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Lennart Fynn





 Beitrag Verfasst am: 10 Mai 2021 16:45    Titel: Spuren
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Regen floss in Strömen vom Himmel, erschwerte die Sicht und bot einen gefährlichen Schutzwall gegen die anderen Geräusche des Waldes. Nicht, dass es in den Wäldern Gerimors weit gefährlicher war als in anderen Wäldern, aber Lennart verließ sich gern auch auf sein gut ausgebildetes Gehör, das Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden konnte, und unterschätzte nie die Gefahr, die von der Natur ausging, die erbarmungslos sein konnte. Vermeintlich kleine Fehler könnten gravierende Folgen bis zum Tod bedeuten.

Was für andere nur ein zufälliges Waldgeräusch war, ließ in ihm bereits die Alarmglocken läuten, er kannte die Signale der Natur, wenn gefährliche Tiere oder gar Raubtiere in der Nähe waren, wenn Menschen durch die Wälder streiften, und reagierte in der Regel schnell, indem er sich eine gesicherte Position suchte, Ausschau hielt und sich bereit machte - er achtete intuitiv auf die Windrichtung, wusste immer, wo in der Umgebung man sich am besten verstecken konnte. Er war gut darin, sich zu tarnen, unauffällig Spuren zu folgen, er hatte keine Mühe damit, etwas vorzutäuschen oder sich als jemand Anderes auszugeben - es war nicht so, dass es ihm Spaß bereitete zu täuschen, aber er wusste es als Notwendigkeit zu nutzen, um im richtigen Moment doch Informationen zu erlangen oder schlichtweg zu überleben.

Die graue Kapuze ein Stück in die Stirn gezogen ging er in die Hocke, der Blick lag wachsam in die Richtung gerichtet, in die er vor dem Einsetzen des Regens die Spuren des Bären verfolgt hatte. Er wog ab, ob er die Spur weiterverfolgen wollte, und entschloss sich, für heute die Jagd zu beenden. Das Risiko war es nicht wert. Er hatte Verpflichtungen, die wichtiger waren als die Jagd nach wilden Tieren, und dennoch bedeutete eben jene Jagd für ihn seit seiner Jugend jedes Mal wieder eine Herausforderung, Anspannung, Adrenalin - sein Körper war von Kopf bis Fuß bereit für den Überlebenskampf - und die Erleichterung und Freude, wenn ein gefährliches Wildtier erlegt wurde, ließen ihn vergessen. Und zu vergessen gab es Vieles.

Er machte sich also auf den Weg nach Hause - anders als noch in Eisenau hatte er sich hier ein größeres Haus aus Stein zu seinem Zuhause gemacht, es mit Leben gefüllt, indem er sich einrichtete - nicht nur für sich. Er hielt das Kaminfeuer warm, wenn Thyra kam, und wollte, dass sie beide sich wohl fühlten hier.

Es fühlte sich ganz und gar vertraut an, aneinander geschmiegt vor eben jenem Kaminfeuer zu sitzen und sich zu unterhalten, eine wohlige Wärme erfüllte ihn allein schon beim Gedanken daran. Noch lebten sie in getrennten Häusern und übernachteten abwechselnd mal hier, mal da. Beide schätzten ihre Freiheit und ihren Raum und er war sich sicher, dass sie zur rechten Zeit auch in der Hinsicht die richtigen Entscheidungen treffen würden - er musste es nicht wissen, er lebte in einer Mischung aus dem Fokus auf Ziele, die er sich setzte, und dem spontanen Leben, das passierte, das nicht berechenbar war. Diese Mischung ließ ihn Ruhe finden in sich. Thyra und er waren sich in der Hinsicht sehr ähnlich, während sie in anderen Dingen gegensätzlich waren, was das Zusammensein nur umso spannender für ihn machte, und manchmal herausfordernd.

In Anbetracht seines eigenen Freiheitswunsches war es eine Entscheidung von großer Tragweite gewesen, einen Brief an die Bruderschaft zu entsenden und Interesse an der Ausbildung zum Scharfschützen zu bekunden, bedeutete es doch, dass ein Stück der Freiheit zugunsten der Verantwortungsübernahme für das Reich aufgegeben wurde - dennoch sagte ihm etwas in ihm, dass er bereit dazu war. So wie er eines Abends die Entscheidung getroffen hatte, nach Gerimor zu kommen und dem Reich hier zu dienen, so hatte er nun diese Entscheidung getroffen und fühlte sich bereit für was auch immer folgen würde.

