Seite 2 von 3

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Dienstag 3. März 2026, 11:12
von Gregor Grann
Zwei Wochen.

Gregor hatte aufgehört, die Tage zu zählen, weil sie ihm ohnehin abgezählt wurden. Der Kerker war nicht mehr nur Stein und Gitter - er war ein Rhythmus geworden. Morgens die Schritte. Abends die Schritte. Dazwischen das Licht der Kohlepfanne. Und jeden Tag dieselbe Litanei, als würde man ihm einen Tropfen nach dem anderen auf den Schädel prallen lassen: dunkle Seite, Lehren des Panthers, Maßstäbe, Zorn, Kontrolle, Gehorsam als Wahl.

Am Anfang hatte er dagegen gesprochen, mit Stolz, mit Spott, mit den Worten aus dem Osten, die wie ein Schild vor ihm standen. Dann sprach er weniger. Sie hatten Ihn nicht überzeugt - aber er merkte, wie die Predigt arbeitete, gerade wenn man sie nicht beantwortete. Wie Wasser, das nicht schlägt, sondern sickert.

Es war längst nicht mehr nur ein Verhör... Sie schliffen ihn. Wie tausende Fußtritte einen Pflasterstein rundeten.

"Steh auf."
"Bleib stehen."
"Sitz erst, wenn man es erlaubt."

Selbst das Essen war kein Essen. Es war ein Maßstab mit Kruste. Ein Stück Brot, das nicht nährte, sondern prüfte. Ein Schluck Wasser, der nicht löschte, sondern erinnerte: Du bekommst, was wir dir zugestehen.

Und irgendwo zwischen Hunger, Schlafmangel und dem täglichen Gift aus frommen Sätzen hatte Gregor begonnen, das Buch nicht mehr nur anzustarren. Er hatte gelesen. Nicht aus Hingabe - sondern um den Feind zu kennen.

An diesem Abend roch der Gang nach Rauch und bitterem Kaffee, noch ehe er die Schritte hörte. Tanara trat an das Gitter, sachlich wie immer. Die Tempeldienerin hielt die Schale mit Brot so, dass er sie sehen musste. Es war kein Angebot. Es war ein Reiz.

Drin’belrak stand daneben wie ein roter Schatten aus Stahl - das Tier, das nicht reden musste, weil seine Anwesenheit das Reden ersetzte.

Und dann kam die "Schwester".

Die Lethra löste sich aus dem Dunkel, lautlos, mit dieser unheimlichen Ruhe, als wäre Gregor keine Person, sondern ein Zustand. Ihr Blick ging nicht zu seinen Augen, um ihn zu verstehen. Er glitt über ihn, als würde sie prüfen, ob ein Gerät noch läuft.

"Ausgezehrt. Aber…"
Sie suchte nach dem Wort, als sei es eine technische Bezeichnung.
"Er funktioniert."

Gregor spürte, wie ihn diese zwei Silben trafen. Er funktioniert. Nicht: Er lebt. Nicht: Er hält durch. Nur das.

Als Drin’belrak befahl, er solle stehen bleiben, war es, als würde etwas in Gregor knacken - nicht der Körper, sondern das letzte Stück Würde, das sich noch wie ein Mantel um ihn legte. Er hielt sich aufrecht, ja. Aber nur, weil man es ihm sagte. Nur, weil Brot an dieser Haltung hing.

Tanara sprach von Maßstäben. Standhaftigkeit. Kontrolle. Verantwortung. Drei Finger, drei Wörter, drei Ketten, die wie Tugenden klangen. Gregor konterte, so gut er konnte, aber seine Stimme war heiser, dünn vom Mangel. Und der Mangel machte jede Ironie stumpf.

Er spürte, dass sie auf etwas wartete.

Nicht auf Einsicht. Auf Reaktion.

Als die Schritte von oben kamen, änderte sich die Luft. Nicht durch Magie - durch Präsenz. Die Tempeldienerin verbeugte sich tief, Tanara ebenso. Ein Wort fiel: Tetrarchin.

Aliyahna.

Gregor hob den Blick. Er sah eine Frau, die nicht laut sein musste, weil die anderen bereits leise wurden. Ihr Urteil stand wie ein Messer im Raum, selbst als sie nur fragte:

"Wieso sieht der Gefangene noch so gut aus?"

Es war nicht die Frage an sich. Es war das Prinzip dahinter: dass sein Zustand eine Beanstandung war. Dass zwei Wochen Kerker und tägliches Predigen aus ihrer Sicht noch nicht genug waren, solange er noch irgendwie… aussah.

Tanara erklärte, redete von Funken, etwas das sieh sah.. in ihm. Aliyahna überlegte laut, ob man ihn nicht einfach hinrichten solle, den Kopf als Botschaft. So nüchtern, als spräche man über einen Sack Getreide.

Und Gregor merkte, wie sein Inneres an einer Stelle warm wurde, die seit dem ersten Tag kalt gewesen war.

Zorn.

Nicht der Zorn, den man spielt. Nicht der, den man zur Schau trägt. Der, der aus der Tiefe kommt, wenn etwas längst Überlebtes plötzlich wieder da ist.

Als Tanara ihn nach Grenzen fragte, nach dem, was genommen wurde, fiel zum ersten Mal wieder der Name, den Gregor sonst nur im Stillen berührte: sein Vater. Und Tanara sagte "fiel", als wäre es ein ehrenvoller Sturz im Kampf.

Gregor hörte sich selbst antworten, bitter: "Ein Wort, das Ehre verspricht, wo keine war."

Dann, ganz allmählich, trat Aliyahna näher. Nicht an sein Gitter, sondern an seine Wunde.

"Warum nimmst du nicht deinen Zorn… und lenkst ihn auf die Schuldigen?"
"Du musst doch Rachgelüste haben.
"

Und während sie sprach, geschah etwas, das Gregor nicht greifen konnte - kein Druck an der Schläfe, kein stechender Schmerz. Eher wie ein Finger, der eine alte Narbe findet und genau dort beginnt, daran zu ziehen. Etwas in ihm wurde umgedreht, als hätte man eine Glut im Aschebett freigelegt.

Die Welt wurde enger.

Ein Wort aus der Finsternis pochte in seinem Kopf... Ein Gefühl als gieße man Öl ins Feuer: Handle.

Gregor spürte seine eigene Atmung laut, sein Herz in den Ohren. Er hörte noch Worte - Eier, Schalen, Gleichheit, Menschen seien gleich - aber es klang, als käme es aus einem Nachbarraum. Das Einzige, das noch wirklich war, war dieses Bild, das er nie hatte sehen müssen und doch immer gesehen hatte: der Körper seines Vaters - nicht geehrt, nicht verabschiedet - sondern irgendwo im Dreck.

Er griff nach der Wasserschale, und bevor er wusste, dass er es tut, flog sie gegen die Wand. Wasser spritzte, Stein schluckte es. Ein armseliger Trotzakt, aber endlich ein Akt.

Aliyahnas Augen blitzten, und sie stocherten weiter. Sie legten es frei. Sie gaben ihm Worte dafür - und das machte es schlimmer, weil es plötzlich Form bekam.

Und dann brach es aus ihm heraus, roh, unhöflich, unmenschlich laut in diesem engen Kerker:

"Sie haben ihn verscharrt!"
Die Stimme riss, aber er drückte sie durch.
"Wie ein Stück VIEH!"

Der Satz hing in der Zelle, als wäre er etwas Materielles. Etwas, das man hätte aufheben können.

Gregor schlug mit der Faust gegen die Wand.

Einmal.

Der Schmerz kam sofort, grell. Er brüllte, als ein Knochen nachgab - und schlug trotzdem noch einmal zu, weil der Körper lieber zerbricht, als diese Schande wieder hinunterzuschlucken. Blut lief über seine Finger. Warm. Wirklich. Lebendig.

Aliyahna wiederholte es kalt: "Verscharrt wie einen Hund."

Sie sprach nicht nur von Zorn. Sie benutzte ihn. Sie hatten ihn nicht zufällig wütend gemacht. Sie hatten ihn gezielt an die Stelle geführt, an der sein Glaube dünn wird und sein Menschsein schreit.

Als das "Pieksen" in seinem Inneren nachließ, blieb er keuchend zurück, die Augen glasig vor Schweiß und Tränen. Zorn hatte ihn nicht befreit. Er hatte ihn nur entblößt.

Tanara sprach wieder ruhig: Zorn sei kein Feind. Nur ungezügelter Zorn.

Und Gregor verstand plötzlich, wie perfide das war: Sie gaben ihm recht - aber nur, um ihn in ihre Begriffe zu pressen. Als wäre sein Schmerz ein Werkzeug, das man nur richtig halten müsse.

Er sank an der Wand hinunter, die blutige Faust vor sich, unfähig zu begreifen, wie schnell er von stiller Standhaftigkeit zu einem schreienden Tier geworden war.

Da reichte Tanara ihm - fast beiläufig - Fleisch. Wie eine Belohnung. Wie ein Klick im Training.

Gregor starrte darauf, abwesend fast.

Als sie gingen, blieb nur das Rascheln der Roben, der bittere Kaffeegeruch - und in Gregors Kopf dieses eine Wort, das nun nicht mehr wie eine fremde Predigt klang, sondern wie eine Versuchung, die seine Stimme kannte:

Handle.

Und das Schlimmste war: Ein Teil von ihm - klein, beschämt, erschrocken - wusste nicht mehr sicher, ob dieser Ruf von ihnen kam…

…oder aus ihm selbst.

Bild

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Dienstag 3. März 2026, 15:41
von Aaryon von Hohenfels
Vorbereitungen


Es hielt ihn nicht lange auf dem "Markt der kleinen Schätze". So nett es gewesen wäre, so unruhig wanderte er nun teils umher, sich gebunden fühlend.
Uns läuft die Zeit weg!
Grann läuft die Zeit weg...


"Ich habe eine Tasche für einen eventuell-Fall gepackt: Einen ganzen Trinkschlauch, voll mit 'Rahaler Ritter', zwei Phiolen des stärksten Schlafgiftes, das Cecilia brauen konnte, um Wachen lautlos ausschalten zu können. Eine Waffe, zwei Sätze Dietriche... Fällt Euch noch was ein?"
"Meint Ihr, damit kommt man aus einem rahaler Kerker?"
"Also, ich weiß leider, dass zumindest aus unserem Leute schon mit weniger Hilfe entkommen sind!", lautete die bittere trocken-zynische Antwort. Er drehte den Dolch... "Könnt Ihr den mit dem Schlafgift bestreichen?"
"Natürlich. Gebt her."
Mutter würde aaaauuuusflippen..., dachte er mit bedauernder Gewissheit, aber er kannte da weniger Hemmungen.
"Aber aus Rahal fliehen? Wie soll er das schaffen?"
"Ich weiß es nicht. .. Einfacher wäre es natürlich, wenn ich Portale machen könnte."

Tja.

