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Verfasst: Donnerstag 15. Februar 2007, 23:59
von Finja Stenfjord
An den Freiherren von Gryffenhorst ergeht eine Nachricht auf ungewöhnlichem Wege....
Folgende Zeilen an Calor von Gryffenhorst ergehen nicht etwa wie gewöhnlich per Boten an die Stadtresidenz des Freiherren. Vielmehr erreicht eine Pergamentrolle ohne Adressangabe die Villa Cataracta und wird dort förmlich vor die Tür geweht - vor die Haustür versteht sich, nicht etwa vor das hohe schmiedeeiserne Gartentor.
Auch kündigt sich die Nachricht an - durch ein lautes Knacken eines Baumscheids im Kaminfeuer, durch einen Funkenregen, der sich über die Dielen vor dem Kamin ergeht, ein Windstoß, der um die Hausecken pfeift. Und vielleicht bekommt der Freiherr und Erzmagier sogar das Gefühl, daß für einen Moment eine zweite, ihm wohlbekannte Person im Raume steht. Sollte er dann auf die Idee kommen, einmal vor der Türe nachzusehen, wird er die Pergamentrolle mit folgendem Inhalt finden:
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Machad im Eisbruch des Jahres 250
Lieber Calor,
dieser Brief kommt aus Machad, hoch oben im ewigen Eis. Ich lebe dort seit mehreren Wochen als Gast des Clans MacAgrona, nachdem ich noch vor meinen Studien über die Eis- und Schneelementare den Mimir dieses Clans kennen und schätzen gelernt habe. Ich fühle mich hier wohl, auch wenn es leider noch immer Schwierigkeiten mit der Sprache gibt. Doch lerne ich täglich dazu und du wärst erstaunt, wie hilfsbereit und schnell auf meine mühsamen Versuche, angurisch zu sprechen, reagiert wird. Ich hoffe nun, daß ich weiter in den Clan integriert werde und so über kurz oder lang die Möglichkeit habe, näheres über das Wirken eines Mimirs zu erfahren.
*hier stockt die Schrift und endet schließlich mit einem kleinen Tintenklecks, als habe die Schreiberin die Feder schon auf dem Papier gehabt und dann doch nichts mehr hinzugefügt*
Ein Schreiben könnte mich in Machad erreichen, doch wähle nicht den üblichen Boten.
Finja
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Verfasst: Freitag 16. Februar 2007, 19:27
von Calor von Gryffenhorst
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Machad im Eisbruch des Jahres 250
Lieber Calor,
dieser Brief kommt aus Machad, hoch oben im ewigen Eis. Ich lebe dort seit mehreren Wochen als Gast des Clans MacAgrona, nachdem ich noch vor meinen Studien über die Eis- und Schneelementare den Mimir dieses Clans kennen und schätzen gelernt habe. Ich fühle mich hier wohl, auch wenn es leider noch immer Schwierigkeiten mit der Sprache gibt. Doch lerne ich täglich dazu und du wärst erstaunt, wie hilfsbereit und schnell auf meine mühsamen Versuche, angurisch zu sprechen, reagiert wird. Ich hoffe nun, daß ich weiter in den Clan integriert werde und so über kurz oder lang die Möglichkeit habe, näheres über das Wirken eines Mimirs zu erfahren.
*hier stockt die Schrift und endet schließlich mit einem kleinen Tintenklecks, als habe die Schreiberin die Feder schon auf dem Papier gehabt und dann doch nichts mehr hinzugefügt*
Ein Schreiben könnte mich in Machad erreichen, doch wähle nicht den üblichen Boten.
Finja
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Der Brief hatte den Erzmagier tatsächlich auf die ungewöhnliche Art und Weise erreicht, die sich die Absenderin gewünscht hatte. Im Hausmantel ließ sich Calor in einen gemütlichen Ohrensessel am Kamin sinken, um das SChriftstück zu studieren. Die SChrift erkannte er nahezu sofort, und ein warmes Lächeln huschte kurz über seine ernsten Züge. Er nahm einen kleinen Schluck vom feinen Kräuterlikör, der in einem kristallenen Glas auf dem Beistelltisch darauf wartete, genossen zu werden. Dann begann der Zauberer zu lesen.
