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Der Weg ist das Ziel
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 28 Jan 2021 14:26    Titel: Der Weg ist das Ziel
Antworten mit Zitat

Bei jedem Atemzug entstand ein Nebelschleier vor ihrem Gesicht, als sie durch den frisch gefallenen Schnee stapfte.
Es war kalt und nur langsam kämpfte sich im Osten die Sonne am Horizont hervor und verfärbte den Winterhimmel. Vielleicht würde sie es schaffen und bis zum Mittag den Schnee zum glänzen zu bringen, doch in diesem Augenblick war sie nichts weiter, als ein schmaler Streifen, der den nahenden Tag ankündigte.
Entschlossen ging sie weiter, bis sie an dem eisernen Tor ankam, das einladend offen stand.

Und dahinter wartete der Parkour.

Leichter Nebel zog vom Meer heran und hing in dünnen Schwaden zwischen den Aufbauten, was sie noch ein wenig unheilvoller erscheinen ließ.
Tief sog sie die bitterkalte Luft in die Lungen und spürte einen Moment, wie es stach.






Am Abend vorher war sie ebenso hier gewesen und hatte versucht, jede Bewegung der Legionäre zu verfolgen, versucht zu sehen, ob es einen Trick gab und war mehr als einmal beeindruckt gewesen, mit welcher Kraft und Schnelligkeit die Drei den Parkour bewältigten. Und das, trotz des Befehl des Ritters, dass sie durch ein paar Schneebälle die Konzentration der Drei stören sollte.
Bei der Erinnerungen stahl sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen und sie rieb sich kurz über die Oberarme, während sie durch den tiefen Schnee auf den Übungsplatz stapfte.
Sie war sich ihrer Stärken durchaus bewusst, auch wenn es vielleicht nicht viele waren, ebenso wie sie viele ihrer Schwächen kannte. Zu einigen davon wahrscheinlich leichter stand als zu manch anderen.
Aber Werfen konnte sie schon immer recht gut und nicht einer der Schneebälle war daneben gegangen. Von einer Schützin sollte man das vielleicht erwarten, ein gutes Auge dafür zu haben, wann man zielen musste, wohin und in welchem Moment.



<<Sie saß zwischen den Ästen des Apfelbaumes. Verborgen hinter den grünen Blättern war sie mit ihrer unscheinbar braunen Kleidung kaum auszumachen. Für eine 8 Jährige war sie noch recht klein und vor allem geschickt. Schnell hatte sie gelernt, dass man in bestimmten Situationen besser unsichtbar wurde. Das gelang besonders gut, wenn man ausserhalb der Reichweite von bestimmten Personen war. Mehr als einmal stand die Vorsteherin fluchend unter dem Baum und hatte wüste Drohungen ausgestoßen. Am Ende war sie aber immer wieder tatenlos verschwunden und hatte aufgegeben, denn mit ihrem dicken Hintern hätte sie es nicht ansatzweise geschafft, Jyn auf den Baum zu folgen. Und von dort oben flog auch ab und an ein fauler Apfel. Mit etwas Übung waren ihre Würfe mittlerweile so gut, dass sie über die Mauer segeln konnten.
Mit den Jahren hatte sie für sich herausgefunden, wie sie zu werfen hatte und obwohl sie einen Finger weniger an der linken Hand hatte, mit dem sie ihren Wurf stabilisieren konnte, war das durch Übung schnell ausgeglichen. Wichtig war nur, alle Finger gleichzeitig zu lösen und in einer fließenden Bewegung zu werfen.
Und in den letzten Jahren in ihrer Heimat war da noch dieser eine Mensch gewesen, ihr einziger wirklicher Freund, ihr Vorbild, der so oft hinter ihr stand und ihr Anweisungen und Ratschläge gab.
“Achte auf deinen Stand, nicht die Hand abknicken, du weißt sie ist nur die Verlängerung. Pass auf, dass du die Flasche richtig hältst und mit genügend Kraft wirfst, wenn sie nicht zerbricht gibt es keine Explosion.”
Ja, zielen, werfen und treffen war sicher einer ihrer Stärken.>>




Dann blieb sie an der Startlinie stehen und ihre Augen glitten langsam über den Parkour, sie spürte eine Art Vorfreude, es reizte sie ungemein zu sehen, was sie dort erwarten würde. Gleichzeitig aber war da auch ein wenig Angst, sicher auch Respekt, denn wenn sogar ein erfahrener Gardist die ein oder andere Aufgabe verfluchte, würde es für sie mehr als nur eine Herausforderung werden.


Die Luft war immernoch so stechend kalt, so dass ihre Lunge nach einigen tiefen Atemzüge brannte, aber sie wollte die Zeit nutzen, die Zeit vor dem Sonnenaufgang, wenn noch beinahe niemand unterwegs war und sicherlich niemand bei dem Wetter auf den Parkour gehen würde.
Im Gegensatz zu den Gardisten trug sie keine Rüstung. Sie hatte ihre Arbeitskleidung an und statt einem langen Mantel nur eine dicke Jacke, die sie nicht unbedingt einschränkte.
Dann begann sie zu laufen.
Sie lief eigentlich gerne, das war sie gewohnt. Nur hatte sie starke Zweifel, dass sie bei der Kälte lange durchhalten würde. Nach zwei Runden um den Platz blieb sie dann schon schwer atmend vor dem Netz auf dem Boden stehen.



<<“JYN! LAUF!”, sie hörte das Gebrüll rechts von sich und war sicher, er würde die Verfolger zwischen den Bäumen abhängen. Sie war schnell und sie war vor allem schmal und wendig. Genau aus dem Grund tauchte sie nicht nach rechts ab, sondern wandte sich nach Links auf das Dickicht aus Büschen zu. Noch im Laufen ließ sie sich auf den Boden fallen und rutschte sofort unter den niedrigen Ästen durch. Einen Augenblick wurde sie beinahe panisch, als sie den Griff an ihrem Fuß spürte, doch mit einem ziellosen Tritt nach hinten war sie wieder frei und konnte auf dem Bauch weiterrutschen. Mit den Unterarmen voran robbte sie unter den Zweigen hindurch während hinter ihr das Fluchen lauter wurde.
Irgendwann war sie komplett im Dickicht verschwunden, während ihre Verfolger unverrichteter Dinge abziehen mussten.>>



Kurz legte sie den Kopf schief und zögerte dann nicht, der Boden war eiskalt und nass, aber sie ließ sich dennoch direkt auf den Bauch sinken und schob sich auch dieses Mal mit Hilfe der Unterarme und Beine voran unter dem Netz weiter. Ein einfacher Beginn, aber sie wusste in jeder Sekunde, dass es dabei nicht bleiben würde.
Blos nicht den Kopf heben, damit man nicht in den Maschen hängen blieb.
Als sie am Ende angekommen war und sich aufrappelte, spürte sie bereits die Nässe des Schnees durch ihre Kleidung dringen.
Allerdings war sie durch den Erfolg der ersten Aufgabe so motiviert, dass sie durchaus mit Schwung auf die Rampe rennen wollte, nur um direkt wieder nach unten zu segeln und hart auf den Knien zu landen.
Das Holz war nass und dadurch so rutschig, dass sie kaum Halt finden konnte. Verbissen startete sie einen weiteren Anlauf und danach noch einen. Doch erst beim 7ten Mal gelang es ihr bereits völlig außer Atem, ihre Hände an den Kanten zu verkrallen und einen gewissen Stand zu bekommen. Vorsichtig setzte sie dann den ersten Schritt auf den Baumstamm. Die Balance halten, war ihr zum Glück noch nie schwer gefallen, aber sie musste auch noch nie auf einem klitschnassen und schneebedecktem Stamm balancieren.
Mit dem Stiefel schob sie den Schnee etwas beiseite, sog noch einmal tief Luft in die Lungen und breitete die Arme aus.




<<Die Luft war kalt, aber klar und der Wind strich ihr durchs Gesicht als sie auf der Mauer saß. Mittlerweile war die Wintersonne am untergehen, nach einem beinahe warmen Tag mitten im tiefen Schnee und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Dämmerstunde begann, jene Zeit wenn die Sonne sich zurückzog und den Himmel und die Welt auf einmal in einem seltsam blauen Licht zurückließ, das dann in die dunkle Nacht überging.
In solchen Moment vergaß sie die Zeit. Egal ob es regnete, heiß war oder eiskalt.

“Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall.”, murmelte sie leise vor sich hin und atmete tief ein, als sie auch schon durch ein lautes Gebrüll aus den Gedanken gerissen wurde.




“NEL!”, die Vorsteherin klang deutlich wütend und mit nur einem Satz war sie auf den Beinen. Ein Sprung in den Garten und sie würde ihr direkt in die Arme laufen, stattdessen breitete sie die dürren Arme aus und setzte auf der Mauer geschickt einen Fuß vor den anderen. Für einen Moment, nur für einen kurzen Moment schloss sie dabei die Augen und stellte sich vor zu fliegen.>>




Der rutschige Untergrund war eine Herausforderung, aber indem sie sich deutlich Zeit ließ, überwand sie den Stamm ohne in den Abgrund zu stürzen und rutschte kurzerhand auf dem Hintern die Rampe wieder hinab.

Kurz danach stand sie vor dem Gerüst aus Pfosten und kletterte mit eisigen Fingern an dem Netz hinauf und schlang die Arme um den ersten Pfosten.
Und dann sah sie bereits die glänzende Oberfläche des Holzstammes vor sich, der mehr als nur einen kleinen Schritt weit von ihr entfernt lag. Sie würde springen müssen und auch der Stamm würde, dank dem Schnee, zu einer reinen Eisbahn werden. Wenn sie also nicht den Pfosten zu greifen bekam, dann würde sie abrutschen. Darunter funkelte das Wasser. Eiskaltes Wasser.
Sie nahm allen Mut zusammen und setzte zum ersten Sprung an und noch während sie sich an den Stamm zur Seite klammerte, spürte sie, wie es ihr die Füße wegriss, als sie auf dem nassen Stamm ausrutschte. Mit einem Knall landete sie auf den Knien und keuchte deutlich auf. Ihre Finger verkrampften sich etwas im Holz, als sie sich erneut hochzog und versuchte, einen sicheren Stand zu bekommen.
Mittlerweile zitterte sie zum einen vor Kälte, zum anderen vor lauter Anstrengung. Und sie hatte noch nicht einmal die Hälfte bewältigt.
Beim nächsten Sprung achtete sie mehr darauf, direkt einen sicheren Stand zu erwischen und beinahe hätte sie los gejubelt, als es ihr wirklich gelang und sie mehr oder minder sicher wie ein kleiner Klammeraffe an dem Stamm hing, um nicht doch noch abzustürzen.
Nach einem weiteren Atemzug der nächste Sprung, doch sie hatte nicht mit einberechnet, dass der Abstand zwischen den Stämmen zu variieren schien, schon die Fußspitze glitt an dem schneebedecktem Holz ab und dieses Mal griffen ihre Hände ins Leere. Mit einem Schrei stürzte sie hinab und mitten hinein in das eiskalter Wasser.
Wie tausend Nadeln fühlte es sich an, als innerhalb von Sekunden ihre komplett Kleidung durchnässt wurde. Schwer keuchend zog sie sich am Rand hoch und ihre Augen glitten noch einmal über sich hinauf.
Ihre Knie brannten beinahe ebenso sehr wie ihre Lunge unter den Atemzügen in der eiskalten Luft, die Hände waren trotz der Handschuhe leicht aufgeschürft durch das spröde Holz und sie hatte das Gefühl jeden Moment jämmerlich zu erfrieren.
Aber der Stamm war direkt über ihr.
Zum Greifen nahe.
Sie stieß einen lauten Fluch aus und schlang dann die Arme um das Holz, schob dabei den Schnee beiseite und zog sich kurzerhand nach oben die Beine darum schlingend. Als sie endlich wieder stand, waren die letzten beiden Sprünge trotz zittriger Beine von Erfolg gekrönt und sie rutschte am Ende einfach die Rampe hinab und blieb, klitschnass wie sie sowieso schon war, im Schnee sitzen.
Noch einmal glitt ihr Blick zurück und dann begann sie leise zu lachen, rappelte sich auf.
Sie war nicht bereit sich den Tod zu holen und so würde sie nun der letzten Herausforderung den Rücken kehren. Sie würde ein warmes Bad nehmen, etwas warmes Trinken und sich an ihre Arbeit machen. Aber ebenso wusste sie, dass sie am nächsten Morgen wieder hier sein würde. Und den danach ebenso. So lange bis sie den Parkour meistern konnte. Und mit einem leisen Murmeln, bei dem ihr bereits die Zähne klapperten, verschwand sie wieder durch das Tor:
“Morgen ist auch noch ein Tag.
Verschieben wir es auf Morgen.”


Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 26 Sep 2021 15:35, insgesamt 3-mal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 03 Feb 2021 15:36    Titel:
Antworten mit Zitat

Schweigend lehnte sie an diesem Morgen an dem eisernen Tor und starrte auf den Parkour.
Noch immer war es kalt, aber an diesem Tag würde es die Sonne wohl kaum durch die dichten Wolken schaffen.
Trostlos.
Ein trostloser Tag.
Zumindest kam es ihr in jenem Augenblick sehr danach vor und einmal mehr verfolgten sie Gedanken, huschten wie Lichtblitze vor ihren Augen vorbei und lenkten sie ab.




<<Du hast wirklich schon schlimmere Tage erlebt. Dunklere Tage, traurigere, stürmige und noch schlimmer, all jene in denen Gewitter am Himmel aufzogen und eine grauenhafte Nacht folgte. Was sind da schon ein wenig Nebel und ein paar dunkle Wolken am Himmel.
Passend zu deiner Miene und deiner Stimmung. Stell dich nicht so an. Was hast du denn erwartet?.>>




Sie war müde und noch immer spürte sie den leichten Schmerz in den Muskeln. Die lange Jagd, das viele Holzhacken in den letzten Tagen, die kurzen Nächte, das alles hatte seine Spuren hinterlassen. Nach dem Abend im Aeternum hatte sie kaum in den Schlaf gefunden und seitdem viel Zeit verbracht. um über das Gespräch mit dem Vicarius nachzudenken.
Irgendetwas hatte er an sich, dass man sich nur schwer gegen ihn verschließen konnte. Allerdings wollte sie es auch nicht wirklich. Er war einer der wenigen Menschen in ihrem Leben gewesen, der ihr wirklich zugehört hatte. Vielleicht war sie deswegen bereit gewesen für einen Moment offen zu sprechen.




<<Vielleicht hättest du dennoch einfach schweigen sollen? Je mehr du erzählst, desto mehr wird man dich wieder mitleidig ansehen. Oder sich Sorgen. Noch schlimmer, am Ende beides.
Du kommst doch klar? Warum also ist es dir so wichtig? Warum brauchst du diese Freundschaften?
Weil sie gut tun? Du hast doch gesehen was geschieht, wenn eine Freundschaft mit dem Tod endet. Willst du das noch einmal erleben?>>




Auf dem Heimweg war sie noch Ewigkeiten vor dem kleinen Haus gestanden und hatte gezögert. Nachgedacht. Abgewägt.
Aber am Ende war sie nicht wirklich zu einer Lösung gelangt und hatte stundenlang im Bett weiter gegrübelt, was nun der richtige Weg war. Sie wollten den Lilienhof nicht wirklich verlassen, er war ihr zu einem Zuhause geworden und dennoch schien es nicht mehr abwendbar, dass sie sich irgendwann etwas Eigenes suchte. Wahrscheinlich eher irgendwann bald.
Sie wollte nur nicht.
Sie wollte nicht weg. Zum ersten Mal war sie irgendwo angekommen und das wollte sie nur aufgeben, wenn es keine andere Lösung gab.
Und so hatte sie weiter gegrübelt. Ununterbrochen.
Wahrscheinlich war wirklich der fehlende Schlaf ihr größtes Problem.



<<Fehlender Schlaf? Wie lange willst du dir das noch einreden? Du würdest schlafen wenn du dich nicht so anstellen würdest. Lauf endlich los! Dann wirst du müde genug sein, selbst wenn es ein einsamer Abend werden sollte. Du wirst immerhin traumlos einschlafen. Das wünscht du dir doch eigentlich nur.>>



Erneut glitten ihre Augen über die schneebedeckte Anlage.

Wirklich alles in ihr sträubte sich dagegen, nun auf den Parkour zu treten.
Wirklich alles.
Und dennoch setzte sie dann mit einem leisen Fluchen den ersten Schritt in den Schnee und begab sich an das Seil. welches den Anfang markierte.
Durch Leo hatte sie erfahren, dass der Appell verschoben worden war, wieder ein paar Tage mehr um sich vorzubereiten auf eine Aufgabe, von der sie immer noch nicht genau wusste, was sie am Ende erwarten würde. Und ob sie ihr gewachsen war.




<<Also bitte. Dem nicht gewachsen? Was soll schon groß passieren solange du nicht aufgibst? Auf das Lernen freust du dich eher, die Übungen werden dich zwar Kraft kosten, aber irgendwann wirst du auch das bestehen können.
Wovor du wirklich Angst hast ist doch etwas ganz anderes.
Fehler können jedem passieren, jeder kann einmal stolpern. >>




Immerhin hatte sie die Musterung überstanden und auch wenn man ihr sicherlich ihre Nervosität deutlich angemerkt hatte, so hoffte sie doch sehr, dass wenigstens verborgen geblieben war, wie viel Überwindung es sie wirklich gekostet hatte.



