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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 18 Jan 2011 17:13    Titel: Ein neuer Abschnitt?
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Lebenswandel – Totentage

Ich saß auf dem Dach meiner bescheidenen Behausung und sah über das Dorf hinweg.
Vielleicht hatte ich gerade diesen Platz ausgewählt, weil ich mich hier unbeobachtet fühlte, sicher wähnte, für mich sein konnte. Der Abend war aufschlussreich gewesen. Vielleicht auch der Tritt in den Hintern, den ich gebraucht hatte.
Letztlich liefen die Fäden meiner Probleme genau auf einen Umstand zurück: Das ungeborene Leben. Vielleicht war es an der Zeit die Probleme beim Schopf zu packen und sie zu beseitigen. Nein, nicht vielleicht, ganz sicher sogar. Die Worte, die man mir entgegen geworfen hatte, waren schonungslos, nüchtern und verletzend ehrlich gewesen. Das Kind brachte nichts Gutes. Sie wollte es nicht, sie wollte nicht das tun, was unweigerlich darauf folgen musste – zumindest nicht um meinetwillen, sondern nur aus dem Pflichtgefühl heraus, dass es nicht Bastard geschimpft werden konnte. Seit es bekannt war, gab es nichts als Schwierigkeiten, wir stritten viel zu viel – nicht allein deshalb, weil ich mit ihrer Ablehnung nicht zurechtkam.

Du solltest dich freuen, du bekommst doch alles, was du wolltest!


Bisweilen schmeckte das, was man bekam äußerst bitter und das wollte ich nicht. Nicht so zumindest. Nun saß ich hier, hielt eine kleine Phiole in der Hand und hob sie an, um die Flüssigkeit im schwachen Licht der Sterne und des Mondes zu betrachten. Der Ausweg aus dem Ganzen. Sie würde es nicht einmal merken, wenn ich es ihr geben sollte. Ein Frühstück ans Bett, im Trinken dieses Zeug, die Dosierung war im Grunde einfach. Die Besorgung hatte mich hingegen eine halbe Nacht gekostet. Ihr würde es nicht schaden, das Kind wäre hingegen verloren.
Seltsamerweise empfand ich den Gedanken als tröstlich, vielleicht, weil er mit der vagen Hoffnung verbunden war, dass danach alles wieder werden könnte, wie es einmal war – auch wenn ich mir mittlerweile sicher war, das würde es nicht werden, aber immerhin gab es eine kleine, winzigkleine Chance dazu. Zumindest solange, wie ich allein das Wissen in mir trug, dass ich der Mörder meines eigenen Kindes sein würde.
Mein Blick wanderte gen Osten, wo sich entfern ein silberner Streifen bildete, der langsam in ein warmes Gold überging. Nein, da war kein Bedauern, kein Zweifeln, nicht einmal Skrupel, kein Trauern. Das Zögern beruhte allein darauf, weil ich wusste, was geschah, wenn sie es jemals herausfinden sollte. Ich verlor alles – und trotzdem konnte ich aber auch nur gewinnen.
Ihre Freiheit, meine Freiheit, Luft zum Atmen, keine Zwänge. Und bei allem, wie wir uns immer mehr voneinander entfernt hatten, war es vielleicht auch die richtige Lösung. Bedauerlich, dass die Ahnen sich so sehr getäuscht hatten. Vielleicht aber hatte ich es auch nur falsch interpretiert? Menschen waren von ihren Wünschen oftmals viel zu verblendet, ließen sich davon fehlleiten, führen in Richtungen, die sie ursprünglich nicht hatten einschlagen wollen.
Ich gab auf. Die Prüfung war für mich eine zu große Herausforderung gewesen. Nicht bestanden. Ich würde es mit ins Grab nehmen, irgendwann.
Wieder irrte mein Blick zu der kleinen Phiole, bevor ich die Hand darum schloss und aufstand. Es war an der Zeit.

Es war ein letztes Frühstück unter diesen Umständen. Zumindest war das mein Ansinnen. Kein Tee, Tee war aus. Also doch Milch, fünf Tropfen, nicht mehr und nicht weniger. Etwas Brot, Käse, Wurst, Marmelade, Butter, Ei – gekocht natürlich. Ein Tablett voll mit guten Dingen. Leise suchte ich mir den Weg hinunter in den Keller, um für ein Frühstück am Bett zu sorgen, das weit reichende Folgen haben würde. Tod und Leben, Zwang und Freiheit.
Ersticken und Aufatmen.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 20 Jan 2011 17:01    Titel:
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Bittere Wahrheit – Betäubende Fassungslosigkeit

Ihre Vorwürfe machten mich fassungslos.
Letztlich führten sie dazu, dass ich ging. Vielleicht konnte man es mir zuschreiben, vielleicht war es auch eine Sache, die von beiden ausging. Ich wusste es hinterher nicht mehr zu sagen. Es war leichter es auf mich selbst zu nehmen, weil ich es immer so gehandhabt hatte.
Ich fühlte mich betäubt, leer und unsäglich erschöpft.
Allein der Umstand, dass ich sie dort, wo sie war, nicht allein wusste, bewog mich dazu zu gehen. Sie ertrug meine Gegenwart nicht, ich die ihre ebenso nicht mehr. Ich ertrug weder die Vorwürfe, noch das selbst verursachte Leid.
Mich holte erst später ein, was ich getan hatte, erst als mir offenkundiges Beileid entgegen gebracht wurde, hatte ich das Gefühl, dass wirklich etwas in mir zerbrach. Es war das erste Mal, dass mich mein Gewissen derart heftig einholte.
Nicht viel später sollte mir das noch ein weiteres Mal passieren, als ich zuhause saß, Karawyn zu Besuch bei mir sitzen hatte und mich damit ablenkte, indem ich mich mit irgendwelchen Aufträgen und Auftritten beschäftigte, anstatt mich mit dem, was mich sonst gefangen hielt.
Erst als Imera kam, mir ein milchiges undurchsichtiges Gefäß aus Glas in die Hand drückte und mir sagte, sie hätte nichts finden können, was die Fehlgeburt verursacht haben könnte, kam ich nicht mehr umhin, als mich damit zu befassen.
Sie hatte es mir gebracht, damit ich einen Platz aussuchen konnte für das Ungeborene. Ich verstand nicht recht, warum sie es ausgerechnet zu mir brachte. War das die Strafe? Oder war es vielleicht doch nicht ich gewesen, der das alles wissentlich verschuldet hatte? Sie hatte nichts gefunden. Nichts gefunden.
Eigentlich hätte ich erleichtert sein sollen. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass sie es untersuchen wollte. Stattdessen fühlte ich, wie mir der Boden förmlich unter den Füßen weggerissen wurde. Ich bat beide zu gehen, ich wollte – nein, ich musste – allein sein, mich fangen.
Ich konnte froh sein (was ich nicht war), dass man mein Verhalten dem Verlust zuschrieb. Aber es war nicht nur dieser, der mir zu schaffen machte, sondern die Tatsache ziemlich dicht am Galgen vorbei geschritten zu sein. Für den Augenblick wünschte ich mir inständig, sie hätte etwas gefunden. War das gerecht?

Wie lange ich an der Haustür gelehnt dasaß und vor mich hinstarrte, wusste ich nicht mehr. Irgendwann war ich in den Wohnraum gegangen, hatte mich vor das gläserne Gefäß gesetzt und begann damit, diesem Etwas da drin alles zu erzählen. Alles, was ich war, alles was ich getan hatte, restlos alles, von dem Tag an, an dem ich begonnen hatte mich bewusst zu erinnern. Ich erzählte alles, bis zum heutigen Tag. Restlos alles, was mir einfiel. Auch das, was ich vor kurzem erst getan hatte. Dass ich ihn die ganze Zeit bei dem Namen nannte, den Neyla ihm hatte geben wollen, wurde mir erst sehr viel später bewusst, dass mein Gesicht nass war vor Tränen, ebenso.
Erst im Morgengrauen stand ich auf, steif vom stillsitzen, heiser vom Reden, trug das kleine Geschöpf in seinem „Bett“ hinaus und vergrub es unter dem Pfirsichbaum. Sicherlich, kein geweihter Boden, aber für mich die Wahl des Platzes, die es sein sollte. Ich wählte ihn instinktiv, sicher nicht den Verstand nutzend, aber es fühlte sich richtig an. Vielleicht konnte es mir vergeben, vielleicht hatte ich meine Seele damit zur Gänze verkauft. Es war nicht mehr wichtig.
Ich verzichtete auf einen Stein, ich verzichtete auf Zierde, ich trug es so zu Grabe, verabschiedete mich im Stillen und verblieb dort, bis die Kälte mich derart im Griff hatte, dass ich mich kaum noch im Stande fühlte, den Weg zur Türe hinein zu finden.
Wieder setzte ich mich vor die Türe, wo ich letztlich erschöpft einschlief, in der stillen und in der Hoffnung irgendwann für mein Tun Vergebung zu finden, durch wen auch immer.
Etienne nahm meine Erinnerungen mit sich, so wie ich es irgendwann tun würde. Bis dahin musste ich mit dem leben, was ich war und getan hatte.
Ein recht seltsamer Frieden erfasste mich, vielleicht der stillen Beichte geschuldet. Jedenfalls riss es mich dort, wo ich saß in einen sehr unruhigen Schlaf davon, in Träume, die mich immer tiefer in die Dunkelheit zogen, in der ich mich ohnehin schon wähnte.

Die Häuserschlucht wirkte eng und bedrohlich. Die Schatten waren tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte. Das Licht war fort, vielleicht lag es daran.
Die Menschen, die den Weg säumten, aus den Fenstern sahen oder in den Türen standen, sahen mich alle an: Vorwurfsvoll, angewidert, spottend, höhnend, enttäuscht, verletzt. Die Regungen waren vielfältig, aber keine davon positiv oder wohlwollend. Vielleicht ein Spiegel dessen, was ich selbst mir gegenüber empfand. Das Licht war fort.
Die Erkenntnis traf mich langsam und schleichend. Der Seelenanker war fort. Das blaue Haar, das Licht. Verloren.
Am Ende der Gasse stand ein kleiner Junge, das Haar auf der einen Seite schlohweiß, wie das meinige, auf der anderen pechschwarz. Meine Zweifel. Sie verfolgten mich noch immer. Der Blick unterschied sich von allen anderen. Er war sanft, vorurteilsfrei, vergebend.
Vielleicht meinem innigsten Wunsch entsprechend.
Der Bursche hob die Hand, ich hockte mich vor ihm nieder. Ich spürte seine Berührung an der Wange und…


… wachte auf. Es war taghell, auf meinem Schoss lag der Kater und schlief.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich war schweißgebadet und fühlte mich deplatziert, falsch und danach nur noch unendlich leer.
Nichts, wirklich nichts hatte mehr eine Bedeutung in diesem Moment. Gedankenverloren strich ich über das weiche warme Fell des kleinen Gefährten und lauschte dem einsetzenden Schnurren.


