Verfasst: Mittwoch 16. Februar 2022, 09:29
Erschöpft stemmte er sich mit den Händen auf seinen Oberschenkeln ab und rang nach Atem. Wenigstens fror er jetzt nicht mehr. Jynela wusste, wie sie ihn fordern konnte und auch wenn ihn ihre kleinen, liebevoll gemeinten Sticheleien über seinen lahmen Arsch zum Schmunzeln brachte, wusste er doch, dass sie Recht hatte. Zwar hatte sich seine Agilität und Wendigkeit in den letzten Wochen verbessert, doch war dafür auch hartes Training nötig gewesen. All die früheren Klagen über den schlimmsten Muskelkater seines Lebens wirkten jetzt so furchtbar lächerlich. Doch wusste er ja, wofür es machte, wusste, wozu es gut war. Wer vorankommen wollte, musste an sich arbeiten. Und er hatte in seinem Leben oft genug gespürt wie es war, wenn die eigenen Unzulänglichkeiten den Wünschen und Zielen Grenzen setzten.
Möglichst unauffällig und betont ruhig ging der junge Mann durch die schmalen Gassen des Arbeiterviertels, sah sich hier und dort um und verließ sich auf seine Nase, im wahrsten Sinne. Hier in den Hinterhöfen standen oft genug Bleche zum auskühlen oder Terrinen mit kalten Braten oder Fleischkeulen herum. Doch waren die Bäcker und Köche auf zack. Wenn er nicht erwischt werden wollte, musste er schnell sein; und das war nun wirklich nicht seine Stärke.
Als er um die nächste Kurve bog, sah er direkt das Objekt seiner Begierde, nein, es waren sogar zwei: ein Apfel war wohl aus einem Korb gerollt und lag nun hinter etwas Laub an einer Häuserwand. Das war einfach und würde auch keine Probleme hervorrufen. Der junge Krieger ließ ungeschickt seine Tasche auf Höhe des Apfels fallen und räumte die kleine rote Frucht direkt mit ein, als er sie aufhob. Am liebsten hätte er sofort seine Zähne hineingeschlagen, doch konnte er sich zusammenreißen.
Auf seinem weiteren Weg näherte er sich dem alten, etwas schmuddelig wirkenden Backblech, gut bestückt mit scheinbar frisch gebackenen, kleinen Zimtschnecken. Es war eher selten, dass süße Backwaren in diesem Teil der Stadt angeboten wurden, war schlichtes Brot doch einfach wichtiger, aber wer wusste schon, wer der Auftraggeber war. Und letztendlich war es Lingor in dem Moment egal, womit er seinen schmerzenden Magen füllen würde.
Er beschleunigte seinen Schritt, machte seine Hand bereit und schnappte sich im Vorbeigehen eine der Hefeschnecken und spurtete direkt los. Und das keine Sekunde zu früh, denn er hörte direkt den tobenden Bäcker aus dem Fenster zur Hinterhofgasse rufen, dann wie eine Tür grob aufgestoßen wurde. Mühsam versuchte er beim Rennen die Zimtschnecke in seine Tasche zu stopfen, denn das Ende der Gasse näherte sich immer schneller und er würde beide Hände brauchen, um sich an der Wand hochzuziehen und über die mannshohe Mauer zu springen.
Es waren nur noch wenige Schritte und er spürte regelrecht, wie der Bäcker ihm auf den Fersen war, als Lingor sich das Gebäckteilchen schlichtweg im Ganzen zwischen die Zähne schob und seine Kraft einsetzte, um über die Mauer zu kommen. Hastig schwang er seine Beine darüber und ließ sich auf der anderen Seite in die Tiefe fallen. Er hörte den Bäcker noch rufen, doch war er definitiv außer Gefahr.
Mühevoll atmete er durch, griff sich an die schmerzenden Seiten auf Nierenhöhe und seufzend verschwand die Zimtschnecke nach einigem Kauen in seinem Magen. Es war eigentlich ärgerlich, dass er das arme Ding so runterschlingen musste. Ihm wäre es lieber gewesen, das Gebäck langsam zu genießen, aber immerhin füllte es so seinen Bauch gleichermaßen.
