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Verfasst: Freitag 16. Mai 2008, 04:24
von Lyta Flinn
IX
„Seelengewitter" (1. Teil)


Der milde Frühsommerabend viehies viel Gutes. Die Sonne war spät untergegangen und die Abendwolken zogen im Westen dahin, erhaben über die Dunstschleier, die sich in der schwülwarmen Luft bildeten. Gewitter gab es keine, doch die Luft stand schon den ganzen Tag. Und trotzdem war es der erste wirklich herrlich warme Tag dieses Jahres, ganz so wie es der Jahreszeit angemessen war.
Die Zeit auf Burg Schwertwacht tat Lyta gut. zwar riet man ihr ab, angesichts der Bedrohung durch "die Greifen" alleine nach Bajard zu reisen, doch hatte sie in Sir Nevyns Auftrag Post auszutragen, eine der vielen Pflichten einer Schreiberin, die sie trotz allem aber gerne ausführte. Sie wurde zu einem festen Bestandteil der Bruderschaft, und sie tat ihre Arbeit trotz allem sehr gern.
Als Lyta in Bajard ankam (es war ein Ein-Tages-Ritt zu Pferde) war es bereits dunkel geworden, und so sehr es dem Mädchen widerstrebte, würde sie wohl oder übel in diesem Dorf voller Verrückter und aufdringlicher Leute übernachten müssen, doch sehnte sie sich nach ihrem warmen Bett. Oh, es war schön in einem richtig schönen weichen Federbett schlafen zu können.
Das Dorf war an diesem Abend gut besucht, es hätte Schlimmes verheißen können, doch man konnte ab und an das Beste hoffen und, vielleicht, ja vielleicht würde es gar belohnt mit Vertrauen.
Sie erreichte gerade die Nordseite des hiesigen Friedhofs, selbst dieser schien friedlich dazustehen, aber Lyta hasste Friedhofe, sie hasste sie immer schon, und der Vorfall, welcher sich ereignete, als sie vor einigen Monden hier ankam, waren noch immer frisch in ihr Gedächtnis eingebrannt, dieses Ereignis war so grässlich, dass ihr am hellichten Tage davor schauderte.
Doch Lyta schrak zusammen als sie weiter ins Dorfinnere tappste. Da war sie! Simoen, die Frau die meinte, Lyta ihren Weg zeigen zu können, und die ihr diese schlechten Nachrichten gebracht hat. Sie war im Gespräch mit einem in Grau gekleideten, maskierten Mann, dessen dunkle Augen alles andere als freundlich wirken mochten.
Lyta tat es schon wieder! Sie hoffte, hoffte dass sie unbemerkt an ihr vorbeikommen würde, doch ein "Lyta! Lyta, lange nicht mehr gesehen" machte ihre Hoffnung zunichte. Simoen kam auf sie zu
"Ich habe mich schon gefragt wo du geblieben bist, Du hast es ja weit gebracht, selbst ohne meine Hilfe."
Lyta blickte auf ihren Ring, das Siegel der Bruderschaft, die Insignien auf ihrem Posttäschchen, dies war vermutlich gemeint. "Ich... ich bin jetzt Schreiberin auf der Burg Schwertwacht."
Der Mann, der das Gespräch Anfangs noch ruhig beobachtete setzte sich langsam in Bewegung, da sprach Simoen, "Ich habe gerade einen Mann getroffen, er ist auch ein Diener des Raben."
Lyta schrak zusammen. Noch einer?
"Ich.... ich bin aber keiner von denen", gab sie protestierend zurück.
Der Mann, der gerade auf gleicher Höhe mit Lyta war hielt inne und wandte sich ihr zu.
Oh nein!
Lyta drückte sich an den zaun des Friedhofes, ihre Hände umklammerten den Lattenzaun vor Angst.
"Wie meint Ihr das?" Die Stimme klang unter der Maske etwas gedämpft hervor. Die Augenringe und -fältchen verrieten ihr, dass er schon etwas älter sein musste.
"Ich diene dem Raben nicht."
Simoen sah sie protestierend an, als wollte sie jetzt einen gröberen Zusammenstoß vermeiden.
"Erklärt mir das näher." Die Stimme klang weder lauernd noch bedrohlich, doch Lyta bekam es, wohl ob der knochenfarbenen Gewandung mit der Angst zu tun.
"Er... Simoen meint, ich wäre von ihm ausgewählt worden." Lytas Stimme klang zittrig und nahm einen gar noch kindlicheren fiepsigen Ton an.
"Lyta!" - Simoen schien offenbar zu versuchen, dieses Gespräch nicht weiter führen zu wollen. Doch der mann blieb hart.
"Und wie kommt sie darauf?"
Lyta konnte nicht anders, als die Wahrheit sagen, und so senkte sie ihre Stimme. "Er verfolgt mich. Der Rabe."
Das schien das Interesse des mannes jetzt noch mehr zu wecken - und das machte Lyta eine unglaubliche Angst.
"Weicht ab von ihr, Diener!" Der Ton, den Simoen an den Tag legte klang gar befehlend. Langsam wandte er sich Simoen zu.
Diese Situation nahm Simoen wohl zum Anlass, ihrerseits nun auf Lyta zuzuschreiten, weshalb der mann Abstand zu Lyta nahm, sich wohl in den Hintergrund stellend und abwartend. Den Göttern sei Dank!
"Fürchte dich nicht, Lyta. Komm, gehen wir an einen sichereren Ort als diesen hier."
"Doch nicht... nicht wieder Rahal?" Lyta mochte diese Stadt nicht, sie war so unfreundlich, so böse, und selbst auf Burg Schwertwacht sprach man nicht gut von ihr.
Simoen ergriff Lytas zittrige Hand. "Nein, nicht Rahal, ein Ort wo wir ungestört reden können." Sie warf einen Blick nach links, da wo der Mann stand, ihm wohl zunickend, als würden sich die Beiden wortlos verstehen. Was hatte das zu bedeuten? Wollte er.... etwa mitkommen?
Simoen ging voran, Lytas Hand lose haltend, die den Druck nicht erwiederte schritten sie aus Bajard hinaus. Wohin auch immer...

