Aus dem Leben eines „Taugenichts“

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Jamey Callahan

Aus dem Leben eines „Taugenichts“

Beitrag von Jamey Callahan »

Schlüsselfiguren:

→ Catigern Callahan: Urahne der Callahans von der immergrünen Insel Ynevel
→ Teagan Callahan: jetziges Oberhaupt der Familie; Jameys Vater
→ Ysobel Callahan: dessen Eheweib und folglich Jameys Mutter
→ Brijaen Callahan: ältester Sohn der Familie Callahan; Jameys Bruder
→ Deanah Callahan: einzige Tochter der Familie Callahan; Jameys Schwester
→ oll' Maudlyn: altes Kräuterweiblein auf der immergrünen Insel Ynevel

last but not least:
→ Jamey Callahan: das schwarze Schaf besagter Familie Callahan



Aus des Vaters Munde:

In unseren Adern fließt noch altes Blut derer aus dem Norden der Länder, was sich noch immer in der Tradition unserer Namen und auch dem rotblonden Haar und der hellen Haut der jetzigen Generation zeigt. Mögen all jene Kinder und Kindeskinder, die da kommen mit Stolz auf dieses Erbe blicken und die kleine Insel am Rande der Lande von Wolfenfels und Wetterrot so lieben, wie unser Ahne Catigern, welcher diese einst betrat und nur immergrünes Gras, wenige Wälder und die wilden Ziegen vorfand, welche uns auch heute noch ernähren. Unser Pfad ist friedlicher und weniger mühsam als der jener Menschen des ewigen Eises und sicherlich weniger mystisch als der jener Menschen der Wildnis, doch leben wir einfach und glücklich mit dem rauen Wind der Küste, dem Salz des Meeres und der kaum berührten Natur jener Insel.
Ynevel, ein Muckenschiss auf allen Karten... wenn überhaupt. Unwichtig und unbekannt für viele, Heimat für all jene aus dem Schlage Callahan... oder zumindest für die meisten.

Schon als mein jüngster Sohn geboren wurde, stand alles unter einem unguten Stern. Brijaen, mein Erster, war ein Kind des Winters und auch Deanah sollte später ein Geschenk des ersten Frostes werden, doch Jamey, war anders und kam mit dem milden Hauch des Frühlings, den sprießenden Blumen und der spärlichen Wärme des Sommers. Die Allmutter weiß, dass ich auch dieses Kind liebe, doch hat sie ihm ihre Weichheit bei der Geburt geschenkt und die Sonnenstrahlen haben sowohl Haut als auch Haar und Augen gezeichnet.
Ich weiß um meines Weibes Treue und manchmal, so er will, zeichnet sich auf meines Sohnes Brauen ein stolzer Zug ab, so dass ich wieder einmal weiß, dass er Frucht meiner Lenden ist, doch ist es nicht leicht mit solch einem Kind. Vielleicht habe ich ihn zu selten geschlagen und zu viel durchgehen lassen, doch einmal davon abgesehen, dass er glitschig wie ein Fischlein sein kann, wenn man ihn gerade in die Finger bekommen möchte, hat der Bursche eine wärmende Art und Weise, die die Fäuste sinken und Backpfeifen verklingen lässt – entwaffnend nennt man das wohl.
Sein Bruder ist wie ich, wir sind Jäger und könnten im Notfall auch die wenigen Einwohner der Insel verteidigen, Jamey hingegen ist ein Träumer, ein Kind der gutmütigen Seite der Natur und im Grunde eben ein Weichling. Wir wussten eigentlich schon immer, dass er nicht ewig hier bleiben würde und dennoch tut der Abschied weh... gebe die Mutter es, dass mein Jüngster seinen rechten Pfad, aber auch immer den Weg zu uns und Ynevel zurückfinden mag, wenn ihm danach ist.
Jamey Callahan

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Aus der Mutter Erinnerung:

