Was das Leben bereit hält

Geschichten eurer Charaktere
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Eine Frau, die ihrem Kavalier gegenüber keine Eile zeigt, treibt ihn zur Eile an.
    Germund Fitzthum
Dauerhafte Kopfschmerzen und völlige Übermüdung waren keine gute Voraussetzung für einen verträglichen Umgang mit anderen. Alle anderen dazukommenden Fakten, die mir in den letzten Tagen zunehmend missfielen, brauchte ich dazu nicht mal mehr aufzuzählen. Sie rundeten das Ganze nur noch mehr ab. Mein Appetit wollte nicht zurückkehren. Die Motivation mich zu bewegen, suchte ich stellenweise vergeblich, und ich musste mich regelrecht zwingen vor die Tür zu gehen. Das Einzige, was mir die Tage zumindest ein wenig erträglicher gestaltete, war der Besuch in eben diesen. Kaum, dass er ausblieb, hätte ich schon wieder jemanden würgen mögen.
Ich verließ dann doch das Haus, das im Innern mittlerweile einem Schlachtfeld glich, und zog in Richtung Rahal los, um mich wenigstens etwas zu bewegen. Zum Glück der Bevölkerung begegnete mir keiner von ihnen.

„Deine Stimmung wäre perfekt für dieses Gör, das meint es kenne die Gebote besser als irgend ein Alatari", murmelte ich vor mich hin. Da ich es herbestellt hatte für diesen Wochenlauf, beschloss ich, mich eine Weile im Gemeinschaftshaus aufzuhalten, und zu sehen ob sie sich hin verirrte. Ich zweifelte noch daran. Vermutlich war das nur so eine dieser Rotzbalgen-Phasen, wo sie sich wichtiger tun wollten, als sie waren, und sie kam sowieso nicht. Dieses Balg kannte nicht mal ihren Platz in der Welt anständig, konnte sich gerade mal selbst den Hintern abwischen und hielt sich gleichzeitig für so weise wie die Tetrarchin persönlich. Weder kannte sie die richtigen Umgangsformen, noch wusste sie sich zu benehmen, an Rotzigkeit für mich kaum zu übertreffen, und Höhenflüge sorgten gern mal für einen harten Aufprall auf dem Pflasterstein. Möge Alatar geben, dass sie sich dabei das Genick brach.

Ja, bei Licht besehen, sprühte ich gerade ein wenig vor Hass und Zorn. Und es fiel mir mehr als schwer es zu kontrollieren. Wie sollte es auch gelingen, wenn ich nicht mal mehr großartig Kontrolle über mich selbst hatte? Die Müdigkeit tat ihr übriges noch dazu, indem sie mich bisweilen schon Dinge sehen ließ, die gar nicht da waren. Dafür entgingen mir andere Gegebenheiten, die ich vielleicht besser mitbekommen hätte. So zum Beispiel den kurzen Besuch Alins im Gemeinschaftshaus. Irgendwas hatte sie mir erzählt, was das war, weiß ich nicht mehr.

Das Einzige, was ich dann am Tag danach registrierte, als ich heimwärts ging, war ein hellerer Fleck an der Wand, wo die Aushänge für gewöhnlich angebracht wurden. Auch hier hatte ich Mühe zu begreifen, was fehlte. Ich gab es am Ende einfach auf und setzte den Heimweg fort. Gelaufen war ich seit Tagen nicht mehr in den frühen Morgenstunden. Heute würden mir die Leute vermutlich auch eher entgegen kommen, anstatt mit mir gemeinsam hinzulaufen. Um ein fröhliches Hallo nicht hören zu müssen - mir war einfach nicht nach fröhlich, Fragen und Rechtfertigung zumute - stieg ich in die Kutsche und wies den Kutscher an das Osttor anzufahren. Der kleine Umweg kostete mich extra, aber das war es mir allemal wert.

Als ich irgendwann dann die Wohnungstür aufschob, ging ich hinein, zog die Wintersachen aus und ließ sie achtlos da fallen, wo ich lang stapfte. Dass ich matschfarbene Wasserflecken hinterließ, dank des Schnees an den Stiefeln, interessierte mich nicht sonderlich. Zwar bekam ich mit, dass aufgeräumt worden war, aber beachtete es nicht weiter.
Vielmehr überlegte ich mir, während ich mir etwas Trinkbares holte, wie ich weitermachen wollte. Dass es an der Zeit war, etwas zu ändern, war mir klar. Auch wenn der Elan fehlte, und ich gute Lust verspürte mich einfach gehen zu lassen, kam das dann doch nicht wirklich in Frage.

Genug Zeit vertrödelt mit Unsinn, Dazen Wolfseiche.

Manchmal war es elendig ein Vorbild für andere sein zu müssen. Vorbilder hatten eindeutig den massiven Nachteil nicht einfach so sein zu können, wie sie waren. Eine Zeit des Elends durften sie sich keineswegs gönnen. Nachlassen schon gar nicht. Etwas, was ich zweifellos noch üben musste. Fing ich doch am besten gleich damit an.

Ich stelle die Flasche weg, suchte mir was essbares und zwang es in mich hinein, spülte es mit dem Inhalt aus der Flasche nach und nach runter. Danach legte ich mir die Rüstung an, die Waffen und machte mich auf den Weg. Mochte irgendwer den armen Seelen gnädig sein, die mir in meiner überragenden Laune auf falschem Fuß begegneten.
  • Dem Himmel sag für Schmerz, der dich veredelt, Dank!
    Friedrich Rückert
Zuletzt geändert von Dazen Wolfseiche am Freitag 13. Dezember 2013, 17:24, insgesamt 3-mal geändert.
Dazen Wolfseiche

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  • Nur durch Kampf gewinnt man Siege.
    Friedrich Martin von Bodenstedt
Was war einfach? Nichts. Aber kämpfen lohnte sich. Mit einer gewissen Verbissenheit und Beharrlichkeit, einer satten Portion Konsequenz, führte es zu dem Ziel, das man sich steckte. Das galt für mich sowohl für den Weg mit dem Schwert in der Hand, als auch für den unbewaffneten Kampf. Trotzdem stand ich da, sah ins Feuer hinein und war nicht zur Gänze zufrieden. Woran das lag, wusste ich nur zu genau. Der Sieg war fragil, sehr sogar. Vielleicht zerstörte er auch etwas, was ich an sich zu halten angedacht hatte, auch wenn die Meinung über mich offenbar keine hohe war.
Das Mittel, was ins Feld geführt worden war, ließ mich schmunzeln. Ich konnte mich darüber nicht einmal ärgern. Es entsprach zumindest in Teilen der Wahrheit. Wie zumeist allein verfälscht dadurch, dass nicht alles gesehen oder gehört worden war. Unvollständige Eindrücke, die zu einer vollständigen Verurteilung führten, wie so oft. Natürlich galt das im Umkehrschluss auch für mich, was meine Urteile anging. Gelegentlich neigte der Mensch eben dazu es sich dabei sehr einfach zu machen. Das galt wohl für jeden, mich eingeschlossen.

Es war nicht der einzige Sieg. Da gab es noch einen zweiten. Dieser wiederum stimmte mich sehr zufrieden, auch wenn der Ausgang dazu noch immer ungewiss war. Ich hoffte darauf, dass ein ruhiges Gespräch folgte, das den rechten Nutzen einbrachte - also das, was meinen Vorstellungen entsprach. Egoistisch? Nein. An und für sich war es nur eine kleine Sache, die aber weitreichende Konsequenzen haben konnte, wenn sie nicht sauber verlief. Derzeit empfand ich die Entwicklung als alles andere als zufriedenstellend. Also blieb abzuwarten, ob das Gespräch die Wendung brachte. Wünschenswert. Nicht nur für mich, sondern für das große Ganze.

Blinzelnd löste ich den Blick aus den Flammen und sah mich um. Mit einem Seufzen machte ich mich wieder an die Arbeit die Möbel an den rechten Platz zu rücken. Ich musste noch einmal hinüber, um weitere zu holen, das stand schon fest. Ein Bücherregal fehlte, mindestens. Adrian brauchte ich ebenfalls, für Vorhänge und Kissen. Zwei Felle wollte ich ihm ebenfalls noch abluchsen - oder einem der Bären im Wald, je nachdem, wer mir eher über den Weg trottete. Es fehlte auch noch an anderen Dingen. Die Statue, Öllampe, ein kleiner Tisch, vielleicht zwei. Ein Henkelkorb. Ich stieß einen Seufzer aus. Wo war eigentlich Thanaya, wenn man sie brauchte?
Alles, was ich bereits besorgt hatte, rückte ich an seinen Platz. Schweißtreibende Angelegenheit. Ich hätte am Ende nicht mehr zu sagen vermocht, was mich mehr Kraft kostete. Das Steingut oder das aus Holz. Langsam aber stetig nahm alles Gestalt an. Für meine Ungeduld nicht schnell genug. Allerdings kam der Ausbau auch eher überraschend zustande. Eigentlich gab es keinen Grund sich zu beklagen. Nach getaner Arbeit griff ich mir ein Wasser und setzte mich damit vor den Ofen oben und lehnte mich entspannt an die kühle Wand hinter mir.

Nach der Tortur vor einigen Tagen hatte sich mein Körper noch immer nicht vollständig erholt. Gelegentlich überfiel mich die Müdigkeit zu denkbar ungünstigsten Zeiten. Kaum, dass ich irgendwas getan hatte, erschlug sie mich regelrecht. So war es wohl auch nicht wirklich verwunderlich, dass ich vor dem Ofen tatsächlich einige Zeit wegnickte. Der Traum, der folgte, war alles andere als entspannungsfördernd.

Gestein, Geröll, zerklüftete Felsen, Lavafelder, Hitze, in einiger Entfernung ein Strom aus geschmolzenem Gestein, Dunkelheit, die nur von dem rötlichen Schein des Magma unterbrochen wurde. Angrenzend ein Ort des Friedens, der so gar nicht hinein passen wollte ins ganze Bild: Saftiges grün, ein rauschender Wasserfall, ein See, äsendes Wild, klarer blauer Himmel, Sonnenschein. Wie eine Seifenblase in der unwirtlichsten Gegend, die die Götter sich als Prüfung für Jedermann erdacht hatten.
Stimmen, die durcheinander riefen. Einige leise klagend, andere schrill und angsterfüllt, weitere, die schmeichelten oder lockten. Niemand zu sehen. Es stank nach Schwefel, Säure, Hitze, Stein und verbrannter Erde.
Etwas stieß ein grelles Kreischen aus, Krallen kratzten über den steinigen Boden, irgendwo brach Felsgestein ab und donnerte in die Tiefe.

Ich spürte mein Herz rasen, die Luft war so angefüllt von Schwefel und Hitze, dass das Atem schwer fiel. Meine Kehle fühlte sich ausgedörrt an und schrie nach Wasser. Der Schweiß trat aus allen Poren hervor und lief nur so herab. Selbst den Schwertgriff gepackt zu behalten erwies sich als Herausforderung.
Etliche von diesen kreischenden kleinen Bestien hielten auf mich zu. Solche hatte ich zuvor noch nie gesehen, aber ich musste nicht lange überlegen, ob sie mir eine Bedrohung waren oder nicht. Als sie mich erreichten, schlug ich wild um mich, um sie mir vom Leib zu halten, und wich weiter zurück auf diese „Blase" des Friedens zu. Immer wieder musste ich blinzeln, damit mir der Blick nicht vom Schweiß verschwamm, der mir bereits in den Augen brannte. Meine Muskeln schmerzten, das Gefühl zu ersticken wurde schier übermächtig. Angst schnürte mir die Kehle darüber hinaus zu, denn ich merkte nur zu genau, dass die Kräfte mich allmählich völlig verließen.
Ich taumelte einige Schritte zurück, übertrat die Grenze von Gestein auf Gras und strauchelte, fiel hin. Die kleinen Bestien prallten an der Grenze ab, als könnten sie sie nicht übertreten, liefen in ihrer Sturheit trotzdem immer wieder dagegen und stießen ein unangenehm lautes Kreischen aus.
Gerade wollte ich mich erschöpft zurück ins Gras fallen lassen, als sich Risse zu bilden begannen, als befände ich mich unter einer Kuppel aus hauchdünnem Glas. Entsetzt starrte ich auf die Stelle, an der es begann und verfolgte die feinen Adern mit dem Blick, als sie sich ausweiteten. Das triumphale Gebrüll und Kreischen schwoll ohrenbetäubend an, und dann zersprang die Kuppel und die Meute stürmte auf mich zu.


Das Wasser hatte ich verschüttet, als ich aus dem Traum aufschreckte und erst einmal einige Momente der Orientierung benötigte, um mich zurecht zu finden. Erst dann registrierte ich, dass ich noch immer um mich schlug, nutzloserweise. Tatsächlich musste ich mich regelrecht dazu zwingen damit aufzuhören.
Ich fühlte mich völlig ausgelaugt, als wäre das eben geträumte tatsächlich geschehen. Mein Herzschlag beruhigte sich nur zögerlich. Von plötzlicher Übelkeit getrieben, stand ich wankend auf und ging vor die Haustür in die Kälte, bog um die Ecke und übergab mich. Nicht das erste Mal in den letzten Tagen, auch wenn ich darüber kein Wort verlor.
Schlafen war nach wie vor eine Qual. Wie verfolgt man von Todesangst sein konnte, war mir bis dahin nicht bewusst gewesen. Eigentlich dachte ich damit abgeschlossen zu haben, damit zurecht zu kommen. Immerhin war es nicht das erste Mal gewesen, dass ich mich in solch einer Lage befunden hatte. Nun musste ich feststellen, dass ich mich geirrt hatte.