Durchnässt vom Regen erreichte er schließlich die warme Hütte in Grenzwarth, der Umhang mitsamt Kapuze wurden vor dem Haus abgestreift, ausgeschüttelt, die Schuhe an der Tür im Inneren gelassen, ehe er sich trockene Kleider anzog und sich am Kaminfeuer wärmte. Diese Jagd war nicht von großen Erfolgen gekrönt, doch das war weniger wichtig als der Respekt vor seinem eigenen Leben. Er würde dem All-Einen, dem Reich und sich selbst nicht dienen, wenn er verletzt, an Tollwut erkrankt oder anderweitig außer Gefecht gesetzt wäre.

In zwei Stunden begann sein Dienst, den er heute in Rahal antrat. Davor wollte er noch einen Brief schreiben an seine Eltern. Immer wieder dachte er an die Zeit zurück, an den plötzlichen Abschied. Er wusste, dass es für seine Mutter schwierig gewesen war, den einzigen Sohn an die Ferne zu verlieren. Doch sie hatte seine Entscheidung respektiert.

Tinte und Feder wurden vorbereitet sowie ein Pergament. Der Brief abgesetzt mit Worten an beide Eltern aus der Ferne. Dieser in einen wetterfesten, verschließbaren Lederbeutel eingerollt, die Nachricht einem Boten der Legion überreicht, der ihn in den nächsten Tagen mit zahlreichen anderen Depeschen und Briefen in Richtung Festland bringen würde. Die Antwort würde ihn vermutlich erst in ein paar Monden erreichen, so abgelegen Eisenau selbst und das Dorf seiner Kindheit doch waren.

Bis dahin hätte sich wohl Einiges wieder verändert.

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Lennart Fynn





 Beitrag Verfasst am: 23 Jun 2021 03:12    Titel:
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Der Regen prasselte auf das Dach der Hütte, hinterließ eine an sich beruhigende Geräuschkulisse im Inneren, übertönt allein vom tiefen Donnergrollen, das sich aus der Ferne ankündigte. Es war eine kühle Nacht, Holzscheite waren im Kamin gestapelt und entzündet, ein Fell und eine Decke vor dem Kaminfeuer ausgebreitet, feine Rauchschwaden stiegen vom Kräutertee empor, den er mit eigenem Honig angereichert hatte. Der Blick aus dunkelbraunen Augen lag leer auf den Flammen, als wäre sein Geist weit weg an einem anderen Ort. Es fühlte sich an, als hätten seine Eingeweide sich über die letzten Tage mehr und mehr zusammengezogen, als lägen Steine in seinem Bauch, als würden Nebelschlieren seinen Verstand betäuben und ihm die jegliche klare Sicht nehmen und ihn gefangen halten in seinem eigenen Kopf. Dumpf fühlten sich die letzten Tage an, sie zogen an ihm vorüber als wäre er nur ein Zuschauer in einem Theaterstück, und doch steuerte sein Verstand seinen Körper, seine Bewegungen, trieb ihn durch die vom Regen nassen Wälder, die zwar im Frühlingsgrün erblühten, doch nahm er selbst diese intensiven, lebendigen Farbtöne nur wahr, als wären sie von einem schweren, grauen Schleier bedeckt, den er nicht überwinden konnte. Er versuchte ihn zu durchbrechen, doch der Schleier bewegte sich mit, wohin auch immer er ging.

Er sprintete durch den Wald, schwang sich über umgefallene Bäume, drang durch das Dickicht, das Pochen in seinem Brustkorb drang bis in seine Ohren hinauf, er spürte den Druck des Blutes, das durch seine Halsadern floss und leichten Schmerz an seinen Schläfen verursachte - stärker noch nahm er all das wahr, als er zwischen den Bäumen hindurch ein Rudel Wölfe sah, angeführt von einem dunkelgrauen, kräftigen Wolf mit eisblauen Augen, die gefährlich blitzten. Lennart spürte, dass dieser Wolf ein Jäger war, wie er selbst. Das Rudel bewegte sich in sicherem Abstand mit ihm mit, etwas in ihm trieb ihn, auf das Rudel zuzulaufen, sich in einen wilden Kampf mit den Wölfen zu begeben, sein Jagdmesser in die Leiber zu rammen, bis Blut floss und Fleisch von den Knochen gerissen wurde - zu sehen, wer der Stärkere war, wer überleben würde. Wer sterben würde. Würde er den Tod spüren? Wie würde sich das wohl anfühlen… war es kalt, dumpf… dumpfer noch als der Zustand, der ihn nun schon einen Wochenlauf begleitete?