Müde und unter Schmerzen beugte sich Ysobel tiefer ins Kräuterbeet herab, nur um dann doch in die Knie zu gehen und den runden Bauch mit einem gepeinigten Ächzen kurz zu halten. Es war ein Kreuz diese Tage! Die Geburt war nicht mehr lange hin und würde kaum noch einen Monat auf sich warten lassen und dennoch mussten die Arbeiten im Haus und Hof nicht brach liegen, denn das Mannsvolk hatte nur wenig Verständnis für ihr schweres Los und zudem selbst genug zu tun. Teagan hatte Brijaen auch diesen Herbst wieder mit sich auf die Jagd am Festland mitgenommen, denn das Fleisch der Ziegen würde auch noch so gut gepökelt und eingelegt, sicher nicht all die kargeren Monate überdauern. Zwar blieb die Insel grün, doch würde es merklich kälter und der Wind schneidender werden. Zudem blieb der Nachwuchs aus, denn die Zicklein entsprangen erst gen Lenzing wieder den Leibern ihrer Mütter. Auch Feuerholz schafften die Männer heran und wurden nicht müde es, tagein tagaus, zu kleinen Scheiten zu hacken. Da war es im Grunde nur gerecht, wenn die Weiber ihren Beitrag zur Vorbereitung auf den milden Ynevel-Winter zollten. Mit einem aufmunternden Nicken wollte sie nach den letzten, zarten Pflänzchen greifen und erstarrte, als sie eine kleine, warme Hand auf ihrem Rücken fühlte.
„Matha... kann ich dir helfen?“ Ein Lächeln überzog die sonst eher strengen Züge der rundlich-kräftigen Frau und sie brauchte nicht das leichte Ziepen an ihrem Zopf zu spüren, um zu wissen, wer da hinter ihr stand.
„Jamey, mein Sohn, wo hast du den ganzen lieben Morgen nur wieder gesteckt...“, sie ahnte die Antwort, wusste die Plätze im nahen Wald, wo sich der kleine Bengel umhertrieb und so fuhr sie erklärend fort, „sieh, ich pflücke den letzten Rest Salbei und die Minze, um noch etwas davon zu haben, wenn der Winter kommt.“
Rasch war der Kleine um sie herumgeschlichen und nun, da sie kniend mit ihm auf Augenhöhe war, starrten sie die beiden verschiedenfarbigen, groß und rund, begeistert an.
„Matha, darf ich helfen? Ich weiß, dass der Majoran winterfest ist und auch der Oregano aber Minze und Salbei kann ich dir ein Töpfchen pflanzen und auch die Nesseln und Melissen, dann hast du auch im Winter frische Kräuter auch wenn... auch wenn... das Leanabh da ist....“
Im Nachhinein konnte sie ihrem Mann nicht mehr erklären, was sie mehr erstaunte und überrumpelte. Die Tatsache, dass sie nicht sagen konnte, wann eigentlich diese Faszination für allerlei Kräuterwerk und Wurzelgeflechte bei ihrem Jüngsten angefangen hatte und er nun in diesen jungen Jahren schon sie damit zu überholen drohte, oder das entspannende, warme Gefühl der kleinen Hände, die liebevoll über den runden Kugelbauch strichen, als könne er das „Leanabh“, das Baby, im Inneren so berühren und liebkosen. Auch sollte sich Ysobel später noch oft fragen, ob nicht tatsächlich ein seltsamer, undeutbarer und kindlich unschuldiger Zauber an jenem Tag von Jamey ausging, verehrte ihn besagtes Baby, ihre kleine Tochter Deanah, regelrecht mit Hingabe und knüpfte so ein zartes Band zwischen diesem Wunderling, den sie alle liebten und doch nicht recht verstanden.

