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Askan Fiete Sturmlicht





 Beitrag Verfasst am: 29 Jul 2022 10:33    Titel:
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Die Suche

„Fiete, ich brauche deine Hilfe.“

Worte, die er noch nie von dem Jüngeren gehört hatte. Worte, die ihn aufhorchen und die Augenbrauen hochschnellen ließen. Sie saßen gerade gemütlich in Fietes Zimmer, waren für sich und sollten zumindest die nächste Stunde nicht gestört werden. Die weitere Unterhaltung verlief sehr leise, diskret, ungehört von anderen Augen und Ohren. Darauf konnten sie sich in diesem Ambiente gerade verlassen. Selbst wenn nebenan jemand durch den kleinen Spion schaute (ein kleines Guckloch für die Schläger, damit sie nach dem Rechten schauen konnten, oder für Madame, wenn sie die Neugier umtrieb), hören würden sie nichts, nur sehen, wie die zwei sich an einem kleinen Tisch gegenübersaßen und die Köpfe zusammensteckten.

Nach Nikas Besuch vergingen noch einige Wochen. Es war einer dieser geselligen Abende im Karminpelz, wo sich die Huren und Stricher herausputzten und in etwas extravagantere Kleidung zwängten. Die Mode entsprach dann nicht der neusten Zeit, sondern einer längst vergangenen, das Haus selbst wurde dem Ambiente entsprechend angepasst und die werten Freier und auch Freierinnen betraten, als sie hereinkamen, eine andere Welt. Das gefiel, ließ gern den Alltag vergessen und all die Schwierigkeiten, die einem dort begegnen konnten. Zumindest hofften das viele, die dann kamen, um sich zu vergnügen – auf vielfältigste Art und Weise.

Fiete saß gerade im Salon und unterhielt sich angeregt mit eine der Huren und einem Gast, als das ein Paar eintrat, dass sich interessiert umsah. Er nahm sie mehr aus den Augenwinkeln wahr, bevor er ganz hinschaute und die zwei aufmerksam musterte. Kurz darauf entschuldigte er sich bei dem Gast, er hatte ja gute Gesellschaft an seiner Seite, und stand auf. Zielstrebig hielt er auf die beiden zu und zeigte dabei gekonnt ein überaus strahlendes Lächeln.
„Herzlich Willkommen im Karminpelz, die werten Herrschaften! Darf ich die Mäntel abnehmen? Ich bin Angelo und geleite Euch durch den Abend, wenn Ihr wünscht.“
Es geschah das Übliche. Er kannte es schon zur Genüge. Die Dame fühlte sich überaus geschmeichelt, strich ihm zart über die Wange und schenkte ihm ein butterweiches Lächeln, der Herr musterte ihn erstmal kritisch und nickte es dann mit Zufriedenheit im Blick ab. Beide reichten die Mäntel an und Fiete gab sie einfach einem der Bediensteten für die Garderobe weiter. „Leg diese doch für…“
„Oh, natürlich.. für Nessa und Sergio Fontance“, antwortete sie daraufhin säuselnd. „Leg das doch bitte für die Dame und den Herrn Fontance beiseite und halte sie bereit, falls sie wieder aufbrechen möchten, danke.“
Mit einer angedeuteten Verneigung verzog sich der Garderobier samt den Mänteln und Fiete selbst geleitete die beiden zunächst in den Salon. Üblicherweise hielt man sich zunächst dort auf, trank ein wenig Prickelwasser und plauderte nett über dies und das. Erst später ging es dann zum Zimmer hinauf. So sollte es auch hier verlaufen. Das Schwätzchen war ganz unverfänglicher Natur, begleitet von ein paar kleinen Streicheleinheiten und Verlockungen.

Im Zimmer ging es dann eher anders her. Mit einigem Geschick und Überzeugung hatte er beide davon überzeugt mitzukommen und den Abend über bei ihm zu bleiben, aus dem Abend wurde die ganze Nacht bis hin zum Morgengrauen. Lukrativ für ihn, aber auch arbeitsam, in vielfacher Hinsicht. Am Ende aber hatte er was er wollte. Eine Einladung ins traute Eigenheim der beiden. Zuvor noch davon ausgegangen, dass sie zur Mittelschicht gehörten, vermutlich eher die niedrige als denn die hohe, wusste er nun, dass sie mehr zu niederer Oberschicht gehören, in einem der besser betuchten Vierteln der Stadt residierten und weit mehr besaßen, als sie sich dem Anschein gaben.
Und er wusste auch, dass die Namen Nessa und Sergio Fontance mehr Schein als sein waren, und sie tatsächlich Manela Fisco und Zano Crivell hießen, angeblich im Getreidehandel tätig.
Nun ja, und darüber hinaus kannte er ihre Vorlieben beim Liebesspiel, was mitunter auch mal nützlich sein konnte.
Dass genug Alkohol und die Betttollerei sie so gesprächig machte, war auch eine Information, die ordentlich taugte. Wollte er also mehr herausfinden, oder wollte sein Bruder dies, so war das auch gut machbar.

Am nächsten Tag, nach dem Ausschlafen, machte er sich dann auf die Suche nach dem Mäuschen. Er war neugierig. Durchweg interessiert. Als er sie fand, schickte er sie los die Adresse der beiden aufzusuchen und mal auszukundschaften, was sie dort so vorfand. Er wollte wissen, wie viel Gold sie besaßen und was ihn dort erwartete, sollte er der Einladung folgen – er oder Nika, vielleicht ja auch sie beide. Es konnte nicht schaden vorbereitet zu sein.
Gab es Wachen, Köter, oder sonst was? Wie sah es drinnen aus? Was war von Wert dort, was nur Schein. Er war sich sicher, das Mäuschen würde schon die passenden Sachen herausfinden, die ihnen nutzen dürften. Dafür liebte er das Mädchen. Still, verschwiegen, effizient und ein kleines Herzchen von Mensch.

Sobald er auch diese Informationen hatte, würde er sich erneut mit Nika austauschen.



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Nika Cytian





 Beitrag Verfasst am: 30 Jul 2022 18:22    Titel:
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[Warnung: Geschichte enthält Szenen, die für manche Menschen vielleicht zu gewalttätig sind. Wenn man in der Hinsicht sehr sensibel ist, bitte nicht weiterlesen.]


Wer ander'n eine Nase bricht...