Ein starker, präsenter Gedanke durchdrang die Bilder und er stand still. Was machst du da? Seine eigene Stimme klang durch die dichten Nebelwände, die ihn einhüllten. Er erschrak, als er bemerkte, dass er sich dem Rudel tatsächlich angenähert hatte, wie der Leitwolf und die anderen begannen, ihn zu umzingeln und in die Enge zu treiben - er kannte diese Taktik, hatten er und Thyra sie doch hunderte Male angewandt, wenn sie sich auf der Jagd befanden. Kurz klärten sich die Schleier vor seinen Augen, er musste zurück zu ihr. Er konnte nicht einfach ohne Weiteres im Wald verschwinden, nicht mehr als Futter für die Wölfe. Was fiel ihm überhaupt ein, sich in so eine Situation zu bringen?! Was war in ihn gefahren!?!

Der pure Überlebensinstinkt durchbrach jedes innere Hemmnis und entfesselte die Kraft und Klarheit, die notwendig war in dieser lebensbedrohlichen Situation. Einer der Wölfe war ihm zu nahe gekommen; Lennart versuchte sich an einem Ast hochzuziehen, als jener Wolf auf ihn zustürmte, zu springen drohte - blitzschnell zückte er sein Jagdmesser, beugte sich nach unten und versuchte es, dem Wolf in den Kopf zu bohren, während das Maul des wilden Tieres sich seinem Gesicht nähert - reflexartig hob er seine linke Hand vor sich, das Gebiss des Wolfes wollte Gewebe, Fleisch und Knochen zermalmen, setzte bereits an und drang durch die Gewebeschichten bis zum Fleisch, als die Spitze des Messers den Hirnstamm des Tieres erreichte und zu einem sofortigen Erschlaffen der gesamten Muskulatur des Wolfes führte, er fiel zu Boden, Lennart zog sich mit aller Gewalt den Ast hoch trotz pulsierender Schmerzen in seiner Hand, die er für einige Augenblicke instinktiv ausschaltete.

Fluchend kletterte er in sichere Höhe, blickte mit zornerfüllten Augen zu den wilden Wölfen hinunter, die sich um den Baum versammelt hatten, und mit zunehmender Besorgnis auf seine verletzte Hand, seine Zähne bissen sich zusammen; er nahm seinen Flachmann zur Hand und goss etwas von dem kostbaren Schnaps, den er von Lingor erworben hatte, über die verletzten Stellen und verband sie mit abgerissen Stücken seines Umhangs.

Er warf Äste nach unten, versuchte einen Pfeil auf den Leitwolf abzuschießen, was nur unter starken, stechenden Schmerzen möglich war, doch es gelang. Nachdem der zweite Pfeil den Leitwolf streifte, begann das Rudel sich in sichere Entfernung zu begeben - es wartete dort noch eine Weile, ehe die Wölfe schließlich aus dem Blickfeld Lennarts verschwanden.

Ein leichtes Zittern in seinem Inneren begleitete ihn auf der Rückkehr in seine Hütte, eine Weile blieb der Verstand noch klar, doch konnte er sich nicht erklären, weshalb er sich in eine solche Situation gebracht hatte…

Seitlich liegend, in die Flammen blickend am Abend desselben Tages wurden die Augen zunehmend schwerer…


Er war wieder ein kleiner Junge… blitzschnell rannte er in die Wälder, einer der älteren Jungs verfolgte ihn mit einem breiten Holzstock in der Hand, nachdem er ihm mit einer Steinschleuder Dreck ins Gesicht geschossen hatte. Über Stock und Stein rannte er, watete durch einen breiten Bach, wand sich durch Buschwerk und irgendwann war der ältere Junge nicht mehr zu sehen. Er kletterte auf einen Baum, hangelte sich von Ast zu Ast hoch, als wäre er nur dazu geboren. Der Brustkorb hob und senkte sich schnell, es pochte wild in seiner Brust, das Gesicht war rot, er musste grinsen, als er Roman sah, der berüchtigt war für seine Wutanfälle und der schon so manchen verprügelt hatte…

