Die Rothaarige die einfach nur anders war

Milya-Renyla Menuette

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Kapitel III: Die Erschöpfung

Noch immer konnte sie das Salz auf ihrer Haut mit der Zungenspitze schmecken, noch immer verbarg sie ihre glänzenden Augen weitgehend vor der Öffentlichkeit. Sie saß noch lange Zeit regungslos vor dem großen Stein im Wald, und starrte in die Richtung in welche er verschwunden war. War es die Hoffnung er würde umkehren, oder war es lediglich die traurige Gewissheit, dass er sie schlichtweg allein mit ihren schmerzlichen Gedanken ließ, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen? Je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr schlich sich ein ungutes Gefühl in die sonst so unbekümmerten Gedankengänge der jungen Rothaarigen. Selbst das leise Rascheln der Blätter, der laue Abendwind, noch der abendliche Gesang der Vögel konnte sie auf andere Gedanken bringen: Das erste Mal in ihrem Leben fühlte sie sich von ihren sonst so steuerbaren Gedankengängen verraten, überlistet und schrecklich verletzt. So saß sie alleine an diesem Stein, die Harte und Kälte dessen in ihrem Rücken und nicht einmal mehr die sonst so positiv ausgestrahlte Ruhe wollte sich wieder in ihr einfinden. Wurde sie gemieden, von Menschen und den eigenen Gefühlen .. wegen der eigenen Gefühle? Die Grashalme beugten sich vor ihr, einige wurden unbarmherzig von dem aufbrausenden Nachtwind in die Höhe gehoben und in die Ferne getragen. Weg von ihrem gewohnten Ort, in eine unbekannte Zukunft ohne Wurzeln und wahren Nährboden. Milya hob den Blick in die Höhe, den Grashalmen gedankenverloren nachsehend, bis sich ihre Spur in den Baumwipfeln für immer verlor. Das Augenmerk, aus den so unendlich weiten grünen Augen, galt anschließend den leicht schwenkenden Baumkronen. Mächtig thronten sie über allem, über Mensch, Tier und niedrigen Gewächsen der Natur. Kein Wind und kein Unwetter schien sie aus dem Gleichgewicht bringen zu können, seelenruhig und wohlgesonnen ließen sie die Äste Tag um Tag, Nacht um Nacht von einer zur anderen Seite schwenkend. Sich lediglich das ein oder andere Mal von ihrem Blätterkleid verabschiedend, um sich in neue Farbe zu kleiden. Das neu gewonnene Leben ein weiteres Mal in vollen Zügen genießend.

In langsamen, ungewohnt stockenden Bewegungen drückte sich die junge Frau in die Höhe. Die Härte des Steins hinter sich zurück lassend, während sie ungerichtete Schritte nach vorne nahm. Ungewiss ob sie den Wald nun hinter sich, oder sich nur noch mehr von ihm einnehmen lassen wollte. Die schweren Locken peitschten in wellenartigen Bewegungen ihren Rücken entlang, umspielten übermütig ihre müden Gesichtszüge und verdeckten hilfsbereit hier und da die nur mehr matt schimmernden Augen, welche neuerdings untermalt von dunkle, unübersehbaren Ringen waren. Wie sollte es auch anders sein? Tag ein, Tag aus gequält von diesen schrecklichen Alpträumen. Kaum mehr den Unterschied zwischen Realität und Traum erkennend.. es erschien ihr so vieles falsch, falsch und ungerecht. Letztendlich fühlte sie sich alleine und verlassen. Verlassen von den Menschen, die ihr sonst stets Mut gemacht hatten, wurde sie wirklich einmal von ihrem Selbstbewusstsein und der dazugehörigen Entschlossenheit verlassen. „Mit einem schmalen Dolch kam der Tod in der finsteren Nacht. Zerstörung bringend, um den eigenen Seelenschmerz zu lindern.“, murmelte sie erschreckend ernst vor sich her. Die Augen waren stur auf den Boden gerichtet, keiner würde den trauernden Glanz welchen jene bargen je sehen. Langsam, sehr langsam, glitt die kleine Hand zu der kleinen, aus Leder genähten Scheide an ihrer Seite. Plötzliche Dunkelheit umspielte sie, ein eisiger Hauch umschloss die Gliedmaßen, während sie Finger für Finger quälend langsam um den silbernen Dolch legte. Er schien noch unbenutzt, keinerlei Spuren von Fell, Blut oder Haut war zu erkennen, und doch lag er angenehm leicht in ihrer rechten Hand. Mehr als ein Blitzen, hervor gerufen von dem Schein des Mondes, war nicht zu erkennen. Er schmiegte sich sehnsüchtig lechzend in die Handfläche der jungen Frau, während er sich mit seiner schmalen Form angenehm überraschend anpasste und zur beinahe vollständigen Unkenntlichkeit verschwamm.

