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Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Dienstag 6. Januar 2026, 10:55
von Liv Kormin
Damals
Liv, 14 Jahre alt, 254

Ein Schritt und noch einer. So funktionierte das Laufen. Man kam voran, bewegte sich irgendwie durch das Leben. Sie hatte noch nicht viel davon gesehen und auch kaum etwas von seinen Vorzügen auskosten können. Aber in einem Punkt war sie sich sicher: Sie wusste, wie man läuft. Meistens zumindest irgendwie davon. Der heutige Tag war dafür allerdings nicht geeignet.
Es war einer dieser Tage, die alle paar Jahre stattfanden – Tage, an denen sich die Kormins aus aller Welt zusammenfanden und so taten, als wären sie eine große, verbundene Familie. Am Ende handelte es sich allerdings eher um eine Art Heerschau. Jeder präsentierte, was er hatte.

Ihr Vater hatte sie bereits aus dem Bett gescheucht, als die Sonne den Horizont noch nicht erreicht hatte. Er tat es nicht, um sich zu zeigen, sondern um sie zu zeigen. Er trieb sie alle ins Bad, begleitete sie bis an den Waschzuber und verteilte Anweisungen, wo und wie die Seife ihre Wirkung am besten entfaltete. Zuerst Remnon, dann Rasmus, danach Roric – und am Ende sie selbst.
Liv stand die ganze Zeit mit gesenktem Haupt da und starrte auf ihre Füße. Als einziges Mädchen in der Runde und als jemand, der nicht wirklich dazugehörte, aber irgendwie toleriert wurde, waren solche Familienrituale stets ein Graus.

Sie war ihren Brüdern dankbar, dass sie alle den Blick abwandten, als sie an der Reihe war. Einer hatte plötzlich etwas im Auge, der andere glaubte, in einer Ecke einen Schatten gesehen zu haben, und ein dritter musste sich genau in diesem Moment dringend den Schuh binden. Dass sie überhaupt auf sie warten mussten, verstand sie nicht. Vermutlich gehörte es zu einer von vielen Strafen, die ihr Vater für sie auserkoren hatte – nur weil sie ihm nicht das Geschlecht geschenkt hatte, das er sich gewünscht hätte.

Als sie schließlich alle fertig waren – geschniegelt, geputzt und schick angezogen, selbst Liv –, reihte er sie nebeneinander auf und überprüfte sie auf letzte Fehler. Bei Remnon blieb er wie immer stehen, hob die rechte Hand und legte sie auf dessen linke Schulter. Ein sanfter Druck, begleitet von einem zufriedenen Ausdruck in seinem Gesicht. Etwas, das dazu führte, dass Remnon diese Mimik übernahm – und Rasmus, Roric und auch Liv bemerkten die Ähnlichkeit. So zeitgleich, dass ihre flüchtigen Seitenblicke Bände sprachen.

Remnon war in der Nacht zurückgekehrt, nur zu Besuch, für das große Fest. Er hatte nicht einmal gelächelt, und Liv hatte keine Sekunde Zeit gefunden, ihn nach seiner Zeit an der Akademie zu fragen. Ihr Vater zog ihn sofort an seine Seite, hielt ihn dort, als wolle er der Welt eine jüngere Version seiner selbst präsentieren. Stolz – und überschattend gegenüber denen, die er nicht zu schätzen wusste.

Roric wurde auf dem Fest umgehend losgeschickt, um sich vorzustellen. Was eine höfliche Umschreibung war. Eigentlich schickten sie ihn aus, um Informationen zu sammeln. Auf einem Treffen, bei dem eigentlich jeder jedem vertrauen sollte. Aber vermutlich würde jeder Kormin einen anderen ohne mit der Wimper zu zucken abstechen, wenn der Preis dafür nur rentabel genug wäre.
Rasmus hatte sich bereits verzogen, noch bevor der Erste seinen Löffel gegen ein Glas schlug, um Worte zu sagen, ohne wirklich etwas zu sagen. Und so blieb Liv allein zurück – an der Seite ihrer Mutter, die dem Wein so zugetan war, dass sie sogar hin und wieder zur Seite lächelte. Ein schiefer, unechter Ausdruck, den Liv weder greifen noch in irgendeiner Weise verstehen konnte.
Remnon wurde derweil herumgereicht. Wie eine Trophäe, die man irgendwo erbeutet hatte und die in diesem Moment unbezahlbar schien. Ein Anblick, der dafür sorgte, dass er Liv umso ferner vorkam. Noch weiter entfernt als die Meter, die ihn ohnehin von ihr trennten, weil seine Ausbildung es verlangte. So nah, wie er ihr jetzt war, war er ihr seit Jahren nicht mehr gewesen – und doch kam es ihr vor, als wäre er zwei Welten weiter gereist.

Für sie interessierte sich niemand. Das war weder schade noch neu. Die Frauen standen meist stumm beim Wein oder beim Essen und beobachteten ihre Männer. Nur manche tauschten Blicke, trafen sich für einen kurzen Austausch, der so banal gehalten war, dass man ihn auch hätte lassen können. Liv stellte sich manchmal vor, dass es irgendwann ein geheimes Treffen gab, bei dem sie alle zusammenkamen und über ihre schrecklichen Männer sprachen. Und wäre ihre Mutter ihre Freundin gewesen, hätte sie sie längst danach gefragt.

„Was … kontrolliere diese missgebildete Göre, Samara!“

Der Aufschrei durchbrach das Präsentieren und Konkurrieren, und alle Blicke richteten sich auf einen schwarzen Schopf. Es war die Cousine Lucrezia, die begann, die Tische an einem Bein zu greifen und umzuwerfen. Mit ihrem breiten Grinsen und den viel zu kurzen Haaren hatte sie etwas Bubenhaftes an sich, das Liv staunen ließ. Sie war so viel jünger – und doch lag in ihrem Blick ein Mut, der Liv fehlte. Ein Umstand, der dazu führte, dass sie zu einer Achtjährigen aufsah. Sicherlich keine kluge Entscheidung, aber auf dem Stapel ihrer Schwächen auch nicht wirklich auffällig.

Lucrezia! Komm, wir gehen Kuchen essen!“

Ihre Mutter rannte ihr hinterher, die Arme ausgestreckt, in der Hoffnung, sie zu erwischen. Dabei bildete sich Liv ein, in ihrem Gesicht so etwas wie Erheiterung zu sehen. Während ihr Vater in der Menge immer kleiner und leiser wurde. Ja – bei der Bewertung des heutigen Tages würde er vermutlich nicht auf den vorderen Plätzen landen.
Unweigerlich wanderten Livs Augen zu Remnon. Zum ersten Mal an diesem Abend ruhte sein Blick auf ihr. Und als sie sich trafen, schenkte er ihr ein kurzes Grinsen – eines, das wohl der Situation galt und das er mit ihr teilen wollte. Und ja, da konnte sie nicht anders: Sie lächelte breit. Wenigstens einer sah sie an diesem Abend. Da durfte man auch gemeinsam lachen.

Heute

Der Abend war bereits weit fortgeschritten, und die Schneeflocken segelten träge auf die Fensterbank. Ihr Blick lag in der Ferne, und der Schnee machte das Sehen in der Nacht beinahe möglich. Der Mond spiegelte sich im Weiß, und an manchen Stellen, wo sich das Dickicht öffnete, wirkte es fast wie Tag.
Hinter ihr schnarchte Lucrezia vor sich hin und raubte ihr damit den Schlaf. Etwas, das Liv dankbar als Ausrede nutzte. Generell schlief sie auch ohne Lucrezia im Rücken selten gut oder beständig.

Theoretisch war es ein guter Abend gewesen. Man hatte sich gut präsentiert, Wogen geglättet, die vielleicht gar nicht so verbeult gewesen waren, und eine gewisse Zufriedenheit lag im Haus. Und doch pochte ihr das Herz bis zum Hals. Es war eine beständige, lähmende Angst, die sich immer weiter in ihren Körper schob und Unruhe erzeugte.

Stabilität bedeutete nicht nur Sicherheit. Sie bedeutete auch die Gefahr, in alte Muster zurückzufallen. Alte Muster, die Ketten waren. Etwas, das sie unbedingt verhindern wollte. Aber wie so oft sorgten Angst und Missfallen bei ihr nicht für Tatendrang – sondern für Stillstand.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Mittwoch 21. Januar 2026, 12:34
von Caoilinn Quinn
Jahr 250

Heideblüte

Der Morgen auf den Inselgruppen Buidheanns begann selten mit viel Licht, es war mehr ein langsames Kriechen von schwachem Sonnenschein durch dichten Morgennebel. Was jedoch jeden Morgen, vor allem am Stadtrand, unwiderruflich zu hören war, waren die typischen Geräusche, die dieses Umfeld mit sich brachte. Das tiefen, kehlig Blöken der zahlreichen Schafe, die sich dicht an dicht an den Futtertrögen drängten, das Knarren der Balken im Haus, wenn der Wind aus Nordwest an ihnen zerrte und dem dumpfen Schritt ihres Vaters auf den Dielen, welches fast unheimlich auf das junge Mädchen wirkte. Caoilinn wusste oft schon vor dem Öffnen der Augen, wie das Wetter sein würde. Der Wind erzählte es ihr, wie stark er über das Reetdach zerrte, wie er den Regen gegen die Fenster warf oder ihn nur sanft daran plätschern ließ.

Der Frühling hatte Buidheann erreicht, zumindest dem Namen nach und sie war noch klein gewesen, vielleicht sieben oder acht Jahresläufe alt. Die Heidekrautfelder zeigten erste violette Tupfer, noch zaghaft, als würden sie sich nicht sicher sein, ob die Kälte des Winters bereits weitergezogen wäre. Zwischen den graubraunen, matt grünen Hügeln wirkten sie wie verschüttete Farbreste aus einer anderen Welt. Das Mädchen liebte diese Farbe. Sie war fast das Einzige, das nicht nach Schaf roch, nicht nach feuchter Erde unter ihren Füßen oder dem kalten Stein der Wohnhäuser. Wenn der Wind richtig stand, trug er einen Hauch Süße mit sich, kaum wahrnehmbar, aber genug, um sie glauben zu lassen, dass es hier etwas Sanftes gab, etwas, das nicht hart und fordernd war.

Ihre Aufgabe an diesem Tag war simpel, wie die meisten tatsächlich ausgesprochenen Aufgaben, die man ihr auftrug. Sie sollte ihre Mutter begleiten, während diese die frisch geschorene Wolle nachsortierte. Man hätte meinen sollen, ein Haus wie die Quinn hätte dafür Bedienstete, doch der Vater bestand auf Kontrolle und vertraute seiner Frau zumindest soweit, dass jener aufgetragen wurde, noch einmal die Arbeit nachzuprüfen. So konnte sie sich immerhin nützlich machen.
Die große Ballen lagen im Schuppen, noch warm vom Körper der Tiere, doch schwer und klamm. Der kleine Blondschopf setzte sich auf einen umgedrehten Holzbottich, die Füße baumelnd, und half den anwesenden Bediensteten, die groben Verunreinigungen herauszuziehen, während die Mutter in einer letzten Kontrolle die Wolle in große Fässer verfrachtete. Kleine Zweige, verfilzter Dreck, manchmal ein Käfer, der sich verirrt hatte. Ihre Finger wurden schnell taub, kribbelten unangenehm, doch sie sagte nichts. Sie hatte gelernt, dass Stille Zustimmung war und Zustimmung Sicherheit bedeutete.

