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Friedlich ist das Spatzennest, wenn man es in Ruhe lässt!
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Linnet Nelarth





 Beitrag Verfasst am: 11 Okt 2016 15:57    Titel: Friedlich ist das Spatzennest, wenn man es in Ruhe lässt!
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Und schon war er ganz plötzlich da, der Bilanztag!
Mies, dreckig und auf stinkenden aber leisen Sohlen hatte er sich mit dem Aufkreuzen der rotznasigen Bengel und der halbverhungerten Göre herangeschlichen, gönnte sich ein paar Wochen, um im Ungesehenen zu lauern und überfiel dann gerade sie, den selbsternannten Kopf, ja quasi die erwachsene, bescheidene, reife Vernunft der ganzen Truppe und zwang sie, Bilanz zu ziehen. Elendiger Bilanztag!
So saß der eigentliche Inbegriff einer Obergöre, der tatsächlich meist auf den Namen "Linnet" hörte (und von Reife nicht besonders viel vorweisen konnte), mit verzweifelter Grimasse auf den Sommersprossenzügen irgendwo halbversteckt im Heuboden und beobachtete die "Rasselbande" an Möchtegern-Erwachsenen (ein Spiegelbild ihrer Selbst!), welche so fleißig am Hof werkelte.

Der Rotschopf war ihr schon länger bekannt und sie nannte ihn gerne einen guten Freund, denn auf den Burschen mit den so frisch an den Lenz erinnernden Augen, war einfach bisher immer Verlass gewesen. Egal ob die Bitten sehr kurzfristig oder gar ein wenig gefährlich gewesen waren, er hatte sie ihr ohne mit der Wimper zu zucken, erfüllt. Im Grunde sprachen die beiden eine gemeinsame, innere Sprache - also zusätzlich zum garstig-bäuerlichen Kauderwelsch und dem silbenverschluckenden Akzent. Wie also hätte sie ihm jemals nun wiederum seine Bitte abschlagen können, als er auf der Suche nach einem beständigen Schlafplatz just auf sie und den Hof zukam? Nein, da war schon alles richtig gelaufen...

Das Augenmerk wanderte langsam zum sanftmütigen, schmalen Blondchen, welches mit einer engelsgleichen Geduld die dämlich dahergackernden, hektischen Hühner und Gänse zurück ins Gehege geleitete. Eine Gänsemagd hatte dem Hof irgendwie gefehlt und obendrein waren weder sie noch Riah hartherzig genug um ein dürres, hungriges und vollkommen verschüchtertes Ding, wie die neugewonnene Magd, davonzujagen. Wenn man es genau nehmen wollte, musste man ja sogar sagen, dass sie regelrecht nach dem Mädchen hatte schicken lassen, als sie hörte, wie es um jene stand. Da trieb sich eine Gleichaltrige am Rande von Düstersee umher und es schien so, als würde sie den Winter aufgrund Nahrungsmangel nicht lange überstehen... nach so einer Beschreibung war die Reise zum Schattenmoorweiler quasi gebucht und Riah, die Gute, gab mit einem Sonnenscheinlächeln wieder einmal nach.
Aber allein die letzten Tage hatten dem stillen Fräulein gut getan und sie blühte langsam auf, also war der Oberplanerin auch hier kein Fehler unterlaufen...

Diesmal bohrten die Blicke regelrecht verkniffen, als sie den Letzten im Bunde fanden. Gerechterweise musste gesagt werden, dass er zum einen der erste, weitere Heranwachsende nach ihr auf dem Hof war und auf der anderen Seite hatte sie auch ihn einfach angesprochen, akquiriert und behalten, ohne lange seine Meinung zu erfragen. Irgendwas an dem Burschen mit dem schwarzblauen Schopf und den etwas zu ebenmäßigen Zügen hatte sie damals merklich angesprochen. Also nicht SO angesprochen, er war nur interessant... manchmal... vielleicht. Damals war ja auch noch nicht zu erahnen, welch strebsames, gewitztes Köpfchen unter der Nachtwolle lungerte. Tja und jetzt hatten sie den Salat, denn obwohl sie sich gestern erst reichlich mit ihm darüber gefreut hatte, dass dieser wunderbare Ritter (mit dem ungemein charmanten Knappen) dem Pagengesuch zustimmte, so brachte das einen ziemlich müffeligen Wurmschwanz an Problemen mit sich. Ja, da lag der Hund begraben!

Joran war damit in Zukunft, so er sich da behaupten und die Prüfungen bestehen konnte, kein "irgendwer", sondern der Page eines renomierten Ritters, dessen Name bekannt war. Dennoch würde er wohl zumindest den angefangenen Auftrag mitbeenden, kam doch auch dieser wieder dem Reiche zugute und wahrscheinlich würde er auch beim folgenden Unterfangen mit von der Partie sein. Das bedeutete Maskerade und vermutlich auch, dass der Ritter über ihre Unternehmungen bescheid wissen würde. Keine Diskrepanz, wohl aber ein Quäntchen Sorge und nur zu gerne hätte sie jetzt sofort die Clerica Treublatt wieder heimgesucht, denn ziemlich sicher wüsste jene schon wieder einen simplen Ausweg oder konnte die Sorgenwolken mit wenigen Worten verscheuchen.

Doch all das musste warten, denn ein anderes Problem drückte noch weiter auf den Schuh: die Aussicht auf weiteren Zuwachs in der Truppe.
Interesse bestand hier und da und wurde an zwei Stellen sogar schon angedeutet, doch konnte sie Riahs Hof unmöglich weiter zu einem geheimen Stützpunkt für diese flattrige Spatzenrunde ausbauen, denn dann würde da Ganze doch eher zu einem Waisenhaus verkommen. Obendrein hatte zumindest einer der beiden möglichen Neuspatzen eine eigene Bleibe und bat eher um eine Art Treffpunkt.... Bandenlager... Baumhaus oder so ein Kram. Doch wo hernehmen, wenn nicht stehlen?
Ächzend raufte sie sich die Haare und erinnerte sich selbst mit blitzendem Hohn und ein wenig Sarkasmus daran, dass das Wort "Spatzenhirn" nicht von ungefähr kam. Eine Lösung musste her und zwar bald, ehe sich der Hof in ein aus allen Nähten platzendes Nest verwandelte!

Sie gab sich einen Ruck und rappelte sich auf.
Scheiß auf die Drecksbilanz und den ganzen miesen Tag!
Es war an der Zeit mit dem Rest der Gruppe über die Sorgen und eine etwaige Lösung zu philosophieren.


Zuletzt bearbeitet von Linnet Nelarth am 10 Dez 2017 00:15, insgesamt 3-mal bearbeitet
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Lirean Aeldaryn





 Beitrag Verfasst am: 28 Okt 2016 09:35    Titel:
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Irgendwie mochte er sie, das Mädchen mit den lilablassblauen Augen.
Veilchen. Er mochte ja auch Veilchen sehr, denn sie erinnerten an den Lenz.
Auch ihre Art war gut, geradlinig und vielleicht ein wenig derb aber damit
kam er deutlich besser zurecht als mit diesen affektierten Laffen, die in den
großen Städten wohnten und ihn immer irgendwie anketten wollten.
Mal nutzen sie dafür hübsche Kleidung, Essen und ein Dach über dem Kopf
und dann wieder eben echte Ketten. Doch wusste er, dass er ohne seine
Freiheit elend eingehen würde, wie ein gefangenes Wildtier. Das Mädchen mit
den Veilchenaugen war nicht wild, nur halbwild vielleicht und doch schien sie
ihn zu verstehen. Sie sprach von der Freiheit, als würde sie jene auf eine
ähnliche Art und Weise kenne, wie er.
Zwar war er selber nicht der große Redner, doch irgendwann hatte sie ihn
soweit, dass er ohne Scheu mit ihr sprach und erst spät merkte, wie viel er
doch zu berichten hatte. Ohne Sorge gab er langsam preis, woher er kam
und was ihn hergeführt hatte oder auch, welche Pläne er seither in seinem
Herzen trug. Nur über seine "Eltern" wollte er nicht sprechen und sie stellte
zum Glück keine dummen Fragen dazu.
Stattdessen drückte sie ihm wortlos ein Bündel in die Hand. Darin fand er
sowohl eine Jacke in erdfarbener Wolle, als auch eine warme Gugel.
Vorsichtig roch er daran, sie dufteten gut.

Ja, er mochte das Mädchen mit den lilablassblauen Augen. Sehr.
So kam es, dass er ihr kurz danach selber lauschte und als sie vom
Spatzennest, das aus allen Nähten zu platzen drohte, sprach, da wusste er
sofort, nach welchem Ort die kleine Gemeinschaft unterbewusst gesucht
hatte und er kannte den Weg dorthin, denn häufig hatte er sich in der
Gegend herumgetrieben und war dabei dem Räubergesindel aus dem Weg
geschlüpft. Er wusste nun, wie er die lieben Worte und die Geschenke
vergütern, ja die Schuld begleichen konnte.
Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte ihren Arm.
"Komm, ich zeig dir was..."
"N Geheimnis?"
"Ja."


