Eine episodische Erzählung

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Bartos Arcoza

Eine episodische Erzählung

Beitrag von Bartos Arcoza »

Vorwort

Vor fünfunddreißig Jahren, als die Götter und Dämonen, Drachen und Liche, die Elfen und die Zwerge bereits alt und älter, im Rad der Ewigkeit zeitlos weilten und seit jeher die Geschicke der Welt mit unendlicher Beständigkeit im Stillen lenken, waren die Menschen, die wir heute kennen, ausgenommen weniger, nichts als eine, der heilsam schaffenden Natur immanente, teils freundliche, teils grausame aber immer fördernde Idee.

Eine Ausnahme, oder besser: einer dieser Ausgenommenen und in diesen Tagen, weit älteren Menschen, als sie uns heute sonst, aus welchem Grund auch immer, mit einer unanfechtbaren Empirie begegnen dürfen; einer Zeit, in der das Alter nicht mehr im Stande wirkt, die Jugend einzuholen und dem neuen frischen Blut die Hand und Führung in ein Höheres zu reichen; diese Ausnahme bildet ein Mann, aus dessen jungen Jahren hier erzählt werden soll.

Sein Name ist Bartos Arcoza. Und wer seinen Namen in den eigenen blühenden Tagen der hoffnungsträchtigen Jugend noch nicht hören oder seiner Person anrüchig werden musste, der kann sich mit unumstößlicher Sicherheit, überaus glücklich schätzen. Denn sein einziges Verständnis und sein einziger Zweck besteht darin (wie der Teufel), die Menschen um sich zu verstören, zu knechten und sein eigenes durch das Leid anderer, ob Freund oder Feind, zu mindern, indes sich an eurem zu ergötzen.

Die Geschichte beginnt zu der Zeit, als der große Raul Vincente Perera, Hirte der Unzähmbaren, Entdecker des Verborgenen und Fürst der Meere, die ersten Schritte hin zur Begründung seiner Legende tat. Sie beginnt in Tagen, in der die Nennung seines Namens Angst und Schrecken trieben, die Herzen der Seefahrer erstarren und die Solidarität der Küstenvölker und Häfen wanken ließ. Einer Zeit, in der die Taten der Ruchlosen mit der Gewalt der Gezeiten und dem berechneten Chaos der urwüchsigen See verschmolzen. Die Zeit der Piraten.

Episode 1
Bartos Arcoza

Vor fünfunddreißig Jahren also, in der Zeit, als die Meere vom Grauen beherrscht und Königreiche in Demut vor ähnlich situierten Freibeutern, wie Raul Vincente Perera kuschten, lebte Bartos Arcoza, in sich aufblühend, unter den Zerstörern des Friedens. Und er lebte als tüchtiger, respektierter und mehr noch gefürchteter Jüngling, auf einem Schiff, dessen Name, ja selbst dessen Herkunft wir lieber verschweigen mögen, aus Gründen der Pietät und zugleich der Abneigung.

Bartos Arcoza. Während heute das Alter die Spuren seiner frühen Glorie mit aller leuternden Macht hinforgefegt hat, so war er mit zweiundzwanzig Jahren, kaum dem Knabenalter entwachsen, ein wahrhaft heroisches Abbild der Männlichkeit. Das Haar von vollem braun, die Hände bärenhafter Stärke und ihr Griff ums widerspenstige Tauwerk bestimmt und unnachgiebig. Zwar von durchschnittlicher Größe aber erlesener Statur, brachte er es fertig, mit Proviant gefüllte Fässer allein an Deck zu hiefen; gleich halbe Schiffsladungen mit nur zwei Männern zu besorgen oder die Segel in einem Tempo zu raffen, das bei den meisten Kameraden seinesgleichen suchte. Die Gesichtszüge waren immer von einem flattrigen Transparent der Freundlichkeit überzogen, unter dem ein jeder Mann, der ihn ansah, den unzulänglich in klarer Hülle eingepfärchten Grimm erkennen konnte. Denn sein kalter und durchdringender, blauäugiger Blick, war so verstörend in seiner Penetranz, dass man meinen wollte, es stünde da nicht ein Mensch vor einem, sondern man habe da eine sehr lebhafte und vielleicht sogar in sich belebte Raubtierstatue vor sich stehen. Und viele der selbst verschlagensten Männer, sprachen vor ihm, als fürchteten sie von unsichtbaren, riesenhaften Daumen zerquetscht zu werden, wie Maden oder ein Zeck, der geglaubt hatte ein Tröpfchen des Burschen naschen zu dürfen oder die zwischen seinen Füßen herumzuwuseln gedacht hatten. Er war ein immer erregter und leicht reizbarer Geselle, mochte es alleine zu sein und begrüßte es sogar. - Zumindest manchmal.