Draußen auf den Weiden bewegten sich die Schafherden wie träge, wollene Wolken, während der Vater und ihr Bruder Cael am Zaun standen - natürlich machten sie sich nicht die Hände schmutzig. Ein Hirte war auf der Weide und trieb die Wolken mit einem Stock voran, während zwei Hütehunde voller Aufmerksamkeit ihre Kreise zogen. Caoilinn beobachtete das Ganze durch die offene Schuppentür, wie ein Schauspiel, das sie in- und auswendig kannte. Jeder Handgriff, jede Bewegung war Teil eines endlosen Rhythmus, der sich Jahr für Jahr wiederholte und den sie schon so lange beobachten konnte, wie ihre Gedanken und Erinnerungen zurück reichten.

Irgendwann, als ihre Mutter kurz ins Haus ging, stand Caoilinn auf. Es war kein wirklich bewusster Akt des Ungehorsams, eher die Ungeduld eines jungen Mädchens das nicht mehr länger sitzen und Wolle sortieren wollte. Sie lief ein Stück hinter den Schuppen über das feuchte Gras, die Schuhe sofort durchnässt, bis zum Rand der aufblühenden Heide. Dort kniete sie sich hin und strich mit den Fingern über die kleinen, zarten Blüten. Sie wusste, dass sie das nicht sollte. Dass ihr Vater es nicht dulden würde, sie untätig zu sehen. Aber für einen kurzen Moment war da nur sie und das Violett, der Wind, der ihr wirres blondes Haar zerzauste, und das ferne Blöken der Schafe.

Sie pflückte eine einzelne Blüte, ganz vorsichtig, als wäre jene ein außerordentlich wertvoller Schatz. Warum das wusste sie nicht so recht, vielleicht einfach um etwas aus eigenem Willen heraus zu tun, oder vielleicht um ein Stückchen Farbe mit nach Hause zu bringen.

Als sie zurückkehrte, hielt sie die Blüte fest umklammert. Ihre Mutter, die mittlerweile zurückgekehrt war, bemerkte sie sofort. Sie hatte diesen typischen Blick im Moosgrün ihrer Augen, der alles sagte ohne das sie es laut aussprechen musste. Vorsicht. Leg es weg. Mach keine Umstände. Das kleine Mädchen, zurückgerissen von ihrem kleinen Ausflug in ein Wunschland, war zurück in der Realität angekommen und ließ die Blüte fallen, noch bevor jemand anderes sie sehen konnte. Sie trat sie sogar mit dem Schuh in den Matsch, als müsse sie beweisen, dass sie ihr nichts bedeutete.


Heute

Angekommen auf Gerimor war es ein leichtes Rasmus zu finden, was sie zuerst verunsicherte. Sie hätte erwartet, er würde umsichtiger sein, aus Angst von seinem Vater gefunden zu werden und als sie schließlich vor ihm stand, sprach seine verwirrte, zur Panik tendierende Mimik eine ganz eigene Geschichte. Eine die Caoilinn das Herz kurz zusammenschnürrte.

Von ihm war die Nachricht nicht gewesen.

Was lediglich den Rückschluss offen ließ, das nun auch die Quinns wissen mussten, wo Caoilinn steckte. Zumindest war das der erste Gedanke, der dem Blondschopf durch den Kopf schoss und die Wiedersehensfreude mit dem Rotschopf dämpfte.

Es brauchte nicht viel um sie auf den neusten Stand zu bringen, der sie zugegeben nicht weniger überforderte, als die Tatsache das ihr Vater nun gezielter nach ihr schicken konnte. Einige andere Kormins waren in Lichtenthal angekommen, nicht nur die Geschwister von Rasmus, sondern auch ein Bastard und eine andere Cousine. Mit so vielen hatte sie nicht gerechnet und es machte sie unruhig. Zu viel neues in zu kurzer Zeit, ließ die alte kindliche Panik wieder in ihr hineinkriechen.

Umso beruhigender war es, das sie schnell Arbeit auf dem Mondscheinhof fand und Luisa eine ruhige und herzliche Seele war, die nicht zu viele Fragen stellte. Auch das Bürgerbriefgespräch mit der Vogtin in Berchgard war weniger dramatisch, als sie anfangs befürchtet hatte. Kein verurteilender Blick Aufgrund ihrer Herkunft, keine scharfen Worte. Auch wenn die ganze Zeit über dieses panisch klopfende Herz in ihrem Inneren hatte und ihre Finger nicht aufhören konnten mit dem Stoff ihres Rockes zu fummeln. Sie war einfach nicht für neue Situationen gemacht.

Die nächsten Wochenläufe würde sie vielleicht die Kormins ein wenig genauer kennenlernen und vielleicht fand man über leckeres Gebäck einen besseren Zugang zueinander.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Montag 26. Januar 2026, 23:17
von Remnon Kormin
03. Lenzing 253

Das ganze Haus hatte sich in ein geschäftiges Bienennest verwandelt. Im Speisesaal wurden die langen Tafeln gerichtet, das Gesinde eilte mit flatternden Gewändern durch die Flure von Gemach zu Gemach. Selten hatte das alte Anwesen eine solche Lebendigkeit erfahren – eine Aufregung lag in der Luft, die selbst die dicken Steinmauern zu durchdringen schien.

Remnon selbst war zum einfachen Herrichten degradiert worden und schrubbte sich den Dreck aus jeder Pore, während er in seinem hölzernen Waschzuber hockte. Den Kopf in das lauwarme Wasser eintauchend, suchte er für einige Atemzüge Zuflucht vor dem Lärm jenseits der Tür. Morgen sollte der große Tag kommen – jener Tag, an dem er die heimatlichen Gefilde, die schützende Obhut des Elternhauses verlassen würde, um endlich an der Militärakademie aufgenommen zu werden, wo einst auch sein Vater unterrichtet worden war. In Fußstapfen treten, die gewaltigen Militärstiefeln entsprachen. Sein Herz pochte so kräftig, dass er es trotz der gedämpften Stille unter Wasser am Gehör vernehmen konnte – ein befremdliches, unbequemes Gefühl. Dann doch lieber der Lärm des häuslichen Treibens.

Sobald er den gesamten Ritus mit Bad, Rasur und Frisur beendet hatte, machte er sich wieder auf den Weg zu seinem Zimmer, wo bereits sein edelstes Gewand bereitliegen sollte. Als er jedoch am Schlafgemach der Eltern vorbeischritt, sah er dort seine Mutter und Liv an seinem Hemd sitzen. Liv, noch ein junges Mädchen, beobachtete die Bewegungen der Älteren mit jener aufmerksamen Stille, die nur wahre Schüler zeigen – wie die Nadel akkurat ihren Weg durch den Stoff fand und korrigierte, was nicht ordentlich, nicht dem Standard entsprach. Dieses Bild hatte er oft vorgefunden und in Liv so viel von ihrer Mutter wiedererkannt: Gründlichkeit, Konzentration, jene bedeutungsvolle Stille. Von dem Äußeren ganz zu schweigen – sie war ihr Ebenbild. Seine Schwester sah zu ihm auf und schenkte ihm ein Lächeln, das vertraut und willkommen war. Nur sie teilten es miteinander.

Die Türe zu Rasmus' Zimmer war verschlossen. Remnon konnte sich gut vorstellen, dass nur zehn Pferde den jüngeren Bruder zu den Festlichkeiten treiben könnten – oder Vater würde eine andere Methode finden, damit er gestriegelt am Esstisch saß und sich von den edlen Herrschaften begutachten ließ, die eigentlich nur für Wein und Wild gekommen waren. Dann würde er wieder jenen Zorn und jene Verachtung in dessen Augen lesen, die seinen eigenen nur allzu ähnlich waren. Rasmus würde sich wieder vorzeitig zurückziehen und nur das ertragen, was die Höflichkeit gebot und vom Vater verlangt wurde. Es wären dann genug Ablenkungen da, um ungesehen verschwinden zu können.
Remnon beneidete ihn darum.

Das feine Gewand lag auf seinem Bett, ausgebreitet, geglättet, glänzte unter manchem Sonnenstrahl wie ein Schatz, der gerade erst aus verborgener Tiefe gehoben worden war. Auch wenn das Hemd noch fehlte, legte er die Kleider an, die ihm schon jetzt zur Verfügung standen. Militärische Lederstiefel, an mancher Kante mit Nieten verstärkt. Eine dunkelblaue Stoffhose mit passendem Ledergürtel und eine Waffenscheide für ein Breitschwert. Das Oberteil, das man später über dem Hemd tragen würde, war eine Art Uniform, die allerdings keine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Armee aufwies – sie war lediglich nachempfunden, ein Zeichen des Standes mehr als der Pflicht.

Da war sie auch schon und hielt ihm das Hemd entgegen. „Nomnom?" Livs Stimme war sanft wie immer. „Du sollst es anlegen, sagt Mutter. Die Gäste werden bald eintreffen." Als er sich zu ihr umdrehte, trat sie noch einen Schritt auf ihn zu und hob das Hemd demonstrativ einige Fingerbreit höher. Remnon nickte nur und nahm es an sich, doch war da noch etwas, das ausgesprochen werden wollte. Die Blicke des Geschwisterpaares trafen sich, und vermutlich wussten beide, was ihnen auf den Lippen lag. Beide hatten Angst, einander zu verlieren. Beide wussten, dass sie sich vermissen würden. Beide wollten aussprechen, wie gern sie sich hatten und dass sie das Beste in der Welt des anderen waren. Doch das Haus fraß diese Worte, verschlang sie wie so oft zuvor, und so wandten sich beide stumm voneinander ab, damit er sein Hemd anlegen konnte, um sich dann zur Schau zu stellen – Vaters ganzer Stolz, der geborene Soldat. Fleisch für den Panther, dachte sich Remnon bitter, als er den Gedanken abschloss.

Von da an wurden Hände geschüttelt, einander respektvoll zugenickt, und viele Vorstellungen vollzogen, die man zumeist ohnehin gleich wieder vergaß. Er übte sich darin, seine Miene zu wahren, zu nicken, Banalitäten mit scheinbarem Interesse zu hinterfragen. Mehr durfte es für heute nicht sein, und mehr konnte er auch gar nicht liefern – das alles war nicht er, und nichts davon auch nur annähernd eine seiner Stärken. Wann immer er Zeit fand, sah er sich nach den anderen Kindern um.
Rasmus saß bereits für sich allein an der Tafel und beobachtete die anwesenden hohen Herren und Damen – teils Verwandtschaft, teils Vaters Freunde, bessere Bekannte oder bloße Nutznießer. Remnon sah ihm die Fluchtgedanken an, die er bereits durch eigene Erfahrung prophezeit hatte. Liv saß im Schatten der Damenwelt, die sich wiederum im Schatten ihrer Männer aufhielten – zumeist beim Kamin, wo es zumindest immer warm war. Sie musterte seltener als Rasmus die Anwesenden und hatte, wie es für sie üblich war, den Blick gen Boden gerichtet, dort etwas oder jemanden suchend.