Zuletzt bearbeitet von Lirean Aeldaryn am 28 Okt 2016 09:36, insgesamt einmal bearbeitet
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Joran Varathy





 Beitrag Verfasst am: 04 Nov 2016 11:39    Titel:
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Die Tage wurden kühler. Gerade hier im Wald war diese Erkenntnis kaum noch von der Hand zu weisen. Abseits des Mittags, wenn der Dunst durch über Moos und gefallenes Blattwerk zog, kroch einem der Herbst nur allzu begierig in die Knochen.

Umso mehr ein Grund, kräftig anzupacken und den jungen Körper nicht zur Ruhe kommen zu lassen.

Das morsche Holz hatte er nun bis auf den letzten Balken zusammen getragen und abseits des Lagerfeuers aufgeschichtet. Als Brennmaterial war es leider nicht mehr zu gebrauchen, viel zu feucht und brüchig.
Zumindest würden die Holzwürmer aber ihre Freude haben, und das war gut und recht.

Um dergleichen aber in Zukunft zu vermeiden, war ihm auch noch die Konstruktion eines bescheidenen Unterstandes gelungen, geschaffen aus Ästen und frischem Laub. So blieb das Brennholz in Zukunft hoffentlich trocken. Auch im Winter, wenn der Schnee selbst bis hierher reichen würde.

Eine Vorstellung, die ihn einerseits beunruhigte, auf der anderen Seite aber auch mit einer kribbeligen Vorfreude erfüllte. Draußen im Freien zu nächtigen, das war stets der Traum eines Jungen gewesen, selbst wenn er aus der Stadt kam. Die Vorbereitungen dafür waren auch schon in vollem Gange und viel hatte sich bereits getan, um das auserkorene Winterlager zu einem heimeligen Ort werden zu lassen.

Ein wenig Stroh würde er wohl noch besorgen müssen. Decken, Polster. Brauchbare Dinge eben, um Nachts die Kälte draußen zu halten.
Aber das ließe sich nun rasch bewerkstelligen, insbesondere auch mit der Hilfe seiner getreuen Kameraden.

Und schon bald würde man sich dann sicherlich am knisternden Lagerfeuer Geschichten erzählen und den einen oder anderen Hasen braten, den er alsbald noch zu erhaschen gedachte.
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Mhiron Cionnaith





 Beitrag Verfasst am: 07 Nov 2016 16:01    Titel:
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Die Kälte kroch an diesem so frühen Morgen wie ein schleichender Kumpan, dessen Nähe man erst bemerkte wenn es schon zu spät war, durch die weiten Hosenbeinen an seinen dünnen Waden nach oben, griff mit zarten aber eisigen Fingerspitzen spielerisch nach seinen Kniekehlen und verbiss sich dort in die helle Haut. Der Winter näherte sich auf emsigen Freiersfüßen und nahm dem Jungen mit dem rostroten Haar schon jetzt jede Freude daran, sich so früh aus dem warmen Bett erhoben zu haben. Er mochte nicht viele Dinge im Leben nicht leiden, Erwachsene, die sich durch ihre Jahre Leben für was Besseres hielten, die zähe Haut auf warmer Milch und die Zeit, wenn der Herbst in den Winter überging und man sich nie sicher sein konnte, ob die Sonne am Himmel noch genug Wärme aufbringen konnte um die kühlen Winde ein wenig zu mildern. Verdrießlich hob er die sommersprossige Nase zum grauen Himmel und versuchte, hinter dem Wolkenschleier, zumindest einen kurzen Blick auf den blauen Himmel zu erhaschen, doch war ihm das Glück nicht hold genug.
„So ‚n verdammichter Dreck…“, murmelte der schlaksige Kerl und stapfte, sich noch etwas fester in die Jacke wickelnd, weiter durch den Wald, überwand einen quer liegenden Baumstamm, dem ein Sturm der letzten Tage wohl die Wurzeln unterm Geäst genommen hatte und schnappte im Sprung nach einem besonders hübschen, leuchtend roten Blatt, dass er Margaly mitzubringen gedachte. Er wusste dass sie in einem alten Buch schon einige wie bunte Schätze gesammelt hatte um sie zu trocknen und dieses eine würde sich in ihrer Sammlung sicher gut machen.
Nur noch einmal durch eine kleine Allee aus Tannen, bei denen er sich immer vorstellte dass sie sich wie zwei Tanzpartner voreinander im Wind verneigten, dann noch durch eine kleine Senke, in der sich an regnerischen Tagen das Wasser sammelte und eine recht famose Schlammgrube bildete, dann hatte er das Heiligtum auch schon erreicht.
Heruntergekommen, die Außenwände bereits ein wenig morsch aber noch gut genug in Schuss, dass man mit ein wenig ehrlicher Arbeit aus Stroh Gold würde spinnen können, lag das kleine Versteck vor ihm, schien im ersten matten Licht wie eine verborgene Schatztruhe zu glimmen. Gemeinsam hatten sie wie eine Rotte Bluthunde über Wochen die weiten Wälder durchstreift bis, ja…bis sie auf dieses abgeschiedene Fleckchen gestoßen waren und nun verbrachte er so viele freie Stunden hier, wie es ihm möglich war ohne dass es den Erwachsenen auffallen würde.
Joran und die anderen waren schon gut vorangekommen, ein guter Teil des alten morschen Holzes, das nur noch den Holzwürmern ein Festessen im Winter bescherte lag in einiger Entfernung um dort seinem letzten Zweck zu dienen und die Türen der Räume standen offen, flüsterten von kommenden wunderbaren Abenden am Feuer.

Mhiron seufzte tief, warf die Tasche mit einem alten Hammer und einer schon etwas abgenutzten Axt, die er sich vom Hof ausgeliehen hatte ins Innere eines Raumes, wo der Boden trocken genug war, lege den gefütterten Mantel daneben und krempelte die Ärmel in die Höhe um auch die letzten dreibeinigen Stühle, Tische mit halben Tischplatten und Überresten von etwas, das wohl mal ein Regal gewesen sein musste nach und nach nach draußen zu zerren. Der Stuhl sah noch trocken genug aus um ein feines Feuerchen zu ergeben, eines der Bretter vom regal würde wohl auch noch seinen Dienst tun, doch der Rest hatte mehr Holzwurmlöcher als sein Gesicht Sommersprossen zeigte und das war eindeutig zu viel. Mit einem Ruck zog er an der Tischplatte, die ächzend und knackend in zwei Teile brach und zog sie zu Jorans Holzhaufen. Mit jeder vergehenden Stunde leerten sich die Räume bis aller Schutt, die alten Flaschen und auch die Stofffetzen, die wohl mal als Vorhänge die Fenster vor neugierigen Blicken verhüllt hatten, draußen aufgestapelt lagen. Während die Schweißperlen den hellroten Streichholzkopf dunkler färbten machte sich die Zufriedenheit in ihm breit. Der Stand der Sonne, die sich nun doch bequemt hatte ihren müden Kopf zwischen den Wolken hervorzustrecken, verriet ihm, dass es bald Zeit war, die Tiere auf dem Hof zu füttern und sich übers Frühstück herzumachen. Auch sein Magen gab ihm mit einem laut protestierenden Brummen recht und einen letzten Blick auf die leeren Räume werfend nickte er für sich allein. Später würde er mit den anderen zurückkommen und ein erstes Feuer entzünden… außerdem hatte er Riah gebeten ein wenig Teig für Stockbrot vorzubereiten, dass die allererste richtige Mahlzeit im Kreise des neuen Versteckes werden würde. Verschwitzt aber glücklich schnappte Mhiron sich die Axt und den Hammer wieder, warf sich den Mantel schief über die Schultern und sprang in einem Anflug von Übermut über den kleinen Graben außerhalb des neuen Treffpunktes. Die Nächte, in denen es sicher eisig wurde, waren nicht mehr weit doch wenn die Spatzenbande so vorankam würde es nicht mehr lang brauchen bis sie alle dort übernachten konnten.
Mit sich selbst im Reinen und die frühen Morgenstunden des Aufstehens schon längst vergessen trollte sich die schlaksige Gestalt auf verzweigten Wegen wieder zurück zum Hof, zu Riah und zu ihrem leckeren Frühstück, das lecker genug war um sie zumindest auf den zweiten Platz hinter seiner Mutter zu befördern.




