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Verfasst: Mittwoch 21. Oktober 2009, 22:56
von Mor Varnos
Der Wind riss an ihrem nachtblauen Umhang wie auch an den halblangen, schwarzen Strähnen, die immer wieder in ihr Gesicht reinpeitschten. Sie hatte es eh schon aufgegeben, sie zurück zu streichen. Stattdessen starrte sie nun schon... wie lange genau? Lange genug jedenfalls... raus aufs Meer, während sich der von der Feuersbrunst noch hier und da rauchende Hafen Rahals allmählich entfernte.

Das war also ihre Heimat gewesen. Zweieinhalb Jahre hatte sie hier zugebracht, sei es als Greif, Gardist oder Knappin. Manches Mal war sie auch über Gerimor gewandert, unsicher, was ihre Zukunft anbelangte, doch letztlich war sie stets zurückkehrt und hatte hier am Ende alles gefunden, was sie brauchte - eine Zukunft, ein Heim und noch etwas mehr.

An diesem Abend jedoch kehrte Mor der Stadt den Rücken zu. Lange hatten sie beide überlegt, ob sie den Schritt wagen sollten, doch an diesem Tag taten sie es.
Nachdem das Haus größtenteils geräumt war, streunerte Mor noch eine Weile durch die Räume, noch einmal die Erinnerungen förmlich einsammelnd, die sich zwischen den dunklen Steinwänden befanden. Erst seine Stimme und die Aufforderung nun zu gehen hatten sie aus diesem ganz eigenen Ritual gerissen.
Wenigstens war dieses Mal Zeit dafür, dachte sie im Stillen, als sie ihm folgte, um im Garten zu den Zügeln der Pferde zu greifen, die ihr Hab und Gut auf den Rücken trugen.

Auf dem Weg zum Hafen, den einer der Rahaler Gardisten, die meist das Hafentor bewachten, halbwegs freiräumte vom verkohlten Schutt, ging manches Mal ihr Blick verstohlen zurück, dann wieder vor zu ihm. Dieses Mal waren die Umstände anders. Sie gingen freiwillig und flohen nicht. Keiner verfolgte sie wegen ihrem Glauben und doch war sie nervös. Kein zweites Mal sollte es so enden wie damals. Allein bei dem Gedanken zog sich ihr Herz für einen Moment scheinbar zusammen, doch ließ sie sich nichts anmerken, die Miene so eisern, kühl wie eh und je, wenn sie sich außerhalb der schützenden Wände ihres einstigen Heimes befand.

Die Pferde waren bald unter Deck gebracht und versorgt, die gepackten Kisten und Säcke abgeladen und man wies ihnen eine der Kabinen zu, die sie teuer bezahlten mit der Bitte, über sie zu schweigen. Mor verfolgte all dies nur still, ehe sie den Blick zum Hafen herumwandte.
Für einen längeren Augenblick schwankte die gefasste Miene und wandelte sich ein wenig, um den Blick auf den sonst so gut verborgenen, verletztlichen Teil ihrer Persönlichkeit preiszugeben - die Person eben, welche für einen Moment vor ihrem geistigen Auge die Gesichter liebgewonnener Menschen vorüberziehen ließ. Recht leise seufzte sie, doch verharrte sie dann eine Weile still, beständig zur Stadt blickend, die immer kleiner zu werden schien, während sich das Schiff entfernte.

Erst als sie seine Stimme neben sich vernahm, riss sie sich von dem Anblick der Stadt los und lenkte ihren Blick auf seine harten Züge, die sich in sein Gesicht im Laufe der Jahre eingemeißelt hatten. Einen kurzen Blick schenkte er Rahal, dann trafen sich ihre Blicke.
Für einen Moment musste sie sich über sich selber wundern - wie konnte sie annehmen, dass das Gleiche wie damals geschehen würde, bevor sie nach Rahal kam? Warum sollte man sie beide verfolgen und töten? Wer könnte es überhaupt schaffen? Sie war da und wesentlich gewandter nunmehr mit dem Schwert und er war noch immer ein Tetrarch des Herrn, fähig genug, sich zu wehren.

Mor riss sich von seinen graublauen Augen los, verstohlen übers Oberdeck blickend, auf dem einige Matrosen ihre Arbeit verrichteten. Die Vorsicht, die sie in Rahal angenommen hatte, damit er geschützt war vor möglichen Nachreden, er würde sein Amt der Zuneigung, ja, gar der Liebe wegen vernachlässigen, konnte sie auch hier noch nicht ablegen.
Leise Worte raunte Mor Tharon zu, einer seiner Mundwinkel zuckte etwas, ehe beide den Weg zu der Kabine antraten, wobei sie einen angemessenen, respektvollen Abstand von ihm hielt, eine Hand locker auf den Schwertknauf ablegend, als wäre sie nicht mehr als eine Wache.
Das Versteckspiel wird wohl nie enden, schoss es durch ihre Gedanken, doch es störte sie nicht einmal.

Ehe sie die Tür passierte, warf sie noch für einen Moment ihren Blick über eine Schulter zurück. Weit in der Ferne flackerte das Feuer des Leuchtturms von Rahal, während die Dunkelheit sich allmählich über den Himmel stahl. Wo auch immer es sie beide hintreiben würde, sie würden weiterhin an ihrem Glauben festhalten und das Gelernte nie vergessen - zu Ehren des Allmächtigen.