<<Nein. Daran wirst du nicht eine Sekunde denken. Nicht einen Moment in deinem Leben wirst du darauf verschwenden. Es ist vergangen. Du wirst es niemals ändern können.
Du wirst NICHT daran denken!>>




Immerhin waren es nur die Berührungen einer Frau gewesen und sie hatte es durch ihre Art geschafft, ihr einiges an Angst zu nehmen. Am Ende war es nicht so schlimm gewesen, wie sie vorher befürchtet hatte.
Aber vor allem war es vorbei.
Kurz glitten ihre Gedanken noch einmal zum letzten Tag zurück, einem recht einsamen, ruhigen Tag und einem noch ruhigeren Abend. Seltsam wie sehr man sich an die Gesellschaft von Menschen gewöhnen konnte und wie schnell sie einem fehlte, wenn sie auf einmal nicht mehr da war. Aber wahrscheinlich hatte er seine Gründe.


Seufzend blieb sie an der Startlinie stehen und streckte die Schultern durch, bewegte kurz den Kopf nach links und rechts.
Die ersten Male hatte sie den Parkour in normaler Kleidung versucht und war dennoch mehrfach ausgerutscht, gestolpert, gefallen, hatte sich aufgeschürft, war abgerutscht und zu Boden gegangen.
Vor allem das Hangeln am Ende war für sie nur schwer zu bewältigen. Meistens reichte ihre Kraft kaum mehr aus um sich an den Seilen zu halten.
Aber mit etwas Zähne zusammen beissen war es ihr immerhin am Morgen zuvor das erste Mal gelungen, den kompletten Parkour zu durchlaufen.
Auch wenn sie danach erst einmal in den Schnee gefallen war um dort eine ganze Weile liegen zu bleiben, mitten im Dreck, nass und vollkommen außer Atem aber dennoch erleichtert es immerhin einmal geschafft zu haben. Über die Zeit, die sie gebraucht hatte, wollte sie erst gar nicht nachdenken. Aber hauptsache zu Ende bringen, das war ihr Ziel gewesen und eben jenes hatte sie an diesem Morgen erreicht.

Aber heute war es anders. Dieses Mal hatte sie immerhin die Kettenhose an. Leise klirrte es bei jedem Schritt und erinnerte sie an das zusätzliche Gewicht, welches sie nun mit sich herum schleppte. Doch das war erst der Anfang. Jeden Tag würde ein Rüstungsteil mehr dazu kommen und auch nur, wenn sie es schaffte den Parkour zu beenden. So lange bis sie irgendwann in kompletter Rüstung auflaufen konnte.
Kurz huschte doch ein Lächeln über ihre Lippen, einfach weil sie für einen Augenblick nicht den harten Weg vor sich sah, der vor ihr lag, sondern kurz das Ziel aufgeblitzt war.
Und eben jener Moment genügte.
Nach einem tiefen Atemzug lief sie los.

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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 15 Feb 2021 14:50    Titel:
Antworten mit Zitat

Es gab Tage, an denen es ihr leicht fiel das Bett in den frühen Morgenstunden zu verlassen. Solche Tage, an denen die Schritte durch den Schnee ihr Spaß machten und sie sich beinahe, aber nur beinahe darauf freute, was sie gleich erwarten würde.
An diesen Tagen tat ihr die Bewegung gut, die Muskeln schmerzten danach nicht so wahnsinnig und sie konnte auch fast das Bad danach genießen bevor ihr Tag richtig begann. Dann spürte sie auch wie sich etwas veränderte, wie es ihr mit jedem Mal auf dem Parkour leichter fiel. Das waren die richtig guten Tage.

Aber so waren bei weitem nicht alle.

Denn dann gab es diese Tage, wenn sie schon beim Aufschlagen der Augen wusste, dass sie alle Mühe haben würde, das Bett zu verlassen. Wenn sie nicht richtig aufwachen sollte, wenn das warme Bett allzu verlockend war und sich alles in ihr sträubte bei dem Gedanken es zu verlassen. Dann wollte sie lieber den Träumen nachhängen als sich in den Schnee zu begeben.
Sie waren selten. Zum Glück. Aber es gab sie. Es hatte sie immer gegeben.




<<”Jyn, los, wir müssen weg.”
Die Stimme war zwar nur leise und gedämpft, dennoch riss es sie sofort von ihrem Lager hoch. Innerhalb von Sekunden war sie nicht nur hellwach, sondern hatte auch bereits nach ihrem Dolch gegriffen. Mit hastigen Schritten waren ihre Sachen gepackt und sie rannte nach draussen. Ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen als ihre Augen innerhalb von wenigen Momenten die Szene in der Dämmerung wahr nahmen. Sie hatten verschiedene Stellen für ihre Lager und jene wurden immer wieder gewechselt. Jeder Einzelne von ihnen wurde von den Wachen auf die ein oder andere Weise gesucht, manche sogar mit mehreren Steckbriefen und jeder Einzelne von ihnen würde ihm Kerker landen, wenn sie in die Hände der Wachen gerieten. Aus diesem Grund blieben sie niemals lange und es kam nur verdammt selten vor, dass sie doch aufgespürt wurden, meistens waren diese Gelegenheiten eher dem Zufall geschuldet.
Heute war so ein Tag.
Die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen, vielleicht war es gar nicht so dramatisch, aber sie mussten sofort aufbrechen und wenn möglich keine Spuren hinterlassen.
Sie besaß sowieso nicht viel und die wenigen wichtigen Sachen waren an einem sicheren Ort. Der Rest war nur das, was sie am Leib trug. Sie schlief in ihrer ledernen Rüstung, den Bogen an der Seite, den Dolch neben ihrem Kopf. So wie beinahe jeder in ihrer Gruppe.




Anders kannte sie es nicht. Innerhalb von Sekunden waren sie aufbruchbereit, innerhalb von Sekunden waren die meisten im Wald verschwunden.
Nur sie nicht.
Seit der Hauptmann erkannt hatte, wie gut ihre Augen waren, wie schnell ihr Blick Dinge wahrnehmen konnte, war sie diejenige die zurückblieb um sicher zu gehen, dass sie den Platz nicht verloren hatten. Dabei spielte es von Beginn an keine Rolle, dass sie die jüngste war, oder die Kleinste.
Solche Tage waren ein Graus, wenn sie aus dem Schlaf gerissen wurde, sofort das Herz wie verrückt schlug und sie kurz brauchte um die Ängste niederzukämpfen nur um am Ende auf der kalten Erde zu liegen und den Wald zu beobachten, bis die Wachen wieder abzogen und sie sicher war, dass der Platz noch nutzbar war.>>




Leise stöhnend lief sie dann doch endlich los, rutschte direkt den Kopf gesenkt unter dem Netz durch nur um danach die Rampe hinauf zu laufen. Mittlerweile kannte sie die kritischen Stellen und hatte sich mit ein paar Kniffen Auswege gesucht.
Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass das Holz noch immer spiegelglatt war und prompt spürte sie schon auf dem Balken, dass sie abrutschte. Gerade noch konnte sie sich festklammern und musste den Reste des Weges eher kriechen.
Schon als sie an diesem Morgen die Augen aufgeschlagen hatte, war da dieses unangenehme Gefühl gewesen, dass dieser Tag nicht gut beginnen würde.
Wieder einmal hing ihr der Abend im Aeternum nach, der schon damit begann, dass sie am Ende das Kleid wieder in den Schrank gehängt hatte und nur schnell in Bluse und Corsage geschlüpft war. Aber vor allem das Ende bereitete ihr ein wenig Kopfzerbrechen und so hatte sie schlicht und ergreifend nicht gut geschlafen.
Sie war müde und meistens wenn sie müde ware, fehlte es ihr an der Konzentration, die sie am heutigen Tag so dringend brauchte.
Als sie also an diesem Morgen wieder einmal durch den Schnee in Richtung Parkour gestapft war, war alles anders gewesen.
Gut, nicht alles.
Das Wetter war immer noch eisig und die Sonne würde Mühe haben sich durch die Wolken zu kämpfen. Der Schnee lag immer noch hoch und knirschte bei jedem Schritt unter ihren Füßen. Aber heute trug sie nicht ihre eigene Rüstung, sondern jene der Garde. Zum dritten Mal erst. Sie fühlte sich noch etwas fremd an und sie hatte noch immer das Gefühl, dass sie in dem Wappenrock etwas unterging.
Aber so würde sie wenigstens direkt wissen, wie es sich anfühlt in Rüstung anzutreten.
Wirklich Zeit sich daran zu gewöhnen hatte sie nicht mehr, wenn sie an die kommenden Tage dachte. Während sie am Ende des Balkens herunterrutsche und im Eiltempo zum nächsten Hindernis lief, glitten ihre Gedanken unwillkürlich wieder zurück zu jenem Abend, als sie zum ersten mal die Rüstung angezogen hatte.
Daran, wie sie in ihrer Nervosität und vollkommen überrumpelt einen so groben Schnitzer machte, dass ihr immer noch die Röte in die Wangen stieg, wenn sie nur daran dachte und das grauenhafte Gefühl in der Magengegend, dass sie danach mit sich herumgetragen hatte.
Dafür war das Gespräch am nächsten Tag eine deutliche Erleichterung gewesen. Vielleicht würde alles gut werden. Sie wollte wirklich so gerne daran glauben, es zu schaffen und eine von ihnen zu werden.




<<Sie saß etwas abseits vom Feuer und beobachtet wie so oft die Menschen um sich herum.
Heute waren es nur noch 6 am Feuer, der Rest hatte sich schon zurückgezogen und eigentlich hätte sie sich auch längst hinlegen müssen. Wache stand in dieser Nacht keine mehr an und sie würde genügend Schlaf bekommen. Lachen drang immer wieder zu ihr herüber und der ein oder andere füllte seinen Krug nach.
Unwillkürlich musste sie ein wenig Lächeln.





Das hier war in den letzten Jahren ihre Familie geworden, seit jenem Tag als Fergus sie aus der Gasse geholt hatte, eigentlich noch ein Kind und in den Augen einiger, hatte sie nichts bei ihnen zu suchen.
Sie kannte jeden einzelnen und jeder von ihnen kannte sie. Sie wussten von ihrer Familie, sie wussten von ihren Schwächen und Stärken und auch wenn es manchmal ruppige Worte gab, vielleicht auch mal einen Streit, so waren sie dennoch Kameraden.
Jeder stand für den anderen ein, jeder sorgte für den anderen und man unterstützte sich wo immer es ging.
Das war auch gut so, denn es ging jeden verfluchten Tag darum zu überleben. Nicht erwischt zu werden, sich zu verbergen und im besten Fall Erfolge zu erzielen.
Im Gegensatz zum Hauptmann waren ihre Ziele noch viel niedriger gesteckt. Sie wollte nicht einmal die Stadt aus der Herrschaft befreien, auch wenn das sicherlich ein mehr als verlockender Gedanke war, aber soweit dachte sie nicht im Traum. Alles was sie wollte war ein wenig Gerechtigkeit. Für sich, für die Menschen in ihrer Heimat. >>




Dieses Gefühl hatte sie sich bewahrt, tief in ihrem Herzen und auch wenn die Heimat verloren war, hatte sie eine neue gefunden.
Eine mit einem verdammten Parkour den sie zu erledigen hatte!
Fluchend hüpfte sie über die Balken und beinahe hätte sie los gejubelt, als sie dieses Mal ohne abzurutschen, am anderen Ende ankam. Leichtfüßig und voller Tatendrang noch das letzte Hindernis zu bewältigen und den Tag doch noch zu einem Guten werden zu lassen, hüpfte sie vom letzten Balken auf die Rampe.
Da zog es ihr die Füße weg.
Mit einem dumpfen Knall landete sie mit dem Hinterkopf auf dem Holz und blieb einen langen Moment liegen. Als sie dann irgendwann mit einem leisen Stöhnen gegen den Himmel blinzelte um die Augen wieder zu öffnen, spürte sie schon das Hämmern.
Vorsichtig tastete sie an ihren Hinterkopf um den Umfang der massiven Beule zu befühlen.
Etwas zittrig kam sie dann auch wieder auf die Beine, überwand dann noch ein paar Meter nur um an den Klippen wieder auf die Knie zu sinken und sich zu übergeben.
Schwer atmend hockte sie eine Weile mitten im Schnee als sich ihr Herzschlag langsam wieder beruhigte und der Schmerz abebbte.
Sie gönnte sich noch eine Weile, obwohl die Kälte bereits ihre Beine hinauf kroch bevor sie sich dann endlich auf den Rückweg machte.

Das war heute einer dieser anderen Tage. Auf jeden Fall.
Aber Aufgeben war noch nie eine Lösung gewesen.



Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 15 Okt 2021 14:35, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 01 März 2021 16:40    Titel:
Antworten mit Zitat

Sie blinzelte leicht, als am Morgen das Licht der Morgensonne durch das Fenster schien und sie leicht an der Wange kitzelte. Einen Moment reagierte sie nicht, gönnte sich den Luxus liegen zu bleiben, die Wärme der Decke zu genießen, die weiche Matratze und dieses Gefühl:

Das Gefühl endlich zu Hause zu sein.





So sehr sie den Lilienhof lieb gewonnen hatte, so sehr ihr Lingor und Smula fehlen würden, aber sie war einfach froh den Schritt endlich gegangen zu sein. Der Lilienhof würde ein Zuhause für sie bleiben. Ein Ort, an den sie immer zurückkehren würde, so lange man sie dort haben wollte. Aber dennoch war sie von dem Moment an, als sie durch das Tor getreten war und in den folgenden Wochen immer nur der Gast auf dem Hof geblieben.
Das Gefühl sich frei zu bewegen, nicht mehr darauf zu achten wer vielleicht in der Küche saß und die ständige Frage, ob man nicht vielleicht doch störte, waren wie weggeblasen.
Lingor hatte oft ihre Bedenken und Gedanken nicht verstanden. Für sie war sie sehr schnell eher ein Mitglied seiner Familie geworden, als nur ein Gast.
Aber das Gefühl bei ihr, war geblieben.

Und jetzt war sie hier. Obwohl sie eher nach Düstersee wollte, obwohl ihr Rahal zu groß und zu dunkel war, landete sie an dem einen Tag in diesem Haus.
Die Tür hatte leicht geknarrt als sie jene geöffnet hatte und dann war sie in die Stille getreten. Die Abendsonne hatte durch die großen Fenster alles in eine leicht rötliches Licht getaucht und der Staub hatte in den Strahlen getanzt. Sie war ohne ein Wort zu sprechen durch die Räume geschritten und irgendwann einfach mitten in dem leeren Haus stehen geblieben.
Und da hatte sie es gewusst, dass das ihr neues Zuhause sein würde.

Die zweite Nacht in ihrem eigenen Bett war um einiges besser und vor allem ruhiger, als die Erste. Auch wenn sie etwas gebraucht hatte um in den Schlaf zu finden. Aber gerade deswegen war sie wohl nicht vor dem Morgengrauen aufgewacht und nach einem weiteren Blinzeln ruckte sie dann endlich im Bett auf.
Normalerweise war sie längst auf dem Parkour, wenn die ersten Sonnenstrahlen zu sehen waren und nun war ihr Weg auch noch deutlich weiter als vorher.
Mit einem leisen Stöhnen sprang sie beinahe aus dem Bett und griff nach ihrer Rüstung.

Mittlerweile waren Wochen vergangen, an denen sie beinahe jeden Tag trainiert hatte und endlich war der Erfolg nicht mehr nur zu spüren, sondern zu sehen. Sie hatte an Gewicht zugelegt und ihre Rippen waren mittlerweile nicht mehr zu sehen. Auch war sie langsam aber sicher um einiges muskulöser als noch vor einigen Wochen. Das machte sich auch bei den Übungen deutlich bemerkbar, es kostete sie weniger Zeit und vor allem auch weniger Anstrengung. Ihre Griffe wurden sicherer und sie begann das Training langsam zu genießen.

Wenig später war sie bereits unterwegs und sie musste sich deutlich zusammenreissen, um nicht den Umweg über den Lilienhof zu gehen, um nicht dort in die Küche zu schneien und sich am Tisch niederzulassen, in der Hoffnung, dass Lingor ihr einen Kaffee hinstellen würde. Oder um wenigstens einen kurzen, verstohlenen Blick auf ihn zu werfen, wenn er gerade auf dem Acker war, im Wald oder die Tiere versorgte.
Sie hatte Sehnsucht. Nach dem Lilienhof, nach Smula, aber vor allem nach Lingor. Und auch wenn sie es wohl nicht wagen würde es auszusprechen, aber so sehr ihr das neue Zuhause gefiel, so sehr litt sie auch am Verlust des Lilienhofs. Sie war es so leid immer und immer wieder Abschied zu nehmen.




<<”Bringt die Sachen raus! Zügig!”
Das kleine Mädchen war dürr und die langen Haare waren an jenem Morgen nicht gekämmt worden. Sie hatte nur ein einfaches Kleid mit einer Schürze an und drückte sich dicht an die Frau, bei der sie ihre Mutter in den frühen Morgenstunden abgeliefert hatte.
Die großen Augen geweitet sah sie zu, wie die Männer des Hauptmanns das Haus ihrer Eltern leer räumten. Das Kind war leichenblass, die Augen wirkten durch die Panik in dem schmalen Gesicht übergroß, aber sie weinte nicht.
Keine Sekunde.
Wie unter Schock beobachtete sie unbeweglich das Vorgehen, bis einer der Männer auf sie zu kam und sie der Frau entriss. In diesem Moment begann das Kind zu schreien und sich zu wehren, als würde es um ihr Leben gehen.
Doch gegen den erwachsenen Mann hatte sie keine Chance und so wurde sie weggezerrt.

Der erste Abschied.

Ein Abschied von dem Haus, in dem sie die ersten 5 Jahre ihres Lebens verbrachte hatte. Dem Haus in dem sie ihren Bruder verloren hatte, dem Haus in dem vor nur einem Jahr noch alles in Ordnung war.
Noch am gleichen Tag war sie dort gelandet, wo niemals ein Kind landen sollte.>>




Die Lippen ein wenig zusammengepresst atmete sie tief durch die Nase durch.

“Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall.”

