Seite 2 von 7

Die Rüstung – Ein Helm, von Elfenhand geschmiedet

Verfasst: Sonntag 4. November 2007, 16:51
von Kanubio Bunjam
Die Rüstung – Ein Helm, von Elfenhand geschmiedet

Lange war es her, dass er Lenwe, dem Meisterschmied der Hochelfen, sein Anliegen vorgebracht hatte. Nun suchte dieser Kanubio auf, um ihm ein Buch zu übergeben. Ein Buch, von Elfenhand geschrieben!

Als Lenwe Kanubio aufforderte zu lesen, was seine Aufgabe wäre, um sich des Helms würdig zu zeigen, trat ihm der kalte Schweiß auf die Stirn. War doch das Lesen selbst schon nicht so sein Fach, biss er sich an dieser verschnörkselten Schrift schier die Zähne aus. Und erst diese Worte, die im Text vorkamen! Unaussprechlich!

Sosehr sich Lenwe wohl bemühte ernst zu bleiben, konnte er sich oft ein Schmunzeln über Kanubios rührige Bemühungen nicht verbeißen. Kanubio trug’s mit Fassung, war er doch schon froh, diese Aufgabe aufgetragen zu bekommen und für wenigstens so würdig gehalten zu werden, dass er seine Würdigkeit unter Beweis stellen durfte.

Fünf Dinge sollte er Lenwe besorgen. Manch eines erschien ihm recht einfach – und anderes gab ihm schier unlösbare Rätsel auf. Doch er war zuversichtlich, dass er es – wohl auch mit der Hilfe seiner Freunde – schaffen würde und nahm die Prüfung frohen Mutes an.

Verfasst: Freitag 9. November 2007, 12:04
von Kanubio Bunjam
Die Rüstung … Schwert und Handschuhe
Ein Gefallen für die Clans


Mit großem Unbehagen hatte Kanubio diesem Tag entgegengesehen. Nun war es soweit: Er stand vor dem großen Tor Grimwoulds und läutete, wohl unbewusst recht leise, in der Hoffnung, man würde es drinnen nicht hören.

Nein, man überhörte es nicht. Falk war zugegen und Kanubio berichtete von seinem Scheitern. Damit rechnend, dass Falk ihn nun sein Anliegen endgültig abschlagen würde, urteilte dieser jedoch großzügiger als Kanubio es erwartet hatte. Trotzdem es ihm nicht gelungen war, Falks Aufgabe, ihm einen Bogen von Elfenhand gefertigt zu bringen, bewilligte der Jarl ihm die beiden Stücke, die er für seine Rüstung benötigte, und meinte: „Sagen wir, du schuldest dem Clan einen Gefallen. Es kann sein, dass ich niemals komme, um diesen Gefallen einzulösen. Es kann ebenso sein, dass ich morgen komme, um dies zu tun.“
Erfreut hatte Kanubio zugestimmt. Und natürlich galt es, die Diamant-Barren aufzutreiben.

Als er am nächsten Tag in der Mine schürfte und darüber nachdachte, kam ihm erst zu Bewusstsein, was dieses Abkommen mit Flak bedeutete. Zwar war er sich ziemlich sicher, dass der Jarl nichts Unrechtes von ihm verlangen würde, und dennoch war da eine seltsame Ungewissheit, die ein beklemmendes Gefühl in ihm aufsteigen ließ. Er versuchte, es beiseite zu wischen, zu ignorieren. „Darüber kann ich mir den Kopf zerbrechen, wenn es so weit wäre. Vielleicht würde es ja auch nie sein.“

Jetzt galt es, weiterzubuddeln, um das gesteckte Ziel zu erreichen, denn auch die anderen Teile der Rüstung sollten den Weg zu ihm finden.

Verfasst: Freitag 9. November 2007, 12:26
von Kanubio Bunjam
Die Rüstung – Brustplatte und Schild
Meister an einem ganz normalen Tag


Wohl zwei Stunden alberten sie schon in Corians Werkstatt herum. Es schien ein ganz normaler Tag zu sein, außer, dass Cori vielleicht noch verbissener arbeitete als sonst, während Kanubio wiederum absolut keine Lust verspürte, auch nur einen Finger für Arbeit krumm zu machen.

Kurz nachdem Corian und Kanubio von allen anderen verlassen worden waren, wurde Cori außergewöhnlich schweigsam und hörte auf zu hämmern, was Kanubio jedoch auch nicht weiter verwunderte. Dann drückte ihm Cori eine große Tasche in die Hände, deren Beschriftung auf Portweinflaschen hinwies. Doch ihr Inhalt fühlte sich anders an, was Kanubio ebenfalls als gegeben hinnahm. Cori meinte, er solle die Tasche nach oben bringen. Natürlich erfüllte er seinem Freund den Wunsch. Im ersten Stock des Hauses stand er erst einmal plan- und ziellos herum, bis Cori ihm folgte und im Befehlston anordnete, sich in die Umkleidekabine zu begeben. „Tasche öffnen und anlegen“, rief er ihm noch zu, während er wieder in die Werkstatt hinunterging. „Den Inhalt!“ fügte er noch schnell hinzu, um jedes Missverständnis auszuschließen.

Als Kanubio gehorsam tat wie ihm geheißen, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen – steckte er doch tatsächlich in einem Diamant-Brustpanzer und an seinem Arm prangte ein Turmschild aus demselben Material. Eine ganze Weile lang hörte man gar nichts aus der Kabine. Kein Atmen. Kein Geräusch. Plötzlich ein lautes „Oh!“. Und dann lange wieder nichts.

Völlig sprachlos wankte Kanubio unter freudigem Schock stehend mit glänzenden Augen die Treppe hinab, an deren Ansatz er verharrte. Nur am Rande nahm er wahr, dass Corian seiner Gefährtin Derya ein diamantenes Schnitzmesser überreichte – das erste Stück, das die Meisterhand gefertigt hatte. Gleich danach, so sagte Corian, hätte er die beiden Stücke für Kanubio geschmiedet.

Immer noch stand Kanubio am Treppenaufgang, strahlend vor Glück und gleichzeitig fassungslos. Schon fürchtete er, als Cori auf ihn zutrat, dass alles nur ein Traum wäre, aus dem er gleich erwachen würde oder dass er ihm die Teile wieder abnehmen würde. Aber Cori lächelte und meinte: „Danke mein Freund. Du hast mir die letzten Momente gut vertrieben und hast mich viel unterstützt. Dafür gebührt dir mein Dank.“

Doch Kanubio wehrte bescheiden ab. Mit seinen Gedanken war er in der Vergangenheit. Noch vor etwas über einem Jahr war er zur See gefahren, zusammengepfercht unter Deck mit weit über hundert anderen Männern, Tag für Tag mit harter Arbeit und Schlägen eingedeckt, die er ohne Gegenwehr und Gegenwort hingenommen hatte. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, dass er je in seinem Leben geschmiedetes Diamant auf seiner Haut spüren würde – er, dem ein Zahlmeister beim Hafengang gerade nur so viele Münzen in die Hand gedrückt hatte, dass er sich in schäbigen Kaschemmen eine halbe Nacht mit billigem Fusel und abgetakelten Freudenmädchen amüsieren konnte.