Inzwischen, nach vier Jahresläufen, hatte sich auch Roric in den Schatten von jemandem Großem begeben und folgte Vater auf Schritt und Tritt. Er hörte ihm aufmerksam zu und sog alles auf, was ihm an Wissen weitergereicht wurde. Vermutlich glaubte er sogar, dass er nun ein Teil der Familie war.
Nicht für Remnon. Er war ein Bastard. Vaters Fehler. Und Vater machte nie Fehler.
Es stieg ihm schon wieder den Hals empor und pochte in seinen Schläfen, wenn er auch nur daran denken musste, wie sein einziges und zentralstes Vorbild sich solch widerwärtigen Trieben hatte hingeben können. Nicht selten gab er dem Halbbruder zu verstehen, dass er hier nicht willkommen war, für die Kormins nicht stark genug. Doch der Junge wirkte mit jeder Beleidigung nur gefestigter – er ertrug es schlicht, ohne zu brechen. Remnon verstand nicht, was ihn antrieb.

„Meine werten Freunde, die ihr so zahlreich angereist seid!" Vaters Stimme durchschnitt den Lärm wie eine scharfe Klinge. „Heute ist ein großer Tag für meinen Ältesten, der nun zum ersten Male das Elternhaus verlässt, um die Tradition der Kormins fortzuführen. Möge der All-Eine seinen Zorn lenken, ihm die nötige Kraft verleihen und auch Verstand schenken, allen Herausforderungen zu trotzen, die ihm auf seinem Wege begegnen werden. Remnon – komm zu mir, mein Sohn."
Vater trug ein überhebliches, ekelerregendes Lächeln zur Schau, das direkt einer Theaterbühne hätte entstammen können. Remnon war sich sicher, dass nicht er selbst gerade im Mittelpunkt stand, sondern sein alter Herr die Bühne genoss. Es war so typisch. Mit jedem Schritt, den er auf ihn zuging, stieg ein flaues Gefühl in seiner Magengrube empor – eine unheilvolle Komposition aus Emotionen, von denen keine gut war.

„Für diesen Anlass möchte ich dir unser Familienschwert überlassen. Eine Klinge, die sowohl dein Großvater als auch ich während unserer Ausbildung nutzten. Ich habe weder Mühen noch Kosten gescheut, es für dich herrichten zu lassen. Meister Tulmon" – einer dicklichen Gestalt mit dem Grinsen eines besoffenen Esels wurde anerkennend zugenickt – „hat alle Scharten ausgebessert und der Klinge zu neuem Glanz verholfen. Sie soll dich auf deiner Reise begleiten, auf dass du mich, deine Familie und dich selbst mit Stolz erfüllst."

Remnon sah zu ihm auf. Nun war da doch Ehrfurcht, und er griff mit beiden Händen nach dem Breitschwert. Am Griff erfasste er es, während die Klinge selbst noch auf der Handinnenfläche seiner rechten Hand ruhte. Er genoss tatsächlich den Moment, die Aufmerksamkeit all der Gäste. Es wurde still im Raum, still im ganzen Haus – so wie es sich gehörte.

Das Gewicht des Stahls in seinen Händen war das Gewicht der Erwartungen. Der Glanz der Klinge spiegelte das Flackern der Fackeln wider, und in diesem Moment wusste Remnon:

Morgen würde alles anders sein.

Bild

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Montag 16. März 2026, 22:34
von Remnon Kormin
04. Lenzing 253 - Militärakademie anders

Ein Teil von ihm wollte Liv nicht aufgeben und sie hier, unter so vielen Wölfen, allein zurücklassen. Doch wenn der Herr des Hauses einen Befehl erteilte, so wurden keine Widerworte geduldet – auch nicht von seinem Lieblingsspross. Remnon fand Trost in dem Gedanken, dass der Abschied nicht für immer wäre. Wie lange er seine kleine Schwester nicht sehen würde, war ihm gleichwohl unbekannt, und am Ende war es sogar weit länger, als er es sich jemals ausgemalt hatte.
Wenn Kormins für irgendetwas nicht geschaffen waren, dann war es die Seefahrt. Er hatte von seinen Großonkeln und anderen Herren der Verwandtschaft gehört, denen sich allein vom Betreten des Schiffsdecks der Magen umdrehte – und so hatte auch er dieses elende Los gezogen. Er hielt sich beharrlich an der Reling auf, damit er sich zum einen irgendwo festklammern konnte, zum anderen keiner der Matrosen erneut Essensreste vom Holz spülen musste. Schon beim zweiten Mal hatte er einen Blick kassiert, der noch lange nachhielt. Beschissenes Drakon, dachte er sich und bedachte jeden Atemzug, der ihn dem Festland näherbrachte.

So nahe war er noch nie am Feind gewesen. Den gedankenlosen Dienern einer rachsüchtigen Herrin, die seine Familie entweder in Ketten oder tot sehen wollte. Er würde sein Wissen festigen, seinen Körper stählen und Orden einheimsen, die nur darauf warteten, an seine Brust geheftet zu werden. Trotz der fahlgrünen Gesichtsfarbe und dem Magenkarussell schlich sich Vorfreude auf sein Antlitz, und wann immer es nötig war, rief er diese Gedanken herbei, um die Reise zu überstehen. Er rief oft ab.

Es geschah in den Abendstunden, im Licht einer orangeroten Sonne, die den Himmel in Schichten aus Gold, Purpur und verblassendem Blau teilte, als er endlich das Schiff verlassen durfte. Das Salz der See lag noch auf seinen Lippen, als das Beiboot ins Wasser gelassen wurde. Mit ihm und drei weiteren Rekruten ging es dem Festland entgegen. Einen Hafen, der groß genug gewesen wäre, um dort anzulegen, gab es offenbar nicht. Das trieb ihm sogleich Unsicherheit in den Blick, den er jedoch – kormintypisch – überspielte und jenen Gesichtsausdruck einnahm, der zum Pflichtprogramm der Familie gehörte. Kinn hoch, Augen klar, Mund geschlossen.

Kein schöner Sandstrand erwartete ihn, sondern gieriger Matsch, der ihm am liebsten die Stiefel von den Füßen gerissen und verschluckt hätte. Er sog schwer, schmeckte nach Fäulnis und altem Meerwasser. Ohne verbale Kunstfertigkeit wiesen die zwei Ruderer die Gruppe an, vom Boot zu steigen – stumpfes Deuten, tiefe Brummlaute. Matrosen, die zur Strafe ihre Zungen verloren hatten. Was sie wohl angestellt haben? Er fragte nicht nach. Er fragte nie nach.

Aber immerhin war sogar ein Empfangskomitee da. Drei abgehalfterte Soldaten, die ihre Speere lässig an die Schulter gelehnt hatten. Schwarzes Plattenzeug mischte sich mit Kettengeflecht an den Gelenken; auf den Wappenröcken trugen sie einen roten Raben. Ein Rabe? Was hatte es damit auf sich? Davon hatte er noch nichts gehört. War das eine gesonderte Truppe der Legion? Das würde sich sicherlich gleich klären, so schwieg er sich vorerst aus und ließ einen der anderen jungen Kerle vorsprechen.

„Mein Name lautet Jo…"

Ein Soldat, der den Charme eines abgenutzten Straßenköters hatte – und auch dessen Haarpflege – unterbrach ihn sofort. Eine kratzige Stimme, die mit gebührendem Abstand zwischen ihren Höhen sprang. Niemand, der es gewohnt war, Ansprachen zu halten oder ein Anführerdasein zu pflegen. Laufbursche. Prügelköter.

„Ees meer scheeßeegal, wiee dee heeißt, Anfänger. Für meech seed ihr Anfänger eens bees veer. Wenn ihr dee ersten veer Wochenläufe überlebt, geben weer euch eegene Namen, ees kla?"
„Verstanden… Verzeihung, Euer Rang?"

„Soldat. Soldat Elyas. Und ich fragte, ob's kla is."

Die vier Jungkerle sahen einander fragend an, ein Augenpaar suchte den Blick des nächsten Gefährten. Hinter Remnon stand lediglich noch Yorik, der während der Reise nur alle paar Stunden vorbeigekommen war und gefragt hatte, wie es ihm gehe – völlig sinnfrei. Immerhin konnte er hier genug Menschenkenntnis und vermutlich auch Intuition aufweisen, um festzustellen, dass „Is kla" war.
Elyas sah zu seinen abgebrühten Gefährten, woraufhin der mit dem Kopfverband nur die Schultern hob. Der andere Begleiter – für Remnon war er „Halbglatze mit Brandwunde" – hatte sich bereits zum Gehen gewandt.

„Eens noch: Lasst euren persönlichen Scheeß einfach heer. Alles, was ihr braucht, werdet ihr im Zeltlager vorfinden. Mehr werdet ihr nicht brauchen."

Wieder suchten sie die Blicke der anderen, doch dieses Mal verging deutlich weniger Zeit, ehe der Erste von ihnen seinen Seesack bereits in den Matsch fallen ließ. Schmatz. Gierig verschlang der Boden ihn. Remnon jedoch zögerte. Er trug seine Ausgehuniform am Leib; im Sack lagen frische Kleider von Mutter und Liv, die Schnitzfigur eines Hundes aus der Hand seines Lehrmeisters, einige Zeichnungen, die er grob von der Heimat mit Kohlestift festgehalten hatte, und Vaters Dolch.

„Großeer, weellste Ärger machen? Lass den Scheeß fallen."

Der Korminsohn wusste nicht, ob er Mitglieder einer Armee oder Wegelagerer vor sich hatte. Am liebsten hätte er seinen Frust an Elyas' Gesicht ausgelassen, doch so durfte das hier nicht anfangen. Also tat er das, was er am besten konnte – auf Befehle hören.

Vier Säcke lagen nebeneinander im Schlamm, und es fühlte sich an, als hätten sie einen Teil ihres Selbst hier zurückgelassen. Dieses Mal war das Gefühl in seinem Magen nicht mehr mit der Seekrankheit verbunden, sondern mit einer dumpfen, schwelenden Enttäuschung.