Erst als die in dünne Sandalen gehüllten Füße die Lichtung des Waldstückes erreichten, hob die Rothaarigen den Blick und ließ in bedacht langsam über die Siedlung wandern. Hier und da stieg grauer Rauch aus den Schornsteinen, die meisten Fensterläden waren bereits geschlossen und ließen die Tätigkeiten dahinter nur erahnen: Eheleute redeten, stritten sich, versöhnen und liebten sich hemmungslos. Kinder schliefen währenddessen seelenruhig oder geplagt von den schlimmsten Träumen in ihren weichen Betten. Fantasievolle Welten wurden erschaffen, Tore zu den sehnlichsten Wünschen wurden geöffnet und manch' einer schwelgte gewiss für wenige Stunden des Schlafs in seinem eigenen Königreich. Tiere grasten seelenruhig vor sich hin, schliefen im Stehen oder gingen ähnlichen Beschäftigungen nach wie es auch die erwachsenen Menschen in ihren Häusern taten. Wohlgesetze Schritte führten sie an das erste Haus der Siedlung heran, es lag in vollkommener Dunkelheit und auch nach angestrengtem Lauschen konnte man keinerlei Geräusch aus dessen Inneren wahrnehmen. Wärme drang aus einem Spalt der Haustüre, welchen sie auch gleich auf leisen Sohlen anstrebte. Die Haustüre stand offen und ließ sie einen Blick auf die Einrichtung des ersten Raumes tätigen: Ungewohnt vertraut war dieser Raum. Ein Gang, geziert von Vorhängen und einer kleinen Kommode, nebst dem Kleiderständer für geladene Gäste. Das leise Atmen von zwei schlafenden Personen drang an ihr Ohr, und kam aus einer ihr ebenso bekannten Richtung. Der Schlafraum wurde von einem weiteren Vorhang getrennt, und doch hielt die Bahn des dicken Stoffes die Geräusche nicht zurück. Waren es tatsächlich Laute die schlafende Menschen von sich gaben? Ein leises, kehliges Lachen aus dem Kämmerchen ließ sie näher treten. Neugierde wurde geweckt, während der Dolch mehr und mehr sein Eigenleben in ihrer Hand entwickelte. Er dürstete nach Rache, ein weiteres Mal und ließ die kleine Hand unkontrolliert immer wieder ein Stück nach vorne rücken. Ehe die Spitze des Dolchs es war, welche den schweren Stoff etwas zur Seite schob, so dass die Besitzerin des Stückes einen Blick hineinwerfen konnte. Als erstes offenbarte sich ihr lediglich ein Geflecht aus verschiedenen Haarstrukturen und Farben. Blondes, längere Haar vereinte sich mit wirren hellbraunen Strähnen. Ein weiteres leises Lachen, unterbrochen von dem Keuchen eines Mannes, ließ sie die Musterung fortsetzen. Die hellhäutigen Körper drehten sich auf die Matratze und das zuvor noch bedeckende Haar, gab nun Sicht auf die grausame Realität: Sie liebten sich, gehemmt und doch voller Sehnsucht. Einzelne Schweißperlen liefen Therben über die Stirn, während Ellinore genussvoll die Augen geschlossen hatte. Milyas Augen verengten sich und sie ließ die Liebenden gewähren, das Liebesspiel ungeniert aus ihrer eigenen, geschaffenen Dunkelheit heraus beobachtend. Es eröffnete sich ihr eine neue Welt, neue Gedanken und Gefühle. Mehrmals versuchte sie sich in den Körper Ellinores hineinzuversetzen und jedes Mal scheiterte sie an dieser Art des Gefühls. Wie mag es wohl sein auf diese Art geliebt zu werden? Wieso umgaben sich beide aus einem Konstrukt aus Lügen, indem sie behaupteten sie würden kein Bett miteinander teilen? Ein letztes, aus beiden Mündern entweichendes Keuchen, ließ das Augenmerk bewusst zurück auf die verschwitzten, eng bei einander liegenden Körper fallen und auch der Dolch in ihrer Hand schien sich seiner Aufgabe bereits bewusst zu sein. So wartet sie nicht lange und trat gemächlichen Schrittes auf das Bett der beiden zu. „Therben, Frau Green. Welch' Überraschung. Ich störe doch nicht etwa?“, hauchte sie den beiden unheilsverkündend entgegen. Mit einem spitzen Schrei bedeckte Ellinore mit Hilfe der Decke ihre Blöße, während Therben einem Schutzschild gleich einen Arm um sie legte. Milya machte keinen Hehl aus dem Dolch in ihrer Hand, wäre er doch kaum mehr zu verstecken gewesen. Die vorherige Tarnung des Dolchs wurde wie von selbst gelöst, das Glitzern verstärkte und immer wieder schnellte die Hand furchteinflössend nach vorne. „Milya? Was machst du hier? Beruhige dich doch erstmal, mh?“, erklangen seine bemüht ruhigen Worte aus seiner Kehle. Und so schien es auch der letzte verständliche Laut zu sein, welcher jene verließ. Ruckartig führte der Dolch ihre Hand nach vorne und schnitt in einer Seitwärtsbewegung beider Kehlen durch. Die roten Haare hingen in die verrückt-verzerrten Gesichtszüge, während die blutigen Spritzer sich ihren Platz in dem Gesicht suchten. Ein Gurgeln war zu hören, ehe Frau Green bereits kraftlos zur Seite sank. Therbens Augen ruhten noch einen ganzen Moment erschrocken auf Milya, doch mehr als ein unverständliches Gurgeln drang auch aus seiner Kehle nicht mehr. In einer langgezogenen Bewegung rutschte Milya auf das Bett, sich Therbens leblosen Körper nähernd. Hierbei wiederholte sie die so bekannte Berührung seines Brustkorbes: Die Fingerkuppen malten kleine Kreise, umspielten die Brustwarzen und Brusthaare, während das Blut ungestört der Berührungen herunterlief und die Haare unschön verkleben ließ. Ein sehnsüchtiger Blick huschte sittsam über seinen Körper, während die freie Hand die Bettdecke über sein Becken zog und schlussendlich nochmals seinen Bauch berührte. Dann kippte der erschlaffte männliche Leib zur Seite, sich über Frau Greens Körper legend und noch ehe man den Blick von dieser grotesken Szenerie lösen konnte, war die Gestalt vor dem Bett der Liebenden verschwunden..

