Verfasst: Sonntag 16. Mai 2021, 17:09
von Matteo Bracker
Aus den Aufzeichnungen des Dargobar Ingmariel, aus dem Kapitel „Pilgerreise zum Mondsteinturm“
Teil 1
Es war früher Morgen, als unser Schiff, die „Brackwassers Stolz“, die Bucht von Manura erreichte. Die Sonne war gerade erst über den sanften Wellen des Meeres aufgegangen und tauchte die vor uns liegende Insel in ein sanftes Rosé. Die spitzen dreieckigen Segel der kleinen manuranischen Fischerboote, welche noch vereinzelt in der Bucht umhersegelten, wogen wie bunte Hütchen im mäßigen Wellengang auf und ab. Weit über die vor mir liegende Stadt, ragte der mächtige Sicaa dem Himmel entgegen. Es war ein malerischer Anblick, der sich mir an diesem frühen Morgen offenbarte. Umso näher wir dem Hafen kamen, desto deutlicher hörte man die Rufe der Fischer, die am Pier ihre Schiffe entluden und sich gegenseitig bellende Kommandos zuriefen. Meine Mitreisenden hatten mir auf der Fahrt bereits mehrfach von den manuranischen vorgeschwärmt – Schrimps, Krebse, Tintenfisch und diverse Arten von Muscheln. Manura war wohl ein wahrer Pilgerort für diese Liebhaber der fischigen Tellerfreuden. In Olivenöl eingelegte Sardinen oder die klassische manuranische Fischpaste waren mehr als einmal das Gespräch an Deck, unter Deck und in den schmachtenden Träumen meiner Mitreisenden.
Ich hingegen, mein Bauch mag hierfür ein handfester Beweis sein, war schon immer bekennender Liebhaber von Süßspeisen. Doch war meine Pilgerreise nicht kulinarischer, sondern religiöser Natur. Ziel meiner Reise war es, den Mondsteinturm von Proveos zu besuchen. Für diejenigen, die meine Person noch nicht kennen, so reicht es wohl zu sagen, dass ich ein Gläubiger des Horteras bin. In meiner Funktion als Ministerialberater, hatte ich die Möglichkeit, mir einige Zeit für diese Reise frei zu nehmen.
Als wir am Pier anlegten, die Seile über Bord warfen und das die Brackwassers Stolz vertäuten, sah ich zum ersten Mal einen dieser schneidigen Männer. Ein junger Kerl, etwa dreißig, mit sonnengebräunter Haut und lockigem dunklem Haar, der Bart wohlgetrimmt und gepflegt, das Hemd bis zur breiten und dicht behaarten Brust aufgeknöpft, stand er einfach nur am Pier, während alle übrigen Männer umtriebig umherschwirrten. An seinem Arm trug er eine auffällige, blau-schwarz gestreifte Armbinde, die verwegen im Wind wehte, während ihm der salzige Seewind durch das Haar blies. Ich war fasziniert von diesem geheimnisvollen, stattlichen Mann – der absolut nichts zu tun schien. Doch trotz seiner schier zur Schau gestellten Untätigkeit, war es die erste Tat unseres Kapitäns, in devoter Haltung auf den Mann zuzutreten und ihm einen Lederbeutel zuzustecken. Der Mann wog den Beutel in der Hand, lächelte milde und klopfte dem Kapitän auf die Schulter, woraufhin jener wieder den Rückzug antrat. Irritiert fragte ich einen der nahestehenden Seemänner, was dieses Prozedere zu bedeuten hatte. Er erklärte, dass dieser Mann, Flavio Bracker, genannt „Der schöne Flavio“, an dieser Seite des Piers für die Dockarbeiter zuständig war. Ihm Geld zu geben beschleunigte das Be- und Entladen der Schiffe deutlich. Noch dazu hatte Flavio einen guten Draht zum Hafenmeister, der die Frachtlieferungen verteilte, und der Kapitän wollte auf keinen Fall leer die Rückfahrt antreten. Gerade jetzt, während die Messe stattfand, war es wichtig, die guten Aufträge zu erhalten. An dieser Stelle beging ich einen fürchterlichen Fehler und fragte in meiner Naivität, um was für eine Messe es sich denn handeln würde. Ich glaube ich wurde in meinem Leben noch nie so fürchterlich ausgelacht – nicht einmal damals, als ich mich vor Aufregung während meiner Schreiberprüfung übergeben musste. Der Seemann rief weitere Seemänner herbei, die in das schallende Lachen einstimmten. Aus welchem Nest ich wohl gefallen sei, dass ich DIE MESSE nicht kennen würde, welcher Vogel mir wohl auf den Kopf geschissen hätte und ob ich es nicht von allen Bäumen hätte pfeifen hören.