Mit jedem Schritt, der sie vom Strand forttrug, überkam ihn ein mulmiges Gefühl. Das, was als irdischer, greifbarer Pfeiler für sein Gedankenwohl gedient hatte, lag dort – vom Schlammmonster umschlungen. Im Hintergrund zwei verstummte Matrosen, die auf ein Schiff zuruderten, hinter dem die Sonne im Meer ertrank und jede Wärme mit sich in die Tiefe nahm.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Samstag 11. April 2026, 17:30
von Remnon Kormin
04. Lenzing 253 - Der Turm der Raben

Der Pfad, der sie vom Strand fortführte, war keiner. Elyas und seine zwei Begleiter schritten durch kniehohes Gestrüpp, das unter ihren Stiefeln knackte, als hätte es nie zuvor einen Fuß tragen müssen. Kein ausgetretener Weg, keine Markierung, kein Hinweis darauf, dass diesen Marsch jemals jemand anderes angetreten hatte. Nur das Geräusch brechender Halme und das schwere Atmen der vier Jungkerle, die im Gänsemarsch hinterherstolperten. Remnon ging als Zweiter, direkt hinter Josper, der sich bereits am Strand mit seinem Namen hatte vorstellen wollen und dafür nicht einmal die zweite Silbe geschenkt bekommen hatte. Der Erhabene – denn als solchen hatte ihn Remnon sofort erkannt, an der Haltung, am Stoff der Kleidung, an der Art, wie er seine Empörung herunterschluckte, ohne sie wirklich zu verdauen. Ein Spross der Vahlgrimms, wenn die Brosche an seinem Kragen nicht log; in Handelskreisen war dieses Haus kein Unbekanntes.

Hinter Remnon keuchte Yorik, dessen Schritte sich anhörten, als würde jemand nasse Lappen auf Stein klatschen. Der Dickliche hatte zwar endlich seine Gesichtsfarbe wiedergefunden, doch der Marsch durch das feuchte Dickicht trieb ihm bereits nach wenigen Minuten den Schweiß auf die Stirn. Ganz hinten, beinahe lautlos, ging der Vierte. Marek. Er hatte auf der gesamten Überfahrt kaum zwei Sätze gesprochen und wirkte dabei so unauffällig, dass Remnon sich nicht einmal sicher war, ob er ihn während der Reise überhaupt wahrgenommen hatte. Jetzt glitt er durch das Unterholz, als gehöre er hierher – den Blick stets auf Elyas gerichtet, die Schultern leicht nach vorn geneigt, bereit, jede Richtungsänderung mitzunehmen, bevor sie überhaupt eingeschlagen wurde. Wie ein Hund, der seinem Herrn folgt, noch ehe dieser pfeift.

Der Aufstieg begann ohne Ankündigung. Das Gelände hob sich, das Gestrüpp wurde dichter, und der feuchte Boden wich einem steinigen Untergrund, der in den Stiefeln schmerzte. Die Luft schmeckte anders hier oben – nicht mehr nach Salz und Fäulnis, sondern nach Rauch und etwas, das Remnon nicht einordnen konnte. Etwas Altes.

Dann, als sie eine letzte Kuppe überwanden, sah er ihn.
Der Turm war keine Festung. Kein Bollwerk, keine Bastion. Er war ein Skelett. Grauer Stein, von Moos und Flechten zerfressen, ragte etwa vier Stockwerke in den Abendhimmel, dessen letzte Farben sich bereits in das endgültige Schwarz der Nacht zurückzogen. An der Nordseite fehlte ein Stück der Mauer, notdürftig mit Brettern und Planen vernagelt, die im Wind klatschten wie feuchte Segel. Die Fensteröffnungen waren dunkel und tot – nur aus einer im zweiten Stock drang trübes Licht, das mehr flackerte als leuchtete.

Um den Turm herum, wie Geschwüre an einem kranken Leib, drängten sich etwa fünfzehn Zelte unterschiedlicher Größe und Beschaffenheit. Manche waren ordentlich aufgeschlagen, mit gespannten Leinen und Heringen, die tief im Boden steckten. Andere wirkten, als hätte sie jemand im Vorbeigehen hingeworfen und gehofft, sie würden von selbst stehen bleiben. Zwischen den Zelten lagen Aschehaufen ehemaliger Feuer, gestapeltes Holz, rostige Werkzeuge und Fässer, deren Inhalt sich der Dunkelheit entzog. Der Gestank traf ihn wie ein Faustschlag: Latrine, Tierfett und kalter Rauch, verrührt zu einer Mischung, die sich sofort in der Kleidung festsetzte.

Elyas hielt nicht an. Er führte sie direkt durch das Lager, vorbei an Gestalten, die um ein letztes Feuer hockten und den Neuankömmlingen mit dem Interesse begegneten, das man einer lästigen Fliege entgegenbringt. Ein paar Blicke, ein geflüstertes Wort, dann wandten sie sich wieder ihren Bechern und Messern zu. Niemand erhob sich, niemand grüßte, niemand tat auch nur so, als sei die Ankunft von vier neuen Seelen eine erwähnenswerte Angelegenheit. Einen Augenblick lang traf sich Remnons Blick mit dem eines älteren Soldaten, der mit einem kurzen Dolch etwas von der Sohle seines Stiefels kratzte. Die Augen waren stumpf und leer, und der Soldat sah durch ihn hindurch, als wäre Remnon aus Glas.

„Heer." Elyas blieb vor einem der heruntergekommensten Zelte stehen. Es stand am äußersten Rand des Lagers, dort, wo der Wind am härtesten traf und der Boden am feuchtesten war. Die Plane war an mehreren Stellen geflickt, und der Eingang bestand aus einem Stück Stoff, das einmal eine Flagge gewesen sein mochte – inzwischen so ausgeblichen, dass man weder Farbe noch Symbol erkennen konnte. „Veer Pritschen, veer Decken. Bis die Sonne aufgeht, seed ihr heer und nirgendwo anders. Danach werdet ihr arbeeten."

„Arbeiten?" Josper trat einen Schritt vor. Es war nicht einmal eine bewusste Entscheidung – es lag in seiner Natur, in der Erziehung, die man ihm eingehämmert hatte. Die Stimme trug jene Schärfe, die nur jemand aufbringen konnte, dem man von Kindesbeinen an versichert hatte, dass sein Wort Gewicht besaß. „Wir sind hier, um ausgebildet zu werden. Nicht um –"
Der Schlag kam von der Seite. Nicht Elyas, sondern Kopfverband, der bis eben noch hinter ihnen gestanden hatte. Ein trockener Hieb mit dem hölzernen Schaft seines Speers gegen Jospers Kniekehle. Der Vahlgrimm sackte zusammen wie ein gefällter Baum, ein überraschtes Keuchen brach aus ihm hervor, doch er fing sich mit beiden Händen auf dem Boden ab und biss die Zähne zusammen. Kein Schrei. Dafür war er zu stolz.

Remnon hatte nicht gezuckt. Nicht, weil er keine Regung empfand – sondern weil das Haus ihn gelehrt hatte, im richtigen Moment nicht zu existieren. Sein Blick blieb auf Elyas gerichtet, ruhig und leer, die Hände seitlich am Körper. Kinn hoch, Augen klar, Mund geschlossen.

„Danke, Anfänger Eens." Elyas sprach die Worte, als hätte Josper ihm soeben einen persönlichen Gefallen getan. „Das spart meer dee Wiederholung morgen früh. Freewillige vor, so sagt man doch? Anfänger Eens darf morgen dee Latrinen räumen."

Dann war er fort. Alle drei Soldaten. Ohne weiteres Wort, ohne Anweisung, ohne auch nur den Anflug einer Erklärung, was dieser Ort war, wem er gehörte oder was sie hier sollten. Die Dunkelheit verschluckte ihre Schritte, und zurück blieben vier Jungen vor einem Zelt, das aussah, als würde der nächste Windstoß es über die Klippe tragen.

Josper erhob sich. Langsam, bedacht, das verletzte Knie vorsichtig belastend. Seine Kiefermuskeln mahlten, und in seinen Augen brannte etwas, das Remnon kannte – er hatte es oft genug bei Rasmus gesehen. Doch wo sein jüngerer Bruder diesen Funken stets in Trotz und Flucht verwandelt hatte, sah er bei Josper etwas anderes: den unbedingten Willen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Nicht klüger. Nur lauter.

Yorik war der Erste, der das Zelt betrat. Er schob die alte Flagge beiseite, spähte hinein und drehte sich dann zu den anderen um, mit einem Ausdruck, den man nur als tapfere Enttäuschung beschreiben konnte. „Es ist … es gibt Pritschen", sagte er, als wäre das allein schon eine frohe Botschaft. „Vier Stück. Und Decken. So wie er gesagt hat." Er sah von einem zum nächsten und versuchte, in den Gesichtern seiner Gefährten irgendetwas zu finden, an das er sich klammern konnte. Eine Gemeinsamkeit, eine Grundlage, auf der er ein Gespräch oder gar eine Freundschaft hätte errichten können. Doch Josper starrte ins Nichts, Remnon blickte zum Turm, und Marek hatte sich bereits an ihm vorbeigeschoben und sich wortlos die Pritsche genommen, die am weitesten vom Eingang entfernt lag. Dort streifte er sich die Stiefel ab, wickelte sich in die Decke und drehte sich zur Wand. Es war so beiläufig, so selbstverständlich, als hätte er bereits hundert solcher Nächte hinter sich. Ein Chamäleon, das seine Farbe schon gewechselt hatte, noch bevor die anderen überhaupt begriffen, in welchem Wald sie sich befanden.

Remnon war der Letzte, der eintrat. Er legte sich auf die verbliebene Pritsche, zog die Decke bis zur Brust und starrte nach oben, wo das Segeltuch in einem erbärmlichen Rhythmus gegen die Querstange schlug. Neben ihm murmelte Yorik etwas von Morgen und Frühstück und wann wohl der richtige Ausbilder käme. Seine Stimme war wie ein Bach, der über Steine plätschert – harmloses, gleichmäßiges Rauschen, das niemand hörte und das dennoch nicht verstummte.

Es war kalt. Nicht die Kälte des Winters, die man hätte erwarten können. Es war die Kälte eines Ortes, der keine Wärme kannte und auch keine dulden wollte. Der Wind drückte sich durch jede Naht, jedes Loch, jeden Riss, als wollte er sicherstellen, dass niemand hier vergaß, wo er war.
Remnon vergaß es nicht.

Er dachte an die Zeichnungen im Schlamm. An Livs Hemd, das dort draußen in der Nacht verrotten würde. An die Schnitzfigur, die ein guter Mann mit geduldigen Händen aus Lindenholz geschält hatte. An Vaters Dolch, der – wenn er ehrlich war – vermutlich das Einzige war, das ihm wirklich fehlte. Nicht aus Sentimentalität. Aus Gewohnheit.

Dann schloss er die Augen. Nicht um zu schlafen, denn Schlaf würde in dieser Nacht nicht kommen. Sondern um nicht mehr sehen zu müssen, wie weit das hier von allem entfernt war, was man ihm versprochen hatte.

Draußen, zwischen den sterbenden Feuern des Lagers, lachte jemand. Es war kein fröhliches Lachen. Es klang wie das Geräusch, das Metall macht, wenn es über Stein gezogen wird.

Dem Turm war Hoffnung unerwünscht.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Mittwoch 15. April 2026, 22:22
von Remnon Kormin
05. Lenzing 253 – Der erste Morgen

Der Schlaf hatte ihn nie gefunden.

Irgendwann zwischen der dritten und vierten Stunde war das Segeltuch über ihnen still geworden – der Wind hatte sich gelegt, oder er hatte aufgehört, ihn zu hören. Yorik schnarchte leise, gleichmäßig, mit der Sorglosigkeit eines Mannes, dem es gelingt, sich selbst in jedem Untergrund zu vergessen. Josper hatte sich auf seiner Pritsche kein einziges Mal umgedreht. Ob er schlief, ließ sich nicht sagen – die Decke hob und senkte sich zu regelmäßig, um echt zu wirken.

