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Die Stichmuster des Lebensfadens
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Nayri Nimmermeer





 Beitrag Verfasst am: 12 Feb 2018 13:17    Titel: Die Stichmuster des Lebensfadens
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Wenn man ihr gesagt hätte, was sie alles in Bajard und Umgebung erwarten würde, so hätte sie das bei ihrer Abreise sicherlich nicht geglaubt. Zum einen war es damals, als sie in Emberhaven an Bord ging, noch lange nicht klar, ob sie auf der anderen Seite des Meers der gewünschten Ausbildung nachgehen konnte, denn sie kannte niemanden und hatte auch keinen sicheren finanziellen Stand und dann wiederum konnte sie ja nicht erahnen, welche Menschen sie treffen würde. Vielleicht mochte man sie nicht? Vielleicht eckte sie an? Vielleicht würde sie da drüben versagen und nach ein paar Monaten oder gar Jahren wie ein geprügelter Hund zurückkriechen? Den Damen im Arbeitshaus wäre das nur sehr recht gewesen, denn Nayris unbeirrter Wunsch war längst als Arroganz abgetan. Wie sollte ein Findling, ein ungewünschter Bastard, den man an einem Tümpel namens Nimmermeer ins Schild gelegt hatte, jemals irgendetwas besseres werden als eine Tuchweberin? Ach, eigentlich war sie dankbar um den Webstuhl. Zwar ein klotziges, grobes Gebilde, doch bedeutete die Arbeit für sie auch ein wenig Freiheit. Wo ihre Gedanken hintanzten, wenn der Webstuhl klapperte und das Spinnrad surrte, interessierte niemanden. Allerdings tat es ihr nach diesen Stunden, in welchen sie wortwörtlich ihren Stoff der Träume webte, ein bisschen weh, dass dieser dann grob vom Rest der Damen zusammengerollt, auf einen Haufen geworfen und dem nächsten, schmierigen Händler für ein paar Münzen in die Hand gedrückt wurde. Damals entstand schon der Wunsch oder Traum diesen Stoff selber zu nutzen. Irgendwo in dem weichen Tuch steckte ein hübscher Rock, eine prächtige Bluse, ein frisches Hemd oder gar ein adrettes Kleid! Doch die Fähigkeiten dafür hatte sie nie gelernt und in Emberhaven würde sich kein Schneider einem mittellosen Bastard zuwenden. All ihr Verdienst kam dem Arbeitshaus zugute und sie hatte dafür ein Dach über dem Kopf, ausreichend Speis und Getränk, eine eigene, lausfreie Pritsche, einfache aber saubere Kleider und wenn sie erkrankte kam sogar ein Heiler vorbei. Streng war er und immer schlecht gelaunt aber er verstand etwas von seinem Werk. Zweimal hatte sie sogar so etwas wie einen Burschen. Der Bäckerlehrling, selber schüchtern und unglaublich tollpatschig, der dann aber doch die Tochter seines Meisters ehelichte und später den ungleich wilden, ungestümen Matrosen, dessen Besuche aber eines Tages ausblieben und man hinter der Hand flüsterte, er hätte das Seemannsgrab zu früh gefunden oder hätte sich heimlich den Cabezianern angeschlossen. Tja, so gesehen war es mit seinem Wegbleiben klar: Nichts hielt sie mehr in Emberhaven und der Wunsch in anderen Landen das Glück zu suchen, wurde größer.
Aber wie sollte sie ohne auch nur eine Krone, die sie ihr Eigen nennen konnte, dorthin gelangen? Indirekt war das dem jungen Matrosen zu verdanken, vielleicht ein letztes Geschenk an seine zurückgelassene Liebste in Emberhaven? Der Kapitän des Schiffes, an welchem er angeheuert hatte, kam auf sie zu und wusste der armen Nayri davon zu berichten, dass der Junge sie vor seinen Kameraden bereits seine Zukünftige nannte. Als sie nun, überfordert von diesen Entwicklungen und dem Kummer, in Tränen ausbrach, da versprach der Seebär, sein Möglichstes zu tun, damit es ihr besser gehen würde und plötzlich fügten sich die Mosaikstückchen ineinander und zeigten das Zukunftsbild.
Nayris Wunsch war leicht zu erfüllen: Eine Überfahrt, wohin ganz gleich nur übers Meer, vielleicht irgendwohin, wo man das Schneiderhandwerk erlernen könnte. Ach, was atmete der alte Mann auf, denn bereits eine Woche später setzten sie die Segel und los ging es, nach Bajard.
Dort angekommen fühlte sich Nayri sehr wohl und bald eröffnete sich ihr auch eine Möglichkeit das Startkapital zusammen zu sparen, denn es brauchte vor allem Boten und Schreiberlinge für diverse Briefe. Nun, die Füße waren gesund und sie hatte Lesen und Schreiben auch anständig gelernt, um nicht von den Händlern über den Tisch gezogen zu werden. Oft brachten sie die Botschaften sogar bis nach Rahal hinein, denn hier schien der Schriftverkehr besonders rege.
Vielleicht war er ihr da schon irgendwann aufgefallen. Dieser Bursche, der überhaupt nicht wie all die lauten, fröhlichen Handwerker und raubeinigen, groben Fischer mit dem Herzen aus Gold wirkte, die sie gewohnt war. Der Junge mit den ebenmäßigen, feinen Zügen, dem rabenschwarzen Haar und dem durchdringenden Blick. Das Grün seiner Augen war anders als ihres. Weniger verspielt und lebhaft, eher so als würde irgendwo dort ein minzfarbenes Feuer glühen und sie musste sich bald eingestehen, dass er sie interessierte oder sogar faszinierte. Glückliche Schicksalsfügung Nummer zwei, als er sie in Bajard sah, wohl erkannte und gerade auch noch einen Schneider benötigte. Die Vorhänge, die er für seine Wohnung brauchte, waren selbst mit ihren mittelprächtigen Kenntnissen leicht hergestellt und sie versprach auch diese zu liefern.
Ja, hätte man ihr damals gesagt, wohin das führen würde, so hätte sie den Kopf geschüttelt und gelacht. Aber so verschätzt man sich manchmal im Leben. Schätzt die eigenen Möglichkeiten anders, schätzt den Gegenüber anders ein, verschätzt sich bei Maßangaben und Lebensrezepten. Nayri Nimmermeer war keine Tuchweberin des Arbeitshauses mehr, sondern angehende Schneiderin im schönen Bajard und ihr Bursche war kein Seemannsbengel mit der Art eines jungen Hundes, sondern ein junger Mann, der sie eher an eine Raubkatze erinnerte. Mal spielend, mal lauernd und so schwer zu ergründen, wie ein stiller Teich. Wie das Nimmermeer.
Was hatten sie ihr damals gesagt?
Stille Wasser sind tief.
Oh, ja.
Schmunzelnd malte sie sich das nächste, vielleicht nicht ganz so brave Bild auf dem eigenen Lebensteppich aus, welches der Lebensfaden da stickte. Sie war angekommen und auch wenn die Zukunft wieder unvorhersehbar blieb, so war es gut für den Moment.


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„Das kleinste Ding ist auch zu ehren:
Eine Nadel mag einen Schneider ernähren.“
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