Cori redete weiter auf ihn ein. Er hatte wohl gespürt, dass ihm bald das erste Stück aus Diamant gelingen würde und hatte deshalb so gnadenlos hart gearbeitet. Doch was genau er sagte – etwas von Barren und Freundschaft – bekam Kanubio gar nicht so richtig mit. Er als ihm einfiel, dass er Gäste erwartete, kehrten seine Gedanken in die Realität zurück – immer noch das kühle, glänzende Metall angenehm auf seiner Haut spürend.

Kein Traum mit einem bösen Erwachen … keine Anprobe für einen anderen … keiner da, der ihm die Teile wieder wegnehmen würde …

Es schien ein ganz normaler Tag zu sein. Doch Corian Radon war Meisterschmied – ab nun müsste er ihn „seinen meisterlichen Haus- und Hofschmied“ nennen – und an diesem ganz normalen Tag hatte sich der erste Teil von Kanubios Vision erfüllt.

Verfasst: Samstag 12. Januar 2008, 23:59
von Kanubio Bunjam
Feuer

Eine geschwollene linke Backe, ein ausgeschlagener Backenzahn, eine angeschmorte rechte Hand und sein Körper mit blauen Flecken übersät – das Resultat seiner wagemutigen Idee, von der er nie geglaubt hätte, dass sie Zustimmung finden würde.

Was für ein Tag! Er lehnte sich auf dem Bärenfell in seinem Haus sitzend langsam zurück, bis er lang ausgestreckt vor dem Kamin lag und die Schmerzen genoss. Neben seinem Kopf prasselte das Feuer. Sein Blick verlor sich in den lodernden Flammen. Er beobachtete sie lange und intensiv, wie er es noch nie zuvor getan hatte. Neckisch sprangen die gelbweißen Zungen hoch und tanzten um das Holz, in welches sie sich langsam hineinfraßen … es auffraßen und in Asche verwandelten.

Sein Blick wurde von dem unsteten Schauspiel magisch angezogen. Immer tiefer versenkte er sich in seine Bewegungen, wurde eins mit dem lodernden Gezüngel.

Wie würde es sein, mitten im Feuer zu stehen – ohne den Schutz seiner Pyrianrüstung -, die Hitze schmerzend auf seiner Haut und den erstickenden Rauch in seiner Lunge? Wie würde er reagieren, wenn die Flammen gegen seinen Körper schlagen und sich in seine Haut fressen … ihn auffressen würden?
Und wie würde Sie es ertragen?

Verfasst: Mittwoch 26. März 2008, 01:20
von Kanubio Bunjam
Angurenehre?

Kanubio traute seinen Augen nicht, als er Rebecca im Wald traf. Sie sprach mit zwei Anguren, doch schien die Unterhaltung keine erfreuliche zu sein. Als sie der eine auch noch am Handgelenk zu packen versuchte, griff Kanubio ein, in vollem Bewusstsein, das er gegen die beiden Hünen keine Chance hatte.

Die beiden benahmen sich mieser als die miesesten Straßenräuber. Nein! Das waren keine jenes stolzen, ehrenhaften Kriegervolkes, wie er die Anguren kennen gelernt hatte. Die beiden waren übelster Abschaum!

Ohne zu zögern warf er sich dem einen entgegen – Kanubios schartiges Schwert gegen einen blitzenden Zweihänder. Gerade, als er seinen Gegner nach einem Kräfte raubenden Schlagabtausch zu Boden riss, donnerte die mächtige Keule des zweiten seitlich in seinen Brustpanzer. Die immense Wucht dieses Hiebes streckte ihn nieder.

Als er wieder zu sich kam, konnte er – zu schwach, um noch sein Schwert zu erheben – nichts tun, um zu verhindern, dass die beiden Rebecca wegschleppten. Endlich wieder auf den Beinen, versuchte er, ihren Spuren zu folgen. Doch schaffte er es lediglich, sich von Baum zu Baum zu handeln. Immer wieder wurde ihm schwarz vor Augen. Mit all seinen ihm noch verbleibenden Kräften kämpfte er dagegen an, schleppte sich weiter. Doch er verlor die Spur.

Rebecca in den Händen dieser Bestien zu wissen, ließ ihn Schritt um Schritt tun. Keuchend schleppte er sich weiter. Noch hielt er sich aufrecht. Noch. Doch sosehr er auch gegen die Übelkeit und die Dunkelheit, die nach ihm griffen, ankämpfte, schwanden seine Kräfte mehr und mehr. Er brach abermals nieder.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er den Sternenhimmel über sich. Wie viel Zeit war vergangen? Rebecca! Er musste sie suchen! Er glaubte keine Sekunde, dass sie für die beiden Anguren lediglich einen Umhang flicken sollte, so wie die sie behandelt hatten! Er versuchte sich aufzurichten. Ein heftiger Schmerz durchfuhr seinen Brustkorb. Verdammt! Der letzte Schlag des Anguren musste härter gewesen sein, als er zuerst angenommen hatte. Sosehr er auch versuchte, sich aufzurichten, er schaffte es nicht. Jedes mal ein Stich in die Brust, jeder Stich raubte ihm den Atem.

Die Wut, die in ihm auf diese Barbaren tobte, gab ihm die Kraft, weiterzukriechen. Er zweifelte nicht, dass er sie finden würde. Immerhin hatten sie es ja laut genug hinausgebrüllt, was sie mit ihr vor hatten. Doch dann überwältigte ihn abermals die Dunkelheit.

Verfasst: Freitag 28. März 2008, 20:08
von Kanubio Bunjam
Dem Tod entrissen

Kanubio verstand nicht, was soeben geschehen war. Er gab ja zu, selbst schuld gewesen zu sein … Nachdenklich saß er im Nordwald und ließ die Geschehnisse der letzten Tage in seinen Gedanken revue passieren.

Julimar hatte ihn, der auf halbem Weg zum Lager der Anguren zusammengebrochen war, auf Neu-Gerimor gefunden, auf sein Pferd gehievt und zur Kutsche gebracht. Kanubio schaffte es noch bis zum Wirt am Wegkreuz, wo er unter Schmerzen und betäubt von miesem Schnaps ausharrte, bis Larissa kam und sich seine Verletzungen besah. Sie stellte eine Rippenprellung sowie einen Rippenbruch fest, was für Kanubio wohl wochenlangen Hausarrest bedeutete.

Sei Dilemma, Rebecca befreien zu müssen, währte nur so lange, bis er, von Larissa in einen kompakten Oberkörperverband gewickelt, an sein Gartentor gelangte. Dort steckte eine hellblaue Stoffblume. Ein Zeichen von Rebecca, das bedeutete, dass sie frei war – doch wo war sie?