Zuletzt bearbeitet von Mhiron Cionnaith am 21 Nov 2016 15:24, insgesamt 3-mal bearbeitet
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 Beitrag Verfasst am: 21 Nov 2016 15:19    Titel:
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Dreck, Schmutz und Holzspäne, wohin das Auge blickte. Ein paar Flecken an den Wänden und mit Ruß beschmierte Fensterläden, als habe hier schon lange keine mehr richtig durchgewischt. Aber warum sollte ein Haufen Schnaps trinkender die Nacht zum Tag machender Räuber auch über ein wenig Sauberkeit nachdenken, waren sie doch Hals über Kopf vor dem ihnen drohenden Galgen geflohen.
Margaly starrte auf den kleinen Holzbottich mit heißem Wasser, die alten Lappen, die Riah ihr mit einem fragenden Seitenblick überlassen hatte, und den großen Kanten frisch duftender Seife, den Linnet von einem ihrer Nachmittage in der Heilstube wohl für eben jenen Zweck schon mitgebracht hatte. Eigentlich fehlte nichts mehr außer… ja, eben außer ein wenig Muskelkraft.
Draußen vor dem alten Gebäude hatte einer der Jungen bereits ein Feuer angeschürt, auch wenn Joran und Mhiron im Moment die umliegenden Wälder nach mehr Brennholz abgrasten, und es ihr so ermöglicht das Putzwasser über den Flammen zu erwärmen. Ein wenig der Wärme hatte sich schon in den alten Räumen breit gemacht und so machte es dem noch etwas zu klein geratenen Persönchen auch nichts aus, die Ärmel des alten Kleiden hochzukrempeln, ein wenig der Kernseife im Wasser aufzulösen bis es schäumte und sich an die Arbeit zu machen.

Der frühe Nachmittag war zum Abend geworden, während die Sonne ihren Zenit schon weit überschritten hatte, als sich der saubere Duft vom Inneren bis nach draußen bewegt hatte, zur Einkehr einladend. Zwar sahen ihre Hände jetzt wie grobporige Schwämme aus, waren aufgeweicht und hier und da hatte sie noch einen Spreißel aus den Fingern gezogen doch konnte man nun wieder durch die Fenster nach draußen sehen, zeigte das Holz des Bodens eine schöne rötlich braune Farbe und sogar die hartnäckigen Flecken an einer der Wände waren so weit ausgebleicht, das man sie im Trockenen gar nicht mehr würde erkennen können. Zur Not, falls alles Schrubben eben doch nichts gebracht hatte, würden sie eben ein Bild darüber hängen.
Zufrieden und glücklich ging sie noch einmal durch die Räume um das Ergebnis ihrer aller mühsamen Arbeit zu begutachten. Dort würden die Betten stehen, die auf einem kleinen Karren herbeigeschafft werden sollten, dort, am Ende, gab es genug Platz für eine kleine Waschschüssel um am Morgen den Schlafsand aus den Augen zu waschen und hier, in einer Ecke, würde es viele Kissen geben, auf die man sich in kühlen Nächten werfen konnte um Geschichten zu erzählen. Margaly rief sich die inzwischen etwas müden Hände in Vorfreude.
Der Winter konnte kommen, ganz ohne den Schrecken der vergangenen Jahre…
Ein Winter voller Märchen, zusammen mit anderen die sie so mochten wie sie wahr…

„Biste schon fertig, Marga?“ Der schlaksige Junge streckte den feuerroten Streichholzkopf zur Tür herein und schenkte ihr eines jener breiten Grinsen, mit denen sie Vertrauen zu ihm gefasst hatte. Er erzählte gerne und viel und manches Mal hatte sie schon bemerkt, dass seine Art, ihr immer durch seine laute Art einen Rücken zu bieten, hinter dem man sich verstecken konnte, es ihr mehr und mehr erleichterte auch mit Erwachsenen zu sprechen. Auch Lins freundliche Art, die sie in manchen Momenten auch in ihrer großen Schwester Riah wiederfand, hatten einfacher gemacht, im Haus ohne Zögern aus und ein zu gehen.
„Fast… die Vorhänge fehlen noch, aber da komm ich nicht hin.“ Margaly deutete zu der über den Fenstern angebrachten Stangen, über die der Vorhangstoff nur noch gezogen werden musste und ohne zu zögern half der größere Mhiron, während Joran und Linnet sich draußen schon darum kümmerten das Feuer zu löschen.
„Siehste, so sieht‘s doch schon gut aus…alles so sauber dass ‘ch mich ja glatt drin spiegl’n kann!“ Mhiron lacht auf und hielt ihr ihren eigenen Mantel hin. „‘Ch glaub wir sin‘ für heute fertig…lass uns nach Haus‘ zu Riah, die wird sich schon frag’n ob uns ‘n wildgewordener Kalure gefressen hat!“
Rasch sprang sie die Treppen hinab, ihm hinterher und ergriff draußen gutgelaunt Linnets Hand.
Es gab doch nichts Besseres als Freunde zu haben!


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Mhiron Cionnaith





 Beitrag Verfasst am: 21 Nov 2016 17:44    Titel:
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Müde erhob sich die Sonne über dem kleinen Gehöft, streckte sich gähnend und mit den Zehenspitzen das kalte Grau des Himmels wie die Temperatur eines eisigen Bergsees austestend und zog sich dann rasch wie eine vergrämte Liebhaberin wieder hinter einen Schwall aus Wolken zurück. Die ersten Wassertröge zeigten schon eine feine Schicht aus Eis, wenn es auch noch nicht frisch genug war um bereits die ersten Schneeflocken zu Boden sinken zu lassen. Der Winter kam, ließ sich von seinem Hofstaat aus laut tosenden frostigen Winden, zu Boden gewehten Blätterteppichen und dem gedimmten Himmelslicht ankündigen wenn er auch, wie ein pompöser Herrscher, alle noch auf sich warten ließ, bis es dem hohen Herren genehm genug war. Dann aber würde er so rasch über Nacht einziehen dass man keine Chance mehr hatte, die letzten Kirschen noch vom Baum zu holen oder ein schon lange mit sich getragenes Loch im Schuh zu flicken.

Mhiron starrte wie immer um diese Jahreszeit müde aus dem hübschen großen Fenster des Raumes, den er sich seit einigen Monden schon mit Joran teilte. Joran, manchmal ein wenig ruhig, mit eigenen Gedanken die unter seinem blonden Schopf umhersprangen, mit dem vagen Wunsch vielleicht einmal Ritter zu werden, der im Gegensatz zu ihm Unterricht bei niemand Geringerem als einem waschechten Ritter nahm, dort lernte, was gut und schlecht war, die Gesetze des Reiches kennenlernte und sich manchmal eine ganze Nacht umher schicken ließ, um beschriebene eben aufgehängte Aushänge ebenso rasch wieder abzunehmen. Einen tiefen Atemzug durch die geweiteten Nasenflügel prustend drückte sie der schlaksige Tunichtgut aus dem Bett in die Höhe und sah hinüber zur anderen Seite des Raumes, wo Jorans Habseligkeiten lagen. Alles war, soweit möglich ordentlich und ein wenig verschämt schob er zumindest die erbeuteten Kleinigkeiten, die er auf der Suche durch die Wälder gefunden und wie Schätze nach Hause geschleppt hatte etwas mehr mehr zusammen, als konnte das den unordentlichen Eindruck ein wenig mildern. Es war nicht so, dass er die Ordnung hasste, gab er im Inneren zu, auch wenn ganz saubere Finger ihm noch immer zuwider waren, es fiel ihm manchmal nur schwer, den Abenteuern die das Leben draußen bot nicht einfach nachzujagen und die ausgezogenen Socken einfach an dem friedlichen Platz neben seinem Bett liegen zu lassen. Mhiron seufzte erneut und nahm sich vor, zumindest ab dem neuen Jahr ein wenig mehr darauf zu achten, vor allem da sie ja nun auch den geheimen Treffpunkt mitten im Wald gefunden hatten, der bereits in der nur für Kinder erkennbaren Pracht erstrahlte. Das alte Holz war endlich draußen, die Mädchen hatten geputzt, bis aus der heruntergekommenen Bruchbude ein echtes Zuhause geworden war und selten hatte etwas so gut geschmeckt wie das allererste Stockbrot am Lagerfeuer. Aber es wartete trotz aller empfundenen Euphorie noch eine ganze Menge Arbeit, wollte doch keiner von ihnen im Schnee auf dem Boden sitzen oder sich ohne Bett zum Schlafen niederlegen. Nicht dass er das nicht auch schon gemacht hatte, das gab er zu, doch entschied er sich, wenn man ihn vor die Wahl stellte, immer wieder gern für ein Bett.