Mit hochrotem Kopf und unter weiterem Spott und Hohn verließ ich schließlich das Schiff und fasste den Entschluss, nie wieder nach der Messe zu fragen. Selbst als ich den Pier schon halb passiert hatte, hörte ich noch die Rufe der Seemänner, die sich über den Kerl amüsierten, der die Messe nicht kenne. Am Ende des Piers wurde ich von zwei jungen Männern mit blauschwarzer Armbinde aufgehalten. Hochgewachsene junge Kerle, deren schneidige Kleidung auf mich keinesfalls militärisch wirkte, dennoch traten sie mir gegenüber beinahe wie Hafenwachen auf. Sie fragten nach meinen Papieren und belehrten mich über die Regeln innerhalb der Stadt. Sie waren sehr höflich, förmlich und dennoch bestimmt. Ich hatte keine Lust mich mit ihnen anzulegen, also gab ich bereitwillig Auskunft über meine Absichten, meine Herkunft und Pläne für den Aufenthalt in der Stadt. Sie wechselten Blicke und fragten mich dann irritiert, ob ich nicht für die Messe hergekommen wäre. Die Messe – ich verschluckte meine Frage lieber schnell. Eine Pilgerreise sei ja schön und gut, aber ich solle doch bitte die Messe besuchen, immerhin sei sie die größte in Manura und vermutlich die größte ihrer Art überhaupt. Es gäbe sogar eine Tombola und heute sei die große Abschlussfeier.
Ich hätte vermutlich meine Reise verschoben, wenn ich von der Messe gewusst hätte, im Nachhinein betrachtet, wäre vermutlich Vieles dadurch leichter gewesen. Als ich ihnen versprach, mir die Messe wenigstens anzusehen, folgte die Erklärung zu den Regeln innerhalb der Stadt – die gerade während der Messen sehr streng einzuhalten waren.
Das Tragen von Schwertern und Rüstungen war generell verboten, ihr Einsatz innerhalb der Stadtmauern ebenso. Gleiches galt generell für Kriegswaffen jedweder Art. Die Ausnahme waren lediglich Dolche und kleine Keulen unterhalb der Länge von einem Spann, sowie Stäbe. Während der Messen sei jedoch von Gewalt abzusehen – das Strafmaß für Todschlag und Mord war in dieser Zeit um ein Vielfaches höher angesetzt als sonst. Angehörige von Orden oder Kirchen jedweder Art hätten in jener Zeit das Verbot der Predigt und ich musste mich verpflichten, keinen Streit aus den großen Reichen in die Stadt zu tragen. Weiter wurde mir noch erklärt, dass ich während meiner Zeit in Manura zwar Handeln und einkaufen dürfte, der Verkauf von Handwerkerwaren von Außerhalb müsse jedoch vorher bei den entsprechenden Zünften genehmigt werden. Arbeit als Handwerker war sowieso nur dann erlaubt, wenn man eine Sondergenehmigung vorweisen könne, welche man im Vorfeld hätte beantragen müssen. Mir sei es auch auf Strafe verboten, das Prosititutionsgewerbe auszuführen, wenn ich nicht im Dienste einer Familie stünde, die sich meiner Geschäfte annehme und dafür eine Genehmigung hätte. In diesem Fall gab es nur die Brackers und die Illingers, wobei letztere lediglich außerhalb der Stadt ihre Geschäfte führen dürften. Nachdem die beiden Männer mich nun eine ganze Weile über die mitunter sehr sonderbaren und sehr klar definierten Regeln aufgeklärt hatten, rieten sie mir noch, mich auf der Pierstraße lieber linker Hand zu halten.
