Im Schatten der Ordensburg

Lucan Linari

Beitrag von Lucan Linari »

Die Nächte in Rahal sind still in den letzten Tagen. Ich blicke zum Himmel hinauf und alle Sterne sind von einer dicken Wolkenwand verdeckt. Vor mir liegt das Haus, in dem einst Leben war und welches nun eigentlich nur noch dazu gut ist, mich selbst zu isolieren. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und beim Umdrehen wird die Stille für einen kleinen Augenblick unterbrochen. Die Mechanik, die vom Schlüssel angetrieben wird, die Kettenreaktion die in Gang kommt. Irgendwie wie Zauberei. Das Knarzen der Türscharniere – ein vertrautes Geräusch.
Leonie ist daheim... wie passend, als würde mir das Glück ausnahmsweise einmal die Bälle zuspielen. Ich lasse mir am besten nichts anmerken..

„Mit Dir hätte ich gar nicht gerechnet... bist du doch sonst immer unterwegs um die Welt zu entdecken. Es freut mich, dass du auch den Weg zu mir gefunden hast. So können wir endlich etwas mehr Zeit miteinander verbringen...“

Sie freut sich scheinbar mich zu sehen, sie umarmt mich... einen kurzen Moment stocke ich, doch dann lege ich auch meine Arme um sie. Sie vertraut mir... gut für mich, schlecht für sie. Mich überkommt ein Anflug von väterlichen Gefühlen, die ich versuche zu unterdrücken. Immer wieder rufe ich mir ins Gedächtnis, dass sie gar nicht mein Kind ist... sie ist ein Bastardskind. Es ist nur fair, wenn sie geht, damit eine weitaus stärkere Frau leben kann. Es ist nur fair, dass sie stirbt...
Die sanften wohligen Gefühle nehmen langsam ab und schlagen um, in Wut, die pulsierend durch meine Adern wandert - doch verbleibe ich ruhig. Wahre was in Dir ist und lasse nur das nach draußen, was du preisgeben willst, sagte man mir immer wieder... und es ist durchaus praktisch.

„Ich muss für einige Tage zur Ordensburg und würde dich gerne mitnehmen, wenn du magst.“

Ein Moment spiegelt sich Skepsis in ihrem Blick wieder.

„Dann kannst du Einblick in das Handwerk der Zauberei werfen... die Kräfte schlummern ja schon in Dir und ich denke, du hast ein gutes Potenzial... außerdem können wir dann auch mehr Zeit miteinander verbringen...“

Mit großen Augen sieht sie mich an und irgendwie schleicht sich ein Lächeln auf ihre Züge. Natürlich war sie gleich einverstanden. Sie war schon immer eine sehr neugierige Persönlichkeit und wenn es darum geht die dunkle Festung der Arkorither näher besehen zu dürfen... wer würde da ablehnen?

„Nun, hole deine Sachen.. wir brechen gleich auf..“

Hastig eilt sie los. Etwas Zeit vergeht ehe sie wieder vor mir steht, eingepackt in dicke Stoffe, als würde sie einen tiefen Winter überleben wollen. Irgendwie muss ich Lächeln bei dem Anblick der Kleinen... doch drängen meine Gedanken die Gefühle wieder zurück. Ich strecke ihr meine Hand entgegen und sie nimmt sie, als wäre es selbstverständlich. Vertrauen - falsches Vertrauen... aber ein Kind ist auch keine wirkliche Herausforderung. Sie sind zu naiv, zu gutgläubig.
Wir verlassen die Stadt und stehen einige Zeit später schon vor den Mauern der schwarzen Festung.
Die Tore öffenen sich direkt vor uns, nachdem ich das Symbol zog und es eröffnet sich uns ein weiter Gang, doch niemand ist zu sehen, niemand zu hören. Als erstes führe ich sie in den Aufenthaltsraum, wo alles begann vor ach so vielen Göttersläufen. Ich deute auf die Bänke, dass sie sich doch schon einmal setzen mag, solange ich ihr etwas zu trinken hole. Natürlich bleibt sie nicht sitzen und läuft im Raum umher, um sich alles genau anzuschauen. Mir ist es gleich... nun kann ich wenigstens den Inhalt dieser Phiole in ihre Milch geben, ohne dass sie etwas merkt. Hoffentlich wirkt dieser Schlaftrunk noch – er stammt noch von ihrer Mutter, als sie sich bemühte, ihr ganzes Wissen über die Kräuter zu häufen. Bald wird sie diese Forschungen fortführen können, bald ist sie wieder ein Teil von uns – von mir. Ich atme tief durch ehe ich mit einen Lächeln auf den Lippen wieder zu Leonie gehe.