"Machad ..."
Er runzelte die Stirn. Mach-wo? Von einem Ort dieses Namens hatte er noch nie gehört. Oder hatte er doch? Eine wage Erinnerung dämmerte aus den Abgründen des Gedächtnisses herauf: der Name war möglicherweise einmal gefallen, als er geschäftlich die Ländereien der MacIora besucht hatte. Irgend ein götterverlassenes Kaff in der eisigen Einöde hinter den grimmen Bergen Fuachteros. Na herrlich.
" ... hoch oben im ewigen Eis."
Seine Erinnerung hatte ihn also nicht getäuscht.
"Ich lebe dort seit mehreren Wochen ..."
Ohja. Ohne auch nur das geringste Lebenszeichen bisher. Zwar machte sich der Gryffenhorster relativ wenig ernsthafte Sorgen: Immerhin war Finja doch ebenfalls Erzmagierin und somit nicht unbedingt wehrlos. Allerdings handelte es sich bei der angurischen Insel doch um ein wenig gastfreundliches, unwirtliches und unterkühltes Land, deren Bewohner sich mit Vorliebe in stinkende Tierfelle kleideten um Jagd auf alle zu machen, die etwas mehr Verstand hatten als sie selbst. Das, dachte Calor mit einem unterkühlten Schmunzeln auf schmalen Lippen, bedeutete immerhin eine paradiesisch reiche Auswahl an möglicher Jagdbeute.
"... als Gast des Clans MacAgrona ..."
Nein, von dieser Rotte hatte er nichts vernommen, als er damals im Kontakt mit den - Phanodain sei Dank - zivilisierten MacIora stand. Der Lebensraum der Agronas entlockte ihm zwar ein anerkennendes Nicken für ihre Standfestigkeit, doch seine Ansichten bezüglich barbarischer Dummheit wurden weder durch diese Standhaftigkeit noch durch die Gastlichkeit gegenüber Finja relativiert. Was hatte er sich überhaupt unter dieser Gastlichkeit vorzustellen? Vermutlich hatte man Finja ein schmutziges Schaffell gegeben und irgend eine Ecke eines miefigen Langhauses zugewiesen, wo am frühen Morgen nach den allabendlichen Gelagen die Betrunkenen anstandslos in ihrem eigenen Erbrochenen lagen und schnarchten, wo die Hunde die Essensreste zwischen den Schlafenden hervorsuchten, wo Kerle und Weiber zuchtlos kopulierten während gleich daneben die Kinder spielten und wo ganz allgemein jede Form von Anstand und Kultur so fern war wie Menek'urs Wüsten sandhaltig. Un mitten drin Finja. Grundgütige Geister.
"... nachdem ich noch vor meinen Studien über die Eis- und Schneelementare ..."
Das widerum regte sein Interesse, da aber das Schreiben nichts weiter darüber enthielt mußte er sich wohl noch eine Weile gedulden, um etwaige Ergebnisse mit der studierten Kollegin besprechen zu können. Zugegebenermaßen fiel auch ihm selbst kein besserer Ort ein, um eben diese Elementargestalten zu studieren, als die eisige Insel Fuachtero. Seufzend hatte er bei Finjas Abreise akzeptiert, daß sie sich von der Erforschung dieser Aspekte des Wassers, ihres Seelenelements, nicht würde abbringen lassen.
"... den Mimir dieses Clans kennen und schätzen gelernt habe."
Mimir ... wieder so ein obskurer Begriff. Seinen theoretischen Kenntnissen und den lexikalischen Definitionen der magiekundlichen Nachschlagewerke zu Folge handelte es sich dabei um den Ausübenden einer schamanistisch-druidischen Spielart der Magie, über die in gelehrten Kreisen nur sehr wenig bekannt war. Vielleicht würde Finjas Reise ja auch in Bezug auf die Mimire das Wissen in den Bibliotheken des Konvents erweitern können. Im Grunde war er froh, vom Mimir zu lesen und daß Finja offenbar gut mit diesem geistlichen Oberhaupt der Barbarenhorde zurecht kam. Wenn das auf Gegenseitigkeit beruhte, hatte sie vermutlich wenig von den anderen Wilden zu befürchten. Immerhin.