Zumindest gab sich Ysobel aber redlich Mühe, das Interesse ihres Sohnes auch nicht zu unterbinden und gab stets bereitwillig Antwort, wenn er wieder einmal barfuß plötzlich neben ihr stand, das Haar noch von Waldästchen zerzaust, einzelne Moosfasern oder Blättchen in den Locken und eine ganze Welle an Fragen über allerlei Krautzeug ihr entgegenwogten. Zu Beginn hatte sie ihr Tun noch still damit gerechtfertigt, dass Teagan mit Brijaen einen Sohn hatte, der ihm auf Schritt und Tritt folgte und zudem in des Vaters Fußstapfen schon so fest trat, dass Jamey diesen Platz niemals mehr hätte füllen können. Warum also sollte sie nicht einen Sohn haben, der eben „ihr Kind“ war? Doch sie erkannte ihren Irrtum schon recht bald, denn zwar hielt der Hosenmatz Deanah Jamey näher am Haus als sonst, doch dafür begann jener bald Pflanzen ins Heim zu bringen, von denen auch die hier gut gebildete Ysobel nie etwas gehört hatte und bei Sprüchen wie:
„Sie mal Matha, diese rote Blüte... das ist Adonis und sie hilft bei Herzbeschwerden, wie dem Brustleiden vom alten Eallair.“ oder
„Deanah, liebste Piuthair, wenn du mal wieder Husten hast, dann mach ich dir einen Sud aus Hirschzungenfarn und Thymianhonig. Wirst sehen wie rasch der wieder weg ist!“
standen die Nackenhaare der treusorgenden Mutter zu Berge, denn nie bekam sie ganz aus dem Knaben heraus, woher er all diese Weisheiten hatte. Sicher, er lungerte nun auch bei oll' Maudlyn, dem Kräuterweib umher, doch hegte sie bald den Verdacht, dass er auch das ein oder andere Kraut am eigenen Leib ausprobiert hatte, denn bald kamen die Tage an denen er plötzlich matt und fiebrig oder völlig verklärt bis hin zu regelrecht sprühend vor überschüssiger Kraft und Energie wirkte. Da halfen nicht Schimpf und Schande oder die Schläge des Vaters und die Missbilligung des Bruders, der noch versuchte ihm verbal Vernunft einzuhämmern. Jameys Ideen wurden größer, sein Interesse ungebremst und so langsam entglitt er auch der Mutter... wurde fremder.
Jamey Callahan

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Aus des Bruders Sicht:

Mit verschränkten Armen betrachtete er das Treiben, dieses emsige Gewusel und erduldete das Geschepper, wenn die Fläschchen und Flakons aneinander klirrten. Er übte sich in stoischer Geduld und hoffte eigentlich nur noch mäßig, dass sein Bruder endlich einmal innehalten und auf seine Frage antworten würde. Aber nein, all die beinahe extatische Begeisterung und Aufmerksamkeit Jameys hatten wieder einmal die blubbernden Töpfe und diese verdammten, gebogenen Flaschen, die sie ihm vom Festland mitbrachten, vereinnahmt. Es war ein Fehler gewesen diesen Krempel aus Glas zu besorgen und doch hatte selbst „Atha“ dem Hundeblick des jüngeren Sohnes nicht standhalten können. Ach, er hielt sie alle zum Narren, zauberte einen Blödsinn nach dem Nächsten aus dem Ärmel, sprang regelrecht von einem Fettnäpfchen ins Nächste und doch wickelte er jeden auf der Insel mit einem schiefen Lächeln um den kleinen Finger.
„Haaah, das Destillat ist beinahe durch, sieh nur, Bratha!“
Der Jauchzer war natürlich Jameys Kehle entsprungen und obwohl er eigentlich nicht recht Lust dazu hatte, machte Brijaen einige Schritte in die Kammer seines Bruders hinein und zog die Nase angewidert kraus. Hatte es schon in der steinernen Diele nach einem bizarren, sowohl würzigen als auch beißenden Geruch geduftet, so wandelte sich dieser hier drinnen zu Gestank und rauchigen Schwaden. In der Mitte jener nebelartigen Säulen stand Jamey, hielt einen gläsernen, feinen Schlauch hoch und beobachtete mit einem breiten Grinsen, wie ein grüngelbliches, blubberndes Gebräu langsam das Rohr erklomm, nur um mit dem nächsten Gefälle herab- und in ein trichterförmiges Becherlein zu tropfen.
Seufzend gab Brijaen auf und stellte seine Frage nun doch ein weiteres Mal.
„Ist der Unfug da denn nötig? Es stinkt, es qualmt und es ist wider der Natur, Bratha.“
Diesmal schien er ihn auch gehört zu haben, den kurz glitt der Blick der zwei verschiedenfarbigen Augen rasch und erstaunt über den Älteren, ehe Jamey ein wenig kleinlauter antwortete:
„Genau das ist es eben nicht. Es ist ein Kräuterauszug aus...“ Auch bekam er jetzt die schneidende Handbewegung seines Bruders mit, der seinerseits nun entnervt den Blick zur Decke lenkte.
„Es interessiert mich nicht, Jamey. Ich verstehe eh kein Wort von dem, was du da brabbelst. Ich möchte lediglich wissen, ob das nötig ist. Du könntest mit uns zur Jagd gehen, stattdessen mischt du hier einen grässlichen Sud und räucherst das gesamte Haus ein...“
Er verstummte, als dieses seltsame, verträumte Lächeln auf den fast weibisch anmutenden Lippen des sanften Bruders erwachte, während dessen Blick nun regelrecht zu funkeln begann und eben just diese Mischung aus unheilvollem Glitzern und entrücktem Sinnieren verhieß nie etwas besonders Gutes. Matte Panik vor der nahenden Katastrophe stellte Brijaens Nackenhaare langsam auf und er konnte nicht anders als in der Standpauke inne zu halten, um dem vermeintlichen Unheilstifter einen fast flehenden Blick zuzuwerfen. Jener wandte sich doch da schon wieder der Hexenküche zu, pustete die Kerzenflamme aus und schüttelte vorsichtig den letzten Tropfen Gemisch in den bizarren Trichterbecher. Kaum hatte er den gläsernen Schlauch beiseite gelegt, wirbelte er erneut, den Becher schwenkend, auf Brijaen zu. Jenem blieb nun eigentlich nur noch übrig still zu registrieren, wie ihm sein Unterbewusstsein wieder einmal flüsterte, dass diese Roben und wallenden Mäntel nicht ganz unschuldig daran waren, dass sein jüngerer Bruder so ein ausgemachter Weichling war, denn außer Weibern und alten Leuten trug so etwas keiner... nunja, außer Jamey.
„Das..“, begann der Besagte und strich zärtlich über das Glas, „ist mein Geschenk an dich und Atha für eine erfolgreiche Jagd. Dieses Elixir wird euch beiden Kraft schenken und zudem sehr heilend gegen die Kälte und abwehrend gegenüber Krankheiten wirken. Nur ein guter Schluck und es hält sicherlich so an die fünf Stunden, da bin ich mir sicher.“ Wieder ein kleiner Becherschwenk, ehe er zwinkernd nachhakte. „Na, was sagst du dazu?“
Unschlüssig begann Brijaen den Kopf zu wiegen. Er kannte Jamey und dessen Ideen nur zu gut und nicht alles, was der junge Bursche in den letzten Jahren probeweise mal gekaut, probiert, gekostet, geschluckt oder inhaliert hatte, war diesem auch immer gut bekommen. Nun wollte er ihm solch ein Teufelszeug also anbieten... auf der anderen Seite klang gerade der Punkt mit der Kraft nicht schlecht.
„Man wird also stärker davon?“, begann er ausweichend, „Beschreib das mal genauer, Bratha, nur ein wenig stärker oder eher... eher einem Bären gleichend?“
Das gierige Glitzern in seinen Augen verriet ihn wohl, denn säuselnd setzt Jamey nun wieder ein.
„Mindestens. Du kannst Atha dann leicht auf den Händen tragen, so stark seid ihr dann. Allerdings...“ nachdenklich richtete er das Augenmerk wieder auf das Fläschchen in seinen Händen, „...fürchte ich wohl, dass nur ein vollwertiger Schluck und eher ein kleiner da drin sind. Also wollen wir es zuerst Atha geben...“ Schon wollte er in seinen bunten Roben zur Tür hinaus und hatte doch diese Rechnung ohne seinen Bruder gemacht. Brijaen hielt ihn grob am Arm fest, zog ihn zurück und entwand das Gebräu seinen Händen so mühelos, als gelte es einem Kind das Spielzeug zu stehlen. Noch bevor Jamey, dessen empörtes Gesicht wahre Bände sprach, protestieren konnte, hatte Brijaen die Flasche an die Lippen gesetzt und einen tiefen Schluck genommen. Es schmeckte gar nicht einmal so übel. Ein wenig bitter zwar, doch dafür sehr kräftig nach nassem Tann und Gartengrün im Sommer. Ein Schmunzeln breitete sich nun auch auf seinen Lippen aus, als er die gewaltige Kraft wie wohlige, flüssige Sonnenstrahlen durch die Glieder rauschen spürte. Stolz gab er dem nun eher unsicher wirkenden Bruder den kläglichen Rest im Becherlein zurück und marschierte vor Stärke bebend an diesem vorbei gen Türe.
„Ich fühle mich prächtig... ich könnte ganze Bäume ausreissen!“, drang seine Stimme durch die Halle, als er den Flur majestätisch entlangschritt, „Ich werde einen Bären im Ringkampf besiegen, drei Hirsche auf einmal stemmen, alleine das ganze Boot der Mannen rundern... mit nur einer Hand, ich werde...“ Ein dumpfer Aufprall beendete den Triumphmarsch und Jamey hastete nun seinerseits eifrig zur Türe hinaus. Seinen Bruder fand er schnarchend und tief ruhend ausgestreckt auf dem Steinboden der großem Halle. Selbst nach einigen Tätschelversuchen und zwei ausgewachsenen Backpfeifen, sowie diversen Knuffen und Gezwacke gelang es ihm nicht, diesen wieder zu wecken. Seufzend warf der junge Bursche da dem letzten Rest des Destillats einen nachdenklichen Blick zu.
„Das hätte eigentlich nicht passieren sollen...“, gestand er sich noch kleinlaut ein und machte sich dann auf den Weg, um dem Vater die Misere zu beichten.