Mit einem festen Ruck presste Erican den wild tobenden Nika auf den Tisch herab und hielt ihn so lange unnachgiebig im Nacken gepackt bis der Widerstand nachließ, der Jugendliche zu japsen und zu wimmern begann und sich das krampfende Zittern des Atemmangels in seinen Händen ausbreitete. Erican neigte sich zu ihm herab und sprach leise, beinahe sanftmütig: "Dass du es dir jedes Mal so schwer machen musst, mein Mädchen. Du weißt doch genau, dass das so oder so passieren wird... Wie immer." Gierig rang Nika um Atem, als der Ältere seinen Griff etwas lockerte. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Erican zückte ein Messer, mit dem er Nikas Hemd entlang des gesamten Rückens gelassen aufschnitt, wobei er ihm seine abstoßenden Vorhaben für heute zuraunte. Nikas Geist driftete ab, nicht einmal der unachtsam ausgeführte Schnitt auf seinem Rücken, der eine blutige Spur über seine Haut zog, erreichte sein Bewusstsein. Im ersten Moment wusste er nicht, was es war, was ihn wieder in die Gegenwart befördert hatte, bis Ericans gedämpfte Worte seinen Geist erreichten: "... habe abgelehnt zu gehen. Ich möchte lieber immer in deiner Nähe bleiben, mein Mädchen." Nikas Innerstes verkrampfte sich, die Übelkeit erfasste ihn unvermittelt heftig. Die Wände begannen zu schmelzen.
Jäh wurde alles in Nika zu Feuer, die Hitze erfüllte ihn plötzlich. Abermals trat sein Bewusstsein zurück, um etwas anderem Raum zu geben. Es war der tollwütige Hund, entflammt vom Wahnsinn des Hungers und der Wut, in die Enge getrieben. Als Erican sich zu seiner Schulter herabneigte, riss Nika den Kopf zurück und traf seinen Peiniger offenbar unerwartet mit voller Wucht an der Stirn. Mit einem Schmerzenslaut torkelte dieser ein paar Schritte zurück. Nika drückte sich auf dem Tisch rasch in die Hocke und wandte sich seinem Gegner zu. "Du kleiner...", zischte Erican wütend und führte seine Hand zu dem Blutrinnsal, der ihm von der Stirn ins Auge troff. "Dafür wirst du be...!" Er kam weder dazu seine Bewegung, noch seinen Satz zu beenden, als Nika schon an ihm heran war und ihm die Schulter mit dem Schwung seines Körpergewichts in den Magen rammte. Jeder andere wäre von der Wucht umgerissen worden, doch Erican war groß, schwer und geschult. Dennoch torkelte er zurück und knallte gegen die Wand. Eine Weile rangen die beiden, unwillig einzulenken, unfähig die Oberhand zu gewinnen. Nika wich nicht zurück, er fügte Erican einige Prellungen und tiefe Kratzer zu, bevor dieser ihn schließlich packen konnte. Mittlerweile rasend von dem unnachgiebigen Wüten des Jüngeren rammte er ihm die Faust ungebremst ins Gesicht. Nika hörte das Knirschen in seinem Kopf, als seine Nase brach, und schwankte zurück.
Das Blut lief in einem stetigen Strom aus seiner Nase, als er langsam in die Hocke ging. Erican tobte, doch schlich sich auch Erschrecken in seine Stimme. Er wusste wie heilig Onkel die Unversehrtheit von Nikas Gesicht war. "Daran bist du selbst schuld! Was musst du auch so durchdrehen? Das wird dir noch leidtun… das WIRD DIR LEIDTUN!", brüllte er mit sich überschlagender Stimme und ballte die Fäuste, als er auf Nika zustürmte. Jener tauchte unter seinem Schlag durch und schwang sich seitlich an ihm vorbei. Ohne Zögern rammte Nika ihm das vergessene Messer bis zum Heft in den seitlichen Rückenmuskel. Erican schrie gellend auf. Es folgte eine unkoordinierte Bewegung in Richtung des Jüngeren, ehe er zusammenbrach. "... wird leidtun... Verspreche...", keuchte er noch. Nika drehte das Messer in seiner Hand.
Vor der Türe waren mit einem Mal zahlreiche tippelnde Schritte zu vernehmen, als die von dem Kampfeslärm und Geschrei angelockten Kinder und Jugendlichen auseinandergetrieben wurden. "Das nächste Mal, wenn du mich anfassen willst, töte ich dich. Das schwöre ich dir", flüsterte Nika dem am Boden Liegenden kalt zu. Die Tür wurde mit einem Knall aufgebrochen.

Nika sah Erican vorerst nicht wieder. Sole hatte getobt, als er die gebrochene Nase gesehen hatte, und dem verletzten Erican noch einige Zähne ausgeschlagen. Zum ersten Mal wurde Nika zu einem richtigen Medicus in einem besseren Viertel geschickt, der den Bruch kundig und routiniert versorgte und die Nase richtete. Erican wurde kurze Zeit darauf mit einigen jungen Mädchen fortgesandt, den Gerüchten zufolge zu einem Onkel und Tante gehörenden neu gegründeten Hurenhaus in Hohberg, einer rasch wachsenden Bergarbeiterstadt im Landesinneren. Mit seiner Abreise hatte dieses Kapitel, dieses beinahe drei Jahre andauernde Martyrium in Nikas Leben ein Ende gefunden. Andere blieben.


Trotz der anzunehmenden deutlichen Verbesserung der Lebensumstände zu einem gewiss erträglicheren Maß, änderte sich weder Nikas Gemüt, noch seine Geisteshaltung. Meistens arbeitete er hart, trainierte ohne Gemurre und lernte bereitwillig. Wenn nicht gerade der blendend weiße Fleck sein Handeln bestimmte. Auch ansonsten blieb er genauso unausstehlich, gefühlskalt und gewalttätig, zumindest für die allermeisten Menschen. Zum einen lag dies daran, dass nur ein Teil des andauernden körperlichen und seelischen Missbrauchs weggefallen war, zum anderen war es ein halbwegs sicherer Ort.
Niemand konnte nach Belieben gefühlsmäßig nahe an ihn herantreten oder sich in sein Denken schleichen. Es war nicht nur zu seinem Vorteil, wie er erwog. Es machte nicht nur ihn nicht erpressbar, es ersparte auch allen anderen die Nachteile und das Leid seiner Nähe und der Konsequenzen wie Tantchens Argwohn. Zwar tarnte sie es meist geschickt, zumindest vor Sole, doch fiel auf, dass Mädchen im Nest, die vielleicht auch nur ein paar Worte mit Nika gewechselt hatten, durchschnittlich häufiger weggeschickt wurden oder unverhältnismäßig harte Strafen erhielten. Nika stieß sie alle weg, er hielt alle von sich fern. Er fühlte keine Anteilnahme oder Wärme für die anderen Kinder und Jugendlichen im Nest wie man aufgrund dieses vermeintlich schützenden Handelns vielleicht annehmen sollte. Doch empfand er genug Verantwortung, um ihre Leben nicht wegen seiner bloßen Existenz und der Begehrlichkeiten anderer in Gefahr zu bringen.

Der abgeschiedene Standpunkt hatte den Vorteil, dass es niemanden gab, der sich in seine Angelegenheiten einmischte. Zwar bemerkte Nika, dass Sole nach den Ereignissen um Erican mehr auf ihn zu achten schien, wich aber allen vorgeblich fürsorglichen Annäherungen aus. Es stimmte ihn misstrauisch, ließ ihn vorerst aber lediglich wachsamer werden.
Es war zu jener Zeit, dass Nika seine eigene Geheimschrift entwickelte, eine Mischung verschiedener Schriften und Symbole, Zahlen und geometrischer Muster. Er teilte sie mit niemandem, nicht einmal Fiete. Sie sollte eines Tages dazu dienen nur seine eigenen Gedanken, Thesen und sein Wissen festzuhalten. Noch hatte er nicht den Luxus irgendetwas zu besitzen, was nur ihm gehörte. Nicht einmal ein Notizheft, nicht einmal einen Zettel.
Alles, was Nika erfuhr, merkte er sich, indem er es immer und immer im Geist wiederholte. Dieser Tage wurde es viel, nachdem er angefangen hatte die Informationen zusammenzutragen. Soweit möglich ging er die Wege selbst, es gab zu wenige, denen er trauen konnte, ab und an schickte er jemanden, den Fiete empfahl. Es kostete ihn Zeit und Kraft, beides konnte er sich nicht leisten zu verschwenden.