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Die junge Frau stand in ihrem weißen Kleid vor dem Arbeitszimmer ihres Vaters. Einen wichtigen Kunden hatte er zum Glück abgewimmelt und so ließ er sie zu sich bestellen. All die Jahre hatte er sie wie einen Augapfel gehütet. Lyta empfand Liebe zu ihrem Vater, war er doch der einzige ihr noch verbliebene Elternteil. Er winkte sie zu sich herein und leise knarzend schloss sie die Tür hinter sich.
„Nun?, fragte er sie. „Gefällt dir mein Geburtstagsgeschenk?“
Lytas Finger glitten über den weißen Seidenstoff ihres Kleides und sie lächelte. Mehr Antwort musste sie wohl nicht geben.
„Du bist nun achtzehn Jahre alt“, begann ihr Vater nach einer kurzen Pause. „Du bist nun jährig. Das heißt, es wird an der Zeit dass du alles erfährst was du über micht und vor allen Dingen über dich noch nicht weißt.“
Lyta blickte ihn fragend an. Was wollte er denn von ihr?
„Du weißt, dass ich immer von dir sagte, du wärst etwas Besonderes“, sprach er ruhigen Tones mit ihr und strich sich durch sein langes ergrautes Haar. Wie ein Edelmann sah er aus. Als reicher Kaufmann musste er auch einigermaßen gepflegt wirken. Die beste Bildung hatte Lyta erhalten. Keines festen Glaubens erzogen war die Familie in gewissen Simme „ungläubig“, auch wenn Lyta eigentlich allen Göttern gegenüber im gewissen Sinne aufgeschlossen war.
„Du sagtest es häufig.“ Lyta lächelte.
„Nun - Als ich das sagte meinte ich es in zweierlei Hinsicht“, begann er erneut. „Einerseits, weil du meine Tochter bist. Du bist mein Fleisch und Blut. Die Umstände unter welchen du gezeugt wurdest waren - nunja - ungewöhnlich. Es war ein Zeremoniell.“
„Ein Zeremoniell?“ Lyta war nun etwas verwirrt ob der Aussage. Was mochte er denn damit sagen?
„Du bist kein gewöhnliches Kind, Lyta. Ganz und gar nicht. Heute sollst du die Wahrheit erfahren. Möglicherweise schockiert sie dich. Aber du bist in Wahrheit...“

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Simoen war vielleicht sogar überrascht, Lyta zu erkennen, gerade als sie in einem netten Gespräch mit diesem Unbekannten war, welcher jedoch offensichtlich ebenfalls auf seine Art und Weise dem Raben diente. Hätte sie ihm gewähren lassen, Lyta eine Heidenangst einzujagen, wäre es mit Sicherheit auf eine ganz bestimmte Art und Weise amüsant gewesen, doch hätte es ihre Pläne mit Sicherheit durcheinandergebracht, angesichts der Tatsache, dass sich das Mädchen nur unnötig selbst in Gefahr gebracht hätte.
Man verstand sich in manchen Dingen ja so offensichtlich blind. Simoen und der Unbekannte mussten sich nur ansehen um zu wissen, wohin sie dieses Rätsel Kra'thors bringen würden, und dort würde man vielleicht schon herausfinden, was für Rätsel dieses Mädchen umgaben. Eines war klar, etwas Mächtiges schien in ihr zu hausen, etwas, das sie selbst nicht kontrollieren konnte und sie durchaus möglicherweise in höchste Gefahr brachte.
"Wohin gehen wir?", hatte sie noch gefragt.
"Ich habe eine Überraschung für dich, Lyta." Und zwei Momente später erkannte Simoen, wie lächerlich dieser Spruch eigentlich war. Lyta wirkte bedeutend jünger als sie offenbar war, und so naiv war nicht einmal sie, doch sie tappste die Stunden durch den Wald artig mit, bis sie endlich, in tiefster Nacht (Mitternacht ging gerade vorüber) an dem Platz ankamen, den sie erwählt hatten. Der verlassene Friedhof, der einsam in der Waldlichtung stand!
Die kleine Lyta drehte nun völlig durch. Der Unbekannte war ihnen vorausgeeilt und beobachtete dieses Geschehen vermutlich aus sicherer Entfernung, doch das Mädchen wollte sich förmlich von Simoen losreißen.
"Nein!" brüllte sie. "Nein! NEIN!" Simoen schrak zurück. Sie ahnte bereits, was nun geschehen würde, es war schon einmal geschehen.
Dem Mädchen entfuhr ein gellender Schrei der im Wald ringsum vernommen werden musste und wiederhallte. Konzentrierte man sich auf das Lied erkannte man, dass ein wahres Gewitter von Missklängen in eben diesem moment aus dem kindlich wirkenden jungen Fräulein entwich. Erneut begannen sich ihre Haare blutrot zu färben, von den Wurzeln angefangen, sich rasend schnell ausbreitend über den Haarschopf bis an die Spitzen, die Augen zusammenpressend vor Angst - und dann endete der Schrei. Sie richtete sich auf und öffnete die Augen. Sie waren giftgrün!
In diesem moment wusste Simoen, dass sie in Lebensgefahr schwebte.

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Fortsetzung folgt...

Verfasst: Dienstag 20. Mai 2008, 05:27
von Lyta Flinn
IX
„Seelengewitter" (2. Teil)