Wieder einmal hörte sie die Worte beinahe leise über den Schnee wehen, wie eine weit entfernte Erinnerung, ein Trost.
Sie würde nicht weiter darüber nachdenken. Sicher war es ein weiterer Abschied gewesen, aber er war immerhin bittersüß und nicht der freie Fall in irgendeinen Abgrund.
Der Weg zurück war frei und sie würde ihn immer wieder gehen, während sie sich in Rahal ihr eigenes Leben aufbauen würde.
Was die Zukunft dann bringen würde, das würde sich mit der Zeit zeigen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben stand ihr die Welt offen.

Und genau das war der Gedanke, der sie noch während sie in dem kalten Dreck unter dem Netz durch rutschte, während sie wieder einmal hart beim Sprung gegen die Holz knallte, zum Lächeln brachte.

Die Welt stand ihr offen.
Sie musste nur einen Schritt vor den nächsten setzen.


Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 27 Sep 2021 13:47, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 01 Apr 2021 13:06    Titel:
Antworten mit Zitat

Der Himmel färbte sich nun jeden Morgen schneller hell, während sie ihre Runde durch den Parcour erledigte und die beißende Kälte war mittlerweile auch deutlich geschwunden.
Nicht das in den frühen Morgenstunden schon ein warmer Wind wehte, aber immerhin lag kein Schnee mehr, grün blitzte überall hervor und die Luft war nicht mehr schneidend kalt.

Kein Schnee mehr.

Wenn sie jetzt an die ersten Tage zurück dachte, an die Schmerzen und den Muskelkater, konnte sie es beinahe nicht mehr glauben. Sie würde dank ihrer Größe wahrscheinlich immer ein wenig mit den Hindernissen kämpfen müssen, aber mittlerweile hatte sie genug Tricks gefunden, um sie leicht zu bezwingen.
Schwächen ausgleichen, das konnte sie. Es brauchte manchmal nur ein wenig Zeit und vielleicht auch Kreativität.

Mit Schnee oder ohne, die Angst vor dem Parcour war gewichen und spätestens nach dem Training in der Garde mit Auriane, hatten sich ihre Übungen verändert.
Es hatte bereits harte Tage in ihrem Leben gegeben. Sogar solche Tage an die man niemals wieder zurück denken wollte.
Aber ebenso hatte es auch Tage gegeben, die ihr immer gut in der Erinnerung bleiben würde. Auch wenn es manchmal nur ein kurzer, wunderschöner Moment war, der aber soviel Stärke hatte, dass er all das Schlechte für einen kurzen Augenblick überstrahlte.

So ähnlich hatte sie den Abend des Appells empfunden.

Mehr als einmal hatten die Umstände ihres Leben sie an Grenzen gebracht. Und das bereits in ihren Kinderjahren. Aber an diesem Abend hatte sie sich selbst immer und immer weiter getrieben. Natürlich war ihr in jedem Moment bewusst gewesen, dass sie gegen die drei Männer wenig Chancen haben würde, am Ende war aber nur wichtig, dass sie nicht aufgegeben hatte.
Und genau aus diesem Grund, obwohl wirklich jeder verfluchte Muskel in ihrem Körper brannte und schmerzte, obwohl sie mehr als nur einen blauen Fleck davongetragen hatte und obwohl ihr das Blut am Knie hinablief, war sie an diesem Abend glücklich nach Hause gegangen.
Sie hatte das Gefühl, sich recht gut geschlagen zu haben. Aber wenn sie irgendwann jemanden besiegen wollte, der größer und kräftiger als sie war, würde sie noch einiges an Arbeit vor sich haben.
Sicherer Stand, Schnelligkeit, Ausdauer.
Deshalb hatte sich ihr Training in der letzten Woche verändert, oder eher erweitert.
Der Parcour wurde zu einer Aufwärmübung, unterbrochen durch jene Übungen, die im Unterricht gezeigt wurden. Sie war sich bewusst, dass ihr die Kraft und die Größe fehlte, also war Ausdauer und Schnelligkeit wirklich ihr Schlüssel. Deswegen begann sie zu Laufen und stand danach noch vor der Zielscheibe.
Es gab keine bessere Herausforderung, als mit schwerem Atem und pochendem Herzen nach dem Bogen zu greifen um zu schießen.
Pfeil anlegen, die linke Hand locker am Bogen, die Rechte hält die Sehen auf kurzem Zug, ein Atemzug durch den Bauch, zielen, ausatmen und loslassen.
Das leise Surren des Pfeiles durchschnitt die Stille, bevor er die Zielscheibe traf.




<<Vollkommen still saß sie auf dem schmalen Sims des Turmfensters und blickte auf den Marktplatz hinunter. Immer mehr Menschen waren es geworden und langsam aber stetig füllte er sich in Richtung des Prangers und des Galgens.
Sie vermied es dorthin zu blicken, denn allein der Anblick ließ ihr Herz höher schlagen und das war gerade fatal. Das Letzte was sie nun brauchte, waren die Bilder, die sie manchmal in ihren Albträumen verfolgten. Einige der Menschen schienen sich beinahe darauf zu freuen zuzusehen, wie einem Menschen das Leben genommen wurde. Hinrichtungen waren stets gut besucht. Wären es wenigstens gerechte Hinrichtungen gewesen, aber die meisten Menschen die in diesem Reich am Galgen baumeln, waren schlicht und ergreifend dem Baron und seinen Männern im Weg.
Es gab nur Wenige, die es wagten sich gegen die Herrschaft aufzulehnen und das Schicksal hatte dafür gesorgt, dass sie eine von ihnen geworden war. Es war ihr Weg weg von der Straße gewesen und sie hatte die Gelegenheit ergriffen, erst später hatte sie verstanden, dass es weitaus mehr geworden war als nur eine einfache Möglichkeit. Leichter war das Leben dadurch nicht geworden, auch nicht sicherer, aber auf einmal hatte sie ein Ziel vor Augen. Ein richtiges Ziel.
Als der Hauptmann sie damals von der Straße geholt hatte, waren es bereits ihre verdammt guten Augen und ihre Treffsicherheit gewesen, die ihm aufgefallen war.
Und das obwohl sie noch ein Kind war.
Wenn sie warf, dann traf sie recht gut. Bei ihm war es ein Apfel gewesen, der wie aus dem Nichts gekommen war und ihm aber innerhalb von Sekunden eine Ablenkung und damit vielleicht sogar die Rettung seines Lebens gebracht hatte, als er vor den Wachen auf der Flucht war.
Und daraus wurde dann ein Dolch und eine Holzscheibe als Ziel. Aber nur solange, bis man ihr einen Bogen in die Hand gab.
Es war Ewigkeiten her, als ihr Bruder ihr einmal gezeigt hatte, wie man mit dem Bogen schoss. Natürlich war er ihr viel zu groß und sie hatte nicht genug Kraft gehabt, aber dieser eine Nachmittag war etwas, woran sie sich noch erinnerte. Eine der wenigen, kostbaren Erinnerungen aus einem Leben, das sonst kaum mehr greifbar für sie war, denn Anderes hatte sie schlichtweg in den Jahren verdrängt. Vielleicht wollte sie auch einfach nicht mehr zurückdenken, sich erinnern, dass es da mal ein Zeit gegeben hatte, in der sie Teil einer Familie gewesen war.
An diesem einen Nachmittag war etwas richtig gewesen. Egal ob der Bogen zu schwer war, egal ob sie nicht einmal wusste was sie tat und es nur als Spiel empfand. Irgendetwas hatte gepasst.
Und genau dieses Gefühl kam innerhalb von Sekunden zurück, als der Hauptmann ihr den Bogen in die Hand drückte, ihre Finger sich um das Leder legten und sie die Sehne spannte. Auf einmal war um sie herum alles ruhig und sie konnte nur noch ihre eigenen Atemzüge hören.

Ausatmen, einatmen.
Das Ziel finden. Loslassen.
Immer und immer wieder.

Zu Anfang was sie beinahe besessen davon, das Ziel zu treffen und verbrachte Stunden damit, bis ihre Finger wund waren.
Irgendwann ging es nicht mehr nur darum die Scheibe zu treffen, sondern möglichst die Mitte. Und dann wurde die Entfernung größer.
Sie wusste selbst nicht was es war, warum sie dieses Gespür hatte, aber sie wusste einfach, wann sie den Pfeil loslassen musste, wusste welchen Bogen er ziehen würde, spürte, wie der Wind ihn beeinflusste.
Und dieses Wissen wurde heute gebraucht.
Heute hatte sie nur einen einzigen Schuss.
Und dieser musste sitzen.>>



Dieses Gespür, dass sie schon seit ihrer Kindheit hatte, war ihr geblieben. Allerdings waren es bei den Jagen weniger diese Art von Schüssen, die gebraucht wurden. Hier ging es lediglich darum möglichst schnell zu ziehen und nicht den Überblick zu verlieren.
Wenn sie in die Höhlen ging stand sie immer im Hintergrund.
Beinahe niemand wusste, wie sie aufgewachsen war, was sie bereits getan hatte. Nicht einmal Lingor, dem sie wirklich vieles anvertraut hatte, kannte bereits die ganze Geschichte.
Beinahe niemand hier wusste genau, wie lange sie schon einen Bogen in den Händen hielt und sie hatte auch nicht vor darüber zu sprechen.

Hier war sie einfach nur Jynela.
Oder Jyn.
Oder sogar Jyni.

Sie war diejenige, die sich um das kümmerte, was den anderen unangenehm in die Quere kam. Diese fiesen Kleinigkeiten, die ein Nahkämpfer als störend empfand und die schnell beseitigt werden mussten, damit man sich in Ruhe um die wirklichen Gegner kümmern konnte. Hier ging es zwar auch um Leben und Tod, aber jeder hier war freiwillig in die Höhle gegangen, suchte die Herausforderung aus anderen Gründen. Tödlicher Ernst, wurde es meist nur bei den wirklich gefährlichen Gegnern und selbst hier war das Risiko durchaus bis zu einem gewissen Grad kalkulierbar.
Anlegen, zielen, schießen.
Und von vorne.
Schnell und präzise um möglichst viele Gegner auszuschalten und den Nahkämpfern den Weg freizumachen.
Das war ihre Aufgabe.


Mit einem weiteren tiefen Atemzug aus dem Bauch heraus, ließ sie auch den letzten Pfeil los.






Dann schlenderte sie zur Scheibe um sie herauszuziehen. Anschließend war es nicht der Weg nach Rahal den sie einschlug, sondern sie suchte die Bank am Meer auf. Ein Bein angezogen und es umschlungen saß sie eine Weile da und sah der Sonne zu, wie sie am Horizont immer höher stieg.
Der Wind löste ihr doch einige Strähnen aus dem Zopf und kühlte ihre erhitzten Wangen.
In diesen Augenblicken wenn sie alleine am Meer saß, gönnte sie sich doch die Gedanken schweifen zu lassen und weder die Vergangenheit, noch die Gegenwart zu verdrängen.
Dann schwand das Lächeln für eine Weile und ein eher nachdenklicher Zug, legte sich dann auf ihre Lippen.
Auch hier in ihrem neuen Leben gab es Dinge, um die sie sich sorgte. Neben Lingor und Smula, die ein so beständiger Teil von ihrem Leben geworden waren, dass die Sorge um beide nicht mehr ausblieb und der dringliche Wunsch sie zu beschützen, waren da auch noch Freunde, die ihr am Herzen lagen.
Menschen die ihr wichtig geworden waren.
Und denen auch sie wichtig war?
War sie das wirklich oder hatte sie sich doch getäuscht?
Seit einigen Tagen nagte dieser Gedanke und die damit verbundenen Zweifel an ihr, aber bisher hatte sie keinen Weg gefunden, etwas dagegen zu tun oder sich Klarheit zu verschaffen.
Mit einem tiefen Atemzug löst sie dann die Umklammerung ihres Beines und streckt die Schultern durch, schloss die Augen einen Moment und stand dann mit einem Ruck auf.
Sie musste nicht unbedingt heute alle Probleme lösen.
Immerhin, morgen war auch noch ein Tag.



Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 25 Sep 2021 13:22, insgesamt einmal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 04 Apr 2021 16:22    Titel:
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Da stand sie wieder einmal am Beginn des Parcours. Doch dieses Mal nicht alleine. Sie hatte es für eine gute Idee gehalten, ja sie freute sich direkt darauf.
Und dann lief sie los.

Unter dem Netz war sie deutlich schneller und auch mit der Balance, ihrer wirklichen Stärke in dem Parcour, konnte sie sich einen kleinen Vorsprung ausbauen.
Ihr Atem hatten sich zwar ein wenig beschleunigt, aber durch die tägliche Übung war ihre Ausdauer bereits gut und eine gewisse Gewohnheit tat das Übrige.
Am dritten Hindernis kannte sie mittlerweile jeden Griff. Sie wusste wo sie hintreten musste, sie kannte die Kraft mit welcher sie Springen musste und wo ihre Hände Halt finden würden. Dennoch keuchte sie beim vorletzten Balken wie jedes Mal auf, wenn sie unsanft landete.
Und in dem Moment sah sie es.
Für einen Augenblick schien alles etwas langsamer zu werden, es war erst nur die Bewegung aus dem Augenwinkel und dann der Moment als der Schatten neben ihr vorbeizog. Sie biss die Zähne zusammen und sprang sofort weiter, ohne jedes Zögern, Griff in die Seile und landete am Boden. Aber es war zu spät.
Sie konnte nur noch zusehen, wie er sich bereits zwischen den Seilen entlang hangelte.
Dort oben war es vorbei.
Man konnte niemanden dort oben überholen und sie wusste es.
Dennoch griffen ihre Hände in die Seile und sie hangelte sich beinahe verbissen entlang, sprang dann zu Boden und rannte das letzte Stück bis zum Anfang.
"Du hast nicht gewonnen.", und er grinste sie ein wenig an ohne zu bemerken, wie in ihre eine Welt zusammenbrach.

Nein. Sie hatte nicht gewonnen, sie hatte verloren. Aber darum ging es nicht einmal. Das Problem war, sie hatte nicht einmal annähernd gegen jemanden bestanden, der den Parcour nur drei Mal in seinem Leben absolviert hatte. Gut er war ein Mann, er war deutlich stärker als sie, aber sie musste sich in jenem Augenblick eingestehen, dass sie langsam ihre Grenzen erreicht hatte. Sie würde sich nicht mehr viel verbessern können. Wenn sie also schon mit jemandem nicht mithalten konnte, dem jegliche Übung fehlte und dem sie immerhin von der Schnelligkeit und Wendigkeit überlegen war, wie also sollte sie jemals gegen jemanden bestehen, der sogar wie sie dafür trainierte?




<<Es war schon dunkel und nur der Schein des Lagerfeuers erhellte noch den Platz. Sie hatten aufgrund der Witterung zwischen die Bäume ein paar Zelte aufgestellt, in der Hoffnung das Lager eine Weile halten zu können. Allerdings befanden sie sich auch weit genug abseits von Allem, dass die Chancen darauf wirklich gut standen. Nach dem letzten Angriff, der beinahe in einem Desaster geendet hatte, zogen sie es vor sich eine Weile bedeckt zu halten.
Sie war eben von ihrer Wache mit Janosch abgelöst worden und hatte sich müde, aber mit guter Laune, auf den Weg zu ihrem Schlafplatz noch einen Krug Wasser mitgenommen. Wahrscheinlich hätte sie das Zelt des Hauptmanns einfach passiert, wäre nicht in diesem Moment ihr Name gefallen.

"Warum zum Teufel hältst du so an Jyn fest?", die Stimme klang deutlich ungeduldig und sie wusste sofort, wer in seinem Zelt saß. "Verdammt nochmal, Fergus sie ist noch ein Kind, ihr fehlt es an Kraft, an Ausdauer, an Erfahrung, einfach an allem."

Die andere Stimme wirkte hingegen einfach nur ernst, blieb aber deutlich ruhiger: "Das mag sein. Aber du siehst ihr Potential genauso. Mir geht es nicht nur darum, was jetzt ist, sondern was werden kann."

Ein leises Schnauben kam als Antwort und sie drückte sich vorsichtig ein wenig in den Schatten. "Natürlich sehe ich das. Jeder sieht es. Sie hat Talent, sie ist ehrgeizig, in einigen Jahren wird sie sicherlich eine große Hilfe sein. Aber sie ist ja noch nicht einmal eine Frau! Nur ein Kind!"

Für einen Augenblick blieb es still bevor die andere Stimme antwortete, so als habe sich der Sprecher kurz die Antwort durch den Kopf gehen lassen und dieses Mal hörte man doch eine gewisse Ungeduld..
"Ich bitte dich. Sie ist schon kein Kind mehr seit sie im Armenhaus gelandet ist! Sie war nie eines. Wird nie eines sein. Gib ihr einfach ein wenig Zeit um zu wachsen."

Sie spürte direkt wie ihre Finger sich anspannten und die rechte Hand über den Stummel des kleinen Fingers an ihrer Linken rieb. Wäre sie einfach weitergegangen, aber ihre Füße wollten sich nicht in Bewegung setzen. Vielleicht musste sie es auch einfach hören.
"Ich lasse ihr Zeit. Aber vielleicht solltest du daran denken, was du uns immer predigst: Wir sind so stark, wie der Schwächste unter uns. Und im Augenblick ist das Jyn. Du hast es gestern gesehen, was die Konsequenzen sind. Bedenk das in Zukunft."
Und als ein langes Schweigen folgte, setzte sie sich doch in Bewegung.>>




Wir sind immer nur so stark, wie der Schwächste unter uns. Die Worte waren seit diesem Abend Bestandteil ihres Lebens gewesen und für diesen Moment, als sie in das geliebte Gesicht vor sich blickte, waren sie nicht mehr als ein erneuter Schlag ins Gesicht. Und auch wenn sie sich von diesem Schlag ebenso wieder erholen würde, auch wenn sie wahrscheinlich schon am nächsten Tag wieder Lächeln würde und weitermachen, auch wenn ihr klar war, dass ihn keinerlei Schuld traf, so spürte sie gerade jetzt nur, dass ihr die Tränen in die Augen schossen.
Und sie floh sie einfach.
Ohne zu warten, ohne sich umzudrehen.
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 20 Apr 2021 12:43    Titel:
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Mit sorgfältigen Griffen befestigte sie die Schnallen ihrer Rüstung und zog sie enger. Das leise Klirren bei jedem Schritt wurde am Ende nur noch durch den Mantel gedämpft, als sie nach ihrem Bogen griff. Woher diese Unruhe kam, die sie seit einigen Tagen herum trieb, wusste sie auch nicht genau.