Als das Licht durch die Naht der alten Flagge drang – grau, ohne Wärme, mehr das Ausbleichen der Nacht als ein Morgen – war er bereits auf den Beinen.

Hinter ihm raschelte es. Marek stand auf, streifte sich die Stiefel über und trat an ihm vorbei ins Freie, ohne ein Wort, ohne einen Blick. Nicht unhöflich. Einfach fort.
Draußen war das Lager wach.

Nicht laut. Nicht geschäftig. Es war das Wachsein von Leuten, die nie wirklich schlafen – ein Aufstehen ohne Anlauf, ohne Übergang, als hätte die Nacht nur kurz die Augen zugekniffen und sie bereits wieder geöffnet. Zwei Männer schleppten Holz vom Stapel ans Feuer, keiner sprach dabei. Eine Frau in verstärktem Lederzeug schärfte ihr Kurzschwert auf einem flachen Stein, methodisch, ohne aufzusehen. Ein weiterer Soldat saß auf einem umgedrehten Fass und schnitzte an einem Stock, als wäre es der einzige Gedanke, den er je gehabt hatte. Der Geruch von abgestandenem Fett und frischem Rauch mischte sich mit dem Salzwind vom Meer, der jetzt, ohne das Dickicht des gestrigen Abends, ungehindert durch das Lager fuhr.
Remnon trat heraus und blieb stehen.

Er beobachtete. Das hatte er gelernt, bevor er sprechen konnte – oder zumindest bevor es sich gelohnt hatte zu sprechen.

Die Soldaten bildeten eine eigene Welt. Sie bewegten sich mit jener beiläufigen Sicherheit, die nur Leute aufbringen, die wissen, dass sie das Messer näher haben als ihr Gegenüber. Ihre Zelte standen in einem losen Halbkreis zur Nordseite des Turms, ordentlich, aber ohne Ehrgeiz. Keine Verzierung, kein persönlicher Besitz auf den Leinen. Nur Kleidung, die trocknen musste, und Ausrüstung, die niemanden etwas anging. Drei davon hockten beisammen und aßen aus einer gemeinsamen Schüssel – zwei Männer, eine Frau, keiner davon sah auf. Sie waren nicht unfreundlich. Sie waren schlicht nicht hier, was ihn betraf.

Weiter rechts, fast am Rand des Lagers, wo der Boden fester wurde und der Lehm großen Steinen wich, hatten die Handwerker ihr Revier. Man erkannte sie am Lärm – nicht am Lärm der Arbeit, sondern dem der Gesellschaft. Eine Frau hatte ein Brett quer über zwei Fässer gelegt und aß darauf wie an einem Tisch; ein Mann hämmerte bereits in einer Art Freiluftschmiede, die eher einem zusammengestürzten Unterstand glich als einer Werkstatt. Sie lachten öfter als die Soldaten, redeten mit dem Mund voll, schimpften auf das Werkzeug. Unangenehme Kerle vielleicht – aber lebendige. Man wusste, woran man bei ihnen war.

Zwischen diesen Welten – nicht wirklich Teil von einer, aber in beiden kurz gesehen – bewegte sich Marek.

Remnon folgte ihm mit den Augen, ohne es so aussehen zu lassen. Der Vierte der Rekruten stand gerade neben einem der Soldaten und sagte etwas, das Remnon nicht hören konnte. Nicht weil es leise gewesen wäre, sondern weil Marek so sprach, dass man es eben nicht hören konnte, außer man sollte es hören. Der Soldat antwortete kurz, wandte sich ab. Marek nickte einmal, trat zurück – und befand sich bereits auf dem Weg zu den Handwerkern, mit dem gleichen gemächlichen Schritt, der keine Richtung verriet, bevor man angekommen war.

Yorik trat neben ihn. Sein Haar stand in alle Richtungen, die Augen noch halb verschlafen, doch der Mund bereits in Betrieb. Er sah sich um, nahm das Lager in sich auf und tat dabei so, als würde er es einschätzen – als hätte er das Recht dazu, nach einer einzigen Nacht.
„Ich frage mich, wer da oben sitzt."

Der Blick galt dem Turm. Das Fenster im zweiten Stock war noch immer erleuchtet – dieselbe trübe Flamme wie am Abend zuvor, als hätte sie die Nacht überstanden, weil man sie gelassen hatte.
Remnon antwortete nicht. Es war keine Frage, die eine Antwort verdiente – noch nicht. Yorik dachte laut, das hatte er bereits in der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft bewiesen. Eine Eigenheit, die Remnon weder störte noch interessierte. Sie existierte einfach, wie das Schnarchen in der Nacht.
Dann wandte er den Blick ab – und traf für einen kurzen Moment Jospers Augen, quer über das Lager.
Josper stand bei den Latrinen. Die Schultern leicht hochgezogen, den Kopf gesenkt, das verletzte Knie vorsichtig belastend. Er tat seine Arbeit, langsam, ohne Aufhebens. Remnon sah es. Josper wusste, dass er es sah. Keiner von beiden wollte, dass der andere es wusste.

Die Blicke glitten aneinander vorbei wie zwei Schiffe auf verschiedenen Kursen.
Remnon wandte sich ab. Er sah zum Turm hinauf, dorthin, wo das Fenster brannte, und ließ die Augen weiter wandern – über den grauen Stein, den geflickten Mauerbruch, die nassen Planen. Über dem Eingang des Turms, kaum sichtbar im Morgenlicht, hing das Symbol: ein roter Rabe auf schwarzem Grund.

Kein Name. Kein Versprechen. Nur ein Vogel, der aß, was andere hinterließen.

Dem Lager war Herkunft gleichgültig.

Bild

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Samstag 18. April 2026, 00:10
von Remnon Kormin
05. Lenzing 253 – Was zählt

Die Sonne hatte sich nicht wirklich gezeigt — sie war einfach irgendwann da, verborgen hinter einer gleichmäßigen Schicht grauer Wolken, die das Licht flach und ohne Schatten machten. Remnon hatte den Vormittag damit verbracht, zu tun, was man von ihm erwartete: nichts. Es gab keine Anweisung, keine Aufgabe, keinen Hinweis darauf, was als Nächstes kam. Also stand er, beobachtete, und wartete. Das kannte er.

Yorik hatte drei Anläufe unternommen, ein Gespräch zu beginnen — mit Remnon, mit Josper, mit einem Soldaten, der an ihm vorbeikam. Remnon hatte genickt. Josper hatte ihn angesehen. Der Soldat hatte nicht reagiert. Yorik hatte alle drei Versuche mit demselben unerschütterlichen Lächeln abgeschlossen und war zum nächsten übergegangen.

Marek war kaum zu sehen gewesen. Er tauchte kurz auf, verschwand wieder, tauchte an einer anderen Stelle auf. Wie ein Stück Treibholz, das der Strömung folgt, ohne dass man sagen könnte, wohin.
Elyas erschien kurz vor Mittag. Kein Ruf, kein Pfiff — er stand einfach vor ihnen, die Arme vor der Brust verschränkt, und wartete, bis alle vier Rekruten beisammen standen. Yorik knöpfte sich dabei noch schnell das Hemd zu. Elyas kommentierte es nicht. Er drehte sich einfach um und ging.
„Wir machen das eenmal. Ees gibt keene Wiederholung."

Der Rundgang begann an der Nordseite des Turms, wo die Soldaten ihr Revier hatten. Elyas zeigte mit dem Kinn in Richtung der Zelte, ohne stehen zu bleiben. „Soldaten. Neet ansprechen, neet anlaufen, neet in dee Quere kommen. Wenn eener von denen euch was sagt, hört ihr zu. Wenn zwei von denen euch was sagen und es widerspricht sich, kommt ihr zu meer." Er warf Josper einen kurzen Blick zu. „Und ihr fragt neet nach, warum."

Josper hielt den Mund. Das verletzte Knie schien ihn heute weniger zu stören — oder er ließ es sich zumindest nicht anmerken.

Weiter rechts, wo der Boden steinig wurde und das Gras aufhörte: die Handwerker. Hier blieb Elyas einen Moment länger stehen, nicht aus Respekt, sondern weil eine der Frauen gerade mit einem Hammer auf einen Amboss schlug und man sonst nichts verstanden hätte. „Handwerker. Schmiede, Zimmerleute, Gerber. Zuständig für alles, was kaputt geht. Und im Lager geht immer was kaputt." Eine kurze Pause. „Eehr haltet euch aus deren Arbeet raus. Wenn Marta euch schickt, macht ihr, was sie sagt."

Marta. Remnon prägte sich den Namen ein, ohne zu fragen, wer das war.

Dann, fast beiläufig, deutete Elyas mit dem Kopf in Richtung einer kleinen Gruppe von Zelten am äußersten Rand des Lagers — abseits, leicht versetzt, so unauffällig platziert, dass man sie beim ersten Blick übersah. „Dee da drüben lasst ihr in Ruhe. Komplett. Ihr seht sie neet, ihr hört sie neet, ihr redet neet über sie. Ees kla?"

Keiner fragte nach. Nicht einmal Yorik.

Der Turm war das Letzte. Elyas blieb davor stehen und sah die vier Rekruten der Reihe nach an — kurz, ohne besondere Betonung. „Dee Tür bleibt zu, bis euch jemand reinruft. Niemand von euch hat dort oben irgendwas verloren. Neet jetzt, neet später, neet weenn ihr glaubt, es wäre wichtig." Er ließ die Worte einen Moment hängen. „Besonders dann neet."

Dann war der Rundgang vorbei. Keine Fragen, keine Erläuterungen. Elyas wandte sich ab, als hätte er soeben eine unwichtige Pflicht erledigt.

Marta war eine Frau, die man nicht übersah — nicht weil sie laut war, sondern weil sie sich bewegte wie jemand, der genau wusste, wie viel Raum ihr zustand und keinen Finger breit davon preisgab. Sie stand vor einem offenen Lagerraum im Erdgeschoss des Turms, ein Klemmbrett unter dem linken Arm, und sah die vier Rekruten an, als hätte sie schon hundert solcher Jahrgänge kommen und gehen sehen. Was vermutlich nicht weit von der Wahrheit entfernt war.

„Eens nach dem anderen."

Sie gab jedem, was er brauchte. Nicht mehr. Ein verstärktes Arbeitshemd aus grobem Leinen, eine zweite Hose, feste Stiefel mit doppelter Sohle — „dee Küste frisst Leder, wenn ihr's neet pflegt" —, ein Ledergürtel und ein kurzes Arbeitsmesser. Kein Schwert. Kein Schild. Josper öffnete den Mund, als sie ihm das Messer hinhielt, und schloss ihn wieder, als ihr Blick ihn traf.

Bei Remnon hielt sie kurz inne. Nicht lange — nur einen Wimpernschlag. Sie sah auf ihre Liste, dann auf ihn, dann wieder auf die Liste. „Korminsohn", sagte sie, ohne den Tonfall zu verändern. Keine Frage. Keine Feststellung. Nur ein Wort, das irgendwo zwischen beidem hing.

