Re: Normalität schmeckt nach Eisen
Verfasst: Dienstag 6. Januar 2026, 10:55
Damals
Liv, 14 Jahre alt, 254
Ein Schritt und noch einer. So funktionierte das Laufen. Man kam voran, bewegte sich irgendwie durch das Leben. Sie hatte noch nicht viel davon gesehen und auch kaum etwas von seinen Vorzügen auskosten können. Aber in einem Punkt war sie sich sicher: Sie wusste, wie man läuft. Meistens zumindest irgendwie davon. Der heutige Tag war dafür allerdings nicht geeignet.
Es war einer dieser Tage, die alle paar Jahre stattfanden – Tage, an denen sich die Kormins aus aller Welt zusammenfanden und so taten, als wären sie eine große, verbundene Familie. Am Ende handelte es sich allerdings eher um eine Art Heerschau. Jeder präsentierte, was er hatte.
Ihr Vater hatte sie bereits aus dem Bett gescheucht, als die Sonne den Horizont noch nicht erreicht hatte. Er tat es nicht, um sich zu zeigen, sondern um sie zu zeigen. Er trieb sie alle ins Bad, begleitete sie bis an den Waschzuber und verteilte Anweisungen, wo und wie die Seife ihre Wirkung am besten entfaltete. Zuerst Remnon, dann Rasmus, danach Roric – und am Ende sie selbst.
Liv stand die ganze Zeit mit gesenktem Haupt da und starrte auf ihre Füße. Als einziges Mädchen in der Runde und als jemand, der nicht wirklich dazugehörte, aber irgendwie toleriert wurde, waren solche Familienrituale stets ein Graus.
Sie war ihren Brüdern dankbar, dass sie alle den Blick abwandten, als sie an der Reihe war. Einer hatte plötzlich etwas im Auge, der andere glaubte, in einer Ecke einen Schatten gesehen zu haben, und ein dritter musste sich genau in diesem Moment dringend den Schuh binden. Dass sie überhaupt auf sie warten mussten, verstand sie nicht. Vermutlich gehörte es zu einer von vielen Strafen, die ihr Vater für sie auserkoren hatte – nur weil sie ihm nicht das Geschlecht geschenkt hatte, das er sich gewünscht hätte.
Als sie schließlich alle fertig waren – geschniegelt, geputzt und schick angezogen, selbst Liv –, reihte er sie nebeneinander auf und überprüfte sie auf letzte Fehler. Bei Remnon blieb er wie immer stehen, hob die rechte Hand und legte sie auf dessen linke Schulter. Ein sanfter Druck, begleitet von einem zufriedenen Ausdruck in seinem Gesicht. Etwas, das dazu führte, dass Remnon diese Mimik übernahm – und Rasmus, Roric und auch Liv bemerkten die Ähnlichkeit. So zeitgleich, dass ihre flüchtigen Seitenblicke Bände sprachen.
Remnon war in der Nacht zurückgekehrt, nur zu Besuch, für das große Fest. Er hatte nicht einmal gelächelt, und Liv hatte keine Sekunde Zeit gefunden, ihn nach seiner Zeit an der Akademie zu fragen. Ihr Vater zog ihn sofort an seine Seite, hielt ihn dort, als wolle er der Welt eine jüngere Version seiner selbst präsentieren. Stolz – und überschattend gegenüber denen, die er nicht zu schätzen wusste.
Roric wurde auf dem Fest umgehend losgeschickt, um sich vorzustellen. Was eine höfliche Umschreibung war. Eigentlich schickten sie ihn aus, um Informationen zu sammeln. Auf einem Treffen, bei dem eigentlich jeder jedem vertrauen sollte. Aber vermutlich würde jeder Kormin einen anderen ohne mit der Wimper zu zucken abstechen, wenn der Preis dafür nur rentabel genug wäre.
Rasmus hatte sich bereits verzogen, noch bevor der Erste seinen Löffel gegen ein Glas schlug, um Worte zu sagen, ohne wirklich etwas zu sagen. Und so blieb Liv allein zurück – an der Seite ihrer Mutter, die dem Wein so zugetan war, dass sie sogar hin und wieder zur Seite lächelte. Ein schiefer, unechter Ausdruck, den Liv weder greifen noch in irgendeiner Weise verstehen konnte.