"Ich fühle mich hier wohl ..."
Der Erzmagier schüttelte ungläubig-fasziniert, aber auch schicksalsergeben den Kopf. Ja, das hatte er sich beinahe denken können. Finja war wirklich, ganz getreu ihrem flüssigen Element, im Stande, in die unterschiedlichsten Gesellschaften hineinzutauchen und diesem Gefühl etwas Postives abzugewinnen. Das konnte er prinzipiell nachvollziehen, aber diese Fähigkeit auf eine gottlose Rotte von Wildschweinen anzuwenden widerstrebte ihm zutiefst. Mit ihnen Geschäfte zu machen ging ja gerade noch an, aber sich regelrecht wohlzufühlen in all dieser Primitivität und all diesem Unrat? Finja, so sehr er sie auch in sein Herz geschlossen hatte, blieb manchmal rätselhaft wie die See, und so grimmig wie ein Fischer auf die rauhe See schaut, die ihm das Ausfahren verbietet, schaute bisweilen auch Calor auf Finjas Launen.
"... auch wenn es leider noch immer Schwierigkeiten mit der Sprache gibt. Doch lerne ich täglich dazu und du wärst erstaunt, wie hilfsbereit und schnell auf meine mühsamen Versuche, angurisch zu sprechen, reagiert wird."
Er seufzte leise, nickte aber anerkennend. Er selbst hatte das kehlige Gurgeln der Angurer immer als bedrohlich und tierisch empfunden. Dennoch stand ohne Zweifel fest, daß man das wenige, was es über diese Tiermenschen zu wissen gäbe, schneller und leichter erfassen würde, beherrschte man ihre Zunge. Und natürlich verstand er Finjas Schwierigkeiten - eine gebildete Person, die sie war, tat sich eben schwer damit, sich wie eine Wildsau zu verständigen. Völlig klar.
"Ich hoffe nun, daß ich weiter in den Clan integriert werde ..."
Grimmig funkelte er das Schreiben an. Ahja? Wollte sie also noch länger fort bleiben. Bei den Wilden. Eine vortreffliche Idee. Er selbst fühlte sich sehr wohl, so ganz allein in seiner Villa - sah man vom alten Hausdiener Georg einmal ab. Sehr wohl. Sollte sie sich ruhig Zeit lassen. Im Kamin flackerte das Feuer kurz höher und heißer auf.
"... und so über kurz oder lang die Möglichkeit habe, näheres über das Wirken eines Mimirs zu erfahren."
Noch immer alles andere als versöhnlich gestimmt nickte er. Nun gut, manchmal erforderte die Wissenschaft eben Opfer. Aber so lange Zeit? Allein? Hoffentlich lohnte sich wenigstens das Ergebnis.
"Ein Schreiben könnte mich in Machad erreichen, doch wähle nicht den üblichen Boten."
Nun schon nicht mehr erbost sondern fast zornig ließ er das Schreiben Finjas achtlos fallen und fuhr aus dem Sessel hoch, riss dabei mit dem Ärmel des Hausmantels das Likörglas um und betrachtete die angerichtete Sauerei mit glühendem Blick. "Herrlich!" fluchte er rauchig. Er wendete sich dem lodernden Kaminfeuer zu. Was bildete sie sich eigentlich ein? Aus diesen Zeilen las er eindeutig heraus, daß sie auf eine Nachricht von ihm gewartet hatte und offenbar das Recht in Anspruch nahm, enttäuscht darüber zu sein, daß er nicht geschrieben hatte. Wohin hätte er denn schreiben sollen? "Lieber Bote, übergib das dem erstbesten Fellträger den Du findest?" Und überhaupt - wer war denn fortgelaufen, hatte "Abstand von all dem" gebraucht, mußte sich verwirklichen und wer war es denn gewesen, dem vor Vorfreude auf das hinterwäldlerische und gefährliche Fuachtero die Wangen gebrannt hatten? Wer wohl hätte es sein sollen, der sich einmal meldete, wenn nicht sie? Und wer war denn so irre gewesen, allein in die Wildnis und Eiseskälte eines