Der Rotschopf griff nach dem am Bettende stehenden Hammer und der Säge, an die er sich schon ein wenig gewöhnt hatte, packte einen kleinen ledernen Beutel mit eisernen Nägeln in die Taschen, aus denen bereits ein Knäul mit Angelschnur lugte und trollte sich, Riah an der Tür noch einmal zuwinkend, hinaus in den Wald, vorbei an dem so markant geformten Baum, dessen Äste ein wenig verdreht in den Himmel reichten und schnurstracks über den von ihnen ausgehobenen Graben, der den Beginn ihres kleinen Heiligtums markierte und zu dem Haufen Bretter, den Joran ihm geholfen hatte hierher zu bringen.

Viel Ahnung davon, wie man eine Bank zimmerte hatte er nicht, ein wenig schief würde sie vielleicht werden, aber sie alle zusammen tragen sollte sie, da war er sich sicher. Mit mehr Enthusiasmus als tatsächlichem Wissen ging er ans Werk, zog und schob das erste Brett aus hellem Haselnussholz in Position und ließ sich an einem Ende darauf nieder. Einmal für Linnet, einmal für Joran, einmal für Margaly, einmal für ihn…er rutschte bis zum anderen Ende und nickte zufrieden. Da passten auch noch die einen oder anderen vier Buchstaben mehr mit drauf, wenn man sich nicht zu breit machte oder die Beine quer darüber legte. Ein alter gefällter Baum diente ihm als erstes Bein, das Zweite sägte er aus einem dicken Kanten Holz, für den die beiden Jungen eine ganze Ewigkeit geschleppt hatten
um ihn bis an den Schlaftrakt zu ziehen. Die Sitzfläche erst aufs eine, dann aufs andere Ende hebend ließ er sich ein weiteres Mal darauf nieder. Bequem war es schon mal, doch fehlte eine Rückenlehne um im Sommer nicht schlafend von der Bank zu fallen.
Also machte er sich wieder daran, sägte und hämmerte, betrachtete aus einigen Schritten Entfernung und löste einige Bretter wieder um sie so gerade wie möglich an zwei Kanthölzer zu nageln, die die Rückenlehne aufrecht hielten. Der Schweiß ronn ihm in kleinen Bahnen den Nacken hinab, bildete über der Oberlippe eine winzige Pfütze und sammelte sich als Tropfen über den rostroten Brauen, bis er sie ärgerlich mit dem inzwischen schmutzigen Ärmel des Hemdes wegwischte. Bei dem Holzwurm, der ihm mal ein paar Tage Unterschlupf gewehrt hatte, hatte es so leicht ausgesehen, so eine vermalledeite Bank zusammenzusetzen. Er wollte ja gar kein Bett, keinen komplizierten Schrank mit Schubladen oder gar einen Dachstuhl… schließlich er ja nicht vor das später einmal beruflich zu machen, aber eine Bank, das war doch nicht zu viel verlangt.
Fluchend wie ein Rohrspatz zog und zerrte, hämmerte und sägte er noch eine ganze Weile, bis das Projekt ‚bequemes Plätzchen vor dem Feuer‘ endlich stand, sich zwar bei einem zu genauen Blick ein wenig nach links neigte doch hielt sie auch eine wilde Meute darauf tanzender Kinder aus.

Stolz wie Bolle kramte er in dem Durcheinander aus gebrauchten Werkzeugen und Holzresten nach dem kleinen Schnitzmesser und ritzte in die Rückseite seinen Namen ein, ein wenig krumm wie die Bank und doch gut lesbar. Sich an seinen Schwur von vor einigen Stunden erinnernd griff er noch rasch nach dem Besen und fegte die übrig gebliebenen Späne zur Seite in den Wald hinein, stapelte die Reste der Bretter auf den Brennholzhaufen und verstaute Messer, Hammer und Säge wieder, bis alles aufgeräumt und sauber im abendlichen Licht der Sonne, die ihm beim arbeiten zusehend irgendwann doch wieder hinter den Wolken hervorgekommen war und schlenderte dann zurück zum wartenden Abendessen.
Manchmal fühlte sich eine redliche respektable Arbeit doch gut an… aber mit ihr war es eben wie mit allem Guten im Leben…zu viel war einfach ungesund!


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Linnet Nelarth





 Beitrag Verfasst am: 29 Nov 2016 18:10    Titel:
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... der Letzte macht die Türe zu.

So heißt es doch in all den Redewendungen stets.
Da muss also irgendein Letzter sein, der eine Türe schließt und dies wiederum ist nur möglich, wenn man eine solche Türe besitzt. Im Fall der Spatzenbande waren die Türen eben noch abgängig und wie sollte man ein solch prächtiges Lager bewohnen, wenn man dann weder den ergaunerten Kram und Krempel, noch – bei Bedarf auf Ruhe – sich selber einsperren konnte?
Genau, gar nicht!

Also doch wieder eine Planung und ein Gewerkel. Keine Frage, dass der selbsternannte Kopf der Truppe alle zusammentrommelte und die Arbeiten an den Türen begannen. Mhiro und Joran waren sich rasch einig, dass sie das Gezimmer veranstalten wollten, Oskar und Lirean hatten Nägel, Hammer und andere Gerätschaften besorgt (auch wenn man hier einfach nicht genau nachfragen wollte, inwiefern „besorgt“ denn nun auch „bezahlt“ bedeutete), also konnten die beiden frischgebackenen Zimmermannsgesellen ihrer Schreinerarbeit nachgehen. Es war vor allem eines: verdammt laut! Ein Glück also, dass man mitten im Wald saß und das Wetter es gut mit ihnen allen meinte, denn Schnee oder schlimmer noch, diesen grieseligen Regenmatsch, konnte gerade keiner gebrauchen. Margaly war bald damit beschäftigt sowohl den Arbeitern, als auch den wartenden Herrschaften einzuheizen, indem sie trockene Äste, einige Kieferzapfen und pergamentartiges, sprödes Blattwerk heranschleppte, um ein Feuerchen in die Feuerstelle zu zaubern.
Zauberhaft wurde das besonders, als es schon später wurde und Linnet fluchend bemerkte, dass es schwer werden würde bei der rasch hereinbrechenden Dunkelheit überhaupt noch zu arbeiten. Ganz außerdem würde Riah misstrauisch werden, wenn denn so gar keiner im Hause auftauchen würde. Lirean und Oskar waren bereits wieder in alle Winde gestreunt und man war sich einig, dass Linnet zuerst zum Hof zurückgehen möge und irgendeinen glorreichen Seemannsgarn auftischen sollte, warum der Rest nicht mit im Schlepptau war. Zumindest das Gezimmere, so verkündete der Rest erst, wolle man an diesem Abend noch schaffen.

Gesagt, getan und Riah tat das Ganze eh mit einem dieser feinen Schmunzler ab, bei welchen Linnet sich nie sicher war, ob ihre ältere Schwester nicht längst ganz genau wussste, was die Bande da in den Wäldern machte und nur rein aus Höflichkeit nicht weiter darauf eingehen wollte. Sie fragte nicht weiter nach und ließ stattdessen vor dem Schlafengehen das Brot, den Milchkrug und die Hartwurst, sowie ein hübsches Stück Butter am Tisch stehen, damit der Rest ein spätes, kräftiges Mahl hatte. Sie brauchten ganz schön und auch Linnet ertappte sich dabei, wie sie aus einem unruhigen Schlaf auffuhr, als Margaly irgendwann mitten in der Nacht leise in das Bett huschte. Eigentlich hatte sie wach bleiben und auch gleich nachfragen wollen, doch noch ehe sie die Frage recht formulieren konnte, hatte sie der Traum bereits wieder ganz in seinen Fängen.
Erst am Tag darauf, als die Truppe müde, doch brav geschäftig, den Arbeiten am Hof nachging, hatte sie die Gelegenheit nun ihrerseits an den Türen zu arbeiten und so machte sie sich aus dem Staub und wieder hinein in die Wälder, bis hin zum heißgeliebten Lager.

Gerührt starrte sie auf die hübsch gezimmerten Türchen, welche fertig und sogar frisch gestrichen bereits in den Angeln hingen. Fertig, quasi, nur die Schlösser hatte noch keiner hineingeschraubt...
Da war sie, die Aufgabe für die „Letzte“ und mit einem stetigen Lächeln auf den Lippen fummelte Linnet an den Schlössern herum und arbeite selber bis zur plötzlichen Dunkelheit.
Doch mehr Licht war nun auch nicht mehr nötig.