Zuletzt bearbeitet von Lucien de Mareaux am 20 Jan 2011 17:03, insgesamt einmal bearbeitet
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 25 Jan 2011 19:09    Titel:
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Wohltuender Erfolg

Es war der Mühe wert gewesen.
Die Menschen kannten viele Wege, um sich einen Namen zu machen. Ich vermutete, dass ich auch meinen gefunden hatte. Gut, es zog einiges an Aufmerksamkeit auf mich, aber das scherte mich im Moment nicht sonderlich. Es kam mir vielmehr sogar entgegen.
Jene, die um die Veranstaltung gebeten hatten, waren sehr zufrieden gewesen – mochte es noch lange anhalten und es sich verbreiten, wie ein Lauffeuer. Solange wir zu tun hatten, gab es Gold und Gold konnte man immer für dieses oder jenes gebrauchen.
Bedauernswert allerdings für das menekanische Mädchen, und wenn sich das Nachtvolk dort auch noch einen Namen machen wollte – neben dem Nachtmarkt –, dann musste ich mir dazu noch etwas einfallen lassen. Eine leise Idee war schon vorhanden, sie musste nur noch ein wenig reifen.

Ein neuer Auftrag lag schon vor mir auf dem Schreibtisch, die kurzen Zeilen gaben noch nicht viel her über die angedachte Planung her, aber eine Klärung brachte vermutlich das anstehende Gespräch darüber.
Es gab ohnehin viel zu tun. Ich musste eine ganze Ladung Möbel rüberschaffen auf die Insel und würde mir dabei das Kreuz bestimmt verrenken. Dazu kamen noch zwei andere ausstehende Gespräche. Eines am heutigen, zwei am darauf folgenden Abend.
Bis es denn soweit war, befasste ich mich damit die Papiere zu sortieren und mir einen aktuelleren Überblick zu verschaffen. Derweil kehrten die Gedanken zum vergangenen Abend zurück.

Was bezweckst du damit? fragte ich mich nicht zum ersten Mal.
Dieses Spielchen, dass sie betrieb, amüsierte mich sicherlich, ließ mich aber auch sehr vorsichtig werden.
Verlieben. Ich konnte nicht anders, ein leises und kurzes Lachen drang an die Oberfläche herauf, wie eine Luftblase aus einem See, zerplatzte dort und es kehrte wieder Stille ein. Selbst Charmo hatte beschlossen zu schlafen. Er lag oben auf dem Sekretär und beäugte mich nur kurz ob meines Lachens, dann schloss er die Augen wieder.
Alles, wirklich alles schien sich für sie nur um das Eine zu handeln – zumindest wollte sie mich unbedingt Glauben machen, dass es sich so verhielt. Wozu der Aufwand?
Die Antwort war darauf war erdenklich einfach. Sie hatte sie mir an sich ja selbst präsentiert.
Manipulation.
Die Frage, wohin sie glaubte, dass sie das ganze Geplänkel brachte, war schon schwieriger zu beantworten. Eines hatte sie sicher damit erreicht: Es weckte meine Neugier und mein Interesse, was dahinter steckte.
Ein anderes hatte sie damit sicherlich ebenso erreicht: Das Interesse an dem gewählten Thema an sich erschöpfte sich allmählich und machte die Spannung, die beim vorletzten Mal noch da gewesen war völlig zunichte. Je mehr Worte über dieses Thema vergeudet wurden, desto weniger reizte es mich herauszufinden, ob oder ob nun doch nicht.
Es war in etwa so, als würde der Glanz der Sonne verblassen – so wie im Winter, wenn sie nur noch im kalten Licht am Himmel schien und nicht mit der strahlenden Wärme im Sommer.
Charmeur.
Erneut musste ich lachen. Wenn ich denn wollte, war ich einer, wenn mir allerdings der Reiz verloren ging ein solcher zu sein, unterließ ich es. Je nachdem, wie mein Gegenüber es sah, wollte, es passte, ich es wollte, es kam das ans Tageslicht, was gerade erforderlich war.
Wenn ich der Brut angehörte…
War das ein Hinweis, oder nur eine blöde Finte? Und wie fand ich es heraus? Ich merkte, wie mir erneut ein Lachen aus dem Bauch herauf kroch.
„Du solltest deine Nase dort zumindest besser nicht hineinstecken“, sprach ich leise zu mir selbst und packte die Pergamente fort.
„Nimm, was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück. Aber bleib wachsam, du Narr. Bleib verdammt noch mal wachsam.“

Ja, ich begann mich bereits wieder zu fühlen, wie zu dem Zeitpunkt, als ich nach Bajard kam. Es war erleichternd zu wissen, dass Katzen noch immer auf die Füße fielen und gewisse Dinge Bestand hatten, auch in mir selbst.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 27 Jan 2011 19:12    Titel:
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Verdammte Axt

… und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Meine Nerven hatten das Ende der Fahnenstange erreicht. Wirklich, ich schwöre es!
Erst die Zwerge, alles verdrehten, während der Planung und Vorbereitung deren verfluchte goldene Axt wiederzubekommen von dem grünen Scheißer (auch Goblin genannt), dann diese miserable Ausführung der Gefangennahme des Grünlings, nur um daneben zu stehen und zuzusehen, wie diese Missgeburt einen Goldtaler nach dem nächsten in die Hand gedrückt bekam, um ihm irgendwelche Informationen über den Verbleib der Axt zu entlocken.
Am besten steckte man ihm gleich den ganzen Schatz des Königs in den mickrigen faltigen Arsch, verflucht noch eins!
Wenigstens dieses eine Mal war ich mit den Zwergen einer Meinung: In kleinen Streifen Häuten, bis er ausspuckte, was man wissen wollte, weil der kleine Drecksack feststellte, dass er tot nichts mehr von seinem ach so tollen Schatz hätte. Aber nein… wieso zum Donner hatten wir die Weiber eigentlich mitgenommen?!
Am meisten ärgerte ich über meine immer schmaler werdende Selbstbeherrschung. Der freundliche Schausteller trat zunehmend in den Hintergrund, der Kerl, der ich wirklich war in den Vordergrund.
Ich hatte selten Mordgedanken, aber im Augenblick… ich hätte so gern gewollt! Das immerhin war erst das zweite Mal, dass ich es mir inständig wünschte, inbrünstig!
Ohne Zweifel, ich brauchte einen tatkräftigen Ausgleich, und es kam mir sehr gelegen, dass die Zwerge vorhatten den anderen Eingang abzusuchen, der sich dort in dieser Talsenke befand. Nicht, dass es dort behaglich zuging, oder gar ungefährlich wäre die Kurzen zu begleiten, aber das kümmerte mich wenig.
Ich musste was tun, das war es, was wichtig war. Also machte ich mich an die Vorbereitungen für den geplanten Tag der Tat – neben all den anderen Dingen, die noch zu erledigen waren.
Im Stillen verfluchte ich Karawyn noch immer, dass sie ihre Informationen über dieses verfluchte goldene Ding so leichtfertig weitergetratscht hatte. Was hätte man daraus für einen Gewinn ziehen können!
Einerlei, zu spät war zu spät.

Ich hatte noch ein anderes Problem und dafür sollte ich wohl noch mal Anele aufsuchen. Wenn das in die Tat umgesetzt wurde, was sie sich wünschte, wollte ich sicher gehen, nicht gleich das nächste Schwert im Rücken sitzen zu haben dafür als Dank. Und ich wollte vor allem warten bis der Winter vorbei war, der ein solches Unterfangen ungemütlich erscherte, zumal mir dafür sowieso kaum Zeit blieb, um die Aufgabe zu bewerkstelligen.
Ich hatte Zeit gefunden mich des Nächtens in der Nähe zu verstecken und mir anzuschauen, wie der Wachwechsel verlief – man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass diese Leute arme Schweine waren. Irgendwer stand immer dort und fror sich die Eier ab für irgendwelche Toten, die in der Erde verrotteten.
Eine weitere Frage, die mich beschäftigte, war die, was mich erwartete, wenn ich mich an der letzten Stätte eines Horteras-Priesters zu schaffen machte. Nicht, dass ich ein besonders gläubiger Mann war, aber wenn mir einer der Götter nahe war, dann wohl dieser. Verscherzen wollte ich es mir mit ihm sicher nicht.
Hingegen stellte ich mir die Gegenfrage, ob Er denn etwas dagegen haben konnte, wenn Sein ehemaliger Diener an den Ort gelangte, wo seine Familie weilte, um in ihren Kreis zurückzukehren und dort die Ehrung fand, die man nur innerhalb der eigenen Familie erfahren konnte.
Verzwickte Situation. Und ich hatte keine Ahnung, wie sich das herausfinden lassen sollte, außer es zu riskieren. Wenn da nicht mal ein Stern vom Himmel fiel…
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 07 Feb 2011 17:09    Titel:
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Fuchs im Wolfspelz

~ Die größte Wertschätzung ist es, wenn ein Wolf einen anderen akzeptiert. ~

Ich liebte mein Dach. Die Aussicht war einfach prächtig. Zwar vermied ich es hier herauf zukommen, wenn es hell war, aber auch die Nächte hatten etwas für sich. Immerhin war der Schnee soweit geschmolzen, es war trocken, wenn auch der Wind noch etwas frisch vom Meer herüber wehte.
Der Tag war angenehm verlaufen. Mehr durch einen Zufall war ich auf Lidwina getroffen und wir hatten uns zurückgezogen in meine bescheidene kleine Hütte, um ein wenig zu reden. Nicht nur die Muscheln waren ein Thema gewesen, auch einige andere Dinge. Mich amüsierte mehrmals in der Zeit ihr überraschter Gesichtsausdruck, als ich feststellte, dass wir durchaus auch zur Halle hinüberreisen könnten, wenn es ihr zu beengt war in meiner Bleibe. Immerhin wusste ich um die Weiträumigkeit der Halle und konnte gut nachempfinden, wenn es ihr bei mir im Wohnraum zu eng und zu klein war.
Wer die Freiheit hatte, wollte nicht eingesperrt sein. So erging es nicht nur den Tieren, sondern auch den Menschen, egal welcher Rasse sie nun angehörten. Selbst mir war es manchmal zu klein und beengt, und von daher fiel es mir nicht sonderlich schwer genau das nachzuvollziehen.
Karawyn fand irgendwann ebenfalls dazu, und Lidwina erwies uns die Ehre etwas mehr über sie und ihr Volk, als auch über ihren Weg erfahren zu dürfen. Zweifellos verlangte sie, dass kein Wort diesen Raum verließ, von dem was gesprochen wurde. Mich wunderte es wenig, es amüsierte mich eher, dass sie nur Karawyn ausdrücklich dazu aufforderte.
Vielleicht wäre das Gespräch an der Stelle erstorben und auf ein anderes Mal verschoben worden, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich der Zuckerfee vertraute.
Wir sprachen über Rabe, Hirsch und Bär, über Panther, Schlange und Wolf, als auch über Fuchs. Gelegentlich zog es mir den Magen zusammen, als ich einige Parallelen erkennen konnte zu den Eigenschaften, um die sich das Gespräch rankte und wand.
Einmal mehr stellte ich fest, wie sehr die Lebensweise der Thyren von Ehrgefühl und Standhaftigkeit geprägt war, wie sehr sie bemüht waren das zu tun, was Recht war und das in all seiner Einfachheit gehalten.
Und ich stand da und schwankte, ob ich mich davon mitreißen ließ, oder dagegen halten wollte. Mein Leben war alles andere als von dieser Art der Ehre durchtränkt. Ich bediente mich wohl am ehesten des Fuchses, streifte den Panther aber öfter, als mir im Grunde selbst lieb war, während nahezu alle um mich herum meinen Weg zum Hirsch hinführen sahen.
Was war ich doch für ein vorzüglicher Blender! Stille Wut stieg in mir auf.
Verdient hatten sie es alle nicht, dass ich sie derart hinterging, und bei denen, die ich versuchte auf die Wahrheit hinter den Schleiern hinzuweisen, musste ich feststellen, dass sie sich dennoch krampfhaft an das klammerten, was ich ihnen an Gutem gezeigt hatte.
Vielleicht lag darin auch der Weg, den ich weiter gehen musste. Ich war mir dessen noch nicht so sicher.