Nein, er hatte noch keinen festen Plan. Und vor allem wusste er bisher nicht, wo Grann nun genau steckte. Aber es tat sich auch nicht nichts... Informationen liefen ein. Aus Vermutungen wurden Gewissheiten. Jeder Tag, den Grann in Rahal wohl festsaß, tat ihm leid, aber... er musste selber aufpassen, dass sie nicht noch eine viel wertvollere Geisel bekamen als einen Klosterwächter.
Und immer wieder sagten ihm alle: "Ihr geht NICHT nach Rahal!"
Knurrend atmete er durch.
Da hatte eine gewisse Person eine gefährliche Tür geöffnet mit ihrer Bemerkung: "Ich sage es fast niemandem mehr, wenn ich losziehe. Das ist auf Dauer zu anstrengend, immer gegen den Chor anzureden. Es gibt Dinge, die müssen erledigt werden, so ist das nun mal."
Ja. So war das nun mal.
Aber: "Ich habe versprochen, dass ich: a) keine Alleingänge unternehme. b) Risiken auf ein Minimum reduziere. Und das werde ich halten. 'B' schon aus Eigeninteresse."
"Und da du mich bei mir immer abmeldest, hast du auch A erfüllt", wurde ihm entgegen gegrinselt.

War es so einfach?
Ich muss mich irgendwie absichern, dachte er abends nach dem Unterricht bei Arenvir. Seinem letzten Unterricht, den er laut Plan vor der Magusprüfung brauchte. Sein Stab lag fertig, bereit zur Verzauberung. Ausgerechnet nach diesem Unterricht, "Kampfmagie", waren aber die Erinnerungen an den Kampf in Grenzwarth und die Konfrontation mit By'nar und Q'in wieder so präsent, als wären sie gestern gewesen, nebst einer Gewissheit:
Wenn ich im Nahkampfradius gestellt werde, bin ich im ... - bin ich geliefert.
Er dachte an das Blut, was die Letharenpriesterin ihm abgenommen hatte. Es war scheinbar nicht gebraucht worden, aber sicher war, dass das reines Glück gewesen war!
Ich muss mich absichern.

Er setzte sich in sein Alchemielabor, auch wenn es später und später wurde und der Tag verdammt anstrengend gewesen war. Er war trotzdem vor Aufregung, am nächsten Tag womöglich selbst nach Rahal zu gehen und nach Grann zu suchen und sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen, hellwach.
Er schnitt sich an der linken Schulter, ließ das Blut in eine Phiole aus gebranntem Ton fließen, damit kein Licht heran kam, ließ sie voll laufen und verschloss sie passig fest mit einem Korken, das Ganze dann mit Wachs. Den Schnitt heilte er. Dann schnitt er sich eine Haarsträhne und drei Fingernägel sauber ab und schlug sie in feines weißes Tuch.
Währenddessen köchelte die Extraktion aus Knochen und totem Holz, bis sich feiner Raureif an der Kolbenwand bildete. Er nickte zufrieden und füllte vier flache Fläschchen ab, die sonst als "Flachmänner" gegolten hätten - bei dieser Form verströmten sie breitflächig ihre Kälte. In der lichtundurchlässig abgedichteten Box fixierte er die Kältephiolen mit etwas Wachs. In die Mitte legte er einen Smaragd und speicherte in ihm die Muster regenerativer Heilmagie... so würde vor allem das Blut hoffentlich möglichst lange "lebendig" bleiben und seine persönliche Signatur bewahren. Dicht an den Smaragd legte er also dann Blut, Haare und Fingernägel.
Im Deckel brachte er eine Nachricht an, die schon fast brüskierend knapp war, aber das scherte ihn jetzt nicht. Ich vertraue halt immernoch dir mein Leben an, nicht Nyome, ist dir das eigentlich bewusst...?, reflektierte er bei sich und brachte das Kästchen in Arenvirs Büro in Berchgard.

Dann

lag er lange im Bett und starrte an die Decke.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Dienstag 3. März 2026, 22:23
von Gregor Grann
Zwei Wochen Kerker hatten Gregor nicht gebrochen. Sie hatten ihn gezwungen, still zu werden. Still genug, um nicht nur auf Worte zu reagieren - sondern auf das, was zwischen ihnen fehlte.

Hochverrat.

Er hatte dieses Wort akzeptiert wie ein Siegel, das nicht mehr zu lösen war. Sein Vater war verurteilt worden. Hingerichtet. Verscharrt. Man hatte es als notwendig bezeichnet. Als gerecht. Als Schutz des Reiches.

Gregor hatte nie widersprochen. Er hatte geglaubt, dass Temora gerecht ist - auch wenn ihre Urteile hart erscheinen.

Doch nun saß er in der Dunkelheit und dachte nicht mehr nur an Gerechtigkeit.

Er dachte an Mitgefühl.

Mitgefühl war keine Schwäche. Es war eine Tugend Temoras. Man hatte es ihm als Kind gelehrt. Stärke ohne Mitgefühl wird Grausamkeit. Urteil ohne Mitgefühl wird Willkür.

Und wenn sein Vater schuldig war - selbst dann - warum keine letzte Ehre?
Warum kein Gebet?
Warum keine Würde?

Warum Erde wie für ein Tier?

War Hochverrat ein Verbrechen, das jedes Mitgefühl auslöschte?
Oder war Mitgefühl nur für jene reserviert, die politisch unbedenklich waren?

Gregor spürte, wie diese Frage ihn tiefer traf als jede Anklage.

Er liebte Temora.

Er glaubte an ihre Gerechtigkeit.
An ihr Licht.

Aber wenn Mitgefühl eine ihrer Tugenden war - warum war es seinem Vater nicht gewährt worden?

Er hatte nie nach Akten gefragt. Nie nach Zeugen. Nie nach den Richtern. Er hatte nur versucht, besser zu sein. Reiner. Untadeliger. Als würde er durch eigene Tugend das Urteil rückwirkend rechtfertigen.

Doch vielleicht hatte er all die Jahre die falsche Frage gestellt. Nicht: War mein Vater schuldig?, sondern: Warum wurde ihm jede Würde genommen?

Mitgefühl prüft man nicht im Frieden. Man prüft es am Feind. Wenn Ihre Diener es nur jenen zeigten, die bequem waren - war es dann noch Tugend? Waren nicht SIE dann die Ketzer?

In Gregor keimte Zorn, doch noch viel mehr... Er spürte Enttäuschung.

Und etwas Gefährlicheres: Klarheit.

Vielleicht war sein Vater schuldig gewesen. Vielleicht nicht. Doch selbst ein Schuldiger bleibt Mensch. Selbst ein Verräter hat ein Grab mit Namen verdient. Ein Gebet. Eine letzte Würde.

Wenn Mitgefühl fehlte, dann fehlte etwas Wesentliches. Und wenn etwas Wesentliches fehlte - dann war das Urteil nicht vollständig.

Gregor kniete auf dem kalten Stein.

"Wenn ich irre, weise mich zurecht", flüsterte er.
"Aber wenn Mitgefühl nicht gewährt wurde - dann war es kein vollständiges Urteil."

Er dachte an die Legion. An ihre Härte. An ihren offenen Zorn. Sie verbargen nichts. Sie sprachen nicht von Gnade, wenn sie keine meinten.

Der Osten sprach von Tugend. Doch leben sie jene? Vielleicht war sein Schritt nicht weg vom Licht. Vielleicht war es ein Schritt auf jene zu, die zumindest ehrlich mit ihrer Härte waren. Wenn Temora Mitgefühl fordert, dann würde Gregor es einfordern.

Auch für den, den man Verräter nannte.

Und wenn dies bedeutete, jene zur Rechenschaft zu ziehen, die sich hinter Tugenden versteckten - dann war das kein Verrat.

Dann war es Treue.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Mittwoch 4. März 2026, 15:15
von Aaryon von Hohenfels
Das Licht unter der Dunkelheit


Ramon wies ihn als erster dezent darauf hin:
"Hochedler? Ihr stinkt."
Aaryon verdrehte die Augen. Jaaaa, er hatte sich nur rasch umgezogen, als er zurück war, denn nachdem er heute fast den ganzen Tag in und vor allem unter Rahal unterwegs gewesen war, war es mit Sicherheit dringender notwendig, sich zurück zu melden, als zuerst zu baden!
Mal davon agesehen, dass in der Wanne die große Gefahr bestanden hätte, dass er eingeschlafen wäre.
Aber da es eh zu Wartezeit für ihn kam - die Sitzgelegenheiten vor dem Schreibtisch des neuen Oberst wurden heute nicht kalt, wie dieser später selbst anmerkte - konnte Fainche Aaryon helfen, indem sie ihm den Waschraum des Regiments zur Verfügung stellte.

"Noch alles dran, wie ich sehe", meinte Marlan knapp.
"Ja... nur ohne Grann", erwiderte Aaryon missmutig.
"Gefunden?"
"Nein. Ich lege meine Hand nicht ins Feuer, denn es ist unglaublich schwer, die entsprechenden Orte einzusehen. Aber ich fürchte, er ist nicht 'leicht' erreichbar."
Aaryon hatte keinen Nerv, darauf hinzuweisen, dass er die Wachen in Rahal für besser postiert hielt als in Adoran - oder hatte ihn das nur so sehr gestört, weil er den schwarz-roten Wachen halt tunlichst aus dem Weg gehen musste? Jedes Mal, wenn er den Kopf an die Oberfläche geschoben hatte, hatte er Angst, auf schwarz gerüstete Stiefel zu gucken. Und wenn er wieder verschwand, musste er gegen Spinnen, Käfer, Ratten und Vagabunden angehen.

Ob von dem, was in der Kanalisation Rahals geschehen war, Fetzen von Informationen nach oben drangen? Oder schämten sich selbst die armseligsten und heruntergekommensten aller Seelen, irgendwem zu erzählen, dass ein leuchtendes Flattervieh sie mit Hieben, erstaunlich schmerzhaften und gezielten Tritten und gar Feuerbällen traktiert hatte?
Bild
Aaryon hatte sich so oft vom Menschen in einen Lichtschimmer, zurück in einen Menschen, um ein Frettchen zu werden, das sich wieder in einen Menschen und dann Lichtschimmer verwandelte.. verwandelt, dass ihm tatsächlich glatt schwindelig war.
Ich kann das nicht jeden Tag machen. Von den Nerven der anderen mal abgesehen, auf denen ich damit rumtrampel, hab ich keine Lust, meinen Magen irgendwann aus Versehen falsch zu positionieren.
Es half alles nichts. Ich kann nicht alleine nach Grann suchen. Und selbst zu mehreren ist das scheiße gefährlich. Also gab er schweren Herzens nach:
"Leider hilft uns das für Grann aber nicht weiter. Ich empfehle Austausch."

Die zweite von drei Optionen, die sie durch gesprochen hatten. Und eine von zweien, die ihm eigentlich nicht schmeckte.
"Meine Eltern haben mich gelehrt, wie viel das Leben eines jeden einzelnen Menschen wert ist...", hatte er einer der Personen des "Arbeitsteams" erklärt: 'Alles': denn jedes einzelne ist unersetzlich. Und 'Nichts': denn man darf sich nicht erpressen lassen. Und das ist eigentlich der Grund, warum ich von der Geiselnahme und Austausch nichts halte."
"Ja, ich weiß, was du meinst. Aber nichts zu tun, ändert auch nichts an deren Verhalten. Also es so teuer wie möglich für sie machen."
"Auch wahr", musste er zustimmen, "Aber im Ernst: Hätten wir jemanden, und sie lehnen den Austausch ab, bringen wir den dann um?", fragte er skeptisch.
"Ja", nickte sein Gegenüber ruhig, "Alles andere würde uns auf immer schwächen. Wenn wir A machen, müssen wir zumindest ein kreatives B finden."
"Steinbruch auf dem Festland", sinnierte er nüchtern über Möglichkeiten und fügte an: "Lebenslänglich."

