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Nachwort

Verfasst: Sonntag 3. Februar 2013, 22:21
von Beldan Scherenbrueck
Mit kurzen Federstrichen setzte er seine Initialen auf das untere Ende des Pergamentbogens. Ein paar Prisen aus der Streusandbüchse rundeten den Schreibprozess ab. Nachdem er die Büchse verschlossen und zurück an ihren Platz gestellt hatte, lehnte er sich in den Sessel zurück. Ein schweres Seufzen stieg ihm aus der Brust empor. Vor ihm auf dem Tisch lag seine Rücktrittserklärung. Nur das Datum fehlte noch. Im Geiste ging er noch einmal die Stationen seiner Ämterlaufbahn durch.

Im Jahr 248 legte die Wetterhoun nach mehrwöchiger Seefahrt in Bajard an. Das Schiff löschte eine für Varuna bestimmte Ladung Mühlsteine und sollte im Anschluss Datteln und Salz auf Menek’ur aufnehmen. Neben Waren transportiere es eine kleine Gruppe alumenischer Reisender, darunter auch ihn. Er hatte seit rund zehn Jahren keinen Fuß mehr auf gerimorianischen Boden gesetzt. Also quartierte er sich in der Schlafenden Meerjungfrau ein und verschaffte sich erst einmal einen Überblick.

Das Angebot des Praefector Alataris, sich der Sache Rahals anzuschließen, schlug er aus. Das Angebot der Bürger Bajards, die Amtsgeschäfte des Hafens zu übernehmen, nicht. In den Jahren 249 und 250 diente er dem Freihafen als Bürgermeister. In dieser Zeit setzte er eine Vielzahl an Gesetzen und Verordnungen um, welche die Interessen der Bewohner schützen sollten, und rief neue Institutionen wie die Bürgerversammlung ins Leben. Er leitete den Ausbau des Dorfes ein, überwachte die Aushebung der ersten – und letzten – erfolgreichen Wehr und etablierte die Bajarder Politik der Neutralität. Das Ergebnis waren zwei Jahre Frieden, in denen kein einziger Angriff auf Bajard verübt wurde. Dann machten ihm gewisse diplomatische und persönliche Verstrickungen seiner Vorgängerin und die Eitelkeit eines Menekaners einen späten Strich durch die Rechnung. Im Eluviar 250 besetzten Janitscharen des Wüstensreichs unter einem Vorwand den Hafen. Er trat in der Folge zurück.

Das Jahr 251 verbrachte er aufgrund einer schweren Krankheit in Alumenas. Bajard erlebte während dieser Zeit eine Phase großer Instabilität mit vielen Auseinandersetzungen und Kriegen. Erst im Eluviar 252 kehrte er zurück. Noch im selben Jahr wurde er zum Hauptmann der Wehr und zeitweise zum Vertreter der verreisten Bürgermeisterin ernannt. Im Jahr 253 gab er die Pflichten als Hauptmann an seinen Nachfolger ab und wurde Friedensrichter. In den Jahren seit seiner Rückkehr hatte er eine zunehmend desillusionierte und desinteressierte Bürgerschaft erlebt. Bürgerversammlungen blieben leer. Die meisten Amtsinhaber ließen sich von ihren Pflichten entbinden. Neue Kandidaten gab es nicht. Seit dem Jahr 255 war er alleiniger Verwalter des Freihafens. Die meisten Bürgerrechte, die erst während seiner ersten Amtszeit eingeführt worden waren, hatte er wieder aufheben müssen.

Was ihm während seiner ersten Amtszeit meist gelungen war, misslang ihm nun durchweg. Er schaffte es nicht mehr, einen Draht zur Bevölkerung Bajards aufzubauen und aus den Bewohnern zumindest zeitweise eine Einheit zu formen. Und er schaffte es nicht mehr, einen Draht zu den jungen Männern und Frauen aufzubauen, die jetzt in Lichtenthal und Rahal regierten. Ob er dabei schlicht versagte oder ob sich die Zeiten so geändert hatten, dass diese Aufgaben für einen Mann seines Schlages nicht mehr lösbar waren, wusste er nicht. Er besaß sicherlich nicht mehr den gleichen Schneid und Ehrgeiz wie früher. Aber er spürte auch, dass sich die Welt verändert hatte. Das Klima war rauer geworden. Gewalt zählte mehr als Worte. Und war in Bajard, zu seinem Leidwesen, alltäglich geworden.

Durch den ausbleibenden Erfolg war er mit dem Leben in Bajard zunehmend unzufriedenen. Er ertappte sich immer öfter dabei, wie er Überlegungen und Rechnungen anstellte: wie viel Zeit er für Bajard geopfert hatte; wie viel Gold er in die Stadtkasse gezahlt und auf wie viele Kronen Gehalt er verzichtet hatte; wie viele Demütigungen er hatte erdulden musste; wie oft er angegriffen oder bedroht worden war; wie oft er betrogen worden war; welche Risiken das Amt für seine Familie bedeutete. Daneben suchte er nach den Dingen, die ihm gelungen waren, nach den Perspektiven, die sich ihm eröffneten. Und jeden Tag vergällte ihm die Gegenwart etwas mehr von dem, was er in der Vergangenheit erreicht hatte. Und ließ etwas weniger von dem Mann zurück, der er einmal gewesen war.

Männern wie ihm fiel es schwer, sich Verluste und Niederlagen einzugestehen. Jedes Jahr hatte er noch eines hintenan gehängt, in der Hoffnung, die Verluste wieder ausgleichen zu können. Jedes Jahr war der Verlust ein Stück größer geworden. Zu wissen, dass es damit bald vorbei sein würde, war zumindest eine gewisse Erleichterung. Aber auch eine Form der Resignation. Begeisterung sah anders aus.

Etwas schwerfällig beugte er sich vor und trug, nach einem kurzen Zögern, ein Datum auf dem Pergament ein. Dann rollte er das Schreiben zusammen und verschloss es vorläufig in der Schublade seines Schreibtisches.

Verfasst: Samstag 26. Oktober 2013, 13:16
von Beldan Scherenbrueck
Er begleite seine Tochter, die mit Schippe und Eimer unterwegs war, um gestrandete Quallen zu retten und zurück ins Meer zu werfen, durch das Dorf. Von gelegentlichen „Qualle! QUALLE!!“ und „Kassius, pfui! PFUI!!“ Rufen, dem Vorführeffekt besonders prächtiger Exemplare und manch spontaner Anwandlung („Können wir die behalten?“, „Nein, die ist für die Mama!“) abgesehen, war es ein ruhiger, angenehmer Spaziergang. Während seine Tochter und der große Bauernhund von Qualle zu Qualle stürmten, rauchte er sein Meerschaumpfeifchen und pilgerte ihnen langsam nach. Von See her wehte ein milder Wind und er hatte den Mantel nicht zugeknöpft.

*****

Viel Neues gab es in Bajard nicht zu entdecken. Alaynas Taverne öffnete erst am Abend und der Torkelnde Oger hatte seinen Kundenstamm längst verloren. Nur vor der Schmiede von Herrn Kalbach und der Schneiderei von Frau Reburg herrschte etwas Betriebsamkeit. Zwar konnte man wieder hinaus, ohne an jeder Häuserecke bedroht und angepöbelt zu werden. Auch das hatte seinen Reiz. Aber im Gegenzug blieben die Straßen leer, was ihn zu der vagen Vermutung verleitete, dass Bajard außer Gesindel nicht viel zu bieten hatte. Natürlich war es immer eine utopische Vorstellung gewesen, die Menschen könnten hier ohne jede Form von Gesetz und Ordnung existieren. Ein geregeltes Zusammenleben brauchte eben genau das, Regeln. Und die waren ohne starke Hand nicht zu machen, geschweige denn durchzusetzen, auch nicht in einem Fischerdorf. So verwunderte es denn nicht, dass die Menschen hier entweder gewaltsam oder gar nicht aufeinander trafen.

