Die Reise ins Ungewisse
Dunkel lag das Axorn in dieser Nacht. Die Straßen führten gespenstisch leer durch die Stadt, nur das Knarzen der Wachen erklang, wenn sie ihre Position wechselten. Jyn'drarr war auf Wachgang, ein weiteres Mal seine Runden drehend, als das Unheil seinen Lauf nahm. Aus dem Nichts breitete sich ein heftiger Schmerz durch seinen Körper aus, trübte seine Sicht und schnürte ihm den Atem ab, als umklammerten unsichtbare Klauen seinen Hals. Ein Laut durchbrach die Stille, kaum mehr als ein Wispern, getragen von einer Macht, die den Raum beherrschte. Die Stimme schnitt in seine Gedanken, tief und röchelnd, gesprochen in der Sprache Vaters. Nur er allein nahm sie wahr; die Lethrixoren blieben unberührt. Trotz der pochenden Schmerzen hielt Jyn'drarr seinen Kurs. An der Brücke von Rar'Atar erschien eine Gestalt, umgeben von einem grünschwarzen Schimmer, dessen zerrissener Umhang dennoch majestätisch wirkte. Ihre Klinge schleifte über den Stein und hinterließ eine Spur aus Schwärze. Jyn'drarrs Körper spannte sich, getrieben von einer Macht, die nicht die seine war. Sein Blick verengte sich.
„Beweg dich, Lethrixor, oder muss ich dir deinen Schädel zerquetschen?“
Er folgte dem Ruf.
Die Prüfung des Geistes
Er folgte. Schritt um Schritt, sein Griff um den Waffenriemen fester werdend. Der Schatten bewegte sich, führte ihn um die Hügel. Mit jedem Schritt wandelte sich seine Umgebung. Schatten verzerrten sich, wurden zu Gestalten, deren Präsenz nicht sein durfte. Sein Körper widersetzte sich, Glieder schwer wie Blei, während sein Geist tiefer in Finsternis versank.
Dann traf ihn ein Schlag.
Als die Klinge des Abbildes ihn berührte, fiel die Welt in Dunkelheit. Farben verschwanden, als hätte ein Tornado das Fundament seines Geistes herausgerissen. Es war kein Schnitt in Fleisch und Blut – es war ein Riss in der Realität selbst. Der Tempel des alten Axorns brennte. Blutgetränkte Erde. Erzlethoryxae Cey'lin, gebeugt über den Ala'thraxor, dessen Waffe in ihren Händen lag. Dann – eine Explosion. Der Körper der Templerin zerbarst, ihre Überreste schlugen wie Splitterregen um ihn herum ein.
Ein Beben durchzuckte ihn, die Erzlethoryxae vor seinen Augen, zerfetzt von unsichtbarer Macht.
Er fiel.
Danach ergriff ihn eine Kraft, unaufhaltsm. Der Boden wurde sein Feind. Steine und Wurzeln zerrissen seine Haut, hinterließen eine Spur des Widerstands. Doch selbst als er die Finger in den Waldboden grub, war es nutzlos. Ein unsichtbarer Griff zog ihn weiter, ließ keinen Halt zu. Jeder Versuch, sich zu wehren, wurde mit mehr Druck beantwortet – ein Druck, der Knochen hätte brechen können.
Wieder erklang die Stimme, als Echo einer vergessenen Zeit:
„Was kommt nach dem Schmerz?“
Sein Atem stockte. Jede Bewegung brachte neue Qualen. Schließlich stieß er die Antwort heraus:
„Stärke.“
Die Kraft zog ihn bis zum Eingang des alten Axorn, ehe sie ihn abrupt losließ. Schmerzgepeinigt blieb Jyn'drarr liegen, keuchend am Boden. Das Abbild sprach erneut, gebieterisch:
„Komm.“
Unter größter Anstrengung zwang er sich aufzustehen, jeder Schritt eine Prüfung seines Willens. Der Weg führte ihn hinab, dorthin, wo die Schatten tiefer wuchsen. Zum alten Axorn. Unten im alten Axorn kroch der Nebel heran, legte sich wie lebendige Fesseln um seine Beine. Als er tiefer trat, verschlang ihn vollkommene Stille. Plötzlich erstarrte er – gefangen von unsichtbaren, eisigen Ketten, unfähig sich zu bewegen.