Hängst eben doch an deiner Haut, Dazen Wolfseiche.
  • Nur Beharrung führt zum Ziel, nur die Fülle führt zur Klarheit
    Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.
    Johann Christoph Friedrich von Schiller
Dazen Wolfseiche

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  • Der Tag der Gunst ist wie der Tag der Ernte;
    man muss geschäftig sein sobald sie reift.
    Johann Wolfgang von Goethe
"Ich kann."

Ich saß zuhause und brütete über Zahlen, Zahlenkolonnen, Aufteilung von Materialien. Zwar war mir klar, dass ich mir die Mühe an sich nicht machen musste (im Gegensatz zum Ahad), tat es aber dennoch. Beiläufig nagte es ein wenig an mir, nichts davon weitergegeben zu haben, sah es aber auch nicht als meine Aufgabe an. Eigentlich hätte seine Heiligkeit dem Ahad direkt Bescheid geben sollen, dass er unseren Schmied dafür bestellt hatte die Baupläne zu entwerfen und zu leiten. Die Doppelbesetzung fand ich kurios, hinterfragte sie aber nicht. Wir konnten froh sein Xen'draxol daran sitzen zu wissen.
Dennoch mochte ich nicht ganz beigeben. Ich arbeitete nun schon seit Stunden an den Maßeinheiten, den Raumgrößen, die Mengen und was an Material benötigt wurde an den entsprechenden Stellen. Natürlich sah ich mich später dann schon bei dem Letharfen sitzen und alles mit ihm durchgehen. Genauso natürlich ging ich davon aus, dass er alles kritisieren und bemängeln würde, und wenn er es nur aus Prinzip tat. Es war dennoch ein Gebiet, das mich interessierte. Darum war ich geneigt mir die Kritik anzutun, um dazu zu lernen.

Zwischenzeitlich, in den Pausen, die ich mir gönnte - um zu essen, zu trinken, den Lokus aufzusuchen - ließ ich meine Gedanken schweifen. Die verdammte Arena musst ebenfalls entworfen und diese Pläne vorgestellt werden. Schon in wenigen Tagen. Ich hoffte, die zwei kamen ihrem Auftrag nach. Aus einer Laune heraus, und aus Sorge, lag ein Ersatz dazu irgendwo auf dem Tisch vor mir, unter einem Berg Notizen, Skizzen, Berechnungen und anderem Schriftkram. Nicht, dass ich nicht genug zu tun gehabt hätte. Ich sah es eher als eine Art Freizeitbeschäftigung an über diese Zahlen und Maßeinheiten zu brüten, und konnte es entsprechend nicht lassen.

Ein wenig Sorge machte ich mir indes über das Widerstreben einiger die Weihe anzugehen. Sicher hatten ein oder zwei gute Gründe, die ich ihnen auch gern lassen wollte. Wenn sie nichts gegen eine Verzögerung dahingehend hatten, würde ich mich nicht beschweren. Zumindest noch nicht. Gleichwohl setzte ich beiläufig eine Notiz, wen ich nochmal aufsuchen wollte zu einem weiteren Gespräch, um Klarheit zu schaffen.

Genauso gespannt war ich, wer am Abend zum Unterricht fand und wer nicht. Ich hörte schon die Ausreden in meinem Geiste, die kommen würden. Von Natur aus Schwarzmaler rechnete ich mir bereits aus, wer erschien und wer nicht. Tatsächlich sogar derart dreist, dass ich sowohl die eine, wie auch die andere Möglichkeit bei diesem oder jenem für absolut gegeben hielt.

Es stand aber noch ein anderes Gespräch aus. Und die Aussicht darauf gefiel mir wirklich nur sehr bedingt bis gar nicht. Meine Geduld erschöpfte sich zusehends. Hinzu kam die stille an mich selbst gerichtete Frage, ob es das wert gewesen war. Nicht zum ersten Mal, zugegebenermaßen. Ich fragte mich allerdings, ob eine Klärung dessen überhaupt in Sicht war. Allmählich verlor ich den Glauben daran und das Vertrauen darin, und war geneigt das Ganze als Ausflüchte abzustempeln. Es begann mich zu frustrieren und zu allem Überfluss gelegentlich sogar abzulenken, was mir noch weniger schmeckte. Natürlich führte das ganz nebenbei zu anderen Dingen, die ebenfalls gesagt sein wollten. Und da war es mal wieder das Eingeständnis selbst eben nicht perfekt zu sein.

Was mir den Traum in Erinnerung rief und mich zwanghaft nach dem Griff des Schwertes fassen ließ. Wieso sich das Gefühl so hartnäckig hielt oder zurückkehrte, nicht allein zu sein, wenn er mir wieder einfiel, wollte mir beim besten Willen nicht aufgehen. Zumeist - so auch jetzt - war das der Moment, dass ich aufstand, meinen Mantel packte und das Weite an der frischen Luft suchte, um den Kopf wieder klar zu bekommen. Manchmal half das, manchmal nicht.

Es war auch nicht so, dass es damit genug wäre. Eigentlich kam ja fast täglich etwas Neues dazu. Hier etwas, da etwas. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Wenigstens die Verteidigungsanlagen am Osttor waren nun aufgestellt, so dass ich mich dem nächsten Problem zuwenden konnte. Auch wenn der Aufbau etwas holprig verlief und nicht alles so vonstatten ging, wie eigentlich angeordnet war. Aber Zeit verschwenden, um mich wieder mal dem Kompetenzgerangel auszusetzen - nein. Das sah ich nicht ein. Dafür war das, was wir an Zeit hatten einfach zu wertvoll. Flexibilität über alles! Alatar, manchmal würde ich so manchem gerne einfach in den Arsch treten. Sei es für Faulheit, sei es für Wichtigtuerei, sei es für das aus den Augen verlorene Ziel, und so weiter und so fort. Vernunft und Verstand waren aber ja keine Voraussetzung, um Atmen zu können. So war's und so wird's auch immer sein.
  • Arbeit hat bittere Wurzel aber süße Frucht.
    Deutsches Sprichwort
Dazen Wolfseiche

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  • Versuchungen sind Vagabunden:
    Wenn man sie freundlich behandelt, kommen sie wieder und bringen andere mit.
    Mark Twain
Sie begegneten einem häufig, die Versuchungen. Und das nicht nur in weiblicher oder männlicher Form. Ganz sicher stand auch schon mal ein ganz besonders übler Landstreicher am Wegesrand und wollte dich auf den falschen Pfad locken. Ob nun in den Träumen oder auch in der Realität, sie kreuzten immer mal wieder den Weg. Gelegentlich waren sie eine große Verlockung, manchmal nur eine kleine, der nachzugehen keine wirkliche Gefahr bedeutete.
Es gab Versuchungen, denen gingest du ohne jedes Zögern nach. Dann wiederum gab es solche, denen widerstündest du, allen verheißungsvollen Versprechungen dazu zum Trotz.
Und bestimmt fiel dir auch auf, dass die Fehltritte, die du dir auf Grund von diversen Versuchungen geleistet hattest, leichter für andere zu sehen waren, als für dich selbst - außer die Versuchung setzte sich mit einem Schmiedehammer zur Wehr, mit welchem sie dir tatkräftig die Hörner abschlug.

Mir ging es da nicht anders. War es die gelegentliche Versuchung einfach aufzugeben, so gab ich ihr nicht nach. Auch wenn die Versprechungen dahinter Ruhe bedeuteten - trügerisch, ohne Zweifel, denn wer aufgab, war ein Versager und Versager wurden nicht geduldet unter dem All-Einen. Diese Verlockung, die da Ruhe versprach, war nichts als Blendung, Irreführung und Lug und Trug. Dabei belog mich aber auch niemand mehr, als ich mich selbst.

Die nächste Versuchung, die mir in letzter Zeit öfter begegnete, war es das zu glauben, was der stets wiederkehrende Traum mir zuflüsterte. Und wieder gab ich nicht nach. Dahinter lag aber auch ganz sicher nichts, was ich zu erreichen wünschte, oder dem ich auch nur annähernd Vertrauen entgegen brachte. Die Zweifel, die der Traum brachte, verflogen direkt wieder im Gebet. Ein jedes Mal auf ein Neues. Glaube trägt. Wissen ist ein solides Fundament. Ich wusste um dem All-Einen. Ich vertraute auf Seine Führung - wenn auch nicht immer auf die Ansichten der Höheren dazu.

Dann gab es so Tage, an denen hätte ich pausenlos meine ungeschönte Meinung kundtun wollen. Jedem ins Gesicht. Diese Versuchung war mitunter manchmal eine der Größten. Danach fühlte ich mich gut, noch besser, wenn der Rest vor Ärger kochte. Insbesondere dann, wenn dieser Ärger mit der Erkenntnis einherging, dass ich Recht hatte, oder sinnvolle Argumente fehlten, um die eigene Ansicht zu untermauern. Die Einzige (neben dem Alka, wo ich es nicht mal annähernd wagte), die das zu unterbinden verstand bislang, war die Ritterin. Etwas, was mich durchaus in stilleren Momenten amüsierte. Spätestens dann erinnerte mich nämlich jemand daran, dass ‚man‘ mir gerne Leine und Maulkorb anlegen wollte. Und schon wuchs die Versuchung erneut meine Meinung kundzutun, ob gewünscht oder nicht.

Natürlich stellten auch Frauen eine Versuchung dar. Ich war nun einmal ein Mann. Es mochte die geben, die widerstanden, aber hier fand ich mich einfach nicht in der Lage dazu. Nein, nicht wahr. Ich wollte es nicht. Irgendein verdammtes Vergnügen musste Mann schließen haben in dieser verdammten Welt, wenn Mann sich schon sonst nichts gönnte. Und wenn wir alle ein bisschen ehrlich zu uns selbst waren, stand uns die eine oder andere kleinere Schwäche durchaus auch ganz gut, selbst wenn wir sie niemals vor anderen zugäben.

Darüber hinaus gab es noch die Versuchung dem Kind im Manne nachzugeben, sich zu Unsinn hinreißen zu lassen und irgendwelche Dinge anzustellen, die nicht förderlich für das eigene Vorankommen waren. Warum? Einfach um des Vergnügens Willen, ein wenig Spaß, ein paar Streiche, irgendetwas in dieser Art. Neben all dem, was mich dazu antrieb möglichst alles richtig zu machen - wobei mir zweifelsfrei ebenso Fehler unterliefern wie jedem anderen auch - gab es dann auch die Momente, in denen ich mich bewusst dazu entschied, mich nicht ganz so korrekt zu verhalten, wie es erwartet wurde. Im Kleinen bestenfalls, so dass es niemand allzu übel nehmen konnte, und nur dort, wo es keinen Schaden anrichtete für das große Ziel hinter allem.

Die nächste Versuchung, die mir einfiel, war jene, andere schlicht und ergreifend in die Pfanne zu hauen. Sei es, weil sie den meinen oder mir ans Bein pinkelten, oder deshalb, weil sie meinten, sie könnten sich alles erlauben und sich wichtiger nahmen, als sie es waren. Oder eben einfach, weil ich es konnte. Nicht immer förderlich für den Zusammenhalt, aber doch sinnvoll, um Grenzen zu setzen hier und dort. Dann und wann geschah es auch aus meinem Pflichtgefühl heraus - ob nun immer gerechtfertigt oder nicht, blieb dahin gestellt und lag sicher im Auge des Betrachters. Rache, und selbst wenn es nur eine kleine war, genoss sich immer noch am besten kalt, was sich dabei allerdings schon mal vergaß. Genauso wie die Tatsache, dass mich diese genauso treffen konnte. Trotzdem, und vielleicht auch gerade deshalb, sammelte ich derzeit mal wieder. Und es gärte in mir ungemein mittlerweile. Es brauchte nur noch das Passende, das Quäntchen, das Tröpfchen Salpeter in der Suppe. Geduld war in diesem Fall ganz gewiss eine Tugend, auch wenn es mir noch so schwer fiel. Aber ich war mir sicher, ich würde es früher oder später in den Händen halten. Selbstüberschätzung führte dazu, Fehler zu begehen, die nicht sich niemand leisten konnte. Auch wenn es einige von mir annahmen, dass ich darunter litt, so tat ich das keineswegs. Aber ich ließ es sie alle nur zu gern glauben.
  • Menschen, die der Versuchung widerstehen, verschieben nur ihre Kapitulation auf morgen.
    Charles Maurice de Talleyrand
Dazen Wolfseiche

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  • Wie du mir, so ich dir.
    Ovid
Die Frage traf mich gänzlich unvorbereitet. Natürlich wusste ich, dass unsere Rumtreiberin genau das tat. Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Die Frage allerdings zeigte mir, dass es nichts mit ihren üblichen Ausflügen zu tun hatte. Die Frage zeigte mir vor allem, dass die Frau vor mir für uns ihre Nützlichkeit bewies. Nicht, dass es mich störte, aber es warf noch mehr Fragen als Antworten auf.
Wir nahmen sie mit und brachten sie in eine Zelle in Düstersee. Savar bat ich später die Hauptmann zu informieren und hoffte darauf, dass er es zeitnah tat.
  • Auf eine Maulschelle gehört ein Dolch!
    Alter Rechtsgrundsatz
    Quelle: Selbstrache in Ehrenhändeln nach
    "Eisenhart, Grundsätze des Deutschen Rechts in Sprüchen" 417
Dann überschlugen sich die Ereignisse ziemlich rasant. Althan brachte Charlie zurück. Problematisch daran war, dass ich das bei uns gefangene Weib nicht aus der Zelle holen konnte ohne den entsprechenden Schlüssel.
Manchmal wollte ich den Übereifer des Adeptus wirklich gern erschlagen. Gut gemeint war eben auch das Gegenteil von gut gemacht. In diesem Fall besonders. Mir fehlte die Zeit seine Heiligkeit zu fragen, wie er vorzugehen wünschte, mir fehlte die Zeit sie zu befragen, mir fehlte zu allem die Zeit! Selbst dazu sie rechtzeitig rauszuwerfen und nach Menek'Ur zu jagen!