Doch wenn er Strafarbeiten, nach ausgearteten Bacchanalien oder kameradschaftlicher Unstimmigkeit zu verrichten hatte, so verließ ihn dabei nie der Wille zur Tätigkeit, sondern förderte auf ungleiche Weise seinen Trieb sich, den herausragenden Seemann, zu profilieren und er übernahm mit Freuden sowohl seine eigene, als auch die Strafe der Kameraden, allein auf sich. Und wenn Stunden über Stunden, der Arbeit anfielen, er eigentlich schon gänzlich ermattet und von Hunger und Durst geplagt war, dann erlaubte er sich nicht zur Stärkung innezuhalten, mit der Mannschaft zu speisen und zu trinken, nein! Bartos wartete, bis man ihm das Essen brachte. Freilich nicht auf Befehl - denn dazu war er viel zu niedrig postiert -, sondern aus fleißig und mit wanzenhafter Genügsamkeit ausgeharrtem und erschlichenem Mitgefühl der Kameraden, für den ehrgeizigen Wahnsinn, den er, dieser Hühne von Mann, den keiner so recht verstehen mochte, für seine zumeist selbstverschuldeten Handlugen, fabrizierte. Und wenn es mal sein musste, weil tief auf den Planken kriechend, dann fraß er sogar vom Boden, nur um der Strafe und seinem Ziel, nämlich sich vor der Mannschaft und ganz besonders vor dem Käpitän, auf's Unübersehbarste zu beweisen, näherzukommen. Und hätte er arbeitender- und vom Boden fressenderweise über die Planken scheißen müssen, so wäre ihm auch das recht gewesen. So tüchtig war er und so respektabel - so verbissen in die für als nötig erachtete Anerkennung.

Doch Anerkennung, im eigentlichen Sinne, war Bartos, wenn nicht vollkommen gleichgültig, dann doch als Grund bis zur Unkenntlichkeit verkümmert, sodass er zu Lebzeiten nicht einen Gedanken um ihrer selbst wegen an sie, die Anerkennung, verschwendet hätte. Ihm lag nichts an dem Vertrauen seiner Kameraden. Auch nicht an dem des Kapitäns. Er wollte nicht Ränge bekleiden, um einer Bestätigung seiner Selbst willen; nicht zur Selbstfindung; nicht zur Begründung seiner Existenz oder seines doch bereits recht passablen und annehmbaren Lebens. Er wollte nicht glänzen, um zu werden, nein! sondern Bartos Arcoza, wollte glänzen um zu leben, was er bereits war! Er wollte über das schnöde und sich brüskierenderweise Kapitän nennende 'Äffchen mit Hut' erhaben und frei von allen Regeln der Seefahrt, der stinkenden Meute und der stinkenden Welt und dem stinkenden Kosmos, seinen geballten Hass mit orgiastischer Gewalt ins Gedächtnis einimpfen dürfen. Sie, mit ihrer lächerlichen Erlaubnis, weil sie ja denken würden er habe sich seine Offenheit und die Gewalt redlich verdient, bei den Eiern packen und über Bord schleudern, wie einen Sack voller Ratten, wann und weshalb es ihm beliebte. Und das kam oft vor, und wenn nicht - sozusagen - sehr oft und mit ungeahnter Leichtigkeit provoziert.

Denn Bartos Arcoza war ein Mann mit solch überschäumender und tief in seinem Innern verwurzelter Verachtung gegenüber der Welt und seinen Wesen, dass er es sich, schon zu seinen Kindertagen als Waise, zur Aufgabe gemacht hatte, seinen Hass auf andere zu übertragen. Ihnen sozusagen das Siegel 'Einsicht' auf die Stirn zu drücken oder einzustechen oder abzuschneiden - wenn man das so sagen kann - und ihnen die Wunschbilder von Zufriedenheit und Glück mit allen Mitteln madig zu machen, den intrazerebralen Wunsch-Wust also auszumisten und ihnen die Welt als sich und sich als Abglanz der Welt zu offenbaren. Nämlich als gräßlich!