Dann vernahm er wieder seine Stimme, es hört sich so an als würde die Dunkelheit zu ihm eindringlich sprechen:
„Er hat meinen Geist nicht getötet. Das kann er nicht. Mein Geist hat schon Anderes überlebt.“
„Er hat mich unterschätzt.“
„Du wirst dem Lethyren berichten.“
„Hier.“
„Hier.“
„Hier.“
Ein verzerrtes, unmenschliches Lachen hallte aus der Dunkelheit, schrill und kalt, erfüllt von Hohn und uralter Bosheit. Es zerriss die Schwärze und zerrte erbarmungslos an Jyn'drarrs Verstand, bevor eine gewaltige Macht ihn hinaus in die eisige Kälte des Sumpfes schleuderte.
Dreckiges Sumpfwasser spritzte in alle Richtungen, der Nebel zog sich zurück. Kalte Nachtluft ergriff ihn, nahm ihm den eisernen Griff, der ihn gehalten hatte. Doch das Lachen hallte noch nach.
Es war nicht vorbei.
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit er im Sumpf wieder zu sich gekommen war. Sein Körper war schwer, sein Geist noch immer durchdrungen von den Bildern, die ihm gezeigt worden waren. Stunden, vielleicht Tage verstrichen, ehe er sich dazu zwang, einen Bericht zu verfassen.
[quote="Jyn'drarr"]Bericht an den Meister
Betreff: Begegnung mit dem Abbild von Zyth'ral
Ort des Geschehens: Axorn – Brücke von Rar'Atar – Alter Axorn – Sumpf
Während meines Wachgangs im Axorn erfasste mich unvermittelt intensiver körperlicher und geistiger Schmerz, getrieben von einem Flüstern und den Drang an die Oberfläche zu gehen, dort erwartete mich etwas. Kurz darauf erschien an der Brücke von Rar'Atar eine Gestalt – das Abbild von Zyth'ral, gehüllt in grünschwarzen Schimmer und bewaffnet mit einer Klinge.
Ich folgte der Erscheinung, getrieben von einer unnatürlichen Macht. Visionen überwältigten mich: der alte Tempel unserer alten Heimat am brennen, blutgetränkte Erde, Lethoryxae Cey'lin über den toten Ala'thraxor mit dessen Waffe in der Hand, Dann – eine Explosion. Der Körper der Erzlethoryxae zerbarst, ihre Überreste schlugen wie ein Regen um mich herum ein. Die Explosion schlug auch physisch auf mich ein, mit einer gewaltiger Kraft schleuderte es mich zu Boden, meine Knochen in der Brust brachen unweigerlich unter der enormen Kraft.
Dann griff mich eine unsichtbare Kette, sie windetete wie eine Schlange um mich. Gewaltsam wurde ich über den Waldboden geschleift, gezwungen, dem Abbild zu folgen. Am Eingang des alten Axorn ließ die Kraft mich los.
Unter größter Anstrengung zwang er mich aufzustehen, jeder Schritt war eine Prüfung meines Willens. Der Weg führte mich hinab, dorthin, wo die Schatten tiefer wuchsen. Zum alten Axorn. Unten im alten Axorn kroch der Nebel heran, legte sich wie lebendige Fesseln um meine Beine.
Als ich tiefer trat, verschlang mich eine vollkommene Stille. Plötzlich erstarrte ich– gefangen von unsichtbaren, eisigen Ketten, unfähig mich zu bewegen.
Die Gestalt sprach eindringlich: „Er hat meinen Geist nicht getötet. Das kann er nicht. Mein Geist hat schon Anderes überlebt. Er hat mich unterschätzt. Du wirst dem Lethyren berichten. Hier. Hier. Hier.“
Danach erfasste mich eine weitere gewaltige Kraft, schleuderte mich in den Sumpf, wo ich verletzt und desorientiert erwachte.
Empfehlung:
Eine genaue Untersuchung des alten Axorn und seiner Umgebung ist dringend notwendig. Diese Präsenz besitzt die Fähigkeit, massiv auf Geist und Körper einzuwirken und könnte eine unmittelbare Gefahr darstellen.
Lethrixor
Jyn'drarr
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