„Hier, deine Milch... aber danach werden wir erst einmal die Gemächer aufsuchen, die Nacht hat sich schon über das Land gelegt.“

Der Trank hat seine Wirkung nicht verfehlt, vor meinen Augen fällt sie zurück, doch habe ich es noch geschafft sie aufzufangen. Der Rest der Milch jedoch hat sich über den Boden verteilt. Egal... ich bringe sie nun in eine der Zellen, selbst wenn sie wach wird, kann sie sich dort die Seele aus dem Leib brüllen... mir ist es egal geworden... sie ist nurnoch ein Gebrauchsgegenstand für mich.
Tarja Thyrmon

Beitrag von Tarja Thyrmon »

Das Leben auf der Burg - was man nicht Leben nennen konnte - ging weiter. Madlen bekam nicht viel von alle dem mit. Sie war damit beschäftigt, ihre Gedanken in der Vergangenheit kreisen zu lassen. Solange, bis Tarja beigesetzt wurde auf der Insel würde sie hier verweilen. Der leblose Körper musste wohl erst noch vorsichtig auf die Insel gebracht werden.

Sie verbrachte ihre Zeit damit, die Insel abzugehen. Auch, wenn sie viele Dinge sah, die für sie erschreckend waren war sie nicht sonderlich überrascht. Nur eines fiel ihr auf: Wer einmal hier war konnte ohne einen Arkorither nicht wieder weg. Selbst wenn sie jetzt abhauen wollte, sie könnte es nicht einmal. Aber warum sollte sie das auch? Ihre Schwester war einmal ein Teil dieser Gemeinschaft gewesen, also musste irgendwo in ihnen auch etwas Gutes stecken - wie in jedem Menschen.

Sie hielt sich aus den Kellergewölben fern und bewegte sich in der Burg eigentlich nur dann, wenn sie begleitet wurde. Alleine wollte sie sich hier nicht bewegen, nicht, dass sie etwas entdecken würde, was ihre innere Ruhe aus dem Gleichgewicht brach. Oftmals stand sie nur auf dem Balkon und beobachtete das Kommen und das Gehen. Die Dunkelheit um die Burg herum und die zuckenden Blitze am Horizont. Man spürte deutlich Veränderungen in der Welt. Übermannt von ihrer Trauer ging sie wieder zurück in das oberste Zimmer und setzte sich auf das Bett. Was hat dich hier her getrieben und was hat dich hier gehalten, Schwester? Ich verstehe es nicht. Sie versuchte ein Auge zuzumachen, aber das Gefühl innerer Lehre überkam sie wieder, als sie daran dachte, dass niemand aus ihrer Familie wirklich noch da war. Tarja war tot, Wilyam war fort. Und Jana? Sie war zu sehr Arkorither und ihr viel zu fremd. Was war aus der Familie Thyrmon geworden? Sie seufzte. Die Familie hatte nie Bestand gehabt. Noch nie. Sich verlieren heißt sich befreien.., ob sie nun wohl ihre Freiheit hat? Madlen seufzte nochmals leise und schloss dann endgültig die Augen. Sie hatte Angst vor dem Tag, an dem sie ihrer Schwester in die leblosen Augen sah und sich von ihr verabschieden musste.
Der Erzähler

Beitrag von Der Erzähler »

Der Regen hämmerte auf die schwarze Burg ein und auch das Gewitter hatte noch lange nicht vor, den Weg fernab der Burg anzutreten. Dichter Nebel zog auf, während selbst die Frösche nicht einmal mehr den Mut hatten zu quaken.

Chaos. Chaos. Chaos. Ihr wisst, was zu tun ist. Ihr wisst es, ihr wisst es!

Es gab wenige Nächte, in denen es ruhig in der Arkoritherburg war. Jeder, der nach Hinweisen suchen wollte, musste sich nur dort aufhalten. Die angespannte Stimmung dort verkündete schon seit langem das „Unheil“, welches sich ankündigte. Nach und nach tat sich immer mehr, Pläne rückten voran, Aufzeichnungen wurden gemacht und Bücher weiter verfolgt. Es fehlte nur noch wenig, bis sie sich daran machen konnten. Bis sie die Macht zurück an den Orden holen und an ihn binden konnten. Beide Bücher hatten den Weg in die Hände der Maestra gefunden und so hatte sie die Antwort auf ihre Fragen. Nun musste sie jeden Baustein nur noch zusammensetzen.