Ein Krächzen war zu hören, das er nicht ausmachen konnte, kurz war er abgelenkt, ehe er wieder Ausschau hielt nach dem kräftigen Jungen. Er wusste, dass er schneller war als Roman. Er wusste, dass keiner die Wälder um Steinhall besser kannte als er, jeden Weg hatte er schon mindestens einmal genommen in der gesamten Umgebung des Dorfes, bald jeden Stein hatte er schon umgedreht auf der Suche nach Pilzen, besonderen Kräutern, gar Münzen oder Juwelen, von denen im Bergarbeiterdorf oft die Rede war. Er wollte sich einen Bogen kaufen, Pfeile, und damit auf die Jagd gehen mit Harrick…



Das Krächzen holte ihn aus seinen Gedanken zurück in die Gegenwart, schwarze Flügel breiteten sich aus, er starrte dem Vogel nach, der sich zeitlupenhaft über ihn in die Höhe schwang. Das schwarze Gefieder reflektierte einige Sonnenstrahlen, er kniff die Augen zusammen… und sah, wie die Flügel… das Gefieder… der Körper des Vogels sich auflösten, wie schwarzer Regen auf ihn niederprasselte, doch war es kein Regen… es fühlte sich an, als würde kaltes, flüssiges Metall auf ihn niederregnen, wie ein zentnerschwerer Mantel legte der Regen sich über ihn und zerrte ihn vom Ast, ließ ihn wie ein bewegungsloser Klumpen fallen… es schienen Minuten zu vergehen, Bilder spulten vor seinem inneren Auge ab, Bilder seiner liebenden Mutter, die ihre Arme um ihn legte und über seinen Rücken streichelte, nachdem er als kleiner Junge gestürzt war, Streit zwischen seinen Eltern, der eskalierte und in Handgreiflichkeiten ausartete, eine aufgeplatzte Platzwunde an der Schläfe seiner Mutter, seine eigene Hand, die sich ballte, um seinem Vater in den Bauch zu schlagen - doch die Wucht des Jungen vermochte gegen die Kraft des Bergarbeiters nichts auszurichten und so flog er quer durch den Raum, prallte gegen die Wand des Hauses und spürte jeden Knochen in seinem Körper für Tage lang schmerzen… ein Ausflug mit seinem Vater zu einem Wasserfall, wie er ihn das Schwimmen lehrte, wie sie jagten und grillten, Wolfsgeheul imitierten und laut und wild lachten, als gäbe es nichts auf der Welt, das ihnen je eine Gefahr sein könnte… Harrick, wie er ihn das Bogenschießen lehrte, wie er ihm seinen Arm um die Schulter legte und ihm die Welten erklärte, die sich mit den Jahren erst auftun würden…

Dann… folgte ein schmerzhafter, erschütternder Aufprall auf dem kalten, harten Boden, ehe Dunkelheit ihn umhüllte, Kälte, Gefühllosigkeit, Nichts.


Er schreckte hoch, blinzelte die Gedanken und Bilder fort, schweißgebadet, sein Brustkorb drohte zu zerbersten, als er nach Atem rang, seine verletzte Hand pochte vor Schmerz, der Verband war wieder stärker von Blut getränkt. Schnell schloss er seine Augen und konzentrierte sich auf seine Atemzüge, während er dem Knistern des Feuers lauschte, das Pulsieren des Schmerzes in seiner Hand wahrnahm, der langsam abnahm, ein dumpfes Donnergrollen in weiter Ferne wahrnahm. In all der Angst, die ihn innerlich erfasst hatte, realisierte er wie alles für einen Moment klar wurde, klarer noch als sonst… als hätten sich Schleier gehoben und ihm würde ein Ausblick auf etwas gewährt, das er nicht kannte, von dem er bislang nicht einmal gewusst hatte, dass es existierte. Sein Blick wanderte durch den Raum, erfasste für Minuten zur Gänze, was ihn umgab, was ihn umtrieb, ehe auch diese Klarheit sich wie Rauchschwaden auflöste und er in einen tiefen, traumlosen Schlaf versank.
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Lennart Fynn





 Beitrag Verfasst am: 30 Jun 2021 18:04    Titel:
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Nacht für Nacht holten die Träume ihn ein, rissen ihn aus einem Schlaf, der ohnehin wenig Erholung bot wegen seiner beeinträchtigten Beweglichkeit - immer wieder durchzuckte ihn ein Schmerz aus der linken Hand. Die Heilung ging trotz der anfänglichen Fieberschübe zügig von statten, Schicht um Schicht wuchsen Fleisch und Haut nach, schlossen die Wunde von unten herauf - Arrigal hatte beide Wunden fein gesäubert, hatte die Größere, Tiefere genäht, mehrmals versorgt, sodass auch mit der Zeit einfache Bewegungen der Hand wieder möglich waren, ohne dass die Wunde von Neuem aufriss. Die Bewegung in den Fingern war dennoch eingeschränkt, es fühlte sich nicht mehr an wie zuvor - auch nach mehr als einer Woche nicht, was ihn beunruhigte und die Furcht in ihm schürte... Er hatte den Gedanken noch nicht aufgegeben, dass alles wieder so werden würde, wie es vor der Verletzung war.