Aber was sollte es - sie beide hatten nicht die Positon inne, dergleichen zu entscheiden.

Verfasst: Donnerstag 5. März 2026, 14:03
von Cecilia Zola
Auch im Kastell blieb das Thema Gregor Grann und Entführung nicht aus. An jeder Ecke wurde getuschelt und die neuesten wildesten Ideen unter den Kameraden ausgetauscht. Es verging kaum ein Tageslauf, an denen die Mannschaft nicht erinnert werden mussten, dass unfundierte Spekulationen zu Tratsch führen und Tratsch gefährlich bei dem Informationsfluss war.
Die führenden Ränge bekamen aus allen Richtungen Informationen zu gespielt, teilweise auch direkt in Rahal und Umgebung besorgt. Alles wurde sorgfältig geprüft, zusammen geführt und neu bewertet.
Immer wieder versuchte auch Cecilia ein Bild darin zu erkennen, einen Hinweis, einen Funken, wo Gregor Grann - oder welche arme Seele auch immer dort im Kerker hockt - sein könnte. Was sie mit ihm vorhatten.

Und dann passierte das Unvorstellbare: Er nahm sie mit zum Treffen. Diesem Treffen. Und sie bekam Informationen. Sie gab vermutlich auch eine Menge Informationen, so lesbar wie sie war. Gesichtszüge unter Kontrolle behalten? Fehlanzeige bei der jungen Heilerin.
Und dann kam ganz beiläufig am Ende die Frage nach Gustav Grann.
Bisher war eine Bestätigung nach der Identität des Gefangenen ausgeblieben, genau genommen war auch das keine Bestätigung. Doch er erklärte ihr im Nachhinein, dass es eine indirekte Bestätigung war. Diese Frage konnte nur kommen, wenn sie Gregor Grann hätten und etwas davon brauchten. Wofür brauchten sie das angefragte Wissen?
Ihr kam eine ganz üble Vorahnung.

Cecilia hat bereits zwei Kameraden nach langer Gefangennahme im Westen behandelt. Beide hatten neben körperliche Wunden und Narben auch andere Auswirkungen. Sie musste beides mal lange die Auswirkungen beobachten, teilweise trug sie diese bis heute mit. Und sie kannte die Berichte und Erzählungen. Sie hatte eine grobe Vorstellung dadurch, was mit den Gefangenen im Westen passierte. Einmal sah sie es mit eigenen Augen. In Rahal. Im Tempel.
So grübelte Cecilia gemeinsam mit ihm, warum es ausgerechnet diese Information sein sollte und was sie damit bezwecken wollen bei Gregor Grann. Und in diesem Grübeln erinnerte sie sich zurück an die letzten Momente seines Vaters:

  • *Rückblick zum 29. Schwalbenkunft 268*
    Bereits beim Überführen von Gustav Grann zum Gerichtsgebäude fiel ihr der beeinträchtigt wirkende Blick auf. Sie meldete dies. Es wurde als nichtig empfunden. Eine Last, welche sie bis heute unentdeckt mit sich trägt, vor allem unter Berücksichtigung, dass Gustav Grann sich als Angeklagter selbst verteidigte. Cecilia war der Meinung, so war das nicht gerecht. Doch sie war bloß Gardist damals, jemand der etwas meldete und die Ranghöheren dann über die Meldung entschieden.
    Die Verhandlung legte noch mehr Gesetzesbrüche vom Angeklagten offen, als die Gerüchteküche im Vorfeld bereits trug. Am Ende war nicht bloß ein Gesetzesbruch mit der Folge von Hochverrat dazwischen, nicht zwei, sondern ganze drei - mindestens. Die Anklage habe sich laut eigener Aussage nur auf die größten Themen beschränkt. Und Hochverrat wird nach dem Gesetz mit dem Leben geahndet. Doch wie gerecht war dieses Urteil, wenn die Verteidigung sich nicht vollumfänglich verteidigen konnte? Zumindest in der Vollstreckung des Urteils gab es Gnade. Ein schwacher Trost für ein Leben.
    Danach? Was danach passierte kannten nur die Wenigsten: Es war klar, wer den leblosen Körper vom Schauplatz entfernte. Es wussten wenige Eingeweihte, dass der Körper angebracht versorgt wurde. Doch nur zwei Seelen auf Gerimor wussten, wo er lag. Eine eingeweihte Seele, welcher der Henker sich anvertraute. Leider bis zum Ende ohne Gebet, nahm der Verurteilte das Angebot des Klerus nicht an. Dafür betete Cecilia für seine Seele. Bis auch diese Erinnerung irgendwann verblasste.
Bis heute. Bis der Name wieder fiel und die mühsam verschlossenen Gedanken wieder aufriss. Das Auftauchen von Gregor Grann auf Gerimor ließ diese Mauern schon schwanken. Mehrfach bot sie an, dass er vorbeikommen darf. Doch ihre eigene unbeholfene Art der sozialen Kontaktaufnahme war wohl nicht deutlich genug. Und jetzt, wo Gregor Grann irgendwo in einem westlichen Kerker saß, kamen die Fragen nach einem Wissen, welches kaum einer mehr beantworten konnte.
Und Cecilia stellte sich die Frage, was sie tun konnte. Was sie machen konnte außer ihrem Dienst. Wie sie Gregor Grann helfen konnte. Und diese Gedanken kreisten unaufhörlich.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Freitag 6. März 2026, 22:17
von Gregor Grann
# I - Die Frage am Tor

Gregor hatte beinahe vergessen, wie Luft roch, die nicht durch Eisenstäbe und feuchte Mauern kroch.

Noch ehe er das Tor sah, erreichte ihn der Abendwind. Kühl. Salzig. Irgendwo darin lag eine Erinnerung, die schmerzhaft vertraut war - wie ein Lied, das man lange nicht mehr gehört hat und trotzdem im ersten Ton wiedererkennt. Zwei Wochen Kerker hatten aus Tagen etwas Formloses gemacht. Licht und Dunkel waren zu demselben grauen Brei geworden, Essen zu Maß, Schlaf zur Unterbrechung.

Als man ihn durch Rahal führte, nahm er die Stadt nur wie durch einen Schleier wahr. Stimmen wurden zu Rauschen. Gesichter zu flüchtigen Flecken. Selbst die Straßen schienen nicht wirklich unter seinen Füßen zu liegen.

Erst als er ihn sah, wurde alles schärfer.

Heinrik von Alsted.

Der Graf wartete vor dem Tor, geschniegelt, aufrecht, unberührt von Hunger, Schmutz und den Wochen, die Gregor in Stein verbracht hatte. Gregor neigte das Haupt, so tief es seine Schwäche noch zuließ, und geriet dabei beinahe ins Wanken.

„Eure Erlaucht…“

Der Graf fragte nicht nach seinen Wunden. Nicht nach seinem Zustand. Nicht danach, ob man ihn misshandelt habe.

Er fragte nur eines:

Ob er noch dem Meer lauschen könne.

Gregor hob den Blick. Für einen Moment glaubte er, nicht recht gehört zu haben. Doch der Graf wiederholte die Frage nicht. Er wartete nur. Also antwortete Gregor. Ja, vor einiger Zeit habe er dem Meer gelauscht. Die Tage in seiner Zelle aber seien verschwommen. Dort dringe weder Licht hinein noch das Rauschen der See.

Mehr wollte der Graf nicht wissen.

Ein Dank. Ein Nicken. Dann war die Begegnung vorbei.

Gregor blieb innerlich leer zurück. So leer, dass er kaum begriff, was da eben geschehen war. Erst als Hauptmann Dhara ihn auf dem Rückweg ansah und später mit kalter Sachlichkeit erklärte, was hinter dieser Frage gesteckt hatte, begriff er langsam.

Das Meer war nie das Thema gewesen.

Nur ein freier Mann kann jederzeit zum Meer gehen. Nur ein freier Mann kann ihm lauschen, wann immer er will. Der Graf hatte nicht wissen wollen, wie Gregor litt. Er hatte wissen wollen, ob er innerlich noch ungebrochen genug war, sich als Märtyrer verwenden zu lassen. Ob der Glaube noch fest genug in ihm saß, um daran aufgehängt zu werden.

Da begriff Gregor, dass der Graf nicht gekommen war, um ihn zu retten. Er war gekommen, um Maß zu nehmen.

---

# II - Die Stimme am Fenster

Später, als die Nacht schwer auf Rahal lag und das Mauerwerk die letzten Geräusche des Tages geschluckt hatte, saß Gregor auf seiner Pritsche und starrte gegen das Gitter, ohne es wirklich zu sehen.

Zunächst hielt er das Geräusch für einen Vogel.

Ein vorsichtiges Zwitschern, tastend, unregelmäßig, als habe sich etwas Kleines in die falsche Ecke der Stadt verirrt. Dann kam Husten dazu. Erst leise. Dann lauter. Und plötzlich war in diesem Husten etwas, das seinem Namen ähnelte.

Gregor hob den Kopf.

Er brauchte alle Kraft, die ihm geblieben war, um sich aufzurichten und zum vergitterten Fenster zu tasten. Seine Finger legten sich an das kalte Metall, sein Blick suchte schräg nach draußen, doch er sah nichts.

Nur die Stimme.

Leise. Wachsam. Eilig.

Sie sagte, die Grafen hätten sie geschickt. Man suche ihn. Man habe ihn nicht vergessen. Er solle sich besinnen, stark bleiben, auf Temora vertrauen. Amyra sei da. Der Anker sei da. Der Lebensbaum werde ihm Kraft geben.

Gregor hörte die Worte und spürte zugleich, wie sie ins Leere liefen.

Nicht, weil er Temora vergessen hatte.

Sondern weil es klang wie etwas, das man einem Verlorenen sagt, um ihn festzuhalten - und nicht wie etwas, das man einem Gefundenen sagt, um ihn zu retten.

Wer war diese Frau?

Eine Freundin aus dem Osten? Eine Vertraute Beaks? Oder nur eine weitere Maske in einem weiteren Spiel?

"Ein Test…", murmelte Gregor heiser.

Die Stimme draußen beteuerte, man sorge sich um ihn. Man habe ihn gesucht. Man werde wiederkommen.

Gregor aber rutschte an den Gitterstäben langsam zu Boden, hockte schließlich auf dem kalten Stein und hielt sich mit der linken Hand am Eisen fest, während die rechte, geschwollene und nur grob versorgt reglos in seinem Schoß lag.

"Gebetet habe ich", sagte er leise, fast zu sich selbst. "An ihrem Schrein… verlassen hat sie mich."

Die Frau widersprach. Temora habe ihn nicht verlassen. Sie sei sein Schutz. Sein Halt.

Gregor schloss die Augen.

"Verloren… haben sie sie."

Er wusste nicht mehr, ob er die Frau meinte. Oder den Osten. Oder sich selbst.

Als sie schließlich verschwand, blieb nur das Echo ihrer letzten Worte zurück und das nagende Gefühl, dass auch diese Begegnung nicht Trost gewesen war, sondern Teil von etwas anderem.

Vielleicht wirklich ein Test.

Vielleicht Hoffnung.

Vielleicht beides.

---

# III - Der Barde

Als die Tür sich später erneut öffnete, verriet sie den Besucher, noch ehe Gregor ihn sah.

Trabant Ylais trat ein.

