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Hexenblüte
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Emily Feuersdorn





 Beitrag Verfasst am: 18 Mai 2021 06:56    Titel: Hexenblüte
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UNTER SCHWESTERN ERWACHT

Emily zog ihr Bein an, krallte sich die Wolldecke mit den Zehen und schob sie von sich. Kurze Zeit darauf angelte sie mit den Fingern nach den Zipfeln und zog sie wieder heran. Ihr war warm und zugleich kalt. Ihr Empfindungen spiegelten die Gefühle ihrer Seele wieder. Eben war sie noch berauscht gewesen, plötzlich Teil einer so bunten Gesellschaft zu sein, dann nagte wieder der Zweifel an ihr, dass alles nur ein Schwindel war. Wie oft hatte sie andere Menschen geblendet, ihnen Geschichten erzählt, sie zu ihrem Vorteil beeinflusst?
Aber wozu sollten sie das tun? Was könnten sie davon haben? Emily besaß nichts, was es lohnen würde, ihr abzuluchsen.

Sie richtete sich leise auf. Die meisten Schwestern hatten zwar angekündigt auswärts zu schlafen, aber wer wusste schon, ob nicht doch die ein oder andere das Dunkel neben ihr erfüllte? Vorsichtig tastete sie sich voran, bis das letzte Glimmen des Kamins ihr vage den Weg zeichnete. In der Küche erhaschte sie noch ein paar Kekse vom Abend, die sie sich im Gehen einverleibte. Selten hatte sie sich so satt gefühlt.

Vor der Tür empfing sie eine kühle Brise. Ein vertrautes Gefühl pendelte sich in Emily ein, als ihre nackten Füße das feuchte Gras berührten. Als Kind hatte sie die Nächte im Stroh verbracht. Mangels der Nähe von Tieren und Feuer war es furchtbar klamm, aber erträglich gewesen. Die letzten Jahre waren zumeist die Nischen unter Dachvorsprüngen ihre Bleibe gewesen. Sie war die Kälte gewohnt, wenngleich sie sie nicht misste.
Sie ließ sich an der Hauswand entlang hinabgleiten und starrte zu der wolkenverhangenen Sichel hinauf. Schwestern. Ein unwirkliches Wort. Sie hatte genügend andere Kinder gesehen, die mit ihren Geschwistern auf den Feldern tobten, in Bächen planschten oder sich in der Wiese balgten. Wie schön es gewesen wäre, die Bürde, unter ihrer Mutter zu leben, mit einer Schwester zu teilen? Sie wischte sich eine aufkommende Träne aus dem Augenwinkel.

Konnte es so einfach sein? Ihre Probleme sich einfach in Luft auflösen? Oder stand hinter all dem eine Prüfung, die die Schwertmaid ihr auferlegte?

Sie rappelte sich auf und lenkte sich mit dem Sammeln von Blumen ab. Die Kelche waren geschlossen, teilweise zu Boden abgesenkt. Emily konnte sie alle alleine durch das Fühlen unterscheiden. Manchmal hatte ihre Mutter sie nachts hinausgeworfen, wenn sie ihr Verhalten oder vielmehr ihren Anblick nicht ertragen konnte. Emily hatte nie recht verstanden, woran ihre Mutter Anstoß bei ihr nahm. Selbst ihre Gedanken schienen ihr ein Dorn im Auge zu sein, noch ehe sie sich in Emilys Kopf bildeten. In solchen Momenten hatte sie Blumen gesammelt und wenn der Morgen kam, ihrer Mutter mit einem Strauß aufgewartet, der zumeist ihr Gemüt zu kühlen wusste.

Sie schnürte die Blumenmischung zu einem Bündel zusammen und kehrte nach drinnen zurück. Dort platzierte sie sie mit etwas Wasser in einer Vase in der Küche. Morgen früh würden sich die Kelche öffnen und den Schwestern einen guten Morgen wünschen.