Es war ein kalter, regnerischer Tag im Eisbruch 258, als Nika auf den üblich-unüblichen Wegen die erwartete Nachricht von Fiete erhielt. Es entlockte Nika ein Schmunzeln. Spiele die Eröffnung wie ein Buch...
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Nika Cytian





 Beitrag Verfasst am: 05 Aug 2022 21:50    Titel:
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Im Namen des Kranichs

Es war weit nach Mitternacht, als die Maus Nika den Dienstboteneingang öffnete. Die Angestellten des Hauses waren bis auf die persönlichen Diener des herrschaftlichen Paares in den Betten oder zu Hause. Er deutete fragend zur Decke und klopfte sich mit dem Handrücken in die andere Handfläche, dann zeichnete er einen Kreis mit dem Zeigefinger. Die Maus begutachtete in dem Halbdunkel die Gesten, dann nickte sie fest. Nika vollführte ein O mit Zeigefinger und Daumen und deutete ihr an zurückzugehen. Das Mädchen verschwand rasch durch die Tür in den Flur.
Nika schlich langsam durch die Küche in den Flur. Er kannte das Haus nicht, entsprechend vorsichtig bewegte er sich. Der Flur führte in ein sehr geräumiges Foyer mit einer breiten gewundenen Treppe, die ins Obergeschoss führte. Wenngleich mindestens noch zwei, vermutlich eher drei, Türen zwischen ihm und dem Schlafzimmer der Hausherren lag, hörte er Manelas frenetisches Gestöhne, was zwischen einem hündischen Jaulen und einem verzückten Wimmern changierte. Nika schnaufte leise, dennoch belustigt, und nicht ohne inneren Dank an seinen Bruder, der, wenngleich vermutlich profitabel, mit seiner Arbeit heute ein nicht unerhebliches Risiko für ihn einging. Er war dankbar, dass die Hausherrin (und wie sich später herausstellen sollte ebenso der Hausherr) einen Hang zur lautstarken Bekräftigung ihres Vergnügens hatte, denn auf diese Weise konnte Nika das Anwesen zureichend erkunden in der nüchternen Annahme, dass ihn niemand stören würde. So war es auch.
Als die Geräusche aus dem Schlafzimmer letztlich eher heiser und kraftlos befriedigter wurden und das morgendliche Grau in den Fenstern schimmerte, suchte Nika sein Versteck auf. Er verbarg sich in einem als Abstellkammer genutzten Hohlraum unter dem Treppenaufgang. Dem Staub nach zu urteilen waren die Gegenstände seit Jahren nicht mehr bewegt worden.
"Wie vereinbart, Angelo", erklang kurz darauf über ihm die Stimme Zano Crivells, offenbar wechselte Geld seinen Besitzer. "Ich danke dir, Liebelein", antwortete ihm Fiete in einem spielerisch-vertrauten Tonfall, wenngleich Nika seine Erschöpfung heraushörte. "Jederzeit wieder." Schritte. "Na, komm, Mäuschen, gehen wir heim. Nicht, dass wir noch Stolperfallen zum Opfer fallen." Nika wurde aufmerksam. Das galt ihm, Fiete warnte ihn. Es änderte nichts.

Nika verweilte den Tag über möglichst reglos in seinem Versteck, nur ab und an massierte er sich die verspannten Muskeln. Es geschah nichts Interessantes. Ein paar Mägde lästerten hinter vorgehaltener Hand über die Schamlosigkeit des Hauspaares ihren Lustknaben ins Haus zu holen, eine Affäre zwischen Koch und Zofe wurde Nika offenbar, als sie von Leidenschaft entflammt wild an der Täfelung der Treppe knutschten und einander Liebesschwüre zuraunten.
Es wurde wieder dunkel und still im Haus. Nika bewegte sich nicht aus seinem Versteck. Um Fiete zu schützen und, damit ihn keiner mit dem Folgenden in Verbindung bringen würde, wartete Nika. Er hasste es geduldig sein zu müssen, in Bezug auf alles, Reglosigkeit und Besonnenheit waren ihm ein Gräuel. Dennoch waren es Fähigkeiten, vor allem die Beherrschung seines Willens, die ihm teilweise schmerzhaft antrainiert worden waren und deren Wert er durchaus erkannte. Es änderte nichts daran, dass er es verabscheute. Hunger kennt kein Später. Mühsam unterdrückte er den Impuls aus seinem Versteck zu brechen und dem Hunger nachzugeben.
"Erzähl's mir gar nich', Blindgänger! 'Ch will gar nich' wiss'n wie du das mach'n willst, aye? Hör' dir aber das an: Versuch's nich' schön zu mach'n, mach's einfach! Die Überheblichkeit bricht den gut'n Leut'n das Genick. Behalt' dein Ziel vor Aug'n un' nur das! Un' verlier' dich nich' in deinem Zorn. Die gute Mischung für Rache is' Intelligenz, Präzision un' 'n Schuss Irrsinn, dann schmeckt sie!“ Nan patschte Nika mit der flachen Hand an die Stirn. „Intelligenz und Präzision, aye? Nich' rumblöd'ln!“
Nika strich sich mit zwei Fingern über die Stirn, als ihm die Worte des alten Waffenmeisters wieder in den Sinn kamen. Er atmete tief durch und begann ein weiteres Mal seine kribbelnden Beine zu massieren. Er wartete.

In der darauffolgenden Nacht, jene auf den ersten Lenzing, öffnete der Himmel seine Schleusen. Sobald es dunkel geworden war, war alles erfüllt von dem Rauschen, dem Tropfen und Klopfen und Gurgeln des Regens.
    Manela erwachte von einem gluckernden Geräusch und einer Bewegung. Zunächst dachte sie es wäre dem Wetter zugehörig, dann spürte sie wie es unter ihrem Nacken und ihrer Schulter warm und nass wurde. Im Halbschlaf wandte sie den Kopf zu Zano und, was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ihr Mann lag auf dem Rücken, Mund und Augen weit aufgerissen und ruckte heftig, während Blut unablässig aus einem tiefen Schnitt in seiner Kehle rann. Der See des Blutes, der sich auf dem Laken ausbreitete, ehe er im Stoff versickerte, hatte sie geweckt. Manela wollte schreien, aufspringen, doch nur ein flüsternder Laut drang aus ihrer Kehle, ihre Glieder rührten sich nicht. Es fühlte sich an als läge ein Felsbrocken auf ihrer Brust, Tränen rannen aus ihren Augenwinkeln. Sie hörte ein leises Räuspern.
Nika hielt sich an seinen Plan, der Lärm des Regens spielte ihm in die Karten. In der zweiten Nacht schlich er aus seinem Versteck und ohne Umwege hinauf in die Gemächer der Hausherren. Der persönliche Kammerdiener döste im Vorzimmer auf einer samtbezogenen Chaiselongue, was es Nika geradezu lächerlich einfach machte. Er betäubte ihn, der merkte es nicht einmal, sondern sank nur in tieferen Schlaf. Nika bewegte sich vorsichtig und leise und fand im Zugang zum Schlafzimmer den Stolperdraht, vor dem Fiete ihn gewarnt hatte. Während er am Fußende des riesigen Himmelbettes stand und wartete, dass das Mittel, das er ihr ins Ohr gegeben hatte, wirkte, betrachtete er das Paar in seinem seligen Schlaf. Er kam nicht umhin an die winzige Kammer zu denken, in der er mit seiner Mutter gelebt hatte. Sie lebten in Luxus und Vergnügungen auf Kosten anderer. Nicht nur das, sondern auch ohne Erwägung oder Beachtung der Leichen, die sie auf ihrem Weg zurückließen. Zeit sie die Wirklichkeit schmecken zu lassen. Für sie. Nika zog sein Messer.
"Wer bist du?", brachte Manela mit angstbebender, gehauchter Stimme hervor. "Niemand", antwortete Nika halblaut, "Niemand für dich, Manela Fisco oder Nessa Fontance. Oder sollte ich dich Schwan nennen?" Er saß auf dem Fußrahmen des Bettes und betrachtete die beiden stoisch bei ihrem Sterben. Sie weitete ihre Augen, der Blick huschte in dem Halbdunkel über seine Züge. "Du... bist es... Ihr Sohn. Du solltest... tot sein!" Ihre Worte klangen lallend, sie verlor zunehmend die Kontrolle über ihre Zunge. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn erkennen würde oder sich an Seoha erinnerte, doch erfüllte es ihn mit einer gewissen Befriedigung. "Tja, tut mir nicht leid, dass ich es nicht bin", erwiderte er recht ungerührt. "Wenn du..., wenn du... mich verschonst... verspreche dir... viel... und... Geld...", stammelte sie mühevoll und rang um Atem. "Du bist schon tot, Manela. Trotzdem nein, danke." Ihre Hände verkrampften sich und sie röchelte. "Es ist dasselbe Gift, das mir verabreicht wurde im Auftrag der Schwingen. Wie du an mir siehst, wirkt es nicht völlig zuverlässig. Aber keine Sorge, bei dir werde ich ganz sicher gehen." Das Entsetzen stand ihr mittlerweile ins Gesicht geschrieben. Sie wusste ihr Ende war sehr nahe. Zano rührte sich inzwischen nicht mehr. "Wa... rum?", war das Letzte, was noch über ihre blau angelaufenen Lippen ging. "Weil ich will."

