(Unbekannt)
Die Nacht war lang gewesen, der Schlaf hatte sich nicht so recht einstellen wollen, wurde immer wieder unterbrochen vom plötzlichen Erwachen und lauschen in die Dunkelheit. Die Stille im Haus war umfassend, die Dunkelheit fast schon allgegenwärtig. Also machte er mal wieder ein kleines Licht in der Lampe an, um die Schatten zu vertreiben. Er wusste, sie alle wussten, was heute bevorstand und doch wussten sie eigentlich viel zu wenig davon, was auf sie zukam. Es war mehr eine finstere Vorahnung, denn Wissen und Klarheit. Nicht zum ersten Mal betete er für die Familie daheim.
Und wie stand es um ihn selbst? Hatte er seinen Frieden gemacht?
Ja, im Stillen, ganz für sich. Er hatte vorher getan, was er sich vorgenommen hatte. Die Verlobung war geschlossen. Ein, zwei Briefe sorgten für Weiteres. Der kleine Lichtschimmer am Ende war die Einladung eines kleinen Mädchens, das an Morgen glaubte und darauf vertraute, dass sie es schafften, dass sie siegen würden. Die kleine Runde am gestrigen Abend mit ihren Festplänen tat noch etwas hinzu. Es wartete eine Zukunft auf sie. Wie auch immer sie aussehen mochte, aber sie sollte stattfinden. Aufgeben war zu keiner Zeit eine Option gewesen, jetzt erst recht nicht.
Sie wussten alle darum, dass es die letzte Schlacht sein würde. Es gab nur Sieg als Option. Eine Niederlage war nicht akzeptabel. Dafür kämpften sie alle. Westen, Osten, ganz Ala‘thair und die Götter selbst. Dafür hatten sie Horteras zurückgeholt, dafür waren sie zeitweise sogar Abwege gegangen, die sonst undenkbar schienen.
Tatsächlich widmete er einige Gedanken auch dem stattgefunden Austausch im vergangenen Jahr. Die Academia Arcana, die inzwischen nicht mehr existierte, die Menschen und Völker, die dort zusammengekommen waren, egal welcher Nationalität, ob Freund oder Feind, der dortige Austausch. Das, was daraus erwachsen war und darüber hinaus ging. Was kam danach? Zweifellos würde es weitergehen wie vor dem Nichts, oder? Im Grunde war das in mancher Hinsicht schwer bedauerlich und schien auf die eine oder andere Art unnötig, dann aber kam die Gewissheit im nächsten Moment zurück, dass einige davon noch immer nicht verstanden hatten, dass der Herr sie nur befreien wollte, sie retten, ihre Seelen, ihr Denken, ihren eigenen Willen. Der Kampf darum würde sich also fortsetzen.
Interessanterweise kam ihm dazu die Begegnung am gestrigen Abend in den Sinn, und was ihm berichtet wurde, warum es diese Person im Reich gehalten hatte. Wahrlich keine dumme Herangehensweise, die er da zu hören bekommen hatte. Tatsächlich hatte er damit wieder etwas gelernt.
Lernen. Das Leben war eine einzige Schule des Lernens. Jeden Tag gab es etwas Neues, und das sollte nun nach heute beendet sein, wenn sie verloren. Es gab tatsächlich keine andere Option als den Sieg. Er wusste sehr genau darum, wie sehr der Herr der Schatten und Dunkelheit gerade für seine Diener focht, und auch, dass er nicht alleine kämpfte. Die Drei. Noch ein Wandel der Zeit, die das Nichts vollbracht hatte. Etwas, was über Jahre niemand sonst bewerkstelligte, war daraus erwachsen, scheinbar wie von selbst.
Still saß er auf der Bettkante seines Bettes. Ja, seines Bettes. Allein. Natürlich wäre er gerne nun bei ihr gewesen, aber die Auflage der Erhabenen war klar und deutlich gewesen, was die Verlobungszeit anging und sie waren beide gewillt sich daran zu halten, auch wenn es in Nächten, wie diese, mehr als schwerfiel. Im Grunde war der Weltenvernichter sogar für diese Beziehung verantwortlich, und eine beiläufig gemachte Äußerung eines Menschen, der ihm wichtig war.
„Wir sollten genießen, was uns offensteht, wer weiß, wie lange wir das noch können.“
So oder so ähnlich hatten die Worte gelautet. Zwar bezog sich das damals mehr auf den Genuss von einem kalten Bier oder ähnlichem, aber er hatte es auch für sich noch weiter gefasst begriffen.
Es entkam ihm doch ein leises Lachen. Wie viel Gutes dieser Weltenvernichter eigentlich gebracht hatte, ohne die Absicht dahinter zu hegen, war schon erstaunlich und höchst amüsant im Grunde, denn es trug genau zu dem bei, was dieser nicht hatte erreichen wollen. Eine solche Gegenwehr, dass seine Pläne ins Wanken gerieten.
„Wir sollten dennoch nicht in Hochmut verfallen. Seine Armee mochte geschwächt wirken, aber ich bin sicher, wenn er uns alles, was er hat entgegenwirft, wird es schwer genug den Tag zu überstehen“, murmelte er vor sich hin.
Mit einem Seufzen erhob er sich und setzte sich an den Schreibtisch, schlug das vernachlässigte Tagebuch auf und begann ein paar Zeilen zu schreiben. Dabei ließ er sich nicht von Schwermut treiben, denn er war zuversichtlich, dass sie gewinnen konnten, ja, gewinnen würden. Zweifel erlaubte er sich nicht. Hoffnung allein war zu schwach. Er vertraute auf den Allmächtigen, auf die, die mit ihm kämpften, irritierender Weise sogar auf die feindlichen Parteien, dass sie alle gemeinsam diese Schlacht für sich entscheiden würden.
1500 Jahre war das Geschwür nun mindestens auf Ala’thair gewesen und hatte hier und da sein Unwesen getrieben. Es war an der Zeit das zu beenden. Ein für alle Mal. Die Entschlossenheit, der Glaube der Zusammenhalt, und die Einigkeit wider des gemeinsamen Feindes war der Schlüssel zum Sieg. Nichts anderes. Dabei spielte es für heute keine Rolle, welchem Glauben sie folgten, keine Rolle, auf wessen Seite sie standen, denn es gab nur eine: Die gegen den Weltenvernichter und seiner Getreuen.
vom stillen Glück erkoren
im Morgenrot der Zuversicht
wird immer neu geboren.
(Ingrid Riedl)