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In diesem Moment wusste Simoen, dass sie in Lebensgefahr schwebte.
Stumm stand die schlächtige Gestalt, die auf keinem Fall mehr Lyta sein konnte vor ihr und starrte sie nur an. Im Lied erfühlte sie eine mächtige Aura, ein Sturm der scheinbar im Inneren dieses Geschöpfes selbst tobte, ein Gewitter von Macht, die alt war, uralt. Sie schien dem, was Kra'thor darstellte ähnlich, doch war es noch etwas anderes, etwas... erhabenes.
Sie fühlte wie ihr Geist sich öffnete, als würde eine große Hand die Blockade, die sie, als sie zurückwich, ohne weitere Mühe einriss, und ihr Geist selbst war nackt wie ein Blatt im Wind.
Lyta hob die Rechte Hand. Wohl nur Simoen selbst erkannte eine Illusion oder ein Bild, das sich geistig durch die gebrochene Blockade verstärkte, ein Kranz aus silbrigen Flammen bildete sich um Lytas Hände, die mit ihren giftgrünen augen emotionslos voranstarrte.
Simoen schrie und ging in die Knie.
Aus den Augenwinkeln heraus erblickte sie ihren Begleiter, welcher einen rotglimmenden Speer anhob, mit der stumpfen Seite voran gedachte er hinter Lyta zu treten.
Keine Wärme ging von den Flammen aus, es war eine erfühlbare Kälte, eisige Grabeskälte, das Gegenteil von Feuer, es war, als würde Lyta den Tod selbst herbeirufen, nicht Kra'thor, sondern vielmehr den Inbegriff von allem, was dem Leben selbst wwiderspricht. Simoen verspürte echte Angst.
In dem Moment wo der Flammenkranz sich zu einem silbrig schimmernden Ball zu formen begann, um diesen tödlichen Schlag gegen die gebrochene Rabendienerin zu schleudern holte ihr Begleiter aus, um Lyta die stumpfe Seite des Speeres auf den Hinterkopf zu schlagen. Simoen vernahm einen dumpfen schlag - und der Feuerbal stob auf sie zu...
...um im nächsten Moment knapp vor ihr zu verpuffen. Schwarzer nebel hatte sich inzwischen auf dem Friedhof ausgebreitet, doch mit dem Moment, in welchem lyta benommen nach vorn kippte und Bewusstlos im modrigen Erdreich des Friedhofs zum erliegen kam löste sich auch jener jäh auf.
Simoen atmete tief auf, als sie dies beobachte. Gerade noch rechtzeitig, sonst wäre sie vermutlich sodann unter die Schwingen des Raben geraten.
Lyta lag mit dem Gesicht im feuchten Gras, das Rot ihrer Haare schien jäh zurückgewichen zu sein, das Mädchen blieb reglos liegen - beinahe hätte man meinen können sie wäre tot. Das einzig ersichtliche rot war das Blut einer sich bildenden Platzwunde, die tatsächlich blutete, und das war ein Zeichen dafür, dass sie wohl noch lebte.
Langsam trat Simoen auf den anderen Rabendiener zu. "Versteht Ihr nun, warum ich Euch wegschickte?", fragte sie benommen. "In ihr ruht etwas altes und Mächtiges, und es ist nicht gut, diesen schlafenden Riesen zu wecken.
"Bringen wir sie in die Geheimkammer", meinte der Unbekannte. Also doch, sie hatten dieselbe Idee. Unter manchen Friedhüfen finden sich geheime Ritualgruften, welche die Diener des Raben gut und gerne einmal nutzten.
Der Fremde ging vor während Simoen sich zur Bewusstlosen herabbeugte und ihre Hand auf Lytas blutenden Hinterkopf legte. Leise murmelte sie einfache runen, um mit diesem Wirken die Wunde langsam zu verschließen. Falls eine Arterie getroffen wurde konnte man es sich nicht leisten, dass das Mädchen ihr wegstarb.
Tatsächlich empfand Simoen Sympathie für die kleine unschuldig wirkende Frau. es war nicht einfach bloßes Interesse, es war vielmehr eine Art von Zuneigung wie eine große Schwester zu einer kleinen - Simoen kannte natürlich keine Vergleiche, aber in diesem Fall war es wohl zutreffend.
Obgleich die Seele in Lyta mächtig zu sein schien, die Seele, das Wesen, oder was immer das auch war, ihr Körper war schwach, und so konnte ein Hieb gegen des Hinterkopfes durchaus schon ausreichen, um sie auszuschalten. Ja, den Fehler, das Mädchen zu unterschätzen hatte Simoen schon einmal gemacht, nochmal durfte er ihr nicht wiederfahren.
Und so hob die Rabendienerin den schlanken leichten Körper der Frau hoch, um sie langsam zu den Treppen zu tragen, welche in die Gruft hinabführten. Simoen hatte wenig mühe, das kleine Bündel zu tragen, und so schritt sie in die Finsternis der Katakomben unter dem Friedhof.
Ihr Begleiter, dessen Namen Simoen nach wie vor nicht kannte und dessen Gesicht sich unter der Maske verborgen hielt bereitete bereits die Ketten vor, an welchen sie Lyta befestigen mussten. "Auch wenn ich nicht glaube, dass sie viel nützen", meinte er gedämpft unter der Maske havor. Und so hielt Simoen die bewusstlose lyta fest während ihre Arme in die Schellen gelegt wurden.
Diese jedoch waren sehr dünn und liefen Gefahr, sselbst aus den Schellen zu schlüpfen, doch auf Höhe des Handgelenkes schien es wohl gut zu gehen. Es musste reichen.
Als dies getan wurde wies der Ältere sie an "Wir müssen einen Bannkreis ziehen, versiegelt ihn mit reinem Blut."
Lytas Blut wäre rein genug.
Aber Simoen wollte sie nicht ausbluten lassen, sie konnte sich nicht wehren, und auch wenn sie nun ein willkommenes Blutopfer darstellen würde, der Richter schien Pläne mit ihr zu haben, und so würde sie wohl auch nichts dergleichen tun.
So griff sie nach ihrem mit Runen verzierten Ritualdolch und führte die Klinge langsan an ihre Handflechen. Sie genoss den Schmerz des kühlen Metalls das sich in ihr Fleisch schnitt schon beinahe, dazu kam noch die magische Aura, die das Gefühl von Kälte und seltsamer Taubheit vermittelten und ein kribbeln in ihrem Körper auslöste, als der Schnitt vollendet war ließ sie einige dicke Tropfen in einem regelmäßigen Abstand um das steinerne Pentagramm, über welchem der bewusstlose Körper Lytas in den Ketten hing tropfen. Damit war gewährleistet, dass keine macht von außen in ihren Geist eindringen konnte. So wollte Simoen Kontakt mit Lytas Inneren aufnehmen, während ihr Begleiter Runen sprach, um so als Anker in diese Welt zu dienen. Schön wäre es gewesen, wenn mehrere dabei vereint gewesen wären, doch es sollte wohl vorerst reichen müssen.
Diese Prozedur dauerte nur wenige Minuten, dann war alles bereit und Simoen trat in den mit Blut gezogenen Kreis.
Simoen streckte ihre Hälde aus. Lytas Kopf war nach unten gesackt. Wie eine Tote hing sie da in den Ketten, und würde sie inmitten der Prozedur erwachen konnte das Simoens Ende bedeuten. So hoffte sie, dass es schnell gehen würde. Als ihre Finger die weiche blasse Haut auf Lytas Wangen berührten und sie die fünf Punktierungen ausmachen konnte, um so in Lytas Geist einzudringen schloss sie die Augen - und Simoens Geist glitt ab, hinein in Lyta.