Ein wenig bedauerlich war das für die vielen Reisenden, die immer noch in Bajard strandeten, um von dort aus nach Gerimor vorzustoßen. Und die mal mit bedröppeltem Gesicht vor geschlossenen Läden standen, mal mit gehobenen Händen und einem Messer im Rücken um ihr Leben feilschen mussten. Ein paar Jahre lang hatte er sich sehr um diese Gruppe bemüht, vielleicht weil er lange Zeit selbst rastlos durch die Welt gezogen und für jede Hilfe und freundliche Geste dankbar gewesen war. Aber mittlerweile hatte er es aufgegeben und sich ganz ins Privatleben zurückgezogen. Er wusste nicht, was ihn über die Jahre mehr zermürbt hatte: die Menschen, die ihn als Bürgermeister, Hauptmann oder Richter beschuldigt und beschimpft hatten, wenn ihnen ein Unrecht in Bajard widerfahren war – und denen er keine Erfolge entgegen halten konnte; oder die wachsende Zahl derjenigen, die ihn nur noch mit verständnisvollem Blick musterten und ihn in dem Wissen, dass es ohnehin vergeblich war, darum baten, nicht zu viel Aufhebens um eine Sache zu machen.

Als Würdenträger Bajards gab man heutzutage bestenfalls eine tragikomische Figur ab. Und weil die wenigsten Menschen sich dieses Lebensziel setzten, waren sukzessive alle Institutionen Bajards verschwunden. Mittlerweile zählte dazu auch das älteste Amt, nämlich das des Bürgermeisters, so dass man außer einer losen Ansammlung von Hütten nichts mehr vorfand. Im Grunde waren sie wieder dort, wo sie vor zehn Jahren schon einmal gestanden hatten; zehn Jahre verlorener Zeit. Er war sich sicher, dass diesmal niemand kommen würde und sagen: „Freunde, lasst uns mehr daraus machen!“. Damals waren sie alle einer kindischen Idee aufgesessen: Dass Gerimor ein Ort war, wo man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und gestalten konnte. Tatsächlich aber lebten sie in einer Welt vorgezeichneter Pfade. Wer davon abwich, der trat auf der Stelle. Und das Scheitern war nur eine Frage der Zeit. Die Periode des Optimismus und des Unternehmergeistes jedenfalls war vorbei und eine stumpfe Gleichgültigkeit und Resignation hatte Einzug gehalten.

Seine Frau hatte wieder einmal die Frage in den Raum gestellt, ob man nicht an einem anderen Ort neu beginnen sollte. Wie üblich konnten sie sich zu nichts durchringen und hatten die Entscheidung vertagt. Ein Leben in Rahal war mit ihren Grundsätzen und Prinzipien ohnehin nicht vereinbar und fiel von vornherein aus. Und der einzige Ausblick, den er in Lichtenthal sah, war im Nichtstun grau zu werden. Männer mussten dort sein, wo sie gebraucht wurden. Und er hatte nicht den Eindruck, dass es hinter den Mauern Adorans, auf den blank geputzten Straßen und Plätzen jemanden gab, der seinen Beistand benötigte. Er wusste nicht einmal, was den Leuten dort überhaupt fehlte. Das war letztlich die Ironie seines Lebens. Dort wo er das Gefühl hatte, dass die Menschen jemanden brauchten, der sich für sie einsetzte, reichte sein Einfluss nicht aus, um wirklich etwas zu bewegen. Jedes Bemühen war zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Und der einzige Weg hinaus führte an Orte, wo niemand seine Unterstützung nötig hatte.

Normalerweise half die Religion in solchen Fällen und spendete Trost, indem sie ein größeres Ganzes aufzeigte. Aber für seine Gebete gab es keinen Gott. Oder besser gesagt: Der Gott hatte sich mit einem lauten Knall und einem Haufen Scherben vom Himmel verabschiedet. So stand er manchmal abends am Meer und starrte auf das leere Gestirn. Was war das für eine Welt, in der der Gott der Hoffnung und der Freiheit gestorben war?

*****

Aufgeregtes Kindergeschrei schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Offensichtlich war bei der letzten Flut ein kapitaler Mehrpfünder, ein echtes Ungetüm von Qualle, an Land gespült worden. „Drölfzig Pfund“, lautete die genaue Diagnose. Folgerichtig musste die Gallertmasse mit gemeinsamer Kraft verladen und an eine günstige Stelle verfrachtet werden, um sie von dort aus wieder ins Meer zu werfen. Und so standen Vater und Tochter eine Weile am Ufer und schauten zu, wie die große Qualle von der Strömung erfasst und langsam aufs Meer hinausgetrieben wurde. „Du Papa“, seufzte da der Smutje enttäuscht, „ich glaube die ist schon kaputt.“

Verfasst: Samstag 11. Oktober 2014, 13:03
von Gast
Am Ecktisch, vor einem Teller Matjes mit Essiggurke und einem Pinnchen Wacholderschnaps, saß ein grätiger Mittsechziger, dessen ledrige Wangen von einem buschigen Backenbart warm gehalten wurden. Die akkurat auf dem Kopf sitzende Kappe mit dem abgegriffenen Schirm, der dunkelblaue Troyer aus dicker Schafswolle, der an den Ärmeln abgewetzte Caban und die Stiefel aus fettigem Juchtenleder machten es nicht schwierig, die Profession des Mannes zu erraten. Der alte Seemann, der auf den Namen Ruurd Ooievaar Oppendijk hörte, wurde von den meisten seiner Zeitgenossen wegen der bartelähnlichen Hautwucherungen auf der Spitze seines Kinns nur Der Kabeljau genannt.

Der Kabeljau hatte keine Familie und wenige Freunde. So lange er denken konnte, war er auf See gewesen. An die Zeit davor, an seine Heimat und sein Elternhaus, konnte er sich nicht mehr erinnern. Wollte man dem alten Seemannsgarn glauben, dann wurde er um das Jahr 197 der Fischerswitwe Afke Oppendijk geboren, nachdem diese des Nächtens von einem Jüngling besucht worden war, der, wie mehrere Zeugen übereinstimmend ausgesagt hätten, direkt dem Meere entstiegen sei und ganz blasse, grünliche Haut gehabt hätte. Die unglückliche Witwe habe den ungewollten Sohn einem Kapitän übergeben, der sich von der Gegenwart des Kindes auf dem Schiff ein gutes Omen versprochen hätte, und seitdem hätte er nie wieder eine Nacht an Land verbracht.

Früher war er oft nach Bajard gekommen. Im Hafendreieck zwischen Bajard, Lameriast und Menek’Ur ließ sich alle Ladung bequem aufnehmen und löschen, die für Gerimor von Bedeutung war. Seit der Zerstörung Varunas und dem Untergang Lameriasts hatte sich das geändert. Mittlerweile steuerte er für gewöhnlich zunächst den größeren Hafen in Adoran an und setzte anschließend direkt nach Menek’Ur über. Der Abstecher über Bajard war auf dieser Route überflüssig geworden. Schade war es ihm nicht drum, zumal es derzeit ohnehin zu viel zwielichtiges Gesindel im Freihafen gab als dass er sich dort wohl gefühlt hätte. Vor allem aber schiffte er für den Profit, nicht für die Nostalgie. Bezeichnenderweise war er heute nicht mit dem Schiff nach Bajard gekommen, sondern mit der Kutsche von Adoran. Ein für ihn eher ungewohntes Reisemittel.