Als der Kammerdiener im Morgengrauen aus seinem Schlaf aufschreckte und ins Zimmer der Herrschaften eilte, um sie zu wecken, fand er ihre ausgebluteten Körper im Bett. Es war als hätte ein Geist sie ermordet, denn niemand hatte etwas gesehen oder gehört und abgesehen von ihren Leichen fanden sich keinerlei Spuren im ganzen Haus. Keine Fußspuren, sogar alle Türen und Fenster waren ordnungsgemäß verschlossen und kein Tropfen Blut war außerhalb des Schlafzimmers zu finden. Nur eines blieb zurück...


Das in ihrem Blut gemalte Abbild eines Kranichs an der Wand, zusammen mit drei Strichen.
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Nika Cytian





 Beitrag Verfasst am: 02 Sep 2022 19:22    Titel:
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Nachtschattengewächse

Mit langen Schritten ging Nika hinter Sole her. Er trug eine schwere Kiste mit einem großen Vorhängeschloss auf der Schulter. Die Holzkante schnitt ihm in die Schulter, der Schlamm machte das Fortkommen schwierig und schmatzte unter seinen Schritten.

Es war früher Sommer, selbst wenn man davon nicht viel merkte, denn obgleich es bereits Schwalbenkunft war, regnete es seit Wochen unablässig. Die Straßen und Wege der Hafenkante waren mittlerweile so aufgeweicht und verschlammt, dass kaum mehr ein Fuhrwerk hindurch kam. Lediglich die Hauptwege zum Hafen selbst wurden regelmäßig von der Obrigkeit trockengelegt. Der Schlamm war überall: An den Wänden der Häuser, in den Innenräumen, an der Kleidung, auf der Haut. Man wurde ihn einfach nicht los.
Nach Wochen, in denen Sole Nika wegen seines mehrtägigen Verschwindens sehr argwöhnisch und höchst aufmerksam im Auge behalten hatte, ließ sein Misstrauen allmählich etwas nach. Nika hatte ihm eine Geschichte von einem verrückten Rausch aufgetischt, die Onkel natürlich nicht glaubte, aber der Halbstarke blieb stur dabei. Vielleicht deshalb musste Nika Sole nun deutlich regelmäßiger als zuvor auf seinen Wegen begleiten, vielleicht auch weil mit dem Rückgang seiner Überwachung Sanna auf den Plan trat und einforderte. Nika war sich sicher, dass Onkel eine Ahnung hatte, was seine Frau von ihm begehrte und verlangte, doch schienen die beiden eine stille Übereinkunft zu haben: Er tat so als bemerke er nicht ihre besitzergreifende Zuneigung und sie ignorierte, wenn er ab und an mit irgendwelchen blutjungen Mädchen aus dem Nest tat, was er wollte. Dennoch schien ihm ihre Gewogenheit für seinen hübschen Zögling zu missfallen, weshalb er ihn lieber überwacht mit sich nahm, selbst wenn er es als Lehrstunden hinstellte. Gelernt hatte der Jüngere aber lediglich, mit wem der alte Fuchs alles Geschäfte machte und wie eng seine Kontakte waren. Aber dies war überaus nützliches Wissen.

Schließlich erreichten sie ein zweistöckiges Holzgebäude am Ende der Spindlergasse. Nika hatte hier schon vor Jahren Beutelchen abgegeben oder geholt und Flüsternachrichten überbracht. Dennoch kannte er nur das Haupttor und den einstöckigen gewölbten Gang dahinter, der durch das Haus in einen Innenhof führte.
Sole schlug mit der Faust gegen die Tür, die in das große Holztor eingebaut war, woraufhin diese aufgezogen wurde. Ein junger Kerl, nur wenig älter als Nika, empfing die beiden mit einer höflichen Verneigung. "Madame kommt sogleich", ließ er Sole wissen und bedeutete Nika, wo er die Truhe abstellen konnte. Wie immer roch es in dem Tordurchgang würzig und aromatisch, ein wenig nach Heu und Kräutern. Sie ließ sie warten. Nicht ungemein lang, doch lang genug, dass der aufmerksame Beobachter verstand, wo sie im Verhältnis zu Onkel stand.

Madame oder Constanze Revarin oder die Spindlerin, wie sie zumeist ob ihrer Ansässigkeit in jener Gasse auf der Straße genannt wurde, war eine hochgewachsene, verhärmt wirkende Frau. Sie mochte um die fünfzig Jahre zählen, doch hatten ihre Haare noch immer einen leuchtend fuchsroten Farbton. Ihr Blick in einem dunklen Braun wirkte ruhig, doch ließ sich nie erahnen, was dahinter verborgen lag. Ihr Gesichtszüge waren eher kantig und wirkten hart, was ihre stattliche und kräftige Statur nur untermalte.
"Sole, mein Freund! Entschuldige, dass du warten musstest. Du weißt ja wie das manchmal ist, nicht?", begrüßte sie Onkel mit einem warmen Klang in der Stimme, doch einem eher schmalen Lächeln auf den Lippen. "Gewiss, Constanze, man steckt nicht drin wie man so schön sagt", erwiderte der Angesprochene möglichst leichtfertig, doch Nika vernahm die Andeutung von Missmut in seiner Stimme. Die Spindlerin betrachtete Nika einige Momente aufmerksam, einen Hauch zu lang, dann meinte sie mit einer Andeutung von Zweisinnigkeit in der Stimme: "Hübsches Kerlchen." Anschließend wandte sie sich wieder dem Geschäft zu. Die Truhe wurde fortgeschafft und sie und Onkel verschwanden eine Weile im Haus.

Als Sole schließlich wieder durch die Türe herauskam, packte er Nika grob am Arm und zerrte ihn in die Ecke des Tordurchgangs. Perplex von der plötzlichen Heftigkeit versuchte sich der Jüngere zu befreien, wurde daraufhin aber nur mit dem Unterarm am Kehlkopf gegen die Wand gepresst. Onkel sprach sehr leise und scharf, es schien ihm überaus wichtig zu sein: "Hör gut zu, du kleiner Scheißkerl, du weißt, dass dein Arsch mir gehört, nicht? Ich weiß du machst gern mal einen auf Rebell und meistens ist mir das egal, aber nicht, wenn's um die Arbeit und um Geschäfte geht, klar?" Mit Kraft drückte er seinen Ellenbogen nochmal gegen Nikas Hals, was diesen unwillkürlich würgen ließ.
Das Schaben leiser Schritte hinter ihnen, ließ Sole den Griff lockern, er neigte aber den Kopf seitlich neben den seines Zöglings und flüsterte gedämpfter, doch umso nachdrücklicher: "Die alte Spindlerin will dich für ein paar Stunden in der Woche geliehen haben, also kann sie dich haben, wofür auch immer..." Nika spannte sich an und stemmte sich gegen Onkel, was ihn eine kleine Klinge an seinem Bauch spüren ließ, die dieser unauffällig dorthin bugsiert hatte. "Ja, ganz recht, du Drecksack! Du wirst fein machen, was du sollst. Du wirst für sie springen oder laufen oder singen oder lecken, was auch immer sie will! Du weißt Bescheid, wo deine Grenzen sind. Mach dich nicht nutzlos für mich!" Nika presste die Augen zusammen, als Onkel wieder zurücktrat und sich umwandte: "Bitte, viel Vergnügen. Schick ihn später wieder nach Hause, Constanze!"