Tatsächlich war das eine gute Idee, denn selbst im frühen Schein der Sonne, sah das Metzgerviertel nicht gerade einladend aus. Viele verfallene Häuser und Männer mit blutigen Schürzen, Hackmessern und grimmigem Blick, wirkten auf mich eher abschreckend. Ich hielt mich also linker Hand und ging an geschlossenen Tavernen und Lokalen vorbei, welche die Pierstraße rechter Hand säumten. Als ich linksseitig aufs Meer hinaus blickte, fiel mir auf, dass der Hafen tatsächlich recht gut belegt war. Die Messe hatte einige fremde Schiffe angelockt, neben der „Brackwassers Stolz“ konnte ich noch die Beflaggung von zwei weiteren Schiffen aus dem Reich Alumenas erkennen, sowie zwei Schiffe, deren Beflaggung sie als alatarisch auszeichnete. Es waren keine großen Schiffe, dennoch schien die Messe einiges Volk anzulocken. Doch zu dieser frühen Tageszeit gehörten die Straßen noch den einheimischen Fischern, die ihren Fang zum Markt karrten. Ein paar ältere Fischer saßen bereits beim Frühstück an den kleinen Buden, die ich erstmals erblickte, als ich die Seilergasse hinaufging. Die Männer tranken Kaffee, oder zumindest etwas, dass nach Kaffee aussah und saßen gemütlich beisammen. Offensichtlich hatten diese es den Jüngeren überlassen, sich um den Weiterverkauf des Fangs zu kümmern. Bei einer größeren Ansammlung von Männern blieb ich steh, um zu sehen, was sie dort so leidenschaftlich spielten. Eine Gruppe spielte ein Kartenspiel, das ich nicht kannte, dessen Kartenbild halbbekleidete weibliche Mischwesen zeigte. Vielleicht war ich zu sehr von den befremdlich erotischen Bildern abgelenkt, aber schlau wurde ich aus diesem Spiel wirklich nicht. Als einer der Spieler die letzte Karte auf einen Stapel gelegt hatte, fing er an zu lachen und sein Gegenüber grummelte energisch, zog zwei weitere Karten und begann die Zahlen zusammenzurechnen. Die andere Gruppe von Männern saß dicht gedrängt um ein Brett, das von zwei von Ihnen bespielt wurde. Sie saßen einander gegenüber, würfelten mit eiserner Miene und rückten dann mit ihren Steinen auf einem Spielfeld mit weißen und roten Zacken vorwärts. Das Spiel kannte ich bereits aus meiner Heimat, nur dass man es hier Dreizack oder ähnlich nannte und man noch schneller in Streit darüber geraten konnte.
Schließlich landete ich auf dem Fischmarkt, der bereits in früher Stunde gut besucht war. Die Stände waren belagert von Scharen von Kaufwilligen, die wohl Fisch für die Festivitäten zum Höhepunkt der Messe einkaufen wollten. Ich drängte mich einmal durch die engen Gassen, die zwischen den Markständen entstanden waren und begutachtete die Auslage. Fisch jeder Größe, Güte und Farbe wurde angeboten, dazwischen Meeresfrüchte, die in den Trögen der Auslage noch zuckten. Doch zwischen den Ständen voll Frischware, traf ich immer wieder auf Tontöpfe, die glücklicherweise meist verschlossen waren. Die Manuraner verkauften darin fermentierte Fischsoße, die hier erstaunlich beliebte Spezialität, genannt Hallex. Ich war von dem üblen Geruch so sehr abgeschreckt, dass ich das Angebot, sie probieren zu dürfen, stets freundlich ablehnte – was mich wohl als Ausländer entlarvte und mir den Spott einer alten Marktfrau einbrachte, die mich als „Grüngesicht“ verunglimpfte. Als ich die Preise dafür sah, merkte ich jedoch, dass es offensichtlich unhöflich gewesen war, die Kostproben abzulehnen, denn Hallex war hier eine überaus kostbare Delikatesse. Dennoch – der Geruch war zu übel für meinen Magen.