Der Grund seines Besuchs sollte sich jeden Augenblick durch die schmale Tavernentür zwängen. Den Anflug eines Schmunzelns konnte er sich bei der Vorstellung schwer verkneifen. Er hatte den bulligen, ruhigen Mann immer gemocht. Die beiden kannten sich noch aus der Zeit, als er einen kleinen Kartoffelewer die alumenische Küste auf und ab gesteuert hatte. Heute war er Kapitän der Wetterhoun, einer dreimastigen Fleute mit 220er Tonnage und zwölf Mann Besatzung, die seit rund zwanzig Jahren die Seeroute zwischen Gerimor und Alumenas bediente. Aber im Grunde seines Herzens hatte er sich wenig verändert.

Ihre letzte gemeinsame Reise lag mehr als zehn Jahre zurück. Damals hatte er ihn hier im Hafen abgesetzt. Und eigentlich hatte er sich nie gewundert, ihn bei jeder Fahrt, die er nach Gerimor unternommen hatte, auch genau an diesem Ort wieder anzutreffen – als wäre kein Tag vergangen. Manchmal neidete er ihm diese Beständigkeit. Sie war die Voraussetzung für das, was er selbst nie gekannt hat: Familie, eine Heimat.

Soweit er es verstanden hatte, würde er einen Teil dieser Familie bei seiner nächsten Fahrt, der letzten vor dem Wintereinbruch, mitnehmen. Heute ging es nur darum, die Eckdaten noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu besprechen. Ein Geschäft war es für beide nicht, eher eine Gelegenheit, alte Bekanntschaft aufzufrischen. Er konnte die Beweggründe seines alten Weggefährten ungefähr nachvollziehen, wirklich verstehen tat er sie nicht. So wie er vieles nicht verstand, was sich auf den Festlanden Alathairs abspielte. Schließlich hatte er nie in Bajard gelebt, oder in einer anderen Stadt. Was wusste er schon über die Festländer? Seine Welt war die See. Die mochte oft unberechenbar sein, bitter und einsam, aber die Zeit konnte ihr nichts anhaben. Die See war seine Familie und seine Heimat, und sie würde auch eines Tages sein Grab sein. Mit einem leisen Seufzer fingerte er eine schmucklose, mit einer Schicht Grünspan belegte Schnupftabakdose aus der ausgebeulten Tasche seiner Seemannsjacke. Mit dem Daumen fuhr er nachdenklich die Prägung auf dem Boden der Dose nach. Seine Verabredung verspätete sich. Ob er es sich anders überlegt hatte?

Aber noch bevor er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, öffnete sich die morsche Tavernentür und die beiden alten Weggefährten schlossen sich brüderlich in die Arme.

Verfasst: Mittwoch 27. Mai 2015, 19:19
von Gast
Gelegentlich war er doch erstaunt, wie wenig viele der Reisenden, aber auch langjährige Bewohner der Städte und Dörfer Gerimors, von der Geschichte des Kontinents wussten. Eine rechte Tradition der Überlieferung hatte sich nie herausgebildet und vieles war mit dem Ausscheiden oder dem Tod von Amts- und Würdenträgern für immer verloren. Zumindest für Bajard lag zwar eine halbwegs regelmäßig geführte Chronik vor, allerdings enthielten die Einträge oft nur einzelne Ereignisse, ohne dass der dahinter stehende Zusammenhang deutlich würde. Je größer die Zeiträume wurden, die durch die Chronik erfasst wurden, desto offensichtlicher wurden auch deren Mängel.

Gespräche mit Lilian, der Freiherrin vom Nebelpass, Fräulein Demarkes und dem Gelehrten Lohengrinn, die in der großen Lichtenthaler Bibliothek zu Werke waren und die düstere Überlieferungslage für das Herzogtum bemängelten, hatten in ihm den Entschluss reifen lassen, zumindest für Bajard so viel wie möglich zusammen zu tragen. Zumal er selbst merkte, dass ihm die Ereignisse, je länger sie zurücklagen, immer mehr entglitten.

Gemeinsam mit dem alten Adebar Blingdenstein, der die kleine Bajarder Bibliothek führte, hatte er deshalb einige Wochen lang alte Dokumente und Aufzeichnungen gesichtet und erste Entwürfe zu seiner Geschichte Bajards zusammengetragen. Glücklicherweise hatten sie in der Chronik zumindest einen groben Leitfaden, um das Archivgut zu sortieren und die Erinnerungen an den richtigen Stellen einzuordnen. In den nächsten Wochen sollte daraus eine umfassendere Geschichte Bajards entstehen und ihren Platz in den Regalen der Bibliothek finden. Bis dahin blieb freilich noch viel zu tun. Aber zumindest ein Anfang war gemacht.



*****


Die Geschichte Bajards

Aus den Aufzeichnungen und Erinnerungen des ehemaligen Bürgermeisters und Friedensrichters Beldan Scherenbrueck


Vorwort

Das Unterfangen, die Geschichte Bajards zu schreiben, ist eine Herausforderung, die sich als nicht ganz einfach erwiesen hat. Dafür sind unterschiedliche Gründe ausschlaggebend. Zunächst ist die Überlieferung zu Bajard, wie für eigentlich alle Orte Gerimors, sehr dünn. Die alten Klosterschriften, welche die Geschichte Alathairs seit dem Beginn der Schöpfung erzählen, interessieren sich besonders für das Wirken der Götter. Den Geschicken der Menschen widmen sie nur wenig Raum. Gleichzeitig sind sie jedoch beinahe unsere einzige verlässliche Quelle für die Frühgeschichte Gerimors. Daraus resultieren große Lücken in der Überlieferung, die oft mehrere Jahrhunderte umfassen können. Im Falle Bajards sind es sogar noch größere Zeiträume.

Nicht viel besser sieht es für die ersten Jahrzehnte nach der Apokalypse aus. Die Völker Gerimors waren sich zweifellos bewusst, dass sie in eine neue Epoche der Geschichte eintraten. Die Einführung einer neuen Zeitrechnung macht die symbolische Überwindung der Vergangenheit und den Beginn des neuen Zeitalters deutlich. Die Gedanken der Menschen waren nach vorn gerichtet. Nur so konnte man der gewaltigen Zerstörung Herr werden und einen neuen Anfang wagen. Es ist vor diesem Hintergrund verständlich, dass man die Vergangenheit ruhen ließ und der Kunst der Historie keine große Bedeutung mehr beimaß. Für uns bedeutet dies allerdings, dass auch aus diesen Jahrzehnten kaum Überlieferungen vorliegen.

Für unsere Arbeit ergibt sich daraus ein großes Ungleichgewicht, denn diese muss Jahrhunderte mit Riesenschritten durchmessen. Nur die jüngste Geschichte Bajards, die wir selbst miterlebt haben, kann in angemessener Tiefe besprochen werden und wird deshalb den größten Teil dieser Schrift ausmachen. Es handelt sich damit im Wesentlichen nur um eine Geschichte weniger Jahre, auch wenn wir versuchen werden, diese in den größeren Rahmen der Geschichte Alathairs einzubetten. Dabei soll nicht die strenge Abfolge der Ereignisse, die sich rund um Bajard abgespielt haben, wiedergeben werden. Stattdessen wollen wir die groben Zusammenhänge erläutern, welche die Geschichte Bajards während der letzten beiden Jahrzehnte geprägt haben. Einen genaueren Blick auf viele Einzelgeschehnisse und die chronologische Reihenfolge, in der sich diese ereignet haben, bietet die von uns verfasste Chronik Bajards, die wir dem geneigten Leser als Ergänzung zu den hier vorgelegten Erörterungen ans Herz legen möchten.



