Sie hatte es erfahren – Jil war tot. Ihre Tochter starb während Lainas Reise in die Heimat. Sie wollte die Kleine nicht den Gefahren aussetzen, die sie auf hoher See bereits zu meistern hatte. Ein fünfjähriges Mädchen hatte zwischen Riesenkraken und fliegenden, einäugigen Betrachtern wirklich nichts verloren. Das Kloster, so dachte Laina, würde sich während ihrer Abwesenheit dem Wohl der kleinen Jil annehmen – doch sie hatte sich geirrt. Bittere Tränen weinend, verfluchte die junge Kriegerin die Göttin, die sie einst treu angebetet hatte, Temora, verfluchte ebenso ihre Schwestern – die dem Glauben Nyames folgten:
„Temora, warum!? – Erst hast Du mir Marina genommen, und jetzt auch noch Jil!? Und was ist mit Dir, Nyame, ich dachte, ich könnte mich wenigstens auf Dich verlassen. Wen habe ich jetzt noch – WEN!?“
Eines Abends saß Laina alleine vor dem Lagerfeuer Sturmwipfels – der Versammlungsstätte der Gefährtinnen Nyames. Sie hatte viel über Nyame und die Schwesternschaft erfahren, war sogar überzeugt davon, die Gemeinschaft wieder mit Tajara aufbauen zu können, die ihr bereits einmal half, als sie Hilfe dringend nötig hatte.
Und auch, wenn sie vor Kurzem Feyja, eine junge, stumme Waldläuferin, kennen gelernt und ins Herz geschlossen hatte – jegliche Freude konnte sie nicht über den schwachen Lebenswillen trösten. Zu stark war der Schmerz, den sie – einem niemals enden wollenden Krampf gleich – verspürte, als man ihr in Rahal mitleidsvoll den Tod ihrer fünfjährigen Tochter mitteilte.
„Was für eine Rabenmutter ich doch bin. Vielleicht habe ich es auch nicht anders verdient“, dachte sich die geübte Kämpferin im Stillen, während sie vergeblich den Kummer mit Alkohol zu unterdrücken versuchte.
„Ich hasse mich...“
Eine Erklärung für den Tod ihrer eigenen Tochter zu finden, schien sinnlos zu sein. Ein fünfjähriges Kind konnte sich nicht von ihrer Mutter trennen – sie hätte Jil auf ihrer Reise mitnehmen und beschützen sollen, stets für sie da sein sollen, sich nicht auf andere verlassen oder gar das Kloster Temoras das Aufpassen anvertrauen sollen. Jeglicher Gedanke ließ bereits den Hauch von Freude ersticken, sie sah sich hilfesuchend um – doch es war niemand da; niemand, der sie verstehen, gar trösten konnte. Sie war allein – hatte das erreicht, wovor sie sich am meisten fürchtete, Einsamkeit. Panisch weitete sie ihre Augen, ihre Atmung konnte sie kaum noch kontrollieren. Alles, was durch ihren Kopf schwirrte, schien ihr regelrecht die Luft wegzudrücken. Alles schien so aussichtslos, alles schien so ungreifbar fern, alles schien so unglaublich schwer, geradezu unmöglich.
In diesem Moment glaubte Laina nicht, dass sie sich jemals vom Schmerz des Verlustes ihrer Töchter trennen könnte. Dieser würde fortan ihr Leben bestimmen, man würde sie in Adoran verspotten, beschimpfen, ihr vermutlich sogar mit dem Tode drohen, da sie eine derart schlechte Mutter für Jil war.
Freunde wurden zu Feinde, die ihre vermeintlich unzuverlässige Art nicht tolerierten, sich von ihr abwandten.
Die zitternde Hand griff langsam nach einer kleinen, grünlich schimmernden Phiole in ihrer Hosentasche. Für gewöhnlich träufelte sie das starke Gift über Klingenspitzen, um ihre Effektivität im Kampf auf unehrenhafte Weise zu steigern. Doch sollte es ihr letzter Kampf werden, der schwerste Kampf – ein Kampf gegen ihr eigenes Ich. Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie das kleine Gefäß mit dem bitteren, dickflüssigen Gift zitternd an ihren Mund führte.
Doch sie hielt inne, vernahm das eiserne Quietschen der Tore zum Lager, und ihre Gefährtin Tajara stürmte regelrecht hinein. Rasch – und noch rechtzeitig – schlug sie Laina die Phiole von der Hand, welche im hohen Bogen ins Feuer flog, und darin zersprang. Anschließend spürte die junge Kriegerin einen stechenden Klaps an der Wange; sie errötete, während ihr Tränen unablässig über die Haut rannen, der Blick begegnete starr und kalt jenem Tajaras. „Sag mal, spinnst du!?“, entgegnet diese ihr mit geweiteten Augen, vor Zorn regelrecht schnaufend. „Möchtest du etwa SO Nyame dienen, mit DIESER Schwäche!? Was für eine 'Kriegerin' bist du eigentlich!?“
Wie ein unangenehm lautes Echo, erklang die Stimme in Lainas Ohr.
„Meine Tochter, Jil, ist tot – ich, ich habe keine Familie mehr“, murmelte sie nur zitternd, und versuchte, dem Blick ihrer geschätzten Gefährtin daraufhin auszuweichen.
„Schau' mal dahin“, und Tajara deutete befehlend auf das Denkmal Nyames, worunter ihre Glaubensschwester, Xinthra, begraben lag.
„Du bist nicht die Einzige, die trauert“, und ihre Stimme wurde langsam wieder ruhiger, während sie sich auf den Baumstamm neben Laina niederließ, und eine Hand auf ihren Rücken legte. „Wir alle müssen damit zurechtkommen – das ist eine uns auferlegte Prüfung. Und ich möchte nicht, dass du aufgibst, Laina. Denke daran, dass du mit deiner Trauer nicht alleine bist“, sprach die Waldläuferin im angenehmen, doch bestimmenden Tonfall, und klopfte Laina auf die Schulter. Für einen kurzen Moment widmete sie ihr gar ein aufmunterndes Lächeln.
Die junge Kriegerin nickte bloß, Tajaras Äußerung stimmte sie nachdenklich. Natürlich hatten viele andere auch geliebte Menschen verloren, und es stand sicherlich nicht im Sinne Jils, würde die ehemalige Mutter ihr Leben der Trauer wegen wegwerfen.
Tajara hatte Laina an diesem Abend das Leben gerettet, und die Kämpferin ließ ungewohnterweise Schwäche zu: Ihre Arme legten sich reflexartig, impulsiv um den Körper ihrer blauhaarigen Gefährtin, ihr geradezu liebevoll, anhänglich zuflüsternd:
„Danke...“
Das Ende, und ein Neuanfang
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Laina Celeste
Das Ende, und ein Neuanfang
Zuletzt geändert von Laina Celeste am Mittwoch 13. Oktober 2010, 18:48, insgesamt 1-mal geändert.