Nachdem meine Runde über den Markt beendet war, beschloss ich, mich am Rand des Marktes zu einem der Kaffeestände zu setzen. Da ich den Abstand zu den Hallex-Ständen suchte und mich nicht zu nah an einen Hütchenspieler herantraute, ließ ich mich schließlich bei „Emilio Süßspeisen“ nieder. Der Inhaber und Gründer Emilio Hohenlob, ein knochiger Mitsechziger mit freundlichem Gesicht und grauweißem Vollbart, begrüßte mich überschwänglich, während er seinen Enkel losschickte mir einen Kaffee zu besorgen. Auf einer großen Tafel standen allerlei Süßspeisen, deren Namen mir alle nicht viel sagten, ich entschied mich für „Süße Röhrchen“ mit Zitronen-Frischkäsecremefüllung. Kurz darauf erhielt ich eine vorzügliche frittierte Teigrolle, die bis zum Überquellen mit einer süßen Frischkäsecreme gefüllt war, welche tatsächlich himmlisch schmeckte. Der Kaffee hingegen war leider fürchterlich. Ich hörte bereits auf der Hinfahrt, dass man die Lage Manuras an ihrem Kaffee erschmecken könne, was in diesem Fall wohl auf eine grässliche wirtschaftliche Lage hindeutete – was mich angesichts des vollen Marktes etwas überraschte. Doch das süße Röhrchen und die wunderbar freundliche Art Emilios wogen den schlechten Kaffee zweifelsfrei auf. Da ich um diese Tageszeit der einzige Kunde war, setzte sich der alte Emilio zu mir und ich hatte so die Möglichkeit, mich mit ihm zu unterhalten. Auch wenn er bereitwillig und freundlich meine Fragen beantwortete, stellte ich ihm nicht die wohl brennendste Frage; was es denn mit dieser Messe auf sich hätte.
Emilio, dessen Vater wohl ein Seemann gewesen war (der Verdacht, dass es sich bei seinem Vater um einen Piraten gehandelt haben dürfte, lag zwar nahe, ich sprach ihn jedoch lieber nicht aus), der seine Mutter allein im Stich gelassen hatte, hatte mit dreizehn Jahren damit angefangen, frittierte Backkringel zu verkaufen. Der Kupferkessel, mit dem er diese frittiert hatte, sei noch heute in Betrieb. Eine Zeit lang lief sein Geschäft so gut, dass er ein eigenes Café besaß, doch diese Zeiten seien schon lange her, nun habe er nur noch diesen Stand und die kleine Backstube im Haus, die irgendwann mal sein Enkel (der ebenfalls Emilio hieß) übernehmen würde. Emilio der Jüngere war jedoch erst zwölf Jahre alt, weswegen er den Laden noch führen müsse. Sein Sohn und seine Schwiegertochter hätten Manura vor etwa zehn Jahren verlassen, in der Hoffnung in der Fremde eine gut bezahlte Arbeit zu finden. Eigentlich wollten sie den jüngeren Emilio irgendwann nachholen, aber sie hätten sich nie mehr gemeldet. Manura mache derzeit harte Zeiten durch, seit der Handel mit Marmor zum Erliegen gekommen war und die große Weinkrise dem Fernhandel einen weiteren Schlag versetzt hätte. Noch dazu hätte die Expansion des alatarischen Reiches die Handelsrouten verschoben, was Manura weiter zusetzte. Doch die Messe sei eine schöne Abwechselung, dieses Jahr würde es sogar eine große Tombola geben. An dieser Stelle verpasste ich wohl meine letzte Gelegenheit, nach der Messe zu fragen…
Während ich den Worten des alten Emilios lauschte, beobachte ich auf dem Markt den Aufbau eines Fleischerstandes. Es wäre nichts Besonderes gewesen, wenn nicht der Metzgermeister meine Aufmerksamkeit geweckt hätte. Es war ein Berg von einem Mann, ich nehme an, dass er fast die zwei Schritt-Marke erreichte. Sein kahlgeschorener Schädel, der dichte Bart und die Tätowierungen auf dem Hals und den brachialen Oberarmen, jagte mir selbst aus der Ferne gehörigen Respekt ein. Seine zwei Gesellen, junge Männer mit rotschwarzen Armbinden, waren zwar für normale Verhältnisse groß und stattlich, wirkten aber winzig im Vergleich zu dem riesenhaften Metzgermeister. Kaum hatten sie den Stand aufgebaut und die ersten Stücke Fleisch verkauft, da kamen drei grüngekleidete Männer an den Stand heran und lungerten in Sichtweite der Metzger herum. Emilios Murren ließ mich nichts Gutes erahnen, da beugte er sich rüber und erklärte mir, dass die grüngekleideten Männer zum „Goldenen Band“ gehörten, genauer gehörten sie zur „Bannweiler-Familie“, welche erst kürzlich in diesem Teil der Stadt aufgetaucht waren und Anspruch auf den Fischmarkt geltend gemacht hatten. Wie mir Emilio versicherte, gehöre der Fischmarkt aber fest in die Hand der „Hafenallianz“ und es sei eine Schande, dass dieses Pack sich hier breit mache. Doch kaum hatte er sich in Rage geredet, da sprangen die Metzger aus ihrem Stand hervor und verjagten die Grüngekleideten, was Emilio für den Moment beruhigte.