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Sie ist auf alles gefasst, auf Schmerz, auf Leid, auf Gefahr, als sie beginnt in Lytas seele einzudringen. Ihr drittes Auge ist geöffnet.
Zuerst sucht sie einen Pfad durch die Dunkelheit. Simoen schreitet voran als sie ihn entdeckt hat. Vor ihrem inneren Auge erblickt sie weniger etwas, als dass sie es fühlt. Sie erkennt Lytas Seele. Und was sie sieht ist so verblüffend, dass sie erst innehalten muss um zu begreifen was sie da sieht.
So rein! So unschuldig! So unberührt! Eine solche Seele trifft man selten, und wenn man eine Farbe für diese Seele finden könnte, so wäre sie wohl weiß. Ja! Lytas Seele ist so rein, der Rabe würde sie als Geschenk so freudig annehmen, doch sie scheint ein Geheimnis in sich zu bergen. Diese Reinheit bringt Simoen in Verzückung, diese Sympathie, sie kommt nicht umher, sie aufleben zu lassen. Doch will sie nun tiefer eintauchen.
Langsam taucht sie weiter ein - und nimmt den Sturm wahr, welcher in ihr zu toben scheint. Es ist eine Art von Gegensätzen, wie wenn warme auf kalte Luft trifft, jäh entlädt sich der Sturm und Simoen fühlt die barriere, welche selbst wohl von der Bewusstlosigkeit Lytas zu schlafen scheint, zumindest hat sie sich nicht gar erholt.
Wie eine schwarze Klaue holt sie nach Simoen aus, als sie tiefer eindringen will. Nun muss sie ihre ganze Kraft zusammennehmen um sodann tiefer einzutauchen und dem tödlichen Hieb zu entgehen, welcher ihren geist selbst zerstören würde, woraufhin dies das Ende ihres weltlichen Körpers bedeuten würde.
Es gelingt!
Die Runengesänge ihres Begleiters scheinen Wirkung zu zeigen.
Und so kann Simoen tiefer eindringen - ins Auge des Sturms - in das, was Lyta scheinbar ausmacht, ihr Geheimnis!
Simoens Erregung steigt während sie weiter eintaucht, doch anstatt auf eine weitere mauer zu treffen erblickt sie etwas völlig anderes. Eine Abfolge - Eine Abfolge von Bildern und Erinnerungen.
SIE SIEHT...
...eine Vision die sie schon einmal erfahren musste. Ein weiter Platz aus schwarzglänzendem Stein. Der sturmumwölkte Himmel spiegelt sich darin - an den fünf Eckpunkten hohe schwarze Monolithen, die drohend in den umwölkten Himmel hochragen. - Ein gellender BLITZ!
...sie starrt in ein blutiges Messer. Simoen fühlt die Wärme des Blutes, welches ihr vom Bauch abwärts fließt. Sie liegt auf dem harten Steinboden, eine graue Gestalt mit Kapuze, das gesicht nicht erkennbar, hält das Schwert und tritt langsam zurück. Der Kopf dreht sich automatisch und erblickt, eine Frau, kaum älter als Simoen. Ihre braunen Augen starren sie an, das rabenschwarze Haar fällt ihr seitlich über die Schultern. Sie Grinst. Ein BLITZ!
Und Simoen versteht...

Absolute Schwärze. Simoen steht auf keinem festen Boden. Sie sieht es ohnehin nur vor ihrem geistigen Auge, doch sie starrt ins Nichts, als wäre nur Tod darin, aber kein Leben, keine Hoffnung - Nichts.
Simoen will sich umdrehen, und hinter ihr steht eine hochgewachsene Frau. Sie ist bestimmt mindestens Ende Zwanzig, höchstens Anfang dreißig. Ihr schönes gesicht wirkt erhaben. Das feuerrote Haar ist wallend, die Augen sind giftgrün, und sie starren Simoen an. Sie trägt eine dunkelblaue robe, eingestickt ist eine silberne Flamme. Die edle Robe eines Ordens vielleicht...?
'Wer bist du?' Simoen bewegt die Lippen nicht, sie denkt, und mehr ist wohl ach nicht nötig. Die Frage sollte vorerst ausreichen, um Antworten zu bekommen.
'Verrat!', der Tonfall der weichen Stimme der Frau hat einen entsetzten Unterton und Simoen fühlt sie förmlich. 'Ich wurde verraten. VERRÄTER!'
Simoen zuckt zusammen. Der Blick der Frau vor ihr wird kalt, entsetzlich kalt, sie fühlt sie förmlich, sie fühlt den Hass.
'Wer hat dich verraten?' fragt sie.[/color]
ICH MUSS MEIN KIND SCHÜTZEN!'
'WER HAT DICH VERRATEN?' Simoens Frage wird intensiver gestellt. Jetzt, wo sie so weit vorangekommen ist darf sie nicht aufgeben. Sie will etwas erfahren.
Doch der gellende Schrei der Frau ist so derartig betäubend, sie fühlt die Barriere, die Wucht mit der die Frau sie aus dem Inneren von Lytas Seele drängen will. Simoen DARF nicht mehr erfahren.
Der Widerstand, welchen sie versucht aufzubauen hält nicht lange, sie weiß, dass sie so nicht länger weitermachen kann. Nach wenigen Momenten gibt sie nach und lässt sich fallen. Sie wird hinausgedrängt aus Lytas Innerstem.
Doch erneut muss sie unter gewaltigen Schmerzen die Bilder mitansehen, den Schmerz fühlen, welchen die Frau im Augenblick ihres Todes wohl erleiden musste. Und wenige Augenblicke später...


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...landete sie auf dem kalten Steinboden des Kellers. die Verbindung wurde jäh unterbrochen.
"VERRÄTER VERRÄTER!" Die in den Ketten hängende Lyta war wohl erwacht und erneut schrie sie unkontrolliert, doch ein seltsames Farbenspiel aus rost- und Feuerrot schien zu verkünden, dass die Mächte in Lyta zu kämpfen gedachten, offenbar wurde das Wesen, oder vielmehr die Fremdseele in Lya nicht gänzlich geweckt. Sie strampelteund baumelte an en ketten.
Doch Simoen schien das ganze nicht weiter zu stören. Sie hatte schier nicht die Kraft sich darauf zu konzentrieren, das ganze nahm sie zu sehr mit um darüber zu spekulieren.
"Was habt Ihr gesehen?" Die Frage ihres Begleiters schien Simoen nicht weiter wahrzunehmen. sie keuchte schwer und hatte deutlich Mühe, sich zu fangen. Doch erst einmal musste sich die Rabendienerin sammeln.
Und während sie das tat weinte sie blutige Tränen.

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Fortsetzung folgt...