Trotz ihrer Erschöpfung verblieb ihre Nachtruhe unruhig. Der Gedanke ließ sie nicht los, dass morgen die Welt anders aussehen würde, als die, die sie sich in den letzten Stunden ausgemalt hatte.
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Emily Feuersdorn





 Beitrag Verfasst am: 21 Mai 2021 22:36    Titel:
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GLAUBENSKRISE

Emily hockte vor dem verloschenen Kamin. Sie durfte kein Feuer anmachen, bis ihre Mutter mit dem ersten Kunden nach Hause kam. Dann, wenn sie sich mit ihm nackt auf dem Bett wälzte, musste das Feuer brennen. Ein erhitzter Kunde war leidenschaftlicher und gab gerne noch ein paar Münzen auf den regulären Preis drauf. Ob Emily in der klammen Stube erfror, das störte ihre Mutter nicht sonderlich. Es wäre nur ein Maul weniger zu stopfen. Emily starrte auf ihre Hände, die ihr viel zu groß für die eines Kindes vorkamen. Sie schritt an den Wasserbottich und betrachtete das Spiegelbild einer jungen Erwachsenen.

Was war hier los?

Die Tür öffnete sich. Ihre Mutter kam herein. Offensichtlich hatte sie keinen Kunden gefunden und war entsprechend erbost. „Du hast wieder den Kodex gebrochen, Emilia“, sagte sie und klatschte mit ihrer Reitgerte in die freie Hand.

Emily wusste, dass es zu spät war. Was auch immer sie getan hatte, oder ob sie überhaupt etwas getan hatte, ihre Mutter wäre nicht mehr umzustimmen.

„Mutter, hier stimmt etwas nicht! Das kann nicht sein, ich bin …“
Plötzlich war ihre Mutter heran, während Emilys Bewegungen quälend langsam wurden. Ihr versagte die Stimme. Das konnte nicht real sein. Sie war erwachsen und schon lange von Zuhause ausgerissen. Und ihre Mutter trug eine schwarze Kutte, ihre Augen glühten wie heiße Kohlen, während um sie herum das Haus in Flammen aufging.
Derweil peitschte die Gerte auf Emilys Haut hinab. Sie war nackt. Wo waren ihre Kleider?

„Mitgefühl!“, schrie ihre Mutter und hinterließ einen blutigen Striemen auf Emilys Haut.

„Tapferkeit!“ Ein weiterer Hieb, das Haus ging in Flammen auf. Das Feuer drohte sie beide zu verzehren.

Mutter, wir müssen hier raus, wir verbrennen!
So sehr sie ihre Mutter hasste, sie wollte nicht, dass sie starb. Doch ihre Mutter nahm keine Notiz von dem Feuer und keine Silbe kam über Emilys Lippen.

„Gerechtigkeit! Sei dankbar für die Pein, die ich dir bereite! Temora wird dich fürchterlicher strafen für deine Frevel! Du wirst brennen, Hexe, brennen!“

Sie verbrannten. Brannten … Brannten …

Emily schrak aus ihrem Traum mit einem Schrei auf. Ein schlaftrunkener Thyre bellte sie an, leise zu sein. Sie war noch einmal zurückgekehrt, nach dem Gespräch mit ihrer Schwester. Im Moment hielt sie es noch weniger aus, ganz allein in dem Haus zu schlafen, während das Quaken der Frösche und das Zischeln der Echsen sie wahnsinnig machten. Außerdem kreisten ihre Gedanken nur noch um das eine Thema.

Licht und Schatten.

Sie ging hinaus in die morgendliche Luft, begrüßte einige Thyren, deren Freundlichkeit und Gastfreundschaft sie in den letzten Tagen so schätzen gelernt hatte. Ganz im Gegensatz zu ihrem Met, der ihr fürchterliche Kopfschmerzen bereitete. Ihr Magen rumorte noch immer. Heute würde sie nichts herunterbekommen.
Sie konnte sich nicht vorstellen, diesen ehrbaren Kämpfern jemals als Feind gegenüberzustehen. Doch wenn ihre Schwester Recht behielt, was stand der Welt bevor, ohne, dass jemand für den Ausgleich sorgte? Welches Leid würde die andere Seite erfahren, wenn die Waagschale sich zugunsten einer Partei senkte?
Wie konnte sie es unterstützen, den Westen zu bekämpfen, wenn dort genauso gute Menschen lebten, wie im Osten?

Fang an selber zu denken, und hör auf, auf das zu hören was andere sagen.

