- Disharmonien haben ein ganz besonderes Ausstrahlungsvermögen auf die Umwelt.
Erich Limpach
Gerechtfertigt, unbestritten.
Die Strafe hatte ich meinem eigenen Fehlverhalten zuzuschreiben. Darüber gab es auch nichts zu beklagen, außer, dass sie mir zu weich erschien. Natürlich erwähnte ich das nicht. Wer war schon so töricht nach mehr Härte zu betteln?
Ich fragte mich, wie oft es vorkam, dass ich mit einem der drei am Tisch saß – oder ab nun eben stehen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass das oft vorkam, schien mir sehr gering. Ohnehin war das ein Umstand, der mir ein wenig missfiel. Ein Umstand, den ich ohnehin ansprechen wollte. Wir sollten eine Bruderschaft darstellen – brüderliches fand ich darin nicht, geschweige denn gemeinsames, außer der Weg, der vor uns allen lag, mit einigen geringfügigeren Abstufungen und Rängen.
Wenn ich aber überdachte, wie viel Kontakt ich gerade zu denen hatte, mit denen ich zusammen im Feld stehen und führen sollte irgendwann, dann war das erbärmlich gering einzustufen. Ich bezweifelte, dass sich das mit der Fertigstellung der Festung änderte.
Wo ich Zusammenhalt und Zusammenarbeit fand, fehlte er mir hier doch zusehends. Zwar kamen einige stets zum Unterricht zusammen, aber darauf beschränkte es sich auch schon. Gespräche, Austausch, so etwas gab es nur im Rahmen dessen, was zu erledigen war und keinen Augenblick darüber hinaus. Die einzige, bei der sich das etwas anders verhielt, zumindest für mich, war die Ritterin. Ich wusste aber nur zu gut, dass dies eben für mich galt, nicht zwingend aber für die übrigen.
Was ich vielleicht ein Vorteil für die Strafe sah, war ein erheblicher Nachteil für den gesamten Rest. Und es schien niemanden zu stören, oder gar von irgendwem anders bemerkt zu werden. Trotzdem beschloss ich, mich dahingehend erst einmal zurückzulehnen und es mir anzuschauen. Auch wohin es sich noch entwickelte.
Hochmut. Vielleicht trug ich derartiges zur Schau. Ich mochte es nicht einmal abstreiten, auch wenn es mir selber nicht so vorkam. Demut wollte er mich lehren. Ich war verflucht noch eins kein verweichlichter Alumener. Ehrfurcht und Demut zu verwechseln. Er konnte mich mal getrost sonst wo und sonst was…
Wie vereinbarten sich nun der Leitsatz zur Hinterlist, Intrige und Schattenkünsten mit dem Kodex? Für mich war die Frage noch immer unzureichend beantwortet, aber ich schätzte, ich musste die passende Antwort selbst herausfinden. Woher ich sie bekam, glaubte ich zu wissen. Also folgte eine gedankliche Notiz, die Ritterin einmal aufzusuchen dafür. Ich wollte verdammt sein, wenn ich jede getroffene Aussage einfach als gegeben hinnahm, anstatt meinen eigenen Kopf zu benutzen und abzuwägen. Er mochte Ahad sein, er war genauso aber auch Mensch. Das Fatale an denken Wesen war, dass sie Fehler begingen. Natürlich gab es die, die es niemals wahrhaben, geschweige denn hören wollten. Das konnte ich ihnen getrost überlassen.
Eine Verbeugung ist nichts wert, wenn sie nicht mit dem nötigen Respekt und der nötigen Demut erfolgt.
Natürlich nicht! Was für eine Erkenntnis! Ich seufzte innerlich auf. Selbstverständlich konnte sie nur aus Respekt erfolgen, oder gar alles missen lassen und nur als Pflicht angesehen werden, als Erwartung, die gestellt wurde. Demut. Schon wieder Demut! Sollte er doch zu Kra’thor fahren von mir aus. Aber Demut würde er vergebens suchen. Ehrfurcht konnte er haben. Vor dem All-Einen und seiner Heiligkeit. Ehrfurcht vor den Ahads? Dazu sah ich mich beim besten Willen nicht imstande.
Es war nicht mal dem Umstand geschuldet, dass ich es nicht wollte. Ehrfurcht war für mich etwas Tiefgehendes. Ich empfand die nötige Furcht und Verehrung für den Alka, ich empfand sie noch tiefer vor dem All-Einen. Mir fehlte die Scheu vor beiden, und es war mehr als bloße Achtung, die ich hegte. Es war der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an das, was ich höher schätzt als mich selbst. Ich empfand es als blasphemisch genau diese Ehrfurcht an einen Niederen als dem Herrn oder seinem bestellten Vertreter auf Erden zu vergeben.