Remnon nahm das Messer. „Danke."

Sie hatte bereits den Nächsten im Blick.

Das Mittagessen gab es am Feuer in der Mitte des Lagers. Eine große Schüssel Graupen mit etwas Geräuchertem, das man besser nicht zu genau betrachtete. Yorik setzte sich mit seiner Schüssel zu zwei Soldatinnen, die am Rand des Feuers hockten, und lächelte sie mit dem Optimismus eines Mannes an, der noch nicht oft genug enttäuscht worden war.

Eine der beiden sah ihn an. Dann sah sie wieder in ihre Schüssel.

Yorik versuchte es mit den Handwerkern. Er fand einen freien Platz neben einem breitschultrigen Mann, der bereits aß, und sagte irgendetwas über das Wetter. Der Mann hörte zu. Nickte sogar. Aß weiter. Als Yorik nach einer Weile aufgehört hatte zu reden, sagte der Mann ohne aufzusehen: „Du redest viel." Nicht unfreundlich. Nur als Feststellung. Yorik nickte, als wäre das ein Kompliment, und aß den Rest seiner Schüssel schweigend — was für ihn, wie Remnon bereits ahnte, ungefähr drei Minuten andauerte.

Remnon aß allein. Josper auch, ein Stück weiter, die Schüssel auf den Knien, den Blick irgendwo im Mittelfeld. Marek war nicht zu sehen. Irgendwann tauchte er mit einer halbvollen Schüssel auf, setzte sich kurz zu den Handwerkern, sagte etwas, das Remnon nicht hören konnte, und war zehn Minuten später bereits wieder weg.

Remnon kratzte den Boden seiner Schüssel sauber und stellte sie ab.

Das Gestern hatte hier keinen Platz. Nicht der Vater, nicht das Schwert, nicht der Abend vor dem Fest, der Abschied von Liv, nicht das Bild seiner Mutter, die ein Hemd nähte, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Hier zählte, was man trug — und was man still ertrug.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Mittwoch 22. April 2026, 22:05
von Remnon Kormin
06. Lenzing 253 – Fleisch und Eisen

Der Morgen roch nach Regen, der noch nicht gefallen war.

Elyas hatte sie kurz nach dem ersten Licht aus dem Zelt getrieben — kein Frühstück, kein Hinweis, wohin es ging. Nur eine Richtung und das Tempo seiner Schritte. Sie folgten ihm zum offenen Platz zwischen Turm und Lagerrand, wo sich bereits eine Handvoll Soldaten eingefunden hatte, die ihre Waffen prüften oder streckten oder einfach nur dastanden mit der Gleichgültigkeit von Leuten, die das schon hundertmal getan hatten.

Rona erwartete sie.

Sie stand neben einem groben Holztisch, auf dem Tücher, Verbandsmaterial und ein paar Instrumente lagen, deren Zweck sich nicht sofort erschloss. Eine Frau Mitte vierzig, kurzes graues Haar, das ordentlich zurückgekämmt war, als wäre Unordnung eine Form von Nachlässigkeit, die sie sich grundsätzlich nicht gestattete. Ihr Blick wanderte über die vier Rekruten wie der eines Schlachters, der einschätzt, was der Markt heute hergibt.

„Hemd aus. Alle vier.”

Keine Begrüßung, kein Kontext. Josper öffnete den Mund — und schloss ihn wieder, als ihr Blick ihn traf.

Sie arbeitete von links nach rechts. Marek zuerst: Sie griff ihm an die Schultern, drückte, klopfte, bog den Arm in verschiedene Richtungen. Schrieb etwas auf ihr Blatt. Kein Kommentar.
Remnon war der Dritte. Sie fasste ihn an den Schultern, den Armen, der Brust, ohne Zögern und ohne Umschweife. Drückte zwei Finger in die Seite, dort wo die Rippen aufhörten. Er atmete gleichmäßig. Sie schrieb. Auch bei ihm kein Kommentar — aber ihre Hand verweilte einen Wimpernschlag länger an der rechten Schulter, bevor sie weiterging.

Dann Yorik.

„Wie alt bist du?”

„Achtzehn Winter, Herrin.”

„Achtzehn Winter.” Sie tippte mit dem Finger gegen seinen Bauch, nicht unfreundlich, aber auch ohne jede Rücksicht. „Das hier ist kein Wintervorrat. Das kostet dich in drei Monaten das Leben, wenn du nicht lernst, es loszuwerden.”

Yorik blinzelte. „Ich… bin nicht sicher, ob ich verstehe—”

„Du hast zu viel Fett und zu wenig Muskel. Dein Herz arbeitet doppelt für halb so viel Leistung.” Sie schrieb etwas auf ihr Blatt. „Verstanden?”

Yorik nickte, das Lächeln jetzt etwas schmaler.

„Gut. Dann fang heute damit an.”

Sie wandte sich bereits ab, bevor er etwas erwidern konnte. Nicht grausam — nur abgeschlossen. Für Rona war das Gespräch beendet, weil es keine weiteren verwertbaren Informationen enthielt. Yorik stand noch einen Moment da, das Hemd in den Händen, und sah ihr nach. Dann zog er es wieder an.


--- --- --- ---



Edric stand in der Mitte des Platzes und wartete.

Kein Kommando, kein Antreten — die Übungen liefen bereits an, als die Rekruten eintrafen. Verschiedene Paare verteilten sich über den Platz, Holzwaffen schlugen aufeinander, jemand rief eine Korrektur, jemand anderes lachte kurz auf. Edric selbst bewegte sich kaum. Er stand, beobachtete, und ließ seine zwei Handlanger die Arbeit aufteilen. Der eine — breit, mit einem Narbenstreifen quer über das Kinn — nahm Josper und Marek. Der andere trat zu Remnon und Yorik.

Jelsin war vielleicht Mitte zwanzig. Schmal für einen Soldaten, mit einem stillen, aufmerksamen Blick. Er sah Remnon kurz an — nicht abschätzend, eher prüfend, auf eine Art, die über den Körper hinausging.

„Holzschwert oder Stab?"

„Schwert."

Jelsin nickte, warf ihm eines zu und trat einen Schritt zurück. „Zeig mir, was du kannst. Nicht was man dir beigebracht hat. Was du kannst."

Es war ein feiner Unterschied, den Remnon erst einen Atemzug später verstand.

Er bezog Stellung — das Gewicht gleichmäßig verteilt, die Klinge tief gehalten, der Ellbogen leicht gebeugt. Keine weite Ausholbewegung, keine aufgerichtete Brust. Der Eiserne Wolf begann immer mit dem Warten. Jelsin griff an, ohne Ankündigung — ein diagonaler Hieb von rechts oben. Remnon trat schräg vor statt zurück, ließ das Holz an seinem abgleiten und führte den eigenen Schlag in die entstandene Lücke. Nicht weit, nicht hart. Nur genau genug.

Jelsin parierte, trat zurück, griff erneut an — diesmal von unten, schneller. Remnon ließ ihn kommen. Wartete, bis der Abstand stimmte, bis die Schulter des anderen die Bewegung verriet. Dann wich er eine halbe Schrittlänge zur Seite und brachte die Klinge quer. Kein Triumph darin, keine Geste. Nur das Ende einer Sequenz.

Jelsin hielt inne. Sah ihn an — diesmal länger als zuvor. Dann trat er ohne Kommentar zurück und wandte sich Yorik zu, dessen erste Übung bereits damit begonnen hatte, dass er stolperte.


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Der Konflikt kam nicht aus dem Nichts.

Jospers Gegner war ein Soldat namens Bran — älter, breiter, mit dem müden Gesichtsausdruck dessen, der neue Rekruten als unvermeidliche Unannehmlichkeit betrachtete. Er hatte Josper dreimal zu Boden gebracht, jedes Mal mit einer anderen Technik, ohne dabei auch nur die Schultern anzuspannen. Beim dritten Mal blieb Josper einen Moment länger unten — nicht verletzt, aber keuchend, die Hände im Dreck.

„Steh auf, Kleiner. Ich hab noch mein Essen zu verdienen.”

Ein paar Soldaten in der Nähe lachten. Nicht laut — es war das beiläufige Lachen von Leuten, die das schon oft gesehen hatten und sich nicht sonderlich dafür schämten.

Josper stand auf. Sein Gesicht war ruhig auf eine Art, die Remnon kannte — die Ruhe, die kommt, wenn jemand bereits entschieden hat, was er als nächstes tut, und nur noch auf den richtigen Moment wartet.

„Noch einmal”, sagte Josper.

Bran hob die Schultern. „Gern.”

Beim vierten Mal kam Josper weiter — er hielt länger stand, trieb Bran sogar zwei Schritte zurück, bevor der ältere Soldat seine Linie fand und Josper mit einem einzigen gezielten Hieb gegen den Oberarm aus dem Gleichgewicht brachte. Das Holzschwert flog. Josper taumelte, fing sich, sah auf seine leere Hand.
„Hübsch”, sagte Bran. „Wirklich. Für jemanden, der noch nie richtig gekämpft hat.” Er bückte sich, hob Jospers Schwert auf und hielt es ihm hin. „Du hast Feuer, Junge. Schade, dass Feuer ohne Können nur abbrennt.”

Josper riss das Schwert aus seiner Hand.

Es war keine große Geste — kein Schrei, keine Drohung. Nur dieser eine Ruck, zu schnell und zu hart für eine neutrale Situation. Bran sah ihn an. Dann lächelte er, mit der Gelassenheit dessen, der weiß, dass er bereits gewonnen hat, und wandte sich ab.

Jelsin, der alles gesehen hatte, trat kurz zu Remnon. Leise, ohne Aufsehen. „Dein Freund sollte lernen, wann eine Niederlage nur eine Niederlage ist.” Eine kurze Pause. „Du weißt das bereits.”

Er war schon wieder weg, bevor Remnon etwas hätte erwidern können.​​​​​​​​​​​​​​​​ „Wie kam er zu dem Schluss?“

Yorik durchbrach seine Gedanken mit den Worten: „Es gibt Früüüühstüüück!“

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Dienstag 12. Mai 2026, 20:28
von Remnon Kormin
26. Lenzing 253 – Was bleibt, wenn der Tag geht

Drei Wochen hatten das Lager nicht verändert. Nur die, die darin lebten.
Die Tage hatten sich in einen Rhythmus eingefügt, der keine Diskussion duldete: Aufstehen vor dem Licht, Drill bis der Körper aufhörte zu protestieren, Essen wenn es gab, schlafen wenn es ging. Remnon hatte aufgehört, die Tage zu zählen. Nicht weil er es vergessen hatte, sondern weil es keinen Unterschied machte. Der Turm stand. Das Lager roch gleich. Die Arbeit wartete.
Was sich verändert hatte, war schwerer zu benennen.