Es war Zeit, Fragen zu stellen.
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Emily Feuersdorn





 Beitrag Verfasst am: 30 Mai 2021 01:13    Titel:
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KERZENSCHEIN

Die Angel vibrierte und stieß gegen Emilys Knie, welches sie direkt neben dieser platziert hatte. Sie riss die Augen auf, packte den Holzgriff und zog den Fisch an Land. Ein Prachtexemplar von einem Barsch, der heute Abend im Topf landen würde.
Mit einem Schlag ihres Holzknüppels befreite sie das Tier von der Qual, nach Luft japsen zu müssen. Nachdenklich betrachtete sie den Fisch. Immer wenn sie auf der Insel war, kamen ihr die Probleme der restlichen Menschen so nichtig vor. Sie hatte hier alles. Ein Dach über dem Kopf, eine Quelle zum Essen, ausreichend Trinkwasser und hin und wieder etwas Gesellschaft.

Die letzten Wochen hatten ihren Blick auf die Welt aufklaren lassen. Sie hatte den Westen besucht; nicht um ihn auszuspionieren, sich unter den Leuten einer Wanze gleich einzunisten, sondern um ihre Sicht der Dinge zu ergründen. Die Fronten waren verhärtet. Nur Wenige strebten nach einem offenen Kampf, doch jedem war klar, dass Frieden keine Option war. Emily hatte den Sinn ihres zukünftigen Seins erkannt. Sie konnte eine Vermittlerin sein, eine Schlichterin und im schlimmsten Fall eine Kriegerin, die verhinderte, dass das Blut unzähliger Menschen aus Unverständnis heraus in Strömen floss.
Sie hatte sich für die Schwesternschaft entschieden. Für das Leid zu erkennen, aber auch für die Freude an der Erkenntnis.

Sie verstaute den Fisch mit einem Seufzer in ihrem Tornister, warf die Angel aus und wandte sich wieder ihren Versuchen zu. Sicher, ihre Schwestern hatten ihr geboten, unter ihrer Anleitung zu üben, aber je eher sie unter ihren Fittichen hervorlugte, desto schneller konnte sie ihnen eine Hilfe sein, statt nur Ballast. Die Erfahrung, die Elemente in ihrer reinsten Form zu erfahren, hatte Eindruck hinterlassen. Sie war neugierig darauf, wieder in diesen Zustand zu gelangen, die Verbundenheit zu allem um sie herum zu spüren, das Gefühl, all das lenken zu können. Doch es war nicht nur Neugierde, was sie trieb. Die Geschichte um das Nichts, was auch immer es war, brachten sie so manche Nacht um ihren Schlaf. Ihre Schwestern waren besorgt gewesen und Emily fühlte sich regelrecht getrieben, mit großen Sätzen in ihrer Ausbildung voranzukommen. Sie hatte nicht vor, sich von einem ihr unbekannten Feind schlachten zu lassen. Doch zurzeit würde sie kaum eine Hürde für einen Gegner darstellen, dem ihre viel mächtigeren Schwestern mit Ehrfurcht begegneten.

Sie verlangsamte ihren Atem, schob ihre Gedanken beiseite, konzentrierte sich auf die sie umgebende Natur. Sie hörte das Rascheln des Windes durch die Baumkronen, das leise Trappeln der Insekten durchs Unterholz, das ferne Prasseln des Feuers und das sanfte Plätschern der Wellen. Je tiefer sie versank, desto anstrengender fühlte es sich an. Es war, als versuche sie schlaftrunken wachzubleiben, eine unbändigende Erschöpfung, gegen die sie ankämpfen musste. Doch je mehr sie um ihr Bewusstsein kämpfte, desto mehr wandelte sich das Gefühl in stechende Kopfschmerzen. Emily hatte nicht vor, sich davon unterkriegen zu lassen.
Ein vages Gefühl der gröbsten Strukturen umfing sie. Es war, wie durch Nebel zu waten. Nach unzähligen Versuchen glaubte sie zumindest die Elemente in ihrer reinsten Form wiederzuerkennen. Der Wind zerzauste ihr Haar, das Wasser kitzelte ihre Haut und die Erde wiegte sie in sanfter Umarmung. Doch am bewusstesten war ihr das wärmende Feuer in ihrem Rücken. Sie wollte danach greifen, eine Verbindung herstellen, doch kaum tat sie eine Bewegung, verließ sie die meditative Starre, da verlor sich die Welt um sie herum mehr und mehr. Der Nebel wurde dichter und ihre Versuche, etwas zu erhaschen, gleich ob sie höflich bat, grob danach griff oder stürmisch forderte, gingen ins Leere. Jedes Mal endete es damit, dass die Kopfschmerzen dermaßen höllisch wurden, dass es sie aus ihrer Trance hinausspülte.

