Die Bajarder Taverne war an diese Abend gut besucht, viele Gäste saßen an den Tischen innerhalb und außerhalb der kleinen Schenke und die Menschen unterhielten sich angeregt miteinander. Jamina, eine der Wirtin, die zumeist Abends die Taverne hütete, war gerade dabei ein paar Gläser zu putzen, ehe ein kurzer Fingerwink ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Finger der sich gerade in die Höhe hob, gehörte einer jungen, rothaarigen Frau und ein kurzer Seufzer verließ Jaminas Lippen. Sie griff nach einem Glas, zog eine Flasche mit klarer Flüssigkeit hervor und schenkte etwas davon ein, ehe das Glas vor die Rothaarige gestellt wurde.
„Hier, bitte Fräulein Cynthia … obwohl ich hoffe, dass das euer letzter sein wird.“
Cynthia sah nur kurz auf, die dunklen Ringe um ihre Augen zeugten von den recht ruhelosen letzten Nächten und ein recht gleichgültiges Zucken der Schultern sagte der Wirtin sofort, dass es sicher nicht der letzte gewesen wäre.
„Wozu der letzte? Da passt noch einiges rein und die Nacht ist noch jung.“
„Mag sein aber ihr tut euch keinen Gefallen damit, euch mit Schnaps zuzuschütten. Gerade ihr als Heilersfrau solltet so etwas doch wissen!“ Jamina ließ es sich nicht nehmen der jungen Frau einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen, ehe sie sich mit einem erneuten Seufzen daran machte, die Gläser weiter zu trocknen.
Der Inhalt des Schnapsglases wanderte unterdessen in Cynthias Mund und von dort in ihren Magen. Das angenehme, wärmende Kribbeln des Alkohols fühlte sie längst nicht mehr und ihr Geist war ebenso vernebelt wie alles andere in ihr. Für einen Moment hielt sie inne, ging einmal in sich und dachte darüber nach, wie es eigentlich so weit kommen konnte, und die Antwort traf sie unvermittelt, so unvermittelt, dass der Rest des Glases ihre Kehle hinab floss.
Vor einigen Monden hatte sie sich ein Zimmer in Bajard genommen, guter Dinge wollte sie sich im nahen Umland einen Namen als Heilerin machen, fern einer festen Gemeinschaft, nur ihr eigener Herr und keinerlei Begrenzungen. Doch schnell musste sie eines feststellen; Gerimor hatte seine Heiler und davon nicht gerade wenig. Wohin auch immer sie ging, überall waren da die Heilerstuben, die Heilerhäuser und Lazarette … es gab so gut wie überall einen Heilkundigen und für eine Fremde, deren Fähigkeiten nicht kannte, war kein Platz.
Die erste Zeit war der Optimismus geblieben, ab und an konnte sich Cynthia unter Beweis stellen, zeigen, dass sie ihre Erfahrungen gemacht hatte und dass sie in der Lage war, die Arbeit einer Heilerin nach bester Manier zu vollbringen. Doch es blieb bei diesen wenigen Momenten und mit der Zeit kam auch der Frust, der Pessimismus und am Ende war dann da die einzige Abwechslung am Abend; der Alkohol. Es war fast wie ein kleiner Teufelskreis, je mehr sie suchte, desto mehr klammerte sie sich an falsche Hoffnungen und wurde umso mehr enttäuscht … im gleichen Zug floss in solchen Zeiten der Alkohol auch immer mehr und mittlerweile hatte sie es ganz aufgegeben. Selbst Adoran, die Stadt in welche sie ihre letzte Hoffnung gelegt hatte, hatte bereits ein Heilerhaus mit seinen Heilern und so hatte Cynthia für sich beschlossen ihre Tage in Bajard zu verbringen; tagsüber schlafend, abends trinkend. Doch einer Sache war sie sich immer bewusst; ihre Goldvorräte würden dieses Spielchen nicht mehr allzulang mitmachen und früher oder später musste sie eine Möglichkeit finden an Gold zu kommen, nur wie?
Viele Leute hatten sie seltsam angeschaut als sie sagte, dass sie auch gerne einmal einen Obolus nahm für ihre Dienste, und jedesmal wenn man ihr dann an den Kopf war, dass ein Heiler doch für das Gute heilen sollte und nicht für den Profit war Cynthia ausgerastet, hatte denjenigen angebrüllt und gefragt ob die Dankbarkeit der Menschen sie am Leben halten würden.
Doch selbst jene Momente waren vergangen. Die rothaarige Heilerin hatte sich ganz dem Alkoholgenuss verschrieben, nur selten wanderte sie noch durch die Gegend. Immer wieder hatte Cyn überlegt nach ihrer Schwester zu sehen, doch Tajara verkehrte in anderen Kreisen, welche ihr nicht so sehr zusagten, wie ihrer Schwester und sie anbetteln um Obhut oder dergleich wollte sie ebenso nicht. Zu groß war der eigene Stolz, sie war viele Jahre alleine zurechtgekommen und das würde sie nun auch irgendwie.
Doch derzeit gab es nur den Schnaps und in der Nacht die Alpträume, jene alten Erinnerungen an ihre Zeiten auf den Schlachtfeldern, als sie im Lazarett direkt in den Kriegsgebieten gedient hatte, für die damalige Königin. Jene Erinnerungen suchten sie gerne Heim, gaben ihr keine vollständig geruhsame Nacht und daher auch die dunklen Ringe unter ihren Augen; es war nun einmal ein Teufelskreis.
Ein Teufelskreis aus dem es auszubrechen galt … das wusste Cynthia. Die Frage die sie sich in ihren trägen Momenten aber immer stellte war; nur wie?