Der/die Letzte macht die Türe zu... und dreht den Schlüssel stolz im Schloss.
Unseres, endlich!
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Lirean Aeldaryn





 Beitrag Verfasst am: 10 Okt 2017 08:07    Titel:
Antworten mit Zitat

Wintervorräte, es war wieder an der Zeit und diesmal wollte er nicht so zu
fürchten haben, wie im letzten Jahr.
Er hatte sich in den letzten drei, nein bald vier Jahren seit seiner Flucht sehr
gut durchgeschlagen und selbst die dauerhafte Wanderschaft hatte er nun
endlich eingestellt. Seit zwei Jahren war das Spatzennest sein Zuhause und
er war sich sicher, dass das auch in Zukunft so bleiben würde.
Er kannte jeden Baum in der näheren Umgebung,
wusste wo man wilde Früchte, Beeren und Nüsse sammeln konnte,
jedem Bachlauf war er schon zu versteckten Seen gefolgt,
wusste welche Quelle das süßeste Wasser mit sich trug,
die Tiere der umliegenden Wälder hatten sich im Laufe der Zeit an den
streunernden Jungen gewöhnt und selbst wenn nur wenige direkte
Berührungen zuließen, so duldeten sie doch seine Anwesenheit ohne Furcht.
Er wusste, wo die Mufflonherde graste, wann und wo die Fasane nisteten oder
gar wo wilde Ziegen und stierartige Büffel vereinzelt Zuhause waren.
Der Wald um und mit dem Spatzennest war seine Heimat,
der Streuner war angekommen und er pflegte alles sehr.

Tiere duldeten ihn meist und spürten vielleicht, dass der wilde Junge
auch nicht wirklich in den vollen Städten Zuhause war,
doch selbst wenn sie ihm manchmal tröstende Gesellschaft waren,
so hatte er sich dennoch stets etwas einsam gefühlt.
Diesmal war alles anders.
Im Laufe der Zeit hatte er gelernt, dass das Mädchen mit den
lilablassblauen Augen einen Namen hatte und er sprach ihn gerne.
Er hatte verstanden, dass der Junge mit den feinen Gesichtszügen
kein Schwächling, sondern ein beschützender, guter Freund war,
dass der etwas ältere Bursche, der stets so viel quasselte, tolle
Geschichten kannte und dass der mit dem Fuchsgesicht so einige
Wagnisse in Kauf nahm, um sie mit stibitzten Waren zu versorgen.
Ihm machte er so einiges nach, überwand seine Scheu vor Häusern
und hatte schon einige Male vom guten Essen mildtätiger Menschen
profitiert.
Er wollte es ihm gleichtun und diese kleine Familie versorgen,
damit nie mehr jemand gehen und verschwinden musste.
Das Mädchen mit den goldenen Locken fehlte ihm sehr,
denn auch sie mochte Tiere und wenn sie sang, dann lauschten sogar
die Nachtigallen andächtig.
Sie war verschwunden, hatte eines Tages ihre Sachen gepackt, um
weiterzuziehen doch wollte sie nicht ausschließen, eines Tages zurück
zu kommen und er baute auf ihr Wort.
Vielleicht...
Irgendwann...
Und bis dahin sollte alles da sein, er ging Wintervorräte besorgen.
Für das Spatzennest!
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Linnet Nelarth





 Beitrag Verfasst am: 17 Okt 2017 14:34    Titel:
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"Nacht!"
Eine vehement geäußerte Aussage?
Zumindest kein freundlicher, frommer Wunsch!
Eher eine ausgetauschte Verwünschung, denn "Arsch!" hätte vom Tonfall ganz genauso gepasst. Liebliche Adjektive hingegen wurden so oder so weggelassen, denn es gab da nichts Beschönigendes zu sagen. Es war nun Nacht, so viel war wohl allein aus nüchtern-logischen Gründen, wie Uhrzeit, Lichtverhältnisse und einkehrende Stille, ersichtlich. Doch "gut" war sie aus der Sicht des Kupferschopfes schon eine ganze Weile nicht mehr, eher katastrophal, frustrierend, degradierend. Tja und dabei hatte sie eigentlich ziemlich gut angefangen...

Ein kurzer Blick zur geschlossenen Zimmertüre, welche noch vor wenigen Lidschlägen so brutal krachend ins Schloss gefallen war, dass sie eigentlich Tote damit hätte wecken können, doch draußen rührte sich nichts. Riah schuftete in den letzten Herbstwochen immer derart fleißig und ein wenig verausgabend, dass der Hänfling bereits Gewissensbisse gehabt hatte, ihr zu eröffnen, dass sie nun vielleicht wieder eine Lehrstelle in Aussicht hatte und jene eben mit einem Schlafplatz kam. Wobei Riah und sie wussten, dass sie weder die meiste noch die beste Arbeit am Hof verrichtete. Zumindest schlief das Schwesterlein bereits den verdammtnocheins unglaublich tiefen Schlaf der gerecht Schuftenden und das Trampelverhalten der Jüngeren wusste sie auch schon seit vielen vielen Jahren wunderbar zu ignorieren. Die Amsel war ausgeflogen und turnte wohl irgendwo um Bajard herum, wohingegen der Tölpel still die eigene Türe ein Stockwerk tiefer geschlossen hatte und ihre Nacht-Verwünschung auch offenbar nicht weiter kommentieren wollte.
Stille kehrte wieder ein und so blieb nur der ferne Nachhall ihres kurzen, emotionalen Ausbruchs und die eigene, tiefer werdende Atmung.

Langsam schlich sie zum Bett, ließ die großen, schweren Stiefelsohlen plötzlich müde über die Dielen schleifen und fixierte das verheißungsvolle, frisch gemachte Bett. Es war wohl das Sinnigste sich für den Moment einfach der Müdigkeit zu ergeben und nicht mehr an auch nur irgendetwas, außer den Schlaf, zu denken.
Pfriemelnd und etwas fahrig nestelten die Fingerspitzen wie von selbst am obersten Jackenknopf, doch mit dem leisen "Plopp" machten sich diese freien Gedanken schon wieder selbstständig und warfen sie szenisch kurz zurück zum Auftakt des Ganzen, dem Gespräch am Feuer und der Silbermöwe.
Sie waren sich im ersten Moment fremd, der kleine Hänfling und die größere Silbermöwe und doch mussten sie nach wenigen Gesprächsfetzen feststellen, dass sie beide eben Vögel waren, gut beobachten konnten, den Alten nicht mochten und gewisse Eigenarten teilten. So etwas verbindet und plötzlich zwitscherte man mehr, bewegte sich auch verbal freier und unvoreingenommener. Sie hatte bereits beim Goldammer Paralellen festgestellt und da die Amsel schwer zu greifen war, Tölpel und Zaunkönig befragt, ob man Weitere in das Nest einweihen könne. Sie vertrauten dem Hänfling und jener vergab an diesem Abend den zweiten Schlüssel. Ja, der Abend hatte gut angefangen...

"Plopp", ein zweiter Knopf und eine weitere, ebenso einprägsame, wenngleich unangenehmere Szene es Abends erschien sogleich vor dem inneren Auge, als hätten die Gedanken passend zum aufspringenden Knopf ebenfalls einen neuen Sprung gewagt.
Die Taverne, auch ein Nest in gewisser Weise, empfand der Hänfling gerade hier doch eine Art wohlige Wärme und Sicherheit, die für die meisten Augen in gerade diesem Viertel und dem schmuddeligen Eck der Stadt nicht ersichtlich war. Nicht die Steine, Schutt und Schindeln bildeten den Schutz und auch waren nicht sie die Taverne, sondern die Wesen welche hier ihr Herzblut hineinsteckten. Drache, Fuchs, Frosch, Floh und die ominöse Giftspinne, um jene zu nenen, die auch an diesem Abend Leben in die Taverne hauchten. Wie durch ein Wunder erhielt der Hänfling zum ersten Mal ein Bier und für den Moment sah sie es doch als Zeichen, dass sie langsam als das wahrgenommen wurde, was sie innerlich als bereits als neuen Teil ihrer Identität verbuchte. Dankbare Gefühle für die Spinne, welche sich bei der Bestellung nicht einmal gewundert oder sie gar getadelt hatte und ebenso selige Verbundenheit mit dem Drachen, der es diesmal auch nicht kommentierte, sondern zuließ. Blöd nur, dass dieser mürrische Tavernendrachen nicht das einzige, lichthauchende Schuppentier war, das irgendwie in der kleinen Welt des Hänflings mitspielte und noch blöder, dass das Andere durchaus wortwörtlich magisch war.
Sie hätte die beschämende Kinderkneif-Berührung des forschen, frechen Wiesels, das sich ungefragt an die Runde gehaftet hatte, vergeben können, denn selbst wenn die Silbermöwe ihn nicht mochte, so stellte der schmächtige Hänfling (oho Pleonasmus!) doch fest, dass Sympathien gegenüber dem Wieselmännchen vorhanden waren. Ja, er war vorlaut, dreist und garstig direkt, doch brachte er eine gewisse Fröhlichkeit mit, seine Schnatterei gab ihr die Möglichkeit zu schweigen und zu lauschen, er mochte Süßkram und obendrein war er... nunja, sicher ein gefährliches Wiesel aber eben... ähm... eher klein geraten. Sympatisch.
So konnte sie also noch sein Gekneife verzeihen, doch alles, was danach von anderer Seite kam, nicht!
Der Tölpel war schuld, denn er hatte nicht den Goldammer im Schlepptau, sondern den Dragonet und dieser begab sich wie immer in eine Rolle, die doch eigentlich ihre war. Beobachte, forschte und machte sich so offen geistige Notizen, dass er über die ein oder andere Reaktion sogar belustigt schmunzeln musste. Alles noch erträglich, wenn nicht der Hänfling oder aber die dazugehörigen Freunde im Mittelpunkt standen und just traf es die Silbermöwe, an der diesmal herumprobiert und gekitzelt wurde, bis eine Stiefelspitze ihrerseits des Dragonets Schienbein traf und eine Stimme in ihrem Kopf erklang. Wie damals bei Meisterin Lilles Unterricht und ähnlich wie dort bereitete ihr diese magische Intervention rasch ein derartiges Unbehagen und Panikgefühl, als hätte man sie plötzlich in ein Becken mit Eiswasser geworfen. Schrecksekunde Flug - eisige Angst.
Es wurde tatsächlich um ein paar Grad kälter, was die Stimmung betraf und sie war dankbar, als man die Runde auflöste.