I. Kapitel - Die Vorgeschichte

Die erste Erwähnung Bajards finden wir in der Schöpfungsgeschichte. Und zwischen diesem Zeitpunkt und dem heutigen Tage liegen nach grober Schätzung annähernd 1.500 Jahre, aus denen uns kaum Zeugnisse überliefert sind. Wie lange das Dorf damals schon bestanden hatte und wie es sich in den Folgejahren weiter entwickelte ist unbekannt. Was könnte man also erzählen?

Tatsächlich sind uns aus der Frühgeschichte Bajards nur zwei Ereignisse überliefert.

Das erste Ereignis beschreibt die Zeit der Magierkriege. Diese liegen zwischen der Schaffung des Volkes der Elfen durch Phanodain, den Sohn des Horteras, und der Abspaltung der Letharen und dürften damit etwa anderthalb Jahrtausende zurückliegen. Wie wir der Geschichte entnehmen können, lebten die Menschen damals noch nicht in großen Städten, auch nicht in Herzogtümern und Königreichen. Vielmehr gab es eine Vielzahl an eigenständigen Dörfern und Ortschaften auf Gerimor, zu denen auch Varuna und Bajard gehörten.

Die zwischen dem Orden der Arkorither und dem Orden von Tirell geführten Magierkriege forderten viele Opfer, darunter das Dorf Tonia, das vollständig zerstört wurde und über dessen genauen Standort wir heute nichts mehr wissen. Auch um Varuna tobte ein wilder Kampf. Um einem ähnlichem Schicksal, wie ihn das Nachbardorf Tonia erlitten hatte, zu entgehen, flohen die Frauen und Kinder Varunas aus dem Dorf und suchten im Umland Schutz. Zuflucht boten ihnen die Bewohner Bajards, indem sie die Schutzlosen in ihre Häuser aufnahmen und sie versorgten. Da in der Schlacht um Varuna zahlreiche Männer gefallen sind, ist es wahrscheinlich, dass viele Witwen und Waisen in Bajard neue Familien gefunden haben.

Die zweite Erwähnung Bajards datiert mehr als ein Jahrtausend später auf das Zeitalter der Apokalypse. Hier können wir nicht mehr entnehmen als dass Bajard, wie andere Städte und Dörfer auch, von Orks und Untoten überrannt und zerstört wurde.



II. Kapitel - Die Jahre nach der Apokalypse

Für die Beschreibung der Zeit nach der Apokalypse müssen wir uns zunächst auf einige allgemeine Schlussfolgerungen und Beobachtungen verlassen, nur vereinzelt sind uns Zeugnisse überliefert. Wer noch das alte Bajard kennt, wie es in den 240er Jahren bestand, weiß, dass dieses nicht nur deutlich kleiner war, als man es heute gewohnt ist. Die ursprüngliche Grenze verlief nördlich des Friedhofs. Die Taverne war viel weiter in den Süden gezogen, die nördlicher gelegenen Gebäude wurden hingegen erst später erbaut. Für ein Fischerdorf war Bajard auch ungewöhnlich gut befestigt. Der Dorfeingang wurde durch zwei parallel verlaufende hölzerne Palisadenwände beschirmt, zwischen denen sich begehbare Wehrgänge befanden, und verfügte zudem über zwei Wachtürme. Wer in das Dorf wollte musste schwere, aus Eisen gegossene Tore passieren. Am Hafen erhoben sich zwei weitere große Wehrtürme, auf jeder Seite des Ufers einer, die durch eine Zugbrücke miteinander verbunden waren. Die Türme beherbergten unter anderem das Gefängnis und die Waffenkammer Bajards.

Wer dieser Beschreibung lauscht, kann sich denken, dass auch die Jahrzehnte vor der Machtergreifung des Alka nicht nur von Frieden und Harmonie geprägt waren. Bei genauerer Betrachtung verwundert das nicht, kennt man doch die Vielzahl an uralten Bergfestungen, Höhlen, Katakomben und Kavernen auf Gerimor, in denen unzählige gefährliche Kreaturen eine Heimstatt gefunden oder sich nach der Apokalypse zeitweise dorthin zurückgezogen haben. Das Leben auf Gerimor war wohl auch nach der Apokalypse nie gefahrlos, schließlich war es stets nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Kreaturen wieder an die Oberfläche trauen würden oder sich aus den zersprengten Orkheeren neue plündernde Horden geformt hätten.

Aus der Geschichte Bajards wissen wir etwa, dass das Dorf um das Jahr 190 nach der Apokalypse durch die Blutkönigin tyrannisiert wurde. Ein gefährlicher geflügelter Dämon, der sich von dem Blut von Jungfrauen und Kindern ernährt haben soll. Ihr zu Diensten waren eine Vielzahl kleiner geflügelter Kreaturen, die sogenannten Blutkobolde, aber auch weit größere Dämonen, nicht zuletzt ihr Gemahl, der Blutbaron. Gebannt wurde der Dämon damals durch den Hauptmann der Bürgerwehr, einen Mann namens Karl. Das Datum ist damit gleichzeitig die erste Überlieferung der Existenz einer Wehr in Bajard. An dem Wahrheitsgehalt der Erzählung besteht wenig Zweifel, schließlich erlebten wir die Rückkehr der Blutkönigin selbst im Jahr 253.

Aus der jüngeren Geschichte sind uns solche Szenarien in einer gewissen Regelmäßigkeit überliefert. So wurde das Dorf beispielsweise allein im Frühjahr 248 von Orks, die möglicherweise aus dem noch nicht entdeckten Lameriast mit Schiffen übergesetzt waren, von Räubern, gefährlichen Meereskreaturen sowie einer Gruppe rauflustiger Oger bedrängt. In die Folgejahren fallen unter anderem die Große Quallenplage (249), der Fluch des Spinnendämon (250), das Jahr der Sonnenfinsternis (251), die Zeit der Plagen (252), die Heimsuchung durch den Feuergeist (253/254) sowie die bereits erwähnte Rückkehr der Blutkönigin (253), von denen teilweise später noch die Rede sein soll.

Insgesamt dürften die Jahrzehnte nach der Apokalypse damit auch in Bajard durchaus gefährliche und abenteuerliche Jahre gewesen sein, die freilich nicht den Geschmack des Untergangs getragen haben, der früheren Jahren innewohnte. Tatsächlich erlebten das Dorf im Kleinen und Gerimor im Ganzen in diesen Jahren ein stetes Wachstum und die Bevölkerung erholte sich von den Folgen der Apokalypse. Von dieser Entwicklung soll im folgenden Kapitel die Rede sein.



Fortsetzung folgt...

Verfasst: Samstag 30. Mai 2015, 12:14
von Gast
Die ersten Kapitel gingen ihm noch recht zügig von der Hand. So entstanden bald die nächsten Seiten, die sich mit der Zeit befassten, die er selbst in Bajard erlebte hatte.


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Die Geschichte Bajards


III. Kapitel - Bajards Weg zur Neutralität

Wie manchem Leser noch aus eigener Lebenserfahrung bekannt sein dürfte, erlebte Gerimor im Laufe des dritten Jahrhunderts nach der Apokalypse ein stetes Bevölkerungswachstum und das Elend der früheren Jahre war an vielen Orten vergessen. Zahlreiche neue Gilden und Vereinigungen wurden gegründet, das Netz neuer Siedlungen und Vororte zog sich immer dichter um die bestehenden Städte zusammen.

Auch Bajard erlebte einen steten Zustrom an Reisenden. Bald drängten diese aus dem Dorf ins Umland und bebauten dieses. Bald drängten sie wieder zurück, wenn dort kein Platz für neue Häuser und Unterkünfte mehr zu finden war. Weil die spärlichen Herbergen nicht ausreichten, verpachteten die Bewohner ihre Lagerschuppen und Bootshäuser, die mit einigen Handgriffen neu hergerichtet wurden. Oder sie nahmen Untermieter in ihre eigenen Behausungen auf. Wo Platz war, wurden neue Hütten gezimmert und bestehende erweitert.

