Schändung des Schreines der Aufopferung

Ryana

Beitrag von Ryana »

Schnipp.
Der Kiesel traf die Übungspuppe, die sie bereits die ganze Zeit anstarrte. Aber gesprächiger schien sie nicht zu werden. Auch nicht, wenn man sie provozierte. Ein Griff in den kleinen Kieselhaufen, den sie neben sich angesammelt hatte.
Schnipp.
Es war überstanden, wenn man das so nennen konnte. Das Chaos, dass sie versehentlich verursacht hatte, wurde in Ordnung gebracht, die ‚Hexenverfolgung’ abgewendet.
Schnipp.
Das verteilte Trinkwasser hatte erstaunliche Wirkung getan. Niemand mehr wusste, dass er den Namen Darna von Elbenau einst mit dem Wort Hexe in Verbindung gebracht hatte. Vivianne hatte ganze Arbeit geleistet. Es war...
Schnipp.
Warum nur fühlte sie sich dann nur teilweise besser? Erleichtert ja, ohne Frage, der Spuk war zu Ende, die Schäden so gering wie möglich ausgefallen...aber...
Schnipp.
Dabei hätte es weit schlimmer ausgehen können.
Schnipp
Viel viel schlimmer.
Schnipp. Schnipp.
Und warum war diese verdammte Puppe ihr keine Hilfe bei der Ordnung ihrer Gedanken. Elendes...
Schnipp. Schnipp. Schnipp.
Warum machte sie sich überhaupt weiterhin Gedanken. Die Sache war erledigt, vorbei. Sie sollte sich freuen...sie sollte...
Schnipp.
Aber sie bekam die Worte nicht aus ihrem Kopf: „Ich verrate Euch nicht, und Ihr tut nichts, was mich noch weiter in einen fragwürdigen... Zusammenhang stellen würde, ja? Kein Regen, kein Schlösser öffnen.“
Schnipp.
Sie hätte nie...sie wollte nie...sie würde nie...
Schnipp. Schnipp. Schnipp.
Und dann der Blick, der sie traf, als sie von Darna in der Menge der Bürger entdeckt wurde, die sich im Kloster Temoras versammelt hatten. Nur ein flüchtiger Augenblick ehe die Ritterin ihn sofort wieder abwendete. Abermals ein Volltreffer, wie Tage zuvor im Schloss bereits. Das hätte alles ganz anders laufen sollen...
Schn...
Sie tastete umher, ehe sich ihr Blick auf den Fleck heftete, auf dem zuvor noch ein Häuflein Kiesel zu finden war. Nichts mehr. Innerliches wüten. Äußerlich bohrten sich ihre Augen in die Erde um sich herum. Ein triumphierendes Grinsen. Der Griff nach einem entdeckten mittelgroßen Kiesel. Die Finger die ihn fest umschlossen. Ein provozierender Blick gen Puppe. Ein kräftiger Wurf.
HA! Volltre...
Autsch!
Die Puppe ließ sich also doch herausfordern. Der Kiesel prallte ab, traf sie an der Stirn.
Ein zorniger Blick. Der Griff zum Stab, der auf der anderen Seite neben ihr im Gras ruhte.
Na warte.
Mit einem Sprung war sie auf den Beinen.
Autsch!
Naja, fast...sie landete auf dem umgestürzten dünnen Baumstamm, der üblicherweise als Sitzgelegenheit oder Lehne außerordentliche gute Dienste leistete, rutschte aus, und landete unsanft auf dem Boden. Er hatte sich offensichtlich mit der Puppe zusammengeschlossen und sich gegen sie verbündet.
Autsch.
Der Stab, den sie in der Hand hielt, geriet bei dem Sturz ein klein wenig außer Kontrolle. Treffer. Sie rieb sich die Stirn, warf den Stab beiseite. Sie hatten sich alle gegen sie verschworen. Zorniges Knurren. Brummelndes Aufrappeln. Ein tödlicher Blick in die Runde. Die Hände zu Fäusten geballt. Unflätiges Fluchen. Ein dazu untermauerndes Nicken in die Gruppe der Verräter. Dann drehte sie sich um, wandte ihnen den Rücken zu, streckte die Nase in die Luft und stapfte außer sich vor Wut davon.
Denen hatte sie es gegeben.


Tage später.
Sie hatte sich die letzten Tage ausgiebig mit dem Putzen des Hauses beschäftigt. Von oben nach unten, von links nach rechts und wieder zurück, quer durch die Räume, keine Ecke wurde ausgelassen. Eine Lektion die sie zu Anfang gelernt hatte, kurz nachdem ihr Weg sie hierher führte. Damals, das erste Training mit dem Stab, die Anweisungen Viviannes befolgend, doch unfähig die Puppe zu treffen. Stattdessen schlug sie schlussendlich wütend darauf los, auch wenn sie wie zuvor nur die hölzernen Streben der Halterung des ausgestopften, ständig ausweichenden, verflixten, feixenden Übungsgerätes traf. Und dann die Worte Viviannes, keinen Widerspruch zulassend, sie solle das Haus putzen gehen und ...nachdenken.

Aber irgendwie brachte sie das Nachdenken diesmal nicht weiter. Sie fand die Tücher wieder, die sie mit dem Blut des Täters getränkt hatte, verstaute sie sorgsam in einem Behältnis, sie würden noch gebraucht werden. Doch auch das Wissen, noch eine Lektion auszuteilen, ließ sie sich nicht besser fühlen. Es half alles nichts. Es wurde nicht besser. Sie hatte vertraut. Zurecht, wie sich herausstellte. Und was hatte sie dadurch gewonnen? ‚Erhalten, indem man gibt.’ erinnerte sie sich. Ein Haufen Mist!
Antworten