Den puren Willen kann jeder brechen. Zumindest jeder, dessen Wille stärker und ausgeprägter ist als der andere. In der Angst zu ertrinken – in der Panik, die die Gedanken auslösen – das hält zumindest bei Bewusstsein. Kinderherzen sind so sanft und anmutig – sie schlagen in ruhigem Takt und haben die Hoffnung auf ein gutes Leben. Aber was ist das für ein Leben?

Sanftes Pochen setzte sich in Janas Schläfen fest und auch die leise Stimme ertönte wieder in ihren Gedanken. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen – vermutlich aus der Gewohnheit heraus. Wachträume ließen sie oftmals wie ein Zombie über den Büchern sitzen und die Teilchen zu einem ganzen zusammenfügen. Der Wille ist die Kraft, der Zusammenhalt die Macht.

Madlen war auf die Burg geschafft und witterte noch nichts von ihrem Plan. Es hatte ein gutes, dass sie so naiv und gutgläubig war wie eh und je. Nichts konnte ihren Glauben daran brechen, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckte.

Sie hat es nicht verdient so ein Leben zu führen.

Die Zeit wurde knapper. Der letzte Schritt musste vollzogen werden. Das Pentagramm geweiht und die Stärkung für die Seele gefunden werden. Aber war es so schwer sie zu finden? Man wusste doch genau, dass sie sich irgendwo herum trieb, um ihre kleine Welt zu erkunden …

Der Weg ist das Ziel, Erben Korows.

Und auch auf einen der letzten Schritte musste nicht mehr lange gewartet werden. Nachdem sich die Tore hinter Cordan und dem kleinen Mädchen geschlossen hatten schlich sich ein Windhauch an ihnen vorbei und ließ die Flammenwände flackern und einen wilden Tanz aufführen.

'Es ist fast geschafft …'

Die Burg strahlte nicht einmal im Ansatz etwas heimisches aus und doch versuchte man es den Gästen zu ermöglichen, sich so heimisch wie nur möglich zu fühlen. Eine große Herausforderung für jeden Arkorither, verstanden sie von Gastfreundschaft doch tatsächlich nicht so viel. Aber der Wille war der Weg und der Weg war das Ziel.

Es dauert nicht mehr lang...
Jana Layani Thyrmon

Beitrag von Jana Layani Thyrmon »

Nachdem ich das gesuchte Buch in meinen Händen hielt war mir klar, was mir fehlte. Es hatte eine Weile gedauert, aber ich hatte dennoch Stück für Stück die Teile zusammengesetzt. Nachdem die Vorbereitungen ihren Lauf nahmen und ich mich für wenige Momente zurückziehen konnte, ging ich in Gedanken nochmals alles durch. Madlen wiegte ich weiter in Sicherheit und tat alles, um den Anschein wirken zu lassen, dass sie hier wirklich nur Gast war. Und Leonie? Leonie war gefangen im Kerker. Dafür hatte Cordan gesorgt.

Die Bücher lagen aufgeschlagen auf meinem Tisch. Ich hatte mir die wichtigsten Seiten ein gemerkt und las immer wieder nach. Wir konnten es uns nicht leisten, dass wir irgendeinen Fehler begangen. Ich war so nah am Ziel, jetzt konnte ich nicht mehr aufgeben. Ich würde zurückholen, was dem Orden gehörte.

Der eisige Wind schlich sich erneut durch meine Haare und ich spürte die Anwesenheit der Seele um mich herum. „Bald haben wir es geschafft.“
Ich spürte, wie mich die Macht einholte und ich immer mehr und mehr haben wollte. Aber damit konnte ich es schaffen. Damit konnte ich meine Macht ausweiten und die des Ordens sowieso. Jetzt musste ich nur noch den letzten Schritt gehen.

Konzentriere dich. Du musst dich auf das Buch konzentrieren und nach der Seele forschen. Dann schaffst du es mit deiner puren Willenskraft, sie zu rufen.