Das emsige Schaffen wurde von den umliegenden Städten aus genau beobachtet. Nicht nur war das Königreich Alumenas durch den plötzlichen Tod des Königs Omar, des Kronprinzen Segenus und der Eltern Anaras, Graf Baldur und Gräfin Ursal von Hohenfels, in Aufruhr. Gleichzeitig hatte sich in der Siedlung Rahal, verbunden mit der Machtergreifung des Alka, ein neues Zentrum des alatarischen Glaubens gebildet. Nach mehr als zwei Jahrhunderten, in denen der Glaubenskrieg auf Gerimor keine dominante Rolle mehr gespielt hatte, herrschte noch große Unsicherheit, wie den neuerlich erstarkten Gläubigen Alatars zu begegnen sei.
So starr wie heute darf man sich die Fronten in den damaligen Jahren noch nicht vorstellen. Das Verhältnis zwischen Rahal und der Grafschaft Hohenfels, zu der Varuna und Berchgard gehörten, war zwar stets ein gespanntes, erinnerte anfangs jedoch eher an ein gegenseitiges Abtasten. Sicher, es gab Konflikte. Allerdings war Hohenfels gegenüber Rahal noch zu großen Zugeständnissen bereit. So erhielten Rahaler Handwerker etwa zeitweise Zugang zu den Minen Berchgards und im Hohenfelser Grafenschloss neigte man dazu, in Rahal eher eine Stadt lose zusammengewürfelter Vagabunden denn eine ernsthafte Bedrohung zu sehen. Während auf höherer Ebene ein, wenn auch sicherlich sehr zurückhaltender, diplomatischer Austausch gepflegt wurde, konnte man auf den rege besuchten Varunesischen Wochenmärkten durchaus Bürger Rahals treffen, die dort ganz selbstverständlich ihre Einkäufe tätigten. Eine Vorstellung die jüngeren Bewohnern Gerimors, die den Geist dieser Jahre nicht selbst erlebt haben, zweifellos schwer verständlich zu machen ist. Gerade für die Geschichte Bajards ist dieser Umstand jedoch nicht unerheblich. Wer Gerimor stets nur als das Gegenüber zweier bis auf's Blut verfeindeter Großreiche erlebt hat, die neben sich kein Wenn und Aber dulden, der wird den besonderen Charakter dieser Zeit schwerlich begreifen können.

Bajard selbst lag damals freilich noch weniger exponiert als dies heute der Fall ist. Das Land im Osten, das mittlerweile die Kernlande des Herzogtums Lichtenthal ausmacht, war vom Meer bedeckt, so dass sich das Fischerdorf auf der südöstlichen Spitze Gerimors befand. Unmittelbar im Norden lagen zunächst das Kloster und dann die Hohenfelser Hauptstadt Varuna, beziehungsweise die Bergarbeitersiedlung Berchgard falls man dem Küstenverlauf stattdessen in nordöstlicher Richtung folgte. Im Nordwesten befand sich die 'Halle der Macht' des Ordens von Tirell, der einen sehr strengen Kodex pflegte, wie man ihn von heutigen Magieschulen nicht mehr kennt. Südlich von Bajard, noch durch das Meer getrennt, lag die Wüsteninsel Menek'Ur. Auch Rahal, das im Westen Varunas lag, war von Bajard nicht gänzlich abgeschnitten. So entstand beispielsweise bald im Sumpf nordwestlich des Freihafens eine kleine Festung, die der Ahad Leyle Darsus sein Eigen nannte. Außerdem eröffnete später der Außenposten einer Rahaler Handwerkszunft vor Bajard.
Ein Tummelplatz für Reisende jedweder Couleur war Bajard auch in diesen Jahren schon, nicht zuletzt weil die wichtigsten Schiffsrouten über den Freihafen führten. Weder Rahal noch Varuna hatten Häfen, selbst das damals noch am Meer gelegene Berchgard verfügte in diesen Jahren über keine eigene Hafenanlage, so dass der gesamte Schiffsverkehr Gerimors über Bajard abgewickelt wurde. Auch der Alumenische Hochadel konnte Varuna nur über den Freihafen erreichen. Überliefert ist etwa ein Besuch der Königsmutter Anara von Hohenfels in Bajard im Lenzing des Jahres 248. Auch das ein für jüngere Generationen eher schwer vorstellbares Ereignis, um das damals freilich wenig Aufhebens gemacht wurde.

Allerdings begann sich damals bereits ein Muster abzuzeichnen, das für uns heute selbstverständlich geworden ist: So sich denn Konflikte ergaben, fanden sie häufig im Umfeld Bajards statt. Ich erinnere mich selbst noch an teils heftige Auseinandersetzungen zwischen den Letharen und den Kaluren. Besonders der werte Toshgrum Eisenkiefer war in diesen Tagen als ein recht hitzköpfiger Raufbold bekannt. Aber natürlich trafen auch Anhänger Hohenfels' und Rahals im Streit aufeinander. Zudem war in dem raueren Klima eine allgemeine Zunahme an Verbrechen zu verzeichnen, seien es Raubüberfälle, Diebstahl, Erpressung oder andere Vergehen.
Anfangs waren es vor allem die Königliche Garde zu Varuna und die Allianz des Lichts, eine Hohenfelser Kriegergilde unter Führung des Ritters Rafael aus dem Grafengeschlecht de Arganta, die ihre Patrouillenritte auf Bajard ausdehnten und versuchten, dort für Ordnung zu sorgen. Die Hohenfelser Garde hatte allerdings kein Mandat über Bajard - Graf Baldur von Hohenfels hatte die Unabhängigkeit Bajards stets respektiert und auch unter Adrian von Hohenfels war von dieser Linie zunächst nicht abgewichen worden. Für Gilden stellten sich diese Regeln aber nicht im selben Ausmaß und so konnte die Allianz des Lichts in Bajard deutlich freier agieren als die Garde selbst. Die starke Präsenz der Hohenfelser im einzigen Hafen Gerimors konnte Rahal jedoch nicht behagen. Und im Zuge der sich herauskristallisierenden Rivalität zwischen Rahal und Hohenfels stellte sich vielleicht erstmals in der Geschichte Gerimors eine Frage, der bis dahin keine besondere Bedeutung beigemessen worden war: Welchen Status hatte Bajard eigentlich und wer hatte alles Anspruch auf den Freihafen?

Tatsächlich gab es ganz unterschiedliche Gruppen, die an Bajard ein Interesse hatten und in den späteren Verhandlungen um die Zukunft des Freihafens eine entscheidende Rolle einnehmen sollten:

Die um die Lage ihres Dorfes besorgten Bürger wurden von meinem alten Freund Aldred Ravenor geführt, einem der Illusionsmagie verschriebenen Scholar des Ordens von Tirell, der in dem Dorf seine Heimat gefunden hatte. Später, nach der Zerstörung Tirells, sollte er die Academia Arcana gründen, deren Verbindung zu Bajard sich in den Folgejahren leider rasch verloren hat. Zusammen mit der kleinen Una und dem werten Raakin, dem Großwesir des Wüstenreiches, gehörte er zu den ersten Magiekundigen, die ich auf Gerimor kennenlernte. Das Ansehen der Magier hat bei mir seit diesen Tagen sehr gelitten, allerdings habe ich auch selten wieder Menschen getroffen, die trotz ihrer Macht im Umgang so bescheiden und frei von Dünkel waren wie diese drei.