ausschließlich von blutrünstigen Tieren und Tiermenschen belebten Landes aufzubrechen? Sie. Calor zog scharf die Luft ein und schüttelte unwillig den Kopf. Er rief nach Georg, den er die Schweinerei auf dem Sessel zu entfernen anwies, und ging dann raschen Schrittes die gewundene Kellertreppe in den Weinkeller hinunter. Der alte Hausdiener hörte von unten zweimal in rascher Folge ein Geräusch wie von einem Glas, das wütend gegen eine steinerne Mauer geworfen wird und infolgedessen seinem Drang nachgibt, zu zerbrechen - so wie der Werfer seinem Drang nachgegeben hatte, den Zorn herauszulassen und nicht, wie sonst so häufig, hinter einer Maske aus Anstand und Beherrschtheit zu verbergen. Zu tief hatte es den Adeligen, den Magier, den Mann verletzt, daß Finjas Schreiben nicht einmal wirklich Grüße beinhaltete, und genaugenommen hatte das ganze Machwerk - vielleicht bis auf die Anrede als "lieber Calor" und den Schlußsatz - in etwa die emotionale Qualität einer Aktennotiz. Waren sie so weit gekommen? Hatte am Ende das auf Fuachtero allgegenwärtige Eis es geschafft, Finja gänzlich einzufrieren? Dann würde es Zeit, das Eis tauen zu lassen. Nannte sich nicht sogar der Mond Eisbruch?
Etwas später, ruhiger und auch besonnener, machte sich Calor an eine Antwort.
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Geliebte Finja,
ja, stell Dir vor, ich empfinde nach wie vor so und nur in dieser Weise für Dich und grüße Dich daher von ganzem Herzen. Eben habe ich Deine Nachricht erhalten, und auch wenn im ersten Moment der Ärger größer war, erst jetzt und so kühl von Dir zu hören, so obsiegte am Ende - und nachdem Georg die Scherben weggeräumt hat - doch die Freude.
Ich freue mich, daß es Dir dort oben gut ergeht - auch wenn ich Deinen Besuch bei den Wilden nach wie vor weder für übermäßig angebracht noch notwendig erachte, so ist meine größte Sorge doch nicht, daß Du Fuachteros Gefahren erliegst, sondern die, daß Du unglücklich sein könntest. Ich selbst wäre glücklicher, wüßte ich Dich wieder in zivilisierten Landen und bei mir, aber wenn es für Dein persönliches Glück wichtig ist, noch eine Weile bei den Fellträgern zu bleiben um die "Geheimnisse" ihres archaischen Lebens zu ergründen, dann sei dem - allem meinem Unverständnis zum Trotz - eben so. Als Gelehrter erwarte ich gespannt Deine Ergebnisse, so wenig sie meine eigenen Forschungsgebiete auch berühren mögen. Gewiss ist es interessant, elementaristische Lehren aus einer anderen Perspektive zu erleben, verbrämt mit Geisterglaube und Totenkult.
Ich hoffe allerdings, daß Du nicht allzu tief in die angurische Sittenlosigkeit eintauchen mußt. Weiterhin hoffe ich, daß Du in nicht allzu ferner Zeit genug vom ewigen Winter dort oben hast, denn Du wirst hier schmerzlich vermißt. Von mir. Es freut mich, daß Du dort oben vielleicht neue Freunde findest - aber vergiss Deine alten Freunde nicht.
Gib Acht, daß das Wasser in Deiner Seele nicht gefriert. Die Geheimnisse der See erstarren zu tödlicher Logik und zu erfriernden Abgründen, wenn ihnen die Wärme fehlt. Gewiss wirst Du am Feuer Deiner Gastgeber spüren, wie überlebenswichtig die Wärme ist. Das wird mir selbst immer wieder bewußt, wenn ich merke, wie eiskalt es hier ohne Dich ist, wie die frostigen Finger des Winters mir an Herz und Kehle greifen, denn Du bist nicht hier. So hoffe ich denn darauf, daß ein warmer Blick das Eis schmilzt.