Verfasst: Sonntag 25. Mai 2008, 01:54
von Lyta Flinn
IX
„Seelengewitter" (3. Teil)


Eben noch stand Lyta in Panik und Angst am Rande des Friedhofes. Hier hatte alles begonnen, hier hat sich mein.... Schicksal?... erfüllt
Panik stieg in ihr auf. Sie wollte hier nur weg.... weg... weg.... - aber sie wollten sie nicht gehen lassen.
ICH WILL HIER WEEEEEEG!
...
Im nächsten Augenblick starrte sie in die Dunkelheit. Die Luft war stickig und nur ein schwaches fluoriszierendes Rot in Form eines fünfzackigen Sternes erfüllte den Raum mit nichts erhellendem Licht.
Lyta wusste, wo sie dies schon einmal gesehen hatte. In einem Traum, den sie vor langer Zeit hatte, welcher dem seltsamen Ereignis vorausging, welches sich seither häufiger wiederholte. Es regnete Blut aus heiterem Himmel.
Ihre gliedmaßen waren an etwas metallischem befestigt. Sie strampelte umher, die spitzen ihrer Füße berührten gerade mal den Grund vor sich. Lyta warf den Kopf umher und schrie etwaxs unverständliches: " VERRÄTER! IHR HABT MICH VERRATEN!" - Wer hatte sie verraten?
Als ihr bewusst wurde, was sie da eigentlich schrie - das Gerassel der Ketten, in deren Schellen ihre dünnen ärmchen lose hingen hielt sie jäh inne. War es schon wieder passiert?
Während sie sich so versuchte zu fangen vernahm sie die ausgezehrte müde Stimme einer ihr vertrauten Person. Simoen! Sie war da, und sie unterhielt sich mit einem Fremden über Seelen.... einer rothaarigen Frau - es war ausgesprochen seltsam.
Die einzig rothaarige Frau, die Lyta kannte, war Anne, und die war tot. Sie war tot, wie ihr Vater....
Nach einer geraumen Zeit waren Lytas Gedanken wieder einigermaßen klar. Das Gespräch jedoch verebbte. Die Schellen der Ketten scheuerten an Lytas Haut, doch sie brachte die dünnen Hände nicht durch. Sie hing nur da, ehe der Fremde, sie scheinbar gar nicht beachtend zu Simoen sprach: "Ihr braucht mich wohl nicht mehr. So empfehle ich mich."
Lyta hörte Schritte, welche sich zu den Treppen bewegten. Der Fremde verließ diesen stickigen raum scheinbar. Und so war Lyta allein - allein mit Simoen.
Sie kam dem Geräusch in der zunehmenden Dunkelheit zu urteilen auf Lyta zu. Das rote Fluoriszieren verebbte nach einer ganzen Weile.
"Es tut mir leid, Kleines, dass wir dir das antun mussten, aber du wärst eine Gefahr für dich und uns gewesen." Lyta vernahm ein klacken als Simoen begann, die Schellen zu lösen. Völlig benommen vor dem stechenden Kopfschmerzen, die sie dabei übermannten kippte sie nach vorne. Simoen fing sie vorsichtig mit ihren Händen auf und versuchte Lyta auf die Beine zu helfen. Nur schwerlich gelang dies, da Lytas Beine vor schwäche und Benommenheit immer noch zitterten. "Es tut mir leid."
Simoens Stimme war ungewöhnlich sanft, was Lyta Anfangs vielleicht etwas misstrauisch machte, später jedoch schien sie sich etwas zu fangen.
"Wo... Wo bin ich?", fragte Lyta nach einer Weile.
"An einem sicheren Ort. Wir... wir mussten herausfinden was mit dir nicht stimmt. Wieso du mir damals in den Hals gebissen hast, was mit dir los ist, wieso der Richter dich verfolgt. Lyta, in dir wohnt eine mächtige alte Seele, oder vielmehr eine Kraft, die uralt ist!"
Ews dauerte eine Weile, bis Lyta begriff, was Simoen eigentlich sagen wollte.
"Wie... wie meinst du das? In mir wohnt eine Frau?"
"Die Seele einer Frau", antwortete Simoen. "Eine Frau mit roten Haaren und grünen augen. Und sie ist gefangen, gefangen in dir, gefangen im letzten Gedanken den sie im Leben hatte. Sie wollte ihr Kind schützen. Sie wurde verraten."
Das erklärte, warum sie dies schrie, auch wenn lyta nicht begriff, was eigentlich wirklich gemeint war.
"Aber ich... Wie konnte das passieren?" lyta stammelte. "Ich... ich will doch nur eine Schreiberin sein."
"Lyta", Simoen versuchte ruhig auf sie einzureden. "In dir schlummert eine große Macht, und diese Macht musst du lernen zu beherrschen, du musst lernen, sie zu nutzen. Vielleicht kann ich dir helfen."
Eine große Macht - sie lernen zu nutzen....
Lyta verstand was Simoen ihr sagen wollte, aber wenn das denn stimmte, ja dann war diese Macht für den Tod ihres Vaters verantwortlich.
Und dies bedeutete, dass das letzte, was ihr Vater ihr sagen wollte im Grunde genommen genau das war - aber daran erinnerte sie sich nicht mehr.
Ihr Vater starb durch ihre Hand. Aber nicht Lyta beherrschte in diesem Moment ihren Körper..
Diese Erkenntnis traf Lyta wie ein Schlag.

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Plötzlich peitschte ihr Regen ins Gesicht. Ein blendend heller Blitz riss sie aus den Gedanken und sie stand tatsächlich draußen. Helle gezackte Blitze fluteten den nachthimmel in ein hässliches Blau-Lila - Lyta kniff kurz die Augen zusammen. Nass hingen ihr ihre rotblonden karottenfarbenen Haarsträhnen ins Gesicht. Als sie die Augen wieder öffnete war es einen kurzen Moment, während der Donner die Luft zerriss angenehm dunkel. - Was war denn plötzlich geschehen?
Als sie den Blitz senkte zuckte wie ein scharfer Dolch aus Licht ein weiterer Blitz über das nächtliche Firmament. Und was sie im gleißenden Licht erblickte verschlug ihr die Sprache. Zu ihren Füßen lag eine Leiche!
Sie wich zurück, Erst jetzt spürte sie, dass ihre nassen Hände etwas umklammerten. Und als ein weiterer Blitz den Himmel durchstach erkannte sie den Widerschein auf einer Klinge, die mit Blut besprenkelt war, welches sich langsam in hässlichen rostigen Farbtönen über das blanke scharfe Metall verteilten. Sie ließ es vor Schreck fallen.
Lyta kniff die Augen zusammen.
Oh Bitte! Nicht schon wieder!
Donnerschlag um Donnerschlag hämmerten auf ihre Ohren ein. Gnadenlos, durchdringend, dumpf und unangenehm. Eben stand sie noch vor ihrem Vater und nun stand sie vor...
Ihrem VATER! Sie öffnete in dem Moment die Augen als ein weiterer Blick enthüllte, dass ihr mit offenen Augen im Schlamm liegender toter Vater vor ihr lag. Lyta wurde zur mörderin! Sie hatte ihren Vater erdolcht. Regen trommelte herab und füllte die aufgerissenen toten Augen ihres Vaters mit Wasser.
Endlich rang sie sich zu einem Schrei durch als sie mit nackten Füßen ansetzte hinfort zu laufen. Sie rannte gerade aus. Über ihr spielte das Gewitter sein Spektakel weiter, und während sich zum Regen auch noch Tränen in ihr Gesicht liefen verlor sie die Besinnung.
Was... habe ich... GETAN?