.. sie keuchte, schnappte nach Luft. Auf den Knien krümmte sie den ganzen Leib, während sie sich wieder und wieder in das Meer übergab. Gischt wurde von dem schäumenden Meer in ihr Gesicht getrieben, brachte jedoch keinerlei Erfrischung mit sich. „Was.. , wieso?“, sie stammelte in die Dunkelheit, beide Hände krallten sich Halt suchend in das Gras neben ihrem zitternden Leib. Die Rothaarige kniete mit schmerzverzerrtem Gesicht vor einer Klippe, in der Ferne konnte man die Lichter Neuhavens erkennen während hier und da einige Möwen ihr Geschrei kundtaten. Es waren kaum mehr zwei Kilometer die sie sich von dem Stein im Wald entfernt hatte, als ihre Erinnerung nachließ und sie nur mehr von Dunkelheit umgeben wurde. Schemenhaft trug der grausame Alptraum seine verschiedenen Facetten an sie heran und ließ sie wieder und wieder würgen. „Wie kann ich nur?“, herzzerreißende, brennende Tränen liefen in Strömen ein weiteres Mal über ihre Wangen. „Oh bitte. Warum tut man mir das an?“, kraftlos sackte sie vor den Klippen zusammen und fiel in einen erschöpften, ausnahmsweise ruhigen Schlaf.
Milya-Renyla Menuette