Sie waren keine Fremden mehr im Lager, aber noch keine Soldaten. Irgendwo dazwischen, in einem Zwischenraum, den niemand offiziell benannte, der sich aber in kleinen Dingen zeigte: Man trat ihnen nicht mehr aus dem Weg, wenn sie am Feuer standen. Man warf ihnen kein Holz mehr nach. Die Soldaten sahen durch sie hindurch statt an ihnen vorbei, ein feiner, aber entscheidender Unterschied.
Und dann, an einem grauen Morgen, der sich von allen anderen grauen Morgen kaum unterschied, hatte Marta vier Wappenröcke auf den Tisch gelegt. Grob genähtes Leinen, schwarz, mit dem roten Raben auf der Brust, verblasst, geflickt, von einem Vorgänger getragen, dessen Name sogar der Wappenrock selbst nicht mehr kannte. Dazu je eine Schwertscheide aus glattem Leder, leer und noch ohne Gurt, als wäre das ein Versprechen, das noch eingelöst werden musste.

"Passt euch an, was nicht passt", hatte Marta gesagt, ohne aufzusehen. "Nadel und Faden liegt in der Kiste. Wenn ihr fragt habt, dann fragt. Ich will euch in einwandfreiem Zustand sehen."

"Jetzt auf einmal, war das wichtig", dachte sich Remnon.

Josper hatte seinen Wappenrock länger angesehen als nötig, die Finger einmal über den Raben gestrichen, als würde er prüfen ob die Farbe abgeht. Dann hatte er ihn angezogen mit der Miene eines Mannes, der sich noch nicht entschieden hat, was er davon hält. Remnon hatte den seinen angezogen, ohne nachzudenken, und dann erst bemerkt, dass er es getan hatte.

Das erste Gespräch hatte sich nicht angekündigt.
Es war nach einer Übung gewesen, als Jelsin sie für den Tag entlassen hatte. Josper ließ sich neben Remnon auf den Boden sinken, das Holzschwert quer über den Knien, und streckte das müdere Bein vor sich aus und seufzte laut genug, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Er sah geradeaus, nicht zu Remnon, als er sprach.

"Du schlägst nie zuerst."

Remnon antwortete nicht sofort. Er lehnte das Holzschwert gegen seine Knie und wartete, ob noch etwas kam.

"Ich meine das nicht als Kritik." Josper drehte den Kopf zu ihm, eine Augenbraue leicht angehoben.

"Na ja. Vielleicht ein bisschen. Ich beobachte dich seit Wochen. Du wartest immer. Lässt den anderen kommen, lässt ihn sich verausgaben, und dann triffst du." Er hielt inne. "Das hat mich heute den Staub schmecken lassen."

"Du gehst zu weit vor." Remnon betrachtete seine Handfläche, in der das Holzschwert eine rote Drucklinie hinterlassen hatte. "Wenn du angreifst, verlässt du deine Linie. In dem Moment bist du offen. Wer wartet, sieht das."

Josper schwieg einen Moment. Es war ein anderes Schweigen als das, das er nach dem Bran-Vorfall gezeigt hatte, kein glühender Funke, kein Mahlwerk hinter den Kiefermuskeln. Er dachte nach, und man konnte es ihm ansehen, weil es nicht die Art war, Denken zu verbergen.

"Mein Vater hat mich gelehrt, dass der Erste schlägt, der gewinnt." Er sagte es ohne Bitterkeit, fast sachlich, wie ein Rezept, das man auswendig kennt, ohne je gefragt zu haben, wer es erfunden hat.

"Meiner auch", sagte Remnon. "Er hatte nicht immer recht."

Es war das Ehrlichste, was er in drei Wochen gesagt hatte. Josper sah ihn an, wirklich an, nicht flüchtig wie sonst, und dann zog sich ein Lächeln in seinen Mundwinkel, schief und kurz, das keine Heiterkeit ausdrückte sondern eher Verständnis für das hinter den Worten. Die Art Lächeln, das entsteht, wenn jemand sagt, was man selbst noch nicht laut gedacht hat.

Josper nickte einmal, langsam.


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In den Wochen danach hatten sie öfter so gesessen. Nach den Übungen, manchmal abends vor dem Zelt, wenn das Lager zur Ruhe kam und die Stimmen der Soldaten am Feuer zu einem gleichmäßigen Rauschen wurden. Josper redete, weil er so dachte, laut und nach außen, und irgendwann hatte Remnon aufgehört, das als Schwäche zu werten. Es war einfach anders. Josper sagte Dinge, die Remnon dachte und nicht aussprach, und manchmal, wenn er es besonders präzise traf, sah Remnon ihn kurz an. Nicht mehr. Aber Josper verstand es.

Sie sprachen über die Vahlgrimms und die Kormins, über Häuser, die einen formen, bevor man alt genug ist zu fragen, ob man das will. Über Väter, die Erwartungen trugen wie Rüstungen, die man nie ablegen durfte. Josper lachte dabei manchmal, ein kurzes, echtes Lachen, das nichts schönredete, sondern nur zeigte, dass er gelernt hatte, bestimmte Dinge von außen zu betrachten. Remnon lachte nie. Aber er hörte zu auf eine Art, die Josper irgendwann bemerkt hatte, und die er respektierte, ohne sie zu kommentieren.
Sie brauchten sich nicht viel zu erklären. Das war das Einfachste daran.


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Yorik stand jeden Morgen auf, weil die anderen ihn aufstehen ließen.
Nicht immer freundlich. Manchmal war es ein Tritt gegen die Pritsche, manchmal Jospers Stimme, die seinen Namen in den Raum warf wie einen Stein ins Wasser, laut genug um zu treffen, kurz genug um keine Antwort zu verlangen. Yorik blinzelte dann immer zuerst an die Zeltplane, als wäre er jedes Mal neu überrascht wo er war. Dann setzte er sich auf. Dann stand er auf. Das war sein Morgen.
Er versuchte es. Das musste man ihm lassen, und Remnon ließ es ihm, auch an den Tagen, an denen das Lager nach Yoriks Versagen für alle schlechter wurde. Wenn Ronas wöchentlicher Blick länger auf ihm ruhte als auf den anderen, und ihre Lippen sich zusammenpressten ohne ein Wort, war das auf seine Art schlimmer als jede Strafe. Yorik wusste das. Sein Lächeln wurde nach solchen Momenten für eine Weile kleiner, bevor es sich wieder aufrichtete.

Die Kollektivstrafen kamen mit wachsender Regelmäßigkeit. Ein verpasstes Tempo, Gewicht das fallen gelassen wurden, falsch gehaltene Waffe, eine Übung, die Yorik zwei Wiederholungen hinter den anderen beendete, und Elyas' kratzige Stimme hing schon in der Luft bevor er fertig war. Die Gruppe schwieg es ab. Josper fluchte manchmal leise, für sich, in eine Richtung, in die Yorik nicht sah. Remnon schwieg. Marek sowieso. Sie halfen ihm, wenn er fiel, trieben ihn an, wenn er stehen blieb, und keiner sagte laut, was alle dachten. Es war noch keine Last. Noch nicht.


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Marek war seltener im Zelt.
Es war kein plötzliches Verschwinden, eher das Ausblenden eines Geräusches, das man erst vermisste wenn man bemerkte, dass es fehlte. Er schlief noch dort, meistens. Er aß noch mit ihnen, manchmal. Aber er kam später zurück und ging früher fort, und die Wege, die er dabei nahm, führten nicht immer dorthin, wo man sie erwartete. Wenn er sprach, verriet er weniger als er wusste. Was schon immer so gewesen war, nur fiel es jetzt auf.

Jelsin hatte Remnon an einem Abend beiläufig gesagt, während er an einer Klinge arbeitete ohne aufzusehen: „Dein stiller Kamerad findet seinen Platz." Nicht mehr. Remnon hatte nicht nachgefragt.
Die Scheide an seinem Gürtel war noch leer. Aber sie gehörte ihm.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Donnerstag 14. Mai 2026, 12:58
von Remnon Kormin
Lenzing 253 – Eisen verdient

Der Regen hatte kurz vor Mittag eingesetzt und seitdem nicht nachgelassen.
Elyas hatte sie vor dem Morgengrauen geweckt, kein Frühstück, keine Erklärung. Nur vier Rucksäcke, die mit Steinen gefüllt waren bis die Nähte protestierten, und eine Richtung, in die er zeigte. Edric wartete am Rand des Lagers, Jelsin neben ihm, und hinter ihnen zwei weitere Soldaten mit Gesichtern wie verwittertes Holz, das irgendwann aufgehört hatte zu splittern, weil nichts mehr dran war, das brechen konnte.

Remnon hob seinen Rucksack auf und spürte, wie das Gewicht in seine Schultern sackte. Daneben warf Josper seinen mit deutlich weniger Mühe über die Schulter — der seine war leichter, eindeutig. Er sah zu Marek, der seinen mit einem einzigen ruhigen Zug aufnahm, dann zu Yorik, der bereits unter dem Gewicht seines eigenen in die Knie ging. Keiner sagte etwas. Remnon verstand es trotzdem: Die Last war nicht gleich verteilt. Sie war berechnet. Jeder trug genau so viel, dass er ankommen konnte — aber keiner so wenig, dass er noch Kraft für einen anderen hätte.

„Eer erste kippt um, noch bevor eer dee halbe Strecke hinter euch habt. Wetten?" Elyas verschränkte die Arme, sein Blick streifte die vier Rekruten, landete kurz auf jedem Gesicht und fand dort nichts, das ihn überraschte. „Wer aufhört zu laufen, hört auf. Wer jetzt schon weent, kann gleech bleeben." Sein Blick blieb an Yorik hängen, eine Sekunde länger als bei den anderen.
Keine weiteren Worte. Das war Erklärung genug.

Die ersten Stunden fraßen sich langsam durch die Beine. Der Weg führte durch dichtes Gestrüpp, über Wurzeln, die sich wie Fallen durch den Boden zogen, und bergauf über feuchten Lehm, der bei jedem Schritt nachgab und die Kraft verdoppelte, die man brauchte, um voranzukommen. Die Steine im Rucksack verlagerten sich ständig, drückten abwechselnd gegen Schulterblätter und Wirbel, als wären sie lebendig. Der Regen verwandelte den Untergrund in eine braune, glitschige Masse, in der jeder Schritt eine eigene Entscheidung war. Remnon lief gleichmäßig, die Schultern gerade, das Gewicht so verteilt wie es sein Körper gelernt hatte. Josper neben ihm fluchte leise in einem Rhythmus, der fast musikalisch war, kurz und präzise nach jedem zweiten Schritt. Marek lief hinter ihnen, lautlos wie immer, als würde der Regen ihn nicht treffen.

Yorik lief als Letzter. Seine Schritte waren schwerer als die der anderen, breiter, als würde er mit jeder Bewegung mehr Boden brauchen als vorhanden war. Das Keuchen begann leise und wurde mit jeder Viertelstunde lauter, bis es das einzige war, das Remnon von hinten hörte.