Lange Zeit war das Artefakt nicht mehr im Einsatz gewesen und keiner der Schüler hatte eine Ahnung, was man damit ausrichten konnte. Ich selbst hatte sie auch nie zu spüren bekommen, aber aus Erzählungen wusste ich, was auf einen Körper zukommen würde, wenn man diesen nur leicht mit den Geißeln der Peitsche berühren. Dem Körper wurde dadurch Stück für Stück das Lebenselexier entzogen und so konnte jeder, der sich gegen den Willen der Ordensleitung stellte, bestraft werden, indem ihm die Kraft entzogen wurde. Noch nie hatte jemand versucht den Willen eines anderen Menschens auszutreiben mit diesem Werkzeug. Also lag es in meiner Hand, dies zu tun. Immerhin benötigte ich die leblose Hülle von Madlen, um Tarjas Seele dort wieder einzupflanzen. Die Striemen würden wieder weggehen, sobald der Körper Zeit genug zum regenerieren hatte. Ein paar Stunden dürften genügen. Jetzt musste ich nur noch üben. Immerhin war es das erste Mal, dass ich die Seelenpeitsche zu mir rief.

Das Kribbeln in meinen Fingern breitete sich aus, als ich auf den Nichtraum hinter dem Lied hörte. Ich versuchte aufzuspüren. Ich wusste nicht, nach was ich suchen sollte, aber meine pure Willenskraft reichte wohl aus, dass es mir nach einer Weile gelang, die Peitsche in meiner Hand zu formen. Ich sah, wie die schwarzen Schlieren aus meinem Arm krochen und sich in meiner Hand verformten. Dann leuchtete die Peitsche kurz in einem dunklen Lila auf, ehe sie komplett in meiner Hand lag. „Da bist du also...“, flüsterte ich leise und drehte die Peitsche in meiner Hand, ohne sie auch nur ansatzweise an meine nackte Haut zu lassen. „Du wirst deinen Zweck erfüllen... bald!“, hauchte ich leise und im nächsten Augenblick war sie auch schon wieder verschwunden. Diesen Teil konnte ich also auch getrost hinter mir lassen.

Nachdem ich mir die letzten Bücher über Rituale und Pakte durchgelesen hatte, die zwei gefundenen Bücher nochmals überflogen und mir wichtige Instrumente aufgeschrieben hatte, ging ich die Stufen hinab und trat auf den Ritualplatz auf dem Ostbalkon. Lange war er nicht mehr genutzt worden und es wurde wirklich höchste Zeit, dass dies wieder geschah. Ich rief nach Isabella, die mir sofort zur Hand ging. Auch ich musste für diesen Akt Opfer bringen. Und mein Opfer war nicht gerade gering. Ich hatte in den letzten Tagen immer wieder ein wenig Blut von mir genommen, mal mehr, mal weniger. Und jetzt? Jetzt würde ich dies wieder tun, um das Blut frisch zu halten. Auch das Blut von Leonie hatte ich bereits. Es war ein leichtes, ihr ein wenig Blut abzuzapfen. Ihre Schreie konnte ich im Keim ersticken und der Rest war eh nur noch eine Frage der Zeit.
Ich begann also, das Pentagramm mit dem Blut von Leonie und mir zu ziehen. Ich musste aufpassen, dass ich nicht absetzte und eine Lücke ließ, denn das bedeutete, dass kein magischer Fluss zustande kam. Als ich das letzte Stück gezogen hatte begann ich es mit meinem Atem zu behauchen. Danach stand ich auf und nickte Isabella zu. Diese nahm einen Beutel mit Knochenstaub und begann damit, diesen über dem Pentagramm zu verteilen. Vielmehr um es zu trocknen, damit es sich in vollkommener Größe und Stärke aufladen konnte. Es raubte mir einiges an Kraft, mich andauernd mit dem Lied zu verankern, um das Pentagramm so mit der nötigen Macht zu verbinden. Als Isabella all das Knochenmehl verteilt hatte atmete ich tief durch. Ich spürte die starken Schwingungen, die von dem Pentagramm schon jetzt ausgingen. Ebenso wie die Verankerung im Lied.

'Drei Tage Ruhe... danach können wir beginnen!', ich nickte zufrieden und verschwand mit Isabella im Dunkeln. Es würde nicht mehr lange dauern. Und es stand alles bereit, was wir für den Moment der Verbindung benötigten.

Bald bist du wieder bei uns...
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