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Kapitel IV: Abstand

13. Ashatar – 23. Ashatar

Leise raschelten die Blätter, immer mal wieder schlugen die dünnen Zweige gegen die verdreckten Scheiben. Kalte Böen schlichen sich durch die luftige Hütte, um durch einen Spalt wieder den Weg nach draußen zu finden. Es war schwer das Feuer in dem kleinen, veralteten Kamin am Brennen zu halten. Immer wieder fächelte die Rothaarige etwas Luft in die Glut, um kleine Flammen wieder in die Höhe züngeln zu sehen. Die Feuerstelle stelle das einzige Licht in dem kleinen Raum dar, mehr als dunkle Silhouetten – hervor gerufen von den tanzenden Flammen – konnte man an den Wänden nicht erblicken. Die kleinen, eckigen Scheiben waren so verschmutzt von Ruß und Niederschlag, dass man kaum hinaus blicken konnte. Ein kleines Loch war zu erkennen, gerade groß genug um hinaus zu spähen und die Quelle möglicher ungewohnter Geräusche auszumachen. Kaum schlich sich der nächste Windzug durch dieses Loch in den Raum, prasselte der Kamin und wieder einmal wurde mit dem fächerförmigen Blatt etwas Luft zugefügt. Es war schwer an diesem Ort das Gefühl für die Zeit zu behalten. Waren es nun sieben Tage? Oder doch nur drei? Wie lange sie hier bereits verweilte wusste sie nicht mehr, spätestens als die beinahe herbstlichen Winde und Regenschauer eingesetzt hatten, verlor sie jegliches Gefühl für die Tageszeit, wie auch den Wochentag. Es war nur mehr eine Kleinigkeit für sie, nicht berührt von dem Leben ohne Zeitgefühl.

Nicht nur dies verlor sie. Mehr und mehr wurden auch die Alpträume weniger, die Gedanken an Therben und Frau Green. Dies war das Ziel der Reise, oder etwa nicht? So kalt die Nächte hier auch waren, so hart sich der Boden unter ihrem Rücken zu bemerken machte. Die Gedanken verfolgten sie nicht mehr, die makaberen Träumen ließen von ihr ab und endlich konnte Milya sich wieder ruhig zu 'Bett' begeben. Gerade aus diesem Grund harrte sie Stunde um Stunde in der kleinen Waldhütte aus. Weshalb sollte sie zurück gehen und sie ein weiteres Mal den unbekannten Gefühlen und beängstigenden Gedanken aussetzen? „Ich schade dir. Du kannst nicht mir mir, aber auch nicht ohne mich“, ein wahrer Gedankengang von Therben. Aber waren es realistische Schäden oder gar Schmerzen die er ihr zufügte? Er schien zu wissen was er tut und wieso er so handelt wie er stets gegenüber ihr handelte. Einzig und allein sie war es die nicht wusste was sie tat und wieso sie etwas genau so tat. Schon lange hatte sie keine Kontrolle mehr über ihre Gefühle und Emotionen – all die unbekümmerten Gedanken hatten sich in schier unüberwindbare Barrieren gewandelt. Wo blieb nur die Milya, die einst sicheren Schrittes von Bord der „Aquamanica“ ging um Alathair zu betreten? Diese Rothaarige war stets unbekümmert und ohne Sorgen gewesen, alle Probleme lösten sich von selber oder taten sich ihr gar nicht erst auf. Und nun? Nun wurde die neue Milya erschlagen. Erschlagen von Unwissenheit, Unschuld und der puren Überforderung. Eine brisante Mischung, wie sich die letzten Wochen immer wieder aufs Neue herausstellte. Träume in der Nacht, unklare Gedanken untertage und so viel ungestellte Fragen, die eine Antwort erwarteten. Gerade deshalb schien dieser Ort nach dem Zusammenbruch an den Klippen eine Lösung zu sein, ein Weg der mit dem ersten Schritt bereits betreten wurde.