Natürlich war es für Charlie gesünder nicht mehr dort festzusitzen. Natürlich war die Begründung, warum sie festgehalten wurde, die reinste Farce und diente nur dem Zwecke sie auszufragen, was vor sich ging im alatarischen Reich. Ihre Ausrede dafür, dass sie die Waffenruhe ja nicht brachen, wenn sie eine Übeltäterin festnahmen. Angeblich hatte sie wen niedergestochen - grober Unfug. In Bajard war sie mitgenommen worden, oder kurz davor - nicht deren Hoheitsgebiet. Hinzu kam, dass ihr offenbar nur Fragen gestellt wurden, die nichts mit dem Vorfall zu tun hatten, sondern allein mit der Auseinandersetzung zwischen den Kaluren und dem Reich. Seltsam, seltsam. Sie mussten uns wahrlich und wahrlich für sehr dumm halten. Was sollte man da anderes annehmen, als eine erneute Provokation. Eine von wie vielen nun? Wenn es nicht gerade um einen meiner Leute gegangen wäre, hätte es mich mittlerweile maßlos gelangweilt. Nein, eigentlich langweilte es mich auch unter diesen Umständen bis ins unermessliche. Es war so ermüdend, so einfallslos, so… menekanisch.

Wie froh und dankbar war ich darum, dass sie sich eine Person dafür geholt hatten, die so gut wie nichts wusste und wenigstens geistesgegenwärtig genug war den Menekanern auch noch etwas aufzutischen, was ihnen nicht schmecken würde.
Gelegen kam mir ihre Freilassung überhaupt nicht. Sie war genau die Richtige, um da sitzen zu bleiben. Erstaunlicherweise hätte sie das Reich damit weiter gebracht, als mit ihrer Rückkehr. Unwichtig genug für das Reich, unwissend genug für die anderen. Nicht, dass ich das laut äußerte. Wäre auch dumm gewesen. Ich wette, sowohl Savar, als auch Althan sahen das ein bisschen anders.
Tja, was sollte ich sagen. Da hielt sich ein Geist für groß und ich stellte einmal mehr fest - das mit der Intrige, Hinterlist und weitreichendem Denken war nicht so sein Ding. Honig ums Maul schmieren außerhalb, das ging wunderbar. Innerhalb ließ sich derzeit aber nichts sehr gut an und stieß auf wenig Gegenliebe. Ich hörte die Beschwerden lauter werden, zunehmend.
So verhielt es wohl, wenn Mann meinte, er könnte alle Aufgaben, die das Reich bot, allein bewältigen. Auch jene, die eigentlich schon übernommen wurden von anderen Personen.
Da ging einem schon mal so einiges durch die Lappen - oder man sorgte dafür, dass anderen was durchging, weil vorher nicht reiflich überlegt oder miteinander gesprochen wurde. Immer diese verfluchten voreiligen Alleingänge!
Es fing zunehmend an mich zu wurmen und zu ärgern. Die ganze Planung war dahin. Und ich konnte zusehen, wie ich dieses Weib möglichst schnell wieder loswurde, ohne etwas in Erfahrung bringen zu können. Mochten sie doch allesamt verflucht sein.
Säße Charlie noch da, wo Althan sie hergeholt hatte, hätte ich nun genug Zeit gehabt zum Alka zu gehen, das weitere Vorgehen zu besprechen. Ich hätte Zeit gehabt, das Stück auszuquetschen wie eine verdammte faule Dattel, die sie war. Zu allem mögliche wär es nützlich gewesen! Manchmal musste man eben Opfer bringen, um was zu erreichen. Aber nein, wir hatten sogar im Reich Gutmenschen. Es war wirklich unfassbar ärgerlich das Ganze.

Und ja, man glaube es kaum: Selbst nach solchen Gedanken kann ich mir noch ins Gesicht sehen!

Diese Kurzsichtigkeit brachte mich zum Erbrechen. Und wäre mir nicht nur zu klar, dass diese verdammte Meute alsbald vor unseren Toren stünde wegen dieser kleinen Verräterin - ich hätte sie weiter festgehalten. So blieb mir nichts anderes übrig, als dem Rat der Ritterin zu folgen. Ich würde mich bemühen dieses Früchtchen so bald wie möglich loszuwerden.

Müde setzte ich mich an meinen Schreibtisch und setzte nebenbei noch einen Brief auf, den ich einige Stunden später am Palast den Wachen in die Hand drückte für den Alka. Ein weiterer Brief ging zu Händen der Hauptmann. Ordnung musste schließlich sein.
  • Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung.
    Johann Christoph Friedrich von Schiller (Die Räuber)
Dazen Wolfseiche

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  • Disharmonien haben ein ganz besonderes Ausstrahlungsvermögen auf die Umwelt.
    Erich Limpach
Gerechtfertigt, unbestritten.
Die Strafe hatte ich meinem eigenen Fehlverhalten zuzuschreiben. Darüber gab es auch nichts zu beklagen, außer, dass sie mir zu weich erschien. Natürlich erwähnte ich das nicht. Wer war schon so töricht nach mehr Härte zu betteln?
Ich fragte mich, wie oft es vorkam, dass ich mit einem der drei am Tisch saß – oder ab nun eben stehen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass das oft vorkam, schien mir sehr gering. Ohnehin war das ein Umstand, der mir ein wenig missfiel. Ein Umstand, den ich ohnehin ansprechen wollte. Wir sollten eine Bruderschaft darstellen – brüderliches fand ich darin nicht, geschweige denn gemeinsames, außer der Weg, der vor uns allen lag, mit einigen geringfügigeren Abstufungen und Rängen.
Wenn ich aber überdachte, wie viel Kontakt ich gerade zu denen hatte, mit denen ich zusammen im Feld stehen und führen sollte irgendwann, dann war das erbärmlich gering einzustufen. Ich bezweifelte, dass sich das mit der Fertigstellung der Festung änderte.
Wo ich Zusammenhalt und Zusammenarbeit fand, fehlte er mir hier doch zusehends. Zwar kamen einige stets zum Unterricht zusammen, aber darauf beschränkte es sich auch schon. Gespräche, Austausch, so etwas gab es nur im Rahmen dessen, was zu erledigen war und keinen Augenblick darüber hinaus. Die einzige, bei der sich das etwas anders verhielt, zumindest für mich, war die Ritterin. Ich wusste aber nur zu gut, dass dies eben für mich galt, nicht zwingend aber für die übrigen.
Was ich vielleicht ein Vorteil für die Strafe sah, war ein erheblicher Nachteil für den gesamten Rest. Und es schien niemanden zu stören, oder gar von irgendwem anders bemerkt zu werden. Trotzdem beschloss ich, mich dahingehend erst einmal zurückzulehnen und es mir anzuschauen. Auch wohin es sich noch entwickelte.

Hochmut. Vielleicht trug ich derartiges zur Schau. Ich mochte es nicht einmal abstreiten, auch wenn es mir selber nicht so vorkam. Demut wollte er mich lehren. Ich war verflucht noch eins kein verweichlichter Alumener. Ehrfurcht und Demut zu verwechseln. Er konnte mich mal getrost sonst wo und sonst was…

Wie vereinbarten sich nun der Leitsatz zur Hinterlist, Intrige und Schattenkünsten mit dem Kodex? Für mich war die Frage noch immer unzureichend beantwortet, aber ich schätzte, ich musste die passende Antwort selbst herausfinden. Woher ich sie bekam, glaubte ich zu wissen. Also folgte eine gedankliche Notiz, die Ritterin einmal aufzusuchen dafür. Ich wollte verdammt sein, wenn ich jede getroffene Aussage einfach als gegeben hinnahm, anstatt meinen eigenen Kopf zu benutzen und abzuwägen. Er mochte Ahad sein, er war genauso aber auch Mensch. Das Fatale an denken Wesen war, dass sie Fehler begingen. Natürlich gab es die, die es niemals wahrhaben, geschweige denn hören wollten. Das konnte ich ihnen getrost überlassen.

Eine Verbeugung ist nichts wert, wenn sie nicht mit dem nötigen Respekt und der nötigen Demut erfolgt.

Natürlich nicht! Was für eine Erkenntnis! Ich seufzte innerlich auf. Selbstverständlich konnte sie nur aus Respekt erfolgen, oder gar alles missen lassen und nur als Pflicht angesehen werden, als Erwartung, die gestellt wurde. Demut. Schon wieder Demut! Sollte er doch zu Kra’thor fahren von mir aus. Aber Demut würde er vergebens suchen. Ehrfurcht konnte er haben. Vor dem All-Einen und seiner Heiligkeit. Ehrfurcht vor den Ahads? Dazu sah ich mich beim besten Willen nicht imstande.
Es war nicht mal dem Umstand geschuldet, dass ich es nicht wollte. Ehrfurcht war für mich etwas Tiefgehendes. Ich empfand die nötige Furcht und Verehrung für den Alka, ich empfand sie noch tiefer vor dem All-Einen. Mir fehlte die Scheu vor beiden, und es war mehr als bloße Achtung, die ich hegte. Es war der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an das, was ich höher schätzt als mich selbst. Ich empfand es als blasphemisch genau diese Ehrfurcht an einen Niederen als dem Herrn oder seinem bestellten Vertreter auf Erden zu vergeben.
Ganz davon abgesehen fehlte es ihnen dabei an der entscheidenden Präsenz dafür. Vielleicht wäre es mir leichter gefallen, wäre diese vorhanden. Meinen Respekt durften sie haben oder fordern, ob nun verdient oder nicht. Mehr konnte und wollte ich nicht bieten. Sollten Sie damit leben oder daran ersticken.
Demut fiel für mich gänzlich aus. Weder war es für mich unerreichbar selbst irgendwann vom All-Einen zum Ahad erwählt zu werden, noch sah ich einen solchen als unerreichbar höher an. Das allein waren nur der All-Eine und seine Heiligkeit.
Ich folgte den Geboten des All-Einen nach bestem Wissen und Gewissen. Ich fehlte gelegentlich, ganz ohne Frage, sah diesen Missstand aber auch und stellte mich ihm, anstatt den Schwanz einzukneifen. Mehr an Ehrfurcht und Demut war kaum mehr aufzubringen. Wenn er meine Haltung als hochmütig empfand, dann sei es drum. Sollte er so befinden.

Die Arena konnte auch endlich in Angriff genommen werden. Ein kurzes Gespräch mit Shasul ergab dann letztlich die Lösung, dass er sich hauptsächlich darum kümmerte, ich einsprang, wenn es nötig war. Ich war gespannt. Auch bei der Festung sollte es allmählich vorangehen. Die anstehenden Aufgaben wurden noch einmal aufgeteilt. Im Stillen amüsierte ich mich über den Letharen. Er hielt sich zweifelsfrei genau an das, was er zu mir gesagt hatte, als ich ihm die Notizen gab, was die Festung bestenfalls beinhalten sollte. Natürlich neigte ich dazu mich unwissend zu geben, weitere Strafen konnte und wollte ich mir nun wirklich nicht leisten. Und im Grunde handelte es sich hier ja um die Nickeligkeiten des Schmieds, die ich ihm aus lauter kleinlicher Gehässigkeit nur zu gerne ließ.
Irritierend war nur wieder mein Eindruck vom Gespräch. Auch wenn ich mich zurückhielt, erst einmal ausschwieg, so führte ich es am Ende doch irgendwie zum Teil. Aber wie es auch verlief, die anstehenden Dinge fanden eine Aufteilung, jeder hatte etwas zu tun. Ich setzte meinen Teil direkt in die Tat um und suchte die Magistra auf, um Näheres in Erfahrung zu bringen, wurde allerdings vertröstet, da sie erst mit den anderen Arkorithern beraten wollte, was möglich war. Also übte ich mich in Geduld.

Der Tag artete als einziges Geläuf aus. Ein Gespräch folgte dem nächsten. Mittlerweile kam ich mir mehr wie ein Bauherr oder Baumeister vor, als denn wie ein Knappe. Man sollte meinen, dass Handwerker mit derartigem am besten betraut waren. Ich hoffte inständig, dass die Bauarbeiten bald begannen und ebenso bald abgeschlossen waren. Allmählich begann ich das Ganze als lästig zu empfinden.
Die Schwierigkeiten um diese Jahreszeit solche Projekte durchzuführen, sah nicht nur Xen’draxol. Und sie kamen nicht nur an einer Stelle auf uns zu, sondern eigentlich sogar an zweien. Aber, wie stets, folgten wir den Wünschen seiner Heiligkeit nach bestem Vermögen. Wenn es nicht gut genug war, sollte er verdammt nochmal den Einen bitten das Frühjahr früher einzuleiten! Damit wären etliche Probleme mit einem Schlag gelöst.
Inzwischen machte ich mir Gedanken darüber, wie wir ein warmes Lager für die Arbeiter an beiden Stellen ausheben konnten. Es musste genug da sein, um ein warmes Zelt zu schaffen, in dem sich die Wärme auch hielt. Arbeitseinteilungen mussten geschaffen werden, - und verdammt nochmal, warum machte ich mir einen Kopf darüber, obschon es nicht meine Aufgabe war?

Weil du hochmütiger Sack genau weißt, dass der Rest es vermutlich versäumt.