Vor einem Jahr noch wäre er nie auf die Idee gekommen, dass er mal sein Essen stehlen musste. Eigentlich wusste er bis dahin auch nicht, wie es war, wirklich wahrlichen Hunger zu haben. Hunger, der Kopfschmerzen und Übelkeit hervorrief, der einen verrückt machte und den Kopf zumeist voll beschäftigte, wenn er Überhand nahm.
Denn bis zu seinem 16. Lebensjahr hatte er ein völlig anderes Leben gelebt. Zwar hatte es seitdem er denken konnte Differenzen mit seinem Vater gegeben, dennoch hatte es ihm nie an etwas gefehlt. Er war im Reichtum aufgewachsen, war von Kindesbeinen an in allem geschult worden, was ein junger Adeliger an Wissen brauchte, hatte verschiedene Hauslehrer und wurde gefördert. Sein Weg war vorbestimmt. Der Knabe mit dem oft stolzen Blick würde seinem Vater folgen, der den höchsten Rang in der Legion Meranthals besetzte. Es stand völlig außer Frage, dass er ein begnadeter Krieger sein würde, der seinesgleichen sucht.
Es hatte eine Weile gebraucht, bis er diesen Schritt gemacht hatte. Er war ganz bestimmt kein Dieb, dazu war er zu gut erzogen worden. Doch neue Gegebenheiten forderten andere Mittel und irgendwann war es ihm schlichtweg egal, ob er stahl, um seinen Magen zu füllen.
Das Leben unter freien Himmel war schwierig für ihn, alleine schon deshalb, weil er es einfach nicht gewohnt war. Sein Vater war nicht die Art Mann gewesen, der mit seinem Sohn mal über Nacht zum Angeln gegangen wäre, zum jagen oder sonstiges. Lingor hatte sein Leben immer im Anwesen seiner Eltern verbracht, bis er dann im Alter von 12 Jahren endlich zur Akademie durfte. Doch auch in der Zeit davor war sein Leben vom Lernen und von Pflichten geprägt gewesen. Freunde hatte er keine, draußen zum Spielen war er nie.
Als er ging, hatte er nicht viel mitgenommen. Natürlich etwas Gold, ebenso ein paar Schmuckstücke seiner Eltern, sein Schwert, eine leichte Lederrüstung. Ansonsten war seine Planung eher stümperhaft, einfach aufgrund mangelnder Erfahrung und vermutlich ebenso wegen einer naiver Weltansicht. Er war sich sicher, dass er nicht lange unterwegs sein würde und dass er, sobald er in eine Region kam, wo der Name Melia nicht mehr so viel Gewicht hatte, rasch eine Akademie finden würde, die seine Ausbildung beenden und ihn zum Soldaten machen würde. Von da an hätte er es leicht, zumindest in seiner Vorstellung. Er war sich sicher, dass er das Talent hatte und sämtliche Voraussetzungen erfüllte, um zu brillieren. Er brauchte nur andere Umstände, um seine Ziele in die Tat umzusetzen.
Das Gold war früher verbraucht als er gedacht hätte. Er hatte keine Vorstellung davon gehabt, wie kostspielig das Leben war. Und wenn man wie er gewisse Standards gewohnt war, sah man nicht direkt die Notwendigkeit, von diesen abzuweichen. Dazu kam die noch immer andauernde, leichte Überheblichkeit, die er an den Tag legte. Er war nach wie vor der Meinung, dass ihm eine bessere Behandlung zustünde; und sowas kam selten gut an. Für Tavernenbesitzer war ein derartiges Verhalten ein gefundenes Fressen, um dem arroganten Möchtegern-Krieger das doppelte an Gold für Speise und Unterkunft abzunehmen.
Das Erste, das er beim Pfandleiher versetzte war ein Ring seiner Mutter. Kein besonders schöner, aber mit einem stechend roten Rubin. Danach folgten Manschettenknöpfe seines Vaters, verziert mit seinen Initialen.
Als er bei den ersten beiden Akademien abgelehnt wurde, schwand langsam seine Zuversicht. Erst kam Wut auf, die dann nach einer gewissen Zeit ebenso wich und Existenzangst Platz machte. Das Einzige, was er noch besaß, war das Schwert aus silberweißem Stahl, das er zum Geburtstag bekommen hatte und die leichte Rüstung aus Leder und er war sich sicher, dass es ihm niemals so schlecht gehen konnte, dass er beides versetzen würde.