Im _Eisbruch_ des Jahres 250
verneigt sich respektvoll vor einer hochbegabten Kollegin
rauft sich verzweifelt die Haare ob einer Waghalsigen
küßt diese Zeilen
Dein Calor
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Nun galt es noch, Finja die Antwort zukommen zu lassen. Das gestaltete sich alles andere als einfach, denn er wollte weder durch allzu auffällige Zauberwesen denAbgerglauben der Angurer schüren noch einem wilden Waldläufer die Botschaft anvertrauen, könnte er sich dann doch niemals sicher sein, daß sie ankäme. Zudem hatte ja auch Finja ausdrücklich erbeten, daß "nicht die üblichen Boten" beauftragt würden.
Nach einer Weile kam ihm schmunzelnd eine Idee. Es kostete ihn als passionierten Feuerbeschwörer einige Mühe, den Elementargeist des Wassers davon zu überzeugen, gerade ihm zu Diensten zu sein - aber mit einigen Donarien und der Versprechung, der Geist werde die Botschaft immerhin einer hochrangigen Wasserelementaristin überbringen dürfen, gelang das Werk. Und so machte sich an der Küste des Berchgarder Hinterlandes eine von einem Wassergeist gelenkte und beschützte Flaschenpost auf den Weg. Der fischgestaltige Geist würde die Flasche genau dann an Land spülen, wenn Finja nahe Machad an Fuachteros Küsten spazierenginge.
[img]http://www.muk-giessen.de/images/flaschenpost.jpg[/img]
Verfasst: Sonntag 18. Februar 2007, 02:48
von Finja Stenfjord
Hoch auf schäumte die Gischt, als die Wellenreiter die eisigen Fluten des Nordmeeres durchschnitt und genauso eisig war auch der feuchte Wind, gespickt mit kleinsten Eiskristallen, der der im Bug stehenden Erzmagierin ins erstarrte Gesicht fegte. Ich spürte nichts von alledem.
Die Wellenreiter würde mich in den nächsten Tagen in Berchgard an Land bringen und besiegeln, daß das Projekt entgültig vorbei war - wenn auch mit anderem Ausgang als ich mir erhofft hatte.
Seltsamerweise hinterließ diese Tatsache bei mir nicht die geringste Gefühlsveränderung. Überhaupt hatte ich das Gefühl, daß ich eigentlich gar kein Gefühl hatte. Ich zog die Augenbrauen zusammen als mir bewußt wurde, wie paradox dieser Satz doch war. War das Wasser meiner Seele nun doch gefroren? So oder so ähnlich hatte es Calor doch in seinem Brief formuliert, der nun unwiederbringlich für mich verloren war - verschwunden unter dem Kilt des "Mürrischen". Hatte mich dieser Brief zu Anfang doch sehr aufgewühlt und die ziehende Sehnsucht zurück in mein Herz gebracht, stellte ich nun mit dem trockenen Erstaunen eines Forschers am Objekt seines Interesses fest, daß nicht einmal das Verschwinden des Briefes mich berührte und so wandte ich mich nüchtern dem nächsten Fakt zu.
Der erste Teil meiner Expedition war mir mehr als gelungen, ich hatte Eis und Schnee erforscht, und verstand mich mit dieser Abwandlung meines Elementes schon fast so gut wie mit dem Wasser selbst. Ein voller Erfolg also, ich hatte mir nichts vorzuwerfen. Brav Finja, eins, setzen.
Der zweite Teil meiner Expedition mußte als gescheitert betrachtet werden. Zwar hatte man mich im Clan der MacAgrona als Gast willkommen geheißen, doch wurde ich das Gefühl der Distanz, ja manchmal sogar Ignoranz nicht mehr los - sah man mal von Jall und Oengus ab und fast erstaunt stellte ich fest, daß es mir um zweiteren sogar ein wenig leid tat. Dennoch - gescheitert. Sechs, setzen.
