Die Reise der Greifenhainer nach Kalm verlief völlig reibungslos. Naja, bisher... Sie hatten sogar einen halben Tag weniger gebraucht als veranschlagt, denn die Winde waren günstig und trieben sie voran.
Aber so ganz reibungslos stimmte nicht, immerhin war da Drago. Anstrengend. Nicht nur, weil er irgendwie eklig war, komisch roch und von oben bis unten "heidnischer Barbar" schrie. Nein, er war auch noch penetrant. So richtig unangenehm.
Ständig scharwenzelte er um Elisabeth herum. Wenn sie an der Reling lehnte, stand er plötzlich da, versuchte sie in ein Gespräch zu verwickeln. Er ignorierte jedes mal bewusst oder unbewusst ihre Versuche ihn abzuschmettern.
Er versprach ihr Truppen, die besten Reiter, geboren im Sattel. Sie, "der liebliche Falke", würde seine Brüder einen und sie zu Beak von Sankurio "dem großen Greifen" führen. Sie hätte ihn so manches Mal gern von Bord geworfen.
Eigentlich wetteten die Männer schon, wann der Knappin endlich der Geduldsfaden reißen würde und sie dem Kerl das Genick brechen würde. Aber sie tat es nicht, eisern hielt sie diesem Drang stand. Und Temora sei Zeuge, sie hätte ihn sooo gern umgehauen. Rasiert, gehäutet, gebraten, zerkaut und ausgespuckt - sie war dem Kerl wirklich überdrüssig. Aber sie war freundlich, abweisend aber freundlich. Doch nicht abweisend genug...

Sporoikja - Handelsposten für Pelze.
Noch etwa ein oder zwei Tage waren sie von Kalm entfernt, da sahen sie am Rand des Ufers ein paar runtergekommene Hafenstege, weiter hinten einige Hütten, über denen der Rauch von Öfen hinaufstieg. Der Gestank von Urin lag in der Luft. Gerber und Pelzhändler, offenbar aber war die Siedlung wenig bedeutsam, sie war runtergekommen, auch vom Wasser aus konnte man aber die Taverne im Zentrum sehen. Kein Tempel - war ja klar.
Das Schiff drehte bei, als wolle es den Hafen ansteuern.
Die Knappin war irritert. "Fehlt uns Proviant? Warum steuern wir bei?" meinte sie irritiert zu einem der Greifenkron-Brüder.
"Keine Ahnung, heute Morgen waren die Lager noch voll.." erwiederte er.
Eilig drückte sie sich zum Steuermann durch und rief. "Was soll das? Wieso drehen wir bei? Es sind nur noch zwei Tage bis Kalm - höchstens!"
"Es hieß doch ich soll... " WUMMS - unterbrach ein kräftiger Ruck den Steuermann. "SCHEIßE! Ruder auf Grund gelaufen!"
In der Folge brach kurzes Chaos aus. Doch die Greifenhainer reagierten schnell. mit langen Bootsstangen hielten sie das Schiff halbwegs in Spur. Die Dorfbewohner an Land warfen Seile an Deck, das Schiff wurde eingefangen, ohne dass es großen Schaden nahm.
Doch das Ruder war angebrochen - keine Weitereise möglich.
"Elender Mist!" schnaubte die Knappin. "Wie lange hält uns das auf?"
"Zwei Wochen? Muss erst ein Schiffsbauer kommen... Schiffsbauer sind rar, weißte, Mädel..?" Meinte der Werftarbeiter entschuldigend.
Die Knappin hätte ihn am liebsten in der Luft zerrissen. "Gibts nen anderen Weg nach Kalm? Schneller?"
"Sicher, durchs Ödland der Steppe.. das sind.. zwei drei Tage, wenn man nen Führer hat.. und keine Orks da sind.. Aber die Orks sind halt da.."
erwiderte er ungebrochen freundlich.
"Ein Führer..?" sie seufzte und wusste wohl, wen sie nun fragen musste. Sie rief nach hinten "Wo ist Drago?!"
"Verschwunden! Kaum dass wir angelegt hatten!" Rief einer der jungen Reiter zurück.
Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Drago - dieser miese Hund! Er wollte hier anlaufen! Das war SEIN Werk. Er hatte sie für eine kostenlose Überfahrt ausgenutzt und war nun abgehauen. Da entfuhr ihr der wohl bösartigste Fluch, zu dem sie im Stande war:
"Dieser Elende Hundsfott! Dieser Sohn einer verkehrtherum gebürsteten räudigen Ziege! Dieser stinkende, ekelhafte, ziegenbärtige Schafschänder! Geflickt sei seine Mutter.. !"
"Geflickt? Meint ihr.. nicht was anderes?" irritiert schaute einer der jungen Greifenhainer auf. "Darf.. eine Knappin denn eigentlich so fluchen?"
Da legte Gerard Greifenkron die Hand auf die Schulter des jungen Mannes, "Halt jetzt besser den Mund... und den Kopf unten. Ich kannte ihren Vater, die reißt dir den Kopf ab und schiebt ihn dahin, wo keine Sonne scheint.. Wenn sie so wütend ist..."
Die Wut verrauchte zwar, aber die nächsten zwei Tage saßen die Greifenhainer fest.. In Sporoikja - das steht übrigens für ... Ort der nach Pisse und Einsamkeit riecht? Die Bevölkerung bestand aus freundlichen, aber dümmlichen halb-Barbaren, die Temoras Licht vermutlich für eine gewöhnliche Kerze halten würden.
Es gab nicht einmal Gasthauszimmer, die Greifenhainer bezogen also den Stall, mit ihren Pferden.
Die Expedition schien gescheitert, ehe sie überhaupt in Kalm angekommen waren..