Remnon wurde derweil herumgereicht. Wie eine Trophäe, die man irgendwo erbeutet hatte und die in diesem Moment unbezahlbar schien. Ein Anblick, der dafür sorgte, dass er Liv umso ferner vorkam. Noch weiter entfernt als die Meter, die ihn ohnehin von ihr trennten, weil seine Ausbildung es verlangte. So nah, wie er ihr jetzt war, war er ihr seit Jahren nicht mehr gewesen – und doch kam es ihr vor, als wäre er zwei Welten weiter gereist.
Für sie interessierte sich niemand. Das war weder schade noch neu. Die Frauen standen meist stumm beim Wein oder beim Essen und beobachteten ihre Männer. Nur manche tauschten Blicke, trafen sich für einen kurzen Austausch, der so banal gehalten war, dass man ihn auch hätte lassen können. Liv stellte sich manchmal vor, dass es irgendwann ein geheimes Treffen gab, bei dem sie alle zusammenkamen und über ihre schrecklichen Männer sprachen. Und wäre ihre Mutter ihre Freundin gewesen, hätte sie sie längst danach gefragt.
„Was … kontrolliere diese missgebildete Göre, Samara!“
Der Aufschrei durchbrach das Präsentieren und Konkurrieren, und alle Blicke richteten sich auf einen schwarzen Schopf. Es war die Cousine Lucrezia, die begann, die Tische an einem Bein zu greifen und umzuwerfen. Mit ihrem breiten Grinsen und den viel zu kurzen Haaren hatte sie etwas Bubenhaftes an sich, das Liv staunen ließ. Sie war so viel jünger – und doch lag in ihrem Blick ein Mut, der Liv fehlte. Ein Umstand, der dazu führte, dass sie zu einer Achtjährigen aufsah. Sicherlich keine kluge Entscheidung, aber auf dem Stapel ihrer Schwächen auch nicht wirklich auffällig.
„Lucrezia! Komm, wir gehen Kuchen essen!“
Ihre Mutter rannte ihr hinterher, die Arme ausgestreckt, in der Hoffnung, sie zu erwischen. Dabei bildete sich Liv ein, in ihrem Gesicht so etwas wie Erheiterung zu sehen. Während ihr Vater in der Menge immer kleiner und leiser wurde. Ja – bei der Bewertung des heutigen Tages würde er vermutlich nicht auf den vorderen Plätzen landen.
Unweigerlich wanderten Livs Augen zu Remnon. Zum ersten Mal an diesem Abend ruhte sein Blick auf ihr. Und als sie sich trafen, schenkte er ihr ein kurzes Grinsen – eines, das wohl der Situation galt und das er mit ihr teilen wollte. Und ja, da konnte sie nicht anders: Sie lächelte breit. Wenigstens einer sah sie an diesem Abend. Da durfte man auch gemeinsam lachen.
Heute
Der Abend war bereits weit fortgeschritten, und die Schneeflocken segelten träge auf die Fensterbank. Ihr Blick lag in der Ferne, und der Schnee machte das Sehen in der Nacht beinahe möglich. Der Mond spiegelte sich im Weiß, und an manchen Stellen, wo sich das Dickicht öffnete, wirkte es fast wie Tag.
Hinter ihr schnarchte Lucrezia vor sich hin und raubte ihr damit den Schlaf. Etwas, das Liv dankbar als Ausrede nutzte. Generell schlief sie auch ohne Lucrezia im Rücken selten gut oder beständig.
Theoretisch war es ein guter Abend gewesen. Man hatte sich gut präsentiert, Wogen geglättet, die vielleicht gar nicht so verbeult gewesen waren, und eine gewisse Zufriedenheit lag im Haus. Und doch pochte ihr das Herz bis zum Hals. Es war eine beständige, lähmende Angst, die sich immer weiter in ihren Körper schob und Unruhe erzeugte.
Stabilität bedeutete nicht nur Sicherheit. Sie bedeutete auch die Gefahr, in alte Muster zurückzufallen. Alte Muster, die Ketten waren. Etwas, das sie unbedingt verhindern wollte. Aber wie so oft sorgten Angst und Missfallen bei ihr nicht für Tatendrang – sondern für Stillstand.