~ Niemand ist zur Gänze schlecht. ~

Erstaunlich, wie ich mich in der Zeit verändert hatte, seit ich hier war.
Als ich ankam, scherte es mich nicht, wie es um andere stand. Da war ich mir selbst der Nächste. In weiten Teilen war es auch heute noch so, aber es meldete sich zunehmen das, was sich wohl bei so manchem Gewissen nannte hier und dort zu Wort. Das war mal anders. Wer kein Gewissen hatte, den störte auch nicht, was um ihn herum geschah. Mittlerweile aber musste ich mir eingestehen, dass mich so einiges doch beträchtlich tangierte.
Zum Teil hatte ich das Neylas steten Vorhaltungen, was Rechtens und was nicht war, zu verdanken. Bei näherem Betrachten allerdings stellte ich fest, dass der größere Anspruch mich in Richtung Recht und Gerechtigkeit gestoßen zu haben allerdings die Thyren besaßen, und ein weiterer kleiner Teil wohl auf Karawyns Kappe ging dank ihrer beständigen Gutgläubigkeit und ihrer hartnäckigen Hoffnung, dass es in allem etwas Gutes geben musste.
Ein Gewissen war in meinem Geschäft nicht förderlich, es würde mir so einiges versauen, soviel stand fest.

~ Du wirst dich entscheiden müssen, in welche Richtung du dich wenden willst. Überleg es dir gründlich, denn ein Zurück wird es nicht mehr geben. ~

Ich fuhr mit beiden Händen über mein Gesicht und seufzte leise. Kopf oder Zahl?
Natürlich könnte ich eine Münze werfen, aber bei meinem derzeitigen Glück landete es auf der Kante und fiel nicht auf eine der beiden Seiten. So wie ich im Augenblick eine Gratwanderung hinlegte, würde auch die Münze genau dies mir anzeigen, davon war ich fest überzeugt.

~ Hör auf dein Herz. ~

Es schrie, nach beidem. Wenn man keine andere Freiheit kannte, als die sich zu nehmen, was man wollte, nur weil man es konnte, dann war es genau das, was man vermissen würde, wenn man es aufgab.
Wenn man eine neue Freiheit kennen lernte, die einem ermöglichte, das zu tun, was sich richtig anfühlte, sorgte es für eine Zerrissenheit, die ich vorher so niemals gekannt hatte.

~ Du bist, was du bist. Das was du tust, ist das was und wer du bist. ~

Mir ging auf, dass es durchaus eine Möglichkeit gab beides miteinander zu verbinden, ohne den einen Weg zu verlassen und den anderen zu verfehlen. Alles eine Frage von einem gesunden Gerechtigkeitsempfinden. Blieb die Frage offen, wie ich das erlangen sollte oder konnte. Aber auch die Antwort ahnte ich bereits.

~ Die größte Wertschätzung ist es, wenn ein Wolf einen anderen akzeptiert. ~

Ich wagte nicht zu glauben, dass diese Wertschätzung bereits vorhanden war. Aber ich konnte dafür sicherlich einiges tun. Wohin es letztlich führte, wusste ich nicht, aber letztlich würde es sich wohl weisen.
Wer konnte schon die Zukunft voraussagen? Nur ein Prophet, vielleicht die Ahnen, vielleicht die Götter, vielleicht aber auch niemand. Andererseits, wollte ich die Zukunft bereits wissen? Nein, das wollte ich nicht. Aber ich war gespannt auf das, was vor mir lag. Und das Gefühl beinhaltete wahre Freiheit.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 13 Feb 2011 16:52    Titel:
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Stell dir vor, es ist Krieg

… und keiner geht hin.

Ich hatte mir ein stilles Plätzchen in irgendeinem gerade dahergekommenen Wald gesucht, um meine Wut loszuwerden. Es war stockfinster und einige Augenblicke blieb ich auf der kleinen Lichtung, die wenigstens etwas Licht vom Mond abbekam, stehen und lauschte in den Wald und die Dunkelheit hinein.
Da waren die üblichen Geräusche, die ein Wald nun einmal mit sich brachte, aber auch ein leises Wispern, das mich einmal mehr im ersten Augenblick völlig verstörte, im nächsten Moment die blaue Kiste verfluchen ließ, nur um darauf folgend herumzufahren, als es im Unterholz knackte. Es war kein kleines Wesen, was sich dort herumtrieb, denn es brachen noch weitere Äste in rascher Reihenfolge. Nicht, dass ich ein Jäger des Waldes war und mich sonderlich gut mit den Viechern auskannte, die hier herumliefen – mein Wald war eigentlich die Stadt bis in die schmutzigsten Ecken, die es dort gab, bis hin zu den saubersten, die meistens mehr nach Unrat stanken, als die größte Gosse.
Ein Hirsch trat letztlich auf die Lichtung hinaus und blieb an der gegenüberliegenden Grenze zum Wald hin stehen, um zu wittern. Ich entspannte mich nur halb und beobachtete das Tier.
Zehnender. Es war ein prachtvolles Tier, selbst für einen Laien der Jagd, wie ich einer war. Just in diesem Augenblick sah der Hirsch direkt zu mir rüber und verharrte so.
Ich wusste, er konnte mich nicht wittern, denn ich stand gegen den Wind, und ich fragte mich in diesem Moment, ob er genauso viel sah, wie ich.
„Was tust du hier eigentlich?“ murmelte ich leise zu mir selbst und blieb dennoch weiterhin still stehen. Der Zorn war vergessen, zumindest in diesem stillen Moment, da das Tier und ich uns mit Blicken maßen.

Worauf bist du wütend?

Ich atmete tief durch. Irgendwo in der Nähe hörte ich das Heulen von Wölfen. Die Ohren des Hirsches zuckten und dann sprang er zurück ins Dickicht, jagte davon, verschreckt vom Gejaule, vermutete ich.

Auf mich selbst.

Ohne es zu merken, war mir das passiert, was ich damals anderen vorgeworfen hatte. Ich konnte seine Wut verstehen, die Eifersucht, die konsequente Ansage von Folgen, wenn sich das Verhalten nicht änderte.

Krieg. Stell dir vor, ich geh nicht hin.

Fast wäre mir ein Lachen herausgerutscht. Das neuerliche Rascheln im Unterholz ließ mich Deckung hinter einem Baum suchen. Was um alles in der Welt tat ich hier eigentlich? Mein Blick irrte zur Lichtung zurück. Das Brummen und Grollen ließ mich verkrampfen. Ein Bär kreuzte das Fleckchen Licht und verschwand wieder aus meinem Sichtfeld. Allein der Instinkt sagte mir, dass der zottelige Vierbeiner noch nicht fort war – und das Schnüffeln im alten, schon halb verrotteten Laub, das langsam näher kam.
Ich zögerte nur einen Moment lang, dann schlich ich mich fort von der Lichtung, so leise als möglich, mich stets gegen den Wind und im Schatten haltend. Ein Blick zurück verriet mir, dass der Bär mich noch nicht bemerkt hatte. Unbedacht trat ich auf einen Ast, der unangenehm laut in meine Ohren knackte. Das Tier hob den Kopf und witterte, brüllte laut auf – vielleicht eine Warnung?
Ich fuhr zusammen und verzog die Lippen. Die Hand irrte wie von selbst zu meinem Bauch und verharrte dort kurz, genauso wie ich sonst still stehen blieb und abwartete. Wenig später wandte das Tier sich ab und ließ mich aufatmend in der Dunkelheit des Waldes zurück.

Geh heim.

Genau das tat ich. Bis ich dort angekommen war, suchte ich nach dem Zorn, fand ihn nicht mehr wieder. Etwas war anders. Vielleicht durch das aufgekommene Verständnis. Ich fühlte mich ruhig, wieder fester stehend in mir selbst und musste fast schon über mich selbst lachen.

Götter, Lucien, du bist ein größerer Trollkopf, als andere so annehmen würden. Es wird Zeit ein ernstes Gespräch zu suchen. Dringend Zeit.

Warten würde es dennoch müssen, bis zum nächsten Tag mindestens. Vielleicht auch ein wenig länger, damit sich einiges beruhigen konnte. Vielleicht aber war es auch die falsche Alternative – das Warten. Vielleicht schürte es nur noch mehr Unzufriedenheit, Wut und Eifersucht.
Bei allem, was ich gelernt hatte, ich hatte völlig übersehen, dass ich mich auf ein Gebiet gewagt hatte, wo ich nichts zu suchen hatte. Nein, nicht das Gebiet war das Problem, eher die Art und Weise, wie ich es betreten hatte. Zeit, das zu ändern.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 14 Feb 2011 19:05    Titel:
Antworten mit Zitat

Drei von Neun

Warten. Eindeutig wäre warten die bessere Alternative gewesen.
Ich hatte mich anders entschieden und bekam die Folgen dafür konsequent zu spüren.
Angefangen hatte es mit dem Gespräch mitten auf der Straße in Adoran. Das verlief noch relativ harmlos, wenn es auch nicht unbedingt mit dem gewünschten Ergebnis ausging, das ich mir erhofft hatte. Und ich dachte, ich sei stur, aber das übertraf selbst meine Erwartungen um Längen.
Dazu noch die Warnung, nein, Drohung der Thyrin hinten dran gesetzt, war der Abschluss wirklich alles andere als gelungen zu bezeichnen.

Bring es in Ordnung, sonst wirst was ‚lernen‘.