Vielleicht war es die anstehende Prüfung, vielleicht einfach das Wetter.

Der ständige Regen machte ihr nicht viel aus, nur mit den Gewittern, die nun ab und an über das Land zogen, hatte sie zu kämpfen und es kostete sie alle Kraft, zumindest in der Öffentlichkeit die Haltung zu wahren.
Bisher war es ihr immerhin im Gardedienst erspart geblieben. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie schwierig es werden würde die Panik zu unterdrücken.




<<Sie war schon sicher einem Stundenlauf in dem kleinen Verschlag im Keller. Um genau zu sein, hielt sie sich dort des öfteren auf. Mert war der Einzige im Armenhaus, der sie eher liebevoll einen kleinen Tollpatsch nannte.
Sonst war sie eher der "Trampel".
Sie war zwar sogar ziemlich geschickt und schnell, aber leider auch viel zu oft irgendwo weit weg, gefangen in irgendwelchen Tagträumereien. Das sorgte mehr als nur einmal dafür, dass sie Ärger bekam, wenn wieder einmal durch ihre Ablenkung irgendetwas zu Bruch ging, Feuer fing, oder zu Boden fiel.
Meistens waren es eher harmlose Kleinigkeiten und sie landete dafür nur im Keller.
Immerhin war es dort einigermaßen friedlich.

Bis zu dem Moment als das Gewitter begann. Innerhalb von kürzester Zeit wurde es stockdunkel, als draussen die dunklen Wolken die Sonne verdrängten und das wenige Licht, welches durch die Offnung in der Wand gekommen war, komplett verschwand. Es war nicht einmal ein richtiges Fenster, sondern weit über ihrem Kopf eine schmale Luke, die mit dem Boden im Garten abschloss. Normalerweise genügte aber dieses Licht. Besser als nichts.
Aber jetzt kam die Dunkelheit.
Eine pechschwarze Dunkelheit, die auf einmal von einem grellen Licht zerrissen wurde, auf das wenig später ein ohrenbetäubendes Krachen folgte.
Kurz darauf kam das Wasser. Eiskalt und in kleinen Strömen lief es durch die Luke herunter. Jeder Erwachsene hätte vielleicht geflucht, wäre dem Wasser ausgewichen und hätte abgewartet. Aber für ein kleines Kind waren diese Ströme in Verbindung mit den Blitzen und dem Donner ein Albtraum.>>




Jene Angst war nie wieder komplett gewichen und es kostete sie einiges an Selbstbeherrschung, bei einem aufziehenden Gewitter nicht sofort die Flucht zu ergreifen. Aber heute war es immerhin trocken gewesen, was das morgendliche Training im Parcour durchaus erleichtert hatte.
Die Unruhe war danach aber geblieben und so hatte sie, obwohl es bereits dämmerte, nach ihrer Rüstung gegriffen und hatte sich auf den Weg zum Donnerholm gemacht.

Obwohl sie alleine war, kam sie gut voran, bis wie aus dem Nichts von einem der Liedkundigen ein Feuerball in ihre Richtung raste. Er war nicht einmal besonders groß und sie dachte zumindest im ersten Augenblick, dass es ihr gelungen war ihm auszuweichen, als sie aber schon die sengende Hitze an ihrer Wange spürte. Fluchend wich sie also weiter zurück , aber die Hitze nahm nicht ab.
Vielleicht war es nur ein Funken gewesen, aber er hatte den Weg unter ihre Kapuze gefunden und egal wie sehr sie nun mit der Hand darauf herum klopfte, der Geruch stieg ihr sofort in die Nase.

Der Geruch nach verbranntem Haar.

Genervt aufstöhnend machte sie sich auf den Rückweg.
Erst als sie zuhause ankam und die Rüstung ablegte, sah sie das ganze Unglück. Die Maske hatte ihre Gesicht geschützt, aber an ihrer rechten Seite war ein gutes Stück ihrer Haare zusammengeschmolzen.
Fassungslos starrte sie eine ganze Weile auf ihr Spiegelbild und tastete an ihrem Haar entlang. Wahrscheinlich wäre sie vor einigen Monaten niemals auf die Idee gekommen, sich als eitel zu bezeichnen. Sie hatte jahrelang nur das Wasser als Spiegel besessen und sich recht wenig darum geschert, wie sie aussah. Wenn man unter freiem Himmel lebte, waren die Ansprüche durchaus niedriger.
Aber nun hatte sie ein anderes Leben. Seit ihrer Ankunft waren ihre Haare bereits deutlich gewachsen und sie mochte es, wenn sie das Gewicht des Zopfes spürte.
Jener war zwar unten komplett verschont geblieben, aber der Schaden hinter ihrem Ohr war so groß, dass sie kurz deutlich frustriert stöhnend die Augen schloss.
Doch auch nach dem Öffnen, wurde der Anblick nicht wirklich besser.

Am Ende griff sie nach der Schere und nahm den geliebten Zopf in die Hand.

Es kostete sie doch einiges an Überwindung, doch es blieb ihr nicht wirklich etwas anderes übrig. Das Geräusch der Schere, als es durch die dicken Haarsträhnen schnitt, war grausam.
Ein paar Herzschläge lang betrachtete sie den Zopf in ihrer Hand und sie presste die Lippen zusammen, als sie ihn vorsichtig in die kleine Kiste wandern ließ.
Vorsichtig glitten ihre Finger dann durch ihr Haar, dass nun kaum mehr über ihre Ohren reichte und sie seufzte tief als ihre Augen an ihrem Spiegelbild hängen blieben.
Genau wie damals.




<<”Jedes andere Mädchen hat auch langes Haar! Warum muss sie es mir immer wieder so kurz schneiden. Ich sehe aus wie ein Junge.”, beschwerte sie sich einmal mehr bei Mert, der ihr wiederum einmal mehr geduldig zuhörte.
“Weil da der Lauskamm besser durchkommt. Weißt du genau.”, erwiderte er dann nur mit seinem leichten Grinsen und seine runzlige Hand wuschelte dem Kind durch die kurzen Haare. “Irgendwann wirst du richtig lange Haare haben. Und selbst mit kurzen Haaren, wird jeder erkennen, dass du kein Junge bist.”
Sie wusste das, aber das machte es nicht besser. Dennoch waren seine Worte tröstend, wie so oft. Mert war immerhin da, wenn sie traurig war und fing sie auf.
Im Augenblick allerdings waren da nur ihre riesigen Augen in dem schmalen Gesicht, umrahmt von den kurzen Stoppeln. Sie fand es hässlich.>>




Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 25 Sep 2021 19:24, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 28 Apr 2021 13:49    Titel:
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Es war bereits seit Stunden dunkel und der Mond stand hoch am Himmel. Allerdings schaffte er es nur ab und an sich einen Weg durch die dichten Regenwolken zu bahnen und erhellte dann kurz die Nacht, wenigstens einen Augenblick, bevor sich wieder ein dunkler Schatten über sie legte.
Das Gras unter ihren Stiefeln war noch nass vom letzten Regenschauer als sie mit langsamen Schritten in Richtung Parcour wanderte.
Ironischerweise war dieser Ort für sie eine Art Zuflucht geworden.
Vielleicht weil sie jeden Tag dort war?
Vielleicht weil sie ihn mit guten und schlechten Erlebnissen verband?
Oder auch einfach nur, weil sie hier auf jeden Fall ihre Ruhe haben würde. Kein Mensch war hier nachts unterwegs, es sei denn Aresh kam auf die wahnwitzige Idee seine Rekruten in der Nacht herzuscheuchen. Zuzutrauen war es ihm.
Aber heute war sie alleine hier.

Eine Weile wanderte sie einfach über das Gelände bevor ihre eiskalten Hände nach den Gitterstäben des Tores griffen, welches zum zweiten Teil des Übungsplatzes führte.
Erst vor einigen Tagen hatte hier ihre Prüfung stattgefunden. Sie war gleichzeitig aufgeregt und euphorisch gewesen, erwartungsvoll und gespannt, wie auch ein wenig nervös, da sie keinerlei Vorstellung hatte, was sie erwarten würde.
Am Ende war alles machbar gewesen, herausfordernd ja, an manchen Stellen schwierig, anstrengend, aber machbar. Überlebt hatte sie immerhin und auch wenn sie es nicht geschafft hatte, alle Fragen zu beantworten und im Parkour zu langsam gewesen war, so hatte sie dennoch bestanden.
Für den Augenblick hatte sie ihr Bestes gegeben, aber nun wusste sie ebenso, dass sie es dabei nicht belassen konnte.
Ihre Augen glitten noch einmal über das Gras, der Regen hatte die Brandflecken weggewaschen und im Schein des Feuers wirkten die Statuen in keinster Weise furchteinflößend, nein, der Übungsplatz machte beinahe einen friedlichen Eindruck mitten in der Nacht.

Als sie von zu Hause aufgebrochen war, hatte sie nur nach ihrem Tuch gegriffen. Nach schlaflosen Stunden war ihr das Haus zu eng vorgekommen und sie hatte den Weg nach draussen gesucht. Jetzt zog sie das Tuch doch deutlich enger um die Schultern, als sie sich auf dem feuchten Boden ans Meer hockte.

An diesem Abend hatte sie Abschied nehmen müssen.

Wieder einmal.

Ein bittersüßer Moment war es gewesen.
Als sie damals Lagara kennen lernte, hatte sie ihr leid getan wegen dem Verlust ihres Freundes und sie hatte verstanden, dass sie den Hof aufgab um woanders wieder zu beginnen.
Es war nur ein Nachmittag gewesen mit ein paar Gesprächen und dennoch hatte sie sich willkommen gefühlt. Womit sie am Ende allerdings nicht gerechnet hatte, war Sheitan.
Sie erinnerte sich an den Anblick des stolzen Hengstes, der allerdings damals jeglichen Glanz in seinem Fell und auch in seinen Augen verloren hatte.
Es hatte ihr einen Stich versetzt zu sehen, wie sehr das Tier litt, weil sie in jenem Moment nur daran denken konnte, wen sie zurückgelassen hatte. Wie schnell würde es wohl dauern bis ihr eigenes Pferd darüber wegkommen würde, dass sie nicht mehr an seiner Seite war?
Die Bindung zu einem Pferd konnte enger sein als viele Freundschaften zu Menschen und Sheitan hatte den Verlust seines Herren nicht verkraftet.
Als Lagara sie also darum bat sich um ihn zu kümmern, hatte sie sich mit voller Hingabe der Aufgabe gewidmet und nach einigen Wochen war es ihr gelungen Zugang zu ihm zu finden. Er war eine Ablenkung an die Gedanken an ihre Heimat und tröstete sie über den eigenen Verlust hinweg.





Der Schock kam erst einige Zeit später, als sie bereits im Dienst der Garde stand und auf Patrouille einem Mann begegneten, der sich als Luca Zek entpuppte.
In diesem Augenblick war ihr klar, dass sie Sheitan wieder verlieren würde. Wenn auch noch nicht gleich, aber der Moment würde kommen, wenn er sein Pferd wieder abholen würde.
Dennoch waren ihr noch Wochen geblieben, um sich auf den darauf vorzubereiten. Und dann kam er doch so überraschend und überwältigend.
Auf einmal standen die beiden vor dem Tor und es war nicht zu übersehen, wie Sheitan auf seinen Herren reagierte.
Noch weniger war zu übersehen, was in jenem Moment bei Luca geschah. Das Strahlen seiner Augen als die Erinnerungen zurück kamen, die Tränen.
Sie freute sich vor allem auch für Lagara, was Sheitan bei Luca bewegt hatte. Es war wieder ein weiterer Schritt in ein normales Leben, wieder wertvolle Erinnerungen. Sie hatte keine Zweifel, dass er in den nächsten Tagen noch viele wunderbare Momente mit seinem alten Freund verbringen würde. Für sie hatte nie eine andere Option bestanden, als das Sheitan mit den beiden gehen würde.
Aber so sehr sie sich auch für sie freute, so schneidend war der Schmerz über den Abschied. Sie wollte sich auf keinen Fall irgendeine Blöße geben, vor allem nicht, weil sie die Wiedersehensfreude von Luca und Sheitan nicht trüben wollte, aber der Abend wurde dennoch zur reinsten Qual.
Als sie am Ende zusah, wie Luca und Sheitan davon ritten, zog sie sich zurück.



<<"Kannst du denn reiten?", seine Stimme klang irgendwie als wäre sie recht weit entfernt, obwohl er direkt hinter ihr stand und sie sogar seine Hand auf ihrer Schulter spüren konnte. Für einen Augenblick war es ihr nicht möglich zu antworten, weil ihre Augen nur auf das Pferd vor ihr gerichtet waren. Es war ein recht junger Hengst, das Fell dunkelgrau mit einigen braunen Flecken, was es beinahe so aussehen ließ, als wäre es dreckig. Die Mähne hingegen war recht dunkel, aber das seltsamste an ihm waren wahrscheinlich die Augen. Während das eine recht dunkel erschien, leuchtete das andere in einem Blauton auf. Sie hatte noch niemals solch ein Pferd gesehen.
"Deswegen wollten sie es loswerden. Angeblich lebt es sowieso nicht lange und ist verflucht.", ohne dass sie sein Gesicht sehen konnte, hörte sie deutlich, dass er ein Grinsen auf den Lippen hatte.
Er glaubte nicht an solchen Humbug und wenn sie ehrlich war, tat sie das ebenso wenig.
"Er ist nur ein wenig wild und muss anständig erzogen werden. Das kriegst du hin oder?", fragte er nochmal nach während sie schon spürte, wie seine Hände an ihre Hüfte griffen und sie mit einem Ruck in den Sattel gehoben wurde.
Als sie zu ihm hinab sah, erkannte sie doch ein wenig Sorge in seinem Blick. Aber sie wollte sich nicht lange damit aufhalten, denn sie spürte das leichte Beben der Muskeln unter sich. Er wollte los.
Und sie konnte es nicht erwarten mit ihm zu fliegen.
"Ich komm schon klar.", meinte sie nur und mit einem leichten Druck der Schenkel ritt sie los.>>






Mit einem leisen Atemzug glitten ihre Augen über das aufgewühlte Meer. An diesem Tag hatte er ihr Fergus das größte Geschenk ihres Lebens gemacht und sie hoffte inständig, dass zu Hause jemand sich Atreju angenommen hatte, sich um ihn kümmerte genauso wie sie es mit Sheitan getan hatte.

"Du fehlst mir."

Sie war einen Moment selbst überrascht, dass die Worte über ihre Lippen gekommen waren. Sheitan konnte sie besuchen, er würde nicht aus der Welt sein und auch wenn sie gerade das Gefühl hatte, als würde die Traurigkeit ihr Herz eiskalt umklammern, so wusste sie genauso, dass es vorbei gehen würde.
Aber nicht heute.
Nicht in dieser Nacht.
Als die ersten Regentropfen fielen und das leise Donnergrollen die Ruhe der Nacht zerriss, blieb sie immer noch sitzen. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben harrte sie freiwillig aus, ließ das Gewitter einfach kommen.


Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 25 Sep 2021 20:23, insgesamt einmal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 21 Mai 2021 09:07    Titel:
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Als sie an diesem Morgen am Parkour ankam, zwitscherte kein Vogel. Stattdessen hing ein grauer Regenschleier in der Luft.
Schon wieder.
Regen.
Nur Regen.
Seit Tagen waren es immer wieder Phasen, sie so oft und schnell hintereinander kamen, dass man die trockenen Zeiten kaum mehr wahrnahm.
Ganz abgesehen von den Gewittern, machte ihr der Zustand langsam zu schaffen.
Zu sehr hatte sie sich an die trockene und warme Umgebung gewöhnt, die ihr jetzt Nachts zur Verfügung stand. Ein riesiger Unterschied zu ihrem Leben von früher.



<<Das Lager war am Rande einer Felswand aufgeschlagen worden. Um das große Lagerfeuer herum standen mehrere kleinere und größere Zelte. An provisorisch errichteten Ständern hingen einige Felle, an anderen ein ausgenommenes Reh. Der Rauch des Feuers zog in Schwaden zwischen den Zelten hindurch. An manchen Stellen würde geredet, ab und an ertönte auch ein Lachen.

Der Platz war strategisch gut gewählt, mit der Felswand im Rücken, musste nur eine Seite geschützt werden und ihre Wachen waren gut positioniert. Selbst wenn die Garde des Barons sich so tief in den Wald vorwagen würde, waren sie vorbereitet und hoffentlich würde die erste Linie an Fallen sie bereits aufhalten.





Sie war das Leben im Lager mittlerweile gewohnt und wenn es irgendwie möglich war, zog sie sogar die Nächte unter freiem Himmel vor, als mit anderen in einem Zelt zu schlafen.

Aber nicht wenn es Bindfäden regnete oder schlimmer!

Sie war es ebenso gewohnt in ihrer Kleidung zu schlafen, fertig gerüstet, falls es doch zu einem Angriff kam und sie schnell reagieren musste.
Meistens waren die Sachen am Morgen klamm.
Aber richtig schlimm wurde es nur, wenn man tagelang bis auf die Haut durchnässt war, wenn nicht einmal das Feuer mehr half um einen aufzuwärmen. Solche Tage waren ein Graus und auch wenn sie niemals wirklich die Zeit im Armenhaus vermisste, das fehlende Dach über dem Kopf, die Möglichkeit ihre Kleidung einmal komplett zu trocknen, waren ein paar der Dinge, an die sie an solchen Regentagen dachte.

