Lichtblitze im Nebelmeer

Geschichten eurer Charaktere
Benutzeravatar
Arjuna Marell
Beiträge: 202
Registriert: Montag 3. April 2023, 12:11

Von Gerechtigkeit, Rache und Genugtuung

Beitrag von Arjuna Marell »


Aus "Die Verbindung des ewigen Raben und der alten Spinne"



Bild


Nun habt ihr sie gehört, die Tochter.
Glaubt sie zu kennen,
ist sie nicht gut und schön?
Einspinnen lassen habt ihr euch,
von Worten und hübschen Blicken.
Doch glaubt mir, ein jeder,
ob Königstochter oder nicht,
steht mit einem Fuß im Schatten,
mit dem anderen nur im Licht.

Hier steht sie nun vor euch,
keines Königs Tochter,
keines Bettlers Weib,
keines Bruders Schwester,
ein loser Faden in der Zeit.
So sterben sie alle gleich,
egal in welches Haus geboren,
egal in welches Gewand,
ob auf Erden kurz oder lang gewesen.
Gleich ob man Hände reichte
oder Hände schlug.

Im Tode sind sie alle gleich
und enden in des Raben Reich.


Bild


  • Sie sagt, sie versteht es nicht, senkt den Blick und schüttelt den Kopf. Sie versteht nicht, wieso ich nach all der Zeit, die wir gemeinsam auf einer nostalgisch anmutenden Wippe saßen, aufgestanden und gegangen bin. Weg von Vaters Erinnerung, weg von ihr, weg von uns. Ich konnte nicht anders. Zu lange habe ich mich immer wieder vom Boden abgestoßen, verzweifelt versucht uns in Bewegung zu halten, aber es ging nicht. Ich war immer schwerer als sie, mit all meinen Sorgen, Ängsten um sie und den Erwartungen an das Leben. Ich konnte nichts tun, nichts ändern, weder mich noch sie höher steigen lassen oder hin zu den Sternen schießen. Viel zu lange hatte ich dagesessen, auf unserer Wippe mit kleinen Flüssen aus aufgewirbeltem Dreck und sehnte mich nach früheren Zeiten. Zeiten als wir beide kichernd auf und ab, hoch und nieder wippten, bis unsere Herzen glühten. Ich konnte sie noch nach mir rufen hören, als das Wippen immer langsamer wurde, ich mich immer schwerer fühlte. Doch eine Wippe die stillsteht, verdient ihren Namen nicht länger und so stieg ich irgendwann ab. Meine immer seltener werdenden Rufe erreichten sie nicht mehr und ab einem gewissen Zeitpunkt hielt ich mir die Ohren zu, um meinerseits frei von den ihren zu werden. Wäre es anders gekommen, hätte ich mein eigenes Leben geopfert um sie weiter zu erhören?



    Mehr als ein ganzer, langer Tag musste vergehen bis ich erste Veränderungen mitbekam. Zumindest die Nacht hatte ich damit verbracht die äußeren Hauswände mit einem gedrehten Stück Stoff und dem Inhalt einer meiner Fläschchen zu bemalen, nicht wirklich sichtbar für ein vorbeiziehendes Auge, aber durchaus notwendig wenn ich reichen Lohn aus dieser grässlichen Tat schlagen wollte. Einfache Symbole, die doch für meine Verbindung zu Kra’thor standen, aus Gift gezeichnete Efeublätter, Rabenfedern, eine Schlange, selbst einen feuchten Spinnenabdruck zeichnete ich auf eine der gelblichen Wände, bis eine Art Kreis um das Freudenhaus entstanden war. Sofern mein Plan aufging, schaffte ich durch diese Zeichen womöglich etwas mehr Aufmerksamkeit von Ihm zu erhalten. Ich konnte mir nicht helfen.. ja ich verspürte noch immer den Drang nach Rache und Gerechtigkeit, die Suche nach Genugtuung, gleichzeitig aber umtrieb mich eine gewisse Angst, auch ein unschuldiges Leben vom Spielbrett zu streichen, lediglich ein leises Fingerschnipsen, einfach weil ich es konnte. Doch so war ich einfach nicht. Sicherlich, ich stolperte von Zeit zu Zeit über einen mir dargebotenen, dunklen Riss auf dem glatten Erdboden meiner Welt, manches Mal tauchte ich sogar eine Fingerspitze in die dort entstandene Pfütze, doch bisher hatte ich es noch immer geschafft sie wieder trocken zu wischen, einen großen Schritt über die Unebenheit zu wagen und meinen Weg fortzusetzen.