Den letzten Tag auf dem Hof hatte sie die Futtertröge so voll gemacht wie selten. Gesunde und nahrhafte Getreidemischungen für die Pferde und Nutztiere. Sicher wäre sie zurück, sobald die Tiere Hunger hätten. Sicher würde der Aufenthalt in dieser Hütte nicht länger als sieben Tage dauern. Oder waren gar sieben Tage bereits vergangen? Auch bei diesem Gedankengang spürte sie ein weiteres Mal den eigenen Mangel an Gefühl. Würde man merken, dass der so geliebte Herbstblatthof längere Zeit nicht mehr bestellt wurde? Ob jemand der Nachbarn Mitleid mit den Tieren hätte und das Futter aufstockt? Sie wusste es nicht. Kaum einen begonnenen Gedankengang konnte sie zu ihrer eigenen Zufriedenheit beenden. Es war als fehlte ein Stück. Ein Puzzleteil, dass den entscheidenden Sieg für sie einbrachte. Doch was oder wer war dieses Teilchen? Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich unvollkommen und in gewisser Weise sicherlich auch alleine. Ein Kind aus geborgenen Elternhaus, aufgewachsen in einer großen Familie, gezogen in die Ferne unter Freunden und Bekannten – und nun, die eigene Existenz, eine Zwischenstation während der eigenen Reise durch ferne Ländereien. Und das alles ohne wahre Freunde, so schien es. Ohne Menschen, die dem Puzzle ein erkennbares Gesicht gaben. Eine ungewohnte Situation, für eine Person wie Milya. Und doch war gerade sie es, die stets aus jeder Situation das beste machen konnte. So war es doch?


24. Ashatar – 6. Searum

Mit der Fußspitze schob sie etwas der erkalteten Asche auf die Feuerstelle. Der Kamin war bereits vollkommen erloschen und auch die Kälte nahm langsam wieder Einzug in die Waldhütte. Es war Zeit zu gehen, Zeit zurück auf den Hof zu gehen und sich dem Alltag zu widmen. So ungern sie den Alltag ihn ihrem Leben willkommen hieß, so ungern lenkte sie ihre Füße erstmals bewusst zu einem Ort: Dem Herbstblatthof. Bereits von weitem konnte sie die Tiere an den Trögen stehen sehen, sie aßen. Sie widmete sich dem Futter voller Genuss und keine einzige Kuh, keine Ziege schien an Fett verloren zu haben. So waren es also doch nicht einmal sieben Tage die sie in den Wäldern Lameriasts verbracht hatte? Irritation schlich sich in die entspannten Gesichtszüge und erste skeptische Gedanken schlichen sich in ihren Kopf: „Der Trog müsste leer sein. Die Muttertiere haben derart Appetit, dass sie leer sein müssten!“. Auch das Feld war bestellt, so dass nun keine Zweifel mehr vorhanden waren: Es musste jemand hier gewesen sein und teilweise ihre Arbeit übernommen haben. Die Halme des Getreides waren recht unprofessionell geschnitten worden und einige bogen sich ungesund aus der Erde heraus. Allgemein schien die Erde auf dem Feld wenig Pflege erhalten zu haben. Jemand, der sich wenig mit ihrem Handwerk auszukennen schien, musste während ihrer Abwesenheit hier gewesen sein. Möglicherweise ein Nachbar, oder potentieller Kunde? Nein. Warum sollten die Menschen aus der vorherrschenden Gesellschaft den Hof der Konkurrenz bewirtschaften? Und Kunden – nie würde ein Kunde sie wagen über den Zaun zu steigen. Und wenn dann wären die Lebensmittel nicht sorgsam in einer Kiste vor der Eingangstüre verstaut, sondern in den prallen Taschen des glücklichen 'Finders'. Und so kam auch der Gedanke, den sie so gut verdrängt hatte, wieder: Therben. Nur er würde sich derart um den Hof kümmern und besorgt um die Tiere sein. Um die Tiere und Besitzerin?
Raschen Schrittes eilte sie in das Haus, die Kiste mit all den geernteten Lebensmitteln vor sich herschiebend. Ihn würde sie nun ganz sicher nicht sehen wollen, so sagte es zumindest ihr Kopf. Das Herz jedoch schien in diesem Moment um einige Schläge schneller in der Brust zu schlagen, als noch zuvor. Und auch die Gedanken waren kurz davor sich selbstständig zu machen. War er noch hier in der Nähe? Hatte er an sie gedacht und sich Sorgen gemacht? Oder waren es lediglich die Tiere die sein Mitleid erregten? So oder so konnte sie sich ein weiteres Mal nicht gegen die Flut der Gedanken wehren, sie rannten regelrecht um die Wette um als erstes ihr Bewusstsein zu erreichen und fluten.