Madame führte Nika in ihr Arbeitszimmer. Es gab meist nur eines, was Frauen von ihm wollten, wenn er so verlangt wurde. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas passierte. Bisher war es aber selten vorgekommen, es gab wenige Frauen, die Onkel auf eine Weise über waren, dass sie Gefallen dieser Art oder Leihgaben einfordern konnten. Es fiel Nika noch immer schwer mehr zu geben als eine bloße Vortäuschung, selbst wenn es letztlich doch genau das blieb, er täuschte sich, seinen Körper und die Frauen. Danach war ihm immer übel. Er fragte sich wie Fiete das dauernd ertragen konnte.
Gerade als Nika auf sie zugehen wollte, hob sie abwehrend eine Hand. "Schon gut, Kleiner, ich weiß deine Bereitschaft zu schätzen, doch ist an dir für meinen Geschmack viel zu wenig dran." Madame lachte auf, als sie seinen offenbar recht verwirrten Gesichtsausdruck erblickte. "Du erwartest, dass jeder Mensch verkommen ist, hm? Das wird dir nochmal nützlich sein und letztlich kannst du nur im Guten überrascht werden." Sie setzte sich in einen schweren Eichenstuhl am Tisch und bedeutete ihm ihr gegenüber Platz zu nehmen. "Warum wolltet Ihr mich dann... leihen?", erkundigte sich der noch immer verwunderte Nika. Madame spitzte die Lippen und nickte leicht bei dem Klang seiner dunklen Stimmfarbe: "Ich denke ich verstehe langsam, was sie alle in dir sehen. Aber, um deine Frage zu beantworten: Nan bat mich darum dich etwas zu lehren." - "Nan? Der alte Waffenmeister?" Einige Momente sah sie Nika nur still an, ehe eine vage wegschiebende Geste folgte. "Also gut, Kleiner, was weißt du über die schwarze Tollkirsche?"

Von diesem Tag an unterrichtete Madame Revarin Nika heimlich in den Wirkungen und Wechselwirkungen von Kräutern, insbesondere berauschenden, beruhigenden und betäubenden. Sie erklärte ihm wie wichtig die Dosis war und wie unterschiedlich man die Gifte und Sedativa verwenden, nutzen und auftragen konnte. Ihr Wissen hatte eine Tiefe und Komplexität, an die Onkels Lehren nicht im Geringsten heranreichten. Sie war eine strenge und überaus penible Lehrerin, was man wohl auch sein musste, wenn ein Gramm den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte. Dennoch lernte Nika gerne bei ihr, die Möglichkeiten, die ihm dieses Wissen offenbarte, waren ihm ein weiter Himmel.

Ein weiter schwarzer Himmel voller rankender Nachtschattengewächse.
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Nika Cytian





 Beitrag Verfasst am: 24 Okt 2022 16:07    Titel:
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Nuancen

Es hätte so ein entspannter Abend werden können...

Nur etwa einen halben Mondlauf, nachdem Madame angefangen hatte Nika zu unterrichten, waren die alte Hafenkante und alle seine Bewohner und Besucher noch immer Untertanen des Schlamms. Der Innenhof des Nests war eine derartige Schlammwüste, dass die Kampf- und Waffenübungen ausgesetzt wurden. Nicht, um die Kinder vor dem Dreck zu verschonen, sondern um das Haus selbst durch die bloße Anwesenheit verschlammter Körper nicht vollständig zu verkrusten.
Dazu kam, dass es noch immer täglich regnete und viele, vor allem schwächere Kinder an Lungenentzündungen und Keuchhusten litten. Im Loch, wo Nika trotz seiner aufgestiegenen Position im Gefüge des Nests, noch immer freiwillig schlief, herrschte ein dauerhaftes Geröchel, Gehuste und Gerotze. Schlaf zu finden war noch schwieriger als sonst.

An diesem Abend jedoch hatte Nika das Nest verlassen, um sich mit Fiete im Roten Segel zu treffen. Die Betäubung durch Schnaps half Ruhe zuzulassen. Fiete hatte sicher gehört, was vor mehr als drei Monden mit Manela Fisco und Zano Crivell passiert war. Er fragte nicht, er fragte ihn nie danach. In gewissen Kreisen waren die Morde aufgrund der gehobenen Stellung und des Reichtums der Opfer länger Gesprächsthema gewesen, sie schürten ebenso die wildesten Gerüchte und Schauergeschichten. Aber nachdem sich nichts weiter dazu ereignete, wurden die Gespräche leiser und erstarben irgendwann ganz.
Fiete und Nika hatten gerade eine neue Flasche Whisky erhalten, als trunken-laute Stimmen von der Theke herüberschallten, offenkundig absichtlich provozierend: " 'Ch kann ganz sich'r mehr sauf'n als die beid'n Weichschlörres da hint'n im Eck'! Da verwett'ch mein' Arsch drauf! Naaaa, ihr Jungspunde? Hat einer von euch die Eier für'n klein'n Wettstreit?" Der offensichtlich schon recht angetrunkene, dicke Krakeeler schwankte leicht auf seinem Hocker. Fiete sah zu Nika und hob abwartend die Augenbrauen als wolle er sagen: "Was ist? Säufst du den mal schnell unter den Tisch, damit wir in Ruhe weitertrinken können?" Nika blickte zu dem Trinker und erwiderte ziemlich gleichmütig: "Ich hab kein Interesse an deinem fetten Arsch! Hast du vielleicht einen Wetteinsatz, den man auch gewinnen will?" Der Fette lachte lautstark auf und lallte dann mit einem anzüglichen Unterton: "Ne, willst mein'n Arsch nich'? Scheinst mir eh mehr der Typ zu sein, der den Arsch hinhält, nich'? Mädchen!" Nika hörte Fiete noch leise seufzen, während er selbst schon über die Bank sprang.
Kurz darauf glich der Schankraum einem Schlachtfeld. Die anderen Gäste waren, wenn auch nicht ursprünglich an dem Zwist beteiligt, leicht mittels eines verschütteten Bieres und eines fliegenden Stuhls zur Teilnahme an der Prügelei zu motivieren gewesen. Nika beachtete sie nicht. Er kniete über dem Fetten und prügelte auf ihn ein. Der rührte sich schon seit einigen Schlägen nicht mehr, doch konnte Nika nicht aufhören. Mädchen... mein Mädchen! Es echote in seinem Kopf. Er wütete gegen die Lähmung und Machtlosigkeit, die das Wort in sein Bewusstsein hieben. Mädchen, Mädchen... Der gleißend blendende Fleck löschte den Schmerz. Der Wahnsinn griff nach seinem Inneren, quoll durch die Risse, an deren Kanten Hunger und Wut leckten. Mein... Mädchen... Erst als er die Gesichtszüge seines Gegners unter den blutigen Striemen seiner Fäuste nicht mehr ausmachen konnte, flachte das Lodern in seinem Bauch allmählich ab. Das Rauschen in seinen Ohren wurde schwächer, Lärm drang an seine Ohren. Er hörte Fiete seinen Namen schreien, aber zu spät.

Es hätte so ein entspannter Abend werden können...