Ich verscheuchte die Gedanken angestrengt, setzte mich vor den Kamin und nahm ein Pergament zur Hand und begann damit mir Notizen zu machen. Zelt, Ofen, zusätzliches Überzelt, Stofflagen für die Eingange, schwere am besten. Sitzmöglichkeiten, die nicht unbedingt auf dem Boden lagen. Felle oder Matten für den Boden, um von unten den Frost möglichst fern zu halten. Kohlebecken in den Ecken. Vorrat an Kohle und Holz. Mal zwei.

Danach fischte ich ein zweites Pergament vor, begann dort einiges zu notieren zum Biwak der vergangenen Tage. Zwar war ich nicht durchgängig dort gewesen, weil meine Pflichten anderes von mir gefordert hatten, aber die Eindrücke, die ich gewonnen hatte, wollte ich doch noch mit der Hauptmann durchsprechen. Es konnte sicher nicht schaden auf einiges hinzuweisen, und ihr nur helfen. Das war natürlich auch eine Herausforderung, es so zu verpacken, dass sie sich nicht auf den Schlips getreten fühlte. Allerdings war meine Intention sicher nicht die der Belehrung, sondern einfach nur als Hinweise gedacht, worauf beim nächsten Mal vielleicht geachtet werden könnte oder sollte.
Immerhin sollte es ja auch sinnbringend sein, derartige Feldgänge zu üben, damit jeder im Zweifel wusste, was zu tun ist. Teilweise waren die Ideen, die Vorgänge nicht schlecht gewesen, an anderen Punkten allerdings schon in meinen Augen mangelhaft. Da ich aber wusste, dass ich nicht das Maß aller Dinge war, hielt ich ein Gespräch für sinnvoll und nützlich. Nicht mal nur für die Garde, auch für mich. Immerhin schulte das Ganze auch mich ein Stück weit.

Also notierte ich: Standort, Aufbau, Einteilung der Wachen. Ich packte die Karte mit den Markierungen dazu, an denen ein Angriff auf das Lager problemlos hätte erfolgen können, wenn wir es mit einem denkenden und durchaus taktisch und strategisch versierten Gegner zutun bekämen.
Darunter vermerkte ich eine Frage: Unterricht in Taktik und Strategie gewünscht?

Nach getaner Schreibarbeit rieb ich mir müde die Augen. Nicht zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Sachen packen und für eine Weile verschwinden zu wollen, nur um all den Pflichten zu entgehen. Natürlich wurde der Gedanke direkt wieder verscheucht. Nur der Wunsch auf ein bisschen Ruhe und Entspannung blieb. Ich hegte allerdings die Befürchtung, dass es genau dabei bliebe – bei einem Wunsch. Die Befürchtungen, die mich schon wieder erreichten, die neuerlichen Beschwerden, die Aufgaben, die noch zu erledigen waren, andere, die sich von allein einstellten… ein Ende war nie und nimmer in Sicht.

Mit einigem Interesse beobachtete ich allerdings, wie die unterschiedlichsten Leute bei mir aufschlugen, um ihre Beschwerden und Ärgernisse loszuwerden. Dabei war mir durchaus bewusst, dass einige davon mich zweifelsfrei für einen Drecksack hielten. Aber es war wohl genug Hoffnung da, dass der groß genug war, um es in die Hand zu nehmen. Eigentlich, so dachte ich bei mir, war das Aufgabe des Verwaltungszweigs, sich mit so etwas auseinander zu setzen. Noch ein Punkt, den ich wohl überdenken und angehen sollte. Später. Die Dringlichkeit hielt sich in Grenzen.
Eine andere hatte sich ergeben, die mich am zweiten Tag wohl wieder in den Palast treiben dürfte. Auch das sollte ich besser nicht versäumen. Lästiger Gang und ich musste mir wirklich sehr gründlich überlegen, wie ich das vortragen wollte. Nun, ich hatte es mir ausgesucht, auch wenn ich die Politik gerade verfluchen wollte. Schon wieder sollte ich mich in Diplomatie üben – und das war an der Stelle mehr als notwendig die passenden Worte zu finden. Ich war nur bei allen Niederhöllen kein Diplomat und entsprechend schwer tat ich mich damit, mich entsprechend einzuschmeicheln oder einzuschleimen, um dann die Worte so zu verdrehen, als wäre es der Einfall des anderen gewesen, dass man sich darum noch kümmern müsste. Zum Dämon mit diesem Eiertanz! Alles Ärgern nutzte aber nichts. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich dennoch zu versuchen. Also nahm ich mir vor auch das wieder als einen Teil meiner Ausbildung zu betrachten und dazu zu lernen. Zwar hatte ich hier keinen Lehrer, also machte ich die bereits gesammelte Erfahrung dazu, und überlegte mir die Formulierung im Vorfeld.
Das dafür herangenommene Pergament füllte sich stetig mit etlichen Variationen, die letztlich alle das Gleiche aussagten, und mit keiner war ich zufrieden. Alles schien mir viel zu offensichtlich und direkt. Es war zum Erbrechen.

Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Gut, dann eben ganz nach Wolfseichen-Art, ein wenig abgemildert im Klangbild. Es war ja im Grunde nichts anderes als eine Verbeugung, nicht wahr?
  • Man darf dich nicht für einen Betrüger halten,
    auch wenn man heute nicht leben kann, ohne einer zu sein.
    Deine größte List muss sein, zu verbergen,
    was als solche erscheint.
    Baltasar Gracián y Morales
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • … und dabei hatte ich so gehofft, dass du der Punkt in meinem Leben würdest.
    Aber leider warst auch du nur ein – Komma.
    Peter E. Schumacher
Womit wieder bewiesen war, dass ein jeder sich allein auf sich selbst verlassen sollte. Wie immer war nichts rauszubekommen. Vielleicht sollte ich mir überlegen mich einfach etwas zurück zu ziehen. Nicht, dass es mir gefiel, aber ich hielt auch nichts davon mich zu lang mit etwas aufzuhalten, wo nichts zurück zu erwarten war.
Mir wurde zudem bewusst, dass ich den Schnaps in Zukunft anderen überlassen wollte und mich auf einen Becher Bier oder ein Glas Wein beschränken würde, sollte ich mal Alkohol trinken zu wollen. Warum? Ich vermutete die gleiche Wirkung auf andere zu haben, wie den Eindruck, den ich gewann. Vielleicht verweichlichte ich doch langsam, allein schon deshalb, weil ich mich verantwortlich sah darauf zu achten, dass der Rausch in Ruhe ausgeschlafen wurde und keine Verletzungen als Folge hatte. Ich ging nur zwischenzeitlich mal hinaus, um das stille Örtchen aufzusuchen und eine kurze Nachricht nach Hause zu schicken, damit mich niemand vermisste. Den Heimweg trat ich erst früh morgens an, nämlich zum täglichen Lauf von Düstersee nach Rahal. Mir blieb gerade noch Zeit mich entsprechend in die Rüstung zu zwängen. Meine Begeisterung hielt sich indes in Grenzen. Ich war mir sicher, ich hörte seit dem Aufbruch nach Düstersee mein Bett schreien.

Du wirst wirklich weich.

Der Lauf war für mich eine Qual, genauso wie der Waffengang. Dank der Müdigkeit steckte ich mehr ein, als sonst üblich. Selbst die Schmerzen sorgten nur geringfügig dafür, dass ich aufmerksamer wurde. Der darauf folgende Zorn allerdings machte mich hellwach und wenigstens im letzten Waffengang verteilte ich mehr Schläge, als ich sie selbst kassierte – allerdings auch nur solange, bis mir plötzlich jemand mit ausreichend Erfahrung die weitere Vorwärtsbewegung vertrat und mit gezielten Paraden und Finten begann meinen Zorn in seine Schranken zu weisen.

Ich zog mich danach zurück nach Hause. Ein Bad, frische Klamotten, bevor ich Plötze im Stall aufsuchte, sie striegelte, sattelte und aufzäumte, um mich mit ihr auf einen Ausritt zu begeben. Begleitung wollte ich keine. Ich brauchte dringend die Zeit für mich und meine eigenen Grübeleien. Also lenkte ich die Stute in die nahen Wälder hinein und ließ sie einen beliebigen Weg dort wählen, zunächst nur im gemächlichen Schritt, damit sie ihre Muskeln nicht überstrapazierte.
Es war eindeutig an der Zeit, dass ich mich mal umsah, auch wenn meine Aufmerksamkeit und Wachsamkeit in meinem übermüdeten Zustand sicherlich zu wünschen übrig ließen. Genau das war auch der Grund, warum ich den Stoßdolch rechts und das Schwert links lockerte und griffbereit hielt. Anstatt der schweren Plattenrüstung trug ich nur beschlagenes Leder. Es war bequemer und zudem etwas wärmer, da das wenige Metall daran die Unterwattierung nicht auskühlte. Das Leder selbst hielt die Wärme ebenso recht gut. Ich konnte nicht behaupten zu frieren und die Beweglichkeit wusste ich ebenso zu schätzen. Zwar bot die Platte mehr Schutz, aber uneingeschränkt zu sein in der Bewegungsfreiheit hatte auch seine Vorteile.
Auf den Rücken hatte ich einen Langbogen geschnallt und den Köcher am Sattel befestigt. Meine neuste Freizeitbeschäftigung. Ich hatte kaum Übung, meist landeten diese verfluchten Pfeile keine zwei Schritte von mir entfernt im Schnee, aber ich hatte vor hartnäckig zu bleiben. Wenn so eine halbe Portion es lernen konnte, dann sollte mir das wohl auch gelingen. Vielleicht sollte ich beizeiten Thanaya mal fragen… Vielleicht auch nicht. Könnte peinlich enden für mich. Nicht, weil sie sich nicht bemühte, aber… Ich schob die Gedanken beiseite und ließ den Blick erneut schweifen.
Vielleicht wäre es sinnvoll Je’yuxalae und Adrian mal zu bitten, dem Leder einen waldigen Anstrich zu verpassen. Im Augenblick musste ich auffallen wie der Paradiesvogel persönlich. Irgendwann ließ ich Plötze anhalten und schwang mich aus dem Sattel.

„So, Plötze. Deine Übungen zuerst. Ich habe übrigens eine frische Karotte von Lotte für dich.“
Die Ohren der Stute stellten sich auf die gesprochenen Worte hin neugierig auf. Ich tätschelte die Stute freundlich und machte mich daran den Köcher abzunehmen und hängte ihn an einen nahen Ast. Danach wandte ich meine Aufmerksamkeit dem Tier zu und begann in mühsam beisammen gehaltener Geduld mit der Stute einige Tricks zu verinnerlichen und zu vertiefen.
„Bleib.“ Ich hob die Hand, die Stute schnaubte leise und nickte einige Male kräftig mit dem Kopf. Derweil wandte ich mich um und ging einige Schritte fort, bis hin zu dem nahen Gebüsch, um dahinter zu verschwinden. Plötze rührte sich nicht von der Stelle.
Als ich nach einiger Zeit zurückkehrte, verweilte sie noch immer an ihrem Platz, ohne auch nur einen Schritt getan zu haben. Der Anfang war damit gemacht und es war ein Guter, wie ich fand. Es folgten noch andere Übungen, und bei so mancher musste ich zwei oder drei Mal ansetzen. Es mochten sicherlich zwei oder drei Stunden in den Tag gegangen sein währenddessen. Als Plötze ihre Belohnung für ihre gute Mitarbeit bekam, erhielt ich dafür ein zufriedenes Schnauben, als die Schnauze sich in den ledernen Klappeimer mit etwas Hafer und der versprochenen Möhre senkte.

Ich nahm inzwischen meine Übungen auf und ließ Plötze inzwischen in Ruhe fressen. Mittlerweile verzichtete ich darauf ihre Zügel zu befestigen und vertraute darauf, dass sie nicht weglief. Mit etwas Mühe spannte ich den Bogen, immerhin das klappte von Mal zu Mal besser. Etwas verbissen und angespannt legte ich danach den ersten Pfeil an. Solang ich den Bogen gesenkt und nicht gespannt hatte, wirkte das auch noch alles äußerst gekonnt, wenig später nicht mehr. Der erste Pfeil landete mal wieder sonst wo, aber nicht da, wo ich ihn eigentlich hatte hinbefördern wollen. Immerhin flog er und fiel nicht einfach hinunter wie ein Stück Stein. Das Schnauben hinter mir wirkte auf mich belustigt, obwohl ich mir an sich sicher war, dass Pferde einen solchen Tonfall gar nicht anschlagen konnten.
„Hör auf zu spotten!“ knurrte ich nach hinten und versuchte mich am nächsten Schuss. Wieder folgte ein Schnauben und fast war ich versucht mich umzudrehen und auf Plötze zu zielen, diese elende Mähre.
Damit verbrachte ich weitere zwei Stunden im Wald, stets im Stillen betend, dass sich bloß keine Seele her verirrte und diese hoffnungslosen Versuche mit ansah.

