. Mehr als ein Blitzen, hervor gerufen von dem Schein des Mondes, war nicht zu erkennen. Er schmiegte sich sehnsüchtig lechzend in die Handfläche der jungen Frau, während er sich mit seiner schmalen Form angenehm überraschend anpasste und zur beinahe vollständigen Unkenntlichkeit verschwamm.
Erst als die in dünne Sandalen gehüllten Füße die Lichtung des Waldstückes erreichten, hob die Rothaarigen den Blick und ließ in bedacht langsam über die Siedlung wandern. Hier und da stieg grauer Rauch aus den Schornsteinen, die meisten Fensterläden waren bereits geschlossen und ließen die Tätigkeiten dahinter nur erahnen: Eheleute redeten, stritten sich, versöhnen und liebten sich hemmungslos. Kinder schliefen währenddessen seelenruhig oder geplagt von den schlimmsten Träumen in ihren weichen Betten. Fantasievolle Welten wurden erschaffen, Tore zu den sehnlichsten Wünschen wurden geöffnet und manch' einer schwelgte gewiss für wenige Stunden des Schlafs in seinem eigenen Königreich. Tiere grasten seelenruhig vor sich hin, schliefen im Stehen oder gingen ähnlichen Beschäftigungen nach wie es auch die erwachsenen Menschen in ihren Häusern taten. Wohlgesetze Schritte führten sie an das erste Haus der Siedlung heran, es lag in vollkommener Dunkelheit und auch nach angestrengtem Lauschen konnte man keinerlei Geräusch aus dessen Inneren wahrnehmen. Wärme drang aus einem Spalt der Haustüre, welchen sie auch gleich auf leisen Sohlen anstrebte. Die Haustüre stand offen und ließ sie einen Blick auf die Einrichtung des ersten Raumes tätigen: Ungewohnt vertraut war dieser Raum. Ein Gang, geziert von Vorhängen und einer kleinen Kommode, nebst dem Kleiderständer für geladene Gäste. Das leise Atmen von zwei schlafenden Personen drang an ihr Ohr, und kam aus einer ihr ebenso bekannten Richtung. Der Schlafraum wurde von einem weiteren Vorhang getrennt, und doch hielt die Bahn des dicken Stoffes die Geräusche nicht zurück. Waren es tatsächlich Laute die schlafende Menschen von sich gaben? Ein leises, kehliges Lachen aus dem Kämmerchen ließ sie näher treten. Neugierde wurde geweckt, während der Dolch mehr und mehr sein Eigenleben in ihrer Hand entwickelte. Er dürstete nach Rache, ein weiteres Mal und ließ die kleine Hand unkontrolliert immer wieder ein Stück nach vorne rücken. Ehe die Spitze des Dolchs es war, welche den schweren Stoff etwas zur Seite schob, so dass die Besitzerin des Stückes einen Blick hineinwerfen konnte. Als erstes offenbarte sich ihr lediglich ein Geflecht aus verschiedenen Haarstrukturen und Farben. Blondes, längere Haar vereinte sich mit wirren hellbraunen Strähnen. Ein weiteres leises Lachen, unterbrochen von dem Keuchen eines Mannes, ließ sie die Musterung fortsetzen. Die hellhäutigen Körper drehten sich auf die Matratze und das zuvor noch bedeckende Haar, gab nun Sicht auf die grausame Realität: Sie liebten sich, gehemmt und doch voller Sehnsucht. Einzelne Schweißperlen liefen Therben über die Stirn, während Ellinore genussvoll die Augen geschlossen hatte. Milyas Augen verengten sich und sie ließ die Liebenden gewähren, das Liebesspiel ungeniert aus ihrer eigenen, geschaffenen Dunkelheit heraus beobachtend. Es eröffnete sich ihr eine neue Welt, neue Gedanken und Gefühle. Mehrmals versuchte sie sich in den Körper Ellinores hineinzuversetzen und jedes Mal scheiterte sie an dieser Art des Gefühls. Wie mag es wohl sein auf diese Art geliebt zu werden? Wieso umgaben sich beide aus einem Konstrukt aus Lügen, indem sie behaupteten sie würden kein Bett miteinander teilen? Ein letztes, aus beiden Mündern entweichendes Keuchen, ließ das Augenmerk bewusst zurück auf die verschwitzten, eng bei einander liegenden Körper fallen und auch der Dolch in ihrer Hand schien sich seiner Aufgabe bereits bewusst zu sein. So wartet sie nicht lange und trat gemächlichen Schrittes auf das Bett der beiden zu. „Therben, Frau Green. Welch' Überraschung. Ich störe doch nicht etwa?