Vielleicht lag es daran, dass er zumindest mit seiner zeitlichen Vorhersage ganz richtig lag und Brijaen exakt fünf Stunden nicht zu wecken war, dass er auch nach diesem Reinfall das Brauen und Köcheln nicht aufgab, doch spielte er von da an selber wieder den Vorkoster.
Jamey Callahan

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Aus der Schwester Herzen:

Wann immer sie an ihren großen Bruder Jamey, den alle wunderlich oder gar absonderlich und unheilvoll nannten, dachte, wogte ein warmer, zärtlicher Hauch durch ihre Brust, der ein Lächeln auf die Lippen und in die hellen, blauen Augen des jungen Mädchens zauberte. Oh, sie liebte auch Brijaen, doch dieser hatte zwar anerkennende Worte und ein gutmütiges Nicken für seine kleine Schwester, die nach und nach zu einer bildschönen, jungen Frau mit rotblonder, glatter Haarpracht und einer Haut wie junger Schnee wurde, übrig, doch nie war er so herzlich, so umsorgend und vor allem so nah wie Jamey gewesen. Er überwachte ihre Schritte, behütete sie vor allem Schlimmen, was kommen konnte und war gewillt ihr bei jeglicher Art Kummer mit Rat und Tat beiseite zu stehen oder, so sie dies wünschte, einfach nur zuzuhören. Dabei konnten die Themen noch so weibisch sein, selbst, als sie den ersten Liebeskummer erlitt, blieb er ruhig bei ihr, versuchte sie zu erheitern und trocknete zuletzt still ihre Tränen.
Die Tatsache, dass sie ihn so verehrte machten es ihr von Jahr zu Jahr schwerer zuzusehen, wie der geliebte Bruder sich mehr und mehr vom Leben auf jener Insel, der auch ihr Herz gehörte, entfernte und sich seinen eigenen kleinen Pfad einsam zurecht trampelte, welcher doch aber in eine ganz andere Richtung ging. Jamey war gefangen. Er hing an Ynevel, liebte seine Familie und vergötterte seine kleine Schwester und doch gab es nichts auf diesen immergrünen, großen Felsen mehr für ihn. Nichts mehr zu entdecken, nichts mehr zu lernen, niemand der ihm hätte irgendetwas Neues beibringen können. Sie, Daenah, das Küken der stolzen Callahans, hatte es zuerst bemerkt und lange gebraucht, um den Mut aber auch die Kraft aufzubringen, den rechten Schritt gegen diese Misere einzuleiten. Mit viel Mühe hatte sie eines Abends beim Nachtmahl den Eltern den Vorschlag offeriert, man möge Jamey nach Wolfenfels senden und er solle dort nach einem Lehrer suchen, der seine Talente, Fähigkeiten, ja seine Gabe an sich, schulen könnte. Vater und Mutter hatten reagiert wie erwartet und zuerst den Einfall als windig abgetan, wollten sie den Jungen noch nicht der Heimat verweisen. Brijaen hatte, wie so oft, dazu geschwiegen und Jamey selbst hatte sie überrascht und erschreckt. Still hatte er sein Brot gekaut und dann, als die Eltern wieder ruhiger geworden waren, ihr ein dankbares, doch wehmütiges Lächeln geschenkt.
„Das ist lieb gemeint, Deanah, meine liebste Piuthair, doch besitze ich keine Gabe oder dergleichen und somit bleibt da wenig zu schulen.“ Damit wollte er sich vom Tische erheben und davongehen, doch hatte sie seinen Blick längst gedeutet. Er wusste es, er wusste genau, dass es hier nichts für ihn gab, doch verstand er seine wunderlichen Fähigkeiten nicht zu deuten.
„Ich wünschte Eluive könnte dir beweisen, wie Unrecht zu hast, Bratha.“, murmelte sie leise und folgte seinen Bewegungen, als er nun tatsächlich den Raum ohne ein weiteres Wort verließ. Er wollte sie nicht hören, nicht zuhören dieses eine Mal, doch die Allmutter erhörte sie und es dauerte keinen Mondlauf, ehe Deanah mit der Sommergrippe so stark niederlag, dass oll' Maudlyn ihr auch nicht mehr zu helfen wusste. Obwohl der Vater ganz verzweifelt brüllte, dass es Tage dauern konnte, ehe man am Festland einen fähigen Heiler finden würde, brachen er und Brijaen wenige Stunden später auf, um ihr Glück, einer im Süden, einer im Norden, am Festland zu suchen. Eine sichtlich verängstigte und überforderte Ysobel und Jamey blieben zurück. Beide hielten stumm Wacht am Deanahs Bette. Sie selber versank in den Fellen regelrecht, wirkte klein, bleich und das Fieber ließ die rotblonde Mähne wie blutige Fäden eng am Gesicht kleben.
Als die Nacht hereinbrach und ihr Zustand sich weiter verschlechterte, kam Leben in Jamey...