Am frühen Nachmittag kehrte ich hungrig und frustriert heim. Plötze stand wieder im warmen Stall, versorgt, trocken gerieben und zufrieden. Mir war klar, dass ich kein guter Schütze würde, aber wenigstens ein grundlegendes Gefühl dafür wollte ich dennoch erlangen. Mich ließ der Verdacht nicht los, dass dafür noch ein langer Weg vor mir lag. Manche Kunst lernte man nicht an einem Tag, manche auch nie. Für ein „nie“ war ich wohl einfach zu stur.
Zu einem war die verbrachte Zeit im Wald in jedem Fall gut gewesen: Der Kopf war frei von Grübeleien und auch wenn ich nach wie vor müde war, ging es mir doch bedeutend besser und ich fühlte mich weit weniger frustriert.
  • Man kann im Leben alles erreichen! Nur nicht jeder!
    Erhard Blanck
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Zwischen Abstand gewinnen und eine Kluft erzeugen
    liegt oft nur ein schmaler Grat.
    Aba Assa
Ich ging langsam zum Stall hinüber, holte den Hengst ab und führte ihn gemächlich durch die schlafende Stadt. Dabei achtete ich nicht sonderlich auf meine Umgebung, oder ob noch jemand auf den Beinen war. Den Wachen am Tor nickte ich höflich, aber geistesabwesend zu, und erst als ich das Haupttor passiert hatte, zog ich mich in den Sattel hinauf.
Ich hatte es nicht eilig heim zu kommen, auch wenn die Klamotten noch klamm waren und mich entsprechend die Kälte spüren ließen. Mein Weg führte mich an der freigelegten Baufläche und den aufgebauten Zelten vorbei. Mit einem leichten Zug am linken Zügel und einem ebenso leichte antippen mit der Ferse lenkte ich das Pferd in Richtung Bauplatz. Schweigend besah ich mir das Ausmaß der Grundfläche. Die dunkle Erde hob sich gut vom Schnee ab, so dass selbst im schwachen Licht des zunehmenden Mondes genug zu sehen war. In zwei Tagen war Vollmond. Die wenigen Wolkenfetzen, die über den Himmel zogen, vermochten es kaum etwas von dem schummrigen kaltsilbrigen Licht zu nehmen.

Es waren nicht viele da gewesen, um mit anzupacken, aber doch genug, um wenigstens die Fläche und die Zelte vorzubereiten. Das, was seine Heiligkeit vor seinem inneren Auge hier entstehen sah, war … mir fiel kein anders Wort als „gewaltig“ dafür ein. Shasul ging das Ganze sehr gezielt und ruhig an. Gefiel mir, was ich mitbekam. Letztlich aber musste es nicht nur mir zusagen. Trotzdem war es ein beruhigendes Gefühl, diese Erkenntnis erhalten zu haben. Hier hielt ich es für möglich zusammen zu arbeiten.
Zwar hatten wir nicht allzu viele Berührungspunkte, über die wir uns unterhielten, aber das was da war, damit ließ sich meiner Meinung nach schon etwas anfangen. Es war jedenfalls ausbaufähig.
Ich hegte allerdings die Befürchtung, dass wir das Projekt nicht zu der passenden Zeit umgesetzt bekamen. Gleichzeitig sollte die Festung vor Düstersee entstehen.
Eigentlich müsste man die Handwerker aufteilen, und genau das raubte Zeit. Zeit, die wir nicht hatten. Das Wetter fügte seinen Teil noch mit dazu. Was mich daran erinnerte, dass ich die Magistra allmählich um eine Antwort drängen sollte. Es wurde so schon genug getrödelt. Und sollten sie noch Vorbereitungszeit benötigen, vergingen vermutlich wieder Tage, wenn nicht gar Wochen.

Ich ließ den Hengst gemächlichen Schrittes die Fläche ablaufen, während meine Gedanken schon wieder woanders hin wanderten. Neben den ganzen Bauprojekten gab es schließlich noch anderes, das ich im Auge behalten sollte und wollte. Ich hoffte alsbald das Gespräch mit einem der Prätoren führen zu können. Es verursachte mir Magenschmerzen es allzu lang ausstehen zu lassen. Und wenn ich ihn dafür am Ohr ins Arbeitszimmer zerren musste. Zeitnah und Zeitnah waren eben noch immer zwei unterschiedliche Ansichten.
Und das war nicht das einzige Sorgenkind. So gesehen hatte ich einen Stall voll davon. Was mir wieder vor Augen rief, dass ich selbst gar keine zeugen brauchte. Ich hatte schon genug davon zuführen. Und eins war zeitintensiver als das andere.
„Das größte Kind davon, bist du selbst bisweilen“, brummte ich vor mich hin. Der Gaul drehte daraufhin den Kopf und äugte zu mir rauf, als wollte er mir damit sagen: „Worauf du wetten kannst.“ – „Ach, Maul Gaul.“

Hinzu kamen unerfüllte Erwartungen, die ich vielleicht zu hoch angesetzt hatte. Ich sollte mit dem zufrieden sein, was ich hatte, aber ich war es nicht wirklich. Es war mal wieder diese gewisse Zeit angebrochen, in der ich das Gefühl hatte, dass nichts – oder nur wenig - so lief, wie ich es mir vorstellte. Zu wenig. Es war wie trockener Sand. In meinem Hang zur maßlosen Übertreibung, war alles wie Sand in der eigenen Hand. Es rann einfach durch die Finger und verlor sich irgendwo.
Ich schob meinen überaus dramatischen Moment beiseite und schüttelte über mich selbst den Kopf.
„Idiot.“ – Ein bestätigende Schnauben. – „Maul Gaul, wie oft noch!“ – Wieder ein Schnauben. Ich dachte kurz darüber nach ihn zu schlachten.

Ich widmete mich stattdessen allerdings der Revue des vergangenen Abends. Nicht sehr erbaulich. Und wie oft hätte ich gern aufbegehrt gehabt, dass die Schuldfrage nicht allein bei mir zu suchen war. Ich hatte es mir verkniffen. Wohin sollte es auch führen? Entweder es wurde so erkannt, oder nicht. Darüber zu janken und zu plärren brachte keinen Fortschritt. Einforderungen an der Stelle auch nicht. Das wäre nichts anderes als kindisches Gehabe gewesen. Stellenweise hatte ich mich dazu ohnehin schon hinreißen lassen, was mich genug ärgerte. Irgendwann bekam ich es aber in den Griff und hielt nicht mehr mit diesem dümmlichen „Aber du hast…“ dagegen. Im Nachhinein musste ich mir eingestehen, dass ich mich zu keiner Zeit darauf hätte einlassen sollen. Tja, nun war es zu spät. Das war auch mitnichten der Hauptgrund, warum ich so schlechter Stimmung auf meinem Gaul saß und ihn mittlerweile wieder gen Düstersee lenkte. Ich hatte keine Eile zuhause anzukommen. Diesen Abend wollte es mich nicht wirklich dorthin ziehen.

„Du kannst eben nicht alles haben, Dazen Wolfseiche“, murmelte ich. – Ein heftiges Nicken seitens des Gauls. „Aber fast. Und wenn du nicht aufhörst, habe ich bald einen überaus leckeren Sauerbraten aus Pferdefleisch auf dem Tisch“, knurrte ich ärgerlich. – Ein Kopfschütteln des Gauls, der eine Gangart zulegte an Tempo. Ich ließ ihn laufen.
  • Kritisiere dein Ich, aber zweifle nicht daran.
    Epiktet
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Unter allem Diebesgesindel sind Narren die schlimmsten,
    sie rauben euch beides,
    Zeit und Stimmung.
    Johann Wolfgang von Goethe
Der Kälte zum Trotz saß ich draußen auf der Bank in dem kleinen Pferch, den ich meinen Garten nennen durfte. Die Aussicht war nicht zum Genießen da, denn es gab da ja keine großartige. Ein schmaler Weg hinter dem Zaun, dann bereits die Mauer des Nachbargebäudes. Rechts wie links weiteres Mauerwerk. Nach oben, durch das Geäst hindurch, war der Himmel zu sehen, gerade bedeckt und wenig interessant anzusehen. Allerdings saß ich mehr der frischen Luft wegen hier, weshalb mich die miese Aussicht nicht kümmerte. Es gab andere Aussichten, die mir weit weniger schmeckten, als kahle kalte Wände.

Ich begann mich zu fragen, wohin mein Weg führte. Ganz ohne Frage hatte ich mir vom Knappenstand schon etwas anderes erwartet, als das, was ich vor und hinter mir hatte. Ich kam mir vor wie ein Baumeister, nicht wie in Knappe. Die Türme, die Arena, die Festung, die Schutzmaßnahmen am Osttor...
Es machte mich stolz, dass Xen’draxol die Auszeichnung erhalten hatte für seine Baupläne, die Arbeit, die er da rein gesteckt hatte – es machte mich zufrieden, dass es eine der Pantherklauen gewesen war. Und ich wusste, wie zufrieden ihn selbst diese Waffe machte. Etwas anderes, wie etwa dieses Medaillon bei der Auszeichnung davor, hätte es nicht sein dürfen.
Ich lenkte den Blick auf den Silberorden in meiner Hand. Die Ernennung in die Knappschaft war mehr wert gewesen, als dieses Stückchen Silber. Es war in allem mehr wert gewesen – zumindest hatte ich es gedacht damals. Immerhin sollte der Weg mich näher zum Herrn führen. Mittlerweile hatte ich das Gefühl, dass es mich von ihm fortbrachte.

Gemessen an den Leistungen war die Bruderschaft kaum etwas wert. Gemessen an dem, wie sie behandelt wurden, waren sie kaum etwas wert. Gemessen an dem, wie sie gesehen wurden, warten sie kaum etwas wert. Gemessen an der Hierarchie…
Die vom All-Einen gegebene Ordnung sah ich derzeit kaum noch irgendwo gegeben. Es schien sogar so, als fiele es nicht nur mir auf. Aber niemand sagte etwas, niemand wagte es, und die, die davon profitierten sahen es weder, oder sagten nichts, da der Profit dann verloren ginge.
Ich fing an einen einzigen Sauhaufen zu sehen und fragte mich, ob ich mich wirklich noch darunter bewegen wollte, mit ihnen gehen wollte, ob der Zusammenhalt nicht nur ein fadenscheiniges Gewächs gewesen war, an das ich hatte unbedingt glauben wollen…
Da war kein Zusammenhalt im Reich. Da war nichts als Missgunst. Da gab es Belobungen für Kompetenzüberschreitungen, Belobigungen für die in der Öffentlichkeit ausgesprochene Drohung dem Leben eines Würdenträgers zu beenden – von einem Gardisten.

Das Gesetz war eine Farce. Die die sich darum bemühen sollten, diese gewahrt zu wissen, brachen es selbst, ein ums andere Mal.
  • § 5b Beleidigung eines Würdenträgers des Reiches wird mit öffentlicher Züchtigung bestraft.
Weder war das erfolgt, noch fand es Beachtung. Und hier ging es um Beleidigungen, nicht Drohungen oder gar Taten, die in meinem Ansinnen weit mehr aufboten, als eine bloße Beleidigung. Es wurde sich darüber hinweg gesetzt, was in den Gesetzen stand – nicht nur an dieser Stelle. An so vielen anderen auch. Selbst das Vorbild hielt sich nicht an die eigenen Gesetze. Wie sollte es dann der Rest. Es schien so oder so nicht von Interesse.
Die von Alatar gegebene Ordnung war nicht mehr vorhanden in meinen Augen.
  • Die folgenschwersten Fehler passieren, wenn der Mensch sich für unfehlbar hält.
    Thomas Carlyle
Was war aus dem Reich geworden?
Es gab aktuell tatsächlich nicht mehr viel, was mir gefiel. Zu wenig für die Bruderschaft, zu viel an anderen Stellen. Viel zu viel. Zu erkennen, wie hilflos ich mich dem Ganzen gegenüber fühlte, machte es nicht besser.
Ich war kein Zweifler – zumindest hielt ich mich nicht dafür. Allmählich aber geriet ich ins Wanken und steuerte langsam darauf zu einer zu werden.

Eure Waffe war so scharf, wie sonst Eure Zunge.

Wenn ich einmal das sagte, was ich dachte, ich hätte sie nicht mehr im Mund, vermutlich nicht einmal mehr den Kopf auf den Schultern.

Vertraue den Höheren.

Ich konnte nicht. Aller Bemühungen zum Trotz. Sie waren Menschen, sie waren nicht unfehlbar. Selbst die Höheren der Letharen waren es nicht. Selbst…
Mochte der All-Eine mir vergeben oder nicht. Mit beiden Entscheidungen musste ich leben. Und auch daran bemerkte ich, dass ich begann zu zweifeln. Am Weg, am System, an…

Mit einem Seufzen drückte ich mich von der Bank hoch und verließ den Garten. Nach einiger Zeit blieb ich vor dem Tempel Düstersees stehen. Ich hatte an sich vorgehabt etwas vom Glauben zu berichten, etwas darüber hören zu wollen. Jetzt kam es mir sinnlos vor. Ich zweifelte.
  • Zuwenig und zuviel
    ist beides ein Verdruß;
    so fehl ist überm Ziel
    wie unterm Ziel ein Schuß.

    Zuwenig und zuviel
    ist gleich sehr unvollkommen;
    im ernst ist und im Spiel
    das rechte Maß willkommen.
    Friedrich Rückert
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Denn was auch immer auf Erden besteht,
    besteht durch Ehre und Treue.
    Wer heute die alte Pflicht verrät,
    verrät auch morgen die neue.
    Adalbert Stifter
Nach zwei Stunden gab ich es auf Schlaf finden zu wollen und verließ wenig spatter das Gemeinschaftshaus zu einem nächtlichen Spaziergang in der Kälte. Ich verließ die Stadt durch das Osttor, überprüfte die dortige Anlage noch einmal, so gut es in den schlechten Lichtverhältnissen möglich war - und wohl auch nur, um etwas zu tun zu haben und den Kopf ein wenig frei zu bekommen. Für eine kleine Weile half es sogar und ich hing nicht weiter meinen Grübeleien nach. Erst als ich den Wald betrat, hinter der Hausbrücke, und den Weg nach Süden einschlug, kehrten die Gedanken zurück, während meine Ohren sich mit den nächtlichen Geräuschen vertraut machten und mich mehr als einmal dazu verleiteten in die eine oder andere Richtung zu blicken, als mir etwas zu fremd klang.
Allerdings sollte ich mich täuschen und nichts weiter geschah. Irgendwo fiel etwas Schnee von einem Ast, dann und wann hörte man einen Kauz in der Ferne rufen. Ansonsten war es fast schon gespenstig still. Nur die eigenen Schritte im Schnee, dazu der leichte Wind, der durch die Bäume und Zweige pfiff.