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Lyta blinzelte.
So schauerlich der Gedanke an das Ableben ihres Vaters auch war, so sah sie die Dinge nun etwas klarer. Aber sie konnte doch nichts dafür. Jemand - oder etwas, hatte sie offenbar in Besitz genommen oder etwas mit ihr getan. Doch das Mädchen war zu verwirrt.
"ich... ich bin doch nur eine Schreiberin", stammelte sie.
"Lyta", sprach Simoen sanft zu ihr. "diese macht in dir, du musst lernen sie zu beherrschen wenn du Antworten willst, wenn wir beide Antworten wollen. Etwas ist mit dir geschehen, jemand haust in dir. Willst du denn nicht wissen, was los ist?"
"Doch aber... ich bin doch nicht böse. Wenn, wenn Sir Nevyn erfährt was mit mir los ist, dann wird er mich töten."
"Dann darfst du es ihm nicht erzählen", meinte Simoen ernsten Tones. "Du musst es geheim halten."
"Mein ganzes Leben war eine Lüge. ich wurde nur benutzt!" Diese Erkenntnis traf lyta wie ein Schlag in die magengegend.
"Lyta, Lyta! Nein!" - Unverhofft legte Simoen ihre Arme um Lyta und drückte sie an sich. Dieser ungeahte Ausbruch an Zärtlichkeit war ihr seit Erics tod so fremd, so das Lyta ihren Tränen endlich freien lauf lassen konnte als sie sich in lytas arme Legte.
"Du bist nicht böse. Du bist etwas Besonderes, Lyta. Wenn du erst lernst, dine Kräfte zu beherrschen wirst du deine macht erkennen und den menschen damit helfen können!"
"ich bringe sie um", wimmerte sie. "Niemandem helfe ich damit. Ich will das nicht." Und nun legten sich auch lytas Hände um simoen, sich eng an den warmen Körper schmiedend.
Lange redete sie so weiter. Ihre selbstzweifel, ihre Erlebnisse seit der Ankunft in Bajard und die Dinge, an die sie sich erinnerte.
"Ich kann mir denken, was du durchmachst, Kleines. Aber damit du Antworten findest werden wir beide herausfinden, wie du deine Kräfte beherrschst."
"ich... ich habe Angst", wimmerte Lyta, immer noch in einem Meer von Tränen förmlich ertrinkend.
2Ich weiß.... Ich weiß Liebes. Selten hat mich etwas so mitgenommen wie das... Aber wir werden es herausfinden. Ich meine es gut mit dir."
"Werde.... werde ich dann niemandem mehr weh tun?"
"Nur noch wenn du es willst."
"Ich will niemanden mehr verletzen, töten..."
"Dann wirst du den menschen helfen. Vertrau mir, Lyta. Wir werden es schaffen."
Und ehe sich die beiden voneinander lösten strich Simoen lyta fast schon mütterlich durchs karottenfarbene haar.
"Na komm Lyta", meinte Simoen ruhig und freundlich. "Gehen wir nach Hause."
"Wenn... wenn ich mich noch sehen lassen kann." Lyta senkte den Kopf.
"Du darfst niemandem davon erzählen, der nicht selbst dem Richter dient, verstehst du?"
Lyta nickte knapp. Und dann ergriff Simoen Lytas Hand und geleitete sie aus diesem stickigen raum. Sie öffnete die Falltür und trat mit ihr in die kalte nach Moder riechende Luft hinaus.
Es war der Friedhof - der Friedhof an dem sie schon einmal war. Und sie murmelte nur leise vor sich her, als sich lyta dessen gewahr wurde.
"Hier hat alles angefangen"
Letztendlich blieb ihr doch keine andere Wahl als sich ihrem Schicksal zu fügen.
Weshalb wir nun fast am Ende dieses Teils der Geschichte wären. Doch wenn Ihr, werter Leser, eines gelernt haben mögt, so sei es wohl die Botschaft, dass nicht jedes Instrument des Bösen die Wahl hat, die Wahl zu entscheiden, die Wahl zu handeln.
Doch noch sind wir nicht am Ende....

Verfasst: Montag 26. Mai 2008, 01:46
von Lyta Flinn
X
„Seine Waffe"