Ja, natürlich. Hatte ich an sich ja auch vorgehabt. In dem Moment fühlte ich mich vom Leben dezent auf den Arm genommen. Bei dem Gespräch hatte ich festgestellt, dass es schlimmer stand, als ich zuvor angenommen hatte. Also versuchte ich mein Glück eben beim Gegenpart. Mit Kanubio war nicht zu reden, er verstand entweder nicht, was ich versuchte ihm zu sagen, oder wollte es schlicht und ergreifend nicht annehmen. Demnach blieb mir also nur die Wahl Lidwina doch aufzusuchen, ob es nun gefiel oder nicht.
Also machte ich kehrt Marsch und stieg auf das nächste Schiff, das mich ans Ziel bringen sollte. Die ganze Fahrt lang überlegte ich mir, wie ich damit weiter umgehen sollte.
„Das ist die reinste Katastrophe, und ich habe mir nicht mal was zu Schulden kommen lassen“, murmelte ich vor mich hin, während ich an der Reling stand und das Wasser vorbeirauschen sah. Dass der Thyre davon ausging, ich hätte ihm einen Teil von drei gestohlen, machte die Sache noch viel komplizierter. Zum einen hatte ich das gar nicht im Sinn gehabt, noch glaubte ich daran. Für mich waren die zwei im Grunde eins und ich schätzte beide zu gleichen Teilen.
Als ich vor Wulfgard trat, hatte ich noch immer keine Ahnung, wie ich es anfangen sollte, das Ganze in Ordnung zu bringen. Der Zug an der Glocke brachte ebenso wenig ein Resultat. Es war niemand da. Vielleicht hätte ich es doch in Adoran versuchen sollen, aber das hätte bedeutet hinter den anderen herzugehen und mir ihren Groll noch einmal aufzuladen.
Mit einem Seufzen wollte ich mich gerade umwenden und wieder gehen, als ich ein verräterisches Knacken und Winseln hinter mir hörte. Ich sah mich um und wusste sofort, wen ich vor mir hatte, auch wenn ich der Verwandlung einmal mehr beiwohnte, die mich zum einen gewiss faszinierte, mir aber auch unangenehm in Erinnerung rief, wie verschwindend klein die Möglichkeiten für mich standen, wenn ich einen falschen Schritt tat. Der Gedanke verflog allerdings so schnell, wie er gekommen war.
Während ich Lidwina versuchte davon zu überzeugen mit ihrem Mann eine Klärung zu suchen, tauchte meine freundliche Drohung auf. Sie brauchte auch nicht lange, bis sie das Schwert zog und auf mich losgehen wollte. Lidwina traf das mehr als mich. Ich war nicht mal sonderlich überrascht darüber. Letztlich sollte ich es in Ordnung bringen, aber dann wieder doch nicht. So waren Frauen nun einmal, egal welcher Rasse oder Größe.
Letztlich ließ sie von ihrem Vorhaben ab, warum, konnte ich nicht so genau sagen. Es hatte definitiv mit Lidwinas Reaktion zu tun. Was ich zweifellos mitbekam, war die Tatsache, dass es keineswegs um mich dabei ging, ich nur das typische Pech hatte, der gewesen zu sein, der das Fass ins Rollen gebracht hatte, ohne es selbst zu wollen oder gar anzutreiben.
Es ging allein um Vertrauen. Dabei war es so leicht, so verdammt leicht.
War es das? Eigentlich war es das nicht. Gerade ich tat mich damit schwer und wusste es doch eigentlich besser. Aber wenn das Paar sich nicht mehr vertraute, und wenn Lidwina sich eingesperrt fühlte – nicht mal nur von ihrem Mann, sondern wohl offenkundig von allen in irgend eine Art und Weise – dann musste schon länger einiges im Argen liegen. Ich war nur der Idiot, der gerade zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Fraglich nur, ob das alle so sehen würden am Ende des Tages – und ob ich das noch erleben würde.
Die Tatsache, dass ich nicht mehr unmittelbar von dem Schwert bedroht wurde, zeigte mir, dass hier das Verstehen begann. Gewiss hätte ich Erleichterung verspüren sollen, aber das tat ich nicht. Auch wenn ich damit sicherlich eines von neun Leben damit vergeudet hatte, die eine Katze so zu haben pflegt.
Das Zweite sollte auf dem Fuße folgen. Um der Schamanin begann sich ein Sturm zu bilden. Was gesprochen wurde, verstand ich nicht, denn die beiden Frauen waren in ihre Muttersprache verfallen. Mir blieb nichts anderes, als mich auf die übrigen Instinkte zu verlassen, die mir zur Verfügung standen, und die warnten mich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
Ich sah Hamingja in den Sturm treten und nach Lidwina greifen, sah wie der Frost sich an ihrem Arm hinaufzog, der vom Sturm mitgetragen wurde. Es brauchte nicht lange, bis ich begriff, dass sie allein gewiss nicht schaffen würde, was sie vorhatte: Lidwina aus dem Sturm herauszubringen.
Da ich davon ausging, dass die Ahnenruferin ihn selbst geschaffen oder gerufen hatte, fragte ich mich im Stillen, wie das überhaupt möglich sein sollte, sie dort herauszubekommen. Letztlich aber trat ich hinzu und versuchte Hamingja zu helfen. Als ich feststellen musste, dass das zu nichts führen würde, außer zu zerschlissenen und zerrissenen Klamotten, Schrammen und Verletzungen durch die Eiskristalle, die ich zu spüren bekam, trat ich ganz hinter Lidwina und umfasste sie zur Gänze. Warum, wusste ich im Nachhinein nicht einmal. Es erschien mir richtig, als ich Hamingja zubrüllte, sie sollte den Ritter holen.
Sie ging. Sie ging tatsächlich und vertraute darauf, dass ich Lidwina hielt. Denn noch etwas war uns beiden bewusst geworden – wohin Lidwina sich führen lassen wollte: Anundraf. Ich hatte es gesehen, tatsächlich gesehen, wenn auch nur einen Teil davon, bevor ich die Augen schloss und die Frau vor mir an mich drückte und sie mit aller Kraft festhielt. Eine Kraft, an der auch die Eiseskälte zerrte. Eine Kraft von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie hatte.
Gegen den Wind versuchte ich auf sie einzureden, sie bat immer wieder sie gehen zu lassen, ich dachte nicht ans Loslassen. Wie lange es dauerte, bis ich Kanubios Stimme durch den Sturm hörte, wusste ich nicht zu sagen – selbst jetzt noch nicht. Aber es war der Moment, da ich unendliche Erleichterung verspürte, denn ich merkte in aller Deutlichkeit, dass meine Kraft mich allmählich verließ.
Ich hoffte inständig, dass er bald aufgeschlossen hatte, um sie zu halten, aber das geschah nicht. Die Zeit zog sich wie Kautschuk in seiner reinsten Form. Ich hörte drei Stimmen ihren Namen brüllen, ich hörte sie heulen wie die Wölfe, ich schrie, um die letzten Kräfte irgendwie aus mir herauszuholen, mittlerweile am ganzen Leib zitternd vor Kälte und Kraftlosigkeit. Nur am Rande bekam ich mit, wie der Sturm nachließ, dann umfing mich die nicht unwillkommene Schwärze der Bewusstlosigkeit.

Als ich zu mir kam, war es verflixt heiß um mich herum. Die Kälte spürte ich trotzdem noch in den Knochen. Eine Weile noch blieb ich einfach still liegen, wo sie mich abgelegt hatten. Ich hörte, was sie sprachen, mein Verstand war aber bei weitem noch nicht bereit es wirklich aufzunehmen.
Erst als einiger Zeit machte ich drei Stimmen aus. Die Zuordnung brauchte abermals etwas, als wäre mein Verstand ebenfalls eingefroren und bräuchte eine Weile um aufzutauen.
Irgendwann verschwanden die Stimmen. Ich rührte mich nicht, sog die Hitze in mich auf und atmete etwas tiefer durch.
Kanubio war es letztlich, der zurückkehrte und mich ansprach. Ich fühlte mich außer Stande zu sprechen, also gab ich nur ein Brummen von mir, als ich mich danach auch schon gepackt und hochgerissen fühlte. Nicht eben sanft oder feinfühlig, schleifte er mich hinter sich her in die Halle. Instinktiv versuchte ich zu laufen, stolperte aber mehr, als dass ich einen gescheiten Schritt tun konnte. Immerhin griff er daraufhin um und stützte mich, bis wir die Feuerstelle erreichten, wo er mich fallen ließ, wie einen nassen Sack. Ich hatte dem nichts entgegenzusetzen, wusste damit aber auch, dass seine Dankbarkeit sich in Grenzen hielt und sich meine Situation keineswegs verbessert hatte. Zumindest nicht, was ihn betraf.
Lidwine lag – noch immer bewusstlos – vor mir auf den Fellen. Die Diskussion, die schließlich entbrannte, in der Hamingja versuchte klarzumachen, was das Problem eigentlich war, verfolgte ich nur halbherzig. Mehr als einmal musste ich damit leben, als minderwertiges Subjekt angesehen zu werden. Was machte das schon noch aus.
Meine Bestandsaufnahme von mir selbst machte mich nicht fröhlicher. Die Kleider waren gnadenlos dahin. Überall waren Risse, große wie kleine, zu finden, aber Schmerzen spürte ich keine. Das schrieb ich allerdings der Unterkühlung zu, die ich noch immer nicht ganz überstanden hatte, auch wenn mein Gesicht brannte, als hätte ich zu lang in der Sonne gelegen.
Irgendwann, ich wusste gar nicht, wie schnell es ging, hatte ich plötzlich Bjoern neben mir sitzen, seine Klinge an meinem Hals. Drei von Neun.
Natürlich hätte ich behaupten können, dass sie einfach nur hätten fragen müssen, was sie zu fragen hatten. Eine Antwort wäre so oder so gekommen von mir. Aber ich sparte mir diesen Vorwurf und erzählte einfach, mittlerweile genug resigniert, dass es mich nicht mehr sonderlich kümmerte, ob er mich nun abstach wie ein schlachtreifes Schwein, oder nicht. Dazu, mich zu verteidigen, kam ich nicht. Wäre ich in einer besseren Verfassung gewesen, hätte ich vermutlich mehrfach mit einem ironischen Lachen zu kämpfen gehabt, denn nicht nur einmal viel die Bezeichnung „Trollkopf“ und das nicht in meine Richtung.
Hamingja war sogar dazu übergegangen mich zu verteidigen, was ich ihr hoch anrechnete. Da war sie, die Dankbarkeit, die Kanubio vermissen ließ. Es gab ein einziges hin und her. Im Stillen tat Kanubio mir leid, aber ich tat einen Teufel es zu zeigen oder mitzuteilen. Ich hielt mich soweit raus, wie es mein sonst eher loses Mundwerk zuließ und schwieg ganz, als man mich dazu anwies.
Nein, meine Meinung war hier nicht gefragt, aber letztlich störte es mich auch nicht sonderlich. Ich hatte tatsächlich genug mit mir selbst zu tun. Etwas war verloren gegangen und ich spürte es in mir in aller Deutlichkeit. Irgendwann drückte mir Bjoern etwas zu essen und zu trinken in die Hände – auch wenn ich mir ziemlich dämlich und deplatziert vorkam, als einziger etwas zu essen und zu trinken, so merkte ich doch, dass ich – oder vielmehr mein Körper – es dringend brauchte. Also würgte ich das Fleisch hinunter und trank ein wenig.
In der Zwischenzeit war Lidwina aufgewacht, dank der Hilfe von Heikja, die Svanhild dazu geholt hatte. Die Halle füllte sich allmählich. Dass die zwei, Kanubio und Lidwina, von den anderen letztlich regelrecht rausgejagt wurden, damit sie Zeit füreinander fanden, war für mich die beste Idee des Tages, auch wenn ich mir vorher noch einige Vorwürfe seitens des Ritters einhandelte. Er warf mir vor, ich hätte den anderen ins Ohr gesetzt, ihn für einen Trollkopf zu halten, hätte ihn als einen solchen hingestellt und käme mir wohl auch noch toll vor, dass ich Worte kannte, die andere nicht verstünden.