Alles wieder so werden, wie es war… seine Gedanken kreisten um die Geschehnisse der letzten Tage… Blicke, die Sorge und Angst in sich trugen, Angst um ihn… er konnte sie nachvollziehen, wusste er doch in den klaren Momenten ganz deutlich, wie neben sich er teilweise stand… etwas in ihm schien sich zu wehren, aufzubegehren gegen eine Veränderung, die ihm unausweichlich schien… und von der er nicht wusste, was sie bedeutete. Jener Teil war es auch, der ihn seine Träume als reinen Zufall abtun ließ und ihn daran hindern wollte, tiefer nachzuforschen, einem Impuls zu folgen, der in ihm pulsierte, stärker werdend, als gäbe es ohnehin kein Zurück. Er spürte, wie er sich einer Engstelle in diesem Fluss seines Lebens näherte, die ihn in tiefe Furcht versetzte, der er aber nicht entweichen konnte und hinter der ihn vielleicht etwas erwartete, von dem er noch gar nicht ahnte, dass es existierte… oder waren das nur Gedanken, die er sich einredete, um die Bedrohung herunterzuspielen - und eigentlich befand er sich auf dem Weg in den Abgrund? Eher nicht…

Die Gespräche der letzten Tage wirkten nach, klärend das Gespräch mit dem Vicarius, hoffnungsvoll und sie in tiefer Zuneigung verbindend die vielen Stunden, die er mit Thyra verbrachte, in einer stärker werdenden Offenheit, wenn es ihn auch noch immer ängstigte, sich ihr zu offenbaren in dieser Zeit der körperlichen Schwäche und der Verwirrung… Aresh… Er konnte nachvollziehen, wie er reagiert hatte, und doch war er enttäuscht… Gedanken für einen anderen Tag… aber vielleicht wuchs aus der Offenheit, die sie sich entgegenbrachten, eine stärkere Pflanze der Freundschaft, die weiteren Widrigkeiten standhielt.

Und zwischen all dem… die Stunden der Einsamkeit… mit seinen Gedanken, mit seinen Träumen…


Ein kräftiger, kalter Windstoss riss ihm nahezu die Fellkapuze vom Kopf, er lehnte sich mit verzerrtem Gesicht dagegen und ließ sich nicht beirren von den Böen, die ihnen entgegenschnellten, seit sie über einen weiteren dieser gottverdammten, namenlosen Pässe gekommen waren. 33 Tage waren sie in der Wildnis unterwegs, jeder Tag brachte von Neuem Elend mit sich, katastrophale Regenfälle in den Niederungen zwischen den Gebirgszügen, ein fast unpassierbarer Bergbach, der sie einen Teil ihrer Ausrüstung kostete, einen ihrer Kameraden hatten sie an eine der tiefen Schluchten verloren, die das Gebirge durchzogen – er war bei plötzlich eintretendem Regen ausgerutscht, bald nur mehr das Echo seines Schreis zu hören, ehe der Fluss in den Tiefen der Schlucht ihn verschlang.



Ahad Calberg war unmissverständlich in ihren Befehlen gewesen: Neue Erzadern zu finden, potenziell gefährliche Lebensformen auszukundschaften, passierbare Wege für Truppen und Handwerker sowie Packtiere zu finden. Und er verfluchte es, hier zu sein, diesen Irrsinn mitzumachen und in ein Niemandsland einzufallen, das einzig von den Gefahren der Natur bewacht wurde. Was hatte ihn nur geritten, sich freiwillig zu melden für eine «Expedition für treue und mutige Diener des Reichs und der Legion, um die Versorgung des Reiches mit seinen wichtigsten Gütern zu sichern»