Was ist ein Friedhof?
Es ist ein Gräberfeld für die einen, wo die kalten Leichen der einst lebenden vermodern, zu Gebeinen und schließlich zu Erdreich werden, ein Ablegeplatz für all die Leichen, um sie zu entsorgen, denn letztendlich ist es ja doch nur Müll, der langsam verrottet.
Für die anderen ist es ein spiritueller Platz, wo Tote ihre letzte ruhe finden, sie würdig und angemessen beigesetzt werden, und wo man mit den Geistern der Verstorbenen reden kann, um seinen Kummer und seinen Schmerz zu erleichter.
Doch für andere war es der Quell ihrer Macht, der Ort für viele brauchbare Experimente. Leichendiebe, Grabschänder.
Lyta war letztendlich das Letztere, auch wenn sie es nicht wollte. Sie sah bereits Untote, sie sah, wozu die Macht des Raben fähig war - ja, Lyta war diejenige, die letzten Endes dazu verdammt war, eine Macht zu kontrollieren, die sie nicht haben wollte - und an dem Abend, an dem ihr Simoen offenbahrte, was sie in ihrer Seele entdeckt hatte, und dass sie lernen müsste, diese Macht zu nutzen, natürlich um anderen zu helfen, an dem Abend verlor sie einen Teil ihrer kindlichen Unschuld, doch was erwartete sie beim erwachsen werden? Schmerz, sonst nichts, und das war grauenvoll.
Nun also stand Lyta inmitten des Gräberfeldes. "Hier hat alles angefangen", murmelte sie leise. Simoen trat neben sie und versuchte Lytas kleine klamme Hand zu nehmen, wohl um ihr Mut zuzusprechen, Mut für das Kommende, Mut für das Unerwartete. Und viele Fragen warteten nun darauf beantwortet zu werden.
Die Verzweiflung in Lyta wuchs, doch die Hoffnung stirbt selbst bei einem Rabendiener zuletzt, nicht wahr? Und so musste sie lernen, sich mit dem abzufinden, was unvermeidlich war. Doch es war grauenhaft.
Sie spürte die Kälte in sich, sie spürte dass in ihrem Geist etwas nach ihr rief. Permanent, doch hier war es so deutlich, es war so klar, und doch so fern, so weit weg. Dies nagte an ihr.
Kleine naive Lyta! Dein Leben ist verwirkt, wenn sie davon erfahren. Willst du das?
Ich will doch nur eine Schreiberin sein, ich bin doch nur eine Schreiberin!
Du weißt genau, dass dein Leben nicht von dir bestimmt und gelenkt wird. Du weißt genau, dass dein zerbrechliches Leben seit jeher an einem seidenen Faden hing. Und ich, ich bin der Schlüssel dazu, dich zu ändern.
Und darum setzt du mich dieser Angst aus?
Angst ist dein Freund, kleine naive Lyta. Ich bin deine Angst, und folglich, bin ich auch deine beste Freundin
Ich will diese Freundschaft nicht.
Und dennoch weißt du, dass ich da bin. Und dennoch nimmst du immer wieder meine Hilfe an, du lässt die Angst zu.
Ich kann ihr nicht entfliehen.
Ach? Und das Knochenarmband? Du hast es doch immer noch. Du hättest es wegwerfen können. Du hättest IHM die Stirn bieten können, doch du hast es nicht getan. Oh Lyta. Mach mir, und vor allem dir nichts vor. Du spürst die Macht. Und du wartest nur darauf, sie nutzen zu können. Ob für dich, für andere, es spielt keine Rolle. Aber ich habe dir diese macht gegeben. Nutze sie. Nutze sie für dich, für mich, für den Richter...

Lyta schüttelte sich. Die Zwiesprache in ihrem Inneren war sie leid. Sie wollte nur noch weg von diesem grauenhaften Ort.
Ein Krächzen riss sie jäh aus den Gedanken. Sie drehte den Kopf nach Links. Lyta starrte in die Mondlose Finsternis, und auf einem Grabstein, keine fünf Schritt von ihr entfernt saß ein Rabe. Seine dunklen Augen blickten sie an...

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Lyta öffnete die Augen. Sie irrte ziellos umher und verließ das Schiff Richtung Bajard nun endlich. Gerade betrat sie das Land und war froh, ihre Sünden hinter sich gelassen zu haben. Es war eine Befreiung, all das Schlechte zurücklassen zu können und endlich - endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Es war die Rettung! Sie schloss die Augen um die Luft gerimors einzuatmen, doch eben als sie sie öffnete war sie überall - nur nicht in Bajard.
Nebel lag bleischwer auf den Grabsteinen um sie herum. Sie blickte umher und wusste nicht wie ihr geschah. Ein Albtraum schien wahr zu werden. Um sie herum standen Leichen und Skelette. Sie wusste es, denn kein Mensch verweste im Leben.
Und sie griffen nach ihr! Sofort war Lyta klar, dies wäre ihr Ende, doch ihre Finger berührten Lyta nicht.
Der Vollmond enthüllte ihr das grausige Szenario nur überdeutlich. Wie konnte es plötzlich Nacht werden? Gleichwohl was es war. Es spielte keine Rolle. Denn ihr fiel ein Knochenarmband aus das sich um ihr rechtes Handgelenk gelegt hatte. Wie kam sie dazu? Ein solches Armband besaß sie zuvor nicht.
Noch obskurer war jedoch dass sie jäh etwas in der Nase kitzelte. Sie kniff die augen zusammen und fasste nach dem was vor ihr langsam zu Boden glitt. Völlig perplex, zu geschockt um Angst zu haben vielleicht hielt sie den Gegenstand vor sich hoch.
Es war eine schwarze Feder! Eine Rabenfeder!.
Sie blickte hoch und erkannte gerade noch einen Raben der über dem halb von Nebel verschleierten Vollmond über sie dahinglitt. Und als wäre es eine Eingebung aus der Ferne hallte eine Erinnerung in ihr wider, die sie zuvor nicht in ihrem Geist spürte. Es war die Stimme ihres Vaters.
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“Du bist SEINE Waffe!

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Ist es so? Bin ich eine Waffe?
Jeder ist eine Waffe, aber du weißt es schon längst. Du weißt was du bist, du weißt, wie ER dich sieht. Und dass du eine Waffe bist, weißt du schon längst. Du selbst wärst nie zu diesen Taten fähig. Aber eine solche unscheinbare Waffe. Was denikst du denn, wieso er dich ständig verfolgt?
Ja Lyta - die Karten wurden aufgedeckt. Du bist ein Spielball von Kra'thor, der Götter, ja dein ganzes Leben. Dass du nichts davon weißt, beweist doch, dass du nur benutzt wurdest. Doch wir beide können künftig etwas dagegen unternehmen. Akzeptiere es, akzeptiere mich.

Ich muss es - mir bleibt keine andere Wahl. Doch ich bin kein Werkzeug der Finsternis!
Ich auch nicht!

Lyta wandte sich vom Antlitz des Raben ab. Simoen ließ lytas Hand los und blickte sie aus unergründlich grünen Augen an. Dann sah Lyta voraus und lief.
Sie lief in die Nacht hinaus, die Gewissheit mit sich tragend, dass es erst begonnen hatte, dass sie noch viel zu lernen hatte, noch ein großes Los tragen musste.
Und während sie so in die nacht hinauslief, sich die Wege von Simoen und Lyta trennten, sah ein Paar dämonischer Augen ihr nach, mit jedem Schritt, mit jedem Tritt, den sie in ihrem leben nun tun würde, würde dieses Paar augen auf sie blicken.
Vor der finsternis gab es eben kein Entkommen...