Nicht mit der Härte eines Verhörs. Nicht mit der steifen Kälte des Tempels. Sein Gruß war ruhig, beinahe menschlich. Gregor brauchte einen Moment, um ihn überhaupt wahrzunehmen.

"Ein weiterer Test?", fragte er dumpf.

Ylais verneinte. Wenigstens von seiner Seite.

Gregor fragte sofort nach der Blonden. Nach der Stimme am Fenster. Nach der Frau, die gesagt hatte, sie sei aus dem Osten gekommen.

Ylais runzelte die Stirn. Eine Freundin eines Paladins? Frei in Rahal? Ausgerechnet dort, nahe bei einem Gefangenen? Das sei kaum vorstellbar. Dafür gebe es zu viele Wachen. Zu viele Augen.

Gregor nickte, als wäre genau das die Bestätigung, die er erwartet hatte.

Ein Test also.

Wieder.

Doch Ylais widersprach ihm nicht offen. Er ließ die Worte liegen und sprach stattdessen weiter mit ihm, ruhig, fast mit jener seltsamen Sanftheit, die Gregor an ihm schon früher bemerkt hatte. Nicht aufgesetzt. Nicht ölig. Einfach da.

Sie sprachen über Amyra. Über Mitgefühl. Und Gregor spuckte dieses Wort beinahe aus.

Mitgefühl.

Eine der Tugenden Temoras - und doch so rar, dass es ihm vorkam wie Hohn, es überhaupt auszusprechen.

Ylais sprach davon, dass Menschen sich ändern. Dass Weltanschauungen nicht in Stein geschlagen seien. Dass ein Leben lang nichts für immer sein müsse. Gregor hörte zu und fragte, wie er sich dies vorstelle.. Als würde man ein Hemd wechseln und das alte in den Kanal werfen.

Ylais antwortete mit dem Bild eines Stoffes, den man prüft. Man müsse ihn nicht gleich anziehen, sagte er sinngemäß. Es schade nicht, ihn zu fühlen. Die Nähte zu betrachten. Zu sehen, ob er trage oder bereits Löcher habe.

Gregor rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander, als könne er etwas Unsichtbares betasten.

Fühlen.

Prüfen.

Nicht blind übernehmen.

Etwas in ihm reagierte darauf, weil es genau das war, was ihm im Osten immer weniger begegnet war. Dort hatte man von Tugenden gesprochen, als wären sie Mauern. Hier sprach ein Mann des Panthers davon, Stoff zu prüfen, Nähte zu betrachten und Löcher nicht zu ignorieren.

Es war verstörend.

Und doch ergab es Sinn.

Ylais bot schließlich an, Gregors Büchlein zu holen. Das mit den Geboten. Den Zehn Lehren, die längst nicht mehr nur fremd klangen, sondern wie etwas, das man zumindest verstehen müsse, wenn man nicht erneut blind sein wollte.

Gregor nickte zögernd.

Dann verließ der Trabant den Zelltrakt.

Gregor blieb zurück, kauerte sich auf der Liege zusammen und blickte lange zur Tür, hinter der der Barde verschwunden war. Dann schloss er die Augen.

Draußen, weit entfernt, schrie irgendwo ein Vogel über der Nacht.

Und Gregor wusste nicht, ob er das Meer wirklich hörte -

oder nur die Erinnerung daran.

Bericht an den Hauptmann

Verfasst: Freitag 6. März 2026, 22:30
von Lioras Ylais
*Die Tage vergingen und Lioras wusste kaum noch, wo ihm der Kopf stand. Unzählige Informationen, emotionale Dehnübungen, Kampftraining, Wachdienst ... Dennoch - oder vielleicht gerade deshalb, um mal was anderes als die ganzen Tage über zu tun - tat er etwas, das er in all den Wochen, die Gregor Grann nun schon in Rahal verbrachte, noch nicht eigenständig gemacht hatte: Er ging 'den Gefangenen' besuchen und ... redete mit ihm. Kein Verhör, kein Test oder irgendwelche Psychospielchen. Lioras wusste, wenn sie wollten, dass Gregor überlief, den wahren Glauben annahm, dann würde er Menschen brauchen, die ihm das Gefühl gaben, im Westen heimisch zu sein. Respektiert und wertgeschätzt zu werden. Er würde den Eindruck von Verlässlichkeit brauchen und - auch wenn er sich das vermutlich selbst nicht eingestand - würde er einen Beweis dafür brauchen, dass nicht alle Soldaten, nicht alle Gläubigen ... nicht alle Väter ... hinterrücks, verrückt und/oder unzuverlässig waren. Und wenn Lioras eins konnte, dann war es Herzlichkeit. Eine Eigenschaft, die die Ketzer aus dem Osten, ohne mit der Wimper zu zucken, jedem Alatarier absprechen würden. Aber es lag ihm im Blut, wie seine privaten Kontakte und seine Berufserfahrungen zeigten. Und Jynela würde ihn nicht sprechen lassen, ihm nicht erlauben, Grann zu geben, wovon Lioras glaubte, dass er es 'verdient' hätte, wenn sie nicht wollen würde, dass Grann zwischendurch ein wenig 'verhätschelt' wird. Sie würde es vielleicht als "Zuckerbrot und Peitsche" bezeichnen, wer weiß?
Jedenfalls redeten die beiden Männer ausführlich. Über die Götter, den Raben, Jenseitsvorstellungen, Lebenswandel, Musik und das Konzept von Freundschaft. Gregor zweifelte. An sich, an seiner Erlaubnis, neu anzufangen, anzunehmen, dass er sich geirrt hatte. Er spürte den Schmerz des Verlusts, den Keil, der zwischen ihn und seine alten 'Freunde' getrieben war. Das sah Lioras ihm deutlich an. Aber Gregor zögerte noch und Lioras konnte das gut nachvollziehen. Statt jedoch zu drängen, wie es manch Fanatiker vielleicht getan hätte, sagte er etwas, das vermeintlich ein Schnitt ins eigene Fleisch war: "Fragt. Hinterfragt, bis Ihr Euch sicher seid." Denn Lioras wusste, dass flüchtige Parolen keinen wahrhaft Gläubigen machten. Überzeugung brauchte Beweise, Kontinuität und Verlässlichkeit. Und die bekam Grann nur, wenn er jemanden hatte, der bei Detailfragen nicht einknickte, der selbst das lebte, was er predigte und ... der da war, wenn Grann es brauchte. Und wenn es nur war, um das vergessene Buch über die Gebote des All-Einen aus der einen Zelle zu holen und in die andere zu ihm zu bringen. Ein Botengang, den der Trabant nur zu gerne tätigte, als Grann darum bat. Und weil er eben er war, legte Lioras, als er den Schlafenden eingekauert auf seiner Pritsche sah, einfach noch eine saubere Wolldecke über ihn. Blieb abzuwarten, ob Jynela DAS auch noch in Ordnung fand ...*

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Samstag 7. März 2026, 00:49
von Gregor Grann
Gregor saß zusammengesunken in der Ecke seiner Zelle. Der Rücken an kaltem Stein, die Knie angezogen, als müsste er sich selbst zusammenhalten. Die Luft roch nach Feuchtigkeit und Staub. Sein Mund war trocken, so trocken, dass selbst das Schlucken schmerzte.

Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Nichts.

"…Temora…"

Das Wort kam kaum mehr als ein Flüstern über seine Lippen.

Eine Weile sagte er nichts. Sein Blick hing irgendwo im Dunkel des Bodens, ohne wirklich etwas zu sehen. Seine Gedanken liefen in Kreisen, müde, zäh, als würde sich sein Geist durch Schlamm bewegen.

"Ich… habe gedient…"

Seine Stimme war heiser.

"Ich habe gedient."

Er nickte leicht, als müsse er sich selbst davon überzeugen.

Die Gebete.
Der Dienst.
Die Wache bei Nacht.

Alles war immer klar gewesen. Es gab Licht und es gab Schatten. Tugend und Irrtum. Pflicht und Verrat.

Gregor presste die Lippen zusammen.

"Verrat…"

Das Wort schmeckte bitter.

Sein Blick hob sich langsam zur gegenüberliegenden Wand, doch seine Augen sahen etwas anderes.

Den Henker.

Er wusste nicht einmal, ob er ihn sich wirklich vorstellte oder ob der Gedanke einfach nicht mehr verschwinden wollte.

"Hochverrat…"

Er schnaubte leise, trocken.

"So nennen sie es.'

Seine Finger krallten sich langsam in den Stoff seiner Hose.

"Und Mitgefühl…"

Das Wort blieb hängen.

Eine der Tugenden Temoras.

Er wusste sie alle. Seit seiner Kindheit. Seine Mutter hatte sie ihm beigebracht, geduldig, Abend für Abend.

Gregor ließ den Kopf gegen die Wand sinken.

"Mitgefühl…"

Er lachte kurz, doch es war kein echtes Lachen.

"Wo war es…"

Sein Atem wurde schwerer.

"Wo war es für ihn?"

Sein Blick wanderte wieder zu seinen Händen. Die Knöchel waren geschwollen.

Die Erinnerung kam zurück. Der Schlag gegen den Stein. Die Wut, die plötzlich da gewesen war, heiß und roh, bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte.

Langsam ballte er die andere Hand zur Faust.

"Das… war falsch."

Er sagte es leise, fast automatisch. So hatte man es ihn gelehrt.

Zorn war Schwäche.
Zorn trübte den Geist.

Doch selbst während er das dachte, spürte er noch dieses Brennen tief in seiner Brust.

Nicht laut. Nicht wild.

Aber da.

Gregor schloss kurz die Augen.

"Ich bin müde…"

murmelte er.

Seine Gedanken drifteten wieder auseinander. Manchmal vergaß er mitten im Denken, woran er gerade gedacht hatte. Dann kam alles plötzlich wieder zurück, wie ein Schlag.

Sein Vater.
Der Henker.
Die Worte.

Verräter.

Seine Lippen bewegten sich kaum hörbar.

"Du warst keiner…"

Eine lange Pause.

Gregor atmete langsam ein, dann wieder aus.

"…oder?"

Die Frage hing im Raum.

Er wartete fast darauf, dass jemand antwortete. Doch natürlich kam nichts.

Nur Stille.

Gregor senkte den Blick wieder auf den Boden. Seine Schultern sanken ein wenig tiefer.

Nach einer Weile murmelte er erneut, mehr zu sich selbst als zu irgendeinem Gott.

"Wenn ich… falsch liege…"

Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

"…dann zeig es mir."

Dann schwieg er wieder.
Und starrte weiter ins Dunkel.

Nächtliches Spähen

Verfasst: Samstag 7. März 2026, 13:09
von Innes Ontanu
Eine Weile hatte ich bedurft, mich von all den Begebenheiten der vergangenen Wochen zu erholen. Doch an einem der letzten Tage spürte ich, wie meine Kraft und auch meine Nerven langsam zu mir zurückkehrten.
Und dieser Nerven bedurfte ich an diesem Tage mehr denn je.

Mit geübten Griffen legte ich meine Verkleidung an, prüfte sie noch einmal mit Sorgfalt und ließ mich sodann mit der Kutsche nach Rahal bringen. Bald schon hatte ich im dämmrigen Licht den Weg zu dem alten, finsteren Gemäuer der Rahaler Garde gefunden. Dort hockte ich nun, dicht an die kalten Steine gedrückt, und mühte mich, meinen Herzschlag und mein hastiges Atmen zu bezwingen.