In den ersten Nächten unter freiem Himmel hatte er kaum ein Auge zubekommen. Und wenn nicht gerade der Hunger ihn plagte, so war es nach und nach der Entzug vom Alkohol, der sich bemerkbar machte. Ihm war nie wirklich bewusst gewesen, dass er in dieser Richtung ein Problem hatte, doch spürte es dieses jetzt deutlich. Er fror entsetzlich trotz des sommerlichen Wetters, verlor an Kraft und kam dennoch kaum mehr zur Ruhe. Sein Kopf arbeitete unentwegt.
Er war mittlerweile einige Wochen unterwegs, schleppte sich jeden Tag immer ein Stück weiter in der Hoffnung auf Besserung. Er lebte von dem, was er unterwegs auftreiben konnte, sein Stolz war ungebrochen. Er war zum Krieger geboren und nichts anderes würde er akzeptieren!
Der Herbst kam dieses Jahr unerwartet früh. Die Tage wurden kälter, regnerisch und kurz. Er hatte sich in der kleinen Stadt, in der er als nächstes gestrandet war, umgehört und in Erfahrung bringen können, dass es eine Akademie gab, an der Soldaten ausgebildet wurden, doch waren die Auswahlkriterien hoch. Es mussten gewisse Vorkenntnisse mitgebracht werden, ebenso war körperliche Unversehrtheit eine Grundvoraussetzung.
Er wurde rasch vorstellig und wie kaum anders zu erwarten, meisterte er das Einführungsgespräch gekonnt. Er hatte Ahnung von militärischer Struktur, war bereits vier Jahre auf der Akademie in Meranthal gewesen und hatte gewisse Grundkenntnisse.
Doch folgte danach die Musterung. Sicherlich war er nervös, doch hoffte er, dass seine Statur und sein Auftreten seine anderen Probleme überlagern würden. Doch war der Heiler der Akademie gut in seinem Handwerk und es brauchte kaum zwei Blicke um zu erkennen, in welcher Verfassung Lingor war. Er hatte leichtes Untergewicht, die Haut war fahl von schlechter Ernährung und dem Entzug vom Whisky. Ebenso bestätigte sich sein Verdacht rasch, dass der Medicus sein Nierenproblem direkt erkennen würden, sollte er diesen Bereich berühren und abtasten.
Es brachte Lingor letztendlich nichts, dass der Leutnant, mit dem er das Gespräch führte, es bedauerte, ihn nicht aufnehmen zu können und er hatte Mühe seine Enttäuschung zu verbergen. Als er die dicken Mauern der Akademie hinter sich ließ, kam zum ersten Mal das Gefühl von Angst auf. Was sollte er jetzt noch tun?
. - ~ - .
Möglichst unauffällig und betont ruhig ging der junge Mann durch die schmalen Gassen des Arbeiterviertels, sah sich hier und dort um und verließ sich auf seine Nase, im wahrsten Sinne. Hier in den Hinterhöfen standen oft genug Bleche zum auskühlen oder Terrinen mit kalten Braten oder Fleischkeulen herum. Doch waren die Bäcker und Köche auf zack. Wenn er nicht erwischt werden wollte, musste er schnell sein; und das war nun wirklich nicht seine Stärke.
Als er um die nächste Kurve bog, sah er direkt das Objekt seiner Begierde, nein, es waren sogar zwei: ein Apfel war wohl aus einem Korb gerollt und lag nun hinter etwas Laub an einer Häuserwand. Das war einfach und würde auch keine Probleme hervorrufen. Der junge Krieger ließ ungeschickt seine Tasche auf Höhe des Apfels fallen und räumte die kleine rote Frucht direkt mit ein, als er sie aufhob. Am liebsten hätte er sofort seine Zähne hineingeschlagen, doch konnte er sich zusammenreißen.
Auf seinem weiteren Weg näherte er sich dem alten, etwas schmuddelig wirkenden Backblech, gut bestückt mit scheinbar frisch gebackenen, kleinen Zimtschnecken. Es war eher selten, dass süße Backwaren in diesem Teil der Stadt angeboten wurden, war schlichtes Brot doch einfach wichtiger, aber wer wusste schon, wer der Auftraggeber war. Und letztendlich war es Lingor in dem Moment egal, womit er seinen schmerzenden Magen füllen würde.