Weiter beteiligt waren die Sturmkrähen, eine vor Bajard siedelnde Söldnervereinigung unter Führung ihres Hauptmanns Argeon. Die Sturmkrähen setzten sich insbesondere dafür ein, dass Bajard eine schlagkräftige Wehr erhalten sollte, die sie aus ihren eigenen Reihen stellen wollten. Zudem hatten sie als Söldner ein hohes Interesse daran, einen neutralen Ort auf Gerimor zu bewahren, der ihnen als Ausgangspunkt für ihr Söldnergeschäft dienen könnte, schließlich lebte dieses vom Ruf der Neutralität - oder Käuflichkeit, wollte man es in kritischere Worte kleiden. Die Präsenz der Söldnergilde stieß nicht bei allen Bajardern auf Zustimmung und ich weiß von Aldred, dass er der Sache anfangs sehr skeptisch gegenüber stand. Ich werde an späterer Stelle erläutern, weshalb er mit seinen Befürchtungen ganz richtig lag.

Von Hohenfelser Seite aus war es besonders die Allianz des Lichts unter Führung von Rafael de Arganta, die sich für eine Klärung der Bajarder Frage einsetzte und durch ihre erhöhte Präsenz in Bajard keinen unwesentlichen Anstoß zur weiteren Entwicklung gegeben hatte. Die Allianz war eine damals junge Gilde, die erst im Searum des Jahres 248 aus dem Orden der Temora heraus gegründet worden war. Anders als der Orden setzte sie sich für ein entschiedeneres und nötigenfalls auch gewaltsames Vorgehen gegen Rahal ein und war ein erster Ausdruck der veränderten politischen Lage auf Gerimor. Gleichwohl ist festzuhalten, dass die Konflikte, auf welche die Allianz reagierte, recht vielfältiger Natur waren. Nicht nur Streitigkeiten mit Rahal, auch die Überfälle durch Orks, Räuber und anderes Gesindel, derer die Bajarder nur bedingt Herr werden konnten, spielten eine wichtige Rolle. Die Königliche Garde zu Varuna hingegen trat zwar vereinzelt in Erscheinung, nahm aber aus den oben bereits genannten Gründen keine so dominante Rolle ein wie die Allianz des Lichts. Der Gardehauptmann Rouven Alestra war ein in Bajard äußerst selten gesehener Gast.

Die Rahaler Seite wurde vor allem durch die um den Alka versammelte Bruderschaft der Schwarzen Klaue vertreten, die durch den Praefector Alataris geführt wurde - eine nicht ganz ungefährliche Person, mit der ich Gelegenheit hatte, einige Gespräche zu führen, wenn auch nur aus der Verlegenheit heraus, dass er damals ein gewisses Interesse zeigte, mich für die Sache Rahals zu gewinnen. Allerdings hatte ich mich bereits für Bajard entschieden und war nicht in der Stimmung, meinen Entschluss so bald wieder zu revidieren.

Unmittelbar betroffen von der Bajarder Frage war natürlich auch das Wüstenreich Menek'Ur, das damals noch eine Insel war und damit auf den Zugang zum Bajarder Hafen unbedingt angewiesen. Schließlich rührte der gesamte Reichtum Menek'Urs, damals noch viel stärker als heute, aus dem Handel mit Gerimor. Auch für den Erhalt seiner wachsenden Bevölkerung war das Wüstenreich auf das fruchtbarere 'Grünland' angewiesen. Eine Abhängigkeit die sich erst in jüngeren Jahren etwas gemildert hat, seit die Kontinente sich wieder verbunden haben und es Menek'Ur gelungen ist, einige schmale Streifen Gerimors für sich zu reklamieren. Die Wüste selbst bringt nur in sehr bescheidenem Maße Wasser und Nahrung hervor.

Die politischen Verhandlungen um die Zukunft Bajards waren ein langwieriger Vorgang, der durch verschiedene Initiativen angestoßen wurde. Im Rabenmond des Jahres 248 spitzten sich die Ereignisse jedoch erstmals merklich zu. Anfang des Mondes warben die Söldner der Sturmkrähen um die Bürger Bajards und boten diesen an, eine Garde für den Freihafen zu stellen. Im selben Mond verkündete auch die Allianz des Lichts, dass sie zukünftig ein Protektorat über das Dorf ausüben wolle. Die Bewohner wurden sowohl von den Sturmkrähen als auch von der Allianz des Lichts dazu aufgerufen, eine eigene Verwaltung zu ernennen und eine Wehr aufzustellen. Langfristig, so der Lord der Allianz wie auch der Söldnerführer Argeon, solle Bajard aus eigener Kraft Neutralität wahren und weder Rahal noch Varuna Rechenschaft schuldig sein.

Zum Abschluss des Rabenmond kamen der Lord der Allianz des Lichts, der aus Rahal entsandte Praefector Alataris und ein diplomatischer Vertreter der vor Bajard siedelnden Söldnervereinigung der Sturmkrähen mit Bewohnern Bajards zusammen, um die Zukunft des Dorfes zu besprechen. Zu späteren Versammlungen traten auch Gesandte der Herrscherfamilie Menek'Urs, so dass alle einflussreichen Parteien vertreten waren.

Ich selbst habe an den direkten Gesprächen nicht teilgenommen und kann mich noch gut erinnern, dass ich der ganzen Sache damals sehr zurückhaltend gegenüberstand. Vermutlich um die Gespräche nicht zu sehr ausufern zu lassen, hatte man ohnedies nur eine geringe Zahl an Bewohnern Bajards zu den Verhandlungen geladen und der Zugang wurde durch die Söldner der Sturmkrähen mit der Hand an der Waffe kontrolliert, was mir kein besonders gelungener Start erschien und nur wenig Sympathien auslöste. Allerdings kann ich nicht sagen, ob der Zugang mit ein wenig vernünftiger Zurede nicht auch für einen größeren Kreis hätte geöffnet werden können, da ich mich selbst nicht darum bemüht habe und in diesen Tagen nicht unbedingt als Vorreiter der Sache Bajards in Erscheinung getreten bin. Die Bajarder Frage wurde jedoch auch auf den Straßen sehr rege debattiert.

In den Verhandlungen wurde das grundlegende Dilemma der Lage Bajards recht schnell deutlich. Denn wiewohl sich alle Parteien zur Neutralität Bajards bekannten, war doch keine darunter, die nicht ihre militärische Unterstützung bei der Bewahrung dieser Neutralität anbot und Zweifel gegen die anderen Parteien deutlich machte. Alle Parteien gaben zu verstehen, dass viele der Zugeständnisse nur unter Vorbehalt gegeben worden waren und jederzeit widerrufen werden konnten, sollte Bajard eine Entwicklung nehmen, die ihnen ungünstig erschien. Das Misstrauen der Parteien gegeneinander und der Versuch, den eigenen Einfluss in Bajard zu wahren, setzten der Selbständigkeit des Dorfes von Beginn an enge Grenzen. Im Grunde war die Neutralität Bajards in diesen Jahren kein Zeichen von Unabhängigkeit, sondern eher Indiz für die außerordentliche Abhängigkeit Bajards von dem Willen fremder Mächte, die sich in einem diplomatischen Patt darauf geeinigt hatten, die Bajarder Frage zunächst einmal in die Zukunft zu verschieben - jedenfalls solange jeder bereit war, seine eigenen Ansprüche in Bajard bis zu einem gewissen Maß zu zügeln. Für die Bürger Bajards war das eine unbequeme und gefährliche, zu diesem Zeitpunkt aber letztlich alternativlose Lage. Jeder andere Beschluss wäre von den Großmächten Gerimors kaum akzeptiert worden oder hätte in einen offenen Krieg gemündet, der zumindest für Bajard mit Sicherheit nicht allzu glücklich verlaufen wäre.

Trotz des gegenseitiges Misstrauens verkündete die Garde Rahals im Namen des Praefector Alataris nach langen Verhandlungen im Hartung 249, dass Rahal die von Hohenfels geforderte Neutralität und Unabhängigkeit Bajards anerkennen würde, so dass im Mond Eisbruch des Jahres 249 die Bäuerin Leanne von den Bewohnern zur Bürgermeisterin gewählt werden konnte.