Gar wohl wusste ich, dass das, was ich vorhatte, lebensgefährlich war. Und dennoch war mein Entschluss gefasst, meinen Teil zur Befreiung einer der Unsrigen zu leisten.

Es gab nur wenige Stunden in meinem Leben, in denen ich mich einsamer gefühlt hatte als hier, auf feindlichem Boden, mit der Furcht im Nacken, jeden Augenblick entdeckt zu werden. Doch hatte ich im Laufe der Zeit gelernt, mit solcher Angst zu leben. So zwang ich auch diesmal meine Aufregung nieder, bis Ruhe in mir einkehrte.

Seltsamerweise fiel mir in eben diesem Augenblick ein Satz von Ise ein:
„Innes rumpelt wie ein Karren den Berg hinunter.“

Unwillkürlich musste ich lächeln und wünschte, Ise könnte nun sehen, dass ich wohl auch anders vermochte zu sein, wenn ich es nur wollte: leise, zurückhaltend und eins mit den Schatten.

Als auch mein Herzschlag sich endlich beruhigt hatte, wusste ich, dass nun der nächste, höchst gefährliche Schritt bevorstand: die Kontaktaufnahme mit dem Gefangenen. War er allein im Kerkertrakt? Wachten Männer über ihn? Hörten andere Gefangene mit? Es war jener Augenblick, in dem ich mich selbst verraten konnte, sollte ich nicht größte Vorsicht walten lassen — und selbst dann blieb keine Gewissheit, unentdeckt zu bleiben.

Auch wenn es mir vorkam, als seien Stunden vergangen, so waren es in Wahrheit nur wenige Augenblicke, die ich mit Gregor Grann zu sprechen vermochte. Und was ich an Kunde erhielt, war alles andere als erfreulich. Er schien verwundet zu sein und zudem im Geiste schwer verwirrt. Kaum ein gerader Satz war aus ihm herauszubringen, und seine Mithilfe bei einer möglichen Befreiung durften wir getrost abschreiben.

Noch einen Moment lehnte ich an dem kühlen Stein und lauschte in die Nacht. Dann machte ich mich auf leisen Sohlen auf den Heimweg. Ohne Umwege begab ich mich zum Kronritter, sandte zugleich Nachricht an den Hochedlen, und gemeinsam berieten wir über das, was ich in Erfahrung gebracht hatte.

Später, als ich im Bett lag, wollte der Schlaf lange nicht zu mir kommen. Immer wieder ließ ich die Ereignisse jener Nacht vor meinem inneren Auge vorüberziehen.
Doch eines wusste ich gewiss: Ich hatte meine Furcht überwunden — und das erfüllte mich mit stiller Genugtuung. Ich war wieder da.

Das Leben geht weiter.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Montag 9. März 2026, 12:05
von Aaryon von Hohenfels
Scheitern


Sie hatten alles durch geplant.
Es konnte so viel schief gehen... aber es schien die einzige Chance. Wenn sie ihn überhaupt aus einer Zelle raus bekamen, dann aus der, in der er gerade saß.
"Morgen. Fünfte Nachmittagsstunde. Valentin, Innes und ich.
Wenn ich Alarm gebe oder wir zum Fest in Junkersteyn nicht zurück sind, rückt ihr aus und greift Wetterau an, damit sie wenigstens nach Osten gelockt werden." Kabo nickte. Cecilia warnte eindringlich, dass es Grann selbst sein könnte, der Schwierigkeiten machen würde. Schwer vorstellbar, aber... ja, es sah nicht gut für ihn aus. Aaryon hatte selbst von seinem Vater die Geschichten gehört, was er bei zwei Gefangenschaften im Westen hatte erdulden müssen.
"Letharen können einem wirklich auf den Geist gehen...
Also: wörtlich!"

Der Tag des Festes. Nachmittag. Keine zwei Stunden bis zum geplanten Aufbruch. Er lauschte den Worten, schluckte und starrte ziellos auf den großen Tisch vor sich, der mit Papieren überhäuft war.
"Das bedeutet: Abbruch." Sein Ton war sachlich, wenn auch dumpf. Eine Feststellung. Eine Entscheidung. Keine Diskussionen.
Rahal hatte die Wachen und Patrouillen verstärkt. Und die Wache, die bei seiner Erkundung mit hoch begeisterter Motivation Grann... beim Schlafen zugesehen hatte, behielt nun die vergitterte Maueröffnung im Blick, durch die er als Frettchen rein gemusst hätte.
"Dreck", sagte er leise, und die berichterstattende Person, die neben ihm saß, konnte leicht ahnen, dass ihm ganz andere Begriffe dafür auf der Zunge gelegen hätten.
"Danke", brachte er aber nichtsdestotrotz ehrlich und bestimmt hervor, "Danke, dass Ihr uns nicht in eine Katastrophe habt laufen lassen!"
Das wäre es noch gewesen.... Valentin... Innes... und er.


"Die Heimkehr"...
"Für Leute, die Alatarien den Rücken zukehren wollten"...
Nicht für Grann.
Ich hätte es ihnen gerne erzählt:
'Wir haben ihn!'
Und jetzt...?

Er zwang sich, die nötigste Fassade aufrecht zu erhalten. Eines der "gesellschaftlichen Ereignisse", auf denen Leute wie er "sich halt sehen lassen müssen". Aber er ertrug es nicht lange. Linus' fröhlicher Gesang über einen wiederkehrenden Frühling erreichte Aaryons Ohren, aber nicht sein Herz - und wenn, drohte es ihn eher wütend zu machen.
"Die Bäche tanzen über Steine,
im Silberglanz der jungen Zeit,
und selbst die strengsten Mienen meine
verlieren heut die Strengigkeit."
Er stemmte sich an den Krücken hoch. "Vergebt, aber dieses Fest ist heute nichts für mich."
"Die Herzen werden wieder weiter,
als hätte jemand sie entfacht –
und jeder Schritt wird froh und heiter,
weil neues Leben in uns lacht."
Er schlurfte davon, teleportierte sich, stand kurz darauf vor der Brücke des Konvents und sah sich wie ziellos und desorientiert um. Wo hin? Nach Hause? Da wollte er gerade nicht hin. Ein Moment, in dem Mutter in die Kirche gegangen wäre... Also dort hin? Sie würden mich suchen... Und im Moment sonstwas fürchten. Ich will aber nicht erst eine Nachricht hinterlassen...
Also doch nach Hause. Mit leerem Blick humpelte er an Bello vorbei, der mit dem Schwanz wedelte, aber unbeachtet stehen gelassen wurde. Sein Herrchen legte den Umhang ab, trat an das Regal mit den hochprozentigen Flaschen und sah suchend hinein, nickte und nahm zwei Flaschen mit:
"Edler Cognac-Weinbrand im Eichenfass gereift" und "Sumpfkräuterschnaps aus Nordgerimor". Ja, das würde wohl reichen.
Oben in seinem Zimmer schloss er die Tür ab, eher als Signal, denn sein Zimmer hatte zwei Türen zum Flur, setzte sich in den Sessel vor dem Kamin, starrte ins Feuer und verzichtete dieses Mal bewusst auf jegliche magische Entgiftung des Alkohols.
Wir haben versagt.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Dienstag 10. März 2026, 13:33
von Gregor Grann
Gregor saß zusammengesunken auf der schmalen Pritsche seiner Zelle, den Rücken gegen den kalten Stein gedrückt. Das matte Licht, das vom Flur kam, reichte kaum aus, um den Raum wirklich zu erhellen. Seine Lippen waren trocken, sein Kopf schwer, und die Gedanken in seinem Geist fühlten sich an, als würden sie sich durch dichten Nebel bewegen. Lange sagte er nichts. Sein Blick hing an der Tür der Zelle, als würde er darauf warten, dass sie sich jeden Moment öffnete.

Sie kommen, dachte er. Die Blonde hatte es gesagt, leise und hastig, irgendwo jenseits der Mauern. Der Graf wisse es. Sie würden ihn holen. Gregor hatte sich an diesen Worten festgehalten, als wären sie ein Versprechen. Doch die Tür blieb still.

Vielleicht morgen, murmelte er schließlich. Doch die Worte klangen hohl, selbst ihm. Langsam schüttelte er den Kopf und ein trockenes, müdes Lachen entwich ihm. Morgen. Das hatten sie sicher auch seinem Vater gesagt. Man werde gerecht urteilen... morgen.

Und dann hatten sie ihn getötet.

Gregor starrte lange auf seine Hände. Die Hand war noch sehr geschwollen, doch selbst der Schmerz fühlte sich fern an, als gehöre er jemand anderem. "Sie kommen", flüsterte er noch einmal, fast wie ein Gebet. Sein Blick glitt wieder zur Tür, doch dort war nichts. Nur Stille.

Eine lange Zeit verging, bis er schließlich den Kopf senkte.

Nein.

Die Erkenntnis kam langsam, schwer, wie ein Stein, der in ihm zu Boden sank. Sie hatten ihn vergessen. So wie sie seinen Vater vergessen hatten. Sie hatten ihn dort hängen lassen, bis der Name "Verräter" schwerer wog als alles, was er gewesen war.

Gregor zog die Knie enger an sich heran und starrte in das Dunkel der Zelle. Sie hatten ihn verlassen. Erst seinen Vater.

Und nun auch ihn.

Lange blieb er still. Doch irgendwo tief in seiner Brust regte sich etwas, erst kaum spürbar, dann stärker. Kein Schmerz mehr, keine Müdigkeit - etwas anderes. Etwas Heißes, das sich langsam durch die Leere fraß.

Zorn.

Nicht wild und laut, sondern dunkel und still.

Sie hatten ihn verlassen.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Dienstag 10. März 2026, 18:54
von Jynela Dhara
Der Wind, der über die Straße nach Bajard strich, trug den Geruch von frischem Gras und Frühlingsnacht mit sich. Die Hufe der Pferde klangen dumpf auf dem festgetretenen Boden, während der kleine Trupp der Bruderschaft langsam in Richtung Westen ritt. Händlerwagen standen in lockeren Reihen, einige Pferde waren an Pfosten angebunden und man hörte in der Ferne Gespräche und Lachen. Es war der gewöhnliche Lärm einer Grenzstadt.

Ein Blick zum Lagerfeuer vor Bajard und sie spürte regelrecht, wie sich ihre Laune noch weiter besserte. Die Alsteds. Manche Menschen verbesserten einen Abend. Andere machten ihn interessant.
Jynela ließ den Blick einen Herzschlag lang auf den beiden Gestalten ruhen, ehe sie den Kopf leicht zur Seite neigte. „Die Alsteds“, murmelte sie nach hinten. Neben ihr veränderte sich Darios Haltung fast unmerklich. Seine Schultern spannten sich, während er eine Hand kurz ausschüttelte, als würde er ein Kribbeln aus den Fingern vertreiben.