Einen ganzen Tag und eine Nacht hielt Kanubio es in seinem Haus aus. Er nützte die Zeit, seine Truhen aufzuräumen. Am darauf folgenden schleppte er sich gepeinigt von Schmerzen in seiner Brust ins Lager, wo er Julimar traf. Der war gerade dabei aufzubrechen, um Holz zu sammeln. Höchst gelangweilt und mit sich selbst nichts anzufangen wissend, blieb Kanubio zurück. Rein gewohnheitsmäßig machte er sich auf Nordwald-Runde. Seine Schritte lenkten ihn alsbald zu den Zweiköpfen. Als dann eines dieser trägen Monster vor ihm stand, konnte er nicht widerstehen und griff sich das Schild und die leichte Axt. Aufgrund seiner bewegungseingeschränkten Rechten nahm er die Waffe in die Linke. Als er seinen Gegner niedergestreckt hatte, wurde er übermütig und wechselte auf die schwere Keule.

Das war ein fataler Fehler. Zwei dieser Riesen fassten ihn ins Auge und droschen auf ihn ein. Ein Schlag traf genau die lädierte Rippe, welche sich in seine Lunge bohrte und ihm die Sinne schwinden ließ. Langsam begann er abzugleiten in die andere Welt … es wurde still um ihn … und auch wieder nicht. Der Zustand währte eine Weile, bis die Schmerzen nachließen und er wieder, wie vor seiner Verletzung, frei durchatmen konnte. Kanubio war fest davon überzeugt, dass er es überstanden und er in die Welt der Ahnen übergetreten war.

Als er die Augen aufschlug, fiel ihm wie leblos Larissa in die Arme. Die Monster mussten auch sie ins Jenseits geschickt haben. Nachdem sie wieder zu Sinnen kam, versuchte sie, ihm zu erklären, dass er irrte. Doch Kanubio glaubte ihr nicht. Nein, es konnte nicht sein, dass er plötzlich wieder vollkommen hergestellt und schmerzfrei neben ihr saß. Es konnte nicht anders sein, als dass sie beide tot wären.

Wohl ausschweifender als ihr lieb war, begann sie zu erklären. Nach und nach begriff er, fügten sich die Teile zusammen und ergaben ein, wenn auch unglaubliches Ganzes. Er bereute nun sehr, was er getan hatte und wusste nicht, wie er ihr für ihre Hilfe danken sollte. Sie beide hatte dieses Erlebnis zutiefst durcheinander gebracht und so schieden sie, um jeder für sich selbst seine Gedanken zu ordnen und seine innere Ruhe wieder zu finden.

Verfasst: Donnerstag 1. Mai 2008, 14:42
von Kanubio Bunjam
"Nuar zuhaus host wirklich de Freyheyt, der zum seyn, derst seyn wüllst"

Sie hatten Recht. Beide. Sowohl Sio als auch sein Vater.
Erstere meinte, weltliche Güter anzuhäufen wäre nicht wichtig.
Als seine beste Rüstung verschwunden war und er sie nach Stunden der intensivsten Suche unter einem Haufen Krempel wiederfand, beschloss er auszumisten. Und er tat es auf seine Art. Was er nicht mehr benötigte, flog in hohem Bogen in den Garten.

„Eyn Zuhause is' meyst der Ort, on dem ma jedarzeyt wüllkommen is'.
Willkommen zu seyn bedeytet Freyheyt in eynem gonz eygenen Sinn.
Da Sternvota wüll, dasz ihr eych übaroll daheym fühlt's, weyl de Wölt g'heart uns ollen, oba eyn Eyg'nheym bedeytet Sölbstvarwirklichung.
Jeda der eyn zuhause hot hot eyne Zuflucht vor'm Sturm.
Oba eyn Zuhause is' keyne wirkliche Zuaflucht, sondarn de Höhle in de da Bär si zum Wintarschlof z’ruckziagt, seyne Jungan grosziagt.
In jed'm Zuhause steckt wos von eynem Sölbar.
Da Sternvota mog jedes Zuhaus' segnen, denn nuar zuhaus host wirklich de Freyheyt, der zum seyn derst seyn wüllst.“

So hatte sein Vater Tithus bei der Segnung seines eigenen Hauses gesprochen und diese Worte waren ihm, Kanubio, sehr nahe gegangen. Er hatte ein Haus, doch wirklich sein Heim war es nicht. Eher die Ablagerungsstelle all jener Dinge, die er hortete. Das sollte sich nun ändern.

Grübelnd betrachtete er die Pflanze, die sich hartnäckig durch eine Spalte der Bodenbretter gezwängt hatte. Jeder andere hätte sie schon lange samt den Wurzeln ausgerissen. Doch Kanubio lächelte sie an.
„Wenn du hier bleiben willst, sollst du das.“

Er begann, einen großen Ast zurechtzuschnitzen und stellte ihn mitten im Raum auf, damit die Pflanze sich daran hochranken könne. Den Rest der Einrichtung richtete er danach aus. Es war wahrlich nicht leicht, seine eigenwilligen Vorstellungen zu verwirklichen, doch genau so sturköpfig wie die kleinen Pflanze arbeitete er, mit der Gewissheit, die Freiheit zu haben es tun zu können. Und wahrlich – er genoss es!

Verfasst: Freitag 6. Juni 2008, 20:13
von Kanubio Bunjam
Die Welt im Wandel

Mit den Gedanken weit weg blickt Kanubio in die Gischt der Wellen, die sich am schotterigen Strand überschlagen, in sich zusammenfallen und von der nächsten aufschäumenden Woge verschluckt werden. Immer wieder dasselbe und doch könnte er dem Spiel des Wassers stundenlang zusehen. Unmerklich die Finger bewegend zählt er nach … 20 Mondläufe ist es her, dass er in Bajard ankam, damals ein freundliches, verschlafenes Fischerdörfchen, in dem man stets jemanden zum Plaudern fand. Oft hatte er in einem Winkel der Palisade geschlafen, die man später abgerissen hat. Eine zeitlang hatten die Menekaner Bajard besetzt, später war sein Vater 2. Bürgermeister gewesen. Im vergangenen Winter gab es nur noch Zoff in dem Dörfchen, was dazu führte, dass es viele verließen und viele andere gar nicht mehr hinreisten. Auch Kanubio war es in dieser Zeit leid, sich dort länger als unbedingt nötig aufzuhalten. Er hatte kein Interesse daran, in irgendwelche Querelen hineinzugeraten, die ihn nichts angingen, oder einen Pfeil abzukriegen, der für jemand anderen bestimmt war. Also zog er sich über den Winter ans Wegkreuz, in die Wälder und in die Mine zurück.

Sicher hatte dies dazu beigetragen, dass er das Gefühl hatte, im darauf folgenden Frühjahr nur noch unbekannten Gesichtern zu begegnen. Und kaum jemand kannte ihn – wobei ihm letzteres manchmal sogar recht angenehm war.

Wie die Wellen ans Ufer schlugen, so kamen und so gingen die Menschen im Land. Manche mit viel Getöse, mache ganz still und unbemerkt. Ein ewiger Kreislauf.
Doch auch, wenn die einzelnen Wogen anrollten und vergingen – eines blieb und war so schnell nicht vergänglich: die See selbst mit ihren unergründlichen Tiefen; die Bojen, die fest verankert darauf trieben; die Schiffe, die ruhig vor dem Horizont vorüber glitten und die Ufer mit ihren unerschütterlichen Leuchttürmen.