Hätte mir nun ein Calor oder jemand, der mich ähnlich gut kannte ins Gesicht gesehen, hätte er oder sie sicherlich die kurze Veränderung in meinem Blick bemerkt. Ich wußte, daß der ganze Verlauf der Dinge nicht meine Schuld gewesen war, dennoch nagte eine nicht ausgiebig erschlossene Forschungsangelegenheit gewaltig an meinem Selbstwertgefühl. Was würde Calor denken? Daß ich es nicht nur nicht geschafft hatte, eine aufopferungsvolle Akademieleiterin zu sein sondern nun nicht einmal im Stande gewesen war, auch nur das kleinste Ritual eines Mimirs zu erleben? Wen interessierten schon Eis und Schnee... und wen interessierte schon Finja? War der Inhalt in Calors Brief wirklich echt gewesen? Die Wahrscheinlichkeit war für mich mitsamt dem Brief unter Bereks Kilt verschwunden und allmählich gewann die Gewissheit die Oberhand, daß ich mir diese Gefühlsduselei - wieder einmal - nur eingebildet hatte.
Und die anderen, Feoras, Una, die Magierschaft des Konvents - sie alle würden sicherlich begierig an meinen Lippen hängen um spannende und revolutionäre Geschichten über den Mimir eines Angurerclans zu erfahren. Und ich würde keinen Satz zu Ende bringen können.....
Ich sah wieder hinaus aufs Eismeer und allmählich glichen sich sowohl meine Mimik als auch mein Gemütszustand wieder der Umgebung an - ich liebte den Schnee und ich liebte das Eis. Und ich stellte mit nüchternem Erkennen fest, daß das harte Eis gegenüber dem weichen Schnee gerade auf Platz 1 gerückt war. Ich glaube nicht, daß ich in diesem Moment erkannte, daß ich vielleicht einfach nur Angst hatte.
Sollte Jall mich erreichen wollen, würde er einen Weg finden.
Und ich würde sicher eines Tages zurückkehren - doch dann würden Eis und Schnee mich rufen, nicht die trügerische Wärme einer angurischen Siedlung.
Verfasst: Sonntag 18. Februar 2007, 11:31
von Finja Stenfjord
Oh mein lieber Phanodain, wie hatte ich nur vergessen können, wie himmlisch es ist, in einem weichen Bett zu schlafen!
Als ich am späten Vormittag in meinem Haus in Varuna die Augen aufschlug und zur Decke sah, war der Genuß fast grenzenlos. Unter mir ein weiches Laken, über mir ein weiches Laken, alles roch makellos sauber und frisch und schmiegte sich so behutsam, weich und zärtlich an mich, daß ich genüßlich Arme und Beine von mir streckte. Die Haut meiner Arme und Schultern war makellos rein, leuchtete hell und cremig im Sonnenschein, der durch das Fenster hereinfiel und der Geruch von parfümierter Seife und dem frischen Schweiß des Schlafes stieg mir angenehm warm in die Nase.
Eigentlich war es nur die Aussicht auf das nächste große Vergnügen, die mich aus dem Bett brachte und so fand ich mich eine Stunde später mit noch vom Bade feuchten Haaren unten in meiner Wohnstube bei einem opulenten und reichhaltigen Frühstück sitzen. Sitzen - auf einem Stuhl - an einem Tisch. Alles war sauber, bequem und warm, noch nie hatte das Prasseln eines Kaminfeuers so derartig nach Musik in meinen Ohren geklungen wie heute Vormittag. Eigentlich erstaunlich wenn man bedachte, daß ich gerade aus dem ewigen Eis zurückgekehrt war und dort Kaminfeuer in den Hütten doch eigentlich so normal und permanent sein sollten wie Schnee und Eis davor. Wußte der Henker, wieso es die MacAgronas in ihrem behelfsmäßigen Clanshaus nie geschafft hatten, ein Feuer zu entzünden und sich statt dessen lieber mit Wasser aus einer Tränke wuschen, deren Oberfläche am Morgen von Eis bedeckt war. Diese Tränke hatte im Clanshaus gestanden.
Ich schob die Gedanken an Kälte beiseite, wackelte lustig mit meinen nackten Zehen unter dem Tisch und warf der hereinscheinenden Sonne mit vollem Mund ein vergnügtes Grinsen zu.
Überhaupt blieb ich den ganzen Tag barfuß, lief durch meine Wohnung, saß einmal auf jenem Stuhl, dann auf einem anderen, entdeckte viele alte Bücher in meinem Bücherregal wieder neu, erfreute mich an den dekorativen Muscheln auf meinem Fensterbrett und strich über das satte Grün meiner Zimmerpflanzen. Später kuschelte ich mich in meinem Sessel am Kamin zusammen. Herrlich, statt Winterpelz und dicker Kleidung nichts anderes als eine weiche, anschmiegsame Toga zu tragen, die sanft meinen Körper umschmeichelte, der darunter so nackt war, wie Eluive mich erschaffen hatte.