“, hauchte sie den beiden unheilsverkündend entgegen. Mit einem spitzen Schrei bedeckte Ellinore mit Hilfe der Decke ihre Blöße, während Therben einem Schutzschild gleich einen Arm um sie legte. Milya machte keinen Hehl aus dem Dolch in ihrer Hand, wäre er doch kaum mehr zu verstecken gewesen. Die vorherige Tarnung des Dolchs wurde wie von selbst gelöst, das Glitzern verstärkte und immer wieder schnellte die Hand furchteinflössend nach vorne. „Milya? Was machst du hier? Beruhige dich doch erstmal, mh?“, erklangen seine bemüht ruhigen Worte aus seiner Kehle. Und so schien es auch der letzte verständliche Laut zu sein, welcher jene verließ. Ruckartig führte der Dolch ihre Hand nach vorne und schnitt in einer Seitwärtsbewegung beider Kehlen durch. Die roten Haare hingen in die verrückt-verzerrten Gesichtszüge, während die blutigen Spritzer sich ihren Platz in dem Gesicht suchten. Ein Gurgeln war zu hören, ehe Frau Green bereits kraftlos zur Seite sank. Therbens Augen ruhten noch einen ganzen Moment erschrocken auf Milya, doch mehr als ein unverständliches Gurgeln drang auch aus seiner Kehle nicht mehr. In einer langgezogenen Bewegung rutschte Milya auf das Bett, sich Therbens leblosen Körper nähernd. Hierbei wiederholte sie die so bekannte Berührung seines Brustkorbes: Die Fingerkuppen malten kleine Kreise, umspielten die Brustwarzen und Brusthaare, während das Blut ungestört der Berührungen herunterlief und die Haare unschön verkleben ließ. Ein sehnsüchtiger Blick huschte sittsam über seinen Körper, während die freie Hand die Bettdecke über sein Becken zog und schlussendlich nochmals seinen Bauch berührte. Dann kippte der erschlaffte männliche Leib zur Seite, sich über Frau Greens Körper legend und noch ehe man den Blick von dieser grotesken Szenerie lösen konnte, war die Gestalt vor dem Bett der Liebenden verschwunden..
.. sie keuchte, schnappte nach Luft. Auf den Knien krümmte sie den ganzen Leib, während sie sich wieder und wieder in das Meer übergab. Gischt wurde von dem schäumenden Meer in ihr Gesicht getrieben, brachte jedoch keinerlei Erfrischung mit sich. „Was.. , wieso?“, sie stammelte in die Dunkelheit, beide Hände krallten sich Halt suchend in das Gras neben ihrem zitternden Leib. Die Rothaarige kniete mit schmerzverzerrtem Gesicht vor einer Klippe, in der Ferne konnte man die Lichter Neuhavens erkennen während hier und da einige Möwen ihr Geschrei kundtaten. Es waren kaum mehr zwei Kilometer die sie sich von dem Stein im Wald entfernt hatte, als ihre Erinnerung nachließ und sie nur mehr von Dunkelheit umgeben wurde. Schemenhaft trug der grausame Alptraum seine verschiedenen Facetten an sie heran und ließ sie wieder und wieder würgen. „Wie kann ich nur?“, herzzerreißende, brennende Tränen liefen in Strömen ein weiteres Mal über ihre Wangen. „Oh bitte. Warum tut man mir das an?“, kraftlos sackte sie vor den Klippen zusammen und fiel in einen erschöpften, ausnahmsweise ruhigen Schlaf.