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Re: Kopfkissenbuch einer Kurtisane

Verfasst: Samstag 15. November 2025, 14:23
von Jadia Conandil
Triggerwarnung: Implizierte Gewalt gegen Frauen und Männer


Ein weiterer Eintrag, erfolgt. Diesmal eine zusammenhängende Erzählung, die keinen Abstand von der eigenen Person nimmt. Manches mag fahrig wirken oder nicht bis zum Ende erzählt.

Eine Hafenstadt, diesmal in Schwarzwasser. Man kann sagen, ich bin viel gereist und herumgekommen. Darin kann man mehr als nur eine Bedeutung finden. Es ist ein paar Jahre her und ich war nur auf der Durchreise und doch lief Noir herum und tat, was sie immer tat. Aufsehen erregen.
Jaron. Ein schöner Mann, man könnte vom perfekten Äußeren sprechen, sofern man menschliche Erscheinungen mit solchen Worten belegen will. Haar so blond, dass es im Licht fast golden schien, Augen so Blau wie das weite und endlose Meer. Das Gesicht angenehm kantig, breite Schultern und schmale Hüften. Sichtbare Kraft in den Armen und ein Lächeln.... ein Lächeln als hätte man einen der Elfen getroffen. Wie zärtlich er seinen Blick fassen konnte, wie warm seine Stimme klang. Der Vergleich ist ein wenig unfair, doch Nika ist ähnlich schön. Schmerzhaft schön. Nur der Schmerz stammt bei Nika vermutlich aus seinem Leben selbst und nicht von anderen. Jaron wollte mich anwerben. Wobei... nicht wirklich mich, nein. Noir. Die Schwarze.
Doch sofern ich etwas zu sagen hatte, sagte ich es. Ich arbeite nicht für jemanden. Noir folgt keinem Zuhälter und sei er noch so schön in sein Haus. Wir wissen alle, wie das endet. Freiheit gehört nicht dazu und ein langes Leben auch nicht. Nein, ist ein vollständiger Satz. Kurz zwar, aber in der Aussage geschlossen und mit keiner Milderung versehen. Nur das ein Nein von einer Frau meiner Statur und Profession anscheinend grundsätzlich eine Diskussionsgrundlage darstellt. Zumindest für Jaron.
Das Nein stand.
Doch als es dunkel wurde, kurz bevor ich die Taverne mit meinem Zimmer erreichte, da blitzten seine weißen Zähne im Schatten auf. In eine Ecke gedrängt, machte es keinen Sinn zu schreien. Hier schreit ständig irgendein Mädchen. Das Regiment meidet diesen Bereich wohlweißlich.
Das Nein stand. Verstärkt durch einen Schlag in sein Gesicht.
Nur eine Hand brauchte er. Nur eine. Ich zappelte in seinem Griff um meinen Hals wie eine Katze im Nackengriff. Vergeblich. Der Blick, so blau wie das Meer zeigte nichts als das, was ich bereits als Grausamkeit kennen gelernt hatte. Er drückte zu. Die Welt wurde grau.

Das Aufwachen war schmerzhaft. Der Raum finster und die Angst kroch in mir hinauf, wie Pfützenwasser einen Rocksaum- kalt und dreckig. Auf ein Bett gebunden, Kleidung noch am Leib aber verrutscht und alles schmerzte. Alles. Sogar das Atmen. Horchen. Stille. Irgendwo entfernt die Geräusche eines Bordells. Doch dieser Raum klang sehr abgelegen von allem. Die Erkenntnis setzte ein, dass ich wusste was dieser Raum war und was kommen würde.
Außer.
Außer ich käme frei. Es ist erstaunlich wie weit man Gelenke überstrecken und verbiegen kann wenn man muss. Es ist erstaunlich wie wenig Schmerz Noir bis zu mir durchlassen konnte. Ich kam frei. Ich wagte es nicht tiefer in meinen Körper zu horchen, doch ich fand meinen kleinen Dolch in meinem Mieder. In seiner Arroganz und Siegessicherheit hatte er mich wohl nicht durchsucht. Fatal.
Ich hätte nun einfach aus dem Fenster hinabklettern und auf das nächste Schiff verschwinden können. Aber nach der Angst kommt die Taubheit. Nach der Taubheit kommt ein Schritt, dann der nächste und noch einer. Lautlos hinaus, Flur... horchen... weiter... horchen. Diese Tür.
Dort saß er mit dem Rücken zur Tür, die Beine so lässig von sich gestreckt, genüsslich Bier aus einer Flasche trinkend. Es ist faszinierend, wie wenig Kraft man braucht um den Kopf eines Sitzenden nach hinten zu ziehen. Der Kehlschnitt fordert mehr Kraft.
Ein gurgelnder Laut als er an seinem eigenen Blut erstickte.
Kein Gefühl.
Nichts.
Sollte man nichts fühlen, wenn man jemanden umbringt? Ich fühlte nichts und Noir hatte nichts damit zu tun. Ich fühle immer noch nichts dazu. Es war einfach. Eine Lektion dieser Nacht gelernt. Ich kann töten ohne zu fühlen. Eine weitere folgte. Entsorgung eines viel zu schweren Körpers ins Meer. Fischfutter.