Nicht nur die Menschen hatten sich verändert, auch das Land selbst. Natürlich hatte ihm keiner geglaubt, als er ihnen berichtete, er hätte neues Land aus dem Meer auftauchen gesehen. Dann, als es da war, hatten sie es neugierig erkundet, um enttäuscht festzustellen, dass es nicht viel zu bieten hatte. Trotzdem hatten es inzwischen einige gewagt, sich dort anzusiedeln. Auch sein Vater.

Nicht nur auf Neu-Gerimor war es ruhig, auch im alten Teil der Insel. Oft schien es ihm während des letzten Winters und im nachfolgenden Frühling, als wäre es ausgestorben. Die Häuser waren verlassen. Wo er auch anklopfte – die Türen blieben geschlossen. Selten begegnete man jemanden in den Wäldern und wenn, dann war der- oder diejenige mächtig von Eile getrieben. Auch seine Freunde, die Waldkäufer, bemerkten dies und zogen sich tiefer in die Wälder zurück.

Wie sich die Wogen aufbäumten, um gleich darauf zu vergehen, hoffte er, dass dies eine Ruhe wäre, die zu Veränderung führen würde. Leuchttürme und Bojen weisen die Wege und so wollte auch er keine vergängliche kleine Welle sein, sondern einer von denen, die anderen die Sicherheit auf ihren Wegen gewähren und einen festen Punkt in der Welt darstellen, an dem man sich orientieren könnte.

Verfasst: Samstag 7. Juni 2008, 19:55
von Kanubio Bunjam
Von jenen, die gegangen sind

Mit „Tagebuch“ war es beschriftet, dieses dicke, in billiges Spaltleder gebundene Buch, das er nun in seinen Händen hält. Lange hatte er nichts mehr hineingeschrieben. Nun, in fernen Landen, wollte er dies nachholen. In seiner immer noch ungelenkigen, aber schon etwas besser lesbaren Schrift trägt er ein:

„Nachdem Rowing und Miri uns verlassen haben, ist es ruhig geworden im Lager.“

Er und die anderen der Gemeinschaft liebten diese Ruhe. Sie hatten aus- und umgebaut – nicht viel, aber doch. Der Keller sollte der letzte große Bau werden.

„Dennoch passierten unschöne Dinge, die mich oft dazu trieben, die ruhigen Stollen der Mine auf Lameriast aufzusuchen. Die Schatten, die mich quälten, sind im Laufe der Zeit verschwunden. Sie lassen mich nun wieder ruhig schlafen und ein normales Leben führen.“

‚Die Schatten sind verschwunden, aber auch viele andere’, überlegt er, versonnen auf’s Meer hinausblickend.

Hans, mit dem er so viele Dummheiten ausgeheckt hat. Nie vergessen würde er, als sie ihren Plan schmiedeten, Falk aus dem Rahaler Kerker zu befreien. Zu zweit! Ein Blinder und ein junger, unerfahrener Krieger! Kanubio zweifelte von Anfang an, dass der Plan auch nur im Ansatz gelingen könnte, doch ehe er es sich versah, hatte ihm Hans einen hochwirksamen Haarwuchstrank eingeflößt, waren seine Haare und sein mächtiger Rauschebart gefärbt und er selbst in Gewandung gesteckt, dass ihn sein eigener Vater nicht mehr erkannt hätte – hätte er zu jenem Zeitpunkt schon gewusst, wer dieser wäre. Tatsächlich fand sich Kanubio wenig später in Rahal wieder, um auszuspionieren, wo man Falk gefangen hielt. Plötzlich ging die Kunde von Mund zu Mund, dass der Lamerische Krieg ausgebrochen wäre, was die beiden doch dazu brachte, Rahal sofort zu verlassen. Falk kam letztendlich auch ohne ihre Mithilfe frei. Wie, das hat Kanubio nie erfahren. Der blinde Alchemist war einige Mondläufe später abgereist und hat wohl in einem anderen Land seine Bestimmung gefunden.

Während des letzten Winters waren ihm viele gefolgt.

„Die Thyren haben sich in ihren Forts zum Winterschlaf zurückgezogen. Falk, der mir sehr fehlt, ist auf Pilgerreise gegangen, von der er immer noch nicht zurückgekehrt ist. Systra ist auch fort.“

Systra, die er stets um Rat und Hilfe bitten konnte, war in die Wälder gegangen. Zwar begegneten ihm die Tiefländer immer noch wohlgesonnen, doch die Zahl derer, die er besser kannte, wurde immer geringer. Auch ihre Höfe verkamen. Nie war dort jemand anzutreffen. Was war mit Elina und Spjall geschehen?

„Mein Metvorrat geht langsam aber sicher zur Neige.“

Neue Gesichter begegneten ihm bei diesem Volk, doch das warme Licht, das ihm stets entgegengestrahlt hatte, war darin nicht mehr zu finden.

Neue Gesichter gab es allerorts. Nur selten traf er jemanden, von dem er wünschte, ihn näher kennenzulernen. Von Hast getrieben strebten sie, an die Güter zu gelangen, die diese Welt ihnen bot, ohne rechts und links zu blicken, dabei übersehend, was ihnen die Natur und das Leben sonst alles zu bieten hatten.

„Auch Bea hat das Land verlassen“, schreibt Kanubio in das Buch. Bea Baumtal war anders gewesen – in vielen Belangen. Sie hatte geglaubt, sie wäre zwei: einmal sie selbst und zum anderen ihr Gewissen. Die beiden hatten oft Streit und so manches fasste Bea ganz anders auf, als man das üblicherweise tat. Viele sagten ihr nach, sie wäre zurückgeblieben und verrückt und behandelten sie schlecht, ja sie schlugen und traten sie noch mit ihren Plattenstiefeln, als sie am Boden lag. Dabei war Bea eines der sanftmütigsten Wesen, die ihm je begegnet waren.

Noch einer war gegangen, einer dem er genauso selten begegnet war wie Falk, von dem er aber genauso viel gelernt hatte.

„Serendo – ich werd ihn nie vergessen.“

Wie sollte er das auch? Damals, vor vielen vielen Mondläufen, war er dem Alten zu später Stunde im Nordwald begegnet, nicht wissend wer dieser wäre. Es war eine seltsame Nacht … damals … nur trübe erinnert er sich heute an die Geschehnisse …
Da war Serendo und Kilyan … und noch ein Wesen, dessen Anwesenheit man lediglich erahnen konnte. Serendo hatte ihm vom Nordwald erzählt und zutiefst beeindruckt und verwirrt von all dem, was um ihn herum vorging, hatte Kanubio ihm versprochen, stets auf diesen Wald besonders aufzupassen. Seitdem durchstreift er ihn mindestens ein Mal pro Tag und sieht nach dem Rechten. Nie hätte er gedacht, dass er, der Seemann, einmal Bäume und Tiere beschützen würde.