Nika ließ seinen Hinterkopf gegen die Zellenwand sinken und schnaubte leise. Im Kerkertrakt des Regiments von Siebenwacht herrschte wie immer viel Betrieb. Es war nicht das erste Mal, dass er hier einsaß. Wie jedes Mal nannte er einen neuen Namen und Wohnort und verbrannte damit eine der zahllosen Zettelidentitäten, für die Onkel ausreichend gesorgt hatte. Es war selten, dass das Regiment sich in eine Prügelei in einer der Hafenschenken einmengte, dieses Mal waren sie aber aufgetaucht. Vermutlich hatte sich irgendeine hochstehende Person mal wieder über die Zustände in der alten Hafenkante beschwert und das Regiment heuchelte einige Zeit Tatkraft und Pflichtbewusstsein. Nika wusste, dass ihm für die Prügelei nur eine oder zwei Nächte im Knast blühten mit einer Verwarnung, bevor sie ihn wieder hinauswerfen würden. Immerhin etwas Schlaf ohne das Geröchel im Nest. Er fühlte sich mit einem Mal erschöpft und schloss die Augen.
Nika erwachte von einem entfernt klingenden Ruf. "He! Nein! HE, WACH AUF!" Noch bevor er die Augen öffnete, ließ er sich beiseite fallen und scherte die Beine vor sich aus. Er traf etwas oder jemanden und konnte noch einen großen Schemen vor sich ausmachen. Wie... er schlief nie tief genug, dass sich jemand an ihn... Das Knie der Gestalt traf ihn hart im Unterbauch, als diese herabsackte, und er keuchte. Er hörte jemand nach der Wache rufen. Warum... Der Schemen presste ihn auf den Stein hinunter und er sah eine Klinge aufblitzen. "Jetzt stirbst du", erklang eine dunkle Stimme, doch schien es ihr an Gewissheit zu fehlen, insbesondere, als er weitersprach, "Für die... für die... Schwingen! Und für... Manala und Zano und... für Drina!" Nika spürte ein Zittern in der Hand, die ihn herabgedrückt hielt. Etwas war falsch... Er stemmte sich gegen den Griff, doch war der Mann riesig und massig. Flüchtig sah Nika seine Augen. Es befremdete ihn, er kannte den Ausdruck darin, er kannte ihn zu gut. Eilige Schritte und Klicken. Der Mann hob die Klinge an, dann wurde er von ihm gezerrt. Er heulte auf, als die Wachen ihn aus der Zelle schleiften.
"Geht's dir gut?", fragte eine leicht rauchig klingende, weibliche Stimme von der Seite. Es war die Stimme, die ihn geweckt hatte, die Stimme, die nach den Wachen gerufen hatte. Noch im Liegen wandte Nika den Kopf beiseite. Jenseits der Gitterstäbe, nur eine Armlänge von ihm entfernt, kniete ein Mädchen. In dem Zwielicht des Mondlichts konnte er ihre Gesichtszüge gut erkennen: Große, dunkle Augen, eine dünne, gerade Nase und volle Lippen über einem schmalen, etwas spitzen Kinn, gerahmt von kinnlangen, weißblonden Haaren. Eine schmale Narbe zog sich von ihrer Stirn durch eine Augenbraue auf ihre Wange und Sommersprossen tanzen auf ihren Wangen. "Ich bin Cia. Und du?" Ihr Anblick brannte sich ein.

Es hätte so ein entspannter Abend sein können...
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Nika Cytian





 Beitrag Verfasst am: 22 Nov 2022 22:13    Titel:
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Wie man mit Eisen Gold zaubert

Etwa zur Mitte des Monds Cirmiasum hörte es mit einem Mal auf zu regnen. Im Verlauf weniger Tage wurde es heiß und dampfig in Siebenwacht. Wo zuvor der Regen den Stoff an die Haut heftete, war es nun der Schweiß hervorgerufen durch die feuchte Schwüle, die sich in der Hafenstadt hielt als wäre sie unter einer Käseglocke gefangen. Innerhalb dieser Kuppel gediehen vielerorts Krankheiten und Seuchen als erblühte das Leid nun wie eine Blume, die über Wochen mit der Zermürbung der Bürger genährt und getränkt worden war.

Im Nest stank es nach Schlamm und Moder, nach Schweiß und schimmeligem Brot. Es war so penetrant, dass Tante die Schlafkammern regelmäßig mit Kräutern ausräuchern ließ. Zum ersten Mal seit Nika dort lebte wurden handwerkliche Ausbesserungen durchgeführt, morsche Balken und Dielen ausgetauscht, nachdem Darrell, einer der Aufpasser, vom Obergeschoss ins Erdgeschoss durchgebrochen war und sich den Oberschenkel aufgespießt hatte. Die meisten Kinder litten unter der feuchten Hitze weniger als dem dauerhaften Regen, denn ausnahmsweise wurde das Nest nicht von einer der schlimmen Seuchen heimgesucht, die viele Straßen der alten Hafenkante quasi unbetretbar gemacht hatten.

Nach wie vor hielt sich Nika von den meisten Kindern im Nest fern. In seinem Alter war er mittlerweile einer der Älteren, die noch im Haus von Onkel und Tante wohnten und die nicht als Aufpasser geblieben waren. Die meisten Jugendlichen wurden "entliehen", verkauft oder an einen anderen Ort in oder außerhalb der Stadt geschickt, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatten und sie sich daran machten eben diese Ausbildung, die sie nie gewollt hatten, und die Jahre der Kost und Logis an einem Ort, den sie hassten, abzuarbeiten. Eine Schuld, die nie beglichen werden konnte. Nika wusste das, raubte aber anderen nicht ihre einzige Hoffnung. Es vergingen Tage, in denen er mit niemandem sprach. Mittlerweile hatte sich das Gerücht Tante würde jedes Mädchen, das ihm zu nahekäme, postwendend an das nächste Hurenhaus verkaufen verbreitet. Und immer mal wieder gab es Gemunkel über seine Herkunft als Sohn eines Nachtalbs, was zumindest die kleinen Kinder ängstigte.
Lediglich Maus schlich sich des Öfteren im Dunkel zu Nika. Das wahrlich kleine, halb verhungerte Mädchen mit den rotblonden Locken hielt sich in der Finsternis, unbemerkt von allen, an ihm fest und erzählte ihm flüsternd alle Geschehnisse und Gerüchte, von der sie gehört hatte. Er hob ihr dafür öfter einen Keks oder Apfel auf oder steckte ihr einen Bonbon von Fiete zu. Nika wusste nicht, warum sie sich ihm annäherte. Er vermutete wegen seiner Nähe zu Fiete und ihrer Verbindung zu ihm fühlte Maus auch eine gewisse Zugehörigkeit zu ihm, zumal sie, anders als sein Bruder, gemeinsam im Nest lebten und schliefen. Maus war ein schlaues, aufmerksames Kind und ließ sich nicht in Nikas Nähe erwischen, zudem hatte sie die Gabe, die er selbst vor Jahren besessen und genutzt hatte, unsichtbar zu sein. Ab und an vertraute er ihr kleinere Aufgaben oder Botengänge an, von denen Onkel und Tante nichts mitbekommen sollten und bisher hatte sie ihn in der Erfüllung dieser nie enttäuscht. Sie standen sich allerdings nicht nahe und sprachen nie über sich oder persönliches miteinander. Ihre Beziehung beruhte auf Nähe in der Schwärze, auf Geflüster und Schweigen.