Tagelang hatte er das Bild des fallenden Kameraden in seinen Träumen und selbst in seinem Wachzustand vor Augen, wie Lennart ihm seine Hand entgegenstreckte, ohne Chance ihn noch zu greifen – was ihm selbst schlussendlich das Leben rettete, denn er wäre ohne Zweifel mitgerissen worden in die Tiefen. Die Bilder raubten ihm dem Schlaf, die Vorkommnisse und die karge, gnadenlose Gewalt der Natur zehrten an den Kräften vieler seiner Kameraden und auch von ihm selbst; tagtäglich war höchste Konzentration gefordert, sie brachten weite Märsche hinter sich und begannen Strich für Strich eine Karte zusammenzustellen von den Pässen, von den Berggipfeln, den Erzvorkommen, den Bächen, den möglichen Wegen; es war ein aufregendes Unterfangen, das zugleich die mentale Stärke eines jeden auf die Probe stellte, insbesondere, wenn wieder ein Unwetter sich näherte, was in den Gebirgszügen südlich von Eisenau eine Normalität war.

Ein Abend auf ihrer Reise war ihm besonders in Erinnerung geblieben - er wusste nicht, wie es dazu gekommen war, aber die Stimmung im Trupp war hoch gekocht, die Flammen der nächtlichen Lagerfeuer spiegelten sich in den gläsernen Augen seiner Kameraden. Ein verbaler Schlagabtausch, auf den lautes Gebrüll folgte, als wären sie vom Wahn ergriffen begannen seine Kameraden, und bald auch er, aufeinander einzuprügeln, rauschgleicher Zorn floss durch seine Adern und die seiner Kameraden, ließ seine Gedanken und Fäuste explodieren, Blut floss, einer der Männer hatte ein Messer gezogen und auf einen seiner Kontrahenten eingestochen, Stich um Stich, bis der Andere leblos, leeren Blickes, zu Boden ging, in einer Blutlache bäuchlings ertrinkend, erstickend.
Die Männer warfen sich auf den Mörder, zerrten ihn mit sich, mit geballter Kraft und in einem rauschgleichen Zustand, und sie banden ein Seil um seinen Hals. Lennart blickte in die Augen des Mannes, wie er an einem Seil über einen Ast hochgezogen wurde, vereinte Kräfte der wütenden Kameraden, und er sah, wie Panik in die Augen trat, Furcht, wie das Gesicht dunkler und dunkler wurde… ehe es blasser wurde… das Blut absackte, nachdem das Herz aufhörte zu schlagen… regungslos stand er da, merkte nicht wie die Zeit an ihm vorüberzog. Kein Hauch von Leben mehr. Leere, Blässe, Gestank, der mit leichten Windzügen mitgetragen wurde.

Lennarts Blick versank in den toten Augen des Mannes… dunkelbraune, fast schwarze Augen, die das Dämmerlicht des Morgens reflektierten, den tiefgrauen Himmel, der sich ankündigte. Tiefer und tiefer tauchte er ein in die nun tiefschwarzen Augen, wie in einem Mahlstrom begann sich alles um ihn herum zu drehen, er verlor jegliches Gefühl für Raum und Zeit, es wurde unangenehm laut um ihn, wie in einem Sturm, lautes Kreischen mischte sich in die Geräuschkulisse, aus weiter Ferne das Geräusch eines Vogels, das lauter wurde…

Er fühlte sich eingequetscht in einem viel zu kleinen Körper, starr, kaum in der Lage sich zu bewegen, Luft zog an ihm vorbei, das Krächzen des Raben wurde lauter, das Tier war beunruhigt, als hätte es bemerkt, dass irgendetwas anders war.

Unter ihnen lagen die Baumkronen eines dichten Waldes, sie kamen ihm bekannt vor, am Ende des Waldes erhob sich eine Gebirgsformation in die Höhe, karge, unpassierbare Felswände und östlich eine Ruinenstadt, soweit das Auge reichte.

Unterhalb der mächtigen Felsformationen war eine schwarze Struktur erschaffen worden, der Rabe hielt auf das Gebäude zu… das näher kam… und näher… das Dach war beschädigt, es schien an der südwestlichen Seite des Gebäudes eingefallen, legte das Darunterliegende frei, die Geräusche erstarben, als sie sich dem Gebäude näherten. Es wurde still, kein Laut war zu hören, der Wind und der Sog waren verstummt. Die Flügelschläge fühlten sich dumpf an, es wurde dunkel… es wurde schwarz um ihn…




Zuletzt bearbeitet von Lennart Fynn am 30 Jun 2021 19:16, insgesamt einmal bearbeitet
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