Nach tagelangem Regen war ihre Laune mehr als gereizt, als sie an jenem Morgen mit Fergus vor der Zielscheibe stand. Der Bogen, der Köcher und auch ihre Pfeile waren genauso durchnässt, wie sie selbst und ihre Finger klamm. Dementsprechend waren ihre ersten Versuche Tiefschüsse.

Seine Stimme war wie immer recht nahe, er stand nicht weit von ihr entfernt und als sie ihn ansah, konnte sie sehen, wie die Regentropfen sich ihren Weg über sein Gesicht bahnten um in seinem Bart zu verschwinden. Obwohl er ebenso nass war wie sie, obwohl ihm sicher auch kalt war, stand er da mit einem Anflug von einem Grinsen auf seinen Lippen.
“Du willst Schützin werden, Jyn. Dazu musst du dein Material in und auswendig kennen. Regen, Nässe, Hitze, Kälte. Das alles hat Einfluss auf deinen Bogen, auf die Pfeile und auch auf dich als Schützin. Kennst du dein Material, kennst du den Einfluss des Wetters, kannst du deinen Schuß schon vorher korrigieren.”

An jenem Tag mitten im Regen hatte sie gelernt, was das Wetter ausmachen konnte, wenn man mit Pfeil und Bogen unterwegs war.
Federn, die sich mit Wasser vollgesaugt hatten, nasse Finger, ein rutschiger Bogengriff, Kleidung, die am Körper klebt und die Bewegungsfreiheit einschränkt, eine Sehne die trotz Bienenwachs rutschiger war als sonst.
Sie hatte gelernt, dass sie vor dem Schuss mehrmals an der Sehne zupfte, damit die Feuchtigkeit verschwand. Ebenso wie sie wusste, dass ihr Schuss als Linkshänderin bei Regen leicht nach rechts ging, weil die Schüsse deutlich steifer wurden.
Sie hatte gelernt, dass es unerlässlich war, die Finger aufzuwärmen, denn die Feuchtigkeit weichte die Haut auf und die Sehne ließ sich dann nicht mehr entspannt und ruhig lösen um einen ziel sicheren Schuss zu erlangen.
Ebenso wirkte sich die Kälte und die Nässe auf ihre Muskeln auf. Wo sie sich sonst geschmeidig bewegte, waren die Bewegungen dann deutlich steifer.





Der Regen war lange ein Gegner für sie gewesen und sie hatte es vorgezogen ihn zu meiden, Schutz zu suchen. Ob nun in einem Zelt, unter einem Baum, wenigstens am Feuer wo es etwas wärmer war.
Doch nach diesem Tag mit Fergus im Regen, nutzte sie die Gelegenheit bei jedem Wetter zu schießen. Sie begann sich damit zu beschäftigen Unterschiede zu verstehen zwischen einem leichten Nieselregen, eiskaltem Platzregen mit Hagel oder warmen Sommerregen.
Auf einmal spielte die Sonne eine Rolle und der Wind und ob es leichte Korrekturen oder das Zupfen an der Sehne war, diese Kleinigkeiten begannen ihr in den nächsten Jahren in Fleisch und Blut über zu gehen.
Denn am Ende hatte Fergus recht, in einem Kampf hatten sie alle die gleichen Bedingungen, jeder von ihnen stand in der prallen Sonne oder im Platzregen. Zu wissen, was man dann zu tun hatte, konnte über Leben und Tod entscheiden.>>



Jetzt lag sie hingegen bei Regen gerne in ihrem warmen Bett mit einem Feuer im Kamin. Sie konnte einfach zuhören, wie der Regen auf das Dach prasselte und es genießen.
Im Trockenen.

Den Parkour bei Regen zu absolvieren war sicherlich kein Spaß, aber mittlerweile war sie es doch gewohnt. Jetzt allerdings hatte der Tage andauernde Regen den Boden aufgeweicht. Sie würde wieder einmal im Matsch herumkriechen und anschließend noch länger dafür brauchen ihre Rüstung zu säubern, als sich selbst sauber zu bekommen. Aber am Ende spielte es keine Rolle, denn diese wenigen Momente musste sie nutzen. In den Höhlen auf der Jagd hatte sie mit Regen weniger zu kämpfen, umso wichtiger war es auch an solchen Tagen ihr Bett zu verlassen um nicht zu verlernen, worauf es ankam.

Mit einem tiefen Atemzug ließ sie ihre Augen über die Hindernisse schweifen. Sie hatte schon lange keine Probleme mehr damit, aber sie hatte mittlerweile begonnen die Übungen auszubauen. Erst mit den Übungen aus dem Unterricht in der Garde, dann aber mit immer mehr Schießübungen.
Das Wasser lief ihr mittlerweile in kleinen Rinnsalen den Rücken hinab und sie musste mehrfach blinzeln um einen freien Blick zu bekommen.
Ohne große Probleme überwand sie das erste Hindernis nur um dann noch oben den ersten Pfeil anzulegen.
Die Zielscheibe war verdammt weit entfernt und durch den Regenschleier wirkte jeder einzelne Ring verschwommen.
Bisher war es keine große Anstrengung, aber ihr Atem hatte sich dennoch beschleunigt. Atmen, ziehen, anlegen, spannen, loslassen, weiter.

Es war zu einer Routine geworden und als sie an diesem Tag den Parkour beendete und ihre Pfeile aus der Scheibe zog, wandte sie sich nicht sofort zurück nach Rahal sondern hockte sich noch einmal ans Wasser. Nass war sie sowieso schon, ein wenig mehr Regen machte das Kraut nun auch nicht mehr fett.
Mit der Zeit beruhigte sich ihr Atem wieder und sie starrte doch eine Weile aufs Meer hinaus, wo der Regeln in Schwaden herunterkam.
Es wirkte trostlos, grau.
Bis auf einmal am Horizont ein heller Schimmer zu erkennen war.
Die Regenwolken schienen sich etwas zu lichten, mit etwas Glück würde es an diesem Tag endlich die Sonne durch das Grau schaffen.
Mit einem leichten Lächeln stemmte sie sich auf bevor es zu kalt wurde.
Vielleicht nahm der Tag ja noch ein richtig gutes Ende.


Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 26 Sep 2021 22:00, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 07 Jun 2021 17:12    Titel:
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Langsam verfolgten ihre Augen den kleinen Papierball, den die Finger des Senators auf dem Tisch hin und her bewegten. Einen Augenblick schossen ihr die Gedanken durch den Kopf, während sie dennoch dem Gespräch weiter folgte.

War das eine Taktik?
Wollte er damit ablenken, sehen ob sie sich ablenken ließen?
Oder war es wirklich nur ein Stück Papier, welches seine Finger beschäftigte?
Und die wichtigste aller Fragen: Dachte er darüber nach es über den Tisch zu schnippen? Reizte es ihn vielleicht sogar, auch wenn er niemals so weit gehen würde?

Mit geradem Rücken saß sie auf dem Stuhl und blickte dann wieder nach oben, während die Vorstellung neben ihr weiter ging und sie versuchte hinter der stoischen Miene ihres Gegenübers irgendetwas zu erkennen, eine Regung auszumachen, die ihr abgesehen von seinen Worten verraten würde, was für eine Art Mensch vielleicht irgendwann ihr Ausbilder sein würde.

Sie waren beide ein wenig angespannt, wer würde das nicht sein in so einer Situation. Immerhin war ihnen bewusst, wie viel von diesem Gespräch abhing, von diesen wenigen Momenten, in denen sie einen Eindruck hinterlassen würden, der nur noch mit harter Arbeit wieder zu ändern war.
Die Worte, die ihr Kamerad vor brachte, waren gut, nein eher beeindruckend. Sie lauschte weiterhin schweigend und ihre Augen glitten wieder kurz zu dem Senator hinüber.

Irgendwann war der erste Teil beendet und er richtete das Wort an sie. Formvollendung.
Nach der Vorlage war es eine Herausforderung die eigene Einstellung formvollendet vorzubringen und sie machte sich nichts vor.
Sie war erst am Anfang ihres Weges.
Sie konnte nicht Perfektion vorzeigen. Wer konnte das schon.

Aber sie würde immerhin versuchen sie anzustreben, denn dafür war da ihre Willensstärke, ihr Ehrgeiz.
Seit sie denken konnte war es so gewesen, dass sie Dinge, die sie sich in den Kopf setzte, auch erreichte.
Manchmal dauerte es.
Manchmal war es mit Fluchen verbunden.
Manchmal schienen es eher Gebirge als nur Steine zu sein, die sich ihr in den Weg legten.
Und manchmal musste sie sich wieder aufrappeln, nachdem es sie längs mitten in die größte Scheiße gehauen hatte.
Ab und an war ihr dabei ihre Ungeduld im Wege, weswegen man sie durchaus immer wieder einmal bremsen musste.
Aber einmal ein Ziel vor Augen, gab sie nicht auf.




<<"Jynela?", seine Stimme klang ein wenig ungläubig, aber auch leicht amüsiert, wahrscheinlich hatte er mal wieder dieses Grinsen auf den Lippen, mit dem er sie so oft bedachte.
"Hast du nicht langsam genug? Du siehst doch kaum noch was du tust?"
Er hatte nicht unrecht, aber sie musste auch nichts sehen um den Pfeilschaft zu glätten. Dass neben ihr bereits ein beachtlicher Haufen lag, war ja irrelevant. Sie hatte wirklich nicht bemerkt, wie es dunkel geworden war, die Gespräche waren ruhiger geworden.
Schon vor zwei Stunden, wenn nicht sogar drei, hatte sie sich auf dem Boden niedergelassen, einen Baumstamm im Rücken auf dem die Anderen meist am Feuer saßen.
Dann hatte sie mit dem Schnitzen begonnen.
Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie er einen der Schäfte in die Hand nahm und musterte.
"Birke heute? Was kommt als nächstes?".
Sie zuckte ein wenig mit den Schultern. Mittlerweile hatte sie einiges probiert und nicht mehr nur den Haselstrauch geplündert.
Sie hatte gelernt, dass Schäfte aus Eiche oder anderem schweren Holz weniger weit flogen. Leichtes Holz hatte eine deutlich weitere Reichweite im Schuss, dafür war der Einschlag weniger kraftvoll, als mit einem schwerern Holz.
Noch immer hatte sie sich nicht entschieden, welches Holz ihr am besten gefiel und sie tendierte stark dazu, ihre Pfeile auch in Zukunft nach dem Nutzen zu wählen.
Da gab es nur ein Problem.
Zu oft mussten sie schnell aufbrechen.
Sie konnte nicht große Mengen an Pfeilen lagern und der einzige sicherer Ort an dem sie ihre Vorräte aufbewahrten, war nicht immer auf die schnelle zugänglich.
Also musste sie sich einschränken und Entscheidungen treffen.

Janosch hatte ihr ein paar Stämme geschlagen und getrocknet. Auch wenn sie ihm zugesehen hatte, wie er das Holz mit dem kleinen Beil zu spalten begonne hatte, waren ihre ersten Versuche ziemlich in die Hose gegangen. Mittlerweile hatte sie sich auf sein Anraten hin ein Lochbrett gebaut und seitdem kam sie besser voran und immerhin waren die Pfeile nun von gleicher Stärke.
Ihm hatte sie auch die kleine Rundfeile zu verdanken, auch wenn er kein Feilenhauer war, die sie für die Nocke nutzte. Der Stapel musste allerdings noch ein ganzes Stück anwachsen, bis sie sich für einen Nachmittag verkrümeln würde, um die Federn zu kleben.
Den Rest des Abends spürte sie immer wieder Fergus Augen auf sich ruhen, während sie beinahe verbissen weiter schnitzte.>>






Noch heute machte sie ihre Pfeile selbst und vermied es meist, auf die Arbeit von anderen zurück zu greifen. Mit den Jahren war es eine Routine geworden und sie hatte es irgendwann geschafft, dass die Pfeile sich immerhin alle glichen, die aus ihrer eigenen Hand kamen. So wusste sie genau, wie sie sich im Schuß verhalten würden, denn sie hatte mehr als genug damit geübt. Ein fremder Pfeil, war immer etwas Neues. Und in gewissen Momenten, konnte und wollte sie keine Risiken eingehen.

Noch immer nutzte sie verschiedene Holzsorten und noch immer waren da die kleinen Markierungen an der Nocke, die sie wie von selbst jedem Pfeil zufügte.
Der Unterschied zu ihrer Heimat war nun, dass sie eine kleine Werkstatt dafür hatte.
Dass sie Platz hatte, die Pfeile zu lagern und auch ihr Holz.
Zeit es in Ruhe trocknen zu lassen.
Ein Luxus den sie auskosten konnte und so hatte sie wieder begonnen mit Holz ein wenig herumzuprobieren, unterschiedliche Federn genutzt, Schaftlängen verändert und angepasst.

Heute lagen zum ersten Mal Pfeile vor ihr, die sie erst seit kurzem in ihrem Besitz hatte und die nicht aus ihrer Hand stammten.
Pfeile mit Spitzen aus Glas, die bei einem gezielten Schuss, einem Wurftrank gleich, den Gegner mit voller Wucht und Effekt treffen konnten. Sie waren vollkommen anders als normale Pfeile. Man musste deutlich vorsichtiger damit umgehen und sich auf das neue Gewicht einlassen. Eine Spitze deren Gewicht auch noch durch Bewegung variierte, war eine Herausforderung. Also hatte sie damit geübt um vorbereitet zu sein.

An diesem Abend lagen einige Trankflaschen vor ihr. Sie würde ein paar der Pfeile mit einem Lähmungstrank füllen, auch wenn sie davon ausging, dass Jene nur für den Notfall sein würden.
In einer Schlacht würde es Pfeile und Angriffe hageln und keine Lähmung irgendeines Gegners würde lange anhalten.
Die Tränke zum Senken des Schutzes waren sicherlich sinnvoller. Und dann waren da noch die paar wenigen Tränke für ihre Experimente.
Auch Jene würde sie mitnehmen, wenn auch nicht viele.

Mit ruhiger Hand und konzentriert begann sie dann die gläsernen Spitzen zu füllen. Sie hoffe sehr, dass keine davon zu früh brechen würde.
In der Schlacht würden sie dann zum Einsatz kommen.
Als sie fertig war, hielt sie für einen Augenblick inne und atmete leise durch.
Sie war nicht wirklich ängstlich, auch nicht sonderlich nervös, aber angespannt.
Am Ende war es dennoch ihre erste Schlacht hier. Die Kämpfe in ihrer Heimat hatte sie immer aus dem Hintergrund geschlagen. Als Schützin stand sie hinten oder blieb sogar verborgen. Dieses Mal würde sie neben ihren Kameraden stehen und wahrscheinlich würde die Garde ihren Platz recht weit vorne einnehmen. Es würde nicht wie sonst darum gehen, nicht gesehen zu werden, sondern einfach nur um den Weg frei zu machen, den Kriegern den Rücken frei zu halten.
Es war eine andere Situation, etwas Neues auf eine gewisse Art.
Nur noch 24 Stundenläufe.
Mit einem weiteren Atemzug begann sie die Pfeile in den Köcher zu packen. Es gab da noch eine wichtige Sache, die sie vorher erledigen musste.
Und dieses Mal blieb ihr keine Zeit um damit bis zum nächsten Morgen zu warten.


Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 28 Sep 2021 16:33, insgesamt einmal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 04 Jul 2021 11:37    Titel:
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<<”Ach komm schon, Jynela. Geduld ist, wenn du eigentlich wütend sein willst, aber dich am Ende dafür entscheidest es zu verstehen. Von mir aus auch hinzunehmen.
Hab ein wenig Geduld. Das Beste liegt noch vor dir."

Merts Stimme hatte sich durch die Kellertür dumpf angehört. Sie war fest verschlossen, es gab kein Entkommen. Wie sollte das Beste vor ihr liegen, wenn sie keinen Weg aus diesem Elend fand? Wenn sie immer und immer wieder diese verschlossene Tür vor sich hatte!>>




Mit einem Ruck fuhr sie aus dem Schlaf auf und lauschte einen Moment auf ihre eigenen, hastigen Atemzüge. Wieder einmal hatte sie im Traum gegen die Türe getreten, voller Ungeduld ihre Wut an ihr ausgelassen. Bis daraus irgendwann Panik wurde. Sie spürte genau, dass hinter der Tür etwas oder jemand wartete und dass sie um alles in der Welt dorthin musste. Aber sie wusste nicht was es, oder wer es war.

Und dann war da auf einmal Stille mitten in der Nacht.

Die Schlacht war vorbei.
Auf einmal war da dieses Durchatmen, das Wissen, dass es für diesen Moment ein Ende hatte und sie nun wenigstens für eine Weile zur Normalität zurückkehren konnten.
Sie kannte dieses Gefühl nicht.
Ebenso wenig wie sie es gewohnt war dann einfach abzuwarten. Geduld war noch nie ihre Stärke gewesen und immer schon die größte Herausforderung bei ihren Aufgaben.
Nein, sie kannte dieses Gefühl von Frieden, wenn er auch nur kurz währen sollte, nicht.
In ihrem Leben war nach dem Kampf immer vor dem Kampf gewesen. Es hatte als Kind im Armenhaus begonnen und gefühlt kein Ende mehr gefunden.



<<”NEL!”, das Gebrüll der Vorsteherin ließ, mal wieder, einige der alten Leute zusammen zucken, andere reagierten gar nicht mehr darauf. Lediglich Merts Blick huschte suchend nach der kleinen Gestalt herum, als würde er sie irgendwie vor der bevorstehenden Strafe beschützen können.