Wortlos war er aus dem Zimmer gegangen, hatte seine Mutter für lange Augenblicke mit dem leise ächzenden Mädchen alleine gelassen, nur um bei seiner Rückkehr ein wildes Arsenal an Salben und Bündeln getrockneter Kräuter herbei zu schleifen. Allerdings hatte Ysobel nicht einmal mehr zu fragen, sondern lieber zu hoffen gewagt, als er sie um mehrere Schüsseln und gute Töpfe aus der Küche, um Salbei, Thymian und Honig, sowie einen Kamilleaufguss und mehrere Kellen heißes Wasser bat. Er schürte das Feuer im Zimmer der Schwester selbst gewissenhaft an und warf einige handvoll der trockenen Kräuter hinein, welche in den Flammen verglühten und ein scharfes Aroma verbreiteten. Bald war das Zimmer ein einziger Backofen, der einen seltsamen Duft verströmte und jener setzte sich in der Nase fest und schien förmlich die Atemwege frei zu legen und bis in den Kopf zu ziehen. Trotz der unerträglichen Hitze schaffte Jamey alsbald noch mehr Felle und Tücher aus dem eigenen Zimmer an und drapierte sie beinahe kunstvoll um seine geliebte Schwester.
„Sie muss es ausschwitzen...“, erklärte er nur einmal leise gen Mutter, ehe er wieder in seinem Handwerk versank.

Nun kamen die Schüsseln mit dem heißen Wasser zum Einsatz und schon bald schwamm eine grünliche Kräutersudbrühe darin. Nur wenige der Kräuter erkannte Ysobel und jene konnte sie abnicken. Salbei und Thymian, um ihr das Atmen zu erleichtern, Minze um die Verdauung gleich anzuregen – also wollte er ihr den Sud einflößen – und dann stockte sie, als er ein Tuch um seine Hände wickelte, um damit vorsichtig einige dunkelblaue Blüten in das Gemisch zu werfen.
„Nicht, Jamey, das ist Nachtschatten... der ist giftig.“, brachte sie entsetzt hervor, doch mit einem milden Lächeln drehte er den Kopf da zu ihr und begann ihn abwägend zu schütteln.
„Schon, doch in so kleinen Mengen fördert er den ruhigen Schlaf, Matha, denn der Tod und der Schlaf sind Brüder und liegen nah beieinander.“ Mit einem leisen Seufzen wandte er sich da wieder zur Schüssel und begann die Kräuter rasch abzuschöpfen. „Vertrau mir hier bitte, ich habe es selbst ausprobiert...“ Ein letztes Murmeln und er sah nicht, wie seiner Mutter die Tränen stumm über die Wangen liefen.