„Kaum bist du erwacht, da widersetzt du dich schon einer klaren Weisung.“
Emily schrak auf und schaute über sich. Xunire sah von oben mit missbilligender Miene herab.
„Du solltest doch mit unserer Hilfe üben.“
Emily verzog die Lippen. „Ich kann das auch alleine.“
„Also ist deine Folgsamkeit nur gespielt?“ Sie setzte sich neben Emily ins Gras und stierte schmunzelnd auf den Ozean.
„Ich möchte einfach nur schneller vorankommen.“
„Und du glaubst, wild drauflos zu probieren hilft dir dabei?“ Xunire schnalzte mit der Zunge und Emily verschränkte die Arme. Die ältere Schwester ergriff Emilys Hand. „Zugegeben, während du wie ein Elefant durch das Lied trampelst, bist du erfolgreicher, als erwartet.“
Emily folgte Xunires Blick und entdeckte eine Brandblase auf ihrer Handfläche, die jetzt, da sie sich ihrer bewusst wurde, höllisch zu brennen begann. Xunires Handfläche wanderte über die ihrige und der Schmerz ebbte ab, innerhalb kurzer Zeit war die Haut verheilt.
„Du interessierst dich also für das flüchtigste und wohl auch zerstörerischste der Elemente?“ Ihre Frage enthielt keinerlei Wertung, vielmehr schien sie Emilys Beweggründe erfahren zu wollen, aber diese schwieg eisern, senkte den Kopf betreten zu Boden. „Für heute hast du dir deine Hand verbrannt, doch was geschieht morgen? Wirst du einen Baum entzünden oder gar einen Wald? Wirst du dich in Lebensgefahr bringen oder andere?“
„Ich bin vorsichtig …“
Xunire patschte ihr auf die Hand. „Nein, du bist erfinderisch. Dein Ehrgeiz gefällt mir, deine Unbeherrschtheit aber keinesfalls. Wie wäre es, wenn du, statt wahllos irgendetwas zu tun, deine Fertigkeiten an einer konkreten Aufgabe verbesserst?“
„Habe ich eine Wahl?“ Emily presste die Lippen zusammen, was Xunire ein Grinsen abrang.
„Nein, eigentlich nicht.“ Sie holte eine Kerze aus ihrer Robe hervor. „Du wirst lernen, diese Kerze zu entzünden und sie zu löschen.“
„Wozu? Das kann ich genauso gut mit einem Kienspan und Kraft meines Atems. Ich würde viel lieber einen Feuerba…“
Auf Emily Frage folgte ein Klaps auf ihren Hinterkopf. „Lerne die Elemente im Kleinen zu nutzen, ehe du sie als Machtinstrument zu gebrauchen versuchst.“
„Also gut, was muss ich tun?“
„Entspann dich zunächst einmal, das kannst du doch bereits ganz gut.“

Emily tauchte wieder in den Entspannungszustand ein, den sie während ihres Erwachens gelernt hatte. Doch dieses Mal spürte sie Xunires Gegenwart. Vor Emilys geistigem Auge zeichnete sich ihre Gestalt in einem ätherischen Blauton ab.
„So gut habe ich das Wasser noch nie von alleine gespürt.“
„Weil ich es dir auf den Präsentierteller lege, damit du mich besser wahrnehmen kannst“, erwiderte Xunire. „Es ist leichter, etwas wiederzuerkennen und nachzumachen, was du mehrfach gezeigt bekommst, statt auf eigene Faust in die Wildnis aufzubrechen.“
„Ich möchte das aber alleine schaffen.“
„Je eher du dich damit abfindest, unsere Hilfe anzunehmen, desto schneller wirst du das auch können.“
Emily brummte unzufrieden, nickte aber schließlich. Neben Xunires Gestalt tauchte die vage Form der Kerze auf, die sie ihr eben präsentiert hatte. „Konzentriere dich auf die Kerze. Ich möchte, dass du dir ihren Klang verinnerlichst.“
„Wie soll ich das tun?“
„Das bleibt dir überlassen. Manch eine Schwester würde genau hinhören, eine andere würde sie zu erfühlen versuchen, wieder eine andere vielleicht ein Band zu ihr zu knüpfen. Es liegt an dir, wie du vorgehen möchtest.“
Emily erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit den Elementen. Sie stellte sich vor, einen Faden nach der Kerze auszuwerfen, so wie sie das Feuer während ihres Erwachens zu sich beordert hatte. Sie webte ein kräftiges Band, erfühlte es, spürte die Vibration in ihren Händen. Plötzlich riss das Band und die Kerze war verschwunden.