Kontraproduktiv.

Wieso kam ich auch auf die grandiose Idee dieses Wort zu nutzen, als Adisla vorschlug die beiden, wenn sie nicht gingen, einzusperren in einen Raum, bis sie genug geredet hatten? Es war rausgerutscht, völlig unbedacht und gewiss nicht, um jemanden als dumm dastehen zu lassen. Für Kanubio und seinen Groll auf mich ein gefundenes Fressen.

Für mich bedeutete es letztlich, mich fern zu halten. Soviel stand für mich fest. Noch etwas zerbrach irgendwo, als hätte jemand eine teure Vase umgestoßen, an der nicht nur materieller Wert hing, sondern auch Erinnerungen, Wertschätzungen, ähnliches mehr. Es war im Grunde so, als stürzte man ins bodenlose.
Tatsächlich war ich überrascht, wie sehr mich das Ganze tatsächlich traf. Ein Wermutstropfen hingegen war die Einladung Adislas dann eben sie zu besuchen. Inständig hoffte ich, dass ich damit nicht den Groll des nächsten Kerls auf mich zog. Auch scheute ich mich innerlich noch davor das Angebot anzunehmen.
Eines war sicher: Erst einmal musste ich selbst zur Ruhe finden, und nicht nur ich. Das mussten einige.


Zuletzt bearbeitet von Lucien de Mareaux am 14 Feb 2011 19:05, insgesamt einmal bearbeitet
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 27 Feb 2011 13:05    Titel:
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Eins und eins macht zwei

Wo fang ich an? Am ehesten wohl damit, dass die Verletzung, die ich mir zugezogen habe, soweit verheilt ist, dass ich sie nur noch bemerke, wenn das Wetter wechselt. Wenigstens schmerzt sie dann nicht, wie es so oft erzählt wird, sie juckt. Nein, das ist nicht wirklich besser, aber ich gewöhn mich bereits daran.

Schließlich ist da noch diese Sache mit den Kristallen.
Ich habe innerhalb eines Tages mehr darüber erfahren, als in dem Gespräch zu Anfang mit dem Magier. Mir machte es ohnehin den Eindruck, als interessiere ihn das nur halb so sehr, wie es das vielleicht sollte, umso erleichterter war ich, als das Kätzchen auf mich zutrat und mir etwas mehr an Wissen darüber angedeihen ließ und wir gemeinsam letztendlich mehr herausfanden.
Zu guter Letzt führte es zu der kleinen Heilerschule der Schwesternschaft.
Das war die zweite längere Begegnung innerhalb dieser Woche mit ihr, und auch wenn ich nicht sehr viel von dem verstand, was sie mit dem Elfen austauschte, der ebenfalls dort war, so musste ich später feststellen, dass ich es dennoch genoss, einfach dazusitzen, zuzuhören und gelegentlich etwas zum Gespräch beizutragen, wenn ich es denn konnte.
Die darauf folgenden Tage waren weniger zufriedenstellend, aber dennoch erfolgreich – zumindest hoffte ich das, denn überprüfen würde das jemand anderes. Vom Erfolg hing letztlich alles ab und es erheiterte mich dennoch zu sehen, dass ich informierter war, als der Haufen, der sich eigentlich um ihren Kristall zu kümmern hatte. Natürlich machte es mich erneut darauf aufmerksam, dass die Arbeit hier nur halbherzig getan wurde und nicht so gewissenhaft, wie man es sich wünschen sollte.

Umso angenehmer war der Ausflug nach Wulfgard, auch wenn das Thema kein Schönes war, das zunächst dort erörtert wurde. Einmal mehr war ich froh und dankbar darum, dass die Streitigkeiten mit Kanubio endlich beigelegt waren, so dass der Tag sehr friedlich verlief, angefüllt mit gutem Essen und noch besserem Met, einem Spaziergang zum Gehöft von Frelja und ein wenig Arbeit dort, die mich aber nicht störte, sondern für mich schon fast selbstverständlich dazu gehörte und das Ganze abrundete.
Die ganze Zeit über bekam ich nicht nur einen weiteren Einblick auf die dort herrschende Kultur, sondern auch einige Eindrücke, die sie ausmachten. Natürlich war da wieder die Neugier, die mich antrieb genauer hinzusehen, gut zuzuhören und den Wunsch mit sich brachte, einiges mehr zu verstehen und kennen zu lernen. Es schlich sich allmählich eine untrügliche Faszination ein, die ich – kurz gesagt – unbedingt bis ins Letzte ergründen wollte.
Der Abend klang aus bei einem eher mittelmäßigen bis schlechten Wein – was will man auch besseres bekommen im Oger – aber dafür mit einem angenehmen und aufschlussreichen Gespräch, und wer bin ich, mich über die Gesellschaft zu beschweren, die ich hatte? Nein, an der gab es wahrlich nichts auszusetzen.
Aufschlussreich war es deshalb, weil sie mir Dinge über ihre Ansichten verriet, die mich vorm Einschlafen noch hinlänglich beschäftigt hielten.
Diesem Gespräch folgte ein weiteres, unterbrochen von weniger schönen Begegnungen, das nicht weniger Einblicke vergönnte, als das erste. Und es brachte Veränderung mit sich. Für mich zumindest. Welche, bemerkte ich an der Stelle noch nicht.

Erst volltrunken bis zum Krähennest hinauf tat sich der Weg letztlich auf, der eigentlich schon die ganze Zeit da lag und nur wartete beschritten zu werden. Es sorgte – im späteren wieder nüchternen Zustand – für ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, die ich sicher nicht dem Alkohol vom Vortag zuschreiben konnte, auch wenn ich es zu Anfang gern getan hätte.
Zweifellos ein untrügliches Zeichen für die Angst, es könnte wieder schief gehen. Dazu kehrte die Erkenntnis ein mit älteren Dingen abgeschlossen zu haben und eine entsprechende Erleichterung darüber. Sicher, das kleine Hügelchen unter dem Pfirsichbaum würde mich stets erinnern. Es sprossen bereits die ersten Grashalme daraus hervor und kündeten vom nahenden Frühling. Vielleicht sollte ich eine passende Blume finden, und sie dort einpflanzen.
Noch etwas fiel mir auf. Es war der erste Morgen, der mich mit einem Lächeln erwachen ließ, seit Wochen der erste Morgen, der so begann.

Willst du das Risiko eingehen?

Die Frage war berechtigt, in beide Richtungen. Sie zeigte kein Zögern. Fast wäre es mir ergangen wie Pergus nach Karawyns Tanz damals. Frieden. Selten, dass ich mich danach so sehr sehnte, wie in diesem Augenblick, und es war überdies auch noch genau das, was dieser Moment mir bot. Es war richtig. Keine Zweifel. Gar keine. Das war selten, so selten, dass ich mein eigenes Zögern vergaß. Was war das alles auch wert, wenn man nicht bereit war, gewisse Risiken einzugehen. Und wie groß war es denn schon? Letztlich gab es noch viel zu entdecken und kennenzulernen.
Viel wussten wir nicht voneinander. Aber was kümmerte es schon? Was gesagt werden sollte, würde gesagt werden, was nicht, das eben nicht. Zumindest darin waren wir uns einig, und es sorgte für eine Erleichterung, die ich damals nicht verspürt hatte.
Keine Gefahr füreinander. Das war es, was mir gefehlt hatte, wie ich nun feststellte. Gewiss Kompromisse hier und dort, aber gehörte das nicht dazu? Eigentlich bestand das ganze Leben aus Kompromissen und Entscheidungen, die zu treffen ich stets gefordert sein würde. So ging es doch letztendlich jedem.

Das Eingeständnis, ein Risiko eingehen zu wollen, brachte letztlich die Ausgeglichenheit und Ruhe zurück. Kein Überschwang, wie beim ersten Mal, aber vielleicht war das auch genau das, was richtig war. Ich wartete nicht einmal darauf, dass es eintrat, dieses Gefühl irgendetwas hinausrufen zu müssen. Es war still. Eine stille Zufriedenheit. Ich denke, so ließ es sich am besten beschreiben.
Die war es letztlich, dass ich meinen Frieden auch an anderer Stelle suchte, auch wenn mir im Nachhinein der Frieden trügerisch vorkam.
Ich wollte am nächsten Tag aufbrechen und ihn festigen. Ja, das war wohl notwendig.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 03 März 2011 19:25    Titel:
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Grenzenlos

Ein Tag zum Nachdenken. Ein Tag zum Revue passieren lassen. Ein Tag allein. Ein Tag, der bitter nötig war. Ich stand unter meinem Pfirsichbaum und beguckte mir die verdorrten Pflanzen davor. Mein Blick haftete zuletzt auf dem kleinen Erdhügel direkt neben dem Pfirsichbaum, nahe der Hauswand.

Ob sie dich bemerkt hat, mh?

Vielleicht hatte ich es tatsächlich Lidwina zu verdanken, dass ihr Wutausbruch keinen Schrecken für mich hatte, auch im Nachhinein nicht. Ich hatte auch nicht gelogen, als ich vor der Verabschiedung zu ihr sagte, dass ich daran nicht mehr gedacht hätte, wenn sie es nicht angesprochen hätte.
Vielleicht war das naiv von mir. Vermutlich sogar relativ sicher verdammt naiv. Doch das scherte mich nicht.
Ich pflückte die vertrocknete Pflanze, die zuvor so schön gewachsen war, und allein dabei zerfiel sie in ihre Einzelteile. Ich hörte nichts, ich spürte nichts. Sie war also schon tot. Mir war noch immer nicht ganz klar, womit ich es zu tun hatte, ich ahnte es bloß, und ich hatte darüber hinaus eine weitere Ahnung, wer…
Ein Geräusch ließ mich umsehen, nur um festzustellen, dass sich einmal mehr jemand zu Quanta verirrt hatte, um ihr einiges zu verkaufen. Ich atmete tief die frühe Morgenluft ein und trat ins Haus. Die halbe Nacht hatte ich damit zugebracht, mich umzusehen und beschäftigt zu halten. Zu schnell gewöhnte man sich an die Gesellschaft des Nachts, musste ich feststellen – ungefähr so schnell, wie man sich an ein Bett gewöhnte, vermutete ich und musste schmunzeln bei dem Gedanken.

Du bist wieder viel zu bereit Risiken einzugehen.