Er war damals an seinem Lieblingsplatz auf der kleinen Veranda gesessen, als das Mädchen gebracht wurde.
Seit er im Armenhaus war, hatte man dort kein Kind mehr gesehen. Es gab kein Waisenhaus, aber normalerweise landeten Kinder ohne Eltern in irgendwelchen anderen Familien und wurden versorgt. Aber dieses Kind wollte niemand aufnehmen und das scheinbar aus gutem Grund.
Keiner wollte es sich mit dem Oberst verscherzen, auch wenn niemand genau verstand, warum die Wut auf die Familie so groß war.
Warum man ihren Bruder aus dem Weg geräumt hatte, was genau danach mit ihrem Vater geschehen war, das wusste niemand genau. Lediglich die Gerüchte flammten immer wieder einmal auf. Aber der Name “Dhara” genügte, dass viele den Blicken auswichen und schwiegen. Zu gerne hätte er gewusst was es damit auf sich hatte, aber zurückgeblieben war nun dieses kleine Mädchen deren Augen in dem schmalen Gesicht viel zu groß wirkten.
Sie war auf einmal da und auch wenn die Vorsteherin ständig darüber schimpfte, ein weiteres Maul stopfen zu müssen, so wusste er doch genau, dass sie im Grund zufrieden damit war eine kleine Hilfsmagd bekommen zu haben.
Jetzt war Jynela wieder einmal abgetaucht, nachdem ein Stück Brot verschwunden war. Am Ende würde sie dafür wieder für einige Zeit im Keller sitzen müssen, wenn nicht Schlimmeres und er musste zusehen und konnte rein gar nichts dagegen tun.
Nur ein Kind gegen ein paar alte Leute.
Aber niemand sollte die Alten unterschätzen, wenn es um ein gutes Stück Brot oder gar eine Wurst ging. Mehr als einmal war das Kind mit den Resten zurückgeblieben und er hatte ihr mehr als einmal etwas von seiner Ration zugesteckt.
Viel zu große Augen in dem schmalen Gesicht.>>






Später war der Kampf auf der Straße weiter gegangen. Nachdem sie das Armenhaus nach Merts Tod verlassen hatte, lebte sie mit 10 auf der Straße. Einfach jeden Tag zu überleben, nicht zu verhungern, nicht von den Wachen aufgegriffen zu werden bestimmte ihren Tag und auch ihre Nächte.
Diebstahl wurde hart bestraft und keiner der Männer des Barons machte hierbei einen Unterschied ob Kind oder Mann. Sie wurde jeden Tag schmerzlich daran erinnert.

Aber selbst als Fergus sie doch mitgenommen hatte, nahm der Kampf kein Ende. Trotz der neuen Umgebung, mit Menschen um sie herum die ihr wichtig wurden, war es immer ein Kampf geblieben. Nur das Ziel hatte sich geändert.
Wo es zuerst um etwas zu Essen, eine Decke oder nur einen warmen Platz zum Schlafen gegangen war, ging es nun darum zu überleben, nicht erwischt zu werden und am Ende den Tyrannen so stark zu schwächen, wie es einer Gruppe wie ihnen eben möglich war.
Ein ewiger Kampf, der sie aber niemals wirklich störte, denn sie kannte es ja nicht anders. Sie hatte als Kind alles verloren, aber es gab noch genügend Familien, denen man genau dieses Schicksal irgendwie ersparen konnte. Genügend Kinder, die ein anderes Leben führen konnten.
Und das war ihr neues Ziel geworden, dafür hatte sie gekämpft.

Aber diese Welt, ihre Vergangenheit, ihre Ziele, ihr altes Leben waren verloren. In der neuen Heimat war auf einmal alles anders.
Zum ersten Mal konnte sie ruhig schlafen, hatte ein Heim, ein Dach über dem Kopf.
Und noch etwas anderes.
Zeit.
Ruhe.
Auf einmal konnte sie Gedanken auf Papier bringen, denn die Bücher würden nicht mehr im nassen Gras liegen, sondern in einem trockenen Regal. Sie würden nicht mehr verloren gehen, sondern ihre Geschichten, Merts Worte, Janoschs Lieder und so vieles mehr in Büchern niederschreiben können um sie immer wieder in die Hand zu nehmen.

Ihre Ziele hatten sich neu geformt und dabei hatten ihr die Menschen geholfen, die sie getroffen hatte und die ihr ans Herz gewachsen waren. Wieder eine neue Familie, die sie nicht mehr wirklich hergeben wollte. Jetzt sah sie den Weg recht klar vor sich und wusste genau, wohin sie gehen wollte. Ob es nun in ihrem privaten Leben mit einem Mann an ihrer Seite war, oder in der Legion mit ihren Kameraden. Es war nicht mehr die Frage ob nach rechts oder nach links. Jetzt ging es nur noch darum einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Langsam.
Mit Bedacht.
Geduldig.


“Hab ein wenig Geduld, das Beste liegt noch vor dir.”


Als Kind waren die Worte ihr eher wie Hohn vorgekommen.
Als junge Erwachsene hatte sie selbst alles dafür getan, um immerhin einen Teil davon zu bekommen.
Und nun standen ihr hier auf einmal alle Türen offen.

Bis auf die Eine.

Diese eine Tür war noch geschlossen und alles was sie brauchte, war der Schlüssel um sie aufzuschließen.
Dieser Schlüssel war nicht mehr und nicht weniger als ein einfacher Brief. Worte auf einem Pergament, die ihr erlauben würden die Reise weiterzugehen. Die den Blick freigaben auf eine Zukunft, von der sie sicherlich niemals zu träumen gewagt hatte.

Und auf diesen Schlüssel zu warten, stellte sich als eine der größten Geduldsproben ihres Lebens heraus.



Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 28 Sep 2021 16:44, insgesamt einmal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 28 Jul 2021 08:09    Titel:
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Vorsichtig strich sie Cassian über den Hals bevor sie ihm einen Apfel auf der flachen Hand entgegen streckte. Nachdem er ihn verschlungen hatte, rieb er kurz seine Nüstern an ihrer Schulter. Eine Geste die sie liebte. Jedes Mal wenn sie ihm entgegentrat, wurde sie damit begrüßt.
Es erinnerte sie an Atreju und zeigte ihr einmal mehr, dass es ihr gelungen war auch zu Cassian diese besondere Beziehung aufzubauen.
Mit Atreju hatte sie damals das Fliegen gelernt. Mit Cassian war es anders. Er hatte auch Temperament, aber er war kein Durchgänger.
Es war beinahe einfach gewesen mit ihm zu üben. Anders als mit Atreju.



<<Klatschnass und voller Schlamm trottete sie mit Atreju am Zügel zurück ins Lager.
Das breite Grinsen von Fergus sah sie schon von weitem und am liebsten hätte sie es ihm mit einer Ohrfeige aus dem Gesicht gewischt.
Aber wahrscheinlich war das wirklich eher ein amüsanter Anblick.
“Schon wieder abgerutscht?”, sie musste ihn nicht einmal ansehen um zu hören, wie witzig er das alles fand.
“Sei froh dass ich mir das Genick nicht gebrochen habe.”, knurrte sie nur in seine Richtung bevor sie Atreju unterbrachte und zum Fluss ging.
Seit Tagen war sie nun dabei mit ihm das Reiten ohne Zügel zu üben. Der verfluchte kleine Dickkopf fand es aber immer noch witzig das auszunutzen und auszuscheren, wenn sie auch nur einmal nicht acht gab. Mittlerweile war ihre Seite blau und die Schulter wohl ebenso. Dennoch wollte sie nicht aufgeben. Sie wusste, dass er es konnte. Seit der ersten Begegnung war zwischen ihnen eine Verbindung gewesen und auch wenn es eine Weile Zeit gebraucht hatte, bis er ihr wirklich vertraute, war diese Bindung nur stärker geworden.
In Wirklichkeit hatte sie keine Zweifel daran, dass Atreju genau wusste, was er tat und warum. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte er wahrscheinlich genauso wie Fergus laut gelacht, wenn sie zu Boden segelte.
Aber am Ende musste sie die Oberhand haben.
Mit einem leisen, schmerzlichen Stöhnen ließ sie sich in das kühle Wasser des Flusses sinken.
Morgen. Morgen war auch noch ein Tag.>>




Damals war es ihr gelungen und sie hatte bei Cassian erwartet auch länger zu brauchen. Doch er hatte sie überrascht.
Pferde waren Fluchttiere.
Wenn sie irgendetwas stört, wenn sie sich bedroht fühlen, bei Gefahr, würde ein Pferd rennen. Atreju war nicht nur gerannt, er war durchgegangen. Mit Cassian hatte sie also von Beginn an gearbeitet.
Denn sie hatte vor ihn nicht nur bei der Jagd zu reiten, sondern auch bei Einsätzen der Garde, vielleicht sogar bei einem Angriff. Dazu musste sie ihm beibringen, ruhig zu bleiben.
Er musste an laute Geräusche gewöhnt werden, durfte nicht zurückweichen wenn es eng wurde oder irgendwelche unbekannten Hindernisse sich in den Weg stellten. Aber vor allem musste sie eins mit ihm werden, wenn es darum ging die Zügel loszulassen um zu schießen.
Immerhin musste sie dieses mal nicht komplett von vorne beginnen wie damals. Denn wie sie vom Pferd aus traf, das wusste sie immerhin bereits.



<<Sie saß noch in der breiten Baumgabel an den Stamm gelehnt und blinzelt etwas müde, wenn die Sonne durch die Blätter blitzte. Der erste ruhige Tag seit Wochen, wunderbares Wetter. Der Tag hätte beinahe schön sein können.
Beinahe.
Denn sie machte die Bewegung aus, als Janosch am Rand der Lichtung zwischen den Bäumen auftauchte und dann auf sie zu schlenderte. Dieser Mann konnte nicht normal gehen. Er wirkte sogar wenn er vor einem Feind davon rannte beinahe entspannt.
Das würde also wieder einmal eine Stunde geben.
Seufzend richtete sie sich auf, als ihr der große Sack auf seinem Rücken auffiel. Dass er seinen Bogen trug, hatte sie bereits bemerkt. Ihren Eigenen hatte sie neben sich liegen, der Köcher wie immer an ihrer Hüfte befestigt, störte sie nicht wirklich beim Klettern und ebenso wenig als sie mit einem Satz im weichen Gras landete und ihm entgegen ging.
Ein wenig neugierig musterte sie die Holzscheiben, in unterschiedlichen Größen, die er herausnahm.
“Bereit?”, fragte er dann nur und mustert sie kurz mit einem fast verschmitzten Grinsen.
“Wenn du mir noch sagst wofür? Was soll ich damit? Du weißt dass ich die treffe? Aber wir könnten eine davon mal auf deinem Kopf platzieren?”, erwiderte sie versucht gleichgültig, aber ein wenig war die Neugierde und wahrscheinlich auch der Schalk in ihrer Stimme doch herauszuhören.
Janosch nahm eine der Scheiben in die Hand und warf sie in die Luft, fing sie wieder auf während er ein wenig zur Seite ging.
Dann drehte er sich um.
“Triffst du sie auch in der Luft?”, meinte er nur und warf sie mit Kraft.
Ihre Augen huschen hinauf und noch während sie der Scheibe folgten, die durch den Sommerhimmel flog, zog sie bereits einen Pfeil. Einen ersten Pfeil den sie nie wieder fand, weil er sein Ziel in jenem Moment weit verfehlte.
Aber nein, eine Herausforderung wie diese, würde sie sicherlich nicht ablehnen..>>



Das war damals nicht ihre Art und es hatte sich bis zum heutigen Tag auch nicht geändert. Auch wenn ihr das manchmal zum Verhängnis wurde.
Als an diesem einen Abend von Smulas Feier auf einmal der Rashar auf sie zukam, war sie ein wenig überrascht. Wie immer musste sie sich in seiner Gegenwart deutlich beherrschen um nicht zu sehr zu starren, oder mit den ganzen Fragen heraus zu sprudeln, die ihr auf den Lippen lagen. Sie hatte bisher nur wenige seines Volkes kennen gelernt und ihre Neugierde war in der Hinsicht einmal mehr grenzenlos.
Als er sie dann mit seiner ruhigen Art nach dem berittenen Bogenschießen fragte und ob sie bereit wäre ihre Erfahrungen mit ihm auszutauschen, konnte sie gar nicht anders als breit lächelnd zu nicken. Der Gedanke zu sehen, wie ein Bogenschütze der Rashar von einer Echse aus schoß, war mehr als nur interessant. In der Hoffnung, dass nicht nur sie ihm etwas beibringen konnte, sondern sie sich etwas bei ihm abschauen konnte, vereinbarten sie ein gemeinsames Treffen.
An jenem Abend trug sie nicht ihre Gardeuniform, führte aber Cassian am Zügel zum Übungsplatz. Sie spürte das leichte Kribbeln in der Magengegend. Eine Vorfreude, wahrscheinlich auch etwas Aufregung. Vor den Schießplatz blieb sie dann stehen und ihre Augen glitten über die aufgebauten Scheiben, während sie auf den Rashar wartete.




“Los! Nochmal!”, gellte der Ruf von Fergus über die Lichtung. Tagelang hatte Janosch die Scheiben geworfen. Irgendwann wurde er von Fergus oder anderen abgelöst. Es war eine andere Art zu schießen, denn es fehlte ihr nun die Zeit um groß zu visieren. Ihr Arm und die Pfeilspitze wurden ihre Sucher, aber noch hatte sie den festen Stand auf dem Boden, der einiges vereinfachte.
Irgendwann zwang er sie, sich dabei hin zu hocken, als würde sie auf einem Pferd sitzen. Und wieder einmal kam ihre Ungeduld durch.
Warum ließ er sie nicht einfach direkt vom Pferd üben? Aber in der Hinsicht hatte Janosch nicht locker gelassen. Als sie dann endlich auf Atreju mit den Übungen begann, war sie immerhin die meiste Zeit alleine und brauchte keine große Hilfe mehr.
Stundenlang ritt sie mit ihm an den aufgebauten Scheiben entlang, übte die Schüsse zur Seite, über Atrejus Kopf hinweg und nach hinten über ihre Schulter.
Es dauerte eine Weile, bis sie so mit Atrejus harmonierte, dass ihr Unterkörper sich jeder seiner Bewegungen an passte, während ihr Oberkörper vollkommen andere Bewegungen ausführte. Ebenso merkte sie schnell, dass nur ein kleiner Unterschied im Galopp einen riesen Unterschied für den Schuss ausmachte. Sie begann mehr zu fühlen und zu spüren, auszugleichen und sich an ihr Pferd anzupassen. Das wiederum hatte aber die Konsequenz, dass sie noch mehr auf seinem Rücken saß als je zuvor. Und das wiederum führte zu ziemlich wenig Schlaf.
Mehr als nur eine Nacht lag sie nämlich wach, weil der Muskelkater so schlimm war, dass sie sich nur herum wälzte vor Schmerzen. Schmerzen an Stellen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie Schmerzen konnten.
Sie hatte mittlerweile das Gefühl den Daumenring gar nicht mehr abzunehmen. Und tatsächlich war sie damit schon mehrfach eingeschlafen. Irgendwann war er beinahe Teil ihres Körpers geworden.






Sie trainierte jede freie Minute und wieder einmal verbiss sie sich so sehr in ihre Aufgabe, in das Erreichen des Zieles, dass sie darüber beinahe einen großen Fehler machte.
Als sie an einem Morgen recht früh zu der kleinen Koppel kam, die provisorisch an ihrem Lagerplatz errichtet worden war, legte sich auf einmal eine Hand auf Ihre, bevor sie nach den Zügeln greifen konnte.
“Nicht heute. Du machst ein paar Tage Pause.”, sprach Fergus Stimme recht ruhig aber ernst hinter ihrem Rücken.
“Ich brauche aber keine Pause.”, sie wollte eben schon zu einer recht langen Erklärung ansetzen, warum er sie unbedingt aufs Pferd lassen sollte, als Fergus sie doch recht deutlich unterbrach und ihre Hand mit Gewalt zur Seite zog.
DU vielleicht nicht. Aber dein Pferd verdammt nochmal. Siehst du eigentlich was du mit deinem übertriebenem Ehrgeiz anrichtest? Ich habe nichts dagegen wenn du dich an deine Grenzen bringst, das weißt du genau. Aber nicht so. Nicht auf die Kosten von anderen.”, mit jenen Worten hatte er nur knapp auf Atrejus Bein gedeutet und sie war blass geworden. Es war nur eine leichte Schwellung am Sprunggelenk, aber sie war zu erkennen. Wie hatte ihr das nur entgehen können?>>



An jenem Morgen hatte sie etwas gelernt, dass vielleicht deutlich mehr wert war, als all die Erfahrungen der vorhergehenden Wochen.
Dass sie ihren Ehrgeiz manchmal dringend zügeln musste, damit nicht andere darunter litten. Auch wenn er ihr heute noch oft im Weg stand, war Atrejus Verletzung damals der Ruck gewesen, denn sie gebraucht hatte. Ein Geräusch von der Seite riss sie in jenem Moment aus ihren Gedanken. Ihre Schultern spannten sich ein wenig an, als sie von Weitem die Reitechse ausmachen konnte, die nun auf sie zukam.
Sie konnte es gar nicht mehr erwarten zu beginnen.


Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 02 Okt 2021 17:48, insgesamt einmal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 30 Jul 2021 22:26    Titel:
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Ihre Augen glitten erst einmal nur zu der Reitechse an KalOshras Seite, bevor ihre Augen ihn einen Augenblick musterten. Wie immer war er wirklich eine regelrechte Erscheinung und sie schaffte es ihm immerhin einigermaßen ruhig entgegen zu treten. Der schnarrende Laut des Tieres war ihr nicht unbekannt, dennoch mustert sie es lieber aus sicherer Entfernung, als sich ihm zu nähern. Sie konnte kaum erwarten zu sehen, wie es aussah, wenn der Rashar von diesem Tier aus schießen würde.
Seinen Bogen hatte er noch an der Seite seiner Echse befestigt, aber zu ihrer großen Überraschung trug er seinen Köcher ebenso nicht auf dem Rücken, sondern an seiner Seite.