Ganz davon abgesehen fehlte es ihnen dabei an der entscheidenden Präsenz dafür. Vielleicht wäre es mir leichter gefallen, wäre diese vorhanden. Meinen Respekt durften sie haben oder fordern, ob nun verdient oder nicht. Mehr konnte und wollte ich nicht bieten. Sollten Sie damit leben oder daran ersticken.
Demut fiel für mich gänzlich aus. Weder war es für mich unerreichbar selbst irgendwann vom All-Einen zum Ahad erwählt zu werden, noch sah ich einen solchen als unerreichbar höher an. Das allein waren nur der All-Eine und seine Heiligkeit.
Ich folgte den Geboten des All-Einen nach bestem Wissen und Gewissen. Ich fehlte gelegentlich, ganz ohne Frage, sah diesen Missstand aber auch und stellte mich ihm, anstatt den Schwanz einzukneifen. Mehr an Ehrfurcht und Demut war kaum mehr aufzubringen. Wenn er meine Haltung als hochmütig empfand, dann sei es drum. Sollte er so befinden.
Die Arena konnte auch endlich in Angriff genommen werden. Ein kurzes Gespräch mit Shasul ergab dann letztlich die Lösung, dass er sich hauptsächlich darum kümmerte, ich einsprang, wenn es nötig war. Ich war gespannt. Auch bei der Festung sollte es allmählich vorangehen. Die anstehenden Aufgaben wurden noch einmal aufgeteilt. Im Stillen amüsierte ich mich über den Letharen. Er hielt sich zweifelsfrei genau an das, was er zu mir gesagt hatte, als ich ihm die Notizen gab, was die Festung bestenfalls beinhalten sollte. Natürlich neigte ich dazu mich unwissend zu geben, weitere Strafen konnte und wollte ich mir nun wirklich nicht leisten. Und im Grunde handelte es sich hier ja um die Nickeligkeiten des Schmieds, die ich ihm aus lauter kleinlicher Gehässigkeit nur zu gerne ließ.
Irritierend war nur wieder mein Eindruck vom Gespräch. Auch wenn ich mich zurückhielt, erst einmal ausschwieg, so führte ich es am Ende doch irgendwie zum Teil. Aber wie es auch verlief, die anstehenden Dinge fanden eine Aufteilung, jeder hatte etwas zu tun. Ich setzte meinen Teil direkt in die Tat um und suchte die Magistra auf, um Näheres in Erfahrung zu bringen, wurde allerdings vertröstet, da sie erst mit den anderen Arkorithern beraten wollte, was möglich war. Also übte ich mich in Geduld.
Der Tag artete als einziges Geläuf aus. Ein Gespräch folgte dem nächsten. Mittlerweile kam ich mir mehr wie ein Bauherr oder Baumeister vor, als denn wie ein Knappe. Man sollte meinen, dass Handwerker mit derartigem am besten betraut waren. Ich hoffte inständig, dass die Bauarbeiten bald begannen und ebenso bald abgeschlossen waren. Allmählich begann ich das Ganze als lästig zu empfinden.
Die Schwierigkeiten um diese Jahreszeit solche Projekte durchzuführen, sah nicht nur Xen’draxol. Und sie kamen nicht nur an einer Stelle auf uns zu, sondern eigentlich sogar an zweien. Aber, wie stets, folgten wir den Wünschen seiner Heiligkeit nach bestem Vermögen. Wenn es nicht gut genug war, sollte er verdammt nochmal den Einen bitten das Frühjahr früher einzuleiten! Damit wären etliche Probleme mit einem Schlag gelöst.
Inzwischen machte ich mir Gedanken darüber, wie wir ein warmes Lager für die Arbeiter an beiden Stellen ausheben konnten. Es musste genug da sein, um ein warmes Zelt zu schaffen, in dem sich die Wärme auch hielt. Arbeitseinteilungen mussten geschaffen werden, - und verdammt nochmal, warum machte ich mir einen Kopf darüber, obschon es nicht meine Aufgabe war?
Weil du hochmütiger Sack genau weißt, dass der Rest es vermutlich versäumt.
Ich verscheuchte die Gedanken angestrengt, setzte mich vor den Kamin und nahm ein Pergament zur Hand und begann damit mir Notizen zu machen. Zelt, Ofen, zusätzliches Überzelt, Stofflagen für die Eingange, schwere am besten. Sitzmöglichkeiten, die nicht unbedingt auf dem Boden lagen. Felle oder Matten für den Boden, um von unten den Frost möglichst fern zu halten. Kohlebecken in den Ecken. Vorrat an Kohle und Holz. Mal zwei.