So begann bereits in den ersten Stunden der neu gewonnene Abstand, die Sicherheit wieder zu entschwinden. Die kalten Krallen des tristen Alltages griffen lechzend nach ihr und drohten sie an den langen Locken herbei in die dunkle Höhle zu zerren
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Kapitel V: Aufbruch

Der Winter war gekommen und mit Ihm kam auch die Unruhe in Milya zurück. Sie liebte Ihre Freiheit, schon immer gab sie sich derer und dem Klang der Natur hin. Und obgleich sie den Hof, welchen sie seit geraumer Zeit liebevoll bewirtschaftete, ebenso in Ihr Herz geschlossen hatte, brachten die ersten Schneeflocken die Veränderung mit sich. Die sonst so emsige Arbeit ruhte genauso wie die stets müden Tiere, welche eng an eng gedrängt in ihrem Gatter der Kälte zu entfliehen suchten. Die gesamte Insel schien zu schlafen, nur selten hörte man einen Fuhrwagen durch den hohen Schnee in Richtung des Hafens fahren. Die meisten Menschen hatten ihre von der Kälte geröteten Gesichter unter Mützen und hohen Kragen der Mäntel versteckt, während sie durch den knöchelhohen Schnee stapften um von Ort zu Ort zu kommen.

Auch die junge Rothaarige stand in dem frischen Schnee, den noch keinerlei Spuren zierten, weder Mensch noch Tier hatte sich seinen Weg an dem Gartentor des 'Herbstblatthofes' vorüber gebahnt. Mit eisigen Finger schnürte sie den letzten Riemen der Satteltasche um den Bauch des stämmigen Hengstes, während sie ihr Atem in kleinen Wölkchen vor ihrem eigenen Auge widerspiegelte. Die beiden Tiere waren schwer bepackt, trugen sie doch all' das Hab und Gut was ihr in den letzten Monden so wertvoll geworden war: Verschiedene Zeichnungen, handgeschnitzte Musikinstrumente und natürlich einige Nahrungsvorräte, welche sowohl sie als auch die Tiere über die lange Reise bringen sollten. Die Kälte zerrte an den menschlichen und tierischen Leiber, ließ sie schaudern und an den letzten Kräften zehren. Allein der kurze Weg von ihrem Hof zu dem nahe liegenden Hafen, stellte eine Tortour ihres gleichen dar. Die Wege waren schneebedeckt und ließen es kaum zu darunter auch nur einen festen Schritt zu machen, selbst die frisch beschlagenen Hufen der Pferde würden immer wieder durch Schnee und Matsch gleiten. Abschließend nun ließ sie die Hand langsam über die inzwischen schneebedeckte Flanke der beiden Tiere streichen, ehe sie ein letztes Mal zurück über die Schulter zu dem Hof blickte: „Lebe wohl.“, flüsterte sie leise, mit einem sowohl lachenden, als auch weinenden Auge. Die Zeit würde Veränderung mit sich bringen, sie war es gewohnt, es war gar ihre Prophezeiung. Im Moment war es nicht ihre Intention das Land zu verlassen, waren es doch noch zu viele Eindrücke und Erinnerungen welche sie hier hielten. Doch sie wollte lernen, lehren und erkunden ohne auf der Stelle zu stehen: So zog sie von dannen, die Spuren führten sie in Richtung des Hafens. Und schon bald, mit der nächsten Schneewehe, waren auch diese Spuren der Rothaarigen mit ihren beiden Packtieren verschwunden...
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