"Plopp", der Versuch diesen Gedanken aufzulösen hatte gefruchtet und ein Neuer kam bereits hinzu, warf sie geistig wieder einmal in den Hafen Rahals.
Die Silbermöwe hatte sie hinausbegleitet oder anders herum, zumindest standen sie beide einen Moment vor der Tavernentüre und überlegten, ob es sinnig war, auf den Tölpel zu warten oder ob jener nun auf anderen Flugbahnen unterwegs war, doch schloß er sich ihnen still und wahrscheinlich etwas verwirrt an. Die Verabschiedungsausrede wollte man in die Tat umsetzen und so stand sie nur wenige Momente später staunend in der Möwenhütte. Simpel, zusammengestellt, vielgerüchig! Aber irgendwo in der Duftmischung roch es nach Freiheit - zumindest im übertragenen Sinne - und auch das imponierte dem Hänfling, denn ganz so frei, weit und eigen hatte sie es nicht geschafft. Da fehlte, so die Realisation, Erfahrung und Wissen. Für einen Moment hoffte sie in die Gedanken des Tölpels hineinsehen zu können, der immernoch schweigsam im Freien stand und nur kurz seinen Kopf hineingesteckt hatte. Verglich auch er?
Noch ehe sie aber länger darüber sinnieren konnte, bemerkte sie den Schatten im Schatten, das schwärzere Schwarz in der Dunkelheit und aus dem Nichts trat ein wilder Hund. Jetzt erkannte sie kurz schemenhaft auf dem Gesicht des Tölpels, dass auch er sich erschrocken hatte und selbst die Tatsache, dass die Silbermöwe und der Hund sich kannten, lösten das Unbehagen nicht.
"Hunde die bellen, beißen nicht."
Ein guter Rat, doch dieser Hund knurrte nicht einmal, sondern starrte nur und ließ sie passieren, ehe er die Türe mit sich und der Silbermöwe im Inneren schloss. Tölpel und Hänfling wechselten Blicke und unausgesprochene Versprechen. Dann erst ging es heimwärts.

Heimwärts und ab nun ins Bett, es gab nichts mehr, worüber man noch grübeln musste, nicht wahr? Der letzte Knopf. "Plopp". Verräter!
Natürlich musste auch die letzte, kurze und wohl unangenehmste Szene ein weiteres Mal herabgezeichnet werden.
Schritte auf weichem Erdboden.
Ein radikal reduziertes Gespräch dazu.
Ein Dialog.

"Warum?" Minimalistische Frage. "Hm?" Noch minimalistischere Rückfrage. "Warum hast du ihn mitgebracht?" Übersetzung der ersten Frage. "Ich mag ihn." Erklärung. "Ich nicht!" Vehemente Aussage. "Warum?" Irritation. "Er spricht in meinen Kopf." Erklärung. "Hä?" Unverständnis. "Magie, verdammt, Magie." Erklärung. "Hmmm, zu mir ist er nett..." Feststellung. "Uuuh, vielleicht findet er dich ja süüüß!" Spott. "Ich glaube nicht!" Überzeugung. "Oh, ich glaube aber doooch." Beißender Spott, gepaart mit aufkeimendem Zorn. "Nein. Er steht nur auf große Mädchen". Aussage - und tausend folgende Interpretationen, Denkanstöße, inklusive die schleichende Erkenntnis, dass die beiden Herrschaften offensichtlich über sie gesprochen hatten. Natürlich wusste der Tölpel daher plötzlich über die Küchlein bescheid und offensichtlich hatte er da den Auftrag ihr etwas mitzuteilen, was sie DOCH EH SCHON WUSSTE, VERDAMMT!

Dann kam der Ausbruch.
Dem folgte die Gedankenrevue.
Und jetzt war sie hier.
Vor dem Bett.
Mit fertig aufgeknöpfter Jacke.
Bereit zu schlafen.
Und so...

... knöpfte sie die Jacke wieder zu, machte auf dem Absatz kehrt und huschte plötzlich, trotz der immernoch zu großen, schweren Stiefel, unglaublich leise die Treppen wieder hinab, griff nach der blutroten Gugel und versteckte die Haare darunter. Die Hoftüre öffnete sich beinahe lautlos und das Gattertor ebenso.
Wäre der Hänfling ein Mädchen-Mädchen, so hätte es ihn nun nach Drama gedürstet, nach strömendem Regen und zusätzlich tränenüberströmten Wangen, nach Ohnmacht und Schluchzen, nach einer schrecklich bösen Welt und einer einzigen, tragischen Protagonistin. Doch es handelte sich eben um einen Hänfling und so stopfte sie beide Hände in die Manteltaschen und beschloß sich eine Nacht Ruhe zu gönnen und die Gedanken des Abends für den Moment wortwörtlich hinter sich zu lassen. Sie lief los. Zum Schlafen brauchte es jetzt ein Nest mitten im Wald, fernab von den Verwirrungen des Erwachsenwerdens. Ein Spatzennest.


Zuletzt bearbeitet von Linnet Nelarth am 17 Okt 2017 14:34, insgesamt einmal bearbeitet
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Lirean Aeldaryn





 Beitrag Verfasst am: 27 Okt 2017 14:43    Titel:
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Und plötzlich waren sie wieder viele.
Lag bestimmt am bevorstehenden Wintereinbruch, denn genau dann raufen
sich nich nur Vögel zusammen, um gemeinsam gegen die Kälte zu kämpfen,
sondern eben auch Menschen. Inbesondere Jungendliche, die nicht alle eine
feste Bleibe oder gar eine Familie hatten. Die Mitglieder des Spatzennests
waren nun seine Familie und gerne hatte er die Wintervorräte für alle, ja
sogar den seltenen Gast Mhiro oder den noch seltener anwesenden Oskar
herangeschleppt. Natürlich auch für Marga, von welcher niemand wusste,
wann oder ob sie denn wieder zu ihnen zurückkehren würde.
Die Fischerei hatte sich doppelt und dreifach gelohnt und dank Linnet hatten
sie nun auch verschiedene Trockenfisch-Rezepte, damit es nicht nur eintönig
blieb. Allerdings hatte sich Lir längst fertig mit der Arbeit geglaubt, als nun
drei weitere Schlüssel vergeben worden waren. Ächzend hatte er die Arbeit
dann eben doch wieder aufgenommen.
Warum auch nicht?!
Yassi, war keine Frage, denn er mochte das hübsche, blonde Mädchen,
erinnerten ihre hellen Locken ihn doch ein bisschen an Marga und zudem
schien Lin sich daran zu freuen, dass sie nun nicht mehr das einzige
Mädchen in der Runde war. Die beiden ähnelten einander irgendwie. Sie
waren ja sogar beide ziemlich niedrig gewachsen. Ja, Yassi war gar keine
Frage, sie gehörte dazu.
Mit Justus verhielt es sich nicht anders, denn er war aufmerksam und
wusste genau, wann er lieber schweigen und lauschen oder ohne Scheu
reden konnte. Gemeinsame Feinde gab es noch obendrein!
Am lustigsten war zu sehen, wie Mhiro, der sonst so gern redete, an den
Lippen des weißblonden Jungen hing. Dessen Art schien auf den Streuner
Eindruck zu machen. Sicher auch Justus musste dazu gehören.
Dann war da noch Arion und den kannte er zwar nicht aber sowohl Lin
als auch Joran und ebenso Justus schienen den Burschen zu mögen. Sonst
hätte Lin ihm wohl auch den Schlüssel nicht zugesteckt.
Angeblich ähnelte er Joran ein wenig, wenn auch (laut Lin) nicht optisch.
Gut, sie mochten ihn, also gehörte auch er dazu!
Wieder griff er nach der Angel und arbeite.
Nach einigen Tagen aber legte er eine weitere Angel und ein paar Köder in
Lins Truhe. Sie würde bestimmt wissen, wie sie diesen Wink zu deuten
hatte.
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Linnet Nelarth