Liv, 14 Jahre alt, 254
Ein Schritt und noch einer. So funktionierte das Laufen. Man kam voran, bewegte sich irgendwie durch das Leben. Sie hatte noch nicht viel davon gesehen und auch kaum etwas von seinen Vorzügen auskosten können. Aber in einem Punkt war sie sich sicher: Sie wusste, wie man läuft. Meistens zumindest irgendwie davon. Der heutige Tag war dafür allerdings nicht geeignet.
Es war einer dieser Tage, die alle paar Jahre stattfanden – Tage, an denen sich die Kormins aus aller Welt zusammenfanden und so taten, als wären sie eine große, verbundene Familie. Am Ende handelte es sich allerdings eher um eine Art Heerschau. Jeder präsentierte, was er hatte.
Ihr Vater hatte sie bereits aus dem Bett gescheucht, als die Sonne den Horizont noch nicht erreicht hatte. Er tat es nicht, um sich zu zeigen, sondern um sie zu zeigen. Er trieb sie alle ins Bad, begleitete sie bis an den Waschzuber und verteilte Anweisungen, wo und wie die Seife ihre Wirkung am besten entfaltete. Zuerst Remnon, dann Rasmus, danach Roric – und am Ende sie selbst.
Liv stand die ganze Zeit mit gesenktem Haupt da und starrte auf ihre Füße. Als einziges Mädchen in der Runde und als jemand, der nicht wirklich dazugehörte, aber irgendwie toleriert wurde, waren solche Familienrituale stets ein Graus.
Sie war ihren Brüdern dankbar, dass sie alle den Blick abwandten, als sie an der Reihe war. Einer hatte plötzlich etwas im Auge, der andere glaubte, in einer Ecke einen Schatten gesehen zu haben, und ein dritter musste sich genau in diesem Moment dringend den Schuh binden. Dass sie überhaupt auf sie warten mussten, verstand sie nicht. Vermutlich gehörte es zu einer von vielen Strafen, die ihr Vater für sie auserkoren hatte – nur weil sie ihm nicht das Geschlecht geschenkt hatte, das er sich gewünscht hätte.
Als sie schließlich alle fertig waren – geschniegelt, geputzt und schick angezogen, selbst Liv –, reihte er sie nebeneinander auf und überprüfte sie auf letzte Fehler. Bei Remnon blieb er wie immer stehen, hob die rechte Hand und legte sie auf dessen linke Schulter. Ein sanfter Druck, begleitet von einem zufriedenen Ausdruck in seinem Gesicht. Etwas, das dazu führte, dass Remnon diese Mimik übernahm – und Rasmus, Roric und auch Liv bemerkten die Ähnlichkeit. So zeitgleich, dass ihre flüchtigen Seitenblicke Bände sprachen.
Remnon war in der Nacht zurückgekehrt, nur zu Besuch, für das große Fest. Er hatte nicht einmal gelächelt, und Liv hatte keine Sekunde Zeit gefunden, ihn nach seiner Zeit an der Akademie zu fragen. Ihr Vater zog ihn sofort an seine Seite, hielt ihn dort, als wolle er der Welt eine jüngere Version seiner selbst präsentieren. Stolz – und überschattend gegenüber denen, die er nicht zu schätzen wusste.
Roric wurde auf dem Fest umgehend losgeschickt, um sich vorzustellen. Was eine höfliche Umschreibung war. Eigentlich schickten sie ihn aus, um Informationen zu sammeln. Auf einem Treffen, bei dem eigentlich jeder jedem vertrauen sollte. Aber vermutlich würde jeder Kormin einen anderen ohne mit der Wimper zu zucken abstechen, wenn der Preis dafür nur rentabel genug wäre.
Rasmus hatte sich bereits verzogen, noch bevor der Erste seinen Löffel gegen ein Glas schlug, um Worte zu sagen, ohne wirklich etwas zu sagen. Und so blieb Liv allein zurück – an der Seite ihrer Mutter, die dem Wein so zugetan war, dass sie sogar hin und wieder zur Seite lächelte. Ein schiefer, unechter Ausdruck, den Liv weder greifen noch in irgendeiner Weise verstehen konnte.