Jynela zog leicht die Brauen zusammen. „Ahad.“ Ein kurzes, beinahe lebhaftes Funkeln trat in ihre Augen, während sie sich im Sattel etwas zurücklehnte. „Das....lassen wir uns nicht entgegen oder?“

Neben ihr antwortete Kava Shasul mit ruhiger Gelassenheit:
„Hm sagen wir einmal guten Tag“

Der kleine Trupp ritt weiter.
Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde die Szene vor ihnen. Helisande von Alsted saß ruhig neben ihrem Gatten am Feuer, als wäre sie lediglich eine Reisende, die eine Pause eingelegt hatte. Ihre Haltung war gelassen, fast höflich, doch ihre Aufmerksamkeit lag vollkommen auf den Reitern, die sich näherten. Jynela ließ ihr Pferd ein paar Schritte vortreten und erwiderte den Gruß mit der gleichen nüchternen Höflichkeit, die sie jedem Fremden entgegenbrachte.

„Macht und Stärke.”

Und auch wenn sie Helisande zu nickte, richtete sich ihr Blick auf Heinrik. Einen Moment lang betrachteten sie einander schweigend. Für Außenstehende mochte es wie eine einfache Begrüßung wirken, doch zwischen ihnen lag eine unausgesprochene Spannung. Ein Gespräch mit Heinrik war nie bloß ein Gespräch: es war ein Wettkampf aus Andeutungen, Angriffen und schnellen Gedanken, bei dem jede Unachtsamkeit sofort ausgenutzt. Und er war einer der wenigen Menschen, die gut genug darin waren, Gespräche gefährlich werden zu lassen.
Eine Fähigkeit, die gewöhnlich nur Diplomaten, Assassinen und sehr gute Wirte besaßen.

Helisande erhob sich langsam und strich mit einer beiläufigen Bewegung über den Stoff ihres Gewandes und zog sich tatsächlich aus der Szene ein wenig zurück.
„Das Alter... zu langes Sitzen macht mich steif.“

Jynela nickte leicht.
„Verständlich.“
Doch ihr Blick hatte sich bereits wieder auf Heinrik gelegt. In seinen Augen lag dieses vertraute Funkeln – eine Mischung aus Aufmerksamkeit, Spott und etwas, das beinahe wie Freude wirkte. Es war kein offener Konflikt. Niemand hob die Stimme. Niemand griff nach einer Waffe. Es war beinahe zu ruhig.

„Da ihr schon hier seid, Hauptmann.“
Er musterte sie aufmerksam, bevor er fortfuhr:
„Man hört ihr habt einen Bürger von uns.“

Jynela ließ ihr Pferd einen Schritt näher treten, als wolle sie das Gespräch nicht aus der Distanz führen.
„Das wäre durchaus möglich.“
Ihre Stimme blieb ruhig.
Dann kam er ohne Umwege zur Sache.
„Wir hätten ihn gerne zurück.“

Jynela ließ sich Zeit mit der Antwort. Ihre Finger ruhten locker auf dem Sattelknauf, während sie ihn einen Moment lang betrachtete.

Was folgte war…..Geplänkel, oder wenn man so wollte, ein Wortduell, bei dem jedes Wort mit Bedacht gesetzt wurde wie ein Zug auf einem Brett und Jynela mit einem leisen, beinahe genießenden Interesse verfolgte, wie Heinrik mit Sprache arbeitete, wohl wissend, dass er gefährlich gut darin war und gerade deshalb eine Gelegenheit, an der sie sich messen wollte. Der Augenblick, in dem das Gespräch an Schärfe gewann, kam so leise, dass man ihn beinahe hätte übersehen können.

Jynela saß ruhig im Sattel, den Blick auf Heinrik gerichtet, während ihre Worte noch in der Luft standen.
„Wir können versuchen in der Hinsicht nun einen Wettkampf zu führen. Aber ich denke wir wissen beide, dass in dem Fall sicherlich keine Seite gewinnt.“
Es war kein Angebot. Eher eine nüchterne Feststellung.

Neben ihr ließ Kava die Schultern kaum merklich sinken und fügte mit der ihm eigenen Gleichgültigkeit hinzu, dass es nicht der erste Hort wäre, der brannte. Wenn es sie befriedigte, sollten sie ihn eben anzünden.

Doch Heinrik ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.
„Gewiss nicht“, antwortete er gelassen. „Daher fragten wir höflich, ob man es abkürzen kann.“

Jynela betrachtete ihn einen Moment lang schweigend. Dann nickte sie leicht.
„Wir werden… gerne… antworten.“

Helisande meldete sich wieder zu Wort, ihr Tonfall so ruhig, dass er beinahe freundlich klang.
Sie erklärte, dass der Verlust eines Hortes, wenn überhaupt nur ein Kollateralschaden war und Befriedigung für sie tatsächlich in anderen Dingen liegen würde.
Jynela konnte nicht verhindern, dass ihr Blick kurz zu der Frau glitt.
Es war bemerkenswert, wie selbstverständlich sie über brennende Bibliotheken sprach - in etwa so, als würde man über einen umgestoßenen Becher sprechen, nur mit etwas mehr Rauch.

Heinriks Antwort war es, die beinahe ihre stoische Miene zum Bröckeln gebracht hätte.
“Senheit, bitte. Ich erröte sonst.”, und das in einem so nüchternen Tonfall, dass Jynela sich für einen Moment ernsthaft fragte, ob es auf dieser Welt überhaupt etwas gab, das Heinrik von Alsted zum Erröten bringen konnte. Vermutlich ja. Aber wahrscheinlich müsste dafür erst eine völlig neue Form der Peinlichkeit erfunden werden.
Sie hatte schon viele Männer gesehen, die versuchten, ihre Fassung zu wahren.
Doch bei Heinrik von Alsted war es keine Maske. Es war einfach… da. Unerschütterlich. Unerschütterlich nervig. Es war zum kotzen.
Diese Spitze ließ sie stehen. Nicht ihr Gebiet. Hier würde sie verlieren und sie hatte nicht vor an diesem Abend zu verlieren.

„Ich werde Herrn Grann eure Worte ausrichten. Alle. Wir werden sehen, was er dazu zu sagen hat“, erwiderte sie schließlich ruhig.

Heinrik hob leicht eine Braue.
„Ihr. Wir wohl weniger.“

Jynela ließ sich davon nicht beirren.
„Die Antwort teile ich euch gerne mit.“

„Das würde voraussetzen, dass ich euch glaube.“
Der Satz war so ruhig gesprochen, dass er beinahe beiläufig wirkte.
Doch genau darin lag sein Gewicht. Jynela sah ihn einen Moment lang an. Sie hätte ihm genauso wenig geglaubt. Vielleicht war das der einzige Punkt, in dem sie sich vollkommen einig waren.

„Wollt ihr mich begleiten?“

Auch ihre Antwort kam ruhig, sachlich, beinahe so, als wäre sie ihr eben erst in den Sinn gekommen. Doch in Wirklichkeit hatte sie sie bereits zu Ende gedacht, bevor sie ausgesprochen waren.
Wenn er ablehnte, bestätigte das ein paar Dinge, die sie vermutete.
Wenn er zustimmte, würde er sich selbst in eine Lage bringen, die für ihn gefährlich genug war, um interessant zu werden. Beides war nützlich.

Helisande war die Erste, die reagierte.
„Ich glaube ihr.“
Jynela warf ihr einen kurzen Blick zu, ließ sich davon jedoch nicht ablenken. Ihr Angebot galt Heinrik.
Der Mann musterte sie einen Moment lang. Und dann nickte er.
„Gut, dann auf.“

Jynela spürte, wie sich in ihr eine Spur von widerwilligen Respekt regte.

Natürlich nahm er an.

Alles andere hätte sie überrascht. Alles andere hätte bedeutet, dass Heinrik von Alsted plötzlich vorsichtig geworden war, und das wäre ungefähr so wahrscheinlich gewesen wie ein höflicher Krieg.
Es war maßlos gefährlich für ihn, sich mit ihr nach Rahal zu begeben. Doch sie bezweifelte nicht eine Sekunde, dass er seine eigenen Gründe dafür hatte. Taktische Gründe. Genau wie sie. Denn sie wollte ihn vor Grann stehen haben. Das war ihr Ziel und sie hatte ihn genau dort.
Der Gedanke, dass er das gleiche Spiel spielte wie sie, gefiel ihr nicht besonders, aber alles andere hätte sie ebenso enttäuscht. Und mit seiner Antwort hatte sie zumindest eine Bestätigung, die nicht zwingend gebraucht hätte:
Heinrik von Alsted war kein Narr. Aber auch er würde irgendwann einen Fehler machen.
Und genau deshalb war es so verdammt interessant, sich mit ihm zu messen.
„Zu Pferd, wenn möglich“, fügte sie schließlich ruhig hinzu.






In Rahal angekommen, wurde der Gefangene geholt. Sie wählte wenige Worte um ihm die Situation zu erklären. Wenn bis zu jenem Punkt weder die Knappin, noch der Tempel, noch ihre eigenen Worte genügt hätten, dann würde ihr Plan sowieso nicht aufgehen.

Sie führten ihn also hinaus zum Tor. Dort wartete Heinrik. Er betrachtete Grann eine Weile schweigend, als würde er jede Bewegung, jede Regung sorgfältig abwägen.
Dann sagte er ruhig:
„Herr Grann“
Der Gefangene neigte den Kopf.
Heinrik sprach weiter.
„Da mir nur eine Frage erlaubt ist, spare ich mir die Höflichkeit und frage nicht nach eurem Befinden.“
Seine Stimme blieb ruhig, beinahe höflich, als er den Satz sprach. Nichts in seiner Haltung verriet Hast oder Ungeduld. Es klang, als würde er sich lediglich an eine kleine gesellschaftliche Regel erinnern.
Dann stellte er seine Frage.
Ohne Druck.
„Könnt ihr wenigstens dem Meer lauschen?“

Und in jenem Moment hätte Jynela am liebsten hörbar aufgestöhnt.
Nicht, weil die Frage bedeutungslos gewesen wäre.
Ganz im Gegenteil.

Für einen Augenblick hatte sie tatsächlich geglaubt, Heinrik würde versuchen, Grann mit einer religiösen Frage zu reizen, ihn an den Glauben zu erinnern oder ihn gar in eine Rechtfertigung zu treiben, die den Mann wieder näher an Lichtenthal band. Eine Frage über den Osten, über Verrat oder über die Schwertmaid selbst hätte genügt, um das Gespräch in jene Richtung zu lenken.
Doch stattdessen hatte dieser verfluchte Kronritter genau das getan, was ein Soldat tat.
Er hatte eine Frage gestellt, die zwei Dinge gleichzeitig klären konnte.
Wenn Grann das Meer hören konnte, war er frei genug, es zu erreichen.
Wenn nicht, befand er sich irgendwo eingeschlossen.
Und selbst wenn der Mann versuchte, auszuweichen, würde seine Antwort dennoch verraten, wo er sich befand.
Es war so schlicht.
Und genau deshalb so verdammt gut.

Jynela hielt den Blick auf Grann gerichtet, doch ihre Gedanken lagen längst bei Heinrik. Einen Moment lang fragte sie sich, ob sie ihn in diesem Punkt unterschätzt hatte.
Sie hatte erwartet, dass er die Gelegenheit nutzen würde, um mit Glauben zu arbeiten, um den Gefangenen aufzupeitschen oder ihn an seine Loyalität zu erinnern.
Doch stattdessen stellte er die Frage, die ein Offizier stellte.
Eine Frage, die Information brachte.
Und während Grann zu antworten begann, spürte Jynela dieses unangenehme Gefühl, das sich einstellte, wenn ein Gegner genau die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Dieses verdammte Arschloch, dachte sie trocken. Leider ein verdammt kompetentes.