Nach und nach hatte er Serendo besser kennen gelernt. Der weise Druide war immer für ihn da gewesen, wenn Kanubio Hilfe brauchte: als es galt, diesen unseligen Trank zu vernichten …. als er wissen wollte, wie man einen Baum setzt … als er mehr über den celone en mith erfahren wollte … Einmal machte er für Serendo den Boten, dann wieder schien der Alte das Ziel des Anschlags eines bösartigen Magiers zu sein. Der Magier … wo war der hin? Hatte auch er das Land verlassen?

Kanubio zwingt seine Gedanken zurück zu Serendo, zurück zu dem grauenhaften Bild, als sie ihn vor Rahal an einen Baum gekreuzigt tot auffanden. Schnell hatten sie ihn heruntergeholt und sich noch schneller mit seiner Leiche am Packpferd durch den Wald gekämpft, als sie Geräusche aus dem Osten nahen hörten. Lange war Serendo in ihrem Lager als Gast gewesen … ein stiller Gast, der viel Besuch bekam.
Kanubio war sehr erleichtert gewesen, als Kilyan den Leichnam abholte. Damals hoffte er, Serendo auf seinem allerletzten Weg begleiten zu dürfen, doch hatte er nie etwas von einem Begräbnis erfahren. Inzwischen war es ihm nicht mehr wichtig. Viel wichtiger war es, das zu bewahren, was Serendo ihm gegeben und hinterlassen hatte. Mit diesem Gedanken pflanzte er einen Setzling in seinem Garten, den er „Serendos Baum“ nennt – ein Denkmal, wie es dem Alten nicht besser entsprechen könnte.

„Rebecca.“

Nur dieses Wort schreibt er lächelnd in das Buch. Nie hätte er geglaubt, dass sie zusammenfinden würden und doch geschah es. Sie war wie keine zweite in dieser Welt. Niemand verstand ihn so gut wie sie. Sie kämpfte wie ein Löwe, furchtlos ging sie gegen jedes Monster und oft lag er im Staub, während sie sich, zielsicher ihre Armbrust führend, weiter den Monstern stellte.
Gemeinsam wollten sie den traditionellen Weg der Thyren beschreiten und hatten sich den ersten Segen geholt. Ihr Glück schien perfekt und sie glaubten, dass nichts in der Welt sie mehr trennen konnte. Doch irgendwann blieb Rebecca aus, kam nicht mehr heim. Kanubio machte sich zunächst keine Sorgen, war sie doch eine höchst selbständige Frau. Als man immer wieder nach ihr fragte, kamen auch in ihm Zweifel auf, ob ihr etwas zugestoßen wäre. Dann erfuhr er, dass sie in ihrer Heimat eine wichtige Aufgabe übernommen hatte. Ihre Heimat … viel wusste er nicht darüber, nur, dass es in jenem Land recht kalt wäre, dass sie dort eistauchten und dass die Frauen Hochzeitskleider aus dicken Fellen trugen. Er hatte nichts Genaueres über ihre Aufgabe erfahren, doch musste sie enorm wichtig sein, sonst wäre sie nicht Hals über Kopf abgereist, ohne ihm Lebewohl zu sagen. Kanubio war stolz auf sie. Trotzdem huscht ein Hauch von Wehmut über seine Züge. Sie fehlt ihm. Sie würde immer einen Platz in seinem Herzen und ein Zimmer in ihrem Lager behalten. Vielleicht würde sie ja eines Tages zurückkehren.

„Wohin mag Berek wohl sein und was ist aus dem edlen Stamm der Anguren geworden?“

Jene, die er jüngst getroffen hatte, schienen den Namen des großen, von ihm sosehr bewunderten Kriegers nicht einmal mehr zu kennen! Mit leuchtenden Augen und angehaltenem Atem hatte Kanubio damals am Turnier auf Lameriast dem kampferprobten Anguren zugesehen, als dieser gegen Falk stritt. Natürlich hatte Kanubio zu Falk gehalten.

„Straßenräuber sind sie geworden“, notiert er weiter, „elendigliche Straßenräuber!“

Zwei Mal war er ihnen begegnet. Einmal gelang es ihnen, ihm Rebecca zu entführen. Einen der beiden legte er, bevor er selbst schwer getroffen zu Boden ging. Lange war er herumgeirrt, um Rebecca zu suchen, bis er irgendwo niederbrach. An jener Verletzung wäre er fast gestorben …
‚Daran und am Pfeil der Eisenwarterin’, überlegt er.

„Auch Marya ging. Ins Wasser. Nie wurde ihre Leiche gefunden.“ Er überlegt kurz und schreibt weiter: „Wie sich die Dinge doch verknüpfen. Denke ich an den Vorfall mit den Anguren, fällt mir auch dieser Pfeil ein, der nur meine Wade durchdrang und doch lief beides auf’s selbe hinaus.“

Ein ganz normaler Pfeil, der eine harmlose Fleischwunde verursachte, die nicht weiter gefährlich gewesen wäre, hätte er sie – und die Warnungen Larissas – ernst genommen. Doch wie so oft hörte er der Heilerin nicht einmal richtig zu. Er arbeitete weiter in der Mine, begleitete seine Freunde in die Höhlen und ließ sich auf einen Wettlauf vom Westtor Varunas zu seinem Haus am Wegkreuz ein. Die Wunde entzündete sich …

Schnell schiebt Kanubio den Gedanken von sich. Auch den an die gebrochene Rippe kurz danach. Diese beiden Verletzungen hatten ihm klar gemacht, dass mit solchen nicht zu spaßen ist. Und beide Male war sie ihm zur Seite gestanden und hatte das Schlimmste verhindert: Larissa.

Verfasst: Montag 9. Juni 2008, 20:30
von Kanubio Bunjam
Von jenen, die blieben

Larissa gehörte nicht zu jenen, die gegangen waren. Sie hatte sogar einen sehr bedeutenden Platz in seinem Leben eingenommen. Würde jemand Kanubio nun beobachten, sähe er abermals, wie sich ein sanftes Lächeln in seinem Gesicht ausbreitet. Kanubios und Larissas Wege hatten sich mehr und mehr gekreuzt, vorerst, als es galt, seine Verletzungen zu versorgen. Anfangs hielt er sie für ein schüchternes, schutzbedürftiges Mädchen. Im Lauf der Zeit merkte er jedoch, dass die Kleine ganz schön was drauf hatte. Sie war nicht nur eine ausgezeichnete Alchemistin und wusste bestens, auch schwere Wunden zu versorgen, sie ging auch mutig in den Kampf. Auf einigen gemeinsamen Streifzügen durch die Höhlen stellte sich heraus, dass sie, beide eher Einzelkämpfer, eine ähnliche Kampftaktik bevorzugten und einander trotzdem vorzüglich ergänzten. Gemeinsam mit ihr zu jagen machte ihm große Freude. Und auch sonst war er gerne in ihrer Nähe. Mit ihrer ruhigen Art schaffte sie es meist, seine neuerdings immer öfter in ihm aufbrausenden Emotionen zu besänftigen oder ihm in schwierigen Situationen beizustehen.