Stimmt. War ich. Dennoch, es fühlte sich richtig an. Der Weg, den wir gewählt hatten, war vielleicht etwas ungewöhnlich gewesen. Im Nachhinein konnte man es gut als Handel bezeichnen. Einen gleichwertigen Handel. Die Währung war Vertrauen. Mein alter Lehrmeister hätte mir die Ohren lang gezogen und mich verprügelt, bis ich nicht mehr gewusst hätte, wie mein Name lautet dafür. Aber das hatten wir vermutlich gemein, sie und ich.
Das Mütterchen, dem ich mich am vergangenen Nachmittag gegenüber sah, musterte mich wie der Schwiegerdrachen persönlich. Ich kam mir kurzweilig vor wie ein sechzehnjähriger Rotzlöffel, der zum ersten Mal ein Mädchen ausführen wollte, und bei den Eltern brav um Erlaubnis fragte.
Sie verstand es den Eindruck zu hinterlassen, dass ihr nichts entging. Wirklich gar nichts. Wäre ich nicht so damit beschäftigt gewesen den letzten Rest Kerl aus mir herauszukratzen und einen guten Eindruck zu hinterlassen (man muss sich nur mal vorstellen, dass mir tatsächlich daran gelegen war!), wäre mir vielleicht sogar der Gedanke gekommen, dass sie wusste, was ich in der Nacht davor erfahren hatte.
Erst jetzt, als ich allein war und Zeit fand darüber nachzudenken, wurde mir die Tragweite des Ganzen erst einmal bewusst. Ich war mir nicht sicher, wer ein größeres Risiko einging, sie oder ich. Letztlich aber musste ich mir vor Augen halten, dass Tod nun einmal Tod war, egal wessen.
Nein, keine Lügen. Auf Lügen aufgebaut, würde das noch frische Fundament, das gelegt worden war, nicht halten. Es bekäme Risse und wenn irgendwann Wände darauf errichtet wurden, stand fest, dass sie einstürzten zu guter Letzt.
Einem jungen Baum gleich, der noch ein Schössling war und wachsen musste. Er wollte gehegt und gepflegt werden, brauchte gute Worte, Zuneigung und all das, was ein Baum sich wünschte, um gedeihen zu können.
Ich stutze einen Moment und seufzte kurz darauf. Diese vermaledeite Kiste und ihre Blumenahnungen. Ich fragte mich, ob das ein Fluch war oder ein Segen. Ob ich den Pflanzen auch etwas mitteilen konnte?

Meine Gedanken wanderten fort von ihr, zu den Rissen vor dem Dorf hin.
Wenn die Wurzeln die Erde wieder zusammenzögen, könnte… nein, sie würden in der Glut der Lava versengen und verbrennen, die tief unten in den Rissen noch ruhig schlummerte. Wasser.
Eine Zuleitung vom Meer zu den Rissen, um sie mit Wasser anzufüllen. Wasser lässt auch Lava erstarren, wenn genug davon hineingegeben würde. Zweifellos eine Idee. Eine andere fügte sich noch dazu, aber ich glaubte nicht, dass diese sich umsetzen ließ. Es bedeutete allenfalls jede Menge Schaufelarbeit, mit Pech, ganz allein, mit Glück mit einigen zusammen. Aber vielleicht war die erste Idee nicht schlecht, um die Feuerfliegen verrecken zu lassen und das endgültig.

Ohnehin: Es musste mehr getan werden können, als diese Kristalle zusammenzuführen. Irgendetwas fehlte mir an der ganzen Sache – so wie das Salz in der Suppe. Nur kam ich nicht darauf. Ich kam beim besten Willen nicht darauf.
Der Aspekt Lied, der Aspekt Glaube. Was war das Dritte? Leben. Oder nicht? Eigentlich war es das Leben selbst. Wer alles vernichten wollte, fürchtete doch nichts mehr, als das genaue Gegenteil davon.
Wie also konnte man ihm das Leben entgegen treten lassen? Nicht über die Priester, nicht über Liedwirker, nicht über die Mitte, nicht über links oder rechts. Die einfachen Leute waren hier gefragt, davon war ich überzeugt. Es gab Kulturen, die feierten die Fruchtbarkeit, und damit das Leben an sich. Vielleicht war es das, was dazu beitrug? Nein, das wäre zu einfach.
Mit einem Seufzen ließ ich mich auf mein Bett fallen und streckte mich aus, klemmte die Arme verschränkt unter meinen Kopf und sah zur Decke hinauf.
Ich wusste, die Lösung lag direkt vor meiner Nase, und ich war nur zu blind sie anzuschauen.
Salz in der Suppe. Oh ja, eindeutig. Vielleicht fiel mir noch etwas ein, aber erst einmal wollte ich mich dem Schlaf hingeben, müde genug war ich. Ich griff nach der Decke und zog sie über mich, zog das Nachbarkissen heran und sog den fruchtigen Duft ein, der mitunter daran haftete und schloss die Augen.

Ein Tag. Grenzenlos.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 09 März 2011 18:06    Titel:
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Dunkler Gassen heller Schein

Da waren sie wieder die Häuserschluchten. Das Dunkel, das Grau war ein wenig gewichen. In der Ferne drängte sich ein Streifen rotgoldenen Lichts über den Rand des Horizonts hinaus. Eilig erklomm ich eines der Dächer und sah nach Osten. Es musste Osten sein. Die Sonne ging auf.
Die Leute wagten sich auf die Straße, kaum, dass ich sie verlassen hatte, gesellten sich zu dem Jungen, der bei mir gestanden hatte.

Etienne.

Der Name war ein leiser Widerhall dessen, was gewesen war, was hätte sein können. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, die Sonne wollte nicht hervorkommen, allein des Gedankens wegen.
Als ich den Blick kurz vom Horizont abwandte und neben mich sah, musste ich lächeln. Da war er wieder, der Junge. Stand ruhig da und schaute der Sonne beim Aufgehen zu.
Manchmal ein Ebenbild seiner Mutter, manchmal seines Vaters, mir. Ich folgte seinem Blick und setzte mich auf den Dachgiebel. Keine Ahnung, ob ich mir diesen Schritt, den ich gegangen war, je verzeihen können würde. Es war das erste Mal, dass ich wirkliche Reue verspürte, auch wenn ich gleichzeitig von der Richtigkeit überzeugt war.
Mir fiel auf, dass ich seither ständig bemüht war, ein anständiger Kerl zu werden, auch wenn es mir nicht überall gedankt wurde.

Irgendwo in einer der Gassen blitzte rostrotes Haar auf und zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, unbewusst. Mit einigen Schritten und Sprüngen hatte ich das Dach wieder verlassen und lief die Gasse entlang bis zu dessen Ende.
Da war es wieder das Licht, es war zurück, und doch ganz und gar anders. Ich spürte die Kälte weichen, die in die Stadt Einzug gehalten hatte. Ja, die Entscheidung war richtig gewesen. Als ich um die Ecke bog, stand er da. Daneben die Rotbraune. Er griff nach ihrer Hand und drückte sie kurz, dann ging er. Ob ich ihr irgendwann die Wahrheit sagen konnte darüber?
Sie sah mich an, sah mich tatsächlich, und irgendwie wollte das Gefühl mich nicht loslassen, dass sie auch in der Lage war in mich hineinzusehen wie in einem offenen Buch. Vielleicht ahnte sie es bereits. Bei aller Mühe, die ich mir gab, gelegentlich holte mich meine Tat ein, trieb mich in finster brütende Gedanken und sie war zu feinfühlig, als dass es ihr entgehen konnte.

Die Sonne drängte sich nun mit aller Macht ans Himmelzelt hinauf und warf ihre ersten Strahlen über die Stadt, tauchte die Gasse in ein goldwarmes Licht. Kurz nur huschte ein Schatten hinter ihr her, einige leise Klänge, dann war es wieder still und wir waren allein.
Irgendwoher drang helles Kinderlachen herüber, fröhliche Musik, Zurufe für eine Tänzerin. Ich blinzelte. Weit hinter ihr sah ich einen anderen rötlichen Schimmer, drohend, dann verlosch er wieder. Neuerliche Schatten, dann gewannen die Sonnenstrahlen Oberhand.
Leise trat ich auf sie zu, nahm sie in die Arme und fand darin Erwiderung. Weiter hinten in der Gasse tauchte eine alte Frau auf und sah zu uns hinüber, durchdringenden Blickes.


Ich schlug die Augen auf und atmete tief durch.
Es war noch dunkel, noch nicht wieder Tag. Lange konnte ich nicht geschlafen haben. Trotzdem kam mir der Traum ewig lang vor. Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht und drehte mich vorsichtig etwas zur Seite, legte dann die Arme wieder um die Schlafende und schloss die Augen wieder. Nur noch diese Nacht und der halbe Tag. Ja, ich machte mir Sorgen, große, aber um nichts in der Welt wollte ich es sie wissen lassen. Das war bestimmt das Letzte, was sie brauchte.


Zuletzt bearbeitet von Lucien de Mareaux am 10 März 2011 01:45, insgesamt einmal bearbeitet
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 18 März 2011 16:15    Titel:
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Wenn einer eine Reise tut…

Ich konnte gar nicht ausdrücken, wie gründlich ich die Nase voll hatte.
Gerade ein Problem gelöst, schon wurde man in der Luft zerrissen sich um drei weitere (neue wie alte) Probleme zu kümmern. Die gleichzeitige Aufforderung für hier und dort riss dem Fass den Boden aus. Ich nahm meinen Rucksack und stopfte einige Kleidungsstücke hinein – für kalte und für wärmere Tage, packte eine Essensration für mindestens sieben Tage zusammen (für zwei Personen natürlich), füllte Wasserschläuche auf und wünschte mir einmal mehr einen Gaul zu besitzen, der das Zeug schleppen durfte. Vielleicht sollte ich mir kurzfristig noch einen besorgen. Andererseits, nein. Die Wege würden nicht so weit sein, hoffte ich zumindest.
Ich zögerte, und sah meinen Rucksack nachdenklich an, stellte ihn schließlich neben der Türe ab und ging hinaus zur Marktfrau nebenan, um zwei Bettrollen zu erstehen. Beide fanden nach einiger Feilscherei neben dem Rucksack Platz.
„Doch, ich werd noch einen Gaul besorgen. Das trag ich nicht alles!“
Das war soweit entschieden, fragte sich nur, ob ich so schnell einen geeigneten Zossen beschaffen konnte. Und wenn ich in meine Geldkatze hineinsah, kamen mir ohnehin schon die Tränen.
Eindeutig, ich musste es auch noch irgendwie bewerkstelligen binnen kürzester Frist an einige Münzen zu gelangen. Verflucht sei die Welt und ihre Reichtümer, die nicht bei mir lagen! Ich war – bei Licht besehen – der ärmste Dieb der Weltgeschichte, was wiederum nicht verwunderlich war, immerhin war ich schon lang nicht mehr irgendwo eingestiegen, um mir einen kleinen finanziellen Vorteil zu verschaffen.
Ich schob die unangenehmen Gedanken beiseite und widmete mich lieber wieder den Vorbereitungen. Dabei hatte ich allerdings noch ein schwerwiegendes Problem. Als Stadtkind hatte ich nicht unbedingt einen Plan davon, wie man in der freien Natur zurechtkam. Mir blieb also nur zu hoffen, dass wir wenigstens einigermaßen in der Nähe von Zivilisation befanden während der Reise.

Ich griff einmal mehr zum Pergament, setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb zwei drei Zeilen auf zwei Pergamenten:

Der Erdenmutter Lebenshauch mit euch allen,

ich wollte nur in ein paar kurzen Zeilen Bescheid geben, dass wir die nächsten Tage nicht da sein werden, damit ihr euch nicht sorgen müsst. Zur Hochzeit der Zwerge werden wir uns gewiss wieder sehen.