Verfasst: Montag 26. Mai 2008, 21:19
von Lyta Flinn
Epiloque
„...und es fängt gerade erst an"


Es war der dritte Vollmond seit Lytas Ankunft auf Gerimor. Und wieder starrte sie gen Osten, auf die Ebene hinaus.
Sie stand auf der Zinne von Burg schwertwacht. Gerade tauchten die ersten roten Sonnenstrahlen des frischen wolkenlosen Spätfrühlingsmorgens ihre blasse haut in eine schon fast unwirkliche Farbe, als wäre ihre Haut selbst von Blut.
...Blut
Was hatte sie nicht alles erfahren? Das Schicksal mochte wohl selbst seine Hände nach ihr ausstrecken und jene ihr reichen. Vom Zeitpunkt ihrer Geburt an war ihr Leben ein einziges Rätsel, doch Lyta kannte erst die Fragen, nun galt es jedoch, die Antworten zu finden, welche sie quälten.
...Qual.
Der Rabe verfolgte sie die Tage am Rande ihrer Wahrnehmung immer noch, wie einst, als sie das Knochenarmband am Friedhof gefunden hatte, doch sie hatte gelernt, ihn als unfreiwilligen Beobachter zu akzeptieren. Ganz gleich, was er von ihr wollte, und gleich ob er bekommen würde, was er fordert oder wünscht, Lyta würde erst die Antworten finden müssen, um sich diesem Problem zu widmen. Sie war viel zu klein, als dass sie sich einem Dämon widersetzen konnte. Doch sie würde ihn niemals als ihren Herren ansehen.
Einzig, die Tatsache, dass er keine schwarze Feder mehr vor ihre Füße warf und durch Traumstimmen zu ihr sprach war einigermaßen beruhigend. Doch die Fragen blieben, und erst jetzt begall Lyta, die Stimme ihres anderen Ichs wahrzunehmen. Doch war es eine Seele? Sie entsinnte sich den Geschichten von dem roten Dämon, welcher sein Unwesen trieb.
...der rote Dämon!
Anne hatte sie dereinst beruhigt, die Gesichichten wären so nicht wahr. Doch was zählte Wahrheit in eienr Welt voler Lügen?
...Lügen
Sie sollte ihre Bestimmung wiederfinden. Es war eine Bestimmung, die verlorenging. Und noch eine dieser Fragen, welche im Grunde genommen so nichtssagend und dennoch so spekulativ war. Für eine Schreiberin war das ganze mit langen Worten sehr schön zu umschreiben, aber eine Aussage boten sie nicht. Doch jeder Dichter vermag es, mit wenigen Worten so viel zu sagen. Ach, wäre sie Dichterin geworden!
Ihre Träume würden die meisten Antworten liefern. Sie entsann sich Träumen wie jener, in dem sie auf diesem schwarzen Platz stand. Was war es? Eine Ritualstätte? In dessen Mitte loderte eine silberne Flamme - die Silberflamme! Gerade dieser Begriff geisterte um alles. War sie die Antwort auf alle Fragen?
Simoen hatte Lyta endlich offenbart, dass Kra'thor selbst sie auserwählt habe. Es war ein Schock, und diese Tatsache musste die kleine Schreiberin strengstens hüten. Doch Lyta war keine Geheimniskrämerin. Sie hatte nicht den Mut und die Muße, Leute anzulügen, die gut zu ihr waren.
Doch jener mann, der einst von dem blutregen getroffen wurde meinte, dass Varuna oder eine temoragläubige Vereinigung nicht das Pflaster für eine wie sie wäre.
...eine wie ich
Wer war sie denn? Von Träumen geplagt, von Zweifeln gejagt.
Nein... - es hatte eben erst begonnen. Dies war nur die Ouvertüre...

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Drei Monate zuvor...
Lyta öffnete das Fenster. Es war noch dunkel, abgesehen von einem schwachen silbernen Streifen im Osten, leicht untermalt vom Sichelmond, der langsam den Zenit erklomm und ein schwachsilbernes Licht in das Umland warf, kaum mehr als ein Abglanz, wie so Vieles in diesen Tagen.
Sie konnte nicht schlafen. Der letzte Schatten einer Erinnerung an einen nicht besonders angenehmen Traum begann gerade zu verwischen und mit der schwachen Morgenbrise hinfortzuwehen. Alles was blieb war lediglich ein Abglanz eines Traumes von Tod, Blut und einer silbernen Flamme. Doch noch während sie versuchte, die Gedanken zu ordnen waren sie auch schon weg. Lytas Traum war gegangen.
Bajard selbst lag friedlich da. Die Menschen schliefen noch, abgesehen von jenen, die mit dem ersten Hahnenschrei aufstehen würden, und dieser war eben zu vernehmen. Der Morgen kam in diesen Landen sehr früh, und sehr schnell obendrein. Und das war auch schon der einzige Zauber, der an diesem Dorf haftete. Alles Andere war nur Scheinheiligkeit, Kampf und Depression. Und von Letzterem hatte Lyta mehr als genug.
Einen halben Mondlauf war es etwa her, seit sie ihre Vergangenheit wieder eingeholt hatte – auf die bizarrste Art und Weise, wie Lyta sie sich vorstellen konnte.
Es ist doch immer so bei Geschichten. Meistens sind sie zu Ende wenn sie erzählt werden. Sie hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Der Anfang ist zumeist geheimnisvoll. Meistens offenbaren sie das Umfeld, führen die Figuren ein, stellen sie in eine gewisse Position, wie die Figuren in einem Schachspiel. Der Mittelteil ist düster, unheimlich. Bereits beantwortete Fragen weichen neuen - ...und so fängt es an. Bei jeder Geschichte...

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Nein! Sie würde nicht aufgeben.
In einem hatte Simoen recht. Wenn sie den Menschen, welche ihr etwas bedeuteten helfen wollte, dann müsste sie antworten finden.
Du hast es begriffen. Lyta.
Wenn ich scheitere, wird es mein Verderben sein?
Wenn du woran scheiterst, dann bist du selbst es, und wir werden nie herausfinden, was wir wissen wollen.
Weißt du es nicht längst?
Du bist ich, Lyta, und ich bin du! Unser Schicksal ist unweigerlich verbandelt. Jetzt, da du an der Schwelle stehst, darfst du nicht zurückweichen. Fasse mut und finde heraus, was du wissen willst. Hoffnungslosigkeit ist fehl am Platze, du wirst sie finden, wo du sie am wenigsten erwartest.
Im Tod?
Ich gratuliere! Du wirst noch zu einer Zynikerin!
Wir werden gemeinsam nach Antworten suchen?
Gemeinsam! Einsam wird niemand von uns beiden überleben.
So sei es.

Die Vögel sangen ihr berauschendes Lied an den Berghängen, dem Burgdach und den umstehenden Bäumen als Lyta, zum ersten Mal seit langem lächelte - und zwar wirklich von Herzen lächelte.
Ja! Gemeinsam würden sie es schaffen.
Die Finsternis würde sie nicht in Besitz nehmen, und das Licht würde sie nicht bekommen.
Lyta hoffte.

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LYTA FLINN - ZWEITER TEIL: DER ROTE DÄMON