Das Angebot.

Unter den gegenwärtigen Umständen war es viel zu verlockend einfach unbedacht zuzustimmen. Bei näherer Betrachtung und eingehenderem Nachdenken ließ die Verlockung allerdings rapide nach. Wie bewusst waren sie sich der Kreise, die das ziehen würde? Wie bewusst waren sie sich, was das im Nachhinein an Folgen haben könnte oder würde? Was, und das war wohl mitunter eigentlich maßgeblich, genau hatten sie vor? Und vor allem wie wollten sie es angehen? Denn beide Fragen beinhalteten und gaben letztlich auch vor, was in der Zukunft daraus wuchs.
Wären es andere gewesen, die das Angebot unterbreitet hätten, wäre da vermutlich nicht einmal ein langes Zögern von meiner Seite aus hervorgegangen. Aber gerade er hinterließ bei mir immer so einen unangenehmen Beigeschmack zum Ganzen. Ich war mir nicht sicher, ob er sich seines derzeitigen Standes im Reich überhaupt bewusst war. Wenn, schien es ihn weder zu kümmern, noch zu interessieren. Es war allerdings für jeden anderen, der sich offen auf ihn einließ, sicherlich nicht von Vorteil.

Das Angebot.

Es klang noch immer verlockend, bis auf eine Tatsache. Es schloss etwas aus, was mir nicht gefiel. Wenn mich jemand fragen würde, was ich von all dem hielte, die erste Antwort wäre vermutlich gewesen: „Die hat der Dämon geschickt." Als hätten sie gerochen, dass ich mich derzeit mit Zweifeln rumschlug, diese verdammte Brut. Und der, dessen Rat ich hier am Dringlichsten gebraucht hätte, war nicht da.

Was also wirst du tun, Wolfseiche?

Auf eigene Faust und damit vielleicht alles verspielen, was du bis hierher erreicht hast? Es war ein Risiko. Und irgendwem hatte ich mal gesagt, dass nichts gewonnen wurde, wenn keine Bereitschaft da war etwas zu riskieren.

Das dreimal verfluchte Angebot.

Wo sie mich sahen, ließ mich fast lachen, trotz meiner widerwärtig miesen Laune. Wie schlecht sie mich kannten.
Für einen Moment blieb ich stehen und sah in den Wald hinein, zu meiner Linken, dann zu meiner Rechten. Ich bog ab, zog weiter gen Südost, in Richtung Bajard. Es war noch ein gutes Stück bis dorthin, aber das kümmerte mich nicht.
Plötzlich verspürte ich den ungemeinen Drang zu lachen und konnte es auch nicht mehr zurückhalten. Es war wieder der Gedanke daran, wo sie mich sahen. In Zukunft. Eigentlich bezeugte es wohl nur, dass seine Heiligkeit wirklich unfehlbar darin zu sein schien, was das Erkennen von Fähigkeiten anging, auch wenn ich es, in eigener Person, anders sah. Offenbar sahen andere das so wie er an dieser Stelle. Ehrlich zu mir selbst: Es stürzte mich zunehmend in Verwirrung und Zweifel. Selbstzweifel. Zweifel auf so einiges andere. Wie gut, oder wie schlecht, war mein Einschätzungsvermögen, was andere betraf? Nein, da hielten sich die gemachten Fehler in Grenzen. Im Großen und Ganzen war es nicht schwer zu erkennen, woran ich war.

Das Angebot.

Es stank zum Himmel, so verlockend war es. Nicht wegen dem Platz, wo ich gesehen wurde. Den konnten sie behalten. Nicht mal geschenkt, wollte ich ihn haben. Natürlich folgte die Frage, was dann?
Eine gute Frage. Jeder brauchte ein Ziel, für das es sich lohnte, um auf so ein Angebot einzugehen. Ich schätzte, ich hatte den Preis gefunden. Mir fehlte ein Punkt in der ganzen Rechnung. Vielleicht sollte ich ihn ins Feld führen. Vielleicht aber auch gerade nicht, um zu beobachten, wohin die Reise ging. Ich traute ihnen nicht so weit, wie ich einen Drachen werfen konnte.

Bajard.

Das Dorf lag still und friedlich da. Wie auch nicht. Es war spät, die meisten schliefen. Verirrte Nachtschwärmer trafen sich hier immer wieder einmal, aber dieses Mal machte ich niemanden aus. Mir fiel allerdings die Steintafel im Dorf auf, und las die eingeschlagenen Zeichen darauf.
„Da bekommen wir offenbar wohl zu tun", murmelte ich in meinen nichtvorhandenen Bart. Was auch immer ich in Bajard wollte, ich entschied mich um und machte kehrt. Ich wählte nicht den Weg zu Fuß, sondern mit der Kutsche.
Zeit, ein paar Nachrichten loszuwerden.
  • Wenn der Schäfer ein Wolf ist,
    wohin sollen die Schafe flüchten?
    Deutsches Sprichwort
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Vor der Fassade des Größenwahns blüht das Unkraut der Überheblichkeit.
    Uli Löchner
Es erstaunte mich immer wieder und sollte mich wohl doch nicht mehr wundern. Wie vermessen konnte jemand sein? Und wie langatmig war die Duldsamkeit derer, die es sich gefallen ließen?
An diesem Tag waren sie mehr als duldsam, musste ich feststellen. Im Grunde folgte eine Vermessenheit der nächsten, und da sollte noch jemand mal behaupten, ich überschätzte mich selbst. Das Paradebeispiel stand zweifelsfrei vor mir.

Die Behandlung glich der Zurechtweisung von kleinen unmündigen Kindern. Sich derartiges bei Würdenträgern herauszunehmen, die zweifelsfrei über einem standen, war mit nichts anderes als einer Beleidigung zu bezeichnen. Faszinierender daran war allein, dass es offenbar niemandem aufging, oder es niemand für nötig hielt, darauf hinzuweisen.
Wieder weckte das bei mir den Eindruck, dass es Leute gab, die sich einfach alles erlauben konnten. Ich war nicht wirklich geneigt, das so hinzunehmen, musste ich gestehen. Dennoch blieb mir nichts anderes übrig, als still zu halten und das wohl dem Ahad zu überlassen – falls er denn etwas dahingehend zu unternehmen gedachte. Die Frage musste ich aber auf ein anderes Mal verschieben.
Ich fragte mich darüber hinaus, ob die Strafe, die genannt worden war, folgen würde ohne die Zuständigen um Erlaubnis dazu zu bitten. Letztlich war das mal wieder eine deutliche Überschreitung der Kompetenz. Genauso wie der letzte Akt an diesem Abend. Etwas zur eigenen Baustelle zu machen, was nicht die seine war, sondern die des Rates, war an Überheblichkeit und Selbstüberschätzung kaum noch zu überbieten. Und da saßen sie, wie die duldsamen Lämmer, und schwiegen.
Es war mir unbegreiflich – aber andererseits waren das andere Dinge genauso. Ich stellte nicht zum ersten Mal fest, dass ich vielleicht nicht alles verstehe musste, aber ich ahnte, wohin es führen würde. Mein Blick folgte den Letharen, als sie die Räumlichkeiten verließen.

Ein verlockendes Angebot.

Ich verwarf die Gedanken direkt wieder und ging über einen Umweg für eine Milch eine Weile später heim. Das Gespräch dort war stellenweise nicht viel angenehmer, einfach auf Grund der Tatsache, dass es viel Erklärung, stellenweise auch Rechtfertigung enthielt.
Überzeugungsarbeit war immer schwierig. Und ich hatte davon noch einige vor mir. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, ob ich nicht zu viel verlangte, verwarf es dann aber wieder. Nichts war zu viel, wenn es dem Wohle des Reiches diente, ebenso dem Ansinnen des All-Einen. Sicher konnte ich die geäußerten Bedenken nachvollziehen, aber ich wusste genauso, wie einfach gestrickt diese waren. Darüber hinaus gab es allerdings noch einiges mehr zu beachten, und dafür fehlte der nötige Weitblick. Ich konnte es versuchen zu erklären, tat es auch in Ansätzen. Ich war mir nur nicht sicher, ob sie es in ihrer herzlichen Einfachheit so annehmen konnte. Trotzdem war ich mir sicher, sie auf meiner Seite zu haben, wenn es nötig war.

Ich ging relativ früh zu Bett für meine Verhältnisse, fand aber nicht direkt in den Schlaf, so dass ich mir ein Buch zur Hand nahm, als Unterlage zweckentfremdend, sowie ein Pergament als auch einen Kohlestift. Und so fing ich an einige Zeilen zu schreiben, strich sie durch, setzte von neuem an, und so weiter, bis ich letztlich so müde war, dass ich es drangab, und mir vornahm dieses Vorhaben es am nächsten Vormittag fortzusetzen.
  • Je leerer der Kopf, desto hochnäsiger lässt er sich tragen.
    Ernst Ferstl
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Ein abgefallenes Blatt kehrt nicht zum Baum zurück.
    Aus Simbabwe
Ich saß am Küchentisch und überflog die Zeilen des Briefes, den ich am Morgen aus dem Kasten gefischt hatte. Unwillig verzog ich die Lippen. Ausgerechnet jetzt? Natürlich ausgerechnet jetzt. Und ich wusste sogar ganz genau warum. Sie hatte dazu nicht einmal was schreiben müssen.
So war das.

„Hättest ja auf meinen Rat damals hören können, nicht wahr? Wäre klüger gewesen. Nun sieht es ziemlich bescheiden aus“, murmelte ich vor mich hin und seufzte, legte das Pergamente auf den Tisch und griff zum Kaffee. Die getroffene Entscheidung konnte ich nachvollziehen, während sie davon verletzt und enttäuscht war. Ich fragte mich nur, was sie erwartete? Dass die Zeit still stand, während sie sich rar machte? Dass sich Arbeit von allein erledigte, die ihre gewesen wäre? Ich war mir sicher, sie wusste es an und für sich besser.

Die Annahme allerdings, ich würde verstehen, warum sie gehen musste, war ein immenser Irrtum. Ich fragte mich tatsächlich woran sie denn ihrer Meinung nach zerbrach. An ihrem verletzten und gekränkten Stolz? Der Eitelkeit? Vielleicht etwas hart, aber ich fragte es mich tatsächlich. Ihr lag mehr an dem Titel, als andere vielleicht annahmen. Wie ein Pfau, der sich mit Federn schmückt, um in vollem Glanz zu erstrahlen. Der war nun weitergegeben worden, die Federn gleich mit. Ich hatte sie gewarnt. Sie wollte sich daran festklammern und hatte sich damit verzettelt.

Und Zecke? Der Köter fiel mir ganz spontan ein, völlig zusammenhangslos. Hatte sie ihn wieder laufen lassen? Ich seufzte, drückte mich hoch und nahm meinen Umhang. Wenig später verließ ich das Haus, um nachzusehen. Da der Hengst mal wieder Bewegung benötigte, ging ich zum Stall, machte mich daran ihn zu striegeln, die Hufe zu säubern und ihn zu satteln. Es dauerte ein wenig länger als üblich, da die Unruhe des Tiers dafür sorgte, dass es kaum eine Minute still stand.
Und kaum dass ich im Sattel saß, hatte ich auch alle Hände voll zu tun, ihn zu mäßigen. Es war ein Fehler das Pferd einfach laufen zu lassen, ohne dass es wenigstens ein Stück langsam ging, um dann das Tempo zu steigern, langsam vor allem. Langsam!
Ein kurzer Augenblick der Unaufmerksamkeit und das Mistvieh ging mir durch. Wir hatten gerade das Tor der Stadt hinter uns gelassen. Mit einem Schnaufen stellte ich fest, dass mir nichts anderes übrig blieb, als ihn laufen zu lassen, bis er sich soweit wieder fing, dass ich mit ihm arbeiten konnte.
Die gelegentlichen Bocksprünge waren da nur das I-Tüpfelchen auf dem Ganzen. Und kaum wurde er ruhiger in der Gangart, bekam er einen so derben Tritt in die Seite von mir und einen so harten Zug am Zügel, dass er unleidlich die Ohren anlegte und protestierend wieherte. Dafür durfte er sich dann von mir wahre Hasstiraden anhören und die Androhung als Ackergaul oder Sauerbraten zu enden, wenn er sich noch einmal so gebärdete. Ja, wer es noch nicht wusste, der hielt uns spätestens jetzt für die dicksten Kumpel. Und meinen Kumpel beeindruckte das… gar nicht.

Vielleicht war es Glück, oder Alatars Wille, dass ich mir nicht den Hals oder sonst etwas anderes gebrochen hatte, sondern heil am Ziel ankam. Von Zecke war nichts zu sehen und zu hören. Im Haus war es dunkel, wie verlassen eben. Ich seufzte, und machte kehrt, den Weg durch den nahen Wald nehmend. Ein Stück weit von Grenzwarth entfernt, hörte ich plötzlich ein unsägliches Gekläffe und Gebell und wenig später tobte der aufgebrachte Hund um mich herum.
„Aha. Hier treibst du dich also rum? Na dann kommst du eben mit zu mir. Auf Zecke, heimwärts, bis das Weibstück wieder nach Hause kommt.“
Ja, zugegeben, die Nachricht versetzte mich in eine ziemlich miese Laune. Hätte ich die Zeit dazu, würde ich ihr glatt folgen, nur um ihr den elenden Kopf zurecht zu rücken. Ewig die gleiche Leier. Alles Reden für die Katz. Wer da nicht auf den Hund kam, war selbst Schuld.
„Bestenfalls find ich dich bei Florentine wieder. Dann gibt’s Mord und Todschlag, Anna, mehr noch als das“, knurrte ich vor mich hin und Zecke fiel natürlich prompt ins Knurren ein, nur um dann wieder herum zu kläffen und fröhlich voraus zu tollen.