Lucien


Einen weiteren kurzen Brief mit ähnlich lautendem Text legte ich wenig später in der Nixe auf den Tisch, dort wo man ihn gut sehen und finden konnte, um auch denen vom Nachtvolk Bescheid zu geben. Karawyn würde ich zwar später noch treffen, um mit ihr zu Thorgrim zu gehen, und es ihr auch noch einmal sagen, aber sicher war eben sicher.

Danach aß ich eilig ein wenig Brot mit Käse, goss die frisch umgepflanzte Feuerlilie auf Etiennes und verließ mein Heim, um mich um das Goldproblem zu kümmern. Es musste ein Gaul her, sollte kommen, was da wolle.


Zuletzt bearbeitet von Lucien de Mareaux am 18 März 2011 18:37, insgesamt einmal bearbeitet
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 21 März 2011 18:09    Titel:
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Erholsame Ruhe

Welch Genuss!
Ich hätte nie gedacht, dass allein schon zwei Tage fernab von allem Trubel so gut taten. Es war zu Anfang nicht ganz leicht gewesen eine passende Unterkunft auf Fuachtero zu finden, aber letztlich tat sich eine geräumige Hütte auf, deren Eingang wir mit schweren alten Stoffvorhängen versehen konnten, die uns die Schneiderin aus dem Dorf am Hafen borgte. Holz fand sich beim verlassenen Nachbarhaus und dank des großen Schornsteins war auch der Rauchabzug gesichert, so dass wir neben einem großen Feuer nächtigen konnten. Das Nachtlager bereiteten wir uns aus einigen Fellen und Bettrollen, so dass wir der Kälte sogar recht mühelos entgingen. Es war nach nicht einmal einer Stunde so warm wie in der Halle von Wulfgard und wir verbrachten den ersten Abend, ja, fast die halbe Nacht mit einer Unterhaltung über Vergangenes.
Es war ein Kennenlernen, ganz in Ruhe, ohne jede Störung, Erinnerungen an vergangene Tage, wovon nicht viele schön gewesen waren, aber doch einiges zu erzählen hatten. Bisweilen fragte ich mich im Stillen, wie nach all dem Erlebten noch solch ein Mensch daraus hervorgehen konnte, genauso wie ich mich gezwungen sah, mich erneut mit mir selbst auseinanderzusetzen und mich zu fragen, was für ein Mensch ich eigentlich war.
Es wurde sehr spät, bis wir uns hinlegten zum Schlafen, trotz des Gesprächs nicht unzufrieden.

Der nächste Tag war angefüllt von einigen Besorgungen. Proviant wollte beschafft sein, ein Frühstück irgendwoher besorgt werden und letztlich auch noch einige andere Dinge, die ich brauchte für eine kleine Überraschung, die ich mir in den Kopf gesetzt hatte.
Nachdem wir dann am Abend unsere Sachen zusammengepackt hatten, brachen wir auf uns einen neuen Platz zu suchen für die nächste Nacht. Der Weg führte uns zum Hafen, fort von der Insel, fort aus dem Norden, weit in den Süden.
Wie stets war ihr die Schifffahrt nicht geheuer. Erdenkinder mochten lieber festen Boden unter den Füßen und ich mochte es ihr nicht einmal verdenken. Ich war selbst froh, wenn ich das ewige Schwanken hinter mich gebracht hatte. Eine andere Möglichkeit blieb uns nicht, um an unser Ziel zu gelangen. Die Waldgeister waren wohl der Ansicht, dass ich auch zu Fuß gehen durfte, wenn es nach ihnen ging, fliegen konnten wir nicht – nein, auch falsch, konnte ich nicht – und Pferde schwammen nun mal nicht so viele Meilen über See.
Irgendwann aber kamen wir auf Lameriast an, glücklich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und suchten uns einen neuen Unterschlupf.
Als wir die leere Festung fanden, beschlossen wir dort Einzug zu halten. Während ich mich um etwas Fisch bemühte, sorgte sie für „Sandkuchen“ Mit ein wenig Geduld am Meer und einem anständigen Köder, zog ich letztlich eine ausreichend große Beute an Land und bereitete ihn sorgfältig für das Feuer vor.
Zwischenzeitlich fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der von zuhause ausgebüchst war und die große freie Welt genoss, sich selbst versorgte mit etwas Fisch und Brot und das größte Abenteuer erlebte, das er sich vorstellen konnte. Es war diese kleine Aufregung, die sich noch ein wenig mehr steigerte im Laufe des Abends, fast so als hätte man mir etwas fürs kleine verkommene Kinderherz als Trost für all die schlechten Tage versprochen, das so groß war, wie die ganze Reichsstadt mindestens. Oder einen Tag vor dem „Kleine-Geschenke“-Tag, wenn man wusste, man bekam etwas Großartiges am nächsten Tag als Überraschung.
Ja, so in etwa fühlte ich mich und das Empfinden nahm langsam aber stetig immer weiter zu. Mit Fug und Recht konnte ich behaupten, ich fühlte mich wohl, seit langem mal wieder richtig entspannt und sicher, und ich hoffte, es ging nicht nur mir so.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 22 März 2011 17:37    Titel:
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Tag der großen Geschenke

Aus kindlicher Aufregung wurde jugendliche Nervosität, gepaart mit der erwartungsfrohen Haltung gleich ein Geschenk zu bekommen, das man auspacken durfte, um es danach bewundern zu können, es halten zu dürfen und…
… dann war es soweit.

Das schönste an Geschenken für mich war zuforderst es mein eigen nennen zu dürfen, auch wenn tief in mir das Bewusstsein da war, dass es mir genauso schnell genommen werden konnte, wie es mir gegeben worden war. Nur dieses Geschenk nicht. Dieses würde mir keiner fortnehmen können, und das löste ein unbeschreibliches Hochgefühl in mir aus. In dem Augenblick hätte ich die ganze Welt umarmen können und beschränkte sie doch ausschließlich auf das Gegenwärtige.
Es schien mir Ewigkeiten her zu sein, dass ich mich derart ausgeglichen und wohl gefühlt hatte, so euphorisch und zugleich in mir ruhend. Ja, sie hatte Recht. Die wenigen Tage Ruhe taten mir bereits mehr als gut, ihre Gegenwart nicht minder.
Die Müdigkeit und Erschöpfung, die sich über Geist und Körper schlichen, waren mir ebenso willkommen und es brauchte nicht lange, bis ich beidem gänzlich erlag und in einen tiefen Schlaf fiel, eingelullt von der Wärme des Kamins, der Felle und Bettrollen und der willkommenen Nähe.

Die Sonne stand hoch über der Stadt, erhellte die Gassen und Straßen bis in den letzten Winkel. Die Wärme drang bis in die letzte Pore der Haut und tat wohl. Die Menschen in den Straßen wirkten gelöst und entspannt, während sie ihrem Alltag nachgingen.
Als ich mich umwandte, sah ich den Stadtrand, die Wälder und Wiesen dahinter. Ich ging darauf zu und hielt erst inne, als ich die letzten Häuser hinter mir gelassen hatte, vor der Brücke, die den Weg fort von hier führte und atmete die frische Frühlingsluft ein und langsam wieder aus.
Eine Kinderhand griff nach der meinen und als ich hinuntersah, stand dort Etienne, der meinem Blick folgte, den Weg entlang, der aus der Stadt hinaus führte.
„Wirst du jetzt gehen?“
„Soll ich denn?“
„Ich glaub schon.“
„Noch nicht.“
Nein, noch war es zu früh dafür, aber ich konnte sehen, dass die ersten Pflastersteine gelegt waren, die den sonst erdigen Weg am Rand zu säumen begannen. Entfernt sah ich einige Feuerlilien blühen.
Kindergeschrei und Kinderlachen lenkten mich ab und ließen mich umblicken. Meine Hand wurde freigegeben und der Junge gesellte sich zu einer Gruppe Gleichaltriger und begann mit ihnen Fangen zu spielen.
Neben mir tauchte sie auf und blieb stehen, folgte meinem Blick, als könnte sie sehen. Vielleicht sah sie sogar, hier. Hier war alles möglich. Die Sonne, die sich in ihrem Haar verfing, ließ es flammendrot leuchten, ähnlich wie Kupfer. Welche Augenfarbe hättest du wohl gehabt, wenn du sehen könntest? Ein warmes erdiges Braun?
„Irgendwann werden wir den Weg hinauf gehen.“


Ich schlug blinzelnd die Augen auf, räkelte mich behaglich und zog die Decke über uns, zog sie näher zu mir heran und atmete tief und zufrieden durch. Die Augen ließ ich geschlossen, ans Aufstehen dachte ich noch lange nicht.
Nein, mir war eher nach einem ganzen Vormittag voller Geschenke…
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 24 März 2011 19:32    Titel:
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Ein Rennkäfer zum Gernhaben

Die Idee für das Hochzeitsgeschenk von Thorgrim und Tarnimoxa war da. Allein die Umsetzung würde sich mehr als schwierig gestalten. Etwas Selbstgemachtes, etwas für das kommende Kind solle es sein. Zwerge mochten Rennkäfer. Kinder von Zwergen lernten diese steinfressenden riesigen Panzerträger bestimmt sehr früh kennen und ebenso lieben.
Warum also nicht ein Exemplar davon als Stofftier – oder so was in der Art – schenken? Die Idee kam mir, als ich das Troll-Leder verstaute. Die Farbe war zwar nicht ganz die Gleiche, aber doch sehr ähnlich und der Ballen hatte durch Druck und Tragen fast die Form eines Käfers angenommen. Normalerweise hätte ich gewiss Karawyn gefragt, ob sie mir aushilft, immerhin war sie Schneiderin und wer schon aufwändige Kleidung nähen konnte, der doch bestimmt auch einen Rennkäfer aus Leder und Stoff. Das Problem war nur, dass Karawyn sich von Fuachtero aus gesehen am Ende der Welt befand, nämlich in Bajard.
Majalin selbst konnte nichts sehen, also musste ich mein Glück wohl selbst versuchen. Die Schneiderin, die wir neben ein paar wenigen anderen Handwerkern antrafen in der sonst nahezu von Menschen ausgestorbenen Gegend fand sich letztlich nach einigem Bitten und Betteln dazu bereit mir die Zuschnitte aus dem Leder zu machen, dass ich zügig dafür herholte.
Zwar hatte ich mein Glück versucht, dass sie es mir auch vernähte, aber dazu weigerte sie sich strickt. Ob sie keine Zwerge mochte? Ich fragte nicht weiter nach, gab mich mit dem zufrieden, was sie zu tun bereit war – es war immerhin mehr, als ich so sauber und ordentlich hinbekommen hätte, denn wie schon erwähnt, ich war ja kein Schneider.
Es benötige eine gute Stunde, bis sie alle nötigen Einzelteile zugeschnitten und mit Ziffern versehen hatte: 1:1, 1:2:2 oder 2:1, 2:2:1.
Sie erklärte, dass jeweils die erste Ziffer sagte, welche Teile zusammen vernäht werden mussten, die zweite oben und unten markierten und wenn es noch eine dritte gab, dann sagte sie aus, an welche Teile das Teil zu nähen war, das draus entstand, damit es ein einheitliches Bild ergab.
Das Prinzip war einfach, dachte ich. Später sollte ich feststellen, dass ich mich damit selbst vor ein großes Problem stellte, allein aufgrund von Unerfahrenheit und Unkenntnis.
Ich bedankte mich herzlich bei ihr für die Hilfe, zahlte sie aus und nahm die zugeschnittenen Teile sorgsam verpackt in einer Lage älteren Stoffs mit mir. Ihre Empfehlung nahm ich mit, das Ganze letztlich mit Baumwollbällchen auszustopfen, die am weichsten waren, ihrer Ansicht nach.
Ebenso sollte ich wohl dankbar sein für die verschiedenen Nadeln und Garnstärken, die sie mir mitgab, auch für die Erklärung, welche von beiden für Stoff und welche für Leder geeignet waren. Ich beschloss, Karawyn zu fragen, was sie um alles in der Welt an der Kompliziertheit dieses Berufs fand. Mir war es schon jetzt ein Graus, aber: Einmal in den Kopf gesetzt und das Ziel wurde bis zum bitteren Ende stur verfolgt, wie stets.