Andererseits muss nun fairerweise hinzugefügt werden, dass Bartos Arcoza keineswegs ein schlicht irregeleiteter Geist war. In seinen kürzlich verfassten Memoiren, die fast wie ein Hymnus an das Leid und eine dramaturgische Veranschaulichung seiner Wanderung durch weltliche Ödnis wirken, schneidet er an, warum er so sein müsse, wie er ist. Er berichtet von seinen Eltern und ihrer Verblendung fördernden Erziehung, sowie ihres plötzlichen Ablebens. Welches, ohne Zweifel, auf verstörende und prägende Weise auf ihn eingewirkt haben muss.

Es verhielt sich nämlich so, dass Bartos nicht einfach ein sardistisch veranlagter Mensch war, sondern dass er aus seiner Erfahrung, aus Kindertagen, durchaus Gebrauch schöpfte. Sowohl hinsichtlich fast prophetischer Konvertierung anderer durch Taten, als auch um seiner Überzeugung vom 'Recht des Stärkeren' gerecht zu werden. Ferner, dem tiefen Bedürfnis nachzueifern, welches durch dieses ersonnene, fadenscheinige Recht in greifbare Nähe gerückt war. Nämlich sich die unumschränkte und erlösende Freiheit von allem, zu ertrotzen. - Und wie ertrotzt man sich Freiheit, in einer Welt, die von der Antipode lebt und die alle Wesen, ihrer Natur nach zusammengepfercht, als Gefäße der Gegensätzlichkeiten gestaltet? Sie fürderhin schon im Leben selbst zu sklavenhafter Bereitschaft und Ergebenheit zwingt? Einer Welt - nein, einem Universum, das seine einzige Daseinsberechtigung im Spiegelbild des Selbst, dem Nichts, findet? Indem man sich oppositioniert! - damit, aus dem Zwiespalt des Lebendigen avanciert und teilhabend am Machwerk des Prizips 'Gegensatz' wird!

Er wurde bewusst zum Protagonisten in einer, das Leben gestaltenden und seinem Spiel unterwürfigen, Inszenierung. Und so bewusst er sich freilich geradezu des pathologisch angeeigneten Willens war und sich zum irdischen Schöpfer des Irdischen, zum omnipotenten 'Freimann' und mehr noch 'Weltenmacher' erhob, so bewusst war er einfach nur Mensch. Und Mensch zu sein, bedeutet sich zu fürchten. Und seine größte Furcht war die Einsamkeit.

Weshalb, wird man sich vermutlich fragen, sollte ein Mann, dessen größte Angst, die des Allein-Seins ist, den Hass als seinen Berücker und nie versiegenden Quell der Sinnhaftigkeit wählen? Warum ausgerechnet die Essenz der Einsamkeit, für die Bekämpfung derselben, zur Passion machen? Warum nicht lieber die Freude, das Glück und die Liebe? Die ja allesamt so hoch geschätzt und vom Menschen geheiligt; die Salbung und Pflicht aufgebürdet bekommen haben; deren einziger Zweck es ja gerade sein soll, seine, Bartos, Angst aufzulösen und ihn in ein Meer des seligen Wahns einzulullen - befreiend vom Zwiespalt, in eine jauchzende Pfütze aus cherubimem 'Ja' zu amorphisieren... -

Er tat dies, weil er wusste - oder viel mehr zu wissen glaubte - dass nämlich die Fragmente und expliziten Parteien des Gegensatzes einander bedingten. Und folglich müsse das Vorangegangene immer die Ursache des Zweiten sein. Dass also der Hass, in seinem Falle, in irgendeiner Form, sich zu wandeln und in Freude umzuschwingen habe; weil ihrer selbstschaffenden Kumpanei das eine, wie das andere zugrunde liege. Und sein tiefstes Empfinden war, dass zu hassen und die Hoffnung auf Glück mit seiner Begünstigung im Kleinen, am Ende die stärkre Macht zur Erfüllung besäße, als gutes zu fördern und sich, wodurch auch immer, irgendwann ihretwegen hassend zu sehen. Er 'glaubte' also - so verwerflich, zerstörerisch und verachtenswürdig seine Überzeugung auch war -, dass Gutes zu lernen, größer und zum Ende hin erhebender sein müsse, als aus Gutem des Schlechten gewahr zu werden; dass hassend zu leben und liebend zu sterben, der reichste aller Wege sei.


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Zuletzt geändert von Bartos Arcoza am Donnerstag 21. November 2013, 16:18, insgesamt 4-mal geändert.
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