 Beitrag Verfasst am: 12 Dez 2017 21:38    Titel:
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*
Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land,
Das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen
Einander mit der ausgestreckten Hand
Der Horizonte violettes Schweigen.
Georg Heym
*


In der Stube wartete der Pudding.
Selbstgekocht, mit frischer Milch vom Weiler und den ersten, rotgelben, süßen Winterapfelschnitzen, die sie am Ofen getrocknet hatten. Natürlich waren es Riahs Kochkünste, nicht ihre, die ihnen den besten Pudding der Lande bescherten und nachdem sie sich in ein wenig Verzicht üben sollte, stand das Töpfchen nun eben in der Kaminstube am Tisch und wartete tatsächlich, geduldig und duftig, bis ihr Meister irgendwann davon angelockt vielleicht doch ein wenig Abendbrot zu sich nehmen würde. Er vergrub sich eifrig in Arbeit und sie wollte nicht stören, legte nur einen Zettel daneben, auf welchem nicht mehr stand als:
"Eure hohe Base, die Vicaria Falon, lässt Euch die besten Grüße ausrichten."
Nachdem sie ihr Werk dann eine Weile nachdenklich betrachtet und auch für adäquat befunden hatte, verspührte sie aber erneut den Wanderdrang. Nun, vielleicht war wandern dabei nun das falsche Wörtchen, vielmehr den Wunsch noch einmal kurz hinaus zu gehen, um mit allen Sinnen in den Winter zu tauchen. Gedacht, kurz kopfschüttelnd gezögert und... getan!

Die Schneedecke gab den schweren, immernoch zu großen Stiefeln nach und mit einem leisen knirschenden Geräusch sank das Mädchen bei jedem Schritt ein wenig in die kristalline Eis-Schnee-Schicht ein. Die ruckelige Abwärtsbewegung und das Hinausstrecken kostete Zeit, doch das störte sie in dieser Nacht wenig. Der Weg war nicht weit, sie konnte immernoch die Lichter in der Veste der Quuypoloth sehen, und zudem hatte sie keine Eile. Während der eigene Atem zu nebeligen Wölkchen geschnaubt bald von der kalten Luft zerfasert wurde, so hauchte der Wind den Frost auf die Wangen und knabberte unangenehm an der sommersprossigen Nasenspitze. Die Luft schmeckte und roch nach Eis, kalt und ein klein wenig metallisch, doch auch so klar und rein wie ein Gebirgsquell. Als sie in das Unterholz bog, stellte sie wieder einmal erstaunt fest, wie stark die weiße Decke das zarte Licht der Sterne und den Silberglanz des Mondes zurückwarf, denn sie benötigte keine Laterne, um doch einige Meter weit gut und deutlich in den Wald hinein zu sehen. So waren die sowieso vertrauten Schritte noch rascher getan und es dauerte nur wenige Momente, ehe sie ein weiteres Mal an diesem Abend im Wagenrund stand.

Stille, ja auch sie gehörte zum Winter wohl dazu. Kein Vogel sang und den großen Bäumen hatte man die Stimme mit ihren Blättern genommen. Bis zum Lenzing würden sie schweigen, vielleicht ab und an ächzend knacken oder knarren, doch nicht mehr flüstern und leise lachen. Stille, bis zum Lenzing. Der Mondlauf, in dem alles erwachte und in welchem sie den Winterschlaf im Bauche der Mutter nicht mehr ausgehalten hatte. Viel zu früh hatte sie das Licht der Welt erblickt und einige Tage bangten dann Familie, Freunde und der arme Heilkundige mitsamt Hebamme um ihr Leben. Stilles Kind, stilles Haus. Dann hatten die Singvögel angeschlagen und mit ihnen irgendwann auch das Neugeborene gebrüllt, denn irgendwo wusste sie schon damals, dass es genau die richtige Zeit war, um zu erwachen, um zu rufen, zu leben. Im Lenzing wird es grün, im Lenzing pfeifen (es) die Spatzen schon von den Dächern und im Lenzing erblühen die ersten Veilchen.
Lenzing, ihre Zeit und ihr Leben.

Jetzt aber war da Stille und so lenkte kein Spatzenträllern ihren Geist davon ab immer und immer wieder inmitten der Stille die stummen Kommentare in den Kopf zu flüstern, wo sie mit den Gedanken kreisten und bemerkt, ausgewertet, notiert werden konnten. Dabei waren sie so mannigfaltig und verwirrend bunt durcheinander, wie das Farbspektrum eines glitzernden Schneekristalls im Morgenlicht. Sie kommentierten mit etwas Wohlwollen, dass die Hosenbeine und Ärmel ein wenig kürzer waren, als noch im Sommer und mäkelten gleich danach darüber, dass es aber wohl nur wenige Fingerbreiten sein konnten, um welche sie da gewachsen war. Drohend wurde hinterhergeflüstert, dass sie mit dem nächsten Lenzing tatsächlich kein kleines Mädchen, sondern mit den dann vollendeten sechzehn Jahren ihres Lebens, eine junge Frau sein würde und jene wuchsen bekanntlich nicht mehr allzu viel in die Höhe. Gut, in die Breite hatte sie sich auch nicht gedehnt und dennoch war sie nicht knochendürr oder gar adrett filigran, sondern lediglich schmächtig und eben klein. Von der begehrenswerten Sanduhrfigur war sie so weit weg wie der toten Königin' Kinder von einem gemeinsamen Kaffekränzchen. Rundungen besaß sie kei... kaum. So ganz stimmte das nicht mehr, denn das unangenehme Ziehen in der Brust ging vermutlich schon mit einem gewissen Wachstum einher, doch auch diese behutsame Entwicklung versprach ihr nicht gerade ein prächtiges cabezianisches Schankmaiddekolleté, sondern eher etwas, was sie im Notfall irgendwie noch von einem Knaben (oder eben einem kleinen Mädchen) unterschied. Ganz ganz glorreich - nicht.

Ärgerlich schob sie diese eitlen Gedanken beiseite, wusste sie doch, dass sie nur bedingt an den Fügungen der Natur feilen konnte oder auch erst gar nicht so recht feilen wollte. Warum also jammern, wenn sich da die zweite Seele in der Brust ganz und gar nicht nach dem erwachsenen, reizvollen Körper einer Prachtfrau und eben auch allem, das dazugehörte, sehnte, sondern viel lieber wieder etwas kleiner, kindlicher und unbeschwerter durchs Leben gehen wollte. Wie simpel und dennoch vielfältig, märchenhaft und schaurig, kurz aber unendlich einprägsam war die Kinderzeit und wie sehr hatte sie sich darin gefunden. Vielleicht lag es tatsächlich ein wenig an ihr selbst, dass alles zaghafter, langsamer und geringer voranschritt, denn sie war es, die sich immernoch vor den Momenten fürchtete, in welchen sich dann plötzlich die Sichtweise verschob. Es war so wie mit diesem Bild, das ihr Ide im Sommer Zuhause kichernd vor die Nase gehalten hatte.
"Was siehst du da, deirfiúr bheag?", hatte sie gewispert und sie danach erwartungsvoll angestarrt. Mit etwas Misstrauen und Sorge zwang sich Linnet damals den Blick auf das Bild zu richten und hatte das Werk kurz studiert, um wahrheitsgemäß zu antworten:
"Eine Fischfamilie in einer bauchigen Flasche... hm, könnten Delfine sein."
Da hatte Ide sich nicht mehr halten können und noch während sie schallend lachte, brachte sie irgendwie zwischen dem Gackern noch einen seltsam verletztenden Satz heraus.
"Níl tú ach leanbh!" Du bist nur ein Kind.
Dieser eine Satz, von der ältesten Schwester eigentlich mit fröhlichem Amüsement, ein wenig Hingabe und vor allem Liebe gesprochen, hatte sie dermaßen gekränkt und verärgert, dass sie sich noch nicht einmal richtig von Ide verabschiedet hatte, als es zurück nach Gerimor ging. Drei Wochen später sandte ihr diese auch noch das Bildchen in einem Brief hinterher und Linnet hatte es mit neuem, aufqualmenden Zorn erst einmal in die Untiefen ihrer Kommode verbannt. Nur um es jetzt, als sie vor ein paar Tagen frische Kleidung vom Weiler mit nach Grenzwarth genommen hatte, wiederzufinden. Der neue, zweite Blick auf die Zeichnung hatte ihr die Sprache verschlagen und die Röte regelrecht in die Wagen gepumpt. Delfine in einer Flasche, ja. Doch nun waren sie nicht mehr alleine und je nachdem wie sie es betrachtete trat mal der eine, dann wieder der andere Aspekt hervor. Sichtverschiebung mit peinlicher Befangenheit, heißkalten Empfindungen und befremdlicher Unsicherheit. Danke, Ide, darauf konnte man doch wohl verzichten. Ja, vor allem, wenn sich diese Sicht irgendwann auch auf mehr als nur ein Bild verschob. Wenn der Spatz flügge und das Veilchen tatsächlich von der zarten Knospe zur prächtigen Blüte wurde, Bienen anlockte... äh! Oh Grauen!