Es war schön, endlich wieder zuhause zu sein.
Verfasst: Samstag 10. März 2007, 11:50
von Finja Stenfjord
Ein neuer Lebensabschnitt......
Es war mir schon die ganzen Tage zuvor bewußt gewesen, daß etwas Neues im Begriff war, zu beginnen, daß ein Wandel eingesetzt hatte. Am gestrigen Abend in der Taverne des Alten Gasthauses zu Tirell hatte sich dieser Wandel gänzlich vollzogen, die Weichen in die neue Zukunft waren unabrückbar gestellt. Doch diesmal hatte ich meinen Blick zuversichtlich voraus gerichtet.
Begonnen hatte der Abend mit einer locker-ausgelassenen Einladung, die ich im Türrahmen von Calors Villa herumlungernd ausgesprochen hatte. Mein erstes Gehalt mußte Alfaran noch am selben Tag bei mir eingezahlt haben, als er die Nachricht erhalten hatte, daß ich wieder als Magistra an den Konvent zurückkehren würde und so hatte ich beschlossen, dem alten Brauch zu folgen und mein erstes nach Monaten wieder verdientes Geld mit einer Einladung in die Taverne auf den Kopf zu hauen. Als angenehme Nebenwirkung konnte man diese Einladung auch gleich als Erinnerung an frühere Studententage nutzen und es dauerte nicht lange, bis Calors Augen bei meinem gemurmelten "Trinkt aus, Piraten, joho" zu funkeln begannen.
Herzlich lachend und alte Anekdoten aus unserer lange zurückreichenden Bekanntschaft austauschend fiel ich schließlich regelrecht rückwärts über die Schwelle des Alten Gasthauses, richtete mich jedoch schnell wieder auf und strich den Mantel glatt, als mein Blick auf die zwei Studenten fiel, die einen der Tische besetzt hatten. Calors Reaktion fiel ähnlich aus wie meine, doch fand er wie immer rascher zu seiner Selbstbeherrschung zurück als ich, die noch mit dem Lachen kämpfen mußte, das immer wieder wie ein brodelnder Geisir in mir aufzusteigen drohte.
Die Einladung des Herren Volospa war rasch ausgesprochen, die nächste Runde Wein bestellt und so fand ich mich erneut in einer Studentenrunde wieder, doch diesmal mit dem Unterschied, daß man mich herzlich als Magistra statt Studentin willkommen hieß.
Kreis und Status der Anwesenden brachte es mit sich, daß die Themen ernster und tiefgründiger wurden und so kam man schließlich von der Kampfphilosophie Alleen Llastobhars über die Kampfvermeidungsphilosophie meines geschätzten Begleiters hin zu Arkorithern und Diener Kra'thors. Spätestens bei Calors Erzählung über den Alten aus dem Wetterbruch war jegliche ausgelassene Stimmung einem stillen Grusel gewichen. Ich hatte keine Ahnung, wieso mir ausgerechnet in diesem Moment wieder einfiel, daß ich für Rika unbedingt ein Treffen mit meiner alten Schulfreundin Jana Stromgard arrangieren mußte und so schnell der Gedanke gekommen war, verflog er auch wieder.
Schließlich löste sich die Runde unter allgemeinen Gute-Nacht-Wünschen auf.
Wir verbrachten die Nacht im Gasthaus, doch der brennende Überschwang, die fast schon alberne Ausgelassenheit war bei dem vorangegangenen Gespräch verflogen und so liebten wir uns langsam und innig, voller Vertrauen und Hingabe. Ein tiefer Seufzer entrang sich meiner Kehle, als unsere Körper endlich eins wurden.
Am nächsten Morgen kehrten wir nach einem gemeinsamen Frühstück nach Varuna zurück und hier verließ mich Calor, um seinen Tagesgeschäften nachzugehen. Ich selbst lenkte meine Schritte nach Hause denn es gab dort etwas, was mich unwiderstehlich anzog.
[...]