Letharische Speisen
Die Gemeinschaft der Völker zu stärken war der Auftrag der Glutmutter an ihre Kinder, die Rashar.
Unter denen, die mit ihnen im Bund standen, vereint durch die Blutlinie Alatars, Ahamanis und deren Schöpfungen, waren die Letharen. Jenes fanatische Volk, das ähnlich den Rashar ihre Heimat unter der Oberfläche hatte. Die Lava floß auch durch ihre Höhlen, beiden ward das heilige Obsidian-Erz zuteil. Und Kampfeslust trieb beide an.
Doch beinah so viel wie sie gemein hatten, unterschied sie. Waren die Vulkanischen groß gewachsen und offen im Kampf, so waren die Letharen klein, zäh und durchtrieben. Und während bei den Kindern Ahamanis die Rasharii vorstanden, nahmen unter den Kindern des All-Einen die Männchen die hervorgehobene Stellung ein.
Daher war es auch nicht verwunderlich, dass ein jedes Volk sich auch auf seine Weise nährte, und ihre Herdstellen brachten Spezialitäten hervor, die nicht für jeden Leib geschaffen waren.
Die rauchgeschwängerten Aromen der rasharischen Küche wurden in ihrem Ruf nur von der gleichsam geschätzten wie gefürchteten Feuerbeere übertroffen.
Wohingegen die Exotik
letharischer Speisen ihresgleichen suchte und vor allem sich unter jenen gewisser Beliebtheit erfreute, denen ein Schauer die feinste Würze war, oder die intensivste Geschmäcker suchten.
Während der Zyklen, die KalOshra nun an der Oberfläche wandelte, ergaben sich etliche Gelegenheiten, bei denen der RasharHo bezeugen (und gar am eigenen Leib erfahren!) konnte, wie der unbedarfte Verzehr von Delikatessen aus dem Axorn so manchen überwältigte und sein Innerstes zu äusserst kehrte.
So war es das Zusammenspiel der rücksichtslosen letharischen Neugier und der bis zur Giftigkeit gefährlichen Unverträglichkeit ihrer Speisen, das ihn jeden noch so aufdringlich dargebotenen Bissen aus den Händen der blauhäutigen Vettern und Basen zurückweisen ließ.
Zweierlei sprach jedoch dafür, an diesem Mißstand etwas zu ändern:
Zum Ersten: der andere Auftrag der Mutter: Neues zu erkunden und PhraNuk zu sammeln.
Zum Zweiten: das gemeinsame Band nicht durch Zurückweisung von Traditionen und Gebräuchen zu schwächen oder gar durch Beleidigung zu vergrämen.
Deshalb war es dem ShoRaKa der SenToKi wie ein flammendes Omen, als ihm einer der BrakNa des Stammes berichtete, sie wären von einer Lethrusae in den Axorn geladen, um einem Vortrag zur Behandlung von Krankheiten beizuwohnen. Eine Gelegenheit, unter dem Schutz des heilkundigen Bruders die kulinarischen Unwegsamkeiten des anderen Volkes zu ergründen, ohne Gefahr zu laufen, daran zugrunde zu gehen.
Zur Vorbereitung überließ ihm KalOshra sämtliche Proben letharischer Kost, die er im Laufe der Zeit gesammelt hatte. Anhand dieser sollte der BrakNa Gemische brauen, die jeglich schädliche Wirkung neutralisieren sollten, die von ihrem Genuß ausgehen könnte.
Als der Tag gekommen war, folgten sie also dem Ruf in die Höhlen des Axorn.
Wie erwartet stand auch ein Tisch voll der unterschiedlichsten Gerichte der Gastgeber bereit. Und während also die Lethrusae ihre Ausführungen über Krankheiten, Ungeziefer und Seuchen zum Besten gab, erprobte KalOshra nach und nach jede der aufgetischen Mahlzeiten. In schwarzen Schnörkeln wurden dabei akribisch alle Erkenntnisse über die einzelnen Speisen in Knochentafeln gebrannt. Vom Namen über den Geschmack bis hin zu den mitunter höchst unangenehmen Auswirkungen auf den rasharischen Leib. Nicht nur einmal musste sich der BrakNa vom Vortrag ab- und dem Beistand seines gebeutelten Bruders zuwenden.
Und damit wuchs das PhraNuk.
Immerhin: nicht jeder Happen war abstoßend. Manch schmackhafter Pilz mischte sich unter die unbekömmlichen. Und ein würziger Schinken löste faulige Ara'thraxen-Eier ab.
Und als sich die Worte der Lethrusae dem Ende zu neigten, war auch die letzte Portion aufgezehrt, und es verblieb nur die Reihe geleerter Phiolen der rettenden Gebräue des rasharischen BrakNa.
Das Wissen den Weg dir weist dahin,
des Gaumen Genuß vom Gifte zu scheiden.
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