Fortsetzung folgt...

Verfasst: Sonntag 14. Juni 2015, 14:12
von Gast
Besonders wohl hatte er sich in den großen Städten nie gefühlt. Doch seit Bajarder in den meisten Reichen mehr oder minder als vogelfrei galten, hatte sich der Eindruck deutlich verfestigt. Mit der Zeit passte sich die eigene Wahrnehmung den Zuschreibungen an, denen man sich ausgesetzt sah. Und während die vergitterten Tore, die hohen Mauern und die spiegelnden Rüstungen der Gardisten den Bewohnern Schutz und Sicherheit versprachen, ließen sie in ihm ein kafkaeskes Gefühl von Enge, Bedrohung und Willkür aufsteigen, wie es sonst vermutlich nur ein Einbrecher oder Spion empfand. Kurzum: Er fühlte sich alles andere als wohl und vermutlich lag darin auch der Grund, wieso er Adoran nur ein- oder zweimal im Jahr aufsuchte. Seit der alte Dachs nicht mehr in Berchgard weilte, hatte auch die Bergarbeitersiedlung ihren Reiz verloren. Und nach Rahal verschlug es ihn ohnehin fast nie. Im Grunde war Menek'Ur die einzige größere Stadt, die er noch halbwegs regelmäßig besuchte.

Heute hatte er allerdings eine Ausnahme gemacht, denn er war in der Adoraner Hafenkneipe verabredet, um alte Bekanntschaften aufzufrischen. Er war früh aufgestanden und zu Fuß an der Küste entlang gelaufen, so konnte er noch ein wenig Seeluft schnappen, bevor er sich in die Höhle des Löwen wagte.

Seine Verabredung war schon vor Ort. Bereits in früheren Erzählungen wurde Ruurd Ooievaar Oppendijk erwähnt, der Kapitän der Wetterhoun, besser bekannt unter seinem Spitznamen Der Kabeljau. Die Gestalt neben ihm wiederum, die gerade mit einem gurgelnden Öch-Öch-Öch einen gesalzenen Hering verschluckte, war nicht etwa ein zahmes Walross, auch wenn der bürstige Schnurrbart, die gesunde Körperfülle und das Essverhalten zu der Vermutung Anlass geben mochten, sondern der Steuermann der Wetterhoun und hörte auf den Namen Roelof Swartenboer. Die drei Männer, die zumindest alle die 50 deutlich überschritten hatten, kannten sich seit rund 30 Jahren. Und auch wenn sich ihre Wege längst getrennt hatten, trafen sie sich doch regelmäßig, wenn die Wetterhoun einen der Häfen Gerimors passierte, um ein wenig in alten Zeiten zu schwelgen. Ein Bedürfnis das mit zunehmendem Alter bekanntlich an Bedeutung gewann.

Viel Neues gab es allerdings nicht zu erzählen und auch die Zahl der gemeinsamen Bekannten dünnte sich stetig aus. Von Casthor hatte man lange nichts gehört. Seit er durch die Entdeckung Lameriasts zu unverhofftem Ruhm gelangt war, machte er sich rar. Die Ariane war durch die Fahrten ohnehin schwer beschädigt gewesen und man war sich uneinig, ob sie jemals wieder richtig seetüchtig geworden war. Vincent van Piecks Kontor hingegen befand sich gerüchteweise in leichter Schieflage. Möglich, dass die Krone den Druck auf die Vereinigte Handelsgesellschaft erhöht hatte, jetzt wo die Herrschaftsverhältnisse im Königreich wieder halbwegs geordnet waren. Das mochte erklären, wieso er sich trotz der Abmachungen nicht mehr in Bajard hatte blicken lassen.

So blieben die Männer dabei, bei Bier, Schnaps und Tabak einige alte Kamellen aufzuwärmen.

Interessanter gestaltete sich die Besichtigung der im Hafen liegenden Wetterhoun. Eine Gelegenheit, die Beldan sich natürlich nicht entgehen ließ. Es war schon einige Zeit her, dass er zuletzt an Deck eines größeren Schiffs gestanden hatte. In Bajard dominierten vor allem die ein- bis anderthalbmastigen kleinen Watt- und Küstensegler. Die wendigen Ewer und Boeier mit ihrem flachen Unterwasserschiff und den charakteristischen breiten Seitenschwertern waren für den Fischfang und die küstennahen Routen bestens ausgelegt. Nur nach Lameriast und auf manchen vielbefahrenen Handelsrouten waren seegehende Koggen und Holke mit größerem Laderaum üblich gewesen, die allerdings nicht an die Fleute heranreichten. Die Wetterhoun hatte mittlerweile rund 20 Jahre auf dem Buckel. Ein ganz ordentliches Alter für ein Schiff. Hie und da hatte sich Patina angesetzt und die Oberfläche der Reling fühlte sich rau und spröde an. Aber mit zehn oder zwanzig Jahren durfte man hoffentlich noch rechnen. Natürlich gab es Ausnahmen und manch altes Prachtstück soll bis zu hundert Jahre auf See gewesen sein. Jedoch, die Regel war das nicht. Ein gutes Segelschiff sollte 30 bis 50 Jahre fahren, dann wurde die Überholung im Dock meist zu aufwändig und zu teuer.

Der Aufenthalt an Deck stimmte ihn ein wenig nostalgisch. Vermutlich erriet der Kabeljau seine Gedanken, als er sich unverfänglich neben ihn an die Reling gesellte. "Immer noch 'ne hübsche, die Lütte, aye?", nuschelte der alte Kapitän, dabei leise schmatzend das Mundstück seiner Meerschaumpfeife bekauend. "Aye, aye", murmelte er gedankenverloren in seinen Bart. Eine Weile standen die beiden still nebeneinander und beobachteten, wie aus einem benachbart vor Anker gegangen Schiff Fässer und Kisten ausgeladen wurden. Der alte Kapitän zögerte. Die seit dem letzten Treffen zwischen den beiden Männern schwebende Frage war noch immer nicht ausgesprochen. Und er war sich unschlüssig, ob es überhaupt an ihm war, die Sache aufzubringen. Schließlich gab er sich aber einen Ruck, irgendwann mussten sie ja darüber sprechen. "Ich fragte mich", setzte er an und nahm sich danach einen Augenblick Zeit, um an seiner Pfeife zu ziehen, "ob Du uns diesmal begleiten wirst?".

Aus den Augenwinkeln betrachtete der Kapitän seinen alten Freund, der neben ihm schweigend an der Reling stand und dessen Blick sich irgendwo am Horizont verlor. Die tief eingegrabenen Krähenfüße und ausgeprägten Furchen im Gesicht seines Freundes erinnerten ihn an die Rinde einer alten Weide. Was unter dieser groben Schicht vor sich ging, das wusste er nicht wirklich. Aber das war auch nicht seine Angelegenheit. Er wartete nur auf eine Antwort.

Beldan ließ sich Zeit mit der Antwort. Aber letztlich deutete er ein schwaches Nicken an, das im zweiten Anlauf etwas entschlossener ausfiel. "Aye... aye, ich werde diesmal mitkommen." Mit zufriedener Miene und freundschaftlichem Druck legte der alte Kapitän eine Hand auf seinen Unterarm und wandte sich dann wieder dem Deck zu, den Freund seinen eigenen Gedanken überlassend. Beldan hingegen richtete den Blick in Richtung der Felsenklippe, die vage am Horizont in südwestlicher Richtung zu erspähen war und hinter der sich der Freihafen Bajard verbarg mit dem kleinen Bauernhof auf der südöstlichen Landzunge. Seine Frau würde nicht glücklich über die Entscheidung sein. Aber sie würde es verstehen müssen. Ein Mann konnte nicht die ganze Zeit zu Hause sitzen. Dafür war die See zu groß und der Horizont zu weit.