Immer öfter waren seine Freunde, die Waldgeister, aus den Wäldern zurückgekehrt, was ihm Kraft für die Zukunft gibt, auch wenn er es inzwischen aufgegeben hat zu hoffen, dass es bei einer Entscheidung, die die Gemeinschaft betrifft, nicht ebenso viele verschiedene Meinungen wie Anwesende gäbe. Kapitulierend hatte er es ihnen vor seiner Abreise voll und ganz überlassen, den neuen Keller einzurichten. Aber so war das eben bei ihnen. So viele Ansichten es bei allem und jedem auch gab – jeder von ihnen war ein ganz besonderes Wesen und keinen von ihnen wollte er missen.

Tithus. Kanubio war heilfroh, vor nun bald einem Jahr zu ihm gefunden zu haben. Auch wenn sie einander nicht oft begegneten und in der Vergangenheit Versäumtes nicht nachholen konnten, war Kanubio sehr stolz auf ihn. Als Tithus Kanubios Haus segnete, wurde ihm erst wirklich bewusst, was es bedeutete, einen Vater zu haben, noch dazu einen, dessen Namen auszusprechen er sich nicht zu schämen brauchte.

Kanubio zieht in Gedanken vertieft eine Augenbraue hoch und blickt nachdenklich über das Meer, in dessen Wellen die untergehende Sonne unzählige glitzernde Punkte streut. Seufzend notiert er:

„Die Geister, Larissa, Tithus – sind denn mehr gegangen als geblieben?“

Oder lag es daran, dass es ihm nur so vorkam, weil er recht zurückgezogen lebte? Oft hatte er in den letzten Mondläufen die Gesellschaft seines Schafs Heinrich, des Kleynen und seines Hundes als angenehmer empfunden als jene, die er in der Bajarder Taverne antraf. Varuna mied er tunlichst seit den beiden unangenehmen Vorfällen wegen unvorschriftsmäßiger Bekleidung und Rahal sowieso. Vielleicht sollte er wirklich wieder mehr ins Land hinausgehen …

Verfasst: Dienstag 10. Juni 2008, 20:22
von Kanubio Bunjam
Von Ahnen, Geystern und Göttern

Viele Mondläufe hatte Kanubio nach einem Beweis gesucht, dass es die Götter gäbe. Stets hatte er sich am Glauben der Tiefländer orientiert, die ganz ohne sie auskamen. Dass die Ahnen allgegenwärtiger wären als die Götter leuchtete ihm ein. Und Geyster empfand ebenfalls als etwas Greifbares – so seltsam dies auch klingen mag.

Kanubio lässt den Blick über die See streifen, wo im Licht der Nahtmittagssonne die schaumgekrönten Wellen auf das Ufer zurollen. Wann war es, als sich seine Meinung veränderte?

„Cirmias – jeder Zwerg trifft ihn mindestens ein Mal in seinem Leben“, schreibt er in sein Buch, denn so hatte es ihm einer dieses Volkes erzählt. Auch Thancred glaubte an den Beistand dieses Gottes – und Thancred war sicher kein Trottel.

„Temora – die Frau, die Thelor das Schwert reichte.“

Tatsächlich glaubten die Priester, dass jene Unbekannte damals in Varuna die Göttin selbst gewesen sei. Sogar jene, die einst nicht dabei gewesen waren, glaubten an ihr Erscheinen. Und er, Kanubio selbst, soll sie gesehen haben. Doch andere behaupten, Götter würden sich nie zeigen.

Dann war sein Vater in sein Leben getreten. Ein Priester des Horteras. Einige Male hatte Kanubio den Predigten Tithus beigewohnt. Horteras war ihm sympathisch. Der Gott all jener die die Freiheit liebten – so wie er selbst es tat – und der sich nicht in die Dinge der Menschen einmischte.

„Horteras – Vater, die Tische und Bänke, …“, notiert er.

Damals, als er eine ganze Menge an Mobiliar für eine Predigt vor Bajard fertigte, misslang kein einziges Stück. Als wolle ihm Horteras ein Zeichen seiner Existenz geben, war jeder Ast, den er zur Hand nahm, perfekt für ein Brett und jedes Brett wie vorherbestimmt für genau den Tisch oder die Bank, an der er gerade arbeitete.

„… das Zeichen bei der Haussegnung …“

War es wirklich ein Zeichen Horteras gewesen, der zu ihm durch seinen Vater gesprochen hatte? Die Worte waren in ihm hängen geblieben. Er baute sein Haus um und widmete sich ausgiebig seinem Garten, der mehr und mehr verkommen war. Kein Gärtner sollte Hand anlegen, sondern die Natur selbst, die ihm bereits unzählige Pflanzensamen in sein kleines Reich getrieben hatte. Es galt lediglich, etwas Ordnung ins natürliche Wirrwarr zu bringen, sodass jede der Pflanzen genügend Raum bekam, um sich zu entfalten. Auch die Tiere sollten es schöner und besser haben. Der Kleyne bekam eine riesige Futterecke und sein Schaf Heinrich, der Hase Fratz sowie seine Botenvögel einen überdachten Ruheplatz. Die Quelle wurde umrandet und wie zum Dank, dass auch sie nicht vergessen wurde, sprudelte sie kräftiger als zuvor.
Der Umbau des Hauses war eine recht mühsame und doch schöne Aufgabe gewesen und auch der Garten hatte ihm eine Menge Zeit abverlangt – und doch schien es Kanubio, als wären alle Arbeiten ganz leicht gegangen, so als hätte Horteras selbst mit Hand angelegt und dabei geholfen.

„… der Hausumbau und der Garten …“

Hatte Horteras ihm dabei geholfen? War er es, der durch das Bärenfell mit ihm gesprochen hatte? Lernte Kanubio immer mehr, die Zeichen zu erkennen und zu deuten, die Horteras ihm gab? Über Horteras hat’s begonnen und mit ihm sollte der Umbau auch sein Ende finden. Mit einer wunderschönen Zeremonie, zu der sich auch Sebastian, Larissa, Gwain, Taridan und ein Adler einfanden, segnete Tithus Haus und Garten im Namen Horteras und bis zum Morgengrauen erstrahlte über Kanubios kleinem Reich ein blau leuchtender Stern.

„… und er hat nichts dagegen, wenn man an Ahnen und Geyster glaubt“, schließt Kanubio den Eintrag ab, denn so versicherte es ihm Larissa.

Verfasst: Freitag 13. Juni 2008, 20:30
von Kanubio Bunjam
Der Weg des Studiums

Was war es, das Kanubio in den Mondläufen des letzten Winters so weit von seinem Bestreben zu lernen abdriften hat lassen? Hatte es an Rebecca und Larissa gelegen? War es die Arbeit mit Julimar und Sebastian, sie in die Gemeinschaft zu integrieren, ihnen ihre Lebensart näherzubringen und sie im Umgang mit Waffen zu schulen? War es seine Sehnsucht, sich in die Einsamkeit des Nordwaldes und der Mine zurückzuziehen? Oder der Umstand, dass jene, von denen er bisher lernen durfte, das Land verlassen hatten?

Er hatte bei Larissa begonnen, über Tränke zu lernen, doch zu mehr als einer Unterrichtsstunde war es nicht gekommen. In der Mine kam er auch nicht recht weiter. Die Arbeit fiel ihm mit jedem Tag schwerer und so ließ er sich willig von jeder Ablenkung verleiten, die sich ihm bot.