Ich kehrte also zurück in unsere provisorische Lagerstand unseres ersten Erholungsortes, den wir uns ausgesucht hatten, legte dort alles vor den Fellbetten ab und breitete die Rolle aus, um alle Einzelteile nachdenklich zu betrachten, mir eine Nadel zu schnappen und die elende Prozedur des Einfädelns anzugehen, die mir allein schon den letzten Nerv raubte.
Ich nahm an, für Majalin war ich die reinste Erheiterung, denn ich fluchte, schimpfte, mühte mich aber weiter konsequent ab, bis der Faden endlich im Nadelöhr steckte und ich die beiden Fadenenden anständig miteinander verknoten konnte, wie ich es bei der Schneiderin erklärt bekommen hatte.
Dann erst stutzte ich und sah auf die größere Nadel, die Stärkere von denen, die sie mir mitgegeben hatte, und auf das Stück, womit ich beginnen wollte. Musste ich nun diese oder die andere Nadel benutzen? Ach, einerlei, es würde sich sicher ausgehen. Also nahm ich ein Stück dünneres Leder, suchte mir Teil zwei dazu, legte es aufeinander – sie hatte erklärt, man nähte immer die Innenseite eines solchen Tieres, und kremple es nachher um, wenn man es ausstopfen wollte. Es klang einleuchtend, immerhin sah man dann keine Nähte, was mit allergrößter Sicherheit mein Glück war, denn gerade würden die bestimmt nicht werden.

Stunde um Stunde vergingen, während ich mit Nähen beschäftigt war – immerhin besserten sich die Nähte etwas in der Zeit, auch wenn sie keinerlei Glanzleistung darstellen und mit denen einer Meisterschneiderin nicht vergleichbar waren (nein, nicht einmal annähernd!). Wenigstens hielten sie sehr gut und die Stiche waren nicht so weit auseinander, dass ich meinen kleinen Finger durchstopfen konnte. Wenn doch, ging ich auch ohne Scham zurück zu jenem Löchlein und setzte noch einen Stich – auch wenn der Faden sich dafür manchmal über eine gute Handbreit über das Leder zog.
Den Reißtest bestand meine Naht in jedem Fall – auch einem kräftigen Ruck hatte sie alles entgegen zu setzen und ging nicht auf (was ich auch gleich stolz verkündete und mir ein Lob dafür einhandelte, als wäre ich ein kleines Kind, das etwas besonders toll gemacht hatte, ich mich fragte ob ich nun lachen oder fluchen sollte, um mich für ersteres zu entscheiden. Ich wollte es wenigstens mal am Rande erwähnt haben. Frauen können ganz schön grausam sein.).

Als ich – nicht an einem, auch nicht an zwei Tagen, nein, an drei oder waren es schon vier? – endlich alle Teile vernäht hatte, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass einige davon so nicht aneinander passten und schon gar nicht den Käfer ergaben, der er werden sollte. Ich hatte die Zahlen vertauscht, die Reihenfolge vergeigt und konnte einige Teile wieder davon auftrennen. Wo verflucht war ich nur mit meinen Gedanken gewesen?!
Und Zeter und Mordio suchte ich mir die Teile, wo ich möglichst wenig auftrennen musste, um zu retten, was zu retten war und machte mich daran. Wieso ging das eigentlich so schnell und einfach, aber das Vernähen brachte solche extremen Herausforderungen mit sich, dass man sich vorkam, als stünde man vor einem Drachen, der einen gerade gerne rösten wollte?
Also verging ein weiterer Tag, bis ich alle Teile soweit aneinander genäht hatte, wie es sein sollte und die äußere Hülle einen passablen Käfer ergab, noch ohne Beine und Fühler, ebenso ohne Knopfaugen, aber das kam später. Woher also nun Baumwolle nehmen, wenn nicht stehlen? Stehlen! Das war eine Idee, aber wo?
Ich versprach Majalin bald zurück zu sein und machte mich auf die Suche. Was ich fand, waren Schafe, was ich nicht fand, war Baumwolle. Also irrte ich zurück zu besagter Schneiderin und musste zwangsläufig nochmal tief in die Tasche langen um das Futtermaterial für den Käfer zu besorgen, damit der auch schön dick, flauschig und knautschig werden würde.
Bepackt mit meiner Beute kehrte ich zurück und machte mich ans Ausstopfen und ans Setzen der letzten kleinen Naht, die nun außen angebracht werden musste. Ich hatte mir dafür extra eine Stelle ausgesucht, die nicht gut einsehbar war – aber auch entsprechend bescheiden zu vernähen war, wie ich feststellen musste. Das Fluchen nahm kein Ende, aber irgendwann war es geschafft.
Die Beinchen und Fühler sollten ganz aus Leder bestehen, kleine Würste daraus, festgenäht, damit sie sich nicht lösten und spät in der Nacht war das Werk letztlich vollendet, als ich das zweite Knopfäuglein angebracht hatte.
„Na, eine Schönheit bist du nicht grad, aber man erkennt wenigstens, was du bist und nirgendwo lugt die Wolle raus.“
Ich gab das Käferding Majalin in die Hände zum Befühlen und austesten und schwor mir im Stillen nie wieder auf so blöde Ideen zu kommen und sie dann auch noch umsetzen zu wollen. Das nächste Mal musste Karawyn herhalten. Sie konnte das wenigstens und hatte auch noch Freude dran. Nicht so wie ich. Eines war mir mehr als klar – Schneider würde ich niemals werden, lieber solche in Anspruch nehmen.
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Lucien de Mareaux





 Beitrag Verfasst am: 01 Apr 2011 18:12    Titel:
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Ende einer Reise

Nicht, dass es mir gefallen hätte, aber bei allem, was auf uns zukam, kaum dass wir wieder zurück in Bajard waren, blieb nichts anderes übrig, als das weitere Reisevorhaben zu unterbrechen.

Es sorgte bisweilen für etwas miesepetrige Stimmung, aber nicht nur das allein trug dazu bei, sondern die gesamte Situation, in der wir uns seitdem befanden. Im Grunde war es ein Hetzen von Auftrag zu Auftrag, Einladung zu Einladung, Gespräch zu Gespräch.
Dazwischen mogelten sich Begegnungen, die zumindest ich mir nicht unbedingt wünschte – nein, nicht die Begegnungen, die mich direkt betrafen und die ich so hatte, eher jene, die sie hatte, wenn ich gerade beschäftigt war und erst später dazu kam.
Zeitweise auch jene, zu denen ich sie begleitete und mich ausnahmslos unwohl fühlte. Ich war nun mal nicht das grundsätzliche Harmonietierchen, das manche gern in mir sehen wollten. Ein wenig Triezerei und Fopperei gehörten für mich zum erträglichen Alltag dazu.

Aus einer Angelegenheit machte ich mir mittlerweile einen eigenen perfiden Spaß, um es mir erträglich zu gestalten. Jede Begegnung mit dem Irren wurde für mich zunehmend amüsanter. Die Befürchtung, ich würde ihn mitten in dem Fischerdorf angreifen, vor irgendwelchen Leuten, so dass er die Hand an den Schwertgriff legte, sobald er mich sah, genauso wie der Schrecken, wenn er mich zunächst nicht erkannte, freundlich gegrüßt wurde und die Erkenntnis durchsickerte, mit wem er sich austauschte, wurden zu Lichtblicken an anstrengenden Tagen und Abenden. Denn gerade bei letzterem konnte man hervorragend zusehen, wie sich seine Haltung änderte, er sich versteifte, als schöbe jemand gerade eben erst den Stock zwischen seine Afterballen. Die Miene verfinsterte sich, und ich könnt schwören, er sah dem Rabendämon ähnlicher, als ihm selbst bewusst war.

Wer mir wirklich auf den Zahn ging, war ein ganz anderer. Das sogar ganz gewaltig. Diese Schönhudelei, das ganze Geseier dazu. Worte, die ihm besser im Halse stecken bleiben sollten, es aber nicht taten. Ich war wenig bis gar nicht gewillt mir das weiterhin anzusehen oder anzutun. Das Einzige, was ich feststellen musste: Ein Wort galt nicht unbedingt, wenn es gegeben wurde – ja, gewiss keine Neuigkeit, in diesem Fall aber reizte es mich bis aufs Blut.
Wie lang meine Geduld sich da noch auf den Prüfstand stellen ließ, war zumindest für mich mehr als fraglich.

Ansonsten war ich froh um die wenigen ruhigen Momente, zumeist kurz vor der nächtlichen Ruhe, die wir für uns hatten. Ärgerlich, wenn wir uns gerade dann anfingen zu streiten oder zu diskutieren über Missverständnisse. Sie sagte etwas, ich verstand es falsch, ein Wort gab das nächste. Anders herum kam es genauso vor.
Natürlich lag es daran, dass wir noch immer dabei waren einander besser kennen zu lernen. Natürlich würde es noch eine ganze Weile lang so weitergehen, bis wir verstanden, was der andere eigentlich sagen wollte, ohne großartige weitere Erklärungen, was wie gemeint war.
Nichts desto trotz, ich war jedes Mal froh, wenn wir die Türe hinter uns schlossen und wenigstens für eine Weile der Schein von Ruhe vor der Welt da draußen einkehrte. Sicherlich schlich sich da auch so etwas wie Gewohnheit ein, aber an dieser Stelle gefiel sie mir außerordentlich gut, die Gewohnheit. Es war eben eine kleine Kostbarkeit, die ich nicht hergeben mochte, in etwa so wie der Besitzer des mächtigsten Artefakts der Welt dieses auch nicht rausrücken wollte.

Tja, und dann war da noch die Frage, was man denn zum Geschenk machte bei jemandem, den man gar nicht mal wirklich kannte, aber trotzdem geladen war. Die weitere Frage war, nach dem vorabendlichen Vorfall: Sollte mich der Weg dort überhaupt noch hinführen?
Vielleicht, um mehr zu erfahren. Letztlich auch, um eventuell erreichen zu können, dass sie sich den suchten, der wirklich verantwortlich war und sie aufhörten sich an jene zu vergreifen, die das Pech hatten in seinem Umfeld zu verweilen.

Und wieder musste ich mir vorhalten:

Wenn du meinst auf irgend einer Seite zu stehen, dann steh auf deiner eigenen.
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