Er hatte es wirklich klug eingefädelt.

Nicht dramatisch. Nicht laut. Einfach präzise. Und das war beinahe noch ärgerlicher.
Denn damit hatte er sich – sehr gegen ihren Willen – wieder ein kleines Stück ihres Respekts verdient.
Sie lehnte sich aus dem Fenster, setzte noch einmal und schob das Gold in die Mitte des Tisches und dieses Mal hatte sie Erfolg. Grann gab ihr genau das, was sie von ihm haben wollte. Er zeigte wo er stand und sie wusste, dass Heinrik klug genug war, genau das zu erkennen.

Eigennutz? Sicher. Alles für ihr Reich. Schach und Matt. Ein Bauernopfer.

Und in jenem Moment beendete sie den Besuch.

Sie wandte sich an Heinrik.
„Wir werden euch sicheres Geleit bis zur Grenze geben.“
Der Kronritter nickte leicht, als hätte er nichts anderes erwartet.
„Vielen Dank, Hauptmann.“


Und in genau diesem Moment schrie alles in Jynela danach, die wenigen Schritte zwischen ihnen zu überbrücken.
Nicht mit Worten.
Einfach hinzugehen, ohne jede Vorwarnung, ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen, so hart, dass der Knorpel seiner Nase nachgab, ihn mit blutverschmiertem Gesicht wieder zurück zu Helisande zu schicken. Nur einen Augenblick lang stellte sie sich vor, wie befriedigend dieses Geräusch wäre, dieses kurze, dumpfe Knacken. Manche Probleme ließen sich erstaunlich effizient mit einem gut gesetzten Schlag lösen.

Es wäre zwar nicht ganz einfach gewesen. Aber sie war schnell.

Und für diesen einen Herzschlag dachte sie nicht an Politik, nicht an das Reich, nicht einmal an die Legion. Nur an ihre eigene Rache.

Doch dann spürte sie die Blicke in ihrem Rücken.
Nicht nur die der anderen Gardisten. Vor allem den von Darios. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er sie beobachtete. Und in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie es sich nicht leisten konnte. Nicht hier. Nicht vor ihnen. Und schon gar nicht vor ihm. Nicht nach allem, was sie zuvor mit so viel Ruhe behauptet hatte.

Wenn sie jetzt nachgab, wenn sie sich von diesem Impuls treiben ließ, würde sie nicht nur Heinrik treffen. Sie würde sich selbst treffen. Ihr eigenes Wort. Ihre eigene Stellung.
Sie würde ihr Gesicht verlieren.

Also blieb sie stehen.

Der Impuls verflog so schnell, wie er gekommen war und sie zwang ihre Hände, ruhig an ihrer Seite zu bleiben.

Heinrik von Alsted würde heute ohne gebrochene Nase nach Hause reiten.

Und das, so sehr es sie im Augenblick auch ärgerte, war vermutlich der größere Sieg.
Leider war er auch deutlich weniger befriedigend.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Donnerstag 12. März 2026, 10:59
von Gregor Grann
Sie hatten ihn dort gelassen - bewacht natürlich, von Tempelwachen am Eingang. Doch - allein im Tempel des Panthers. Gregor wusste nicht, wann der Schlaf ihn geholt hatte. Er erinnerte sich nur noch an das kalte Gestein unter seinem Körper, an das flackernde Licht irgendwo jenseits seiner geschlossenen Lider und an jene seltsame Stille des Tempels, die keine echte Stille war. Sie lebte. Sie atmete. Sie schien zu warten.

Dann war er nicht mehr dort.

Er stand am Meer.

Nicht in Rahal. Nicht im Tempel. Nicht wirklich in Velmara, und doch roch die Luft danach. Salz. Wind. Ferne. Das Wasser lag schwarz vor ihm, ohne Schaum, ohne Wellen, als wäre es aus Metall gegossen. Kein Mond spiegelte sich darauf. Kein Stern. Nur Dunkelheit, glatt und reglos, als hielte das Meer selbst den Atem an.

Gregor blickte an sich herab. Er trug nicht die Lumpen des Kerkers. Auch nicht die Kleidung der Klosterwache. Es war, als wechselten Stoff und Schnitt mit jedem Herzschlag. Erst das schlichte Gewand des Wächters. Dann wieder ein feineres Tuch, wie er es in seiner Jugend getragen hatte. Dann etwas Dunkles, Schweres, das sich um seine Schultern legte wie ein Mantel aus Nacht.

Er wollte das Meer hören, doch es schwieg. Nicht einmal das Rauschen war ihm geblieben. Als er sich umwandte, sah er hinter sich den Turnierplatz von Adoran.

Er stand dort, wo eben noch der Strand gewesen war. Hölzerne Tribünen. Fahnen, die sich nicht bewegten. Menschen in Reihen, doch alle ohne Gesichter. Nur ovale Flächen, bleich und glatt, wo Augen, Münder, Mienen hätten sein sollen. Sie saßen dort wie Richter aus Wachs, unbewegt, lautlos, das Haupt alle in dieselbe Richtung gewandt.

Zur Mitte. Dort stand der Block. Und sein Vater.

Gustav Grann kniete nicht. Er stand. Die Hände gebunden, aber aufrecht. Das Kinn erhoben, wie einer, der sich weigert, der eigenen Angst auch nur die kleinste Geste zu schenken. Sein Gesicht war nicht klar, mehr Erinnerung als Wirklichkeit, und doch erkannte Gregor jede Linie, die er nie wirklich gekannt und dennoch sein Leben lang in sich getragen hatte.

Gregor wollte zu ihm. Er setzte einen Schritt vor. Da griff etwas nach seinem Knöchel. Er blickte hinab.

Aus dem Boden ragten keine Hände, sondern Rosenkränze, Ketten, Siegelringe, kleine geschnitzte Symbole der Tugenden - Mitgefühl, Demut, Gerechtigkeit - und alle waren sie wie Wurzeln um seine Beine geschlungen. Goldene, silberne, hölzerne Zeichen, schön gearbeitet, heilig beinahe, und doch hielten sie ihn fest wie Fesseln.

Er riss daran. Nichts.

Vor ihm trat ein Mann an den Block. Kein Gesicht, nur ein leerer Umriss in den Gewändern des Amtes. Doch in seiner Hand lag eine Axt. Nicht erhoben, nicht drohend. Nur bereit.

Gregor schrie, doch kein Laut kam aus seiner Kehle. Dann sprach jemand dicht an seinem Ohr. Nicht laut. Nicht flüsternd. Eher so, als würde eine Stimme bereits in ihm wohnen und nur Worte annehmen.
Sie haben ihn gerichtet.
Mit einem Mal trugen die gesichtslosen Reihen Masken. Schöne Masken. Gold, Elfenbein, fromme Züge, milde Münder, ruhige Augen. Tugendhafte Gesichter. Heilige Gesichter. Und hinter jeder Maske war nur Schwärze.
Sie sprechen von Tugend. Doch sie zeigen sie nicht.
Der Mann mit der Axt trat näher an Gustav heran. Gregor versuchte sich erneut loszureissen. Die Symbole an seinen Beinen schnitten nun in die Haut. Die Tugenden hielten ihn fest. Nicht Eisen. Nicht Ketten. Worte.

Mitgefühl.
Demut.
Ehre.
Gerechtigkeit.

Jede einzelne eine Fessel.

Dann hob Gustav langsam den Kopf und sah direkt zu ihm. Nicht vorwurfsvoll. Nicht flehend. Nur ruhig. Und in diesem Blick lag etwas Schlimmeres als Anklage.

Erwartung.

Als würde der Tote selbst fragen, was sein Sohn nun endlich zu tun gedenke. Gregor presste alle Kraft in einen weiteren Schritt - Da fiel der Kopf. Nicht mit einem Schlag. Nicht wirklich. Im Traum war es seltsam lautlos, beinahe sauber, und gerade das machte es unerträglich. Einen Augenblick stand der Körper noch. Dann sank er in sich zusammen. Der Kopf rollte nicht weit, nur bis an Gregors Füße. Er blickte hinab. Doch es war nicht das Gesicht seines Vaters, das ihn vom Boden aus anstarrte. Es war sein eigenes. Gregor fuhr zurück.

Als er wieder aufsah, war der Turnierplatz verschwunden. Er stand nun in der Tempelhalle. Hoch ragten die Pfeiler empor. Das Licht der Kohlebecken war tiefrot geworden. Die Schatten zwischen den Säulen bewegten sich, obwohl nichts sich rührte. Der Panther an der Statue war nicht Stein. Er atmete. Langsam. Ruhig. Seine Augen glühten wie zwei Glutnester in einer Höhle.

Gregor wollte sich abwenden. Doch er konnte nicht.

Vor dem Altar stand eine Gestalt im Lichtschein, groß, undeutlich, nur in Umrissen zu erkennen. Kein Gesicht. Nur Macht. Nur Wille. Nur Präsenz. Und obwohl kein Name gesprochen wurde, wusste Gregor in seinem Traum mit jener grausamen Gewissheit, die nur Träume schenken:

Alatar.

Nicht als Mensch. Nicht als Stimme allein. Eher als etwas, das den Raum selbst ausfüllte. Die Kühle der Halle war seine Haut. Die Last in Gregors Brust war seine Hand. Der Zorn, der langsam wieder in Gregor aufstieg, war kein fremdes Feuer mehr. Er war Öl, das längst in ihn gegossen worden war und nun endlich Flamme fing.

Dann sah Gregor vor sich auf dem Boden kein Blut, sondern Pergamente.

Urteile. Namen. Siegel.

Eines nach dem anderen entrollte sich vor ihm. Jeder Name war mit schwarzer Tinte geschrieben, scharf und endgültig. Tilianas, Alsted, Silbersteyn, Salberg. Richter. Zeugen. Beisitzer. Männer und Frauen, die zugesehen hatten. Namen, die er kannte, Namen, die er kaum kannte, Namen, die dennoch Gewicht trugen.

Mit jedem Namen, den sein Blick streifte, zog sich etwas in ihm fester. Keine Trauer. Nicht mehr. Etwas Klareres. Etwas Wärmeres. Etwas, das nicht mehr weinte, sondern zählte. Am Ende lag nur noch ein einziges Pergament vor ihm. Leer. Ohne Namen. Nur unten war Platz für eine Unterschrift.

Gregor sah, dass er eine Feder in der Hand hielt. Seine Rechte, die doch gebrochen war, schmerzte im Traum nicht. Sie war fest. Kraftvoll. Sicher. Wieder sprach die Stimme.
Zorn ist ehrlich.
Die Worte hallten nicht in der Halle wider. Sie stiegen in ihm selbst auf, als hätte sein Herz sie gesprochen.
Zorn lügt nicht.
Der Panther setzte sich in Bewegung. Langsam. Lautlos. Er trat vom Sockel herab, trat durch die Schatten, einmal im Kreis um Gregor herum, ohne ihn zu berühren. Und doch fühlte Gregor jede einzelne seiner Bewegungen wie einen Herzschlag in den Rippen.

Nicht wie eine Bedrohung. Wie eine Prüfung. Dann blieb das Tier vor ihm stehen, hob den Kopf und sah ihn an. In diesen Augen lag kein Trost. Kein Mitgefühl. Keine Vergebung.

Nur Wahrheit - Nackt. Unerbittlich. Kalt und glühend zugleich.