„Zecke, du bist genauso wirsch, wie deine Herrin. Ich weiß schon, warum ich dich ausgesucht hatte!“ Wie zur Bestätigung wieherte mein großer Kumpel mal kräftig.

Ich schüttelte nur den Kopf, schob den Ärger beiseite und brachte den Gaul zurück zum Stall, rieb ihn trocken und stellte ihn in seine Box. Der Hund lag die ganze Zeit über in der Sonne vor dem Stall und döste.
Es machte einfach keinen Sinn, sich über ungelegte Eier den Kopf zu zerbrechen. Genauso wenig, wie sich über ihre Befindlichkeiten Gedanken zu machen. Entweder sie würde es irgendwann lernen, dass das Leben eben keine Zuckerwatte war und alles immer süß schmeckte, oder sie lernte es nicht. Tatsächlich nahm ich mittlerweile an, dass es wohl auf „eher nicht“ hinaus lief.
Natürlich änderte es nichts dran, dass ich ihre Loyalität mir gegenüber schätzte, aber was hatte ich davon, wenn sie bei den kleinsten Widrigkeiten davon lief? Nicht viel bis gar nichts.

Du kannst die Menschen nicht ändern, du kannst ihnen nur aufweisen, wo sie etwas ändern können.

„Was soll’s denn. Sie finden alle wieder nach Hause. Komm Zecke, wir gehen heim. Muss mal sehen, ob ich dort was zu fressen für dich habe.“

Ich schnickte nur leise mit den Fingern und wenig später trottete das halbe Kalb von Hund gemächlich neben mir her gen Eigenheim.
  • Nirgends leuchtet die Heimat so hell wie im Exil.
    Walter Ludin
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Herr, lass mich zu dir finden im Gebet,
    dass ich mein Leben in der Tiefe schaue
    und meinen Teil zu deinem Tempel baue,
    der unvergänglich steht.
    Matthias Claudius
Tag 1 im Tempel zu Rahal:

Da ich nichts Besseres zu tun habe, schreibe ich meine umwerfenden Erlebnisse während meines Tempelaufenthalts nieder. Es vertreibt wenigstens kurzfristig die triste Langeweile, die mich wie ein Strick um den Hals zu ersticken droht.

Es ist mir jetzt schon eine Qual hier festzusitzen. Es ist nicht so, dass die festgeschriebenen Gebetszeiten stören, oder gar die Gebete selbst. Es sind nicht einmal die Aufgaben, die mich stören. Mir geht diese vermaledeite Robe auf die Nerven, und die Sandalen auch, aber das ist eigentlich nur Nickeligkeit meinerseits. Nein, mir geht es ungemein auf den Sack die meiste Zeit gefühlt untätig herumzusitzen und nichts zu tun zu haben, mich eingesperrt zu fühlen, während ich außerhalb des Tempels genug zu tun hätte.
Zweifellos ist uns dafür die Zeit zwischen der achten Stunde am Morgen und der achten Stunde am Abend eingeräumt worden, aber die reicht bei weitem nicht, um wirklich alles zu erledigen. Die meisten Leute zeigen sich erst in den Abendstunden.
Alatar möge mir verzeihen, aber ich bin nun einmal nicht zum Templer gemacht. Ich unterstütze jene gerne, ich bemüh mich sicherlich auch den Glauben hochzuhalten. Ich schätze, jeder, der mehr mit mir zu tun hat, nimmt an, ich werde diese Zeit der Lehre hier auch auf der linken Arschbacke absitzen. Und genau darin täuschen sich alle wohl gewaltig. Es ödet mich an, gewaltig sogar.
Die Aufgaben sind keine harte Arbeit, das sind allenfalls Weibertätigkeiten. Kerzen auswechseln, Wachs wegkratzen, Kohlebecken auffüllen und die Glut in Gang halten, Asche rausbringen, fegen, wischen. Bücher abschreiben und vervielfältigen. Lesen. Na ja, wen wundert es? Roben tragen ist fast wie Kleider tragen. Es passt eins zum andern.
Das Essen… was soll ich sagen? Welches Essen?! Wasser und Brot ist kein gescheites Essen, das ist besserer Schweinefraß. Wobei selbst die oftmals mehr bekommen als das, und auch besseres als das.
Die Schlafplätze sind auch weniger als das. Steinboden, Ende.
Ich habe mir die Einbände in der hinteren Bibliothek im Tempel bereits angesehen und muss feststellen, dass nichts Neues für mich dort zu finden ist. Ich hasse es hier eingepfercht zu sein. Ausnahmslos und abgrundtief.

Tag 2 im Tempel zu Rahal:

Die Anderen trudeln auch langsam mal ein. Nun ja, was heißt die Anderen. Garun war von Tag 1 an mit dabei. Kava ist nun dazu gekommen. An sich fehlt nur noch Darkan. Ich vermute, er wird auch noch bis zum jüngsten Tag fehlen.
Ob wir Fragen haben, hatte die Erhabene zum zweiten Mal heute wissen wollen. Ich habe nur eine: Wann kann ich endlich wieder gehen und mich um meinen Mist kümmern? Ich stelle sie aber nicht. Die Antwort ist mir eh klar. Zwei Wochen. Wer kam auf diese beschissene Idee nochmal? Ach ja, ich sollte mir irgendwas Dankenswertes für die Ritterin ausdenken. Habe ja Zeit genug zum Verschwenden. Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich es hier hasse?
Die einzigen Lichtblicke sind die Besucher, die immer mal wieder etwas Neues mitbringen und zu erzählen haben. Ansonsten hört und sieht man wenig hier. Außer endloses Gemäuer.
Ich kann kaum still sitzen. Das ist einfach nicht das, was ich mir unter Arbeit vorstelle. Es ist … wie Müßiggang. Manche würden es Erholungsreise nennen. Ich fühl mich zunehmend wie ein Tier im Käfig. Ein Tier, das dort jedenfalls nicht reingehört, in diesen Käfig.
Mittlerweile ist es Nacht. Kava schnarcht, als wolle er das Gebäude zum Einsturz bringen. […]

Habe ihm ein Buch an den Kopf geschmissen. Davon hat es hier ja genug. Nun ist Ruhe. Gute Nacht.

Tag 3 im Tempel zu Rahal:

Alatar kennt Erbarmen. Wir waren heute bei der Baustelle der Arena. Willkommene Abwechslung. Endlich gab es richtige Arbeit, etwas, wo ich anpacken und mich verausgaben konnte. Es ging recht gut voran, auch wenn wir an sich schon über den Zeitplan hinaus waren. Allerdings ist mir aufgefallen, dass Nel fehlte. Es ist mir allerdings zu müßig mich damit an den Rat zu wenden. Waren genug von da, die das hätten selbst bemerken dürfen. Nicht mein Problem.
Habe mir, nachdem es zu dunkel wurde zum Weitermachen, erlaubt dem Tempel noch etwas fern zu bleiben. Gilt wohl auch nicht für mich allein. Stört mich nicht. Kann Kava verstehen, dass er sich nochmal woanders hin verdrückt hat. Mir geht es ja nicht anders.

Und kaum ist der Kater aus dem Haus, verkriechen sich die Mäuse auf andere Festivitäten. Von den Prätorianern sah und hörte ich gar nichts mehr. Felicitas hatte ich nur kurz einmal getroffen die vergangenen Tage, das war es auch schon.
Die ganze Zeit zum Nachdenken zu haben im Tempel hatte seine Nachteile. Erhebliche Nachteile. Man fängt an sich nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zu fragen, und nach der der Gemeinschaft. Offenbar schien sie zunehmend unwichtiger für die anderen zu werden.
Und sie hatte ich ebenfalls seit längerem nicht mehr gesehen. Irgendwie fängt es an mir aufzustoßen und bekommt so einen Anstrich von dem, was sie beendet hat, nur dass es nun mir so ging wie ihr. Unbefriedigend. Mehr als unbefriedigend. Gleichzeitig frage ich mich, ob ihr das überhaupt bewusst ist. Aber ein einseitiger Kampf war und ist für die Katz. Ich sollte wirklich anfangen Konsequenzen daraus zu ziehen. Dazu muss ich mir nur noch im Klaren darüber sein, welche eigentlich.
Üblicherweise gebe ich ja manches gerne dran, was mich aufhält, ablenkt und nicht förderlich ist. Stieß schon mal auf Unmut bei so diesem und jenem. Erweckte auch den Eindruck von Unbeständigkeit bei anderen. Aber wie Mann es macht, macht Mann es eh verkehrt. Was soll’s also?
Entweder mit Gespräch oder ohne.
Die Enttäuschung setzt sich allmählich fest, wie ein gemeiner schwärender Klumpen in der Magengegend, wobei ich so fair sein muss zu sagen, dass sie sich nicht nur auf sie bezieht, sondern auch darauf, wohin die Gemeinschaft steuert, somit ebenso auf mich selbst. Das Frustrierenste für mich daran ist die fehlende Rückmeldung, woran es liegt, denn egal, wie ich es drehe und wende, ich finde alleine keine Antwort.
Alatar, ich rechne nicht einmal damit, dass sie in den Tempel finden, um mit mir zu sprechen und sei es nur über Belanglosigkeiten!

Einerlei. Genug Selbstmitleid.
Zeit Munition für hinterhältige Schnarchangriffe zu besorgen. Und was Essbares. Ich bin schon wieder halb ausgehungert. Nur gut, dass ich mir etwas vom Bauplatz mitgenommen habe. Es ist nur etwas Schinken, aber es ist besser als das elende trockene Brot.
Möge Alatar mir die Schwäche vergeben oder nicht. Ich bin nicht der Meinung ein guter Diener zu sein, weil ich auf gescheites Essen verzichte, sondern auf genug andere Arten für Ihn eintrete.

  • Allmächtiger Vater, gib uns die Gnade, so zu beten,
    dass wir Gehör verdienen.
    Jane Austen
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Wenn du für einen betest, wird dir selbst geholfen.
    Jüdisches Sprichwort
Wie immer folgen schlechten Nachrichten auch mal Gute. Eine ging, die andere kam. Ich beschloss mich nicht weiter mit der Gehenden zu befassen. Es würde zu nichts führen, auch wenn der bittere Beigeschmack blieb, dass ich sicherlich einen Teil dazu beigetragen hatte. Vielleicht las ich aber auch zu viel zwischen den Zeilen heraus.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass der Frust nachließ mit der Zeit, wenn wieder jemand ging. Aber dem war nicht so. Es ärgerte mich genauso sehr wie schon bei Florentine, auch wenn es in diesem Fall kein Verrat war. Ich hoffte es zumindest.

Einerlei, es gab einen Neuzugang, und sie schien gewillt zu sein ihren Teil beizutragen, sogar von sich aus. Etwas, was mich durchaus freute und mir zudem sicher auch ein wenig Arbeit abnahm.

Die Einweihung der Arena gefiel mir soweit gut. Das Bauwerk war mit gemeinsamer Kraft ein durchweg imposantes geworden. Seine Heiligkeit schien zufrieden, und die Ehrung, die für das Mitwirken vergeben wurde, war ebenfalls wohl angemessen. Vielleicht hätte diese mich auch mit Stolz erfüllen sollen, als er sich vor der Bruderschaft aufbaute und verkündete, dass Kava und ich die Schwertleite in den nächsten Tagen erhalten sollten. Ganz sicher war da auch ein gewisser Stolz, aber er hielt sich eher klein und in Grenzen. Mir war nur zu bewusst, dass damit die Verantwortung wuchs, ich wieder meine Zeit benötigen würde, mich damit zurecht zu finden, und auch dass der weitere Weg damit im Grunde erst wirklich begann.
Natürlich war da eine gewisse Zufriedenheit diesen Schritt geschafft zu haben. Aber ich gab mich nicht der Illusion hin, dass damit alles getan oder gar erreicht wäre, oder dass die Leistung wirklich als „genug“ zu betrachten war. Eine Ehre, das sicher, aber auch nur eine Etappe mit noch größeren Erwartungen dahinter.

Auch wenn die Aushänge bereits den Tag verkünden, an dem es so weit sein sollte, so folgte ich seit der Entlassung aus dem Tempel wieder und weiterhin meinem üblichen Tagesablauf. Ich war sehr früh aufgestanden, begab mich heimwärts, zog die Rüstung an und begab mich zum täglichen Lauf und Waffengang. Danach verzog ich mich zu meinen heißgeliebten Kakteen und versuchte mein Glück mit dem Bogen. In aller Sturheit übte ich mich weiter, diese verfluchten Pflanzen zu treffen, oder die Korbmatten darum.

Immerhin hatte seine Heiligkeit verkündet die Scharfschützen der Ritterschaft zu unterstellen. Nun stellte sich die Frage, ob das auch für die Ausbildung galt. Wenn ja, dann fragte ich mich inständig, wie die Ausbildung vonstatten gehen sollte, geschweige denn, was sie enthalten musste. Ein paar grundlegende Dinge waren sicherlich gleich zur Knappenausbildung, aber eben nicht alles. In der Regel befassten wir uns weniger mit dem Umgang von Bögen und Armbrüsten, sondern mehr mit dem Nahkampf.
Mir fehlte es noch an den grundlegenden Kenntnissen zum Schützen generell. Nicht, dass ich es nicht gerade versuchte zu lernen, aber das brauchte seine Zeit, wenn ich es anständig verinnerlichen wollte. Wie es um die Kenntnisse der anderen stand, wusste ich nicht mal zu sagen.
Gesehen hatte ich allenfalls die Ritterin mal mit dem Bogen in der Hand. Aber ich liebte ja Herausforderungen. Genau solche. Oder solche wie die, die ich mit diesem Weib aus Bajard haben würde.