Ein Aushang war ihm aufgefallen. Unterricht in Tanz und höfischen Umfangsformen wurde angeboten. Zwar konnte er sich nicht vorstellen, graziös das Bein zu schwingen, doch wer wusste schon, wozu es gut sein würde? So lernte er Milya kennen, die ihm zusagte ihn als Schüler anzunehmen.

Kanubio blickte aufs Meer hinaus, wo die Tide gewechselt hatte. Mit der See kannte er sich aus, doch in den Wäldern kam er sich immer noch vor, wie ein Trampeltier. Sio schimpfte ihn oft genug deswegen … Sio … hm … Warum nicht sie zur Lehrerin machen?

Verfasst: Samstag 14. Juni 2008, 19:56
von Kanubio Bunjam
Was unerwähnt blieb

Es mag also nichts Weltbewegendes sein, was Kanubio dort am Meeresufer in fernen Landen durch den Kopf ging; auch nicht, was er da in sein Buch eintrug. Es würde der Welt auch nichts abgehen, wenn es niemals jemand lesen würde.

Vieles, was geschah, hat er nicht notiert – was macht es schon? Er vergaß die Vorfälle auf Lameriast, wo grauenhafte Kreaturen das Land unsicher machten, wobei das Fort der Gefährtinnen den Flammen zu Opfer fiel und er eine Nacht lang gegen Kraken und Seeschlangen kämpfte, um Rebecca in ihrem Haus einen erholsamen Schlaf zu sichern. Er kümmerte sich auch nicht weiter um ein ominöses Kirchenfenster, welches für die Unruhen auf der Insel mit verantwortlich gewesen sein soll.

Ebenso unerwähnt bleibt die Doppelhochzeit von Falk und Leif, die Feuerprobe Rebeccas, die Drohungen und der Kampf gegen den verrückten Magier sowie das Ungeheuer, das aus dem Schiffswrack entkam und – so es noch keiner erlegt oder eingefangen hat – immer noch sein Unwesen auf Gerimor treibt.

Er sah ebenso großzügig über die wechselnden Führungs- und Okkupationsversuche in Bajard hinweg wie über die Besetzung und Belagerung des Bajarder Leuchtturms.

Wohl absichtlich trug er nichts über den Vorfall in Varuna ein, wo ihm die Wache befahl, sich am belebten Marktplatz zu entblößen und so die Stadt zu verlassen, obwohl sein schriftlicher Protest bei Rafael doch eine für ihn zufrieden stellende Antwort nach sich zog.

Er enthielt dem Buch all die schönen Erlebnisse mit Rebecca vor, deren Abreise ihn wohl mehr schmerzt, als er sich selbst und anderen eingestehen mag.

Unbeschrieben bleibt die seltsame Begebenheit in Bajard, als ihn seine von fremdem Kopf gesteuerten Gedanken beinahe zum Mörder werden ließen, hätte Systra nicht beherzt eingegriffen.

Verschwiegen wurde die Besorgnis über so manch seltsame Geschehnisse im Land, über böse Zungen, die Gerüchte in die Welt setzten, aber auch über viele flüchtige schöne Erlebnisse. Und kein Wort notiert er über die Müdigkeit, die ihn während des letzten Winters oft in die völlige Erschöpfung getrieben hatte, sodass er in seiner immensen Sehnsucht nach innerer Ruhe am liebsten für immer die Augen geschlossen hätte.

Ein anderer hätte all das wortreich für die Nachwelt protokolliert, doch Kanubios Fähigkeit, dies schriftlich festzuhalten sowie seine Geduld, ein solches Werk zu verfassen, reichten nicht aus. Mit seinem einfachen Gemüt war er schon froh, wenn es ihm gelang, seine allwöchentliche Einkaufsliste so zu verfassen, dass er sie selbst wieder lesen konnte.

Mit einem zuversichtlichen Lächeln auf den Lippen schlug er das Buch zu, ließ den Blick ein letztes Mal über die bewegte, schier unendlich weit scheinende See schweifen und trat die Heimreise an, den Sack mit den 51 Katzendärmen stets wachsam im Auge behaltend.

Verfasst: Montag 23. Juni 2008, 02:37
von Kanubio Bunjam
Eine Nacht am Strand

Kanubio war sehr nervös, als er Tithus fragte, ob dieser ihn unterrichten wolle, hatte er doch von Larissa erfahren, dass der Priester einen Schüler suchte. Kanubios Hoffnung, dass er ihn annehmen würde, war nicht sehr groß, denn sicher suchte Tithus einen, der sich zum Priester ausbilden lassen wolle und dazu fühlte Kanubio sich wahrlich nicht berufen.
Als ihm dies sein Vater bestätigte, sank er enttäuscht in sich zusammen und noch mehr, als Tithus meinte, dass er ihm nicht mehr viel beibringen könne, da er bereits genug Lebenserfahrung besäße, auf die er aufbauen könne. Aber dann – der traute seinen Ohren kaum – sagte Tithus, dass er ihm doch gewisse Dinge zeigen würde, die er noch nicht gelernt hätte. „De Freyheyt so fiar di zu definier’n, dasz du am End’ fähig bist, dey Leb’n ruhig zu holt’n, es eynfach zu geniez’n und dafiar eynzusteh’n, wos des Wertvollste is.“ So definierte Tithus das Ziel.

Vorerst jedoch kam Kanubio nicht dazu, darüber nachzudenken, denn gleich brannte ihm die nächste Frage auf den Lippen. Geduldig und in einfachen Worten erklärte der Priester ihm, was es bedeutete „seine Philosophie zu finden“. Sein Lebensziel. Den Sinn seines Lebens mit einem Satz begründen zu können.
Sofort rasselten unzählige Ziele durch Kanubios Hirn – es würde ein sehr langer Satz werden! Ein einfacher Satz solle es sein, meinte Tithus, und so kurz als möglich.

Abermals unterbrach Kanubio seine Gedanken, als Tithus vorschlug, gleich heute anzufangen, aber zuvor wolle er ihm einen Ort zeigen, an dem er, Tithus, etwas von ihm erwartete.

Gespannt machte er sich im Kielwasser seines Vaters auf die Reise, zu der jener ein Tor öffnete. Lediglich einen Gedanken schien sie zu dauern, dann befanden sie sich auf Lameriast am Strand – einen der schönsten Orte, die er kenne, meinte Tithus. Kanubio konnte ihm da nur zustimmen.

Seine Aufgabe sollte es sein, die ganze Nacht am Strand zu verbringen – das fand Kanubio nicht schwer -, er sollte nicht schlafen – auch das würde er schaffen – und er solle an nichts denken. Letzteres konnte er sich nicht einmal vorstellen. Seine Gedanken würden dann ganz tief in ihm sein, erklärte ihm Tithus.
Kurz befielen Kanubio Zweifel. Schon einmal hatte er etwas Ähnliches versucht. Damals waren diese Visionen über ihn gekommen, deren Sinn ihm bis heute verborgen blieb und die er bislang nicht erfüllen konnte. Aber damals war einiges anders gewesen …

Kanubio wollte nicht weiter drüber nachdenken, sondern seine Aufgabe angehen. Nachdem ihn sein Vater verlassen hatte, setzte er sich ans Ufer in den noch warmen Sand und blickte über die leicht bewegte See, über der nur noch ein schmaler blassgrauer Streifen die untergegangene Sonne andeutete. Der Mond war schon lange aufgegangen und in seinem Gefolge zeigten sich die ersten Sterne.