Und Gregor begriff in jenem Traum, dass ihn genau das anzog. Nicht, weil es mild war. Nicht, weil es gut war. Sondern weil es nicht log.

Da hörte er hinter sich plötzlich wieder das Meer.

Endlich.

Doch als er sich umwandte, war es nicht das Meer von Velmara. Es war schwarz und hoch und schlug gegen Felsen wie eine Armee aus Eisen. Jede Welle klang wie ein Urteil. Jeder Brecher wie das Rollen eines Kopfes über Stein.

Und mitten darin, kaum sichtbar zwischen Gischt und Dunkel, stand ein Grab. Kein Name darauf. Kein Zeichen. Nur ein aufgeworfener Hügel aus nasser Erde.

Gregor ging darauf zu. Diesmal hielt ihn nichts fest. Kein Zeichen. Kein Gebot. Keine Kette. Er kniete sich in den Schlamm und grub mit bloßen Händen. Erde brach unter seinen Nägeln auf, kalt, schwer, klebrig. Er grub tiefer, schneller, wilder, bis die Finger wund waren und das Blut sich mit der Erde mischte.

Dann stieß seine Hand auf Holz. Ein Sarg. Er wollte ihn öffnen. Doch noch bevor seine Finger den Deckel fassen konnten, hörte er hinter sich wieder die Stimme. Nicht laut. Aber unabweisbar.
Denk darüber nach, wie du ihn töten würdest.
Gregor fuhr herum. Niemand stand dort. Nur der Panther. Und hinter dem Panther die Tempelhalle. Und hinter der Halle das Meer. Und hinter dem Meer der Henkersblock.

Alles lag zugleich vor ihm, als gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen Erinnerung, Traum, Ort und Wille.

Dann sah er in der Ferne eine einzelne Gestalt am Wasser stehen. Schmal. Aufrecht. Das Haupt leicht gesenkt. Seine Mutter. Sie sprach nicht. Sie hob nicht die Hand. Sie weinte nicht. Sie sah ihn nur an. Und Gregor wusste nicht, ob in diesem Blick Bitte lag - oder Erwartung.

Da erwachte er.

Mit einem Ruck fuhr er hoch. Die Luft des Tempels war kalt in seiner Kehle. Sein Hemd klebte ihm am Leib. Das Herz schlug ihm hart gegen die Rippen. Für einen Moment wusste er nicht, wo Traum endete und wo Stein begann. Dann sah er die schwachen Kohlebecken. Hörte irgendwo fern Schritte. Roch das kalte Gemäuer des Tempels. Und tief in seiner Brust war noch immer das Echo jenes Feuers.

Nicht mehr roh wie zuvor.

Nicht mehr blind.

Aber wach.

Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen

Verfasst: Donnerstag 12. März 2026, 23:18
von Keylon von Salberg
Er hatte den Wunsch irgendetwas zu zerstören... Seine Hand gegen die Wand zu schlagen und lauthals seine Wut heraus zu schreien.
Sie hatten verloren !!!
Eine gute Chance war vertan.
Missmutig und innerlich aufgebracht ging er statt seiner Wut nach zu geben in die Kapelle, sank vor dem Altar auf die Knie und begann zu beten.
Er bat inständig das Temora dem Klosterwächter Gregor Grann beistehen würde.
Das sein Glaube ihn stärken würde, aber er musste zugeben das er wenig zuversicht hatte.

Keylon wusste nicht einmal wie lange der Mann schon gefangen war in Rahal.

Heute auf den Wege durch Adoran fand er das Lazarett gut besucht, und so steckte er neugierig aber vor allem besorgt seinen Kopf durch die Tür, und seine Augen weiteten sich als er auch die Gräfin dort in Behandlung vor fand.
Auf seine bestürzte Frage was denn geschehen sei, bekam er nur die Antwort sich in den Kerker zu begeben und sich dort informieren zu lassen.
Sofort kam er dem nach und riss die Augen auf als er dort Emilia Aragar in einen der Zellen vorfand die gerade von dem Feldwebel Breg durchsucht wurde.
Heinrik stand dabei und erklärte ihm das man ihrer Habhaft wurde, und nun gegen Fainche Orlath austauschen würde. Er solle sich rüsten.
Sofort kam er dem Befehl nach, die Rüstung wurde schnell angelegt, während Breg nicht gerade eine einfache Aufgabe nach kam.

Bald jedoch begab man sich zum Stall, ließ aufsatteln und begab sich dann aus die Stadt.
Heinrik ritt vorraus dann folgte der Feldwebel mit Aragar, und er selber bildete die Nachhut.

Der Weg führte sie zu der Gedenkstätte des Nichts, wo man absaß und wartete.
Bald schon näherten sich Reiter, vorweg Jynela Dhara die auch die Verhandlung führte.
Gregor Grann wurde vorgeführt, aber Heinrik verlangte Beide Geiseln, Gegor und Fainche aus zu tauschen, doch das wurde ihm verweigert. Nur eine Geisel gegen eine Geisel.
Keylon hätte in diesem Moment ungern mit dem Kronritter tauschen wollen.
Er hatte zu entscheiden wer leben und wer leiden würde und das war keine dankbare Aufgabe.
Natürlich entschied jener sich für Fainche, und so führte man Grann wieder zurück was Keylon einen leisen Fluch entfahren ließ.

So kam dann der Austausch zu Stande.
Fainche gegen Arragar.
Jedes Leben war wichtig das war klar, aber Grann so gehen zu sehen ließ ihn sich irgenwie hilflos fühlen.
„Grann ist damit wohl verloren.“ meinte Heinrik leise und Keylons Kopf senkte sich ab als er sich dann selber hören sagte „Selbst wenn er nun frei kommtm wird ihm das hier wie ein Verrat vorkommen müssen, Möglich das er sich nun dem Feind anschließen wird,“
Man hatte ihm deutlich gezeigt, das man ihn im Stich ließ. Lassen musste. Aber ob er das so auch sehen würde? Er nickte Heinrik seufzend zu und meinte nur „Aber ich verstehe eure Entscheidung und gehe konform damit“
Heinrik blickte zu ihm und meinte Tonlos „Das war die Absicht dieser Posse. „

Wahrscheinlich ... nein.. ganz sicher hatter er Recht.
Für Keylon blieb nun nichts anderes mehr, als für den Mann den er als ambitionieren treuen Klosterwächter hatte kennen lernen dürfen, dem Keylon für seine Dienst ein Diamantschwert geschenkt hatte, zu Beten.

So folgte er still dem Troß nach Adoran zurück.
Stieg vom Pferd, das er dem Stalljungen übergab, um dann zu Breg zu gehen um ihm mit Fainche zu helfen.
Als diese dann herabstieg ... oder eher fiel, fasste er mit an um sie zu stützen .. erhilt aber direkt eine Abfuhr von jener die ihn einfach nur anfauchte.
Sofort nahm Keylon die Hände weg und fauchte ebenso zurück „Ist ja schon gut!“
Innerlich verbot er sich den Gedanken daran das man wohl doch besser Grann hätte nehmen sollen.
Er verabschiedete sich höflichst um dann in die Kapelle zu gehen und für Gregor zu beten.
Möge Temora ihm in der für ihn so schlimmen Zeit beistehen.

"Baut eine Balliste", haben sie gesagt ...

Verfasst: Donnerstag 12. März 2026, 23:43
von Lioras Ylais
"Kriegst du es hin....nen....geschwächten und verletzten Grann zu spielen?"
Er traute seinen Ohren nicht. Hatte Jynela ihn das echt gefragt? Obwohl er offenkundig schon verletzt war? Es war kein Zweifel, kein Widerstand, der in ihm aufkam. Bloß pure Verwunderung, die kaum gegen die Abgestumpftheit seines Gemüts ankam. "Ja", hatte er gesagt und kurz darauf stand er schon im Keller der Kommandantur, um sich ... nun ... zu verunstalten. Haarfarbe kam zum Einsatz. Genauso wie etwas Waffenöl dafür herhalten musste, um das ohnehin lange Haar strähnig wirken zu lassen. Dann verwuschelte er es mit aller Macht und zupfte es nur grob zurecht, um es ungepflegt wirken zu lassen. Er rieb sich etwas Haarwuchsmittel in den Bart, um auch diesen länger wachsen zu lassen. Strubbelig, ungepflegt wie die Haare. Hier und da auf die Schnelle etwas Dreck, vor allem an die Füße. Dann wechselte er die Klamotten, zog freiwillig Gefängniskleidung an - Es sollte ja authentisch wirken. - und verband sich schließlich die Hand, die für sein Schauspiel gleich ja gebrochen sein würde. Wenn Heinrik von Alsted dabei sein würde, dann wäre jemand vor Ort, der Grann kürzlich erst lebend gesehen hatte. Der Altersunterschied von gut siebzehn Jahren erschwerte das Schauspiel genug. Da durften nicht auch noch weitere Details der Unachtsamkeit zum Opfer fallen.

Als sie alle aufbrachen, blieb er barfuß und unberitten. So, wie man einen Gefangenen eben quer durchs Reich und das Varuner Flachland schleifen würde. Er ertrug die Kälte der Nacht, jeden spitzen Stein und all die unterdrückten Schmerzen, die von seiner rechten Flanke ausgingen, nachdem dieser Arsch von Feldwebel ihn keine zwei Stunden zuvor aus dem Sattel gestoßen hatte. Schwäche und Schmerzen musste er immerhin nun nicht spielen. Er konnte es zulassen. Ebenso wie das Frieren und ... tatsächlich auch die Lethargie, die er an Grann beobachtete, als er sich jüngst mit ihm im Kerker unterhalten hatte. Er war vielleicht nicht gerade lethargisch, aber in ihm war er erschreckend ruhig, nachdem er realisiert hatte, dass er zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Waffe auf jemanden gezielt, sie getroffen und sogar verletzt hatte. Vom armen Pferd des Feldwebels mal ganz abgesehen. Er, Lioras Ylais, Vater einer 19-Jährigen hatte eine Frau, die garantiert nicht älter als Luisa war, mit voller Absicht verletzt ... in Kauf genommen, dass sie sterben und schlimmstenfalls Eltern zurücklassen würde, für die eine Welt zerbrechen würde. Es nagte an ihm. Zweifel mischten sich mit Schuld. Gewissheit rang mit Notwendigkeit. Gehorsam verdrängte Menschlichkeit.

Er gab sich dem Gefühlschaos hin, fokussierte sich auf die Zweifel und die Erschöpfung. Die Schmerzen und ... das pure Entsetzen, als Heinrik nicht ihn, sondern Fainche, die junge Rekrutin wählte. Und in dem Moment war er fast froh, dass nicht wirklich Gregor Grann da stand, den Kronritter anstarrte und wie paralysiert stehenblieb, selbst als Sayer den Befehl bekam, ihn weg zu bringen. Offener hätte der Osten seinen Klosterwächter nicht verraten können. Das hier ... war endgültig. Und Dhara hatte das garantiert genau so erhofft. Andernfalls hätte sie wohl kaum riskiert, dass Lioras im Rahmen des Schauspiels hätte in die Mitte des Feindes treten müssen. Riskiert, dass der Bluff aufflog und noch mehr unnötiges Blut vergossen wurde. So ... blieb es beim geplanten Austausch: Fainche gegen Arragar. Und beide Truppen zogen sich zurück, um ihre Wunden versorgen zu lassen. Was für ein Tag ...