Ich schrubbte stundenlang das Blut von mir, verbrannte meine Kleidung und wartete. Doch es kam niemand. Tagelang suchte man nach Jaron, dann fand man Teile von ihm. Die eher mäßig engagierten Gardisten schloßen den Fall schnell ab. Getötet von einem sehr starken, großen Mann in einem Streit um ein unbekanntes Mädchen.

Damit sollte es nun gut sein, nicht wahr? Doch nichts daran war gut. Manchmal kommen die Träume, manchmal kommt die Frage: Werde ich nochmal töten?


***

Die halbe Seite bleibt frei. Dann wirken die Worte in ihrer Wurfart wieder vertrauter, geordnet in ihrer Unordnung.

Das hätte ich nicht sagen sollen.
Ich vergleiche nicht, schon gar nicht dich.
Warum hab ich das sagen wollen?
Wütend bin ich immer noch auf mich.

Das hätte ich nicht sagen dürfen.
Nicht dort, nicht hier auch wenn es stimmt.
Es frisst in mir noch immer Tiefen,
Zeit löscht und zu langsam doch verrinnt.

Und dann...
sag ich noch was, wirklich dumm
drei Worte nur, doch drei zu viele
Ich frage mich warum
kann ich nicht zufrieden sein in aller Stille.

Die Hure ist fort
und ich bin da
Hoffnung noch blau
der Winter nah.

Re: Kopfkissenbuch einer Kurtisane

Verfasst: Dienstag 18. November 2025, 21:18
von Jadia Conandil
Die letzte Seite des Kopfkissenbuches aufgeschlagen und gefüllt mit Worten, Gedanken und einem Abschluss. Der Abschluss sind Worte, die einmal vernommen worden waren. Nicht ihre eigenen. Danach wird das Buch geschlossen und in die Hände übergehen, in die es gehört.

Heute ist der 18. Rabenmond 268. Fastwinter. Die Fensterschreiben waren von außen gefroren und es riecht nach Frost und kommender Kälte. Die Kälte kriecht ein wenig in mich, tiefer und frisst sich ihren Weg. Ich habe heute den Tempel verlassen. Cailen ist fort, Demian selten da... alles ist im Fluss und ich bewege mich mit der Zeit. Eine Stufe weiter.

Noir ist verschwunden. Sie war die Dienerin. Ich bin es nicht, auch wenn das schwer zu erklären ist.
Es ist, was es ist. Die dankbare Erinnerung bleibt.

Die Xy'notar. Es schmerzte sie zurück zugeben, mehr noch als die Tempekleidung und die Schlüssel. Denn sie habe ich mir verdient, zu eigen gemacht, gezähmt und bezwungen. Gesättigt mit meinem Blut. Ihre Farbe hat sich vom ungenutzten Stück Holz und Dornen gewandelt zu einem tiefen Rostbraun, die Patina meiner Arbeit.
Und doch.
Sie gehört nicht mir. Sie gehört dem Tempel, dem Volk der Letharen. Sie war eine Leihgabe und kehrt nun zurück. Möge ein anderer sie erklingen lassen.



***
...Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben...*



* [OOC: Hermann Hesse, Stufen]