Oft war Kanubio auf seiner Reise abends so am Strand gesessen, doch diesmal war es anders. Zwar kühlte hier wie dort das Land langsam aus, was die Brise, die von See kam, einschlafen und die Wogen sanfter werden ließ, doch durfte er diesmal bis zum Sonnenaufgang bleiben, was er als ein wahres Geschenk empfand.
Durfte … wer hatte es ihm auf seiner Reise verboten? Doch nur er sich selbst! Und weshalb?
Er schob den Gedanken beiseite – sollte er doch das Grübeln sein lassen. Er hörte dem sanften, fast erstorbenen Plätschern der See zu und betrachtete den sich auf der Wasseroberfläche spiegelnden Mond. Seltsam – zuvor in Bajard hatte es noch geregnet. Jetzt war die Sicht klar und der Himmel frei von Wolken. Immer deutlicher prägten sich die Gestirne über Kanubio aus. Bald konnte er jene Bilder erkennen, nach denen die Seefahrer ihren Kurs ausrichteten.

Seine Freunde aus den Wäldern hatten ihm davon erzählt, wie schön es wäre, so wie er nun, in der Natur zu sitzen und sie zu beobachten, ohne dass einem Verabredungen und Vereinbarungen im Genick sitzen würden. Kanubio verstand nun, was sie meinten – zumindest ein bisschen.

Tatsächlich verflog vieles, was ihm bislang noch im Kopf herumgegangen war. Ruhig saß er da und genoss die Ruhe um sich, die langsam, ohne dass er es selbst bewusst wahrnahm, in sein Inneres drang.
Zufrieden schloss er die Augen, nur für einen kurzen Moment, wie er meinte – doch nein! Er durfte nicht einschlafen! Während der vielen Jahre, die er auf See verbracht hatte, hatte er gelernt, immer und überall schlafen zu können, also riss er die Augen schnell wieder auf.
Er fragte sich, wie viel Zeit vergangen sein mochte. Der Winde hatte aufgefrischt und kam nun von Land.

Schon wollte er seinen Blick wieder in den Himmel richten, da glaubte er, draußen auf See etwas auszunehmen. Ein Schiff? Es kam langsam näher. Nur schemenhaft konnte er einen unklaren Umriss erkennen, als würde jemand auf dem Wasser wandeln. Kam es mpch näher oder entfernte es sich wieder?
Er strengte seine Augen an, während die schemenhafte Gestalt sich tatsächlich stetig auf ihn zu bewegte, sodass er sie bald als weibliches Wesen erkennen konnte. Wer war sie? Und dann … ihm stockte der Atem! Es war Rebecca!

Sie lächelte und winkte ihm zu. Doch bevor er zu einer Bewegung fähig war, drehte sie sich um und entfernte sich wieder, wobei sie sich in ein nebelhaftes Gebilde verwandelte, welches sich nach und nach fast unmerklich auflöste.

Was hatte das zu bedeuten? Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und sein Atem stockte noch immer. Würde sie wiederkommen? Oder war dies ein letzter Gruß, den sie ihm über die See schickte? Würde sie vielleicht nicht mehr unter den Lebenden weilen und sollte dies ihr Geist gewesen sein?

Sei Vater hatte leicht reden – an nichts denken! Damit war es nun vorbei! Wild purzelten seine Gedanken durcheinander. Er atmete tief die kühle Brise ein und versuchte, seine Grübeleien und sein Herz zu beruhigen.

Wieder und wieder suchte er während dieser Nacht die See ab, in der Hoffnung, diese Gestalt noch einmal zu erspähen. Als sich die zartrötliche Scheibe der Sonne über den Horizont schob und die See mit glitzernden Punkten übersäte, erhob er sich und machte sich zurück auf den Weg nach Gerimor. Er fühlte sich keineswegs müde, wie es sein Vater vorausgesagt hatte. Doch die Gestalt, dieses ungreifbare Etwas, hatte er nicht wieder erblickt.

Verfasst: Sonntag 6. Juli 2008, 18:36
von Kanubio Bunjam
Von Kräutern und Federn

Überglücklich stimmte Kanubio sofort zu, als Siobhan ihm vorschlug, ihm und Sebastian beizubringen, wie sie sich durch den Wald bewegen könnten, ohne Spuren zu hinterlassen. Schon immer hatte er sie bewundert, wie sie sich unbemerkt und ohne ein Geräusch zu verursachen durch die Natur bewegen konnte oder plötzlich vor ihm stand, ohne dass er ihr Kommen bemerkt hätte.

Die erste Aufgabe, die sie den beiden auftrug, war, ihre Schuhe auszuziehen. Das war einfach. Danach sollten sie von Kanubios Haus bis zum Waldrand gehen, ohne auf eine größere Pflanze oder Blume zu treten. Das war schon schwieriger. Vor dem ersten Buschwerk erklärte sie ihnen das verschiedene Verhalten von Pflanzen, die man gezwungenermaßen niedergetreten hatte oder die man zu zertreten ganz meiden sollte. Dann legte sie Pfeile und Federn im Wald aus. Die beiden sollten zuerst die Federn einsammeln, ohne dass sie ihre Schritte dabei verrieten, danach die Pfeile. Das war wesentlich schwieriger und Kanubio schien es gar unmöglich. Er konnte tun, wie er wollte, immer wieder knackte ein Ästchen unter seiner bloßen Sohle oder es verriet ihm seine Schwertscheide, die irgendwo dagegenknallte. Steine knirschten, Äste raschelten. Aber Kanubio gab nicht auf.

Als Sebastian müde wurde, dachte Kanubio noch lange nicht ans Aufhören. Sio, die merkte, dass er sogar Spaß an der Sache fand, nahm ihn tiefer mit hinein in den Wald, wo die Pflanzen des Unterholzes noch dichter wuchsen und dachte sich schwierigere Übungen aus. Kanubio gab sich wieder größte Mühe und an und ab gelang ihm sogar schon ein geräuschloser Schritt. Als die Nacht hereinbrach wollte Sio wollte Sio den Unterricht für diesen Tag beenden. Die beiden vereinbarten, dass Kanubio fortan keine Feder mehr aufheben und kein Kraut mehr pflücken würde, ohne sich möglichst lautlos diesem genähert zu haben, sobald es in sein Blickfeld geraten war.

So manch ein Elf in einem Baum, ein Holzsammler oder Wandersmann mag in nächster Zeit herzlich lachen oder sich wundern, wenn er im Wald auf einen Mann stößt, der sich an Kräuter und Federn heranschleicht, als wären es die scheuesten Kreaturen der Schöpfung Eluives.