Etwas später flößte er vorsichtig nach und nach einige wenige Schlucke Deanah ein und machte sich dann mit Konzentration daran, scharfe Öle und fettige Salben zu mischen. „Reib Brust und Rücken damit ein, Matha, sie lindern die schwere Atmung weiterhin.“ Und auch damit war es nicht getan. Unermüdlich tränkte er die Waden- und Stirnwickel, tauschte jene aus und hatte spät in der Nacht auch noch genug Kraft die müde und heillos überforderte Mutter dazu zu bewegen, sich zu Bett zu begeben, um wenigstens ein paar Momente des heilsamen Schlafs zu bekommen. Er hingegen blieb, wechselte Wickel, flößte den Trank erneut ein, schürte das Feuer und verbrannte die Kräuter. Als die Erschöpfung seinen Körper erdrückend und schwer in die Mangel nahm, fand er Platz an der Bettkante, ergriff still die heiße Hand der Schwester und begann innig zu beten und zu flehen. Bleich betrachtete der Mond das kranke Mädchen und den jungen Mann, der ein Lippenbekenntnis, nach dem Nächsten aus ganzem Herzen hervorstürzte, bis die Erschöpfung gewann und der Schlaf ihn übermannte.

Als Deanah die Lider endlich wieder hob, drangen die warmen Sonnenstrahlen eines wunderbaren, frischen Sommermorgen durch das Fenster und ein Spatz zwitscherte ein ungewohnt jubilierendes Lied an den jungen Tag. Es war unglaublich warm und sie hatte das Gefühl aus einem langen, tiefen Schlaf erwacht zu sein. Es kostete Kraft den Kopf zu heben und ihn zu drehen, doch der Anblick der sich ihr bot, ließ sie selig lächeln. Jameys Kinn war zwar auf die Brust gesunken, doch selbst im Angesicht des Traumes verriet sein Gesicht die wilde Sorge um die kleine Schwester und seine Hand hielt ihre Rechte noch immer fest umklammert. Die Mutter hatte sie erhört, sie beide und so wartete Deanah still, bis er blinzelnd erwachte, lächelte entwaffnend zu ihm auf und flüsterte leise:

„Siehst du, du hast eine Gabe. Versprich mir einfach nur, diese nicht verkümmern zu lassen, schule sie und wirf das Geschenk der Allmutter nicht fort.“

Eine wilde Woge aller möglichen Gefühle von Dankbarkeit, Unglauben, Erleichterung, Trauer, Angst, Unsicherheit, Zaudern und allen voran brüderlicher Liebe glitt über seine Züge und es mochte vielleicht sogar ein halber Stundenlauf gewesen sein, ehe er schließlich seufzte und ihr einmal zunickte.

Aus meiner Feder:

Überreden habe ich mich lassen und nun, da die Heimat so fern scheint, wirkt es ganz gleich wie weit ich mich noch entferne. In Wolfenfels habe ich ihn nicht gefunden, den Lehrer, der einen wie mich hätte schulen können, ohne dabei die Geduld zu verlieren und ich fürchte, dass ich auch in Wetterrot und Buchenbühl wenig Glück haben werde, denn beide Gebiete sind nur spärlich besiedelt und wenn ich diesen Schritt schon wage, so mag ich dann doch so viel wie möglich kennen- und verstehen lernen.
Nun, man gab mir den Rat nach Adoran zu reisen, wo gleich mehrere renomierte Heilerstuben in Reih und Glied stehen würden. Da würde man alles finden, vom Kräuterweib über den Tränkemischer oder Apothecarius bis hin zu jenen fast wundersam wirkenden Heilern, durch deren lindernde Hände die Mutter selbst zu wirken scheint. All das soll man dort also finden, was? Bleibt die Frage ob ich fündig werde... nunja, bekanntlich geht probieren über studieren...
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