„Was ist passiert?“
„Ich habe aufgehört, dir den Weg zu weisen. Jetzt musst du sie selbst wiederfinden. Erinnere dich deines Bands und konzentriere dich darauf.“
Emily brauchte Stunden, bis sie die Kerze wiedergefunden hatte und damit war ihre Lernstunde zu Ende. Am nächsten Tag schaffte sie es bereits schneller, die Kerze in ihrer Gedankenwelt zu projizieren und mit Xunires Hilfe konnte sie diese auch entzünden. Emily brauchte viele Versuche, das Feuer zu dosieren. Mal drohte sie die Kerze zu schmelzen, dann war ihr Einsatz zu schwach, um sie auch nur zu erwärmen. Ohne Xunires Hilfe, die ihr das Element praktisch vor die Füße legte, schaffte sie es nicht einmal, es überhaupt auf die Kerze zu richten.

„Und jetzt lösch die Kerze“, kam nach einigen Tagen eine neue Aufgabe.
Xunire lehrte sie, die Kerze mittels des Windes auszupusten, sie im kühlen Nass zu ertränken und ihr den Atem durch einen Erdmantel zu nehmen. Mit jedem Mal fühlte Emily sich sicherer, wenngleich jeder Versuch ähnlich des Gehens mit einem Krückstock war. Sobald Xunire sich zurückzog, blieben die Ergebnisse aus, die Kopfschmerzen verstärkten sich und sie fühlte sich wieder an den Anfang zurückversetzt.
„Du bist zu verbissen“, sagte Xunire schließlich, als sie eine weitere Lernstunde beendeten. „Gönn dir ein paar Tage Ruhe.“
„Aber ich möchte es jetzt lernen!“
„Das ist genau dein Problem. Du versuchst noch immer, zu deinem Ziel zu springen, statt den mühsamen Weg zu gehen. Doch ehe du nicht bereit bist, die Grundlagen wirklich zu verinnerlichen, wirst du niemals etwas bewirken können.“

Tage vergingen, in denen Emily nur wütend war.
Weitere vergingen, in denen sie nachdenklich wurde.
Und schließlich verließ sie ihr Bett nur noch um zu essen oder ihre Notdurft zu verrichten.

Stundenlang saß sie regungslos da und ergab sich ihren Eindrücken. Sie tauchte in das Lied ein und ließ sich treiben. Hörte einfach nur hin, merkte sich verschiedene Nuancen, ohne die Absicht, in irgendeiner Form einzugreifen. Und eines Tages hörte sie etwas heraus, das ihr bekannt vorkam. Vorsichtig wob sie einen Faden und erkannte in dem Klang die Kerze wieder. Sie festigte das Band und beim nächsten Mal nahm sie sie sogleich wahr, kaum, dass sie sich darauf konzentrierte. Über diese Reichweite hatte sie noch nie etwas erreichen können. Sie ergab sich wieder dem Lied, lauschte den Elementen und wob ihr Netz, wann immer sie sich sicher war, etwas Eindeutiges wiederzuerkennen. Ähnlich einer Spinne breitete sie ihre Fäden aus, festigte diese und erweiterte ihre Wahrnehmung. Es wurde mit jedem Mal leichter, ihr Ziel zu finden. Sie musste nur den richtigen Faden berühren und konnte rudimentär wahrnehmen, wonach sie suchte.
Emily verlor das Zeitgefühl. Es schien ihr, als verbringen sie mehr Zeit in Trance verfallen, denn im echten Leben. Manches Mal konnte sie gar den Unterschied gar nicht feststellen. Ihre Gestalt magerte ab, sie ließ Mahlzeiten aus, verlor sich in den fernen Klängen. Eines Tages war es soweit. Sie saß nachts in ihrer Kammer und spürte instinktiv, dass sie es vollbracht hatte. In Xunires Häuschen flackerte nun eine Kerze munter auf. Kurz darauf erlosch sie wieder. Völlig erschöpft aber zufrieden übergab Emily sich dem Schlaf.