Sie rannten durch den Irrgarten. An seiner Hand zog Nika das Mädchen hinter sich her. Ihr ausladendes Kleid behinderte sie im Lauf, ab und an hörte er wie der Saum sich an der Hecke verfing und aufriss. Wenngleich es später Abend und die Sonne schon vor Stunden gesunken war, war es dampfig warm. Die Stoffe klebten auf ihrer Haut und ihr Atem ging schwer. Trotz dessen und der verzweifelt werdenden Rufe in ihrem Rücken hielten sie nicht an. Der Irrgarten grenzte an ein kleines Wäldchen, in dessen Dunkelheit die beiden Jugendlichen eintauchten. Schwer keuchend lehnte Nika sich gegen einen Baum, während das Mädchen um Luft ringend in aufgeregtes Gekicher ausbrach.
Der Name des Mädchens war Avelina Seraina Ferdinanda von Graufall-Revanier, einzige Tochter des Freiherrn Jaronas Alois von Graufall und seiner Gattin der Ritterin Ambre von Revanier. Sie lebte mit ihrem Vater und ihren kleinen Brüdern abseits von Siebenwacht in einem Wasserschloss, gefüttert mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel, geschnürt und gebunden wie es sich für eine junge Dame ihrer Position gehörte. An sie heranzukommen war eine größere Herausforderung gewesen als sie zu verlocken. Nika erlaubte sich in der Dunkelheit des Waldes ein Schmunzeln.
"Marces, mein Liebster...", brachte Avelina mit zittriger Stimme hervor, als sie ihren Atem wieder mehr unter Kontrolle hatte und drehte sich zu ihm, ihm eher zurückhaltend die Hände an die Oberarme legend, "Wir... ich habe es getan, ich habe mich endlich befreit. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Kannst du es hören?" Er schüttelt den Kopf, hob aber die Mundwinkel zu einem liebevollen Lächeln und strich ihr sanft über die Wange. "Ava, meine Taube... ich hätte nie gedacht, dass du... ich wollte nicht, dass du dich mit ihm so überwirfst. Das ist alles meine Schuld", erwiderte er mit einem hörbaren Hauch von Bedauern in der bewusst helleren Stimme. Nun war es an ihr den Kopf zu schütteln. "Nein, Liebster. Du hast nur meine lautlosen Schreie gehört und mich befreit. Gleich, was geschieht, ich werde immer im Herz bewahren, was du in mir geweckt hast." Avelina drückte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen sanften, doch von der aufregenden Situation offenbar befeuert innigen Kuss aufzulegen. Nur flüchtig verspürte Nika einen Anflug von Mitleid.
Entfernt erklang das Gebell von Hunden. "Lass uns weiter, meine Taube. Ich kenne einen Gasthof in der Stadt, wo wir uns erstmal verstecken können. Es ist etwas schäbig, aber niemand dort wird dich erkennen oder uns verraten. Dort überlegen wir uns wie wir weitermachen." Nika erfasste erneut ihre Hand und sie folgte ihm bedenkenlos.

"WO IST SIE? WO IST MEINE TOCHTER, DU DRECKIGER HUNDSFOTT?!" Der Freiherr tobte, sein Gesicht war puterrot angelaufen und Adern pulsierten auf seiner Stirn. Nika stand festgehalten von zwei Soldaten in der Wachstube des Wasserschlosses. Der Freiherr rammte ihm seine Faust in den Bauch und Nika sackte nach vorne. Jaronas Alois von Graufall hatte seiner Wut bereits ausführlich an dem großgewachsenen Jugendlichen Ausdruck verliehen. Der Jüngere spuckte etwas Blut auf den Boden. "WO IST SIE? WOHIN HAST DU SIE VERSCHLEPPT? SAG ES MIR SOFORT UND ICH LASS DICH VIELLEICHT...!"
Nika lachte auf und hob den Blick zu dem Freiherrn an. Auf dessen Zügen spiegelte sich sogleich Befremdung und Irritation bei der Reaktion des Halbstarken und er erstarrte mit geballten Fäusten in der Bewegung. "Hört zu, Euer Hochgeboren, werter Freiherr von Graufall, ich fürchte Ihr seid Euch der Lage nicht bewusst. Mitnichten seid Ihr in der Position mir zu drohen außer natürlich das Leben Eurer Tochter bedeutet Euch einen Scheiß!", sprach Nika bedachten Tonfalls, lediglich ein Hauch Spott schwang in der Stimme. Der Ältere glotzte ihn an als habe er sich vor seinen Augen in einen Wolpertinger verwandelt. Die Erkenntnis, die in jener Fassungslosigkeit schwang, deutete darauf hin, dass er sehr schnell begriffen hatte, dass die ganze Lage anders war als er angenommen hatte. Er ließ die Fäuste sinken.
"Wer bist du? Was willst du?", fragte er dann in einem gesetzteren Tonfall, die Berechnung setzte ein. "Sie ist sicher, vorerst", antwortete Nika stattdessen und schüttelte die Hände der Soldaten ab, die dies auf Weisung geschehen ließen. "Nicht, wenn ich nicht zurückkehre. Und wie sie zu Euch zurückkehrt, liegt ganz in Eurer Hand und Euren Entscheidungen und Anweisungen, Euer Hochgeboren." Dieser spannte sich bei den Worten sogleich wieder an. "DU ABARTIGE BESTIE! WIE KANNST DU DROHEN IHR ETWAS ANZUTUN?" Nika schüttelte den Kopf und gab ein tadelndes Geräusch von sich. "Ich habe nicht vor ihr etwas anzutun, nicht im Geringsten. Aber vielleicht kann ich nicht Nein sagen, wenn sie mir etwas schenken will, was zumindest für ihre Reputation von hohem Wert ist? Oder... sie wird Euch nie wieder ein Wort glau..." Die Faust des Freiherrn brach ihm eine Rippe.

Der Freiherr tat, was Onkel von ihm wollte. Bald darauf kehrte seine, abgesehen von ihrem gebrochenen Herzen, nach eigenen Angaben unversehrte Tochter nach Hause zurück. Nika hatte mit der Erfüllung dieses Auftrags bewiesen, dass er bereit war. Er war nun der Schlüssel.
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Nika Cytian





 Beitrag Verfasst am: 05 Jan 2023 00:37    Titel:
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Ich hab' noch nie...

Der Sommer des Jahres 258 wurde nach all dem Regen und der Schwüle des Frühsommers heiß und trocken. Im Ashatar haftete statt des Schlamms Staub auf der Kleidung und Haut der Einwohner von Siebenwacht, dennoch kehrte ob der eher gewohnten Wetterverhältnisse eine hitzeleidende Zufriedenheit ein, die wie ein tonloses Seufzen über der Stadt lag.
Nika hatte in jenem Sommer keine Zeit für Müßiggang. Mit seiner "Beförderung" zum Schlüssel erhielt er eine ganze Liste an schier unlösbaren Aufgaben von Onkel, für die er nun Wege ersinnen und finden musste. Zwar konnte er nun auf mehr Ressourcen zurückgreifen, doch machte es das nur bedingt leichter. Wenn schließlich ein Plan entsponnen war, häufig auch in Abwägung mit Onkel, begann Nikas eigentliche Arbeit. Und diese war fast immer zeitaufwändig. Er eilte von einem Liebesschwur zu einem vermeintlich zufälligen Treffen, weiter zu einem Spitzel mit Berichten hin zu einer Lehrstunde bei der Spindlerin, um nach einem abendlichen Stelldichein noch heimlich die erfüllten Aufträge von Maus einzusammeln. Nika verlor die Zeit aus den Augen, alle Zeit. Mal war es Tag, mal Nacht, manchmal stemmte er sich gegen alles, meist funktionierte er. Meist war er taub, das wilde Rasen ein Echo in seinem Inneren. Spröde geworden von seiner eigenen Unbeugsamkeit zerfaserte sein Inneres entlang der Bruchkanten von Jahren.
Plötzlich war es Herbst geworden. Und wie die Tage kürzer wurden und die Hitze und dann die Wärme schwand, nahm auch das Arbeitspensum allmählich ab. Einige Aufgaben waren erfüllt, manche brauchten noch Zeit. Allmählich erschien der Wechsel von Tag und Nacht wieder mehr Sinn zu ergeben. Häufig saß Maus neben Nika, wenn er im Loch erwachte, wo er nach wie vor freiwillig schlief, und sagte ihm Tag und Uhrzeit, bevor sie verschwand. Manchmal lag Nika dann stundenlang auf dem Rücken und stierte in das vertraute Graubraun der Bodendielen des Erdgeschosses über ihm. Manchmal besuchte er Fiete, wenn der nicht arbeiten musste. Und manchmal quälte ihn der Hunger zu sehr, um stillzuhalten.