Dazu kam die feine Prise der Überraschung, die mir jemand anders bescherte. Das mit einer Offenheit, die ich sehr selten erfuhr von dieser Seite. Die Worte kamen wahrlich und wahrlich sehr unerwartet. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mit solcherlei tatsächlich mal wohl fühlen würde. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie in der abgeschwächten Form nicht diesen fiesen Beigeschmack hatten.
Aber, wie immer – wo etwas Positives geäußert wurde – hatte es mit etwas eher typischen und bei Licht besehen Negativem begonnen. Letztlich der Nützlichkeit des Ganzen. Natürlich. Ja, es war typisch. Eigentlich war unsere Erziehung ja genau darauf ausgerichtet. Der Trottel, der das gerne mal verdrängte, war ja ich, wobei ich das auch nur dann tat, wenn… lassen wir das.

Ich versuchte das Positive für mich persönlich, ganz im Stillen, in den Vordergrund zu drücken und war damit zufrieden. Das andere, das war die übliche Begleiterscheinung. – Wenig später stellte ich fest, dass es mir nie gelingen würde mir das schön zu reden, und immer eine Spur Wachsamkeit bleiben würde. Manchmal war es eben doch auch schon mal ein Fluch und kein Segen.
  • Eine tiefe Beziehung kann nur lange halten,
    wenn sie täglich neu begonnen wird.
    Ernst Ferstl
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Viele sprechen davon, Verantwortung übernehmen zu wollen,
    und meinen doch nur den einträglichen Posten oder die Macht über andere.
    Prof. Querulix
Der Tag verlief ziemlich langatmig und zermürbend. Ich war froh für jede Ablenkung, die ich fand. War es der morgendliche Lauf und Waffengang, die spätere Jagd, oder die Tiraden, die herabgingen, auf Grund eines zu tragenden Kleides. Wobei ich zugeben musste, letzteres erheiterte mich über alle Maßen. Eigentlich hatte es mit harmlosen Frotzeleien angefangen, geendet war es in einem grünen Kleid ohne Bänder und ohne Blumen. Was zu viel war, war eben zu viel. Zwei Stunden hatte es gebraucht, bis sie drin steckte in dem Kleid, und bereit war damit auch vor die Tür zu gehen. Eine halbe davon ging dafür drauf sie zu überzeugen die Haare hochzustecken.
Genauso wie ein durchscheinender Rock wohl etwas unpassend gewesen wäre. Auch hier, keine Blumen und Bänder. Alles in allem kam am Ende durchaus etwas Anständiges heraus und konnte sich sehen lassen. Auch das Blaue war gut geworden. Und was war ich froh, dass meine Kleiderordnung eh fest stand und keiner daran rummäkeln konnte.

Ich zog mich bereits zwei Stunden vor der zu erwartenden Zeremonie in den Tempel zurück, hoffte dort etwas Ruhe zu finden und dabei zu selbiger zu kommen. Die Hoffnung starb schneller, als ich erwartete. Es brauchte nicht einmal eine viertel Stundenkerze bis ich Gesellschaft hatte. Nicht, dass sie mich störte. Das leise Gespräch brachte auch einen guten Teil der Ruhe, die ich zu finden hoffte. Allerdings folgte der ersten eine weitere viertel Kerze später weiterer Besuch, der blieb. Dass der Ahad so früh kam, damit hatte ich ganz sicher nicht gerechnet. Eine weitere halbe Stunde später füllte sich der Tempel zusehends. Ich stellte etwas irritiert fest, dass die Kommenden sich entweder in der Zeit vertan hatten, oder aber dem gleichen Gedanken folgten, wie ich. Als mir der Tumult dann aber doch zu groß wurde, verzog ich mich nach draußen – nachdem ich meine Waffe sorgsam im Gemeinschaftshaus untergebracht hatte nach Weisung der Ritterin.
Es hatte keinen Erfolg. Kaum saß ich, sammelte es sich auch dort wieder. Ich hätte schreien mögen, bekam es aber hin mich zusammen zu nehmen und atmete mehrfach tief durch. Als die Ritterin mich dann auf Seite nahm, um noch einmal mit mir zu sprechen, war ich fast schon dankbar darum, genauso wenig wie ich ihre Worte vergessen würde.

Ihr wart nie wirklich mein Knappe, trotzdem fühlt es sich ein wenig so an. Deshalb werde ich Euch sagen, was ich mir von meinem Ausbilder gewünscht hätte. Ihr habt dies verdient, doch ist dies nicht das Ende Eures Weges. Harte Entbehrungen und viele Mühen haben Euch dorthin geführt, wo Ihr nun steht. Es werden schlimmere folgen, doch wisset, dass Ihr sie mit der Annahme Alatars heute Abend alle überwinden könnt. Diese Macht wird in Euch brennen, keine Zweifel können je darüber aufkommen. Vertraut auf Alatar, vertraut auf die Bruderschaft und auf Euch.

Sie wies mich an auf den Friedhof zu gehen, um noch etwas für mich sein zu können. Ich folgte dem Rat und zog mich ins Mausoleum zurück, um wenigstens eine ganze viertel Kerze für mich Zeit zu haben und meinen Gedanken nachzugehen. Die Nervosität war nicht weg, sie wollte auch nicht weichen. Nicht desto trotz gaben die vorangegangenen Worte genug Zuversicht, dass es gut und richtig war wenig später vor den Altar zu treten und die Schwertleite zu empfangen.
Die Zeit für mich nutze ich, um mich zu fragen, ob es nicht vielleicht an der Zeit war, ihr zu sagen, was ich von ihr hielt. Bislang hatte ich es weiträumig vermieden, es vielmehr versucht anders zu verdeutlichen, aber ich war mir nicht sicher, ob mir das gelungen war.
Ihre Worte vor der Zeremonie sollten aber nicht das einzige bleiben, das mich überraschen sollte an diesem Tag.

Ich kehrte nach der viertel Kerze zurück in den Tempel, grüßte den All-Einen in der üblichen respektvollen Art und Weise, die sich einfach gehörte. So kniete ich vor dem Altar nieder, senkte mein Haupt und begab mich in ein Zwiegespräch mit dem Allmächtigen. Ich bat um nichts, ich dankte Ihm. Danach nahm ich auf der Bank neben der Ritterin und Knappe Shasul Platz.

Allerdings nicht für lange. Die Tetrarchin rief zum Gebet, so dass wir uns bald alle kniend vor den Bänken wiederfanden, bis wir Knappen letztlich nach vorn gerufen wurden. Es folgte das Zeremoniell zur Weihe unserer Rüstungen.

Blut für Blut.

Erst jetzt, wo wir dort oben standen, den Altar im Rücken, nahm ich zum ersten Mal vage wahr, wie viele gekommen waren. Der Tempel war voll, fast bis auf den letzten Platz besetzt. Ich war vorher schon nervös, aber nun wurde mir auch noch leicht übel vor Aufregung. Hin war die mühsam zusammengesuchte Ruhe. Ich wandte mich wieder dem Altar zu, um die Weihe weiter zu verfolgen, bemüht die Nervosität in den Hintergrund zu drängen. Während die Catula das Blut für die Weihe von uns nahm, vollzog die Erhabene danach selbige. Das erste, was die Rüstung also zu schmecken bekam, war unser eigener Lebenssaft. Mein Blick fiel auf die Klinge, die an dem Rüstungsständer lehnte und blieb eine kleine Weile darauf haften, dann aber blieb mir keine Zeit mehr für meine eigenen Tagträumereien. Kava wurde auf seinen Platz zurück geschickt, ich blieb allein vor dem Altar zurück.
Ahad Crain stand vor mir und wies mich an den Eid zu wiederholen, den er aufsagte. Während ich das tat, begann die Ritterin mir den Umhang abzunehmen und dann die Rüstung anzulegen.
  • Im Angesicht Seiner schwöre und gelobe ich
    Ewigen Dienst in den Reihen der Ritter Alatars.
    Ihre Tugenden seien mein Geleit durch diese Welt
    Und über den Tod hinaus.
    Möge gereichte Blutklinge meinen unbändigen Zorn leiten
    und das Fleisch der Ungläubigen spalten
    Auf dass sie ein für alle Mal getilgt werden
    Getragene Rüstung sei dabei die Manifestation meines Glaubens,
    der Schild Symbol für dessen unbändige Kraft und Unverwundbarkeit.
    Nie werde ich Ruhe finden, nie wird mein Wille versiegen,
    Ehe nicht letztes Blut geflossen und die Welt unter Seinem Banner geeint ist.
    Kein Mitleid, keine Gnade, keine Furcht
    Sein Reich komme!
Ich hatte Mühe die Worte getreulich wiederzugeben, mich darauf zu konzentrieren. Das Festziehen der Verschlüsse, das Anlegen weiterer Rüstteile, lenkte mich immer wieder etwas ab. Hinzu kam der immer wiederkehrende Gedanke: Jetzt nicht patzen, Wolfeiche.
Ich war mir selbst wohl die wenigste Hilfe in dem Augenblick. Trotzdem leistete ich den Eid, bekam es irgendwie hin nichts auszulassen oder zu überhören, auch wenn von den Worten zunächst nicht viel hängen blieb. Sie fielen mir erst viel später wieder ein, ebenso wurde mir die Tragweite erst deutlich später bewusst.

Zum Ende wies die Ritterin mich hin, mich vor dem Altar niederzuknien. Sie baute sich vor mir auf und schlug mir mit der gerüsteten Rückhand einmal kräftig ins Gesicht. Ich wusste erst, wie mir geschah, als der Schmerz mich nach dem ersten Schrecken einholte und blinzeln ließ.
  • Dies soll das letzte Mal sein, dass an Euch ungesühnt Hand angelegt wird.
Alatar, ich hätte schwören mögen, sie hatte ihr eigenes perfides Vergnügen daran gehabt. Und die Versuchung war verdammt groß gewesen, aufzuspringen und mich zu revanchieren. Ich war mir sicher, das hätte ein derbes Bild abgegeben, hätte ich es getan, noch dazu vor dem versammelten Volk des Reiches. Aber so weit kam ich mit meinem Gedanken zum Glück gar nicht in dem Moment. Mir wurde Schild und Schwert gereicht. Die Glückwünsche nahm ich nur am Rande wahr, nahm sie mehr automatisch entgegen. Noch hatte ich nicht ganz realisiert, dass die Knappschaft nun vorbei war, auch nicht, als ich mich auf meinem Platz wiederfand und Kava an die Reihe kam.
Wenigstens die Übelkeit ließ langsam nach, auch wenn die Wange nach wie vor brannte wie Feuer.

Auch die Glückwünsche draußen vor dem Tempel, nach Beendigung der Schwertleite, war mehr ein Akt, den ich im Blindflug mitnahm. Ich wusste später nicht mehr zu sagen, wem ich alles die Hand gereicht hatte.

Erst beim nachfolgenden Umtrunk in der Taverne fand ich langsam zu mir zurück. Und genau dort überraschte mich die Ritterin erneut, erwischte mich regelrecht auf dem falschen Fuß. Sie scherzte! Etwas, was ich in der Form, also in genau so einer Form, bei ihr noch nie erlebt hatte, geschweige denn, dass ich erwartet hatte, jemals zu erleben.

Was glaubt Ihr wäre meine Position heute Abend in einer Versteigerung wert gewesen?

Ja, was wäre sie wohl wert gewesen? Wie viele hätten gern getauscht, als sie mir die Maulschelle verpasste? Ich war sprachlos. Noch mehr, als mir auffiel, dass sie davor schon Scherze brachte, wie zum Beispiel, dass eine aufgeplatzte Lippe nett gewesen wäre. Oder, dass sie mir die Nase nicht brechen wollte und darauf extra geachtet hätte. Mir blieben tatsächlich die Worte aus. Völlig.
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Die nachfolgenden Tage bemühte ich mich darum, mich an die Tatsache zu gewöhnen, dass sich alle Welt verneigte, mich mit Ritter ansprach, und um Respekt bemüht war. Ausnahmen gab es lediglich drei, die sich verhielten wie immer, zumindest solange man sich hinter geschlossenen Türen aufhielt.
Eine umarmte mich ungeniert zuhause noch einmal um mich zu beglückwünschen, eine Weitere nahm sich Frechheiten heraus wie eh und je, die genauso zurückgegeben wurden, und die letzte im Bunde war mir ein Rätsel, aber ungemein leicht zur Weißglut zu treiben – was mir wiederum einen Heidenspaß machte, vor allem es auszureizen bis zum Platzen.

Hinzu kam die neue Aufgabe einer Lethra die allgemeine Sprache beizubringen und eine äußerst interessante Unterhaltung mit der zweiten, die mit ihr zum Gemeinschaftshaus gekommen war. Ich wandte mal wieder die Taktik an, die mich die Ritterin gelehrt hatte. Beobachte genau, schau dir die an, mit denen zu tun hast. Du liest weit mehr aus Haltung und Gesten, als auch den gesprochenen Worten. Wie wahr.

So formte sich der Entschluss noch einmal mit dem Ala’thraxor zu sprechen, um sicher zu gehen. Ich war mir nicht so sicher, ob überhaupt die Hälfte der Worte der Wahrheit entsprachen, die mir entgegen gebracht worden waren.

Auch das weitere Vorhaben, das ich mir vorgenommen hatte, ging voran. Langsam, aber stetig. Alles in allem war es derzeit tatsächlich so, dass ich mit allem soweit zufrieden war. Von einigen Kleinigkeiten vielleicht mal abgesehen.
  • Jede Glut wärmt dich nur so lange,
    wie du sie hütest.
    Klaus Ender
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