Am nächsten Tag war Xunire schon in aller Früh bei ihr.
„Ich sehe, du hast deinen ersten kleinen Schritt gemacht, kleine Schwester.“ Sie musterte sie argwöhnisch. „Und jetzt konzentrier dich darauf, wieder etwas auf die Rippen zu bekommen.“


Zuletzt bearbeitet von Emily Feuersdorn am 30 Mai 2021 01:14, insgesamt einmal bearbeitet
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Emily Feuersdorn





 Beitrag Verfasst am: 10 Jun 2021 14:56    Titel:
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HINGEHÖRT

Emily ging die Worte ihrer Schwester wieder und wieder durch, ähnlich einem Mantra, dass sich unverrückbar in ihre Gedanken brennen sollte. Die Elemente würden sich ihr vorstellen. Es war sinnlos, unermüdlich in ihnen auf Schatzsuche zu gehen. Sie brauchte … Geduld.

Sie stieß lange den Atem aus und strich sich eine Strähne hinters Ohr. So sehr sie ihren Schwestern vertrauen wollte, es stellte eine Prüfung für sie dar, darauf zu bauen, dass sie – unfähig ihre Kräfte zu kontrollieren – eine Hilfe für sie im Kampf gegen das Nichts darstellen würde. Wie ein Blatt auf einem Baum, welches das Sonnenlicht einfing. Existierte ein Band zwischen ihr und ihren Schwestern, in welches sie noch nicht eingeweiht war? Oder überstieg dieser Zusammenhang einfach nur die Grenzen ihres begrenzten Denkvermögens?

„Das Lied fließt heute überraschend ungestört dahin. Man könnte fast meinen, es hätte seinen Frieden mit dir gefunden“, unterbrach Xunire ihre Gedanken.
„Ich übe mich im Hinhören“, entgegnete Emily eine Spur zu barsch, doch Xunire lächelte ihr dennoch wohlwollend zu.
„Die gestrige Lektion hat dir wohl gut getan?“
„Warum hast du mich diese Kerze anzünden gelassen?“
Xunire ließ sich neben Emily ins Gras fallen und starrte selbstzufrieden auf das Meer hinaus. „Eine bessere Übung, als ständig deine Hände zu verbrennen, findest du nicht?“
„Du hast mich in die Irre geführt!“
„Habe ich das? Oder hast du nur die Übung fehlgedeutet?“
Emily schürzte die Lippen und legte den Kopf in die Hände, während sie sich das Hirn darüber zermarterte, was sie meinen könnte. Sie hatte keine Lust zuzugeben, dass sie keine Ahnung hatte. Xunire legte wohlwollend den Arm um sie. „Lass dich fallen und hör noch einmal hin.“

Die junge Schwester konzentrierte sich auf ihren Atem, verlangsamte ihn, blendete das Drumherum aus und malte sich den Fluss aus, wie er langsam dahinströmte. Es war ein beruhigenderes Sinnbild als ihr bisheriges, wenngleich es nichts daran änderte, dass die Eindrücke, die sie dabei machte, ihr konfus und durcheinander vorkamen.
„Kannst du die Kerze spüren?“, drang Xunires Stimme wie aus weiter Ferne an ihr Ohr.
„Selbstverständlich“, brummte sie. Es kostete sie keine große Mühe, die Kerze in Xunires Hütte zu lokalisieren, sich ihr Bild vor Augen zu rufen. Der gedankliche Faden, den sie zu ihr geknüpft hatte, war so stark, dass sie sogar ein vages Gefühl für Teile der Kerze hatte, die sich in Wachstropfen auf ihrem Tisch und in der näheren Umgebung in der Luft abgesetzt hatten.
„Kannst du sie sehen?“
„Blöde Frage.“
„Kannst du sie hören?“
„Wie soll ich eine Kerze bitte hören?“
Aus Xunires Stimme drang wiederum unbändigendes Verständnis, als hörte sie Emilys Frustration überhaupt nicht. Sie blieb stets auf ihrem Weg, beinahe stur, bis sie die junge Hexe zu ihrem Ziel geführt hatte.
„Schließ deine Augen.“
„Sie sind geschlossen.“
„Ich spreche nicht von deinen Augen sondern denen deines Geists.“
Emily tat wie ihr geheißen, sie blendete das Bild in ihrem Kopf aus, welches sich aus dem bildete, was sie bewusst dort als Stütze platzierte und dem, was das Lied an Übrigem tat. Zweiteres schien sich in erster Linie Mühe zu geben, Emilys Bestreben eines klaren Bilds zu unterminieren.
„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“
„Spürst du die Kerze noch?“
Emily atmete genervt ein und aus, doch ja, da war etwas. Ein vertrautes Gefühl. Wenn sie es wollte, könnte sie sofort wieder die Kerze vor ihrem geistigen Auge hervorrufen.
„Und jetzt hör hin.“