Der Weg führte sie irgendwann aus dem Wald heraus, an einem schmalen Pfad entlang, der durch eine offene Wiese verlief. Ein Bauer stand am Rand seines Feldes und sah ihnen nach, die Arme auf den Zaunpfahl gestützt, das Gesicht unbewegt. Als Remnon seinen Blick traf, wandte der Mann sich ab. Kurz darauf kamen zwei Waldarbeiter entgegen, Äxte über der Schulter, schwere Stiefel. Sie traten zur Seite, noch bevor Elyas irgendetwas sagte, die Augen auf den Boden gerichtet. Eine Frau mit einem Korb voller Brennholz drückte sich gegen den Baumstamm hinter ihr, als wäre die Gruppe etwas, das man besser nicht berührte. Remnon sah sie kurz an. Sie erwiderte den Blick nicht.
„Hör ech da jemanden sterben?" Elyas lief neben ihnen, die Hände auf dem Rücken verschränkt, das Gesicht so unbewegt wie das Gestein, an dem sie vorbeizogen. Er sah nicht zu Yorik, sprach aber laut genug, dass jeder es hörte. „Das eest kein Marsch, das eest eine Wallfahrt. Wir danken Alatar für das Opfer."

Josper biss die Zähne zusammen. Remnon sah geradeaus.

Kurz nach der Hälfte des Weges blieb Yorik stehen.
Remnon bemerkte es an der Stille. Das Keuchen hörte auf, und was danach kam, war schlechter — das dumpfe Geräusch von Knien, die in den Schlamm trafen, und dann nichts mehr außer dem Regen, der gleichmäßig auf alles fiel, das sich nicht mehr bewegte.
Er blieb stehen. Drehte sich um.

Yorik kniete im Schlamm, den Rucksack noch auf dem Rücken, den Kopf gesenkt. Der Regen traf ihn auf den Schultern, auf dem Nacken, auf den Händen, die flach auf dem Boden lagen. Er sah nicht auf. Sein Atem kam in kurzen, flachen Zügen, die Brust hob und senkte sich, als hätte sie vergessen, wie das Atmen eigentlich funktionierte.

Remnon stand dort und sah ihn an. Einen Moment lang nur das.

Der Gedanke kam nicht laut. Er schlich sich an, ruhig und ohne Aufwand: Er könnte zurückgehen. Den Rucksack abnehmen. Einen Arm unter Yoriks Schulter schieben und ihn hochziehen, einen Schritt nach dem anderen, bis sie beide wieder liefen. Es wäre möglich. Der Körper wusste, wie es ginge.
Dann stieg etwas anderes auf, tiefer, älter, mit einer Stimme, die nicht seine eigene war und es doch längst geworden hatte.

Sein Vater hatte ihn gelehrt, was Schwäche war. Nicht mit Worten allein — Worte wären zu einfach gewesen, zu leicht zu vergessen. Er hatte es ihm gezeigt, mit jedem Blick, der kälter wurde, wenn jemand strauchelte, mit jeder Stille, die schwerer wog als jede Strafe. Schwäche war das, was einen Mann aus der Reihe der Ebenbürtigen fallen ließ. Wer ihr nachgab, hatte keinen Anspruch mehr auf das, was ihm zustand — auf Respekt, auf Rang, auf den Platz, den er einnahm. Schwäche war keine Entschuldigung. Sie war ein Urteil.

Remnon sah auf Yorik hinunter und suchte in sich nach Mitleid.
Er fand es. Irgendwo, klein und still, wie eine Flamme, die jemand sorgfältig vor dem Wind schützt. Es war da. Aber darunter lag etwas anderes, das älter und breiter war und mehr Platz einnahm: Verachtung. Nicht für Yorik als Menschen. Für das, was Yorik in diesem Moment war. Für das Aufgeben selbst. Für die Knie im Schlamm, für den Kopf, der nicht mehr hob. Für den Moment, in dem ein Mensch beschließt, dass er genug ist — und damit zeigt, dass er es nicht ist.
Das war es, was sein Vater ihm beigebracht hatte. Und zum ersten Mal, hier auf diesem aufgeweichten Weg, weit weg von Bärweid und dem Anwesen und dem Mann, der ihn das gelehrt hatte, fragte sich Remnon nicht, ob es richtig war. Er fragte sich nur, ob er es glaubte.

Die Antwort kam ohne Zögern.

Er drehte sich um und ging weiter.

Josper hatte auf ihn gewartet, einen halben Schritt hinter ihm, ohne es zu zeigen. Er sagte nichts, als Remnon wieder neben ihm lief. Marek lief bereits weiter, hatte sich nie umgedreht. Die zwei Soldaten am Ende des Zuges blieben bei Yorik stehen, die Arme vor der Brust, Augen geradeaus, als wäre er ein Stein am Wegrand, den man registriert und liegen lässt. Niemand half ihm auf. Niemand nahm ihm den Rucksack ab.

Der Rest des Marsches war still.

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Kurz vor dem Lager, als der Turm bereits zwischen den Bäumen auftauchte, warf Elyas einen Blick über die Schulter auf die drei, die noch liefen. Er sagte es beiläufig, ohne stehen zu bleiben. „Hab ech neet erwartet, dass überhaupt einer von euch es macht. Und jetzt stehn da dreee." Eine kurze Pause. „Frisches Fleisch fürs Mahlwerk."

Er sagte es nicht als Lob. Aber es war das Nächste, das von ihm kam.

Yoriks Pritsche blieb leer bis in den Abend. Er kam später, allein, das Gesicht halb von Schlamm bedeckt, halb vom Regen gewaschen. Er legte sich hin ohne etwas zu sagen, das Gesicht zur Wand. Irgendwann in der Nacht weinte er. Leise, gegen die Zeltwand gedrückt.

Josper rührte sich nicht. Marek auch nicht. Vielleicht schliefen sie. Vielleicht auch nicht.

„Du hast mehr als die halbe Strecke geschafft." Remnons Stimme war kaum mehr als ein Atemzug, ruhig und ohne Wärme. „Elyas hatte mit weniger gerechnet. Du hast ihm das Gegenteil bewiesen."
Das Schluchzen brach ab. Einen Augenblick lang lag nur das Geräusch des Regens auf der Zeltplane zwischen ihnen, gleichmäßig und ohne Eile.

Remnon drehte sich zur Wand und versuchte, Schlaf zu finden. Er wusste, dass es nach den heutigen Strapazen kein Mitleid geben würde, keine Nachsicht. Elyas war genau der Schrecken, von dem man Kindern erzählte, wenn man sie zum Anstand erziehen wollte. Nur dass hier die Absichten andere waren.

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Der nächste Morgen kam grau und still.

Aldric Ulman Brenner stand auf dem Platz vor dem Turm, die Daumen in den breiten Waffengurt gehakt, die Finger entspannt — eine Haltung, die nichts zur Schau stellte und doch jeden Griff zum Schwert eine halbe Sekunde näher hielt. Es war das erste Mal, dass die Rekruten ihn nah genug sahen, um ihn wirklich zu erfassen — nicht nur die Silhouette im Fenster des zweiten Stocks, nicht nur das Profil, das man beim Vorbeigehen erahnte. Anfang fünfzig, Haare und Bart kurz und grau, auf das Nötigste zurückgeschnitten, als wäre selbst das eine Form von Disziplin. Das Gesicht war kantig, tief gefurcht, die Haut von Wind und Sonne so gegerbt, dass sie kaum noch wie Haut wirkte. Die Augen lagen tief unter den Brauen, dunkel und still. Augen, die nicht suchten — die warteten.
Die Rüstung war alt. Das Metall der Schulterplatten und Armschienen war blind und dunkel, aber gepflegt — kein Rost, keine Nachlässigkeit, kein einziger loser Riemen. Die Schulterplatten waren in Form zweier Pantherköpfe geschmiedet, die Mäuler leicht geöffnet, die Augen tiefe, leere Höhlen, durch die der Wind strich. Darunter, am Übergang zwischen Plattenrüstung und Körper, lag schwarzes Leder, weich gearbeitet und doppelt vernäht. An seiner linken Seite hing ein Langschwert in einer schlichten Scheide aus geöltem Leder, ohne Verzierung, ohne Aufwand — eine Waffe, keine Geste. Auf dem Rücken trug er eine zweite Scheide, breit und lang, für ein beidhändiges Schwert. Leer. Der Wappenrock war schwarz, der rote Rabe auf der Brust noch klar erkennbar, aber von der Zeit gezeichnet: Schnitte, die jemand notdürftig nachgenäht hatte, Stellen, an denen die Farbe dem Licht nachgegeben hatte, ein langer Riss am Saum, der nie vollständig geschlossen worden war.

„Brenner." Er ließ den Namen stehen, kurz und ohne Ausschmückung. „Ich führe dieses Lager. Ich nehme mir keine Zeit für Leute, die morgen wieder weg sind." Sein Blick ruhte auf den dreien vor ihm, kurz und vollständig. „Ihr seid lang genug geblieben, dass ich euch kenne. Drei von vier haben es abgeschlossen. Der vierte steht nicht hier. Das Eisen auch nicht."

Remnon ließ den Blick kurz zum Turm wandern, ohne zu wissen warum.
Im Fenster des zweiten Stocks stand eine Gestalt. Keine Rüstung, kein Wappenrock — eine dunkle Robe, die sich gegen das trübe Licht dahinter abzeichnete. Schmal, reglos. Das Gesicht war nicht zu erkennen, aber der Kopf war geneigt, der Blick eindeutig auf den Platz gerichtet, auf sie. Sie sah ihnen zu.

Einen Moment lang, nicht länger.
Neben ihm bemerkte Remnon, wie Mareks Kopf eine winzige Bewegung machte. Auch er hatte hingesehen.

Brenner trat zu einem schmalen Tisch, auf dem drei Schwerter lagen. Kein Prunk, keine Zeremonie. Einfaches, gerades Eisen, Griffe aus dunklem Holz, die Klingen geölt und scharf. Er reichte Josper das erste, Marek das zweite.

Dann trat er zu Remnon.

Remnon nahm das Schwert. Es war schwerer als das Holzmodell, schwerer auch als er erwartet hatte, nicht im Gewicht allein. Seine Finger schlossen sich um den Griff. Josper hielt sein Schwert neben sich, ein schiefes, kurzes Lächeln im Gesicht, das er nicht ganz unterdrücken konnte.
Remnon sah ihn nicht an.

Er sah Yorik. Kniend im Schlamm. Den Rucksack noch auf dem Rücken. Den Regen, der auf ihn fiel wie auf alles andere, gleichgültig und ohne Ausnahme.

Er hatte ihn nicht aufgehoben.

Brenner trat zurück. Mehr gab es nicht.

Remnon schob das Schwert in die Scheide an seinem Gürtel. Das Leder war glatt und unberührt, und der Klang, den die Klinge beim Einrasten machte, war sauber und endgültig.

Er dachte an sein Gewissen und ließ es stehen, wo es stand.

Auf dem Weg zurück zum Zelt fiel Marek einen Schritt neben ihn. Sie liefen eine Weile schweigend, das Schwert ungewohnt an der Hüfte, der Boden noch nass vom Regen des Vortages.

„Du hast es auch gesehen", sagte Remnon leise.

Marek antwortete nicht sofort. Dann, kaum hörbar: „Wer war das?"

„Keine Ahnung. Ich hab sie noch nie hier gesehen."

„Ich auch nicht." Eine kurze Pause. „Ich passe auf."
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