"Aber Veilchen bleiben immer irgendwie klein.", konstatierte sie in die Winterstille hinein und für einen Moment schien es so, als würde ihr jene gutmütig lächelnd kurz lauschen.




Zuletzt bearbeitet von Linnet Nelarth am 16 Mai 2018 18:09, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Lirean Aeldaryn





 Beitrag Verfasst am: 01 März 2018 13:07    Titel:
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Der Schnee war weg.
Seit Tagen schon.
Doch was nicht zurück kam, war der Auftrieb und die Begeisterung.
All seine Freunde hatten längst ihren Weg gefunden und er saß untätig herum.
Eine Weile hatte er überlegt ihnen allen als eine Art Zimmermann behilflich zu sein,
denn das Spatzennest brauchte Ausbesserungen oder mal neue Möbel.
Doch kaum hatte er einen einfachen Hocker zusammengenagelt, da schien ihm auch
diese Arbeit dröge und falsch. Juhuu, ein Hocker mehr. Und dann? Jeder in der Runde
hätte genau das gleiche vollbringen können und sich danach dem eigentlichen Beruf
gewidmet. Aber genau das war doch das Problem! Er hatte keinen Beruf.
Mhiro hatte ihm erst vor kurzem wieder einmal aufmunternd bescheinigt, dass er, Lir,
eine ganze Menge Talente haben musste und dennoch wollte er sie ihm nicht nennen.
"Wenn ich dir das jetzt sag', dann ärgerst du dich nur, dass du nicht selber drauf
gekommen bist. Du musst dich einfach nur fragen, was du machen magst und
was dich antreibt."
So ein blöder Rat! Das war genauso nichtssagend wie "Finde deine Stärken."
Warum konnten sie es ihm nicht einfach sagen? Eine Weile hatte er alles mögliche
ausprobiert. Er war fischen und dann war er Pilze sammeln. Jetzt im Winter war es
eben Holz und ein wenig Schnitzerei. Daher hatte er auch geglaubt, dass das seine
Zukunft werden müsste. Nur um jetzt eben festzustellen, dass es ihn schon nach
wenigen Tagen störte. So richtig schlimm störte. Mal ein bisschen Holz hacken,
in Ordnung, Mal einen Hocker zusammenzimmern, na gut. Mal ein paar Näpfe
schnitzen, ja warum nicht. Doch da war dann Schluss. Danach wollte er kein Holz
mehr sehen und die Schnitzmesser konnten ihm auch gestohlen bleiben.
Aber was dann? Ach, es war zum aus der Haut fahren und in solchen Momenten
fühlte er sich wieder eingesperrt, öffnete die Tür und marschierte bei egal welchem
Wetter durch die Lande. Er brauchte die frische Luft, denn diese beruhigte ihn, ganz
egal ob die Sonne stach oder der Wind in die Nase biss. Hier draußen blühte er auf.
Er freute sich, wenn er die Tiere des Waldes sah und manche ihm gegenüber schon
ziemlich zutraulich waren, doch auch über den Waldrand hinaus trieben ihn die Schritte.
Manchmal bis fast nach Bajard hinein. Aber nur fast! Städte waren immer noch nicht
seine Welt. Bajard war klein und schien friedlich, weshalb er sehr selten bis zur Bank
ging, doch auch hier rannte er eher, denn das geschäftige Tun und Treiben am
Marktplatz mochte er nicht sehr leiden. Wie sehr beneidete er dann aber die Schäfer,
die ihre Ruhe weg hatten und mit der Herde zusammen die Lande durchziehen konnten.
Oder die Bauern, die ihre Parzellen am Rande des Waldes aufgebaut hatten und dort
in hingebungsvoller Liebesmühe die ersten Frühkartoffeln großzogen.
Manchmal sah er ihnen dabei zu. Natürlich aus einer gewissen Distanz, versteht sich.
Wie neidisch er kurz war, als er einen alten Bauern beobachtete, der zwei kleine
Zicklein mit auf die Weide trieb und dann zufrieden lächelte, als sie fröhlich
meckernd über das erste, matte Grün sprangen.
In den Augen des Bauern hatte er sie gesehen: die Zufriedenheit über die Zukunft und
die Gewissheit des eigenen Pfades, Der Bauer hatte seinen Platz im Leben gefunden,
wohingegen Lir das Gefühl hatte vor vielen Sackgassen zu stehen.
Seufzend war er an dem Tag gegangen und hatte im Spatzennest wütend die
Schnitzfiguren aus dem Fenster geworfen. Eine nach der anderen! In den nächsten
Nächten kam der Schlaf nur spät und dann waren die Träume eher unruhig, voller
Zweifel. Mhiro hatte er sich anvertraut und dann eben diesen einen blöden Rat
bekommen, der ihm nicht wirklich half. Wieder wurde er umtriebig und unruhig.
So hatten ihn auch heute die Wege weit weg vom gemeinsamen Unterschlupf
geführt und verwundert fand er sich wieder vor der Parzelle des alten Bauern.
Dieser war nirgendwo zu sehen, doch die Zicklein hatten den Burschen entdeckt und
meckerten ihn erwartungsvoll an. Mit einem müden Lächeln näherte er sich dem Zaun
und fand ein paar Apfelschnitze in seinem Gepäck, die er mit den Tieren teilte.
"Euer Herr ist heute schon wieder zurück an den Hof, mhm?" Hörte er sich sagen.
"Der hat es gut. Arbeit an der frischen Luft, mit lebendigen Wesen arbeiten, aufziehen
was man säht und doch muss er nicht in einer Stadt voller Lärm und Dreck leben."
Die Zicklein schienen ihn zu betrachten und da kam es einfach über seine Lippen:
"Ich wünschte, ich könnte das auch..."
Die Äußerung ließ es wie Schuppen von den Augen fallen. Ja, das waren doch seine
Stärken. Andere umsorgen, sich kümmern, die Natur, die Pflanzen und die Tiere.
Das war es, das wollte er werden: ein Landwirt!
"Sooosoooo..." Brummte eine tiefe Stimme und als er sich umdrehte, stand da der
alte Bauer mit einem breiten Lächeln auf den Lippen.
"Dann pack es an, Bursche. Ich könnte für den Frühling einen Knecht gebrauchen und
du scheinst mir kräftig und aufgeweckt zu sein. Das heißt, nur wenn du magst. Mit
Münzen zahlen kann ich nämlich nicht aber ich teile mein Brot und die Erfahrung mit
dir. Einen Teil des Feldes könntest du auch nutzen und selber bestellen."
Das musste man ihm nicht zweimal sagen.
"Sehr sehr gerne!"
Der Bauer streckte ihm die grobe, von Erde ganz dunkle Rechte hin.
"Das freut mich. Ich bin Ebenolt Rübenhalm aber die Leute hier nennen mich alter Ben."
Die Sonne strahlte an diesem Tag irgendwie heller und klarer, als der Bursche seine
Hand ergriff und drückte.
"Und ich bin Lir. Einfach nur Lir."
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Fin





 Beitrag Verfasst am: 23 Jul 2019 20:11    Titel:
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Im Schlafwagen findet sich ein ziemlich ranziger Zettel, der mit einem kleinen Schnitzmesser an die Innenseite der Tür gepinnt wurde.
Die "Botschaft" ist dabei wie folgt:


_________________
...and lost boys like me are free.
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Kordeleon





 Beitrag Verfasst am: 06 Dez 2019 15:16    Titel:
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Am Morgen lockt ein schwacher Kuchenduft hungrige Mäuler in den östlichen Wagen des Spatzennestes. Auf dem Tisch, so man die Stoffe enthüllt, erscheint ein prachtvoller Schiffkuchen mit Haselnüssen und Apfelscheiben als Besatzung und Planken aus rotem Zuckerguss.

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