    Hier saß ich nun, in das unschuldige Kleid eines hellen Raben gehüllt, ein paar aufgeplusterte Federn die mich vor der Kälte bewahrten und einem gelegentlichen Schnabelklappern um während des Wartens nicht einzunicken, als ich einen ersten, panischen Angstschrei aus dem Inneren des Narzissleyns hörte, der mich fast vom Ast kippen ließ.
    "Er atmet nicht mehr! ", rief eine Frauenstimme und einer der Wachmänner drehte sich bereits in das Innere der Tür, um einzutreten. Die Gunst der Stunde, denn sogleich löste ich mich vom angestammten Platz und flog wie ein verirrter Vogel zur offenen Türe hinein und setzte mich auf einem breiten Zimmerbalken des Fachwerkes ab. Kurz traf mich die schockierende Erkenntnis, dass ich mich im Inneren des Hauses auskannte, viele der mit rotem Samt bekleideten Ecken hatte ich bereits in Jentes Kopf, in seinen Erinnerungen erhascht und nun, wo ich mich selbst im Inneren dieses Etablissements wiederfand, fühlte ich mich beinahe wie ein Eindringling in eine zu intime Szenerie. Ein paar halbnackte Frauen sowie einige Gäste tummelten sich um den umgekippten Mann, ein paar schaulustige Mädchen bedachten das Geschehene bereits mit einem verräterisch zufriedenen Lächeln. Doch keine Zeit über den zu Tode gekommenen Kerl nachzusinnen, denn hinter mir fiel unter dumpfem Schlag der Kopf eines weiteren Mannes auf den Holztisch, einen grünlichen und im Kerzenschein schimmernden Schaum vor Mund und Nase. Sein Nebenmann griff grob nach dem Haarschopf um einen Blick in sein Gesicht zu werfen, ließ ihn aber ebenso schnell wieder fallen und kratzte sich hektisch und nervös über die Unterarme – er würde der Nächste sein. Und während die Männer nach und nach wie die Fliegen vom Himmel fielen, saß die kleine Rabengestalt mit geschlossenen Augen, all die lauten, drängenden und ängstlichen Geräusche ausblendend, auf ihrem Balken und sandte ein stilles Gebet an ihren Herrn.

    Einmal mehr rief ich sie in meinen Gedanken, so viele seiner Namen. Vater, Kra’thor, Richter. Ewiger Rabe, Seelenfänger, Schöpfer, rief ihn an meine Seite, dort wo ich mir seiner Anwesenheit schon unzählige Male sicher gewesen war. Und während die Spelunke sich mehr und mehr leerte, bis auf ein paar wenige Angestellte alle zur Türe hinaus gedrungen waren um einer möglichen Krankheit zu entkommen, sah ich den Onkel durch einen Vorhang in den Vorraum wanken. Eine Hand dabei bereits haltsuchend nach dem Tresen ausgestreckt, sah ich die blanke Panik in seinem düsteren Augenpaar aufkeimen, als er seine hinab gesunkenen, erstickten und toten Männer erblickte. Ein kleiner Wutausbruch, bei dem er einige Flaschen von der Theke wischte und sie scheppernd auf dem Boden zerbrach, dann sank auch er auf die Knie, nach Luft ringend, dunkelrote Äderchen in seinen weit aufgerissenen Augen, bevor er vorn über kippte und seinen letzten Atemzug tat. Ohne es zu merken hatte ich bei seinem Anblick die Luft angehalten, doch nun, als er ein letztes, röchelndes Geräusch von sich gab, entließ ich den geborgenen Atemzug in die Freiheit und spürte seit langer, langer Zeit endlich etwas wie Erleichterung. Genugtuung. Gerechtigkeit. Ja, Frieden. Und ganz leise, kaum merklich, ein seichter Strich über das Federkleid, nur ein Hauch, konnte ich auch die Anwesenheit meines Herrn spüren, den die Vielzahl an schwindenden Seelen an diesen verlassenen, dunklen Ort gelockt hatte, um mich bei meinem unsäglichen Weg zu unterstützen und die Beute einzustreichen.



    In den kommenden Morgenstunden packte ich bereits meine Sachen und verließ mein Tavernenzimmer so ordentlich und schnörkellos wie ich es vorgefunden hatte. Eine Weile lang stand ich noch mit geschlossenen Augen am Hafensteg und atmete die salzige, heimatliche Luft, die mich so sehr an meinen Vater erinnerte, dann tat ich einen letzten Schritt und begab mich an Bord des Schiffes. Noch in der Nacht hatten einige Marinesoldaten die Leichen aus dem Freudenhaus geschafft, wenngleich das Tuscheln an allen Straßenecken noch einige Wochen fortgesetzt würde. Auch meine Schwester hatte noch zur Mitternacht ihre Sachen und ihre Tochter eingepackt um das Haus zu verlassen, widerwillig würde sie mein Zimmer für die nächste Zeit bewohnen. Ich konnte es ihr nicht verdenken dass sie einen gewissen Ärger in sich spürte, wenn es um mich ging. In ihren Augen hatte ich sie verlassen, zurückgelassen - die zerkratzte Rückseite der silbernen Münze, die wir unsere eigene Wahrnehmung nannten. Nichts desto weniger hatte ich sie nach unserem Gespräch überreden können, mich in spätestens einem Jahreslauf auf Gerimor zu besuchen und sich zu melden, wenn sie etwas Gold brauchte. Nun, wo ich und meine Gedanken wieder alleine waren, glitten meine Überlegungen schon beim Absetzen des Schiffes nach Hause. Eine ziehende Sehnsucht und eine flaue Ungewissheit, die vermutlich auch meine Rückkehr nicht ausmerzen würde. Wo war er? Ging es ihm gut? Wieso hatte ich nichts von ihm gehört? Würde es immer so sein? Es war ermüdend, dass sich an einem abgeschlossenen Pfad immer ein neuer Weg abzweigte, der in rätselhafte Himmelsrichtungen führte. Ich wollte endlich ruhen, in meinem eigenen Bett, ein behütendes paar Arme um meinen Körper geschlungen und schlafen, nur schlafen. Frei von Zweifeln, frei von Sorgen, frei von Reue. Und das würde ich, schon bald.



Zuletzt geändert von Arjuna Marell am Dienstag 8. April 2025, 23:04, insgesamt 1-mal geändert.
Antworten