"Schmee, du dämlicher Maulmacher!", grollte Mads und warf einen der Würfel vom Tisch in Nikas Richtung. Der wischte das Wurfgeschoß beiseite, lenkte die Richtung aber nur ab, sodass der Würfel Cia an der Schulter erwischte. "Das ist kein Schmee, ich sag die Wahrheit", erwiderte er unaufgeregt, während er den Würfel von der Bank aufsammelte und zurück auf die Tischplatte legte. "Du behauptest also ernsthaft, du hast schon mal mit drei Flaschen Kehlenschlitzer intus den 'kurzen Weg' über die Schindelzunge genommen?", fragte Vala, Mads jüngere Schwester, mit einem eher ungläubigen Unterton nach.
Der 'kurze Weg' war ein Pfad über die Dächer der alten Hafenkante, der von Gaunern, Halsabschneidern, Dieben und eigentlich allem Gesindel genutzt wurde, das zeitweise schnell verschwinden musste. Er erstreckte sich über weite Bereiche des Hafenviertels, gleichsam einem eigenen Straßennetz über den Dächern, und wurde von jedem Nutznießer gewartet und in Stand gehalten. Er war allerdings nicht ohne, beinhaltete er je nach Route Klettern, weite Sprünge und schmale Trittwege. Er war schon nüchtern und bei Tag nur eine Wahl für Zwangslagen. Hin und wieder stürzte einer ab und brach sich alle Knochen oder, wenn er Glück hatte, das Genick. Als Krüppel konnte man nur noch betteln gehen. Das bedeutete meistens einen sehr viel langsameren und qualvolleren Tod.
"Hab' ich", bestätigte Nika nur erneut mit einem bekräftigenden Nicken. Mads stierte ihn an als wolle er ihn gleich erwürgen, andererseits sah er meistens so aus. Cia schmunzelte vieldeutig und hob die Hand in Richtung Wirt an. "Beweis es, Zuckrigkeit!" Nika schnalzte mit der Zunge bei ihrer Titulierung und sah sie strafend an.

Den Weg in der Dunkelheit zu finden war leicht. Nika kannte alle Pfade des 'kurzen Wegs' seit er als Kind angefangen hatte Flüsternachrichten und Beutelchen für Onkel und Tante zu überbringen, selbst wenn er erst alle beschreiten konnte seit er größer und stärker geworden war. Das Problem war, dass ihm immer wieder die Sicht vor Augen verschwamm. "Drei Flaschen... dämlicher Wolkenschieber... Hätteste mal zwei gesagt...", murmelte er tadelnd zu sich selbst, als er auf der Schindelzunge stand. Eine berüchtigte Stelle des Wegs, die einen weiten Sprung über eine tiefliegende Gasse nötig machte. Nika schloss die Augen und atmete durch. Er sprang.

Nach jener schicksalshaften Nacht im Kerker von Siebenwacht, als er Cia das erste Mal begegnet war, hatten sie sich angenähert. Nicht so weit, dass sie einander als Freunde bezeichnen würden oder vertrauten, doch weit genug ab und an zusammen die Zeit totzuschlagen, gemeinsam trinken zu gehen, die eine oder andere kleine Gaunerei abzuziehen, einander zu Unsinn anzustiften oder sich, wenn ihnen danach war, anderweitig miteinander zu vergnügen. Ihnen war meistens danach.
Cia gehörte zu einer kleinen Jugendbande in der alten Hafenkante, recht klein und familiär hielt sich das Jungvolk mit Gelegenheitsgaunereien und -betrügereien über Wasser, ab und an auch mit ehrlicherer Arbeit wie Botengängen oder Überwachungen. Nika kannte die meisten von ihnen dem Aussehen nach, über die Zeit lernte er aber neben Cia vor allem die Geschwister Mads und Vala und Xander kennen.
Mads war knapp 20 Jahre und ein Riese von einem Kerl, muskulös und stark. Er hatte ein aufbrausendes Wesen und war vor allem dem Kern der Bande überaus loyal. Entgegen der naheliegenden Annahme war er schlau, nicht unbedingt geistesscharf, doch vernünftig. Seine Schwester Vala war ebenso hochgewachsen und athletisch, sie mochte etwa in Nikas Alter sein. Sie war klug und scharfzüngig, sie ließ sich nie etwas gefallen und nie etwas auf sich sitzen. Xander war eher ruhig und besonnen. Er war mit Anfang 20 einer der Ältesten der Bande, groß und schlank, doch mit einer Kraft, die man dem schlaksigen Kerl weniger zutrauen würde. Xander war der Kopf der Bande, dem Namen nach, denn die meisten Ideen und Vorschläge kamen von Cia.
Sie war das Herz der Gruppe, alle mochten und achteten sie und ihre Künste und Fähigkeiten waren unbestreitbar. Nika schätzte sie vor allem wegen ihres feinsinnigen Humors und ihres präzisen Spotts, mit dem sie die Welt betrachtete. Sie trug einen stillen Elitarismus zur Schau ohne verbittert, hämisch oder herablassend zu wirken, es ließ sie eher gehoben erscheinen. Oft zeichnete sich auf ihre Lippen ein süffisantes Schmunzeln, was ihr mit den Sommersprossen auf Nase und Wangen einen unbedarft-vorwitzigen Ausdruck verlieh. Sofern einem der dunkle, besessene Schimmer in ihren Augen entging. Nika spürte den Schwermut in ihr. Da war mehr, viel mehr, worauf er den Finger nicht legen konnte. Sie sagte nichts. Und er fragte nicht.

An jenem Abend gewann Nika wieder ein Stück Anerkennung, als er schließlich am Löschplatz abgesehen von ein paar Schrammen und Prellungen unversehrt vom Dach stieg. Cia, Mads und Vala empfingen ihn lautstark und übergaben ihm als Lohn für seinen leichtsinnigen Mut eine Flasche Whisky. Nika hatte sich mitnichten so selbstsicher gefühlt wie er sich gebärdet hatte, die lohende Euphorie erfasste ihn erst, als sein Fuß den Boden wieder berührte. Es war lange her, dass er gespürt hatte, dass er lebte. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen, sein Herz klopfte gegen seinen Kehlkopf, dumpf pochte der Schmerz in den Prellungen. Trotz der trunkenen Taubheit in seinem Körper erfasste ihn die Hitze unvermittelt, als Cia ihm um den Hals fiel und einen verfangenen und leidenschaftlichen Kuss auflegte.
Bis zum Morgengrauen saßen die vier Jugendlichen auf der Kaimauer, tranken zusammen die Flasche Whisky und spielten das zuvor begonnene Spiel. Sie teilten so manches Geheimnis, nahezu abenteuerliche Wetten kamen zur Sprache, verschiedene Einsätze wurden erwogen. Es schien so unbeschwert. Nika vergaß kurz, wer er war... wer er sein sollte, was er tun und sagen musste, was er wieder gezwungen war zu sein, wenn die Sonne aus dem Meer stieg. Ob es sich so anfühlte frei zu sein? Nicht der Besitz von jemandem zu sein? Nicht gebunden und gefesselt, beobachtet und eifersüchtig bewacht? Freunde zu haben. Einfach zu sein...

Ich hab' noch nie... gefühlt, was es heißt satt zu sein.


Zuletzt bearbeitet von Nika Cytian am 05 Jan 2023 00:44, insgesamt einmal bearbeitet
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