Danach fischte ich ein zweites Pergament vor, begann dort einiges zu notieren zum Biwak der vergangenen Tage. Zwar war ich nicht durchgängig dort gewesen, weil meine Pflichten anderes von mir gefordert hatten, aber die Eindrücke, die ich gewonnen hatte, wollte ich doch noch mit der Hauptmann durchsprechen. Es konnte sicher nicht schaden auf einiges hinzuweisen, und ihr nur helfen. Das war natürlich auch eine Herausforderung, es so zu verpacken, dass sie sich nicht auf den Schlips getreten fühlte. Allerdings war meine Intention sicher nicht die der Belehrung, sondern einfach nur als Hinweise gedacht, worauf beim nächsten Mal vielleicht geachtet werden könnte oder sollte.
Immerhin sollte es ja auch sinnbringend sein, derartige Feldgänge zu üben, damit jeder im Zweifel wusste, was zu tun ist. Teilweise waren die Ideen, die Vorgänge nicht schlecht gewesen, an anderen Punkten allerdings schon in meinen Augen mangelhaft. Da ich aber wusste, dass ich nicht das Maß aller Dinge war, hielt ich ein Gespräch für sinnvoll und nützlich. Nicht mal nur für die Garde, auch für mich. Immerhin schulte das Ganze auch mich ein Stück weit.
Also notierte ich: Standort, Aufbau, Einteilung der Wachen. Ich packte die Karte mit den Markierungen dazu, an denen ein Angriff auf das Lager problemlos hätte erfolgen können, wenn wir es mit einem denkenden und durchaus taktisch und strategisch versierten Gegner zutun bekämen.
Darunter vermerkte ich eine Frage: Unterricht in Taktik und Strategie gewünscht?
Nach getaner Schreibarbeit rieb ich mir müde die Augen. Nicht zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Sachen packen und für eine Weile verschwinden zu wollen, nur um all den Pflichten zu entgehen. Natürlich wurde der Gedanke direkt wieder verscheucht. Nur der Wunsch auf ein bisschen Ruhe und Entspannung blieb. Ich hegte allerdings die Befürchtung, dass es genau dabei bliebe – bei einem Wunsch. Die Befürchtungen, die mich schon wieder erreichten, die neuerlichen Beschwerden, die Aufgaben, die noch zu erledigen waren, andere, die sich von allein einstellten… ein Ende war nie und nimmer in Sicht.
Mit einigem Interesse beobachtete ich allerdings, wie die unterschiedlichsten Leute bei mir aufschlugen, um ihre Beschwerden und Ärgernisse loszuwerden. Dabei war mir durchaus bewusst, dass einige davon mich zweifelsfrei für einen Drecksack hielten. Aber es war wohl genug Hoffnung da, dass der groß genug war, um es in die Hand zu nehmen. Eigentlich, so dachte ich bei mir, war das Aufgabe des Verwaltungszweigs, sich mit so etwas auseinander zu setzen. Noch ein Punkt, den ich wohl überdenken und angehen sollte. Später. Die Dringlichkeit hielt sich in Grenzen.
Eine andere hatte sich ergeben, die mich am zweiten Tag wohl wieder in den Palast treiben dürfte. Auch das sollte ich besser nicht versäumen. Lästiger Gang und ich musste mir wirklich sehr gründlich überlegen, wie ich das vortragen wollte. Nun, ich hatte es mir ausgesucht, auch wenn ich die Politik gerade verfluchen wollte. Schon wieder sollte ich mich in Diplomatie üben – und das war an der Stelle mehr als notwendig die passenden Worte zu finden. Ich war nur bei allen Niederhöllen kein Diplomat und entsprechend schwer tat ich mich damit, mich entsprechend einzuschmeicheln oder einzuschleimen, um dann die Worte so zu verdrehen, als wäre es der Einfall des anderen gewesen, dass man sich darum noch kümmern müsste. Zum Dämon mit diesem Eiertanz! Alles Ärgern nutzte aber nichts. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich dennoch zu versuchen. Also nahm ich mir vor auch das wieder als einen Teil meiner Ausbildung zu betrachten und dazu zu lernen. Zwar hatte ich hier keinen Lehrer, also machte ich die bereits gesammelte Erfahrung dazu, und überlegte mir die Formulierung im Vorfeld.
Das dafür herangenommene Pergament füllte sich stetig mit etlichen Variationen, die letztlich alle das Gleiche aussagten, und mit keiner war ich zufrieden. Alles schien mir viel zu offensichtlich und direkt. Es war zum Erbrechen.
Schuster, bleib bei deinen Leisten.
Gut, dann eben ganz nach Wolfseichen-Art, ein wenig abgemildert im Klangbild. Es war ja im Grunde nichts anderes als eine Verbeugung, nicht wahr?
- Man darf dich nicht für einen Betrüger halten,
auch wenn man heute nicht leben kann, ohne einer zu sein.
Deine größte List muss sein, zu verbergen,
was als solche erscheint.
Baltasar Gracián y Morales