Verfasst: Samstag 18. Juli 2015, 16:18
von Gast
Eine von Wind und Wetter schon etwas mitgenommene Seemannspost erreicht den Freihafen Bajard. Adressiert ist sie zunächst an den alten Adebar Blingdenstein. Der eigentliche Empfänger aber scheint der Hof Scherenbrueck zu sein.


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Werte Lairja,

ich hoffe Ihr seid wohlauf und in Bajard geht alles seinen gewohnten Gang. Den Brief habe ich an den guten Adebar adressiert, damit er ihn Euch vorlesen kann. Ich schreibe, damit Ihr nicht völlig den Überblick darüber verliert, wo Euer Gatte sich auf den Weltmeeren befindet. Aber Ihr könnt mich in guten Händen wissen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon einmal erwähnt habe, wie Ruurd und ich uns kennengelernt haben? Es müsste im Searum des Jahres 227 gewesen sein. Ich erinnere mich noch gut, weil es die unbequemste Reise war, die ich in meinem Leben je gewagt habe. Ich war in einem Hafendorf an der Alumenischen Westküste gestrandet, hatte kaum mehr einen Kreuzer in der Tasche und suchte nach einem Karren oder Kahn, der mich landeinwärts bringen würde. Glücklicherweise lag das Dorf an einer viel befahrenen Wasserstraße, so dass ich guter Hoffnung war, bald eine Gelegenheit zu finden. Im Dorf gab es eine kleine Hafenkneipe, den Alten Fährmann, und dort versuchte ich mein Glück. Ruurd war gerade stolzer Besitzer eines Kartoffelewer geworden, sein erstes eigenes Schiff, und hatte zur Feier des Tages schon den ein oder anderen Schluck getrunken. Ich sah das als günstige Gelegenheit, mir eine bequeme Überfahrt zu erschleichen, und wir verbrachten den Abend bei Bier und Schnaps. Je später die Stunde, desto inniger pries er mir die Vorzüge seines Schiffs an, so dass man bald den Eindruck bekommen musste, er nenne eine frisch vom Stapel gelaufene Galeone sein eigen. Natürlich fiel mir nicht ein, ihm zu widersprechen.

Was ich am nächsten Morgen zu Gesicht bekam, war wahrscheinlich der älteste und morscheste Ewer, der je einen Fluss befahren hat. Zum Glück war er so hoch mit Kartoffeln beladen, dass man vom Schiff selbst nicht mehr allzu viel erkennen konnte. Hätte ich am Abend zuvor nicht die letzten Kreuzer in der Hafenkneipe gelassen, ich hätte auf der Stelle wieder kehrt gemacht. Aber so blieb mir nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und todesmutig an Bord zu gehen.

Wir waren fast eine Woche bis zur nächsten größeren Stadt unterwegs. Leider hatte Ruurd nicht bedacht, dass er neben den Kartoffeln möglicherweise auch etwas Platz für die Menschen an Bord hätte lassen sollen. So mussten wir auf Kartoffeln schlafen, auf Kartoffeln sitzen und auf Kartoffeln stehen, und natürlich haben wir die ganze Fahrt über nichts anderes als Kartoffeln gegessen. Ich war heilfroh, als ich das Schiff endlich wieder verlassen konnte, auch wenn mein Rücken noch eine Woche gebraucht hat, um sich von dem Kartoffelbett zu erholen. Ich werde Euch bei anderer Gelegenheit einmal erzählen, wie wir uns später wieder getroffen haben. Aber ich vermute, Euch interessiert im Augenblick eher, etwas von unserer Reise zu hören.

Wir haben von Gerimor aus einen Schlenker nach Lameriast unternommen. Oder besser gesagt: Wir haben die Koordinaten angesteuert, wo die Insel früher zu finden war. Es ist ein etwas eigenartiges Gefühl, wenn man von früheren Überfahrten nach Neuhaven noch genau das Bild vor Augen hat. Und jetzt... nichts als die blaue Oberfläche des Meeres, als hätte es Lameriast nie gegeben. Wir haben mithilfe einer alten Seekarte versucht, den früheren Küstenverlauf ungefähr nachzusegeln. Es ist schon seltsam. Irgendwo dort müsste auch Meister Dunyars Hütte gestanden haben. Ich glaube fast, er wäre bei dem Anblick in Ohnmacht gefallen.

Wahrscheinlich erinnert Ihr Euch noch an die Aufregung damals, als Casthor in die Taverne gestürmt kam und berichtet hat, er hätte eine neue Insel entdeckt. Und der Eifer bei den Hinrahs, der Burg Eisenwart und den Soldatenweibern, das neue Land in Besitz zu nehmen. Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, die Ariane wäre nie in den Sturm geraten und Lameriast ein unbekannter Kontinent geblieben. Vielleicht lebten dann die Ureinwohner noch. So ist alles zu einem kurzen Zwischenspiel der Geschichte Gerimors geworden und mit dem Untergang der Gemeinschaften, die Lameriast einst in Besitz genommen haben, ist auch die Insel zugrunde gegangen. Aber sei es drum.

Von Lameriast aus haben wir Menek'Ur passiert und sind zwei Wochen entlang des Meridian südwärts gesegelt bis zum nächsten Hafen. Auf der Überfahrt hat sich etwas ereignet, das den Smutje sicher interessieren wird.

Wir waren gerade vier Tage auf See als aus dem Krähennest die Meldung kam, eine dreiviertel Seemeile Backbord voraus treibe etwas im Meer. Der Wellengang war nicht hoch und vom Deck aus konnte man es mit dem Kieker schon erkennen. Wir näherten uns der Sache vorsichtig und konnten bald feststellen, dass es sich um eine Art Tier handeln musste, auch wenn ich dergleichen noch nicht gesehen habe. Sein Kopf ähnelte dem eines Wildschweins mit langen Stoßzähnen, allerdings hatte es einen schuppigen, glänzenden Panzer und sein Hinterleib mündete in eine geschwungene Schwanzflosse.


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Es lag ganz ruhig im Wasser und wir dachten erst, es wäre tot. Einer der Seeleute machte den Vorschlag, ein Boot zu Wasser zu lassen und sich das Wesen genauer anzusehen. Allerdings war der Plan den meisten von uns zu verwegen. Mehr Anklang fand Roelofs Idee, erst einmal eine Harpune vom Skorpion aus auf das Wesen zu schießen, um zu sehen, ob es sich regte. Ganz wohl war mir bei dem Gedanken nicht. Auch wenn sich das Wesen nicht regte, sah es doch recht bedrohlich aus und mochte größer als ein Ochse gewesen sein. Jedenfalls wäre ich ihm ungern im Wasser begegnet. Und wer wusste schon, welche Schäden es mit seinen Stoßzähnen am Rumpf des Schiffes würde ausrichten können, wenn man es verärgerte. Der Plan wurde trotzdem umgesetzt. Glücklicherweise verfehlten wir das Wesen um ein gutes Stück. Von dem Beschuss aufgeschreckt, erhob es sich ein Stück aus dem Wasser und gab einen seltsamen Ruf von sich, bevor es untertauchte. Wir haben es seitdem nicht mehr gesehen.

Wir werden Proviant aufnehmen und dann wieder in See stechen, so dass Ihr eine Weile nichts von mir hören werdet. Ich hoffe der Brief erreicht Euch beizeiten. Wenn alles gut geht, sollten wir um Heimkehr wieder im Hafen liegen.

Euer Mann,


Beldan

28. Schwalbenkunft des Jahres 258