Darauf hatte die junge Hexe überhaupt keine Lust. Sie hatte sich stets bemüht, jeglichen Umgang mit dem Lied in bildlicher, greifbarer Form umzusetzen und das Hören auszublenden. Jedes Mal, wenn sie sich dem Lied auf diese Weise öffnete, erschien es ihr, als wäre sie in einem Saal voller lärmender Menschen. Sie hörte keine einzelnen Worte heraus, konnte keine Stimme zuordnen und fühlte sich noch überforderter, als wenn sie mit den Händen im trüben Nebel, der ihren geistigen Blick umwölkte, fischte. Xunire schien ihren Widerstand zu spüren und klopfte ihr sanft auf den Rücken.
„Wir Schwestern erfassen das Lied mit allen Sinnen. Beschneide nicht deine Kräfte, indem du dich Teilen davon verschließt.“
„Ich werde ja doch nur …“ Emily beendete den Satz nicht; es würde ohnehin nur eine neunmalkluge Antwort folgen und konzentrierte sich auf das Hören. Überraschenderweise tat sich nichts. Als wäre der emsige Strom des Lieds ins Stocken geraten, zu Eis erstarrt und nichts regte sich um sie. Sie hatte schon Angst, sich im Lied verloren zu haben, auch wenn ihre Schwester ihr eindrücklich gesagt hatte, dass das nicht passieren könnte, solange sie nur im Strom schwamm. Panik wollte sich ihrer bemächtigen, doch im gleichen Moment spürte sie Xunires Präsenz, die in ihr Bewusstsein wie ein wärmendes Feuer einnistete und ihre Ängste wegspülte.

Je ruhiger Emily wurde, desto mehr wurde ihr bewusst, dass sie etwas hörte. Ein fernes Wispern am Rande ihres Bewusstseins.
„Ist das … die Kerze?“
„Das ist ihr Innerstes, ihre persönliche Spur im Lied. Wenn du genau hinhörst, wirst du vielleicht eines Tages die tiefen Töne der Erde verspüren, aus der die Blume entsprossen ist. Du wirst die zarten Strömungen des Wassers spüren, welches sie nährte, den Wind, der die Biene vorantrieb, der ihren Nektar sammelte und das Feuer, welches das fertige Wachs wieder verzehrte.“
Emily mühte sich, Xunires Worten zu folgen und sie auch wirklich zu erfühlen, doch so vertraut ihr der sanft pulsierende Klang des Lieds dieser Kerze auch schien, sie war nicht in der Lage, einzelne Untertöne zu differenzieren.
„Und nun öffne deinen Geist erneut und nimm sie mit all deinen Sinnen wahr. Sieh sie dir an, fühle sie, schmecke sie, wenn es dir gefällt. Und wenn du bereit bist, dann komm zurück.“
Als Emily das vollständige Bild der Kerze in sich aufgenommen hatte, konnte sie sich umhin, Xunire in die Arme zu schließen, kaum, dass sie sich aus ihrer Versenkung gelöst hatte.
„Ich verstehe es jetzt!“

Xunire wedelte mit dem Zeigefinger. „Du hast einen kleinen Schritt getan. Werde nicht übermütig und lerne, deine Umgebung zu erfühlen, lerne sie kennen, ehe du versuchst, sie zu ändern. Und früher oder später wirst du sie ganz unbeschwert wahrnehmen, ohne dich dafür in Tagträumereien zu versetzen.“
„Und hast du eine neue Aufgabe für mich?“
„Du könntest mein Geschirr abwaschen. Ich komme kaum nach, so viel Zeit, wie ich mit dir hier herumsitze.“
Emily sah gen Himmel, wo sich das Blau des Tages schon dem Abendrot ergab. „Bekomme ich was dafür?“
Xunire klopfte ihr sanft auf den Hinterkopf. „Du bekommst schon mehr als genug von meiner Aufmerksamkeit, du freches Gör!“, sagte sie in belustigtem Tonfall und raffte sich auf.
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