<<”Was ist los? Fergus sagt du hast mich gesucht?”, sie ließ sich neben Janosch auf den Boden sinken. Er saß etwas abseits vom Feuer im Schatten, den Kopf an einen Baumstamm gelehnt und im Mundwinkel seine Pfeife.
Sie mochte den Geruch.
So genau wusste sie nicht, woher er seinen Tabak bekam, aber er roch anders als alle die sie bisher kannte.

Sachte lehnte sie sich an seine Seite und ließ ihren Blick zum Feuer hinüber gleiten.
Es war ein schöner Abend.
Seit Tagen war es relativ ruhig und man spürte, dass die Anspannung aller nach dem letzten Angriff nachgelassen hatte. Jeder wusste, dass es wohl nur die Ruhe vor dem Sturm war, aber sie alle hatten ohne ein Wort beschlossen, diese Ruhe in jeder einzelnen Sekunde zu genießen.
Ab und an hörte man leises Lachen, die Gesprächsfetzen drangen zwar an ihr Ohr, aber sie war weit genug entfernt um keine Inhalte zu verstehen.

Schweigend reichte ihr Janosch einen Gegenstand zur Seite und ihr Blick glitt kurz zu seinem Gesicht, das immer noch mit einem leichten Grinsen gen Feuer blickte, zurück zu dem ledernen Köcher in ihrem Schoß. “Probier es mal damit, wenn du zu Pferd schießt.”, meinte er dann nur und zog wieder an seiner Pfeife.
Langsam drehte sie den Köcher zwischen den Händen und musterte ihn etwas genauer. Er schien ihr etwas kürzer, als ihr alter Köcher, aber was ihr sofort auffiel, waren die Riemen. Er war auf jeden Fall nicht für den Rücken gedacht.
Als sie genauer hinsah erkannte sie verschiedene Kammern. Er war mit festem Leder unterteilt, was ihn sicher etwas schwerer machen würde, aber so würden sich die Pfeile auch nicht so schnell verheddern und sie konnte sie nach Machart trennen. Keine Verzierungen, einfaches Leder, aber dennoch musste sie Lächeln. “Danke. Der sieht wirklich gut aus. Nur wo soll ich den tragen?”, fragte sie dann zur Seite.
“An der Hüfte. Du wirst sehen, dass wird dir auf dem Pferd entgegen kommen. Mit dem einen Riemen kannst du ihn sogar noch am Oberschenkel fixieren. Ich bin gespannt was du dazu sagst.”, meint er immer noch mit einem Schmunzeln auf den Lippen, dann legte sich sein Arm um ihre Schultern und er zog sie an seine Seite.

Und für einen Augenblick war ihre Welt in Ordnung. Hier an Janosch Seite, die Wärme die von seiner Umarmung ausging und der sachte Geruch nach Tabak, der ihr einfach so vertraut geworden war.
Für einen Augenblick war einfach alles richtig.>>



Seltsamerweise hatte sie sich so sehr an das Tragen des Köchers an der Hüfte gewöhnt, dass sie es meistens beibehielt. Janosch Köcher hatte ihr zwar gute Dienste geleistet, aber nachdem sie ihn kaum mehr reparieren konnte, hatte sie sich sowohl für die Legion, als auch für sich selbst einen neuen anfertigen lassen.
In den letzten Monaten war es ihr nicht aufgefallen, dass diese Tragart hier in diesem Land verbreitet war, umso überraschter nahm sie es bei dem Rashar wahr.

Da sie noch nie auf einer Reitechse geritten war, hatte sie keine Ahnung wie sich das anfühlte. Aber KalOshra teilte ihr auch direkt mit, dass er das ShriRak auch ohne seine Hände, in seinem Fall ohne seine Pranken reiten konnte. Dass er treffen konnte, bezweifelte sie ohnehin nicht.
Bevor sie allerdings mit den Übungen begonnen hatten, teilte sie ihm noch mit, dass sie mit der linken Hand schoß. Das würde wahrscheinlich einiges an Umdenken erfordern, wenn sie etwas zeigte, aber es schien den Rashar in keinster Weise zu stören. Eine Weile sprachen sie über die Bögen, über die Übungen die sie damals gemacht hatte.
Noch im Stehen zog sie den ersten Pfeil und führte ihm kurz ihre Technik vor. Bogen zwischen dem Handballen und dem kleinen Finger, aufnocken mit Daumen und Zeigefinger und dann zeigte sie ihm ebenso kurz ihren Daumenring, erklärte ihm warum sie ihn trug, warum sie so schoss. Weniger Druck auf den Fingern, schnelles Nachgreifen, Stabilisierung des Pfeiles durch den Zeigefinger.
Sein Blick war mehr als interessiert als er ihren Ausführungen folgte und seine Bemerkungen zeigten nur, dass er ihr nicht nur folgen konnte, sondern genau verstand worum es ihr ging.

Sie sprachen eine Weile darüber, wie man den Schuß anpassen musste, da der Gegner im Ritt vorbei zog, dass der Schuss seitwärts deutlich einfacher war als über den Kopf des Tieres oder über die Schulter.
Und dann zeigte er ihr, wie er auf der Echse versuchte zu schießen. Ihr fiel sofort auf, dass es deutlich schwerer sein musste, denn die Echse bewegte sich nicht in einem flachen Galopp wie Cassian, sondern hüpfte! Sie konnte sehen, dass er noch nicht lange ohne seine Hände ritt, aber dennoch saß er sicher auf dem Tier und konnte es ohne Probleme mit einem leichten Druck der Beine antreiben.
Die Echse bewegte sich nicht sonderlich schnell, man konnte erkennen wie er sich ihren Bewegungen anpasste. In der ersten Runde ritt er nur, in der zweiten zog er seinen Bogen, der deutlich größer war als der Ihre und behielt ihn aber auf der linken Seite. Auf ihren Zuruf die Seite zu wechseln, reagierte er sofort und überraschenderweise brauchte es einen ziemlichen Radius für das Tier um zu wenden und sie konnte förmlich sehen wie er sich dagegen lehnen musste.
Etwas angespannt verfolgte sie seine Bewegungen als er einen Pfeil zog und schoss.
Ihr Ruf zu lösen während die Echse die Beine in der Luft hatte, schien zwar anzukommen, dennoch ging der erste Schuss daneben weil die Beine bereits wieder auf dem Boden waren. Nach ein paar weiteren Schüssen, hielt er wieder an und sie tauschten die Rollen. Cassian blieb trotz der Echse in seiner Nähe ruhig und es war für sie keine große Anstrengung ins Galopp überzugehen, den Pfeil anzulegen und zu schießen. Allein ihr Oberkörper bewegte sich für jeden einzelnen Schuss während sich ihre Oberschenkel anspannten. Ihr Arm gab die Richtung vor, als sie den nächsten Pfeil zog und schoss. Dann wechselte auch sie einmal die Seite. Der Schuss über den Hals gelang ihr nicht so gut, aber sie wusste, dass sie genau das noch üben musste.





Als sie wieder mit Cassian vor ihm stand, tauschten sie sich noch eine Weile aus, sprachen noch über die Rashar und ein paar seiner Worte rief sie sich sehr sorgfältig ins Gedächtnis.
“Erst das Wissen, dann die Disziplin, dann die Stärke. Ahamanis Flammen leuchten den Weg. Das Akun folgt und schafft neues PhraNuk.”
Er ließ sie allerdings mit vielen Fragen zurück als er sie statt sich zu erklären noch einmal aufforderte, erneut ihre Schusstechnik zu zeigen.
Dieses Mal fragte er auch genauer nach dem Ring, ließ sich noch einmal erklären warum sie ihn benutzte und wie. Sie zeigte und erkärte ihm noch einmal, dass sie durch die angewinkelten Finger die Sehne deutlich besser hielt und sie dann über das Horn des Ringes gleiten konnte. Er hingegen revangierte sich mit einer kurzen Erklärung zu seinem Knochenschutz am Arm, bevor sie sich an diesem Abend trennten.

In jener Nacht lag sie noch lange wach und dachte über den Abend nach, rief sich das Gespräch noch einmal in Erinnerung. Sie würden sich wohl irgendwann wiedersehen und sich erneut austauschen und sie hoffe sehr, dass es noch weitere Treffen geben würde. Wie so oft hatten einige Aussagen, einige Worte ihre Neugierde geweckt.
Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie gerne einige Antworten bekommen würde.
Irgendwann.


Zuletzt bearbeitet von Jynela Dhara am 02 Okt 2021 11:53, insgesamt einmal bearbeitet
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 07 Sep 2021 13:34    Titel:
Antworten mit Zitat

Langsam zog sie die Türe der Kommandantur hinter sich zu und atmete tief durch.
Es war noch nicht wirklich dunkel, aber lange würde es nicht mehr dauern und sie ging einfach los gen Hafen.
Am Steg angekommen setzte sie sich hin und blickte aufs Meer hinaus. Es war ein recht ruhiger Abend. Viel zu ruhig für das Chaos, das sie selbst gerade spürte. Noch immer war er Moment beinahe unwirklich, als sie den Brief des Senators in Händen gehabt hatte. Für jemanden wie sie war diese Möglichkeit die sich bot beinahe ein Wunder. Und so absurd es war, aber tief in ihrem Inneren fühlte es sich beinahe so an als hätte sie durch das Erreichen dieser Ausbildung ihren Eltern etwas zurückgeben können, was jene vor langer Zeit verloren hatten.
Natürlich spielte es keine Rolle, weil beide nicht mehr am Leben waren.
Natürlich erinnerte sie sich nicht daran, wie es damals für sie gewesen sein musste den Sohn, den angehenden Schützen der Garde zu verlieren.
Sie war noch ein Kind gewesen als sie ihre Familie verloren hatte, als Tom gestorben war, als ihr Vater und die Mutter folgten und auf einmal ihr Leben zerrissen war.
Aber dennoch kamen diese Gefühle auf.
”Das Beste liegt noch vor dir.”, hatte Mert damals gesagt. Und er hatte Recht behalten.

Am heutigen Abend war sie in der Kommandantur gewesen.
Das Gespräch mit Aresh war eine Herausforderung, mit der sie so nicht gerechnet hatte.
Nach Lingor wollte sie, dass er der Erste war, der von ihrer Aufnahme zur Schülerin der Scharfschützen erfahren würde. Denn er war auch derjenige, der sie von Anfang an bestärkt hatte, diesen Weg zu gehen. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war das, was nach ihren guten Nachrichten folgte.
Als er ihr von dem Auftrag erzählte, konnte sie nicht zögern. Natürlich kamen ihr sofort einige Gedanken in den Sinn, Sorgen, kurze Zweifel. Aber dennoch wusste sie, dass sich auch dieses Mal eine Chance bot, zu der sie nicht Nein sagen konnte. In den nächsten Monaten und Jahren würde sich ihr Leben um die Ausbildung drehen.
Der Auftrag in Weidenheim würde eine letzte große Erfahrung werden, die sie mitnehmen konnte. Von der sie hoffentlich profitieren würde.

Ihre Augen glitten eine Weile über die Wellen bis hin zu den Schiffen, die im Hafen vor Anker lagen. Sie genoss die Stimmung am Hafen in Rahal jedes Mal wieder, aber irgendwann konnte sie es nicht mehr aufschieben. Sie würde wohl Lingor mitteilen müssen, dass sie schon in den nächsten Tagen abreisen würde.
Sie hasste Abschiede.
Aber ein Befehl war am Ende nun einmal Befehl und vielleicht musste sie nicht unbedingt erwähnen, dass sie kaum gezögert hatte ihn auch durchzuführen. Dieses Mal würde sie es richtig machen.




<<Beinahe eisern war der Griff an ihrem Arm und sie schloss ein wenig gequält die Augen. Wie hatte sie auch nur denken können, dass er sie sich einfach so davon schleichen konnte.
“Das ist hoffentlich nicht dein Ernst, Jyn.”, seine Stimme war seltsam rau als er sie mit einem Ruck zu sich zog. Sie landete an seiner Brust und konnte direkt die Wärme spüren, die er ausstrahlte, den Herzschlag. Aber ihr Ärger war noch zu groß, als dass sie nachgegeben hätte und so stemmte sie mehr oder minder beherzt die Hände gegen seine Brust um ihn wegzuschieben.

Das Problem war nur, dass er keine Anstalten machte das auch zuzulassen.

Selbst in der Dunkelheit konnte sie erkennen, dass er ernst zu ihr hinab sah.

“Du weißt wie sehr ich Abschiede hasse. Und immerhin war das deine glorreiche Idee gewesen mich zu schicken. Noch dazu mit Finn. Finn! Er kann mich nicht leiden und ich ihn ebenso wenig. Noch dazu brauche ich ihn nicht.”, es ärgerte sie ein wenig, dass man den Trotz in ihrer Stimme so deutlich hören konnte.

Sie standen mitten im Wald zwischen den Bäumen und als er nach ihr gegriffen hatte war ihr Bündel zu Boden geglitten.
Fergus Stimme war gefährlich ruhig als er zu sprechen begann: “Es ist mir scheißegal ob ihr euch mögt oder nicht. Du hast diesen Auftrag bekommen. Einen Befehl von deinem Hauptmann und ich habe dir Finn zugeteilt, also erklär mir was mich davon abhalten sollte dir hier und jetzt den Hintern dafür zu versohlen, dass du mitten in der Nacht einfach alleine abhauen willst?”
Leise zog sie die Luft durch die Nase ein.
Überlegte kurz und hätte beinahe geflucht, weil ihr verdammt nochmal keine wirklich guten Argumente einfallen wollten.
“Man sollte mit jemandem unterwegs sein, dem man vertrauen kann. Es geht hier immerhin um einige Tage die wir unterwegs sind.”, versuchte sie es dann wenigstens.

Und wie immer brachte er es mit seiner beinahe grausamen Offenheit direkt auf den Punkt und nahm ihr damit auch den letzten Wind aus den Segeln.
“Komm mir nicht mit so einer Scheiße. Du vertraust ihm sehr wohl, auch wenn du ihn vielleicht nicht so leiden kannst wie die anderen. Dich stört nur die Tatsache, dass er dich zu Beginn nicht voll genommen hat. Das nennt man verletzte Eitelkeit, Jyn. Wann zum Teufel lernst du, dass sowas hier nichts zu suchen hat?!”
Gerade noch hatte sie ihr Kinn leicht trotzig erhoben gehabt und ihre Augen ihn angefunkelt, sie spürte allerdings schon, dass sie in ihrer Haltung nachgab.

Weil dieser Dreckskerl wieder einmal recht hatte.

Sie mochte Finn nur nicht, weil sie ihn damals belauscht hatte. Weil sie wusste, was er damals von ihr gedacht hatte, sie für ein Kind gehalten hatte, das zu nichts fähig war.
Nach einem weiteren Atemzug hob sich ihr Blick und es kostete sie einige an Kraft und an Überwindung ihn anzusehen: “Gut. Ich breche mit ihm auf.”
Mehr konnte sie beim besten Willen nicht hervorbringen. Es musste ihm genügen als Eingeständnis.
“Gut. Dann muss ich dir doch nicht den Hintern versohlen. Schade.”, und als sie ihn lachen hörte als er sie losließ und zu seinem Glück recht schnell zwischen den Bäumen verschwand, bevor sie ihm eine Ohrfeige verpassen konnte, spürte sie einmal mehr, wie sehr Fergus ihr Leben beeinflusste und wie schwer es ihr fiel ihn zu verlassen. Selbst wenn es nur einige Tage waren.”>>




Jetzt war er nicht mehr am Leben, aber dennoch würde sie keinen kurzen und schmerzlosen Abschied bekommen. Denn obwohl sie ihre eine “Familie” zurücklassen musste, hatte sie eine Neue gefunden. Auch dieses Mal konnte sie nicht nur an sich selbst denken. Einfach zu gehen, nur um sich den Abschied zu erleichtern, das konnte sie weder Lingor noch Smula antun.

Also hatte es wenig später einen Abschied gegeben und nun stand sie wieder einmal an der Reling eines Schiffes.
Dieses Mal wusste sie allerdings wohin es fuhr, sie wusste auch wann in etwa sie ankommen würde, was ihre Aufgabe dort war und auch, dass sie in einigen Wochen wieder nach Hause fahren würde.
Aber was noch wichtiger war, sie war kein blinder Passagier, sie hatte für die Überfahrt bezahlt, würde sogar einen Schlafplatz haben und einigermaßen ihre Ruhe.
Das machte die Schiffsreise sogar durchaus angenehm im Vergleich zu ihren vorherigen Erfahrungen.
Am Abend war sie an Deck geblieben und hatte die frische Seeluft tief eingeatmet. Sie konnte einfach an der Reling stehen und den Ausblick genießen, das Gefühl des Windes in ihrem Haar und den salzigen Geschmack auf den Lippen.
Sie genosse jede Sekunde der Überfahrt und das war auch gut so, denn in Weidenheim erwartet sie, zumindest für eine Weile, der Alltag der schwarzen Legion.

Es dauerte tatsächlich einige Tage, bis sie sich an den neuen Tagesablauf gewöhnt hatte. Die schwarze Legion war bekannt dafür, dass sie besonders diszipliniert waren. Mit eiserner Hand wurden die Einheiten geführt und obwohl sie durch ihr Training in der Garde gut mithalten konnte, fehlte ihr doch deutlich das Miteinander, welches sie aus Rahal kannte.
Auch wenn sie schnell einzelne Namen merken konnte, schienen es irgendwann einfach zu viele zu werden.
Sie bemühte sich die Zeit zu nutzen um ihren Auftrag zu erfüllen, aber sie spürte ziemlich schnell, dass es sie wieder in die Heimat zog.

Vielleicht wäre sie noch länger dort geblieben, wenn nicht dieser eine Abend gewesen wäre.