Er beschleunigte seinen Schritt, machte seine Hand bereit und schnappte sich im Vorbeigehen eine der Hefeschnecken und spurtete direkt los. Und das keine Sekunde zu früh, denn er hörte direkt den tobenden Bäcker aus dem Fenster zur Hinterhofgasse rufen, dann wie eine Tür grob aufgestoßen wurde. Mühsam versuchte er beim Rennen die Zimtschnecke in seine Tasche zu stopfen, denn das Ende der Gasse näherte sich immer schneller und er würde beide Hände brauchen, um sich an der Wand hochzuziehen und über die mannshohe Mauer zu springen.
Es waren nur noch wenige Schritte und er spürte regelrecht, wie der Bäcker ihm auf den Fersen war, als Lingor sich das Gebäckteilchen schlichtweg im Ganzen zwischen die Zähne schob und seine Kraft einsetzte, um über die Mauer zu kommen. Hastig schwang er seine Beine darüber und ließ sich auf der anderen Seite in die Tiefe fallen. Er hörte den Bäcker noch rufen, doch war er definitiv außer Gefahr.
Mühevoll atmete er durch, griff sich an die schmerzenden Seiten auf Nierenhöhe und seufzend verschwand die Zimtschnecke nach einigem Kauen in seinem Magen. Es war eigentlich ärgerlich, dass er das arme Ding so runterschlingen musste. Ihm wäre es lieber gewesen, das Gebäck langsam zu genießen, aber immerhin füllte es so seinen Bauch gleichermaßen.
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Vor einem Jahr noch wäre er nie auf die Idee gekommen, dass er mal sein Essen stehlen musste. Eigentlich wusste er bis dahin auch nicht, wie es war, wirklich wahrlichen Hunger zu haben. Hunger, der Kopfschmerzen und Übelkeit hervorrief, der einen verrückt machte und den Kopf zumeist voll beschäftigte, wenn er Überhand nahm.
Denn bis zu seinem 16. Lebensjahr hatte er ein völlig anderes Leben gelebt. Zwar hatte es seitdem er denken konnte Differenzen mit seinem Vater gegeben, dennoch hatte es ihm nie an etwas gefehlt. Er war im Reichtum aufgewachsen, war von Kindesbeinen an in allem geschult worden, was ein junger Adeliger an Wissen brauchte, hatte verschiedene Hauslehrer und wurde gefördert. Sein Weg war vorbestimmt. Der Knabe mit dem oft stolzen Blick würde seinem Vater folgen, der den höchsten Rang in der Legion Meranthals besetzte. Es stand völlig außer Frage, dass er ein begnadeter Krieger sein würde, der seinesgleichen sucht.
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Es hatte eine Weile gebraucht, bis er diesen Schritt gemacht hatte. Er war ganz bestimmt kein Dieb, dazu war er zu gut erzogen worden. Doch neue Gegebenheiten forderten andere Mittel und irgendwann war es ihm schlichtweg egal, ob er stahl, um seinen Magen zu füllen.
Das Leben unter freien Himmel war schwierig für ihn, alleine schon deshalb, weil er es einfach nicht gewohnt war. Sein Vater war nicht die Art Mann gewesen, der mit seinem Sohn mal über Nacht zum Angeln gegangen wäre, zum jagen oder sonstiges. Lingor hatte sein Leben immer im Anwesen seiner Eltern verbracht, bis er dann im Alter von 12 Jahren endlich zur Akademie durfte. Doch auch in der Zeit davor war sein Leben vom Lernen und von Pflichten geprägt gewesen. Freunde hatte er keine, draußen zum Spielen war er nie.
Als er ging, hatte er nicht viel mitgenommen. Natürlich etwas Gold, ebenso ein paar Schmuckstücke seiner Eltern, sein Schwert, eine leichte Lederrüstung. Ansonsten war seine Planung eher stümperhaft, einfach aufgrund mangelnder Erfahrung und vermutlich ebenso wegen einer naiver Weltansicht. Er war sich sicher, dass er nicht lange unterwegs sein würde und dass er, sobald er in eine Region kam, wo der Name Melia nicht mehr so viel Gewicht hatte, rasch eine Akademie finden würde, die seine Ausbildung beenden und ihn zum Soldaten machen würde. Von da an hätte er es leicht, zumindest in seiner Vorstellung. Er war sich sicher, dass er das Talent hatte und sämtliche Voraussetzungen erfüllte, um zu brillieren. Er brauchte nur andere Umstände, um seine Ziele in die Tat umzusetzen.