Doch kaum hatte ich meinen Kaffee leergetrunken, da erschienen die Grüngekleideten wieder, doch waren es diesmal mehr als ein Dutzend, die nun den Stand belagerten. Da sprang der alte Emilio auf und warf seinen Hut in die Richtung der Grüngekleideten und beschimpfte jene in so wüster Weise, dass man es wirklich nicht als altersangemessen bezeichnen konnte. Ich hatte schon Sorge, dass die ganze Lage sofort eskalieren würde und die Grüngekleideten dazu übergehen würden, Emilio zu verprügeln und seinen Laden – und mich, der darin war – zu zerschlagen. Doch sie konzentrierten sich auf den Stand des Metzgers, der diesen mit einer Lammkeule und einem Fleischerhammer verteidigte. In der ganzen Aufregung muss mir entgangen sein, dass der kleine Emilio verschwunden war. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, dass beide Emilios als Meldeposten für den Bracker-Clan arbeiteten. Als nun die Metzger im Stand mehr und mehr in die Defensive gedrängt wurden, ertönte lautes Geschrei vom anderen Ende des Marktes. Ein Dutzend Männer mit Stöcken stürmten auf den Markt, während die Passanten und Händler zur Seite strebten wie aufgeschreckte Vögel. Ich packte Emilio den Älteren und zog ihn zum Stand zurück, da ich fürchten musste, dass der Alte sich dem kommenden Kampf anschließen würde. Emilio, noch immer in Rage, erklärte, dass das „Bannweiler-Pack“ nun eine Lektion erhalte, denn „der Bluthund“ sei auf dem Weg. Wie so oft, verstand ich reichlich wenig.
„Der Bluthund“, ein hochgewachsener Kerl mit breiten Schultern und fein nach hinten geölten Haaren, trat sofort in Aktion und schlug einen blonden Bannweiler mit dem Stock nieder, bevor er dem Nächstbesten in die Weichteile trat. Kaum war das „Ersatzheer“ eingetroffen, wagten auch die belagerten Fleischer den Ausfall. Der massige Metzgermeister schlug gleich zwei Männer mit einer Schweinshälfte nieder und prügelte sich einmal quer durch die Reihen der überraschten Gegner. Die Prügelei dauerte nur einige Minuten, da waren die Bannweiler geschlagen und flüchteten eiligst vom Markt, während die Sieger lautstark skandierten, dass der Fischmarkt der Hafenallianz gehöre. Emilio stimmte sogleich in das Gejubel ein. – Für mich hatte dies den angenehmen Nebeneffekt, dass mein Kaffee und das süße Röhrchen auf‘s Haus gingen. Nachdem sich die Sache beruhigt hatte, empfahl mir Emilio, mich für die Nacht im Gasthaus zur Hafenkante einzuquartieren, die Zimmer seien zwar nicht sehr groß, aber sauber. Außerdem hielt die Besitzerin, Emilios Cousine, immer ein Zimmer für besondere Gäste zurück – was ich wäre, wenn ich ihr sagen würde, dass Emilio mich geschickt hätte. Wegen der Messe, seien eh so gut wie alle Gästezimmer der Stadt ausgebucht – eine große Wahl hätte ich also eh nicht.