Es dämmerte bereits als auf Befehl einige Einheiten der Legion zu einer Übung in den Wald aufbrachen.
Sie selbst saß ruhig auf ihrem Posten und ihre Augen glitten immer wieder über das Gelände. Natürlich hatten sie vorher ausführlich ihr Vorgehen besprochen. Jetzt ging es nur noch darum die Befehle auch auszuführen und am Ende zu siegen.
Sie hatte sich einen Baum ausgewählt dessen Blätterdach dicht genug war, der aber nicht so einfach zu erklimmen war wie einige in ihrer Umgebung. Sie ging einfach davon aus, dass man einen Schützen eher auf einem einfach zu besteigendem Baum suchen würde.
Auf der Lichtung vor ihr blieb es noch ruhig und sie musste eine Weile warten bis sie auf ihrer eigenen Seite eine Bewegung aus machte.
Zwei Gruppen.
Eine Fahne zu erobern und sie waren diejenigen, die sie verteidigen mussten.
Der Angriff würde also früher oder später kommen und sie und ein weiterer Schütze hatten dabei nur eine Aufgabe, einen Befehl bekommen..

Zwei Magier waren auszuschalten.

Würde ihnen das gelingen, würde die Aufgabe für alle die auf dem Boden zurückgeblieben und in den Nahkampf gehen würden, eine Kleinigkeit werden.
Ihr Atem ging ruhig als sie den Waldrand mit den Augen ab suchte. Dann nahm sie erste Bewegungen klar und kurz blinzelte sie irritiert bevor sie beinahe aufgelacht hatte. Der erste, allerdings präparierte Pfeil, nahm seinen Weg und zwischen den Bäumen am
Waldrand ging einer der Schützen zu Boden, nur einen Wimpernschlag später ein weiterer, der mit einiger Entfernung stand.
Es war kurz so als würde der Wald durchatmen, dann brach der Tumult los.

Und genauso schnell wie es begonnen hatte war es vorbei und als sie sich von dem tiefsten Ast gleiten ließ, wurde sie bereits von den Kameraden aus ihrer Gruppe in Empfang genommen.
Beinahe bekam sie rote Wangen als sie einigen der Blicken begegnete, manche ziemlich deutlich beeindruckt, andere skeptisch und einer der Kameraden den man ihr bereits zu Beginn zugeteilt hatte, Tero, grinste breit.
Viel Zeit zum Feiern blieb ihr nicht, nicht einmal eine halbe Stunde später saß sie vor dem Oberst.
Er hatte sie eine Weile schweigend gemustert und dann nur gefragt: „Das war sicher kein normales Vorgehen. Wie seid ihr auf den Gedanken gekommen auf die Schützen zu schießen?“

Sie zögerte nur kurz und im letzten Moment unterdrückte sie ein Schulterzucken und blieb gerade sitzen. „Kein Schütze geht in einen Kampf mit gesenktem Bogen. Und schon gar nicht hebt er beide Hände nach vorne, was den Bogen komplett nutzlos macht, nur um eine typische Beschwörungshaltung eines Magiers einzunehmen. Ich denke der andere war noch unerfahrener, er hatte noch seinen Stab in der Hand. Die Finte war leicht zu durchschauen.“ Dann fügte sie im letzten Moment noch ein respektvolles „Oberst“ an bevor sie schwieg.
Sie wusste, dass er nicht sonderlich viel von Frauen in der Armee hielt, also wartete sie ab bis er sie anschließend ohne weitere Kommentare entließ.

Am Abend saßen sie noch in einer Taverne zusammen. Der nächste Tag würde ein wenig später beginnen und so konnten sie den Abend immerhin ausklingen lassen.
Sie war ein wenig in Gedanken, auch etwas müde, der Tag war dennoch lange und anstrengend gewesen und so war sie nicht aufmerksam genug um wahrzunehmen, wie es am Tresen der Spelunke unruhig wurde. Erst als Glas splitterte und ein paar Männer brüllten, Tero seufzend aufstand und zum Gehen aufforderte, stand sie ebenso auf.
Sie waren auf dem Weg zum Tor als es erst richtig unruhig wurde und sie auf einmal im Tumult zur Seite gestoßen wurde. Das Gebrüll wurde lauter und deutlich genervt schubste sie einen Besoffenen zur Seite während Tero und ein weiterer Kamerad einen Weg bahnten. Mittlerweile war eine gute Prügelei im Gange und sie hatte wenig Lust sich mit ihrer Größe und Statur zu beteiligen. Als wieder jemand auf sie zu taumelte musste sie geschickt ausweichen und prallte dabei beinahe gegen einen Kerl, der gerade den Arm hochriss.
Irritiert nahm sie im nächsten Moment einen brennenden Schmerz am Bein wahr, sah noch aus dem Augenwinkel wie der Kerl mit einer gesplitterten Flasche auf jemanden losging, als sie auch schon nach draußen gezogen wurde.
Als sich die Wärme an ihrem Bein hinab ausbreitete, schloss sie kurz fluchend die Augen.
Verdammt.
Das Blut floss ziemlich schnell und es ärgerte sie zu sehen, dass ihre Hose an der Stelle gerissen war.
„Scheisse, du blutest!“ hörte sie noch Tero bevor sie beinahe gereizt abwinkte, als er vor ihr in die Knie ging um ihr das Bein wenigstens etwas abzubinden, indem er seinen Gürtel eng oberhalb des Schnittes um ihren Oberschenkel schlang. „Der Drecksack hatte eine Flasche in der Hand.“
Wenig später saß sie beim Heiler. Die Wunde war zum Glück nicht tief, musste aber genäht werden.
Am Ende war die Verletzung der Grund weswegen sie beschloss die Reise zu beenden. Sie hatte alles erledigt, was ihr befohlen worden war und würde einen guten Bericht abliefern können.
Aber vor allem würde zu Hause der Beginn ihrer Ausbildung auf sie warten.
Sie hatte nun lange genug Geduld bewiesen.
Jetzt war Zeit zu beginnen.
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Jynela Dhara





 Beitrag Verfasst am: 22 Okt 2021 13:12    Titel:
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Sie blinzelte ein wenig als sie die Augen aufschlug. Es war tatsächlich ein Sonnenstrahl, der sie geweckt hatte, der durchs Fenster fiel und sie an der Nase kitzelte.
Normalerweise, war sie eher vor dem Sonnenaufgang wach, weswegen sie kurz stutzte.
Langsam wollte sie sich aufrichten, als sich ihre Augen weiteten und sie direkt mit einem leisen Stöhnen wieder ins Bett zurück sank.
JETZT erinnerte sie sich wieder. Jeder verfluchte Muskel in ihrem Körper schmerzte. Schon der gestrige Morgen war ein Grauen gewesen, aber jetzt, zwei Tage nach dem Training mit Aresh, wurde es beinahe noch schlimmer. Seufzend rutschte sie an die Bettkante. Egal wie, sie konnte sich auf jeden Fall nicht noch einmal leisten zu verschlafen. Muskelkater hin oder her.
Als sie vor einigen Tagen den Zettel in ihrem Briefkasten fand, war sie kurz etwas irritiert. Normalerweise schickte ihr Aresh keine Einladung, wenn es um Garde Dinge ging.
Aber sie kannte ihn. Irgendetwas führte er im Schilde und so konnte sie absolut nicht leugnen, dass sie ein seltsames Gefühl in der Magengegend hatte, als sie an jenem Abend gen Übungsplatz marschierte, voll gerüstet.
Aufregung, Vorfreude, aber auch eine gesunde Vorsicht, denn sie hatte mehr als einmal dieses Grinsen in seinen Mundwinkeln gesehen, wenn ihm wieder einmal eine Idee durch den Kopf ging, wie er seine Gardisten “quälen” konnte.
Natürlich musste sie zugeben, dass seine Methoden am Ende immer nicht nur effektiv, sondern meistens auch noch verdammt motivierend waren. Aber er konnte einfach nur schwer verbergen, dass er sehr wohl seinen Spaß daran hatte, sie auch mal schnaufen, schwitzen und leiden zu sehen.
Und beim All Einen, als er auf sie zukam hatte er wieder diesen Zug um die Lippen, der dafür sorgte, dass sie sich wie von selbst anspannte und alarmiert Haltung annahm.

Als sie sich am Ende des Abends schwer atmend auf ihren Oberschenkeln abstütze und ihr Blick erneut über den Parkour glitt, fragte sie sich ernsthaft, wie sie sich hier jemals hatte wohl fühlen können.
Die erste Runde war ein Klacks.
Wie hatte er es genannt? Eine schnelle Runde zum Warmwerden.
Sicher.
Kein Problem.
Sie war beinahe täglich hier, in Rüstung.
Und genauso lief auch die erste Runde. Routiniert, schnell und ohne große Fehler. In all der Zeit hatte sie gelernt wo ihre Stärken lagen: ihr Gleichgewichtssinn, die Balance, das Geschick und auch ihre Geschwindigkeit. Genauso hatte sie aber auch ihre Schwächen immer vor Augen: ihre Körpergröße und die Grenzen ihrer Kraft.
Als sie aber dann nach der ersten Runde wieder am Beginn stand und er ihr die Weste vor die Nase hielt, zog sie leise die Luft ein.
Eine Weste mit Taschen war nichts aussergewöhnliches, sie war regelrecht schön anzusehen, aber nur auf den ersten Blick. Sobald er ihr das Ding in die Hand drückte, ruckte der Arm erst einmal nach unten.
Die Taschen waren gut gefüllt. Sand, kleine Steine. Und in dem Augenblick musste sie sich eingestehen, dass genau das auch ihr Gedanken gewesen war, als sie damals die Ledermanschetten herstellen lassen wollte, um sie dann mit Sand zu füllen und mehr Gewicht für ihre Übungen zu bekommen und ebenso für den Unterricht.

DAS war allerdings noch eine Spur mehr.

Jede einzelne Tasche konnte man füllen, einige waren eindeutig noch leer, das hieß auch, es blieb noch Luft nach oben und Aresh verpasste es nicht, sie darauf auch hinzuweisen.
Schon unter dem Netz hörte sie ihn hinter sich brüllen: “Schneller Trabant! Schneller! Das ist doch keine Bettrolle dich ich euch da gegeben habe!”

Nein das war ein verfluchtes Teufelsding!

Aber am Ende war es dennoch nur Gewicht.
“Schön die Handgelenke festmachen! Der Griff muss eisern sein!
“Jetzt nicht nachlassen! Das Ziel ist nahe!”
“Zupacken! Zupacken!”

Seine Rufe begleiteten sie auch dieses Mal durch den Parkour. Motivierend, antreibend, manchmal regelrecht provozierend, was sie natürlich nur noch mehr anspornte.
Und als sie endlich am Ende angekommen war und ihr der Schweiß langsam über die Schläfen lief, als ihre Muskeln bereits brannten wie Feuer und sie deutlich nach Atem rang, hörte sie ihn wieder.
Eiskalt.
Ohne Gnade.
“Wieder zum Anfang!”

Sie unterdrückte ein Stöhnen. Alles was sie brauchte war eine kurze Pause um Durchzuatmen. Und sie wusste genau, wie sie die bekam. Eine geschickte Frage zum Muskelaufbau und schon bekam sie Zeit zum Durchatmen, während sie seinen Ausführungen lauschte. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Und dann sah sie wieder diesen Ausdruck in seinem Gesicht, das Aufblitzen seiner Augen und wusste sofort: DAS was jetzt kam, würde ihr sicher nicht gefallen.
“Stellt euch einmal vor ihr werdet gefangen genommen. Man verbindet euch die Hände. Und in einem unachtsamen Moment eurer Bewacher, gelingt euch trotzdem die Flucht. Könnte schwierig werden, mit verbundenen Händen zu entkommen, oder?”
In jenem Moment spürte sie dieses unangenehme Gefühl in der Magengegend und keines der Worte die er danach noch sagte, drang so wirklich an ihr Ohr. Ihre Augen folgten nur seinen Bewegungen, als er langsam die Handschellen von seinem Gürtel löste.
Handschellen.
Fesseln.
Es gab wirklich nur wenige Dinge, mit denen sie gar nicht zurecht kam. Und das war aus gutem Grund eines und für einen kurzen Moment wollte sie tatsächlich ablehnen. Für einen Wimpernschlag wollt sie einfach sagen: Ich kann das nicht. Ich WILL das nicht, weil ich das Gefühl nicht mehr ertrage.
Aber schon eine weitere Sekunde später war klar, dass sie dazu nicht fähig war. Ihr Ehrgeiz stand ihr einmal mehr im Weg. Auch wenn sie es nicht unbedingt laut aussprach, aber Aresh war einer der wichtigsten Menschen für sie geworden. Vor ihm hatte sie Respekt. Und egal wie sehr sie sich gerade sträubte, sie wollte irgendwie erreichen, dass er am Ende mit einem zufriedenen Nicken auf sie blicken würde, vielleicht sogar mit etwas Stolz im Blick.
Irgendwann.
Und immerhin waren es keine Fesseln, es waren Handschellen. Ein letzter verzweifelter Versuch die Erinnerungen zu verdrängen und sich einzureden, dass sie das schon durchstehen würde.



<<Die Gittertüre quietschte markerschütternd und sie schaffte es kaum ein Schluchzen zu unterdrücken. In der letzten beiden Nächten hatte sie keinen Schlaf gefunden und ihre Augen brannten. Der Steinboden war hart und kalt und ihre Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt. Sie wusste was nun kommen würde, man hatte es ihr angedroht und sie wusste ebenso, dass man sie so brechen würde. Alles was sie wollten war der Ort wo man ihre Leute finden würde. “Wir sind so stark, wie der Schwächste unter uns. Und im Augenblick ist das Jyn.”
Die Worte hallten durch ihren Kopf als ihr Blick sich auf den Wachmann richtete, der auf sie zuging.
Sie war wirklich nicht stark. Wie auch? Sie war gerade mal 13 oder 14 Jahre alt und kämpfte jeden verfluchten Tag. Gerade war sie einfach nur müde. Müde und verzweifelt. Aber ihr blieb nicht wirklich Zeit dafür, denn der Wachmann löste die Fesseln und zog sie mit. Sie stolperte auf dem Weg ein paar Mal und spürte auf ihren Wangen die Tränen.
In jenem Moment wollte sie es unterdrücken, keine Schwäche zeigen, keine Tränen. Aber es gelang nicht. Und das war wahrscheinlich die größte Demütigung.
Nicht einmal die wollernen Fingerhandschuhe hatten ihre Haut schützen können, bei jeder Bewegung hatten die Fesseln in den letzten beiden Nächten gerieben und jetzt, wo man sie erneut festband, musste sie die Zähne zusammenbeißen.
Sie konnte nicht schon daran scheitern. Das konnte sie weder Fergus antun, noch irgendjemand anderem ihrer Leute.
Der Gedanke half.
Er half immer hin so weit, dass sie nicht bettelte, dass sie die Strafe hinnahm, obwohl ihr jede Farbe aus dem Gesicht gewichen war.
Das Geräusch der Peitsche.
Die Fesseln die in ihre Handgelenke schnürten als sie zusammen zuckte, versuchte zu entkommen.
Und niemals würde sie den Moment vergessen als der Tumult um sie losbrach, als auf einmal der Druck an den Armen nachließ und sie zusammensinken konnte, als Arme nach ihr griffen und sie weggetragen wurde.>>





Die metallenen Fesseln flogen durch die Luft in ihre Richtung. Obwohl sich alles in ihr sträubte, streckte sie die Hände aus und legte die Eisen an.
Noch einmal also.
Mit eingeschränkter Bewegung.
Zusätzliches Gewicht.
Ein tiefer Atemzug und sie lief wieder los, dieses Mal begleitete sie bei jedem Schritt das leise Klirren der Handschellen.
Schnell war sie im Kopf die Hindernisse durchgegangen, hatte sich die Schwierigkeiten vor Augen geführt, die sie durch die Handschellen haben würde.
Am Ende scheiterte sie kurz vor Schluss.
An den Seilen hatte sie nicht mehr genügend Kraft und als sie abrutschte, konnte sie noch hören, wie Aresh leise knurrte.
“Nicht aufgeben! Niemals aufgeben!”, hörte sie ihn noch brüllen als sie gen Boden fiel. Es ärgerte sie maßlos, aber sie knirschte mit den Zähnen vor Wut über sich selbst, als sie sich hoch stemmte.
Und dann richtet sich ihr Blick nach vorne. Aresh sah ihr mit festem Blick in die Augen. Seine Stimme hatte einen seltsamen Ernst. “Nochmal. Nur das letzte Hindernis. Ihr werdet das schaffen. Ihr schafft das! LOS!

Und in dem Moment glaubte sie ihm.

Sie glaubte ihm aufs Wort und setzte sich erneut in Bewegung. Erschöpft, außer Atem und todmüde. Aber sie kletterte erneut auf das Hindernis.
Jeder Griff, jede Bewegung angetrieben durch die lauten Worte des Wachtmeisters.
“Fokussiert euch auf euer Ziel! Kämpfen, Trabant! Ihr könnt das! Ihr müsst es WOLLEN!”
Am Ende taumelte sie auf den Pfosten, rutschte zu Boden.
Ihre Hände zitterten, als sie sich an den Oberschenkeln hoch stemmte. Ihre Lippe blutete noch leicht, sie war aufgeplatzt als sie das eine Mal gegen den Pfosten geknallt war, sie war vollkommen verschwitzt und verdreckt, aber sie stand am Ende des Parcours und hatte durchgehalten.

“Als nächstes dann.. Fußfesseln würde ich sagen.”, kam es dann nur von vorne und wäre da nur ein winziger Rest Kraft gewesen, hätte sie ihn wahrscheinlich in den Dreck befördert. Wachtmeister hin oder her.
Wenn da nicht dieses verfluchte Zucken um seine Mundwinkel gewesen wäre.
Dieser verdammte Mistkerl!
Aber da war keine Kraft mehr und am Ende war sie nur erleichtert als er ihr endlich die Fesseln wieder abnahm, als sie durchatmen konnte und wusste, dass es zumindest für diesen Moment vorbei war.
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