Remnon wurde derweil herumgereicht. Wie eine Trophäe, die man irgendwo erbeutet hatte und die in diesem Moment unbezahlbar schien. Ein Anblick, der dafür sorgte, dass er Liv umso ferner vorkam. Noch weiter entfernt als die Meter, die ihn ohnehin von ihr trennten, weil seine Ausbildung es verlangte. So nah, wie er ihr jetzt war, war er ihr seit Jahren nicht mehr gewesen – und doch kam es ihr vor, als wäre er zwei Welten weiter gereist.
Für sie interessierte sich niemand. Das war weder schade noch neu. Die Frauen standen meist stumm beim Wein oder beim Essen und beobachteten ihre Männer. Nur manche tauschten Blicke, trafen sich für einen kurzen Austausch, der so banal gehalten war, dass man ihn auch hätte lassen können. Liv stellte sich manchmal vor, dass es irgendwann ein geheimes Treffen gab, bei dem sie alle zusammenkamen und über ihre schrecklichen Männer sprachen. Und wäre ihre Mutter ihre Freundin gewesen, hätte sie sie längst danach gefragt.
„Was … kontrolliere diese missgebildete Göre, Samara!“
Der Aufschrei durchbrach das Präsentieren und Konkurrieren, und alle Blicke richteten sich auf einen schwarzen Schopf. Es war die Cousine Lucrezia, die begann, die Tische an einem Bein zu greifen und umzuwerfen. Mit ihrem breiten Grinsen und den viel zu kurzen Haaren hatte sie etwas Bubenhaftes an sich, das Liv staunen ließ. Sie war so viel jünger – und doch lag in ihrem Blick ein Mut, der Liv fehlte. Ein Umstand, der dazu führte, dass sie zu einer Achtjährigen aufsah. Sicherlich keine kluge Entscheidung, aber auf dem Stapel ihrer Schwächen auch nicht wirklich auffällig.
„Lucrezia! Komm, wir gehen Kuchen essen!“
Ihre Mutter rannte ihr hinterher, die Arme ausgestreckt, in der Hoffnung, sie zu erwischen. Dabei bildete sich Liv ein, in ihrem Gesicht so etwas wie Erheiterung zu sehen. Während ihr Vater in der Menge immer kleiner und leiser wurde. Ja – bei der Bewertung des heutigen Tages würde er vermutlich nicht auf den vorderen Plätzen landen.
Unweigerlich wanderten Livs Augen zu Remnon. Zum ersten Mal an diesem Abend ruhte sein Blick auf ihr. Und als sie sich trafen, schenkte er ihr ein kurzes Grinsen – eines, das wohl der Situation galt und das er mit ihr teilen wollte. Und ja, da konnte sie nicht anders: Sie lächelte breit. Wenigstens einer sah sie an diesem Abend. Da durfte man auch gemeinsam lachen.
Heute
Der Abend war bereits weit fortgeschritten, und die Schneeflocken segelten träge auf die Fensterbank. Ihr Blick lag in der Ferne, und der Schnee machte das Sehen in der Nacht beinahe möglich. Der Mond spiegelte sich im Weiß, und an manchen Stellen, wo sich das Dickicht öffnete, wirkte es fast wie Tag.
Hinter ihr schnarchte Lucrezia vor sich hin und raubte ihr damit den Schlaf. Etwas, das Liv dankbar als Ausrede nutzte. Generell schlief sie auch ohne Lucrezia im Rücken selten gut oder beständig.
Theoretisch war es ein guter Abend gewesen. Man hatte sich gut präsentiert, Wogen geglättet, die vielleicht gar nicht so verbeult gewesen waren, und eine gewisse Zufriedenheit lag im Haus. Und doch pochte ihr das Herz bis zum Hals. Es war eine beständige, lähmende Angst, die sich immer weiter in ihren Körper schob und Unruhe erzeugte.
Stabilität bedeutete nicht nur Sicherheit. Sie bedeutete auch die Gefahr, in alte Muster zurückzufallen. Alte Muster, die Ketten waren. Etwas, das sie unbedingt verhindern wollte. Aber wie so oft sorgten Angst und Missfallen bei ihr nicht für Tatendrang – sondern für Stillstand.