Das Gold war früher verbraucht als er gedacht hätte. Er hatte keine Vorstellung davon gehabt, wie kostspielig das Leben war. Und wenn man wie er gewisse Standards gewohnt war, sah man nicht direkt die Notwendigkeit, von diesen abzuweichen. Dazu kam die noch immer andauernde, leichte Überheblichkeit, die er an den Tag legte. Er war nach wie vor der Meinung, dass ihm eine bessere Behandlung zustünde; und sowas kam selten gut an. Für Tavernenbesitzer war ein derartiges Verhalten ein gefundenes Fressen, um dem arroganten Möchtegern-Krieger das doppelte an Gold für Speise und Unterkunft abzunehmen.
Das Erste, das er beim Pfandleiher versetzte war ein Ring seiner Mutter. Kein besonders schöner, aber mit einem stechend roten Rubin. Danach folgten Manschettenknöpfe seines Vaters, verziert mit seinen Initialen.
Als er bei den ersten beiden Akademien abgelehnt wurde, schwand langsam seine Zuversicht. Erst kam Wut auf, die dann nach einer gewissen Zeit ebenso wich und Existenzangst Platz machte. Das Einzige, was er noch besaß, war das Schwert aus silberweißem Stahl, das er zum Geburtstag bekommen hatte und die leichte Rüstung aus Leder und er war sich sicher, dass es ihm niemals so schlecht gehen konnte, dass er beides versetzen würde.
In den ersten Nächten unter freiem Himmel hatte er kaum ein Auge zubekommen. Und wenn nicht gerade der Hunger ihn plagte, so war es nach und nach der Entzug vom Alkohol, der sich bemerkbar machte. Ihm war nie wirklich bewusst gewesen, dass er in dieser Richtung ein Problem hatte, doch spürte es dieses jetzt deutlich. Er fror entsetzlich trotz des sommerlichen Wetters, verlor an Kraft und kam dennoch kaum mehr zur Ruhe. Sein Kopf arbeitete unentwegt.
Er war mittlerweile einige Wochen unterwegs, schleppte sich jeden Tag immer ein Stück weiter in der Hoffnung auf Besserung. Er lebte von dem, was er unterwegs auftreiben konnte, sein Stolz war ungebrochen. Er war zum Krieger geboren und nichts anderes würde er akzeptieren!
Der Herbst kam dieses Jahr unerwartet früh. Die Tage wurden kälter, regnerisch und kurz. Er hatte sich in der kleinen Stadt, in der er als nächstes gestrandet war, umgehört und in Erfahrung bringen können, dass es eine Akademie gab, an der Soldaten ausgebildet wurden, doch waren die Auswahlkriterien hoch. Es mussten gewisse Vorkenntnisse mitgebracht werden, ebenso war körperliche Unversehrtheit eine Grundvoraussetzung.
Er wurde rasch vorstellig und wie kaum anders zu erwarten, meisterte er das Einführungsgespräch gekonnt. Er hatte Ahnung von militärischer Struktur, war bereits vier Jahre auf der Akademie in Meranthal gewesen und hatte gewisse Grundkenntnisse.
Doch folgte danach die Musterung. Sicherlich war er nervös, doch hoffte er, dass seine Statur und sein Auftreten seine anderen Probleme überlagern würden. Doch war der Heiler der Akademie gut in seinem Handwerk und es brauchte kaum zwei Blicke um zu erkennen, in welcher Verfassung Lingor war. Er hatte leichtes Untergewicht, die Haut war fahl von schlechter Ernährung und dem Entzug vom Whisky. Ebenso bestätigte sich sein Verdacht rasch, dass der Medicus sein Nierenproblem direkt erkennen würden, sollte er diesen Bereich berühren und abtasten.
Es brachte Lingor letztendlich nichts, dass der Leutnant, mit dem er das Gespräch führte, es bedauerte, ihn nicht aufnehmen zu können und er hatte Mühe seine Enttäuschung zu verbergen. Als er die dicken Mauern der Akademie hinter sich ließ, kam zum ersten Mal das Gefühl von Angst auf. Was sollte er jetzt noch tun?

